Donnerstag, 29. März 2018

An alle lieben Leser



Wo bleibt der Golfstrom?



Glad Påsk

Frohe Ostern

Happy Easter

Joyeuses Pâques  
*

Re: Pleasant journey!



Ämne: Re: Pleasant journey!
Datum: den 1 september 20:03

Liebe Marlena
Jetzt ist 2pm. Und in ein paar Minuten werde ich die Tuere, die selber schliesst, nicht mehr oeffnen koennen. Ich sollte also nichts liegenlassen, vor allem nicht Pass oder Ticket. Und weil hier niemand zum Abschied zu kuessen ist, kuesse ich Dich zum Abschied. Lucky you!
Ich bin - was ich in meinem Leben noch sehr selten getan habe - in ein Musikgeschaeft gegangen. C. hatte davon gesprochen. Und weisst Du, was ich gefunden habe. Eine CD von Barbara. Es gab eine ganze Reihe franzoesischer Platten. Schliesslich bin ich doch bei B gelandet. Greco hat es keine gehabt. Aber ich habe eine schoene von Dir. Und dann bin ich nochmals Toilettenartikel holen gegangen. Ich hatte noch etwas Geld uebrig. Und B's Wuensche sind gross. Also habe ich noch eine zweite Ladung geholt. Eigentlich wollte ich fuer sie eine CD kaufen. Aber ich kenne mich in diesen modernen Trends so denkbar schlecht aus, dass ich kleine Erfolgschance habe.
Um sicher zu gehen, habe ich also B gewaehlt.

Und jetzt bin ich bei meinem letzten Kaffee. Und dann gehe ich. Ich bin ein bisschen nervoes. Vielleicht der Kaffee? Oder die Unklarheit, bis ich am Flughafen bin. Man sagt von Freud, dass er eine riesige Angst hatte, zu reisen, und dass er schon Stunden vor Abfahrt des Zuges auf dem Bahnhof war. Na ja, vielleicht werde ich Freudianer. Das kommt der Wiener-Mischung naeher.
Ich glaube, ich habe wirklich alles gepackt. Es gibt nichts, was ich vergessen koennte. Soll ich der Nachbarin zum Abschied einen Kuss auf die Stirn druecken. Ach nein, ich will nicht, dass sie einen Herzstillstand erleidet.
Wir sehen uns morgen, nicht wahr? Habe eine gute Nacht.
Mit lieben Gruessen und transatlantischen Kuessen à la Golfstrom
...



Retour d'Amérique


Ämne: Retour d'amerique
Datum: den 1 september 17:09

Liebe Marlena
Es ist bald 10 am. Meine Gastgeber werden um 10 abfahren fuer den Brooklyn Carneval. Es scheint, sie haben das ganze Jahr darauf gewartet. Und sie sind ganz aus dem Haeuschen. Das Problem ist, dass man dort drueben etwa 3 Millionen Leute erwartet. Und es gibt vielleicht 10 Toiletten. So muss man die Dinge hier erledigt haben. Und das ist es, was sie im Moment tun.

Ach, ich habe nicht gewusst, dass es einen Atlas gibt fuerdie Kunst des Kuessens. Da gibt es zivilisierte Regionen und auch unwegsames, gefaehrliches Gelaende. Sozusagen Rotkaeppchen-Wege, wo der Wolf lauert. Ich verstehe. Ich werde mich vorerst an die autorisierten Pfade halten. Man verlaeuft sich so auch viel seltener und kommt auch so zu schoenen Aussichtspunkten. Wie Du zu dieser Schlaefenpartie kommst? Sie ist doch bei aelteren Leuten oft sehr ausgepraegt;

Ich habe immer noch nichts von Federer gehoert. Ist er gut im Rennen? Die Amis zeigen wirklich nur ihre eigenen Pferde. Und dabei ist Federer ein zweiter Sampras, wenn man von seiner Spielanlage her schaut. Vielleicht ist er nicht so handsome, wie die Tuerkin im Kurs festgestallt hat, aber er spielt ein wunderschoenes Tennis, das so leicht erscheint. Und immer, wenn etwas leicht scheint, ist Kunst im Spiel.

Ich werde ungefaehr am Mittag hier losziehen. Da ist zwar noch sehr viel Zeit. Na ja, vielleicht genuegt es, wenn ich um 14h gehe. Der Bus benoetigt ungefaehr eine halbe Stunde. Und sie fahren alle halben Stunden, wenn ds auch am Labour Day so ist. Das weiss ich eben nicht so genau. Ich haette also noch Zeit, Dir ein kleines Geschenklein zu posten. Moechtest Du was Kitschiges? Na ja, ich will nicht zuviel versprechen.

Deine Idee von Wien ist gut. Ich wuerde auch wieder mal gerne dorthin fahren. Auch Walter ist ein grosser Fan Wiens. Manchmal erzaehlt er mir vom Wiener Zentralfriedhof, als ob es der Garten Eden waere. Ich glaube, seit sich Europa vergroessert, wird Wien immer wichtiger. Es ist unser Brueckenknopf zum Balkan, und die Oesterreicher haben ein besseres Verstaendnis von jenen Menschen dort. Sag mir, wann Du gehst, Marlena, ich werde sehen, was sich tun laesst. Vielleicht muss ich dann einen Kurs in klassischer Psychoanalyse nehmen. Dann werde ich auch gleich das Kanapee mitschleppen. Freud hat im Grunde auch mit Hypnose angefangen. Das hatte er bei Charcot in Frankreich gelernt. Und das habe ich - glaube ich - schon mal erzaehlt. Aber sein Zeitalter war so rationalistisch und vernunftorientiert, dass er glaubte, davon wegkommen zu muessen.

Gestern habe ich im Central Park einen aelteren Mann gesehen, der aus der Handschrift las. Wie ein fortune teller, aber eigentlich Graphologe. Die Kundin war eine Japanerin. Und sie musste etwas auf ein Blatt Papier schreiben. Es waren knappe 5 oder 6 Zeilen. Ich habe eine Weile zuegehort. Ich glaube wirklich, dass er ein bisschen Graphologie kennt. Aber die Datenbasis ist sehr fraglich. Einerseits schreibt eine Japanerin von Kindheit an eine voellig andere Schrift. Und 6 Zeilen sind zu wenig. Er interpretierte z.B. die Tatsache, dass sie ihre Unterschrift links hinsetzte anstatt rechts, wie er es von einem normalen Mitteleuropaeer erwarten wuerde. Man sagte in der Graphologie, Leute, die am linken Rnd unterschreiben, sind reserviert, vielleicht scheu, halten sich von anderen Menschen zuerueck. Aber heutzutage kann man das nicht mehr so eindeutig sagen. In vielen Geschaeftsbriefen setxen sie die Unterschrift neurdings linksbuendig. Seine Aussage war also etwas gewagt. Und er sagte ihr, dass sie ein bisschen stur sei. Ich kann mir vorstellen, wie man zu einer solchen Diagnose kommt. Aber wenn ein Mensch unsere Schrift erst mit 17 oder 18 Jahren zu schreiben beginnt (na ja, ich weiss nicht, die die Japaner das machen), dann bedeutete es etwas anderes. Wenn ich S.s Schrift anschaue, so habe ich den Eindruck, die arabische Schrift des Persischen und die Rechts/links Orientierung haben schon einen Einfluss.

Aber wie auch immer. Wenn ich diese Strassenunternehmer sehe, dann denke ich - lustig - ich koennte mich hier in NY auch durchbringen. Na ja, waere nicht gerade so buergerlich. Aber es waere nicht unmoeglich. Jeder hat seine Spezialitaet. Am Sonntag kam eine junge Frau durch die U-Bahn. Normalerweise wechselt man ja nicht den Wagen waehrend der Fahrt, aber es ist moeglich. In lauter, etwas weinrlicher Stimme verkuendete sie an diesem schoenen Sonntag Morgen, dass sie ohne eigenes Verschulden den Job verloren, keine Wohnung und keine familiaere oder staatliche Unterstuetzung habe, und dass sie im 3. Monat schwanger sei. Und dann ging sie durch und sammelte. Ich glaube, die Leute haben ihr gespendet, weil sie ihren Mut respektierten. An der 5. Avenue habe ich einen gesehen mit einem Stueck Pappe. Darauf stand: homeless, jobless, HIV. Wenn man sehr sarkastisch sein will, kann man sagen, dass er als Bettler hoch qualifiziert sei. Es gibt bestimmt auch solche, die das ausnutzen. Wir schweizer sind ein bisschen misstrauisch. Und irgendwie habe ich die Ueberzeugung, es sei Sache der Amerikaner, ihnen zu helfen.

Auf dem Perron von Grand Central Station habe ich am Sonntag Abend einen Japaner gesehen, den ich schon vor einer Woche gehoert habe. Er hat ein Saiteninstrument, eine Art tisch, und daran zupft er. Er spielt so konzentriert und er ist sehr ordentlich gekleidet, mit Kravatte und Jacket. Aber gleich ueber ihn ist eine Art Air Condition Maschine, die vollbringt einen solchen Laerm. Und wenn die Zuege ein und ausfahren, wird es gleich doppelt laut. Man hat den Eindruck, er habe wirklich den schlimmsten Ort gewaehlt fuer seine traditionelle asiatische Musik. Aber er spielt wie ein Konzertspielter, mit hochernster Miene und mit Inbrunnst. Aber es sind wirklich nur wenige, die ihm eine Kleinigkeit spenden. Es sind vielleicht ein paar Asiaten, die durch die Toene ein bisschen Heimweh bekommen. Und sagt diese Art von Musik nicht besonders viel. Doch letzten Sonntag habe ich ihm gespendet. Ich habe seinen unbeugsamen Willen respektiert.

So, liebe Marlena, bevor ich hier losgehe, werde ich noch einen kleinen Spaziergang im Village machen. Es sind die letzten Eindruecke, die ich mitnehme. Es ist hier Sonntagsstimmung. Fast nichts laeuft. und ich bin sicher, dass auch nicht alle U-Bahnen fahren.
Wir sehen uns wieder in der Schweiz, nicht wahr?
Mit lieben Gruessen und Kuessen in den autorisierten Zonen
...




Pleasant journey!


Subject: Pleasant journey!
Date: Mon, 01 Sep  08:43

Lieber ...,
Manchmal, wenn ich aufwache, wünsche ich dass der Tag schon vorüber wäre. Aber dann, nach einem starken Kaffee ist die Welt wieder OK. Und wenn ich dein Mail finde, ist sie sogar schön. Du siehst, wie wichtig du bist. Ich glaube auch es ist gut, den Tag mit einem Lachen zu beginnen. Ich höre dich im Moment die amerikanische Nationalhymne "zweistimmig gackern". Kann dir garnicht sagen wie das klingt. Ganz einfach umwerfend! ;-))
Wie schön, dein wiederholter Besuch in dem Museum. Und dann später wirst du vielleicht virtuell hineingehen können, um dein Gedächtnis aufzufrischen. Ich komme auch wieder mit, wenn du es zulässt.
Und ein richtiger Amerikaner bist du geworden, der sogar den einheimischen in der Weltstadt zurechthilft. Was hast du für einen vortrefflichen Reiseführer? Und natürlich ist es auch dein Aussehen, das die Leute gerade dich fragen lässt. Vertrauenerweckend erscheinst du ganz bestimmt.
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Du schläfst noch süss. Hier scheint die Sonne schräg in den Garten und der Tau schimmert auf dem Rasen. Es war kalt in der nacht. Nur 0,8 Grad. Ich hoffe, dass nicht Frost kommt und alle schönen Blumen zerstört.
Ja, in der Reklame hier im Hotmail sieht man, dass dort drüben heute Labor Day ist. Und man empfiehlt den Leuten ein gutes Essen mit Fleisch glaube ich. Ach, es wird schön für dich sein, wieder zu Hause mit guten Gerichten verwöhnt zu werden. Schade, dass ich das nicht tun darf.

Ich muss mich vorbereiten auf meine Stunden. So wünsche ich dir einen Guten Morgen und einen schönen letzten Tag in NY. Und ich heisse dich auch herzlich Willkommen zu Hause.. obwohl ich immer bei dir war.
Jetzt schleiche ich vorsichtig an dein Bett und küsse dich zärtlich auf die Schläfe. Hals und Ohren gehören in eine verbotene Kategorie. Weisst du das denn nicht? ;-)

Mit lieben Grüssen
Marlena

So schön wünsche ich dir die kommenden Tage..


Mittwoch, 28. März 2018

Im Metropolitan Museum.


Ämne: Re: Late sunday evening..
Datum: den 1 september  06:28



Liebe Marlena
Montag um 6pm fliege ich von Newark. Und gleichzeitig ist der Montag der Tag der Arbeit in den USA, also frei. Ich hoffe, es gibt ein paar Busse nach New Jersey. Aber ich habe ja den ganzen Tag Zeit, ich koennnte fast zu Fuss gehen.
Heute war ich den ganzen Tag im Metropolitan Museum. Es war herrlich. Ich habe mir nochmals die Malerei Europas des 19. Jahrhunderts angeschaut. Letztes mal war ich natuerlich schon ein bisschen abgelenkt durch die kolumbianische Begleitung.
Pissaros und Sileys gibt es einige. Pissaro hat ja irgendwie eine milde, fast mystische Palette, und auch Sisley ist immer sehr harmonisch. Man sagt von Pissaro, er waere der Vater der Impressionisten gewesen. Und das ist in dem Sinne gemeint, dass ihn alle akzeptiert haben. Und dass er einige von diesem Malstil ueberzeugt habe. So auch Monet, wenn ich mich richtig erinnere. Ein Vorbild Monets in den fruehesten Jahren war Boudin. Er lebte auch an der Kanalkueste. Boudin hat wunderschoene kleine Strandbilder gemacht, die ich sehr schaetze. Ich glaube, Boudin hat Monet zur plein air Malerei gefuhert.

Und was Du sagst ich wahr. Wenn man Impressionisten anschaut, sollte man an das Jeu de Paume denken, nicht an das Musee d'Orsay. Das ist die richtige Umgebung fuer die Impressionisten, die einen anziehen. Es gab ein sehr schoenes Fruehlingsbild von Monet, das ich noch nie, auch nicht in Reproduktionen gesehen habe. Es ist ganz leicht, von einem fruehlingshaften und luftigen Gruen. Es ist sehr schoen. Und wenn ich sowas sehe, dann denke ich, ich sollte doch auch in der Lage sein, ein aehnliches Bild zu malen. Aber die Leichtigkeit, die aus dem Bild strahlt, ist eben die Kunst. In wirklichkeit ist es ziemlich schwierig und erfordert langes Studium der Pinselfuehrung und der Farbwahl.

Heute, in der U-Bahn, ist mir wieder aufgefallen, wie intensiv das amerikanische Englisch eigentlich ist. Vor allem bei Frauen faellt es mir oft auch. Natuerlich gibt es auch Maenner mit einer tiefen Stimme, die aehnlich durchdringend klingen. Aber bei den Frauen ist es einfach ganz erstaunlich, was sie mit ihrem Organ produzieren. Es ist geradezu ein eroberndes Organ, mit kolonialistischen Zielen. Ich meine, die Sprache klingt manchmal so scharf und durchdringend, dass sich Italienisch daneben wie ein Schlafliedchen neben einer Polizeisirene anhoert.
Hoer mal, wie sie "really" sagen! Kein Mensch kann das im Erwachsenenalter noch lernen, wie die Amerikanerinnen really sagen. Dazu muss man von Kindsbeinen an trainiert werden. Da ist sowas Schillerndes drin, eine Koloratur, die sich fast ueberschlaegt, aber doch nicht. Ich glaube, man hoert schnell, ob einer ein echter Amerikaner oder bloss ein Zugewanderter ist.

Und Zuwanderung scheint ein bliebtes Konversationsspiel hier zu sein. Jeder hat irgendwelche Vorfahren in Europa. Und Randy Rosenthal im Kurs behauptete, die seinen waeren vor 400 Jahren aus der Schweiz ausgewandert. Na ja, vielleicht wollte er besonders nett sein zu mir. Aber aus der Schweiz kamen sie mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht. Doch fuer einen Amerikaner ist das dort drueben ohnehin einerlei.

Ich merke, dass ich Abschied nehme. Heute ist mir im MET, auf dem Buffet im grossen Wintergarten, eine Platte mit einer Kreuzbeige von Toblerone-Verpackungen aufgefallen. Du kennst doch Toblerone. Das ist diese Schweizer Schokolade, die ausschaut wie die Schweizer Alpen in ihrer schoensten Auspraegung. Sie ist dreieckig und sie schmeckt ein bisschen nach Honig. In der 5. Ave bin ich in einen Lindt-Laden geraten, um zu sehen, wie teuflisch teuer diese Schokoladen in NY sind. Und schliesslich bin ich wieder in der Empfangshalle des Hyatt Hotels gestrandet, wo sie gerade Tennismaetche aus dem US open gezeigt haben. Ich habe mindestens 1.5 Stunden gewartet und gehofft, sie wuerden unseren Roger Federer mal zeigen. Sie haben ihn ein paarmal erwaehnt. Aber beim Spielen habe ich ihn nicht gesehen. Du siehst, ich bin schon auf dem Heimweg. Die Amis sind in sportlichen Dingen recht grosse Chauvinisten. Sie zeigen vor allem ihre eigenen Stars, und die anderen nur, soweit sie das muessen, weil sie beispielsweise im Final spielen. Aber auf den Fotos an den Waenden, riesengross, oder in den Vorspannst am Fernsehen sind es immer die amerikanischen Koepfe. Das faellt uns Schweizern natuerlich besonders auf, denn bei uns am Fernsehen sind es ja meist die Auslaender, die wir sehen. Wir haben nicht soviele Stars, die bis in die vordersten Raenge kommen.

Ja, ich muss langsam ans Packen denken. Das ist fuer mich ein Horror. Ich habe noch nicht mal meine Karten auf die Post gebracht. Ich muss meinen Gastgeber darum bitten. Aber ich habe morgen ja noch Zeit bis gut ueber den Mittag. Sie haben mir gesagt, dass sie um 10am losfahren, um den Brooklyn Carneval zu besuchen. So werde ich den Schluessel hier lassen und allein losziehen. Ich will noch rasch in einem Indischen Laden ein moeglichst scharfes Gewuerz suchen. S. mag heisse Gerichte.
Na ja, das Packen ist eigentlich nicht so kompliziert. Ich habe vor allem schmutzige Waesche, ein paar neue Buecher, eine kleine Souvenir-Freiheitsstatue, einen Hut, einige Tuben Hautcreme und ein dickes Buendel Postkarten. Ich habe zwar eigene Fotos gemacht mit einer kleinen Kamera. Aber die Postkarten sind oft signifikanter. Deshalb kaufe ich mir immer welche, die ich zuhause in einer grossen Schachtel aufbewahre, wahrscheinlich, um sie in Zukunft einmal meinen Enkelkindern mit den entsprechenden Geschichten geschmueckt wieder zeigen zu koennen. Ich habe heute einige Zeichnungen gemacht. Weisst Du, Marlena, ich habe mir fuer NY einen Block zusammen gestellt. Ich habe dabei abwechslungsweise ein duennes Papier und ein dickes Zeichenpapier genommen. Auf dem duennen habe ich meine Tagebuchgedanken niedergeschrieben. Und auf den dicken wollte ich zeichnen. Und jetzt habe ich festgestellt, dass die duennen praktisch vollgeschrieben sind, die dicken aber noch mehr als zur Haelfte leer. So muss ich mit der rechten Hirnhaelfte etwas aufholen!

Im Starbucks an der 5. Ave habe ich einen Kaffee getrunken. Es gibt ja dieses kleine Tischchen daneben, wo man Zucker und Milch dazumischen kann. Man muss dazu den Deckel des Bechers abnehmen. Und der haelt ziemlich gut. Wenn man ungeschickt ist, kann man dabei den ganzen Becher auskippen. Und meist fuellen sie ihn so sehr, dass man kaum noch Milch dazu giessen kann. Und wenn der Becher zu voll ist, bringt man den Deckel kaum noch drueber. Du siehst, diese amerikanische Trinkart hat ihre Tuecken. Es sieht zwar aus wie ein Baby-Drink, erfordert aber die Fingerfertigkeit eines Taschendiebes. Man kann allerdings aus diesem Kaffee auch bei idealsten Beimischungen bestenfalls eine Art warme Limonade erreichen. Mehr wird nicht daraus. Er war schrecklich, der Starbucks-kaffee aus der 5. Avenue. Und ich bin wirklich nicht sonderlich empfindlich in diesen Dingen. Aber ich habe dann zu diesem schrecklichen Kaffee einige Skizzen gemacht. Das war ganz unterhaltsam. Skizzieren ist gut, weil man sich dann die Dinge wirklich gut anschaut. Und zum Schluss konnte ich noch Schlange stehen, um auf die Toilette zu gehen. So laeuft das bei den Amis.

Es ist kuehl geworden jetzt. Man merkt, dass der Herbst kommt. Ich mag diese Zeit. Man zieht wieder was Richtiges an und geht in die Stadt spazieren. Eine Pfeife wuerde jetzt fantastisch gut schmecken.

Die Leute hier halten mich echt fuer einen NYer. Immer wieder fragen mich Menschen nach dem Weg. Die ersten paar Male habe ich mich entschuldigt, ich sein hier auch nur Tourist. Aber jetzt nehme ich meinen Stadtplan zur Hand und helfe weiter. Ich habe den Verdacht, dass mich sogar Amerikaner nach dem Weg fragen. Heute in der U-Bahn musste ich jemanden aufklaeren, dass es local und express Zuege gibt. Und sie war bestimmt eine Amerikanerin. Und im Starbucks half ich einem Kanadischen Paar weiter, das Empire State Building zu finden. Na ja, ich muss zugeben, mein Fuehrer ist sehr praktisch. Ich habe mir eigentlich gar nicht soviel gedacht, als ich ihn in Basel gekauft hatte. Ich dachte mehr, er sollte vielleicht nicht zu dick sein. Aber er ist wirklich super-praktisch. Die meisten Touristen gehen hier mit grossen Karten herum und sehen aus wie Pfadfinder auf einem Orienterungslauf. Ich habe mein kleines Buechlein und finde sofort alles. Es ist ganz logisch aufgebaut und bestimmt empfehlenswert.

Im MET habe ich nochmals eine Sammlung von 30 alten Fotos ueber NY gekauft. Ich mag sie sehr, und es gibt sie bestimmt zu Tausenden. Sie zeigen die Stadt im letzten Jahrhundert, meist wohl aus der Vorkriegszeit. Ich werde wohl einige davon rahmen und mir eine NY Ecke in der Bibliothek einrichten. Dazu kommt auch die kleine Freiheitsstatue. Sie ist natuerlich ein bisschen kitschig. Aber vieles ist hier kitschig. Ich wollte zuerst sogar dieses kleine Spielzeug kaufen, Du weisst sicherlich, was ich meine. Es ist eine Glasglocke. Darin ist eine farbenfrohe Szenerie aufgebaut, hier beispielsweise ein paar Wolkenkratzer. Und wenn man schuettelt, wirbelt Schnee in der Gegend herum. Das ist der totale Kitsch. Das ist aber so eindeutig kitschig, dass man es sich schon wieder leisten kann. Habe ich aber dann schliesslich doch nicht. Ich fand die Szenerien, die darin zu sehen waren, immer sehr duerftig. So habe ich mich schliesslich fuer die Statue entschieden. Sie ist immerhin aus Europa, ein Geschenk der Franzosen, das die junge Demokratie arg in Verlegenheit gebracht haben soll, weil man nicht wusste, wo dieses Moebel aufzustellen waere. Schliesslich hat man diese Insel vor Manhattan gewaehlt. Vielleicht haben die Franzosen die Statue als trojanisches Pferd gedacht? Immerhin haette man darin eine gute Hundertschaft an Soldaten unterbringen koennen. Und sicherlich haetten die Amerikaner diese Dame mit dem Soft-Ice, welches sie dem lieben Gott hinstreckt, damit er auch mal kosten kann - dann und wann am liebsten den manchmal etwas arroganten Franzosen wieder nach Paris zurueckgeschickt. Aber geschenkt ist geschenkt. Ein solches Geschenk wird man nicht so schnell wieder los.

Jetzt fange ich an zu froesteln. Ich glaube, ich muss schliessen und werde mich dran machen, das wichtigste zu packen. Dann wird es morgen etwas ruhiger zu und her gehen. ich habe heute noch Eier und Wasa/Brote gekauft. Ich kann die armen Leute hier ja nicht mit leeren Schraenken zuruecklassen. Ich habe wirklich noch nie in meinem Leben soviele Eier gegessen. Ich koennte, wenn man es von mir verlangte, die amerikanische Nationalhymne zweistimmig gackern. Dagegen hatte ich wenig Fleisch waehrend der zwei Wochen. Heute hatte Ch. zu meinem Abschied ein japanisches Fondue gemacht. Aber ich kam - wegen der Tennismaetche im Hyatt - ein bisschen spaet. So ist nur sehr wenig Fleisch uebrig geblieben. Doch das macht nichts. Ich hatte oben beim Central Park schon eine Pizza gegessen und das eigentlich als Nachtessen gedacht.

Nun wuensche ich Dir einen guten Wochenanfang. Und ich hoffe, bei mir geht es auch gut. Das naechste Mail kommt wieder aus der Schweiz. Ich danke Dir wirklich, liebe Marlena, fuer Deine nette Begleitung. Ich glaube, wenn ich erzaehlen kann, bleiben mir viele Dinge viel leichter. Man weiss das von der Schule. Man sollte den Schulstoff am gleichen Abend nochmal rasch durchgehen. Dann bleibt er im Langzeitgedaechtnis. Empfiehlst Du das Deinen Schuelern auch?

Mit lieben Gruessen und amerikanischen Kuessen (wohin auch immer; Du hast recht, in den Schlaefen ist man sehr sensibel, da gehen sie direkt ins Blut: aber Hals ist auch nicht schlecht, oder ins Ohr...)

...

Late sunday evening..


Ämne: Late sunday evening..
Datum: den 31 augusti 23:19

Lieber ...,
Wieder ein Tag vorbei. Anna und K sind wirklich mit Pilzen nach Hause gekommen aber vorher hatte noch die Nachbarin angerufen und gefragt ob ich welche haben möchte, weil sie so viele gefunden hatte und garnicht Zeit hatte dafür. Und sie wollte auch, dass ich kommen sollte um mir die Blüte an einem Kaktus anzuschaun. Er blüht sehr selten und dann nur einen Tag lang. Es war ein kleines unansehnliches Ding, aber wir Menschen schätzen ja besonders das seltene.

Du weisst, diese Pilze stehlen einem eine Menge Zeit. Aber sie schmecken dann herrlich und wir haben sie als Vorspeise zu den Krebsen gegessen. Es war kein Fest eigentlich, soweit Krebse essen nicht immer ein Fest ist.

Ich habe mir heute während dem Bügeln auch ein wenig die Weltmeisterschaften in Paris angeschaut. Beim Maratonlauf konnte man die Stadt sehen und als ich alle diese bekannte Strassen und Gebäude wieder sah, habe ich eine plötzliche Sehnsucht dorthin gekriegt. Ich glaube ich habe es auch so wie du gemacht, damals als ich das erste mal in Paris war. Ich bin fast überall hin zu Fuss gegangen. So habe ich auch die ganze Stadt wirklich erlebt. Und ich habe in kurzer Zeit 7 Kilo abgenommen dabei. Du kannst dir kaum vorstellen wie schmal ich geworden bin, da ich schon vorher schlank war. Vielleicht ist dir dasselbe passiert, wenn du so viel in NY zu Fuss gegangen bist.

Sicher verfolgst du die grossen Ereignisse der Welt. Das Attentat in Irak z.B. Bei uns kann man in diesen Tagen nicht das Radio oder den Fernseher anstellen ohne von einer Flut von Propaganda für oder gegen den Euro überschüttet zu werden. In den Prognosen liegen die Nein-sager noch weit vor den anderen und nun machen die Ja-Anhänger ihr Äusserstes um das Volk zum rechten zu bekehren. An der Spitze gehen die Parteivorsitzenden. Sozialdemokraten, Liberale, Kristdemokraten und Moderaten( rechts) propagieren für den Euro und die Kommunisten, die Grünen und die Centerpartei (Bauern) sind dagegen. Es ist ein bisschen komisch Göran Persson in so gutem Einverständnis mit den anderen zu sehen, wo sie sich doch sonst immer hart bekämpfen. Und nur noch 15 Tage sind zur Wahl, die das ganze Volk engagiert.

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Ich habe neulich ein Radioprogramm gehört wo man erzählte, dass die Moslims in Frankreich am liebsten ihre Kinder in katholische Schulen schicken. Es hat mich eigentlich garnicht gewundert, denn sie haben viele Ansichten gemeinsam.

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Wie ist dir denn zumute jetzt, ...? Ist es schwer sich von NY zu trennen? Scheiden tut weh, wo immer es ist. Aber die Welt verschwindet ja nicht. Du kannst später nochmals hinfahren, wenn du Lust hast. Ich glaube es wird ein komisches Gefühl sein, wieder in L. zu landen. Vielleicht wirst du dich erst ausruhen müssen, nach deiner hektischen Zeit dort drüben. Ich sehe dich vor mir wie du stolz dein Diplom aufhängst. Und später wirst du Walter von deinen wilden Erlebnissen berichten und sie ein bisschen extra würzen für ihn. ;-) Oh Gott, ich glaube ich lebe mehr mit dir als mit sonst jemanden auf der Welt.

Lustig, wie du über die charmante Verkäuferin sagst. Sie flirtet fast, aber hält doch Distanz. Und ich glaube sie hat genau so grossen Spass an dem kleinen flüchtigen Kontakt wie der Kunde. :-)

Aber nein. Ich habe es doch nicht so gemeint. Deine Mails sind perfekt. Auch der Abschluss deiner Mails. Ich will absolut nichts daran ändern.

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Ich grüsse dich lieb und wünsche dir alles Gute für diesen Tag.
Marlena

Wann genau verlässt du NY?






Sonntag Morgen


Ämne: Sonntag Morgen
Datum: den 31 augusti  14:57

Liebe Marlena
Ja, die Suessigkeiten am Ende des Essens und des Mails, ich habe auch schon gedacht, dass es so ist, wie Du sagst. Aber ich habe auch gedacht, dass es bei den Frauen ganz aehnlich ist wie bei den Maennern.
Vielleicht haengt es auch davon ab, welche Energie gerade durch den Koerper fliesst. Ist es die Queen, der Warrier, der Magician oder der Lover?
Und manchmal ist es auch bloss die Zeit. Am Schluss muss man sich ein bisschen beeilen und schwups ... sucht man ein Ende.

Und jetzt denken wir schon ueber Rilke und unsere Grabsteine nach. Ich habe eigentlich noch nicht an den Grabstein gedacht, nur die Anzeige. Aber mein Spruch spricht nicht vom Tod. Ich glaube, der Tod ist fuer den, der stirbt, keine traurige Angelegenheit. Nur fuer die Hinterbliebenen. Fuer sie mehr oder weniger.Es ist ein Abschied, und der Abschied ist meist schwieriger zu akzeptieren fuer jene, die Zuerueckgelassen werden als fuer jene, die gehen. Partir c'est toujours mourir un peu. Ich habe das mal in einer kleinen Rede - na ja, eigentlich keine Rede, sondern nur ein paar Worte - gesagt, die ich in Frankreich anlaesslich unserer Croisiere rhodanienne halten musste. Weil wir immer nur eine oder zwei Naechte bei einer Familie geblieben waren, fand ich, man muesse staendig Abschied nehmen. Und das war umso schwieriger, als all diese Leute sehr nett und aufmerksam waren mit uns. Wir sterben ein bisschen zuviel, hier in Frankreich, hatte ich gesagt, und die Leute waren ganz geruehrt. Du weisst schon, Marlena, nach einem guten Essen, einem feinen Schluck Wein, vielleicht beim Kaese oder danach beim Kaffee mit Likoer kann man die Franzosen in Ruehrung bringen wie alle anderen Menschen auch. Und ich, als etwa 18jaehriger, war ganz stolz darauf.

Lustig, was Du sagst ueber K und die Situation bei Euch. Du machst Dir viele stille Gedanken. Und Du bist sehr tolerant. Finde ich schoen. Du bist einfach ein schoener Mensch.

Im Moment, am Sonntagmorgen, bin ich an meinem Fruehstueck. Ich will Dir nicht im Detail erzaehlen, was es ist Denn es sind, kurz gesagt, wiederum Eier. Aber zuvor habe ich meine zweite Papaya gegessen, um eine gute Basis mit Vitaminen zu legen. Was meinst Du, haben die Dinger ueberhaupt Vitamine? Ich glaube, wenn man auf ihren Geschmack geht, muessen sie welche haben. Und jetzt mache ich mir zum Schluss noch einen Tee. Dann fahre ich nochmals ins Metropolitan Museum. Ich glaube, das ist ein schoener Abschluss. Ich will mir ein bisschen Zeit nehmen fuer einige Bilder. Und Bonnard hatte ich noch nicht gefunden. Es muss einige Bonnards geben. Von Vuillard habe ich eine Reihe schoener Exemplare gesehen, mehr als je in Europa.
Und dann werde ich - wohl oder uebel - heute anfangen zu packen. Ich glaube, das Gepaeck wird schwerer werden als bei der Hinreise. Ich konnte es nicht lassen, ein paar Buecher zu kaufen. Und fuer B bringe ich ein paar Tuben Kosmetik. Sie hatte mir eine lange Liste aufgeschrieben, als ob ich ein Transportunternehmen waere. Gestern abend hatte ich den Laden gefunden hier am Broadway. Die Verkaeuferin wusste sofort, was ich brauche. Und sie bot mir auch gleich eine Aktion an. Na ja, eine kleine Aktion habe ich dann auch wirklich genommen.

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