Dienstag, 28. Januar 2020

Dunkelstunden






Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.


Aus ihnen kommt mir Wissen, daß ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.


Rainer Maria Rilke  (1875-1926)

Aus: Das Stundenbuch / Buch vom Mönchischen Leben (1899)





Sonntag, 26. Januar 2020

Blick durchs Fenster



Kein Winter dieses Jahr?

26 januar 2020

Mittwoch, 15. Januar 2020

Friedhof Montparnasse




Liebe Marlena 

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Als wir vor einigen Jahren die ganze Familie in Paris
weilten, besuchte ich den Friedhof Montparnasse.
Allerdings allein, denn zu einem solchen Unternehmen
konnte ich schwerlich die ganze Familie mitnehmen.
Ich fuhr also mit der Metro zur Gare Montparnasse und 
fand bald darauf die hohe Friedhofmauer. Sartre und die
Beauvoir hatten eine zeitlang hier in der Nähe gewohnt.
Vor allem aber wollte ich das Grab sehen, wo sie beide
liegen. Das war etwas merkwürdig, weil ich ja sonst
kaum auf einen Friedhof gehe. Man ist ein bisschen
unsicher in der Gefühlslage. Soll man bedrückt dahin-
wandeln, oder kann man durchaus vergnügt und
selbstverständlich durch die schmalen Kieswege
gehen und nach den Gräbern Ausschau halten wie
nach alten Freunden.
Ich habe sie gefunden, Sartre und Beauvoir, sie liegen
gleich beim Eingang rechts, an der Mauer. Das Grab
ist sehr einfach. Doch weil ich schon einmal dort war,
suchte ich auch das Grab von Becket, und fand
nebenbei noch jenes von Gainsbourg.
Dort, rund um einen riesigen Marmorblock, turnten
nämlich ein Paar junge Mädchen herum und rauchten
wie die Kamine. Sie passten echt zum dekadenten 
Gainsbourg. Kennst du seine Musik, Marlena? Sie ist 
ja sehr sensibel und kreativ, muss ich zugeben. Aber
als Typ war er ein bisschen verdorben, zu artistisch.
Es war ihm geradezu ins Gesicht geschrieben.
Und ein paar Schrittte weiter lag ein einfaches Grab
von Samuel Becket, einem der grössten Dramatiker
unserer Zeit. Es kam mir vor wie eine grosse, kühle
Schutzhülle, etwas abweisend und still vor sich hin
liegend.
Sartre war also ein Ziel. Du kennst vielleicht
die Sehnsüchte und Vorstellung von pupertären
Gymnasiasten. Ich habe mir damals nie und nimmer
vorgestellt, dass ich einmal so konventionellerweise
arbeiten würde, so von 8 bis 12 und von 14 bis 18
Uhr. Nie im Leben, doch nicht ich. Aber so etwas
wie Sartre getan hat, so etwas hätte ich mir vorstellen
können. Lesen, schreiben, lieben, protestieren, reisen,
wieder schreiben, wieder lesen und so weiter, immer
im Kreis herum.

Und jetzt sitze ich hier in einem Büro (nun ja, sagen wir
eine kleine Bibliothek) der öffentlichen Administration,
des öffentlichen Dienstes, wie es in Deutschland so schön
heisst, und arbeite von 8-12 und von 14bis 18Uhr. Und
alles ist so gewöhnlich und so grau wie rundum hier,
ausser dass ich eine sensationelle geheime Mailfreund-
schaft habe, die mich lebendig und am Leben behält.
Ach, sowas hatten wir uns vorgestellt: Schriftsteller,
Philosoph, Journalist, öffentliche Figur, dessen Meinung
die Leute in Aufregung und Politiker in Nervosität bringt.
Ein romantisches und kreatives Leben, so habe ich es
mir ausgemalt, wenn ich es mir überhaupt ausgemalt
habe. Ein Leben in den Cafés, zwischen Whisky und
einer intellektuellen Geliebten hin und her pendelnd,
gut aussehend und schlimm lebend, bleich, aber
interessant. Wenn ich heute daran zurückdenke, muss
ich lachen. Es waren natürlich wunderbare Zeiten.
Aber wir waren nicht von dieser Welt. Wir hatten keine
Ahnung vom Leben. Wir waren kleine Träumer.

Und jetzt soll es eine Sartre Revival geben. Sie
entdecken ihn wieder, wie auch seinen Gegenspieler
Camus. Der Ernst des engagierten Lebens kehrt wieder.
Man hat Sartre zwar unterdessen einiges vorgeworfen,
dass er ein Antisemitismus-Gewinnler wäre, und dass
die Résistance immer auch ein bisschen kollaboriert
habe. Aber Sartre wurde doch nie zu einem französischen
"Fall Heidegger".
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Montag, 13. Januar 2020

Trapetznummer ohne Netz


Wie Männer kochen

...
Nebenbei gesagt weiss ich, liebe Marlena, wie Männer kochen. Ich mach das heute eigentlich kaum mehr. Aber früher habe ich auch ab und zu gekocht, so, wie Männer eben kochen. In der einen das Weinglas, in der anderen den Kochlöffel, das ist die klassische Pose. So was gehört sich. Ohne das wäre Kochen Galeerenarbeit und die Küche die wahre Hölle. Mit dem Wein aber schon ein bisschen anzufangen, das gibt der Küche jenen Glanz, die sie überhaupt erträglich, ja vielleicht gar wohnlich macht. Man muss aber auch wissen, dass das nicht freiwillig ist. Es herrschen hier ziemlich verbindliche Regeln und Gesetze: Es geht darum, dass man den Wein rechtzeitig zu öffnen hat. Es geht darum, dass man zu prüfen hat, ob denn der Zapfen nicht riecht. Es geht nicht zuletzt darum, dass man sich für ein Vorhaben solcher Grössenordnung – nämlich ein Essen auf den Tisch zu bringen – dass man sich für ein solches Wagnis etwas Mut antrinken muss. Denn wenn man daran denkt, was dabei alles schief gehen könnte! Also, meine Liebe, alle Männer der Welt kochen auf diese Art und Weise. Nicht alle kochen sie vielleicht eine Bouillabaisse, aber alle fuchteln sie mit Weinglas und Kochlöffel herum. Das ist – darwinistisch gesprochen - das Resultat stammesgeschichtlicher Evolution. Soweit die Summe soziobiologischer Erkenntnis! Und was auch erkannt ist: Männer kochen mit doppelt bis dreifachem Budget als ihre Frauen. Und sie waschen nicht ab post festum und überlassen die schmutzige Küche dem Personal. Wer auch immer dieses Personal sein mag. Gott möge sie segnen und behüten, diese Männer der Welt!!!

Ich selbst bin heute soweit, dass ich mir erlaube, mit dem Weinglas in der Luft herum zu fahren, ohne dabei gleich kochen zu müssen. Das mag jetzt etwas überheblich klingen, Marlena, ist es ja vielleicht auch. Aber es braucht doch viel Arbeit an sich selbst, zu trinken, ohne zu kochen. Das ist sozusagen eine Trapeznummer ohne Netz. ...


Re: Du lebst gefährlich



Subject: Re: Du lebst gefährlich

Lieber...!
Vielen herzlichen Dank für das schöne Mail. So lese ich
fast täglich ein paar Seiten in sehr gutem Deutsch ;-)
Eigentlich wollte ich letzthinnicht von meiner Jugend
erzählen, sondern von meiner Frankreichzeit. Aber da
diese Zusammenfallen hat es sich eben so ergeben.

Ich ängstige mich eigentlich nicht allzu viel wegen der
"Sirenen". Durch eine frühere "maladie d'amour" besitze
ich wahrscheinlich nun eine ziemlich gute Immunität
gegen dergleichen Bazillen ;-) Vielleicht ist es bei dir
auch so? Damit nicht gesagt dass ich nicht bald süchtig
werde nach deinen Mails.. denn ein Bisschen wirkt es
wie Opium, diese tägliche Dosis von "Esprit".
Besonders was du von denMännern als Koch
geschrieben hast war so einmalig. Immer wenn
ich daran denke muss ich fast laut lachen.

Hast du was dagegen dass ich es einen Kollegen lesen
lasse? Es würde ihm auch imponieren (und meinem
Mann natürlich vor allem). Das was du von den Kosten
sagst stimmt auch zu 100 % und natürlich übernehme
ich nachher die Küche, oder schäle sogar noch vorher
die Crevetten oder Kartoffeln ;-)

Es ist ein wunderschöner Tag und wenn du hier wärest
würde ich gern einen langen Spaziergang mit dir
machen und mich mit dir unterhalten.
*
Ich höre im Moment meine Lieblings-CD seit längerer
Zeit: " Vaya Con Dios, the best of" Kennst du sie?
Wenn nicht kann ich sie dir sehr empfehlen.

*
Eine schwedische Dichterin schreibt:

"Den mätta dagen, den är aldrig störst
den bästa dagen är en dag av törst.."

Der satte Tag ist nie der grösste
Der beste Tag ist ein Tag mit Durst
(=wörtlich übersetzt :-)

Du deutest es oft an, dieses Thema. Nicht das Ziel
sondern der Weg ist die Reise Wert.. nicht die
Erfüllung, sondern der Traum von Erfüllung..
Du hast recht. Ich habe es auch schon
eingesehen *smile*

Nun muss ich aufhören und etwas mehr prosaisches
tun.. nämlich den Staubsauger in die Hand nehmen..

Lass es dir gut gehen und schreibe bald weiter
in deinem Tagebuch
Bons baisers
Marlena




Samstag, 11. Januar 2020

Pralinen und Altwerden




Lieber ...,

Ich sehe dass du dich gut auskennst in Sachen "Pralinen". Auch ich mag besonders die mit vorzugsweise Kirschlikör gefüllten. Und wenn ich in der Bonboniere danach greife (meistens gibt es nur zwei von der Sorte darin) fühle ich mich fast immer etwas unartig dass ich das Beste für mich nehme. :-) Sie schmecken himmlisch gut und wenn sich die Wärme vom Likör langsam hinunter in den Körper verbreitet .. ja dann könnte man sie schon mit dem Kuss eines Geliebten vergleichen.
(---)
Ja, das Altwerden! Auch wir unterhalten uns unter Kollegen manchmal darüber. Und wir sehen vor uns, wie wir einander im Altersheim Bälle zuwerfen (tut man doch, oder?). Und wir werden "loswerfen" und alles versäumte nachholen. Und dann lachen wir herzlich denn natürlich wissen wir dass unsere beste Zeit hinter uns liegt.
Manchmal denke ich dass ich eigentlich so viel erlebt habe dass es gut für ein Leben reicht aber gleichzeitig habe ich auch das Gefühl dass mein Leben noch vor mir liegt. Ich glaube man darf nie aufhören zu träumen.



Dienstag, 7. Januar 2020

Here again


Ämne : Here again..
Datum : Fri, 04 Jan 

Lieber ...,

Ach mein lieber Mausfreund. Wie kann ich dir danken für
diesen schönen Brief. Wie ein privates Gespräch mit einem
erfahrenen verstehenden Arzt war es. Und weisst du, jeder
kleine Vorschlag oder Tip bringt mir wenn nicht Besserung
so doch ein wenig Hoffnung. Ich glaube es ist das schwerste
an dem ganzen wenn man beginnt die Hoffnung auf eine
Veränderung zu verlieren.


(---)

Ich denke immer noch an deinen schönen philosophischen
Neujahrsbrief. Und wenn ich ihn lese ertrinke ich fast in
einem Meer von MMMMMMMMMM.. Hättest du mich
nicht vorwarnen können, ...?

Am Ende deines letzten Briefes habe ich wieder herzlich
lachen müssen.. ja, ich werde versuchen eine passende
Sünde für dich auszudenken.. damit wir nicht an
verschiedenen Stellen landen .. später dann in
der Ewigkeit.. :-)

Ich muss schliessen für heute.
Mit einem ganz lieben Gruss,
Marlena 


Bifogade filer : lillebror.jpg (28k)