Subject: Die Faust aufs Auge
Date: Thu, 23 Mar 09:22
Liebe Marlena
Du
bist zur Zeit bester Laune, das ist fantastisch, und es ist das reine
Vergnügen, deinen Gedanken zu folgen. Du bist momentan wirklich schwer
„im Schuss", sagen wir in Deutsch.
Und auch mit deiner Faust-Lektion scheinst du in deinem Element zu sein. Verweile doch, du bist so schön!
Welchen
Grundkonflikt stellt der olle Goethe im Faust dar? Wenn ich richtig
verstehe, die Suche nach dem sinnvollen Leben? Er sucht ihn über den
sinnlichen Lebensgenuss einerseits, über den aktiven Tatendrang
andererseits und findet ihn, den Lebenssinn, die Erfüllung, noch am
ehesten der schöpferischen Gesltaltungstätigkeit. Ist es das,
einigermassen? Und welche Funktion hat denn der Teufel in der ganzen
Geschichte?
Du siehst, ich bin erst am Anfang, ein echter
Faust-Beginner. Ich habe eben auch Mühe mit der Sprache Goethes. Als
Schüler habe ich solche Dinge noch gelesen, aber das ist lange her.
Heute kommt mir diese dichterische Sprache sehr alt vor.
Vielleicht
merkst du, dass ich mich der Sache nur sehr zögerlich zuwende. Ich bin
zwar beeindruckt, wie du begeistert davon berichtest. Aber ich weiss
noch nicht. Ich lege die Hand ins Feuer, dass meine Töchter sowas nie
gelesen haben. Ich hätte sie sonst zuhause schimpfen hören!
**
Also,
ich rekapituliere: du stellst dir mich vor als kleinen, dicklichen
älteren Herrn mit einer Glatze und einer dicken Brille, ein
Stubengelehrter, wie man so sagt. Das tust du? Dabei kommt mir Adorno in
den Sinn. Ich hatte einige seiner Schriften gelesen und hatte ihn
intelligent, sensibel und agil erlebt. Und dann sah ich erstmals ein
Foto. Es war ein Schock. Dieser Adorno war ein dicklicher Herr mit
Glatze, ein echter Grosspapa.
Ich hoffe, ich sei kein Adorno (er ist überigens in Visp gestorben, etwas deplaziert und nebenbei gesagt).
Doch
ich bin ein gesetzterer Herr. Ich habe Jahrgang 1945, ein knappes
Nachkriegskind. Wie alt bist du eigentlich, Malrena, ich hatte immer 35
in meiner Vorstellung. Damit könntest du meine Tochter sein, Marlena,
stell dir das mal vor, mein Töchterchen! Könntest du das?
Ich
will nicht mein Alter wegdiskutieren, das ist so wie es ist. Als
Psychologe ist es nicht schlecht, ein gewisses Alter und etwas graue
Haare zu haben. Das erhöht die Placebo Effekte, pflege ich zu sagen.
Aber ich fühle mich ziemlich viel jünger. Ich fühle mich, sagen wir, um
die 40. Und meine Kollegen im Kiwanis-Club finde ich oft recht alt und
verknöchert. Ich werde also in diesem Herbst 55 Jahre alt. Es schockiert
mich selbst, wenn ich das so höre. Ich glaube im Porträt des Harro van
Tinten steht ein anderes Alter. Das hat mein Freund hineingeschrieben.
Wahrscheinlich wollte er meine Chancen beim jungen Publikum verbessern,
nehme ich an. Vielleicht habe ich dich nur wegen meines dort angegebenen
jugendlichen Alters kennengelernt?
Was meine Grösse betrifft, so
glaube ich immer noch an meine 178 cm, die ich zwar ewig nicht mehr
gemessen habe, die aber immer noch in meinem Pass stehen.
Ob ich
dick bin? Ich glaube, ich bin um die 70 kg. Damit gelte ich nicht als
dick, obwohl ich schon darauf achten muss und auch meine Frau sehr
darauf achtet, dass ich nicht zu viel, zu fett oder zu süss esse. Meine
Frau gilt überigens als sehr hübsch, rassig hat kürzlich eine andere
Frau gesagt, und ziemlich mannequinhaft. Als Iranerin legt sie auch
grossen Wert auf die Erscheinung, Mode, Parfum und gute Manieren etc.
Ob
ich also ansehnlich bin, das kann ich dir schwer so erklären, darüber
könnte dich nur ein Bild aufklären. Manchmal sind ja Intellektuelle –
und dafür halte ich mich ein bisschen – sind Intellektuelle sehr
unansehnliche, verstaubte Menschen, die sich den Bücher zugewendet
haben, weil sie bei Menschen nur Misserfolge erleiden. Ich glaube, das
bin ich nicht. Ich komme bei den Menschen ziemlich gut an, und – darauf
bin ich ein bisschen stolz – ähnlich wie du auch – sowohl bei älteren
Menschen wie bei jüngeren Menschen.
Aber ob ich wirlich hübsch
bin? Heute noch hübsch, oder sagen wir gutaussehend? Früher – das habe
ich dir mal erwähnt, wenn ich nicht irre – hat man mein Aussehen mit dem
Bob Kennedys verglichen. Ja, ich erinnere mich, und Deines mit Lady Di.
Wir hätten ja damals wirklich ein wunderhübsches Paar abgegeben. Das
war in meiner Gymnasialzeit. Damals galt ich als gutaussehend und die
Mädchen waren gelegentlich fast etwas ungestüm für meinen Geschmack.
Allerdings war das im Wallis, in einer ländlichen Bevölkerung. Und du
weißt, es gibt den Unterschied, der erste im Dorf oder aber der zweite
in der Stadt zu sein, wie offenbar Cäsar überlegt hat.
Und heute?
Nun ja, ich bin wohl so eine durchschnittliche Erscheinung geworden.
Ich habe mir überlegt: Es gibt doch Menschen, die in jungen Jahren
hässlich aussehen, aber mit dem Alter und der Reife werden sie immer
schöner. Und umgekehrt gibt es diejenigen, die jung blendend gewirkt
hatten (häufig Frauen), die später aber etwas enttäuschend und
nichtssagend wirken. Natürlich geschieht jede Wahrnehmung auf dem
Hintergrund von Erwartungen. Aber ich glaube doch, dass da was dran ist.
Ich selbst habe die Schönheit der Jugend genossen (ich erinnere mich,
dass ein Lehrer im Gymnasium wegen einiger meiner schlechten Noten
bemerkt hatte, dass ich, nun ja, es als hübscher Bursche schwerer hätte
als andere; ich erinnere mich erst heute wieder daran; er hatte
angenommen, dass ich es – anstatt mit Hausaufgaben – mit Mädchen treiben
würde; aber – wenn ich mich richtig erinnere – war das ein schwerer
Irrtum seinerseits; es war derselbe Lehrer, der mich für die erwähnte
Rede ausgewählt hat), und sie mit dem Alter wohl etwas verloren. Aber
ich beachte das nicht mehr sonderlich. Als ich jung war, war es mir
bedeutend wichtiger. Heute lasse ich das meine oder andere Frauen
beurteilen.
Kurz und gut, liebe Marlena: ich bin 54, 178cm, 70kg,
etwas angegraute Haare, blaue Augen, ohne Bart oder Schnauz (das mag
meine Frau absolut nicht), nicht unsportlich, aber auch nicht sonderlich
athletisch. Ich glaube, ich habe das Gesicht eines Praktikers, auch die
Hände überigens, während ich doch sehr gerne ein philosophischer und
artistischer und wohl auch theoretischer, dh. kontemplativer Mensch
wäre, und auch wirklich ein bisschen bin? Oder etwa nicht? Es ist nicht
lange her, da hat man mich auf einer grossen Einladung in einer
schriftlichen Porträtierung als Gentleman tituliert. Die Freundin, die
das geschrieben hatte, ist wirklich besonders hübsch und adrett. Wenn so
eine Frau was sagt, hört man immer etwas genauer hin. Ich nenne sie
Schneewittchen, in ihrer auffallenden Erscheinung mit ihrem hellen Teint
und den schwarzen, wirlich sehr langen Haaren. Auch dieses „Gentleman"
hat mich einigermassen schockiert. Obwohl das ja in meinem Alter kein
schlechter Job ist. Gentleman hat auch den Aspekt des Charmeurs, wie es
dein Onkel offenbar hatte. Ich glaube nicht, dass ich davon allzu viel
habe, obwohl ich mir das wünschte. Charmeur wäre ich heute nicht ungern.
Vielleicht bin ich auf dem Weg dazu? Vielleicht kann ich es dir
gegenüber lernen?
Ich glaube nicht, dass du mich dir nach all
diesen Erläuterungen vorstellen kannst, wie ich am Fenster stehe und
hinunter auf den Wasserturmplatz schaue. Wenn wir also nun die Champs
Élysées hinauf (oder hinunter, wie haben wir nun schon entschieden?)
gehen würden, so müsstest du dich meiner nicht schämen. Aber es wäre
auch nicht so, dass sich die Leute nach mir umdrehen würden. Wie sollten
sie auch? Sie würden sich wohl eher nach dir umdrehen!
Habe ich
dieses leidige Thema einigermassen bewältigt? Und dabei wäre alles mit
einem blossen Foto so leicht erledigt gewesen! Gib mir doch deine
Postadresse, ich suche in der Zwischenzeit ein Foto von mir heraus. Ich
habe nämlich keines auf Lager. Weil ICH in der Familie meist die Fotos
mache, bin ich sehr selten auf dem Bild, reklamiert meine Frau immer
wieder. Ich glaube, du hast ein Recht darauf, und obwohl ich wirklich
kein Beau bin, mal zu sehen, wie ich bin. Damit du nicht später schwer
enttäuscht bist, wie du ja gesagt hattest!! Früher hatte mich ein
Mädchen mal bel-ami genannt. Das war aus irgend einem Balzac Roman, oder
nicht, und ich glaube, sie hat es als Kompliment gemeint?
Du
siehst, ich muss in diesem Indizienprozess alles suchen, was ich finde!!
Und vor allem suche ich meine Indizien in der Vergangenheit, wie dir
sicherlich aufgefallen ist. Das ist schon sehr vielsagend, nicht wahr?
Schick mir deine Adresse. Du kannst sicher sein, dass ich sie dikret
verwahre. Ich werde nicht plötzlich vor deiner Türe stehen, das nun
sicherlich nicht! Ich hatte schon lange ein Foto im Sinn, dass ich dir
schicken würde. Es ist meine ganze Familie vor dem Hintergrund meines
Rubens-Bildes, inklusive ich, allerdings einige Jahre alt, wie man an
den Kinder am raschesten bemerkt. Ich hoffe, ich finde es irgendwo.
Ich glaube, das war es für heute. Ich danke dir für deinen schönen Brief.
Mit einem lieben Gruss
...