Donnerstag, 3. Mai 2018

Frühling

(R)

Buschwindröschen  - welch schönes Wort


subject Frühling

Lieber ...,
Es ist wieder ein wunderschöner Morgen. Jedenfalls
durchs Fenster sieht es so aus. Strahlende Sonne und
an allen Sträuchern und Bäumen grosse Knospen, die
bald aufbrechen  werden. Ach, sie ist so schön diese
Zeit des Wartens.
Und doch, vor meinem Fenster spielt sich im Moment
ein kleines Drama ab. Ein Vöglein kam mit einem Bausch
im Mund und wollte ihn in den Nistkasten legen. Doch
dann kam er schnell, wie von etwas gestochen wieder
heraus und sass lange im Kirschbaum damit. Es sah so
lustig aus.. als hätte er einen Schnurrbart à la Nietsche.
Und dann sah ich einen Vogelkopf aus dem Nistkasten
herausschaun, sehr lange, bis dann zwei kleine Vögel
herausflogen. Und jetzt ist er wieder da der Kleine mit
dem Riesenschnurrbart.. doch die anderen beiden jagen
ihn weg.

Ich muss ein bisschen schmunzeln, denn ich denke, dass
ich wohl nun wirklich eine alte Person geworden bin - nur
solche haben Zeit den kleinen Vöglein zuzusehen zu dieser
Zeit am Morgen.
---
Es gibt ein schönes Gedicht von Karin Boye über diese
Zeit des Jahres.
Es beginnt so:

Ja visst gör det ont när knoppar brister.
Varför skulle annars våren tveka?

Ja, gewiss, es tut weh wenn Knospen aufbrechen,
warum würde sonst der Frühling zögern?

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Ich wünsche dir einen schönen Tag
MlGuK
Malou


Dienstag, 1. Mai 2018

O, hur härligt majsol ler



                                                                     
  (hier)

Oh wie herrlich die Maisonne lächelt... 
aber leider nicht heute.




Blick durchs Fenster

Montag, 30. April 2018

Valborg - damals und heute

(R)


Lieber ...,

Du weißt vielleicht dass der letzte April bei uns gross gefeiert wird. Es ist Valborgsmässo- afton, der Abend an dem man den Frühling willkommen heisst und die Finsternis verjagt. Überall zündet man Feuer an und Männerchöre singen die typischen Lieder, die mich immer so nostalgisch machen wie z.B. "Sköna maj välkommen" oder "Oh, hur härligt majsol ler" (Oh, wie herrlich die Maisonne lächelt). Die Sänger tragen dabei die weissen Sängermützen (sehen aus wie unsere weissen Studentenmützen die man bekommt, wenn man das Abitur bestanden hat). Ich liebe diesen Abend und diese Lieder, denn ich bin damit aufgewachsen. Mein Onkel war Sänger in einem Männerchor und sein bester Freund war der Dirigent dieses Chores. So fuhren wir an solchen Abenden von Feuer zu Feuer und ich hörte diese schönen Lieder wieder und wieder. Nachher wurde noch die ganze Nacht "gefestet".




Besonders in Uppsala (und auch anderen grossen Universitätsstädten) wird Valborg sehr gross gefeiert. Ich erinnere mich noch gut an solche Abende in Uppsala, wo ich im Schein des Feuers die schönen Lieder und die Rede an den Frühling hörte und vielleicht die nähe spürte von jemanden in den ich ein bisschen verliebt war und der dann zu demselben Fest eingeladen war. Alle Studentnationen haben s.g. "gask" an diesem Abend und daneben werden auch viele private Feste veranstaltet. Am nächsten Tag kommt dann noch der grosse "majmiddag" zu dem sich auch alle Professoren und Honoratiores einfinden. Es ist sehr feierlich und alle tragen ihre weissen Mützen, die mit der Zeit immer weniger weiss aussehen (d.h. eine schöne Patina bekommen ) :-)

Hier zu Hause legen wir am Valborgsmässoafton, wenn wir nach Hause kommen eine Platte auf mit den typischen Liedern. Es ist eine alte etwas raspige Platte aber es macht nichts. Im Gegenteil, es hört sich an wie das Knistern des Feuers und macht das ganze noch mehr authentisch.

Nun, also an diesem Abend bin ich noch schnell mit Anna zum Heimatmuseum gegangen um das Feuer anzusehen. Nachher kam noch das übliche Feuerwerk das dieses Jahr sehr imponierend war. Vielleicht hatte man noch Raketen von der Neujahrsfeier übrig. ;-)

Wir blieben nicht so lange, da ich am nächsten Morgen früh aufstehen musste um den Bus nach Prag zu nehmen.

Samstag, 28. April 2018

Oh là là oder hoppla!


Subject:  Oh là là oder hoppla!
Date: Fri, 24 Mar 16:58


Liebe Marlena

Deine Frage war, ob man Mausfreunde embrasser darf, oder meintest du embarasser? Nun ja, was soll ich dazu sagen? Kommt darauf an! Manchmal gelingt beides zugleich. Wäre jetzt für dich vielleicht nicht allzu leicht zu bewerkstelligen, embarrasser meine ich, weil ich das ohne Weiteres akzeptieren würde.

Weißt du, was mir heute aufgefallen ist? Normalerweise kopiere ich deine Mails in ein Word-Dokument, und ich schreibe meine Mails hier hinein und kopiere sie erst zum Schluss ins Internet. Ich schreibe manchmal nur kurz, dann arbeite ich wieder, dann schreibe ich wieder. Diese Methode würde bei Deiner Arbeit nicht funktionieren. Also, in diesem Dokument hier habe ich jetzt (nach zwei Monaten) sage und schreibe nicht 50 Seiten, nicht 100 Seiten, nicht 120 Seiten, nein ich habe ganze 144 Seiten. Sind wir denn verrückt geworden? Was in aller Welt erzählen wir uns? Du weißt ja bald mehr über mich als sonst jemand. OK, wir können noch etwa 5 oder 6 Seiten abziehen. Die hat Rilke geschrieben. Aber den Rest haben wir hin und her geplaudert und erzählt und erklärt und behauptet und geflirtet.

Am Anfang warst du echt kühl und reserviert. Habe ich nicht einmal gesagt, du seist ein Eisberg? Ich wollte dich provozieren. Doch das lässt du offenbar nicht so rasch mit dir geschehen wie ich mit mir. Wenn du schreibst, ich stehe als Dicker vor dem Fenster, dann hole ich weit aus zu einer Verteidigungsrede, nicht wahr?

Ich muss schmunzeln, wenn du oft sagst, du hättest zwar keine Zeit zum Schreiben, aber ich könne dir natürlich jederzeit schreiben, ohne deine Antwort abzuwarten. Das finde ich nun ganz und gar nicht diplomatisch, sondern sozusagen ein Wink mit dem Zaunpfahl, wie wir im Deutschen sagen. Das will heissen, es ist so deutlich, dass auch der Dümmeste versteht, dass es ihm um die Ohren knallt.
Also, es sind 145 Seiten! Sollen wir denn ein Buch daraus machen? Oder bringst du dich damit durch den Winter, indem du alles sofort in der Heizung verbrennst? Ich habe nun hier ja wie gesagt nur einen kleinen Laptop, und damit kann ich jetzt nicht mal etwas ausdrucken.

( ---)

Im Moment habe ich merkwürdige Ideen, nicht wahr. Aber es ist vielleicht auch aus Freude, weil ich den Eindruck habe, es geht dir gut. Das freut mich wirklich, Marlena. Ich weiss nicht genau, warum mir das so wichtig ist, aber es macht mich geradezu vergnügt. Sonst hätte ich eigentlich wenig Grund. Die Sitzung heute morgen war alles andere als vergnügt, eher widerlich. Manchmal könnte ich die gesamte Verwaltung zum Teufel wünschen. Es ist wirklich eine widerliche Maschine. Und ich weiss nicht, warum ich hier ein Teil davon sein sollte.

Warum meinst du nourriture terrestre? Gibt es denn auch himmlische Nahrung, Manna oder so? Hättest du sowas auch noch anzubieten. Da würde ich nicht nein sagen. Aber ich bin wirklich bescheiden. Ein Croissant ist mir schon genug zum Morgenkaffee. Das rettet mich bis gut in den Mittag hinein. Und für den Rest sorge ich dann selbst.

Ich scheine mit jemandem um die Wette zu schreiben. Es geht einfach immer vorwärts und weiter und will nicht enden. Es ist wie auf der Couch zu liegen und vor sich hin zu erzählen. Wirklich. Und es geht mir so wie Dir, es kommen mir Ereignisse und Vorfälle und Bilder in den Sinn, die ich lange vergessen hatte. Es war einfach nicht mehr da, verschüttet, verdeckt, scheinbar verloren, und je länger ich davon erzähle, desto mehr steigt wieder herauf. Ich könnte gleich meine Memoiren schreiben. Es ginge im EINEM Atemzug. ...

(---)

Das ist das Leben, von dem wir nie genug bekommen können!

Lass es dir gut gehen dort oben im Norden.

Mit einem schönen Gruss


...



Nourriture terrestre..



Subject: Nourriture terrestre..
Date: Fri, 24 Mar 13:02



Lieber ...!

Ich habe mir ein paar Minuten gestohlen um in die Mailbox zu schaun. Grosse Freude, wie immer, als ich deine Mails entdeckte. Leider noch nicht gelesen. (Werde ich gleich tun)

Vielleicht komme ich nicht so schnell an den PC ran heute, denn hier wird sicher jemand fleissig daran arbeiten :-(

Aber so schnell wie möglich schicke ich dir natürlich etwas zum Knabbern. Will auch dich nicht verhungern lassen.

So füttere ich meine Lieben und es macht mir Spass dass sie so gut gedeihen ;-)


Darf man Mausfreunde "embrasser"?

Marlena





Freitag, 27. April 2018

Nur kurz ...


Subject: Nur kurz..
Date: Thu, 23 Mar  17:04



Lieber Mausfreund!

Mein "bel-ami". Nun weiss ich genau wer du bist :-) Ein gut aussehender Gentleman mit Herz und Verstand. Das ist fast zu viel des guten für einen Mausfreund. Entschuldige, dass ich dich so ein wenig provoziert habe mit meiner direkten Annahme. Manchmal schäme ich mich wegen meinem Mangel an guten Manieren. Aber so habe ich auch eine ausführliche Beschreibung erhalten. ;-)

Bel-ami kann natürlich von Balzac stammen, aber auch von dem Schlager: "Du hast Glück bei den Fraun bel-ami.." u.s.w , eine Tatsache die ich auch nicht bezweifle.

Wie du verstehst bin auch ich mit dem falschen Alter im Swiss-talk. Ich hatte nie die Absicht irgend jemanden dort näher kennenzulernen. Wollte nur Leute Deutsch sprechen "hören" und selbst ein wenig Konversation üben. Ich suchte ausserdem Mailpartner für meine Schüler und wollte deshalb auch von jungen Leuten angesprochen werden. Wenn mir jemand nett vorkam gab ich meinen Schülern seine e-mail.

Du bist sehr anspruchslos. Das Charmeur-sein brauchst du sicher nicht erlernen. Und du weisst es genau.

Übrigens weiss ich nicht mehr wer wen zuerst angesprochen hat. Erinnere mich nur dass ich anfangs einen anderen Eindruck von dir hatte.. (wie hätte ich wissen können, dass in der Kiesgrube des Swisstalks ein Edelstein lag).

Was ist übrigens ein Kiwanis-Club?

*

Nun ein wenig Faust. Es ist die Fortsetzung von vorigem Mal:
....

Zwar bin ich gescheiter als alle die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;

Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel.
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel -

Dafür ist mir auch alle Freud' entrissen,
Bilde mir nicht ein was Recht's zu wissen,

Bilde mir nicht ein ich könnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.

Auch hab' ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr' und Herrlichkeit der Welt.

Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab' ich mich der Magi ergeben,

Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde Kund;

Dass ich nicht mehr mit saurem Schweiss
Zu sagen brauche, was ich nicht weiss;

Dass ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält

Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu' nicht mehr in Worten kramen.

......

So kam also der Teufel in die Geschichte. Er wurde durch die Magi hervorgerufen. Es wäre interessant zu wissen wie Goethe seinen Faust in unserem Jahrhundert geschrieben hätte.

Mein lieber Mausfreund. Dieser Brief wird etwas kürzer als sonst, denn wie du mir schon gesagt hast darf ich meine Anna nicht verlumpt und halb verhungert in der Gegend herumlaufen lassen. Also auf und an den Herd und die Waschmaschine.

Ich sehe dich trotzdem vor mir in deinem Arbeitszimmer. Will ich eigentlich wissen wie du genau aussiehst? Ich bin noch nicht ganz sicher. Dagegen würde ich gern dein Bild und die Familie sehen.

Amitiés et à bientôt j'espère

Marlena

Donnerstag, 26. April 2018

Die Faust aufs Auge - ein Indizienprozess


Subject: Die Faust aufs Auge
Date: Thu, 23 Mar  09:22


Liebe Marlena

Du bist zur Zeit bester Laune, das ist fantastisch, und es ist das reine Vergnügen, deinen Gedanken zu folgen. Du bist momentan wirklich schwer „im Schuss", sagen wir in Deutsch.

Und auch mit deiner Faust-Lektion scheinst du in deinem Element zu sein. Verweile doch, du bist so schön!

Welchen Grundkonflikt stellt der olle Goethe im Faust dar? Wenn ich richtig verstehe, die Suche nach dem sinnvollen Leben? Er sucht ihn über den sinnlichen Lebensgenuss einerseits, über den aktiven Tatendrang andererseits und findet ihn, den Lebenssinn, die Erfüllung, noch am ehesten der schöpferischen Gesltaltungstätigkeit. Ist es das, einigermassen? Und welche Funktion hat denn der Teufel in der ganzen Geschichte?

Du siehst, ich bin erst am Anfang, ein echter Faust-Beginner. Ich habe eben auch Mühe mit der Sprache Goethes. Als Schüler habe ich solche Dinge noch gelesen, aber das ist lange her. Heute kommt mir diese dichterische Sprache sehr alt vor.

Vielleicht merkst du, dass ich mich der Sache nur sehr zögerlich zuwende. Ich bin zwar beeindruckt, wie du begeistert davon berichtest. Aber ich weiss noch nicht. Ich lege die Hand ins Feuer, dass meine Töchter sowas nie gelesen haben. Ich hätte sie sonst zuhause schimpfen hören!

**

Also, ich rekapituliere: du stellst dir mich vor als kleinen, dicklichen älteren Herrn mit einer Glatze und einer dicken Brille, ein Stubengelehrter, wie man so sagt. Das tust du? Dabei kommt mir Adorno in den Sinn. Ich hatte einige seiner Schriften gelesen und hatte ihn intelligent, sensibel und agil erlebt. Und dann sah ich erstmals ein Foto. Es war ein Schock. Dieser Adorno war ein dicklicher Herr mit Glatze, ein echter Grosspapa.

Ich hoffe, ich sei kein Adorno (er ist überigens in Visp gestorben, etwas deplaziert und nebenbei gesagt).

Doch ich bin ein gesetzterer Herr. Ich habe Jahrgang 1945, ein knappes Nachkriegskind. Wie alt bist du eigentlich, Malrena, ich hatte immer 35 in meiner Vorstellung. Damit könntest du meine Tochter sein, Marlena, stell dir das mal vor, mein Töchterchen! Könntest du das?

Ich will nicht mein Alter wegdiskutieren, das ist so wie es ist. Als Psychologe ist es nicht schlecht, ein gewisses Alter und etwas graue Haare zu haben. Das erhöht die Placebo Effekte, pflege ich zu sagen. Aber ich fühle mich ziemlich viel jünger. Ich fühle mich, sagen wir, um die 40. Und meine Kollegen im Kiwanis-Club finde ich oft recht alt und verknöchert. Ich werde also in diesem Herbst 55 Jahre alt. Es schockiert mich selbst, wenn ich das so höre. Ich glaube im Porträt des Harro van Tinten steht ein anderes Alter. Das hat mein Freund hineingeschrieben. Wahrscheinlich wollte er meine Chancen beim jungen Publikum verbessern, nehme ich an. Vielleicht habe ich dich nur wegen meines dort angegebenen jugendlichen Alters kennengelernt?

Was meine Grösse betrifft, so glaube ich immer noch an meine 178 cm, die ich zwar ewig nicht mehr gemessen habe, die aber immer noch in meinem Pass stehen.

Ob ich dick bin? Ich glaube, ich bin um die 70 kg. Damit gelte ich nicht als dick, obwohl ich schon darauf achten muss und auch meine Frau sehr darauf achtet, dass ich nicht zu viel, zu fett oder zu süss esse. Meine Frau gilt überigens als sehr hübsch, rassig hat kürzlich eine andere Frau gesagt, und ziemlich mannequinhaft. Als Iranerin legt sie auch grossen Wert auf die Erscheinung, Mode, Parfum und gute Manieren etc.

Ob ich also ansehnlich bin, das kann ich dir schwer so erklären, darüber könnte dich nur ein Bild aufklären. Manchmal sind ja Intellektuelle – und dafür halte ich mich ein bisschen – sind Intellektuelle sehr unansehnliche, verstaubte Menschen, die sich den Bücher zugewendet haben, weil sie bei Menschen nur Misserfolge erleiden. Ich glaube, das bin ich nicht. Ich komme bei den Menschen ziemlich gut an, und – darauf bin ich ein bisschen stolz – ähnlich wie du auch – sowohl bei älteren Menschen wie bei jüngeren Menschen.

Aber ob ich wirlich hübsch bin? Heute noch hübsch, oder sagen wir gutaussehend? Früher – das habe ich dir mal erwähnt, wenn ich nicht irre – hat man mein Aussehen mit dem Bob Kennedys verglichen. Ja, ich erinnere mich, und Deines mit Lady Di. Wir hätten ja damals wirklich ein wunderhübsches Paar abgegeben. Das war in meiner Gymnasialzeit. Damals galt ich als gutaussehend und die Mädchen waren gelegentlich fast etwas ungestüm für meinen Geschmack. Allerdings war das im Wallis, in einer ländlichen Bevölkerung. Und du weißt, es gibt den Unterschied, der erste im Dorf oder aber der zweite in der Stadt zu sein, wie offenbar Cäsar überlegt hat.

Und heute? Nun ja, ich bin wohl so eine durchschnittliche Erscheinung geworden. Ich habe mir überlegt: Es gibt doch Menschen, die in jungen Jahren hässlich aussehen, aber mit dem Alter und der Reife werden sie immer schöner. Und umgekehrt gibt es diejenigen, die jung blendend gewirkt hatten (häufig Frauen), die später aber etwas enttäuschend und nichtssagend wirken. Natürlich geschieht jede Wahrnehmung auf dem Hintergrund von Erwartungen. Aber ich glaube doch, dass da was dran ist. Ich selbst habe die Schönheit der Jugend genossen (ich erinnere mich, dass ein Lehrer im Gymnasium wegen einiger meiner schlechten Noten bemerkt hatte, dass ich, nun ja, es als hübscher Bursche schwerer hätte als andere; ich erinnere mich erst heute wieder daran; er hatte angenommen, dass ich es – anstatt mit Hausaufgaben – mit Mädchen treiben würde; aber – wenn ich mich richtig erinnere – war das ein schwerer Irrtum seinerseits; es war derselbe Lehrer, der mich für die erwähnte Rede ausgewählt hat), und sie mit dem Alter wohl etwas verloren. Aber ich beachte das nicht mehr sonderlich. Als ich jung war, war es mir bedeutend wichtiger. Heute lasse ich das meine oder andere Frauen beurteilen.

Kurz und gut, liebe Marlena: ich bin 54, 178cm, 70kg, etwas angegraute Haare, blaue Augen, ohne Bart oder Schnauz (das mag meine Frau absolut nicht), nicht unsportlich, aber auch nicht sonderlich athletisch. Ich glaube, ich habe das Gesicht eines Praktikers, auch die Hände überigens, während ich doch sehr gerne ein philosophischer und artistischer und wohl auch theoretischer, dh. kontemplativer Mensch wäre, und auch wirklich ein bisschen bin? Oder etwa nicht? Es ist nicht lange her, da hat man mich auf einer grossen Einladung in einer schriftlichen Porträtierung als Gentleman tituliert. Die Freundin, die das geschrieben hatte, ist wirklich besonders hübsch und adrett. Wenn so eine Frau was sagt, hört man immer etwas genauer hin. Ich nenne sie Schneewittchen, in ihrer auffallenden Erscheinung mit ihrem hellen Teint und den schwarzen, wirlich sehr langen Haaren. Auch dieses „Gentleman" hat mich einigermassen schockiert. Obwohl das ja in meinem Alter kein schlechter Job ist. Gentleman hat auch den Aspekt des Charmeurs, wie es dein Onkel offenbar hatte. Ich glaube nicht, dass ich davon allzu viel habe, obwohl ich mir das wünschte. Charmeur wäre ich heute nicht ungern. Vielleicht bin ich auf dem Weg dazu? Vielleicht kann ich es dir gegenüber lernen?

Ich glaube nicht, dass du mich dir nach all diesen Erläuterungen vorstellen kannst, wie ich am Fenster stehe und hinunter auf den Wasserturmplatz schaue. Wenn wir also nun die Champs Élysées hinauf (oder hinunter, wie haben wir nun schon entschieden?) gehen würden, so müsstest du dich meiner nicht schämen. Aber es wäre auch nicht so, dass sich die Leute nach mir umdrehen würden. Wie sollten sie auch? Sie würden sich wohl eher nach dir umdrehen!

Habe ich dieses leidige Thema einigermassen bewältigt? Und dabei wäre alles mit einem blossen Foto so leicht erledigt gewesen! Gib mir doch deine Postadresse, ich suche in der Zwischenzeit ein Foto von mir heraus. Ich habe nämlich keines auf Lager. Weil ICH in der Familie meist die Fotos mache, bin ich sehr selten auf dem Bild, reklamiert meine Frau immer wieder. Ich glaube, du hast ein Recht darauf, und obwohl ich wirklich kein Beau bin, mal zu sehen, wie ich bin. Damit du nicht später schwer enttäuscht bist, wie du ja gesagt hattest!! Früher hatte mich ein Mädchen mal bel-ami genannt. Das war aus irgend einem Balzac Roman, oder nicht, und ich glaube, sie hat es als Kompliment gemeint?

Du siehst, ich muss in diesem Indizienprozess alles suchen, was ich finde!! Und vor allem suche ich meine Indizien in der Vergangenheit, wie dir sicherlich aufgefallen ist. Das ist schon sehr vielsagend, nicht wahr? Schick mir deine Adresse. Du kannst sicher sein, dass ich sie dikret verwahre. Ich werde nicht plötzlich vor deiner Türe stehen, das nun sicherlich nicht! Ich hatte schon lange ein Foto im Sinn, dass ich dir schicken würde. Es ist meine ganze Familie vor dem Hintergrund meines Rubens-Bildes, inklusive ich, allerdings einige Jahre alt, wie man an den Kinder am raschesten bemerkt. Ich hoffe, ich finde es irgendwo.

Ich glaube, das war es für heute. Ich danke dir für deinen schönen Brief.

Mit einem lieben Gruss
...