Sonntag, 17. September 2017

Re: Nochmals Proust





Lieber ...,
Ich war  überrascht heute morgen schon ein mail von dir zu finden.. Dachte ich hätte dich in eine schwierige Situation versetzt.. aber du parierst sehr gut.. ;-)
Ja, es ist wirklich so dass ich diese gehetzten Männer in Zürich als Prototyp des gestressten Menschen sehe. Natürlich gibt es sie auch anderswo, aber bei diesen ist es mir so sehr aufgefallen. Ich glaube auch dass man bei euch in der CH ziemlich viel von den Angestellten verlangt. Wie ist es übrigens mit den Arbeitszeiten?

Ich bin heute ziemlich spät und müde nach Hause gekommen. Und dann habe ich deinen schönen Artikel über de Botton gefunden. Versuchst du meine andere Gehirnhälfte in Gang zu bringen? Vielleicht willst du mich sogar dazu bringen nachzulesen "wie man Freundschaften pflegt".. Aber es war ein sehr schöner und unterhaltender Artikel. Dass uns de Botton "ein süsses klares Destillat" von Proust reicht ist schön ausgedrückt. Möchte dem Artikelverfasser eine Eloge dafür geben.
*
Ich habe also diesen Artikel sofort gelesen und dir auch gleich ein paar Zeilen geschrieben aber als ich es absenden wollte stand da nur "server to busy" und nichts funktionierte. Als dann noch dazu Kerstin anrief und mir ein gutes Rezept von Pflaumenmarmelade bringen wollte habe ich das Schreiben aufgegeben. Statt dessen habe ich eben Marmelade gekocht. Es hat mir zwar viel Zeit gestohlen aber jetzt habe ich ein besseres Gewissen weil ich nicht das ganze Obst verderben lasse. Dann habe ich noch den französischen "Rastignac" angeschaut. So viel Dramatik! Und doch wieder etwas übertrieben.. wie leider viele französische Produktionen sind. Sie kommen uns etwas fremd vor.

Oh, wie ich deine S um diesen Mittagsschlaf beneide..!! Mehr sogar als ich sie um dich beneide.. ;-)  ...

Ja, klar. Pflaumenkuchen werde ich dir anbieten und ich werde dir einen Apfel reichen von unserem Baum. Sie sind "délicieuses". Knackig und etwas säuerlich (heisst es so?) Es ist die beste Sorte die ich kenne.

(---)

Was passiert sonst noch hier? In mir eine Menge, um mich herum nicht viel. Es ist Herbst geworden und schwer zu glauben dass wir noch vor kurzem Hochsommerwetter hatten. Bald müssen wir wohl die Uhren umstellen. Dann kann ich ausschlafen. :-)

So und nun lasse ich dich wieder, mein lieber Mausfreund. Ich wünsche dir einen schönen Tag morgen.
Mit einem lieben Gruss,
Marlena






"Ein süsses und klares Destillat" - de Botton über Proust





Proust, für dich gestorben

Von Allain de Botton wird auf dem Schutzumschlag von "How Proust Can Chang Your Life" gesagt, dass er in London und Washington lebe, doch sein Name und seine Leidenschaft für Kodifizierungen haben einen starken gallischen Anstrich. Sein sonderbares, humorvolles, didaktisches und blendendes Buch hat zwar den Untertitel Not a Novel, enthält jedoch mehr menschlich Interessantes und mehr phantasievolles Spiel als die meisten erzählerischen Texte. Der diskursive Fluss, der in so lehrreiche Kapitel unterteilt ist wie "Wie man das Leben heute liebt", "Wie man erfolgreich leidet" und "Wie man richtig liest", erhellt die Lektionen eines anderen, sehr langen Romans, nämlich von marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.
De Botton hat sich offenkundig sehr ausgiebig mit diesem bedeutenden Werk befasst und sich darüber hinaus mit vielen winzigen, Proust betreffenden Details vertraut gemacht. So erfahren wir beispielsweise, dass Proust in Paris die Telefonnummer 29 205 hatte, dass er häufig ein Trinkgeld von nicht fünfzehn oder zwanzig Prozent gab, sondern von zweihundert Prozent der Restaurantrechnung, dass seine Haut so empfindlich war, dass er keine Seife benutzen konnte; er wusch sich mit "fein gewebten, feuchten Handtüchern und tupft sich damit mit frischem Leinen trocken (ein normaler Waschvorgang erfordert etwa 20 Handtücher, die auf Prousts ausdrückliche Anweisung in die einzige Pariser Wäscherei gebracht werden, die hautfreundliches Waschpulver benutzt, die Blanchisserie Lavigne, wo auch Jean Cocteau waschen lässt)", dass er ein äusserst enges Verhältnis zu seiner Mutter hatte und ihr, noch als er schon über dreissig war, ausführliche Berichte über seinen Schlaf, sein Pipi und seine Verdauungstätigkeit erstattete, dass er unablässig fror und häufig bei einer Abendeinladung seinen Pelzmantel anbehielt.
Wir erfahren auch eine Menge über Prousts Verwandte: Sein Vater, Dr. Adrian Proust, schrieb vierunddreissig Bücher, einschliesslich einiger bekannter Handbücher über Hygiene und körperliche Ertüchtigung; Marcels jüngerer Bruder, Dr.Robert Proust Autor von Chirurgie der weiblichen Geschlechtsorgane, wurde dermassen gerühmt für seine Prostatektomien, dass sie unter Kollegen "Proustatektomien" genannt wurden, und er war überdies so widerstandskräftig, dass er überlebte, als er von einem fünf Tonnen schweren Kohlewagen überrollt wurde.
Solche Details werden nicht grundlos aufgeführt. Nachdem de Botton Marcels grotesk extreme Emfpindlichkeit geschildert hat, stellt er die Behauptung auf, dass "das Fühlen und Empfinden (wobei das Fühlen fast immer mit Schmerz verbunden ist) auch etwas mit der Aneignung von Wissen zu tun hat". Proust formuliert es so: "Glück stärkt den Körper, doch nur Kummer fördert die Kräfte des Geistes." Der Maler Elstir im Roman kleidet das Prinzip folgendermassen in Worte:
"Man kann die Wahrheit nicht fertig übernehmen, man muss sie selbst entdecken auf einem Weg, den keiner für uns gehen und niemand uns ersparen kann."
De Botton analysiert fünf proustsche Gestalten, die ohne Erfolg leiden und die falschen Lösungen aus ihrem Ungemach ableiten, was ihre Leiden nur noch verlängert.
Die Kapitel "wie man Freundschaften pflegt" und "Wie man ein Buch aus der Hand legt" zeigen anhand von Abschnitten aus Prousts Roman und aus seinem Leben, wie eine realistische und sogar eine Zynische Einschätzung vom Wert der Freundschaft mit einer übertriebenen Bezeignung von Herzlichkeit und Schmeichelei einhergehen kann (sein Freunde prägten den Begriff proustifizieren, wenn wir unter uns eine etwas zu gesuchte Höflichkeit beschreiben wollten, die man gemeinhin als geziertes Getue bezeichnet hätte") und wie auch die leidenschaftlichste Verehrung eines Autors, so wie die Verehrung, die Proust für John Ruskin empfand, schicklicherweise vor der Idolatrie Halt macht, etwa in dem Moment, da Proust zu dem Schluss kam, dass Ruskin "albern, manisch, nötigend, häufig falsch und lächerlich" war.
De Botton schreibt wie jemand, der selbst der Idolatrie nur knapp entgangen ist; in trockenem Ton schildert er eine Pilgerfahrt in das trübselige Dorf Illiers, das heute - eine Huldigung an Prousts vertaubertes fiktionales Dorf - auf Wegweisern und Schildern "Illiers-Combray" heisst.
Madeleines verkaufen sich hier sehr gut, und von dem Haus von Prousts Tante Amiot (im Roman Tante Léonie) heisst es "In ihrer ausgesuchten Scheusslichkeit vermitteln die beengten Räumlichkeiten auf nahezu greifbare Art und Weise die stickige Atmosphäre eines geschmacklos eingerichteten, kleinbürgerlichen Provinzhauses der Jahrhundertwende." Eine "einsame, merkwürdig fettig anmutende Madeleine" erweist sich nach genauerer Inspektion als Plastiknachbildung.

De Botton, von Geburt Schweizer, scheibt auf Englisch, aber mit dem Witz und der Nüchternheit eines Franzosen.
Sein zweites Buch, The Romantik Movement, war eine Art Ratgeber-Roman, der in Gestalt einer Anleitung zur Selbsthilfe, veranschaulicht durch eine in London spielende Affäre, die Ernüchterungen in Liebesdingen analysierte.
Bottons Neigung zu aphoristischen Gesetzen menschlichen Verhaltens zieht ihn verständlicherweise zu Proust hin, da solche Gesetze auch Prousts Ziel sind. Dieser Sohn und Bruder von Aerzten schrieb einen Roman voller genauer diagnostischer Betrachtungen, einen Roman, der insgesamt in der Schilderung unfreiwilliger Erinnerungen und in der Wiedergewinnung der Vergangenheit ein Heilmittel gegen die Universalkrankheit, nämlich die Zeit, darstellt. Aus den letzten Seiten des letzten Bandes, Die wieder gefundene Zeit, taucht der Leser mit dem Gefühl auf, dass er siegreich eine Theapie durchgemacht hat. Von einem extrem zarten un neurasthenischen mann als ein Akt der persönlichen Rettung geschrieben, verkörpert das Werk sein Heilmittel - die Entdeckung seiner Botschaft als Schriftsteller. De Botton stellt den traurigen Zustand seines Helden in der Zeit vor dieser Entdeckung lebhaft dar.
Proust selbst beschrieb sich im Alter von dreissig Jahren so: "...ohne Vergnügungen, Ziele, Tätigkeiten, ohne jeden Ehrgeiz, mein abgelebtes Dasein betrauernd und betrübt über den Kummer, den ich meinen Eltern bereite, empfinde ich nur sehr wenig Freude." Kafka und Joyce, diese beiden anderen epischen Komödianten des Modernismus, hatten wenigstens einen kreis von Freunden und Kritikern, die ihr Genie erkannten, während selbst diejenigen, die Proust am nächsten standen, in ihm einen unverbesserlichen Snob und Dilettanten sahen und von der Schönheit, dem Sog und der satirischen kraft seines Meisterwerks überrascht waren.
Wenn de Botton in seiner amüsanten, aber mit unbewegter Miene inszenierten pädagogischen Geckenhaftigkeit die heilenden, Rat vermittelnden Aspekte Prousts hervorhebt, erweist er uns den Dienst, dass er Proust für uns noch einmal liest und uns aus dem weiten heiligen See ein süsses und klares Destillat reicht.

---



Re: ...



Liebe Marlena
Treadwheel ist die Tretmühle. Sie ist die beste
cartoonistische Möglichkeit, die Monotonie des Lebens zu
zeigen. Sonst kann man einen solchen Zustand nicht
visualisieren.

Ist das wahr, dass für Dich der Prototyp des gestressten
Menschen der Schweizer auf der Zürcher Bahnhofstrasse
ist? Wirklich so? Das ist aber schlimm! Iiiich bin nicht sooo!
Aber vielleicht bin ich auch nicht weit davon. Aber offen
gesagt bin ich immer wieder erstaunt, wie gross die
Unterschiede zwischen Stadt und Land respektive Dorf
geworden sind.
Wenn ich nach L gehe, oder wenn ich ins Wallis fahre,
habe ich den Eindruck, eine andere Welt zu besuchen.
In jener anderen, die man auch noch im Kopf halten sollte.
Und manchmal machen mich die Leute dort ganz nervös,
weil sie so langsam und so wenig zielorientiert sind.
Und wenn ich dann andererseits S anschaue. Sie ist ja ein
Mensch aus einer riesigen Grossstadt, allerdings nicht aus
der westlichen Kultur. Manchmal habe ich den Eindruck,
sie hetzt dahin und wenn sie etwas zu tun hat, will sie alles
gleich tun oder noch schneller. Aber auf der anderen Seite
ist ihr ihr Mittagsschläfchen heilig, um das ich sie immer
wieder beneide. Und wenn wir sprechen, geht das so
langsam vor sich, dass ich keine Geduld mehr habe. Es ist
alles ziemlich merkwürdig.

*
Das glaube ich nicht, dass ich meine Sensoren und
Antennen verloren habe. Ich bemerke bloss, dass Du sehr
stark mit Deiner Familie, vor allem mit Anna und ihren
neuen Anforderungen beschäftigt bist. Es scheint mir, Du
hast noch weniger Zeit als vorher, da Anna noch bei Dir
gewohnt hat. Aber es ist Deine einzige Tochter und es ist
Deine Familie. Für mich ist das alles ok. Es gibt doch
Zeiten, da verlangen die Lieben mehr als in anderen.
*
Und nun lädst Du mich zu einem heissen Kaffee ein.
Ich glaube, das ist bei diesem herbstlichen Wetter die
beste Idee.
Hast Du noch ein Stück Pflauemkuchen dazu?

Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit einem lieben Gruss
...

Samstag, 16. September 2017

Politik und Nostalgie



Lieber ...,

"Eine andere Welt ist möglich. Sie ist nodwendig denn diese Welt ist am aussterben". Wer würde nicht gern weiter hinhören nach diesen Worten. Ja, Chomsky ist ausserordentlich populär und überall muss man die ursprünglich gebuchten Vorlesungssäle gegen grössere austauschen denn der Andrang von Zuhörern ist enorm. Und heute Abend spricht er hier unter dem Thema: "The Role of the United States in World Politics: examples from Afghanistan and the Middle East". Ich hätte ihn gern gehört aber die Karten sind längst ausverkauft.
Natürlich sitzt er ein wenig fest in seinen linken Ansichten (wie du?) aber jemand hat es so beschrieben: "Für alle, die zwei Ideen gleichzeitig im Kopf behalten können, die die Kritik an der Aussenpolitik der USA mit einer Huldigung der grundlegenden amerikansichen Freiheitsideen kombinieren können ist Chomsky immer ein lesenswerter Schriftsteller.

Ja, diese andere mögliche Welt. Vielleicht ist es das was uns an Cuba und ähnlichen Staaten fasziniert. Wir sehen Menschen und nicht nur Arbeitsrobote. Wir sehen Lebensfreude und Leute die Zeit haben das Leben zu geniessen. Und vielleicht ist es auch ein wenig Nostalgie. Auch wir waren einmal so frei bevor wir in dem "treadwheel" (weiss nicht auf deutsch) hängengeblieben sind. Wenn man unser und ihr Leben verbinden könnte. Genug Geld und genug Zeit zum Leben. Weisst du übrigens dass ich immer wenn ich an gestresste Europäer denke den Anblick der schweizer Männer vor mir sehe, denen ich damals in Zürich auf der Strasse begegnet bin. Vielleicht weil ich normal nicht Männer auf der Strasse beobachte.. nur eben in Zürich..

(---)

Ach, ..., du hast wirklich deine Sensoren verloren. Wie kannst du von nahe bevorstehender Eiszeit sprechen wo ich doch so für diese Mausfreundschaft glühe. Spürst du das denn nicht? Bist du ganz und gar ein Eiszapfen geworden? Jetzt werde ich mich mit einem guten heissen Kaffe von diesem eisigen Gedanken befreien. Kommst du? Setzt dich doch mir gegenüber und lass uns den Augenblick geniessen.
Ich glaube ich liebe dich.

Mit lieben Grüssen
Marlena

Dienstag, 12. September 2017

Pausenbild




Herbstfrische auf Åland




Sonntag, 10. September 2017

Ja doch ..


Blick durchs Fenster

Lieber ...,
Es ist ein kühler Morgen. Ein dichter Nebel gibt mir den Eindruck auf einer Insel zu sein. Es wird ein schöner Tag werden. Das Licht deutet es an. 

(---)

Nun ist K wieder abgereist und ich werde mich eine Weile mit Vorbereitungen für Morgen beschäftigen. Ich muss lachen, wenn du von einem ”alten General” sprichst. Wenn er wenigstens alt wäre. Aber er ist jünger als ich und wie du sagst sehr unerfahren in der Pädagogik was ihn auch zu einer leichten Beute aller Bluffer macht. Mehrere Kollegen haben schon diese Befürchtungen geäussert wenn sie sehen von welchen Leuten er sich beeinflussen lässt. Aber man weiss ja nicht was er im Inneren denkt, obwohl er schon ein paar Mal Ideen hervorgebracht hat, die uns den Atem stocken liessen. Du brauchst mich also nicht um meinen Chef zu beneiden. Dagegen würde ich Dir so liebe Kollegen wünschen wie ich sie in meiner Nähe habe. Wir verstehen uns und leiden zusammen. Vielleicht ist deshalb unser Umgang so fröhlich und lustvoll.. weil wir ganz einfach dem Schweren etwas entgegensetzen müssen.

Jetzt beginne ich langsam eine Erleichterung zu spüren in meiner Arbeit. Die kommende Woche sind 2 von meinen Klassen auf ”Pryo” (ungefähr Berufsorientierung) und ich werde die freie Zeit benutzen um ein wenig Ordnung in unserer Institution zu schaffen und natürlich auch hier zu Hause.. à la Feng Shui.. ;-)))
Ach, chéri, ich muss lachen über deine wilden Vermutungen. Wenn ich eine Leidenschaft finde dann werde ich Dir gern darüber berichten. Erzählst du mir von deiner???
Nein, weisst du, ich suche nichts Aufregendes mehr im Leben.. ich wünsche mir Stille und Harmonie.. aber..
Als ich gestern nach ein paar Gedichten von Paul Celan suchte (er ist im Moment auf der Tapete, wie wir sagen) fand ich ein anderes kleines Gedicht von einer mir unbekannten Dichterin.

O sag es meinen Augen nicht,
Dass du sie suchst - sonst könnt es sein,
Indes der Herbst schon Kränze flicht,
Bräch’ einmal noch der Lenz herein!

O sag es meinen Träumen nicht,
Dass du sie kennst - sonst könnt es sein,
Nach allem lächelnden Verzicht
Käm einmal noch des Wunsches Pein!

O sag es meinem Herzen nicht,
Dass du mich liebst - sonst könnt es sein,
Ich liess noch spät im Abendlicht
Des Glückes ganze Torheit ein!


Gisela von Berger

*
Es freut mich dass dein Portrait von Walter so gut gelungen ist dass er zufrieden ist damit. Ich würde mich auch gern von dir abbilden lassen.. :-) und dir zuhören während du arbeitest.. O wie ich ihn beneide um die Stunden die er mit dir verbringt. Wenn du mir die Adresse zu seiner Homepage gibst kann ich mir ja das Bild ansehen. 

---

Freitag, 8. September 2017

Re: Plaudertasche


Liebe Marlena
Ja, das war ein schönes Mail von Dir. Ich will nicht sagen, dass Du eine Plaudertasche seist. Aber es scheint Dir im Moment gut zu gehen. Das sieht man schon daran, dass die Koinzidenzien Dir einfach so zufliegen. Und wess das Herz voll, dess geht geht der Mund über. Das ist ein Zitat von unserem sprachmächtigen Martin Luther. Ich pflege, als Heimwehwalliser, den Satz abzuwandeln und sage: Wess das Glas voll, dess geht der Mund über. Auch das stimmt, das sieht man im Wallis immer wieder.
Ich glaube, Du hast neben Deiner Arbeit eine Leidenschaft gefunden, Marlena. Nicht wahr? Das macht Dich so schön energisch und froh! Und das ist es auch, was ich suche. Vielleicht schaffe ich es bald. Irgendwie muss es schon gehen.
Kann ich nicht verstehen, dass Du meine Skizze nicht bekommen hast. Und irgendwann habe ich auch ein Bild geschickt. Hast Du beide nicht erhalten? Ich sag doch, mit meinem System ist irgend was nicht in Ordnung. Das funktioniert ungefähr so wie der amerikanische Geheimdienst. Die Infos, die hinüber sollten, gehen nicht. Und diejenigen, die nicht sollten, rieseln durch die elektronischen Lücken.
*
Immer wieder muss ich schmunzeln, wenn Du von Eurem Militär in der Schule sprichst. Ich finde das so etwas von komisch, einen alten General als Schuldirektor zu haben. Ich hätte Euch Schweden nie soviel Originalität zugetraut. Was sagen denn die Eltern und die Schüler dazu. Ich nehme schon an, dass die Leitung sich wohl auf die administrativen Belange beschränkt. Man kann ja von einem Herrn General nicht verlangen, dass er plötzlich noch Pädagoge wird. Und trotzdem ist es komisch, oder oekonomisch! Wie man will!
*
Im Büro sind wir daran, umzubauen. Wir hatten in den letzten 5 Jahren ziemlichen Platzmangel. Und nun ist auf unserem Stock eine Firma umgezogen, so dass wir den ganzen Stock mieten konnten. Wir haben Mauern herausbrechen lassen und werden in Zukunft ungefähr einen Drittel mehr Büroraum zur Verfügung haben. Das ist gut, aber im Moment braucht es immer wieder Zeit, weil unvorhergesehene Fragen zu klären sind.
Und im übrigen, darüber habe ich – so glaube ich – intensiv geklagt, reise ich zwischen drei Stellen hin und her und mache meine Beratungen. Das ist zwar abwechslungsreich, aber auch ziemlich zeitaufwendig.
*
Also, wenn ich wieder im Büro bin, schicke ich Dir meine Skizze von Walter. Er ist wirklich sehr stolz auf sich, dh. auf sein Bild, aber ich sage ihm, dass er in natura nie so gut aussieht, wie ich ihn gezeichnet habe. Er will das Bild auf seine Homepage setzen, die er für sein Büro gemacht hat. Und gestern habe ich mit einem Kollegen mein Mittagessen eingenommen und er hat sich auch gleich angemeldet für ein Porträt. Du siehst, Marlena, meine Alternativkarriere sieht steil aus. Ich muss mich daran machen, endlich mein Atelier einzurichten. Aber ich fürchte mich wirklich davor. Wenn ich nämlich anfange zu malen, dann habe ich für nichts mehr Zeit. Dann bin ich so sehr absorbiert, dass alles zu kurz kommt: die Arbeit, die Familie, der Schlaf, die Lektüre. Deshalb zögere ich noch. Ich habe etwa seit 10 Jahren nicht mehr in Öl gemalt. Und damals hatte ich wirklich halbe Nächte durchgemacht und gemalt und wieder herunter gekratzt und nochmals gemalt und wieder korrigiert. Heute -–so glaube ich – wüsste ich genauer, wie ich es machen muss. Aber ich fürchte mich trotzdem ein wenig, wie gesagt. Du hat Deine Unterstützung schon zugesagt. Das habe ich in guter Erinnerung.
*

Ich hoffe, dass es Dir so gut geht, wie Dein Mail klingt. Erzähl mir von Deiner Leidenschaft.
Ich grüsse Dich mit Liebe
...