Mittwoch, 31. Mai 2017

Blick durchs Fenster ...




auf eine grünes Meer




und heute Abend um 21:30  Uhr






Montag, 29. Mai 2017

Re: :-))


date 29 May 23:34
subject :-))


Lieber Mausfreund,
Danke für deine "sprühenden Sätze", die mir auch diesen Tag vergoldet
haben. Kann man so sagen auf Deutsch?
Nein, ich glaube nicht, dass du ein Mail von mir brauchst um schön und
spritzig schreiben zu können. Fast im Gegenteil. Und dass du ein so
langes schönes Mail in 15 Minuten schreiben kannst ist für mich
unglaublich. Zwar bist du ein Sprachkünstler von Rang, aber trotzdem.
Wie lange glaubst du würde ein Schriftsteller brauchen um zwei solche
Seiten zusammenzubringen?

Wenn ich jetzt an dich denke so sehe ich dich wirklich vor mir in
einem der Fenster auf der Reeperbahn, die ich mal gesehen habe. Und
ich denke ich würde dir absolut zuzwinkern.. ;-))

Ach nein, der erste Gedanke, der mir kam, als ich diesen lustigen
Einfall deiner Fantasie sah, war dass dich die Engel nun besser sehen
können.. nicht zu vergessen deine Tauben.

Ein bisschen überrascht hat mich diese Zeile: "..als konvertierter
Katholik mit islamischen Einschlägen .."
Seit wann bist du ein konvertierter Katholik? :-)

Ja, du hast Recht. Der Name Gudrun ist ein altnordischer Name und
bedeutet "einer der das Geheimnis der Götter kennt". So einer würde
ich gern sein. :-)
Heutzutage ist der Name nicht so gewöhnlich aber doch allen bekannt,
weil der schreckliche Sturm, der die Wälder in Südschweden gefällt
hat, diesen Namen trug.

Das Fragezeichen nach beste (?)...Freundin, bedeutet eigentlich nur,
dass ich nicht sicher bin ob es sowas wie eine "beste Freundin"
überhaupt gibt. Meist bezeichnet man wohl damit eine Person vor der
man keine Geheimnisse hat.

Als ich Kind war, damals als ich nach Schweden zurückkam, fand ich
eine "beste Freundin". Sie bedeutete alles für mich. Ohne sie hätte
ich mich einsam gefühlt, nun wo ich nicht mehr meine Mutter hatte.
Inga und ich gingen in dieselbe Klasse und wohnten nicht weit von
einander. Und ich glaube wir verbrachten alle wachen Stunden des Tages
zusammen. Ihre Familie gehörte einer religiösen Sekte an und die
Kinder waren sehr streng gehalten. So durfte sie vieles nicht tun, was
für andere Kinder normal war. Ich glaube meiner Tante war das Recht.
Als ich dann als 13-jährige die Realschule in Stockholm begann, war
auch Inga dabei. Aber nach einem Jahr verliess sie die Schule. Ich weiss
nicht warum. Dann arbeitete sie eine zeitlang in einem kleinen
"Fernlaster-Café". Sie betreute die Gäste allein, machte belegte Brote
und kochte Tee oder Kaffee. Ich besuchte sie einmal dort und sah all
die jungen Männer, die lüsterne Blicke auf sie warfen. Inga hatte
nämlich eine Figur wie Dolly Parton.
Als sie 17 war bekam sie ein uneheliches Kind. Und zu dem Zeitpunkt
ging es auch bergab mit der ganzen Familie. Die Eltern liessen sich
scheiden, die Mutter hatte einen neuen Freund und bekam auch ein
Kind.. Vielleicht sollte ich dir den Rest ersparen. Ja, ich glaube es
ist human das zu tun.
Wir sind dann nach Uppsala gezogen, wo ich mein Studium an der Uni
begonnen habe und nur ab und zu hörte ich von meiner anderen Tante
oder meinen Neffen, die noch in Stockholm  wohnten, etwas über das
weitere Schicksal dieser armen Familie.

Später in meinem Leben hatte ich auch ab und zu "beste Freundinnen".
Das war als ich schon hier am Gymnasium arbeitete. Ich sage ab und zu,
weil sie, die eine nach der anderen, nach Südschweden gezogen sind.
Wir haben dann noch ein paar Jahre (sogar Jahrzehnte) den Kontakt
aufrecht erhalten. Doch jetzt stehe ich nur noch in Verbindung mit
Margareta, die du von unseren frühesten Mails her kennst.

Und nun zieht also Gudrun bald weg. Heute hat sie gekündigt und sie
fühlt eine grosse Erleichterung. Bald wird sie ein ganz neues und anderes
Leben beginnen. Ja, ich werde sie vermissen. Sie ist die interessanteste
von meinen weiblichen Bekannten und ich freue mich immer wenn ich
mich mit ihr unterhalten kann. Sicher hat sie ein Manuskript zu einem
Roman in ihrem Schreibtisch liegen. Jetzt verlässt sie ihre Stelle als
Studienrätin in Schwedisch und Geschichte, aber ich glaube sie wird
weiterhin als Rezensent an unserer Tageszeitung arbeiten. Sie schreibt
Besprechungen über neu erschienene Romane.

A propos Romane, so habe ich mir in der Bibliothek ein Buch von Oriana
Fallaci geliehen. Leider hatten sie nur einen Titel von ihr, nämlich
"Inshallah". Ich hätte gern das Buch gelesen von dem du mir
geschrieben hast, aber es gibt nur wenig von ihr  in schwedischer
Übersetzung.

Ach, dir fehlt Begleitung für deine täglichen Spaziergänge?
Wie wäre es mit mir? Jetzt wo ich mich nicht IRL damit beschäftigen
kann bin ich offen für virtuelle Spaziergänge. Bitte, sag nicht nein.
Ich bin doch immerhin ein etwas interessanterer Gesprächspartner als
eine Zahnbürste, oder?

Ich wünsche dir einen schönen Tag morgen mit frisch gewaschenen und
gebügelten Gardinen. Erinnerst du dich an die kleine Novelle "Das
schweigsame Fräulein"? :-)

Gute Nacht, mein lieber Mausfreund,
Malou



Sechs Jahre später



date 29 May  07:55
subject Re: :-)



Hallo Malou
Wo bleiben deine Mails? Du schreibst ein kurzes, und nimmst es gleich wieder zurück. Was soll das bedeuten? Sieht mir sehr nach mausfreundschaftlicher Vernachlässigung aus! Wenn nicht gleich Untreue!
Das stimuliert mich nicht gerade zu sprühenden Sätzen. Und das Wetter gleich nochmals nicht. Es regnet in Strähnen. Und das bleibt mir unverborgen, weil übers Wochenende unsere Putzfrau die Vorhänge zum Waschen mitgenommen hat. Ich sitze hier also so ähnlich, wie jene Damen des Rotlichtmilieus in Amsterdam hinter den grossen Fenstern. Mein Glück, dass ich im 2. Stock oben residiere. So läuft keine Kundin vor meiner Scheibe vorbei und zwinkert mir zu. Sie müsste fliegen. Und das tun - wie man weiss - Kundinnen doch eher selten.

Es ist nicht nur regnerisch. Es ist auch einigermassen frisch. Seit einigen Jahren ist die Gewohnheit entstanden, das Wetter mit statistischen Werten zu vergleichen. Und dann hört man Sätze wie: zu kalt für die Jahreszeit. Ich muss immer ein bisschen schmunzeln, wenn ich das höre. Und als konvertierter Katholik mit islamischen Einschlägen habe ich dann den Eindruck, sie wollten den lieben Gott kritisieren. Es gibt ja eine lustige Walliser Sage, die erzählt, weshalb die Walliser ihre Wiesen und Felder selbst bewässern, etwas, was ich dann auch wieder in den Bergen oberhalb Teheran gefunden habe. Petrus hatte die Walliser nämlich nach ihrer Unzufriedenheit befragt. Sie hatten nämlich reklamiert, wenn es regnete, weil daraus nur saurer Wein entstünde, und hatten ebenso reklamiert, wenn die Sonne brannte, weil dann die Wiesen und Felder eintrockneten. Petrus hat sie dann gefragt, wie sie es haben wollten. Der liebe Gott wolle es so gut wie möglich einrichten, er sei ja selbst praktisch ein Walliser. Als die guten Mannen das hörten, beschlossen sie, selbst zu wässern. Denn ein ausgewanderter Walliser könne das bestimmt nicht besser. Voilà, und seither müssen die guten Leute im Wallis jahraus-jahrein ihre Felder und Wiesen selbst wässern. Ich hatte einen Schulkollegen, der zeitweise die ganze Nacht unterwegs war wegen dieser Aufgabe. In den Dörfern gibt es eigentliche Stundenpläne. Und sie werden strikte eingehalten. Wer Wasser über die Zeiten hinaus auf sein Land leitet, ist ein Verbrecher und wird im ganzen Dorf geächtet. Das tut keiner, kann sich niemand leisten.

Und wenn ich dann aus dem trockenen Wallis jeweils bei meinem Grossmütterchen hier in Liestal in den Ferien weilte, war ich erstaunt, wie oft es regnen kann, wenn man den lieben Gott nur machen lässt. Regelmässig, wenn wir ins Städtchen einkaufen gingen, war der Asphalt nass. Auf den kleinen Wegen und in den Steinzwischenräumen wuchs echtes, weiches Moos. Die Strassen waren sauber und ohne Staub. Das fand ich doch alles ziemlich zivilisiert. Es war geradezu herrlich. Aber natürlich wurden die Ferienpläne auch oft unterbrochen oder verhindert durch schlechtes Wetter. Das war für mich neu und ungewohnt. Und dann gab es da noch diesen Unterschied, den ich wohl schon öfters beschrieben habe. Im Wallis war das Trinken eine wohlgeschätzte Sache. Jeder konnte das verstehen, wenn einer trank, auch wenn er ein bisschen zuviel trank. In der Hitze des Wetters war doch leicht möglich, dass einer ein paar Bier zu schnell schluckte. Und wenn er dann etwas laut und überschwänglich, lachten alle auf der Strasse und grüssten ihm vergnügt zu. Hier in Liestal würde ein Beschwipster auf der Strasse mit eiskalter Verachtung bestraft, dass ihm gleich der Schluckauf käme.

Und soeben höre ich im Kopierraum von meinen Mitarbeiterinnen, wie enttäuscht sie sind wegen des schlechten Wetters über die Tage von Auffahrt bis heute. Nicht mal ein kleines Barbecue könne man machen. Es sei eine wahre Schande. Ja, das Wallis hat es besser! Sie können dort jede Menge Barbecues machen. Und sie können mit dem lieben Gott hadern, weil er ihre Matten vertrocknen lässt.

Du meinst, es interessiere mich nicht, dass deine Gudrun umzieht. Na ja, erstens setzt du hinter 'beste Freundin' ein Fragezeichen. Allein daraus könntest du bestimmt ein Buch schreiben. ...

Ich hatte mal in Zürich für kurze Zeit eine Freundin namens Gudrun. Na ja, Freundin ist vielleicht viel gesagt. Sie war eine Bekannte, die zeitlich befristet in Zürich weilte. Wir haben uns zwei oder dreimal getroffen. Ist ja wirklich nicht viel. Sie war sehr anständig. In ihrem ordentlich aufgeräumten Zimmer hatte sie eine grosse Schale voller Zigarettenpäckchen HB. Und sie hatte einen persischen Freund, der im Iran lebte. Ich glaube, sie zeigte mir sein Foto. So platonisch war unsere Beziehung. Gudrun ist mir vor allem in Erinnerung geblieben, weil sie mich, bevor sie dann nach einigen Monaten wieder nach Deutschland zurückging, nochmals anrief, um ein kleines Abschiedsessen zu vereinbaren. Wir gingen - wohl auf meinen Vorschlag - in die Walliserkanne, ein dunkles Restaurant im Niederdorf, wo man vor allem Käsespezialitäten und ziemlich rustikale Dinge essen konnte. Sie war nett, meine Gudrun. Und ihr Name blieb mir immer ein Rätsel. Gudrun, das klingt irgendwie nordisch-geheimnisvoll. Na also, ist vielleicht eine etwas lose Assoziation zu deiner besten (?) Freundin Gudrun!

Ist schade, dass die 4 Tage Auffahrt bis Sonntag schon vorbei sind. Ich hatte ein bisschen im Garten gearbeitet. Im moment gehe ich in den Garten und lasse die kleinen Spaziergänge bleiben. Bloss gestern Abend war es so nass im Garten, dass ich meinen Spaziergang gemacht habe. Dabei hatte ich eine lustige Idee. Ich habe gedacht, dass diese Spaziergänge doch eigentlich Hundespaziergänge sind. Damit meine ich, dass Menschen, die einen Hund haben, solche Spaziergänge machen: regelmässig, kurz, täglich, gleiche Route. Und weil ich ja nun keinen Hund habe, ist mir ein Witz jenes etwas merkwürdigen Mannes eingefallen, der stets seine Zahnbürste an einer Schnur hinter sich hergezogen hat, um zu behaupten, das sei sein Hund. Er kam in die Psychiatrie und man versuchte, seinen Wahn zu heilen. Schliesslich war er soweit, dass er entlassen werden konnte. Im Schlussgespräch fragte ihn der Arzt, ober jetzt sicher und gewiss sei, dass dies eine Zahnbürste und niemals ein Hund sei, den er hinter sich herziehe. Es sei alles absolut klar. Das sei kein Hund, sondern eine Bürste, gab der Expatient zu verstehen. Man verabschiedete sich. Beim Gehen gab der Mann zu bedenken, dass er sicher sei, dass die Bürste kein Hund sei. Aber was gibt ihm die Garantie, dass die andern Menschen dies auch wüssten?

Kurz und gut. Wenn ich durch das Einfamilienquartier von I. walke, ziehe ich in Zukunft in Gedanken eine Zahnbürste hinter mir her. Das hilft meiner Motivation, überhaupt zu gehen und diese tägliche Mühe auf mich zu nehmen. Und natürlich hoffe ich von den Passanten, die mich sehen, dass sie glauben, dies wäre mein Hund. Es muss ja nicht gleich ein Berhardiner sein! Ich werden dann bestimmt an den Zaunecken stehen bleiben, um dem kleinen Köder die Gelegenheit zu geben, sein Geschäftchen zu machen. Soll ich bloss eine rote oder eine blaue Bürste nehmen?

Du siehst, wieviel Quatsch man in 15 Minuten schreiben kann. Ich hoffe, dass reicht bis Pfingsten?
MLG
...



Sonntag, 28. Mai 2017

mehr Hunger nach Liebe


Liebe Marlena

(---)

Dass ich manchmal zweifle, ob das richtig ist, was wir machen, das hörst du ja manchmal heraus. Es könnte nicht richtig sein, weil es dich davon abhält, einen guten Freund in Schweden für dich zu finden, weil es als platonische Liebe mehr Fantasie als Wirklichkeit ist, weil es vielleicht mehr Hunger nach Liebe als wirkliche Liebe ist, weil es kein konkretes Ziel hat, weil - wenn etwas dazwischen kommt wie unten (ich habe dies später eingesetzt, deshalb zitiere ich etwas, was noch kommen wird, echt kompliziert, nicht wahr, aber du wirst es schon kapieren, meine Liebe) erwähnt - es für den anderen sehr unerträglich und schmerzhaft wird.
Was mach ich denn falsch, dass du noch zweifelst? Was hättest du gesagt, wenn ich wirklich eine Geliebte hätte? Und was hättest du getan? Müssen wir noch einen § einführen: keine Geliebte daneben, nur die Ehe?? Das wäre für mich eigentlich kein grosses Problem. Ich mag §§, die so einfach sind.
Ich habe ein anderes Problem. Natürlich habe ich auch schon daran gedacht, wie es sein könnte, wenn du jetzt in Schweden ein weiteres verkanntes Genie triffst, das dritte notabene, darunter scheinst du ja nicht zu gehen, es müssen bei dir wohl immer gleich Genies sein, wie würde es sein? Du würdest dich dort verlieben und ich könnte nichts ausrichten, ganz und gar nichts. Deine Mails würden seltener werden und kürzer. Du würdest immer noch höflich sein, wie du ja bist, aber ich merke langsam, das blutrote Feuer erlöscht. Das wäre vielleicht dann das, was du "Freunde sein" nennst. Aber mir graut es ein Bisschen davor. Unsere ersten vier Monate waren so intensiv und so wunderbar und erfrischend und lebendig, dass ich vielleicht auch nicht darunter gehen kann. Ich weiss es nicht. Es ist so eine Befürchtung. Oder vielleicht würdest du einen Freund kennenlernen, aber du würdest es mir nicht sagen, weil du mich nicht beunruhigen willst. Und je länger desto mehr würdest du die Gefühle mehr spielen, als dass du sie noch echt fühlst. Aber ich denke alles in allem: eine richtige Liebe ist doch noch schöner als so eine Mausliebe. Da sind wir uns doch einig? Und das ist meine Befürchtung, verstehst du? Ich habe das Gefühl, ...  wenn du einen feinen Freund findest, wirst du ihn mit deinen starken und schönen Gefühlen sosehr lieben, dass ich daneben keinen Platz mehr habe. Du bist ja monogam, hast du gesagt. Und ich glaube auch, wenn man richtig liebt, ist man monogam. Dann hat keine zweite Person wirklich Platz. Und so fürchte ich ein bisschen, dass ich dein Begleiter sein darf, solange du dort oben einsam bist. Aber wenn das grosse Feuerwerk mal kommt, dann bin ich nicht mehr auf deiner Lohnliste.
Verstehtst du, wenn du sagst: wir können uns sehen, wenn wir Freunde sind, dann mag ich das eigentlich nicht sehr, weil Freunde sein für mich und verglichen mit unserer 4 monatigen Vergangenheit ein sehr mageres Programm darstellt. Was ist denn schon eine Freundin, wenn es eine Geliebte sein könnte. Ich bin ein barocker Skorpion. Ich möchte alles und ich möchte es auch noch intensiv. Ich mag nicht so sehr halbe Sachen. Und du kleines Krebslein würdest mir so gut gefallen und wir würden bestens zusammenpassen, wie wir gehört haben. Es wäre echt ein Hit, wir zwei. Und in 8 Jahren, wenn ich in Pension gehe, dann ist alles vorbei, dann ist es zu spät.
Ist darin nicht auch etwas Tragisches. Ich habe heute gesagt, du hast ...



Freitag, 26. Mai 2017

Erich Kästner, ein Mustersohn


(R)
 

Liebe Marlena
Ach, das war eine Geschichte von Erich Kästner! An ihn hätte ich jetzt
wirklich nicht gedacht. Kästner war nun ja in der Tat einer, der viele
heimliche und unheimliche Geliebten hatte.
...
Erich Kästner, den ich im Übrigen sehr schätze, hatte nun bestimmt
seine Probleme mit den Frauen. Es ist bekannt - und sicherlich weißt
du das auch Marlena - dass er einen echten Mutterkomplex hatte.
Man kann das ja in seinen Kinderbüchern nachlesen, wie der
Mustersohn sich um seine tüchtige und sich aufopfernde Mutter
bemüht. Kästners Mutter, das muss seine unheimliche Geliebte
gewesen sein. Noch in fortgeschrittenem Alter hat er ihr täglich
geschrieben, täglich, meine Liebe, und hat ihr seine schmutzige
Wäsche geschickt und über all seine Liebschaften offenherzig erzählt.
Er konnte wunderhübsche, charmante Briefe schreiben, unser Erich
Kästner. Und so hat er sein Leben lang nicht geheiratet. Ich habe mal
ein Büchlein rezensiert, in welchem seine Freundin Kästners Briefe an
sie und ihren Sohn aus dem Tessin veröffentlicht hat. Kästner hatte
Alkoholprobleme und war im Tessin zur Kur. Allerdings hat er sich
dort regelmässig den Whisky im Teeglas servieren lassen.
Diese Briefe, so kann ich mich erinnern, waren sympathisch und
lebendig, wie man sich Kästner nun mal vorstellt. Aber eines hat
mich gestört. Er hat seiner Freundin und Mutter seines Sohnes
immer wieder Geld geschickt in kleinsten Portionen und hat immer
wieder von diesem Geld gesprochen. Das fand ich echt kleinbürgerlich
und irgendwie knauserig. Er war doch damals kein armer Mann mehr!
Aber sonst ist er schon ok, unser Kästner, ein grosser Humanist und
ein guter Pädagoge.
Es gibt eine eindrückliche Stelle in seinem biographischen Buch
"Als ich ein kleiner Junge war", wo er beschreibt, wie für ihn das
Weihnachtsfest stets eine Marter war. Die Mutter hatte Geschenke für
ihn und der Vater hatte Geschenke für ihn. Und er als sensibles Kind
hatte den Hochseilakt zu bestehen, seine Dankbarkeit und seine
Aufmerksamkeit auf beide Elternteile gleichmässig zu verteile, um
nicht den einen vor dem anderen zu vernachlässigen. Er muss das
gewesen sein, was man in der Familientherapie ein drianguliertes
Kind nennt, also ein Kind im Dreieck mit seinen Eltern, parentifiziert
und schwer mit Erwachsenenproblemen belastet. Es gibt ja heute
noch die Hypothese, dass er vielleicht ein unehelicher Sohn, das Kind
mit dem Hausarzt der Familie, gewesen sein könnte, dass also sein
Vater, ein einfacher Handwerker, nicht wirklich sein Vater gewesen
wäre. Aber, das wollen wir diesem guten Erich Kästner lassen, er hat
das beste daraus gemacht. Seine Jugendbücher sind heute noch
wundervoll zu lesen. Kürzlich gab es eine Fernsehsendung, in der
einige ehemalige Geliebte Kästners zu Wort kamen. Sie sind heute
alle Damen in hohem Alter und sehen nicht mehr allzu blühend aus.
Aber alle haben über ihn mit viel Respekt und Begeisterung
gesprochen, keine schien mir irgendwie enttäuscht oder beleidigt
gewesen zu sein. Er muss sie wirklich verwöhnt haben und muss
ein charmanter Liebhaber gewesen sein. Er wäre darin wirklich ein
gutes Vorbild für mich.
Dass sich also Kästner in seiner Geschichte als Künstler mit einer
deutlich jüngeren Frau beschäftigt, ist durch sein Leben gut
motiviert. Ich denke, die Frauen waren ihm insgesamt etwas
unheimlich und überwältigend. Und so ein junges hübsches
Fräulein war leichter zu "apprivoiser", zu einem Teil seiner selbst
zu machen. Er gibt seinem schweigsamen Fräulein zum Schluss
der Geschichte unendlich viel Macht. Je weniger sie sagt, desto
mehr ist er ihr ausgeliefert und mit ihr verstrickt.
...
Und die Moral der Geschichte? Soll ich mich hüten, mich in Zukunft
zu sehr in Texten, Gedanken und Erzählungen zu verausgaben?
Vielleicht muss ich mich mehr zurückhalten, mich mehr auf die
Zeichnung konzentrieren, und die grossen Worte beiseite lassen.
Doch irgend einmal wird die Zeichnung zu Ende sein. Und dann
werden wir sie über dem Sofa aufhängen. Über welchem Sofa, das
wird dann die grosse Frage sein!

Weißt du, warum ich Zeichnen und Malen sosehr mag? Weil man
dabei einen sogenannten "Flow" erleben kann. Ich vergesse die
Zeit, ich kann so vertieft sein in das, was ich tue, dass ich in einen
paradiesischen Zustand gerate. Es ist wie eine Ekstase, ein Art von
Somnambulismus, oder wie kann man das nennen? Das gelingt
natürlich nicht jedesmal.
Manchmal bin ich auch sehr unzufrieden und verärgert, wenn mir
das Werk nicht gelingen will. Das geschieht vielleicht noch häufiger
als dieser Flow. Doch letzeres ist eine Art Jungbrunnen. Du fühlst
dich nachher so, wie du dich nach der Sauna fühlst, oder nach einem
Autogenen Training oder einer Akupunktursitzung. Du fühlst die
ganze Leichtigkeit des Seins.



Mittwoch, 24. Mai 2017

"Auffahrt" und Banntag


Liebe Malou

(---)

Heute haben wir Mittwoch. Das Wetter ist ziemlich freundlich, eigentlich gutes Maiwetter. Und ab Morgen haben wir doch schon Wochenende. Ist es nicht toll, dass er 'aufgefahren' ist? Davon stammt ja doch die 'Auffahrt'. Schade, dass nicht mehr Menschen zu verschiedenen Tagen im Jahr echt aufgefahren sind. Das hätte uns mehr Feiertage gebracht. Es gibt doch schöne Gemälde, die Marias Himmelfahrt zeigen. Die haben mir immer gut gefallen. Und ich hatte den Eindruck, dass die Weltraumfahrt und all die NASA Dinge eigentlich uralt seien. Vor allem mag ich jene Bilder, die noch um die ominöse Wolke, mit der Maria aufsteigt, rund viele Menschen und Figuren zeigen, die die Auffahrt zu einem echten Happening machen.
Und am Freitag sind dann die Büros der Verwaltung offiziell geschlossen. Man darf natürlich arbeiten, aber für das Publikum sind sie geschlossen.
In unserer Gegend finden an Auffahrt in vielen Gemeinden Banntage statt. Da gehen die Bewohner der Gemeinde in einem folkloristischen Zug rund um und schreiten die Gemeindegrenzen ab. Ich glaube, diese Tradition kommt aus einer Zeit, als die Grenzsteine gerne versetzt wurden, um damit die eigenen Äcker zu vergrössern. Heute ist das nicht mehr der Grun. Übrigens hat Liestal seinen Banntag am Montag gehabt, eine Ausnahme, auf die sie sehr stolz sind.

Obwohl ich jetzt ungefähr 25 Jahre hier wohne und arbeite, war ich nie an einem solchen Anlass gewesen, obwohl immer wieder Männer die Bemerkung gemacht haben, sie würden mich einladen. In Liestal muss man dazu eingeladen werden. Und man muss Mann sein. Das weibliche Geschlecht ist nicht zugelassen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich nie auf eine solche Einladung eingegangen bin. Der Abmarsch der Männer in Viererkolonne, das Knallen mit alten Gewehren, das singen von vaterländischen Liedern: ich hatte mir das nie als sehr erstrebenswert vorgestellt. Doch andererseits gibt es Leute, die behaupten, um in Liestal Kontakte zu schaffen, müsse man am Banntag teilnehmen. Das hingegen kann ich einsehen. Es ist wie im Wallis. Wenn man mal mit jemandem ein Glas zuviel getrunken hat, ist man auf ewig sozusagen miteinander verbunden.

Ich habe beinahe vergessesn, das Ding zu versenden. Man wird hier so leicht abgelenkt.

Ich wünsche dir schöne Auffahrt. Aber bitte, fahr nicht zu hoch ...

MLG

...



subject: Gut geschützt




Ach,  mein lieber lustiger Mausfreund!

Da finde ich wieder ein so humoristisches Mail, das mir den Tag
verschönert. Na ja, nicht nur humoristisch sondern auch ein wenig
lästerlich. Aber wie du ja weisst, vertrage ich ziemlich gut auch
Spass über solche Dinge (schon von K daran gewöhnt ;-)

So so, du steckst sie wirklich ins Gefrierfach, deine heissen Briefe..
und nachher legst du sie wohl in die Microwelle?

Ich schliesse meine ein, in ein kleines Schmuckkästchen, das ich in
meinem Herzen trage. Dort sind sie gut geschützt gegen alle Angriffe
der Zeit. Der Inhalt bleibt intakt. Klingt das nicht schön? Eine Liebe
die nie verdirbt?

Ja, wir haben schon wieder Feiertage. K kommt heute nach Hause. Wenn
das Wetter etwas besser wird, werden wir uns im Garten zu tun machen.
Sonst haben wir nichts Besonderes vor.

Der Verlust meiner wertvollsten Bilder schmerzt mich immer noch, aber
jetzt wie ein Dorn in der Haut, nur wenn ich ihn berühre. Du könntest
meine Pein ein wenig lindern, indem du mir die deinen nochmals
schickst.

Ich muss mich jetzt ein wenig hier beschäftigen. Wenn mir Zeit übrig
bleibt, schicke ich dir noch ein paar Zeilen.

Bis dahin alles Liebe,
Malou




Donnerstag, 18. Mai 2017