Sonntag, 9. April 2017
Early morning tea
Ämne : early morning tea
Datum : Mon, 15 Oct 05:36
Liebe Marlena
Deine Bemerkung über die Staubigkeit habe ich sehr gut kapiert. Und ich
glaube, dass Du damit auch recht hast. Es ist so und keine Ziege vermag es
wegzulecken (eine schweizerische Redensweise). Die Büroatmosphäre, die
Adresse, alles hemmt mich ein wenig. Und seit Du gesagt hast, dass bei Euch
alles, was über den PC geht, sei eigentlich öffentlich, hemmt es mich noch
mehr. Ich kann es im Moment nicht ändern. Aber ich bin über Deine Bemerkung
auch nicht beleidigt.
*
In Sachen Sartre und de Bouvoir scheinst Du Dich auszukennen. Meine
Schwester ist auch eine grosse Verehrerin der B. Und als mir die Parallele
durch den Kopf ging, habe ich sehr wohl bemerkt, dass der Vergleich hinkt.
Er hinkt natürlich auf mehr als einem Bein. Aber bei grosszügiger
Betrachtung könnte man - mit etwas gutem Willen - schon eine kleine Analogie
finden. Eine klitzekleine. Ich habe - offen gesagt - Deinen Widerspruch
damals, als ich es geschrieben habe, vorausgeahnt, und beim Tippen leicht
geschmunzelt. Schon fast schadenfreudig, nicht wahr?
*
Die veränderte Welt hat auch einen Namen. Globalisierung. Alle reden davon,
mit den unterschiedlichsten Vorstellungen. Man sagt ja, der Durchbruch wäre
1989, anlässlich des Falls der Berliner Mauer, geschehen. Damals sei die
Aera des Kalten Krieges zu Ende gegangen. Und dann haben wir gehofft, dass
mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion friedlichere Zeiten kommen. Und jetzt
haben wir den internationalen Terrorismus, der alle verunsichert und
unglücklich macht.
Natürlich habe ich immer versucht, die Veränderungen vorauszuahnen, zu
verstehen, wie sich die Zukunft gestalten wird. Es gibt ja zur Zeit wieder
unzählige Propheten und Wahrsager, soviele, wie ich glaube, dass es sie
lange nicht mehr gegeben hat. Aber sie waren auch nicht nötig, denn die Welt
verlief einigermassen in ruhigen Bahnen. Doch jetzt ist sie aus den Fugen.
Und ich bin überzeugt, es wirkt sich bis in die intimsten Winkel unserer
Existenz aus.
Wir haben versucht, uns an den Gedanken, vielleicht sogar an die Realität
von AIDS zu gewöhnen. Das war schlimm genug, so dass die meisten Menschen
gar nicht richtig daran denken. Und nun kommt diese offene Bedrohung eines
chemischen Krieges. Es ist horribel. Und man bedauert in tiefsten Herzen,
Kinder auf diese Welt gesetzt zu haben.
Vielleicht ist dies einer der Gründe, weshalb mein Schlafbedürfnis in
letzter Zeit so hoch geworden ist?? Am liebsten würde man an all diesen
Horrorgeschichten und -szenarien in ruhigen, tiefen Atemzügen vorbei
schlafen.
*
Ja, der 95. Geburtstag war ganz nett. S hat ein feines Essen gekocht.
Wir haben auch meinen Vater mitgenommen, denn meine Mutter ist zur Zeit
im Spital. Doch er hört nicht gut und spricht recht laut, was mir mehr oder
weniger auf die Nerven geht. Na ja, 2 oder 3 Stunden kann ich das schon
schlucken. Aber länger lieber nicht. Mein Onkelchen dagegen ist ein ruhiger
und diskreter Typ, der sich in der Konversation nicht so aufdrängt. Mein
Vater ist ein technischer Mensch, ein Schwarz-weiss-Denker. Alles ist
entweder richtig oder falsch. Onkelchen dagegen hat durchaus Verständnis für
die feinen Nuancen der Realität und des Lebens. Und das mag ich doch alles
in allem viel lieber. Zum Schluss dieses milden Herbstabends haben wir
unsere Torte angeschnitten, und dazu einen Irish Coffee geschlürft.
Mittlerweile hat S die Meisterschaft in der Zubereitung dieses belebenden
heissen Nektars erreicht. Doch sie mischt ihn praktisch nur gegen
Rezept, wie jede seriöse Apotheke.
*
Nun muss ich mich dem kommenden Tag widmen. Wir haben unsere Sitzung
in Basel. Und ich muss noch ein paar Vorbereitungen treffen.
Und Du hast frei, Glückspilz!
Mit einem lieben Gruss
...
Samstag, 8. April 2017
Mitternachtsblues..
Ämne: Mitternachtsblues..
Liebster Mausfreund,
Danke für dein schönes Mail. Es hat mich gefreut dass du mir noch heute
geschrieben hast denn es ist eine ziemlich trostlose Zeit und ich brauchte ein
bisschen Ermunterung. ;
*
Du hast mir von Sartre und Simone de B. erzahlt und so habe ich eine alte
Videocassette hervorgesucht mit einem Dokumentar über Simones Leben und
besondersihre Liebesgeschichte mit einem Amerikanischen Schriftsteller, Algren.
Sie hat diesen Mann sehr geliebt und vielleicht war es das erste Mal dass sie eine
richtige Lieber erlebte. Und dabei hat es mich gewundert dass sie ihn nach 14
Jahren plötzlich verlassen hat um zu Sartre zurückzukehren "weil er sie brauchte".
Später hat sie dann sogar zwei Liebesbriefe von Algren in ihren Memoiren
veröffentlicht was ihn sehr verletzt hat. Du sagst Sartre und Simone haben sich
von ihren Liebschaften erzählt. Haben wir beide je was ähnliches getan? Nein,
das glaube ich nicht. Ich wiürde mich nie mit einem Mann über das Privatleben
eines anderen Mannes unterhalten. Auch nicht mit einer Frau. Aber es freut mich
wenn du meinst ihr Verhältnis erinnert dich ein wenig an unsere Mausfreundschaft.
Ich glaube sie waren tief mit einander verbunden und sind es ihr Leben lang
geblieben. Du hast recht. Er ist wirklich nicht schön. Muss denn ein Mann
schön sein?
*
In Gedanken sehe ich dich vor mir mit der "explosiven" Torte in der Hand durch
die Strassen gehen und ich muss schmunzeln. Ein so hohes ehrwürdiges Alter hat
dein Onkelchen schon erreicht? Sicher habt ihr seinen Geburtstag richtig schön
gefeiert.
Wenn du mir was von ihm erzählst denke ich immer an meinen eigenen geliebten
Grossvater und an meinen wunderbaren Schwiegervater. Beide waren etwas ganz
besonderes und ich vermisse sie immer noch.
*
Erinnerst du dich, dass du noch vor ein paar Wochen von einer neuen
"veränderten Welt" gesprochen hast. Und nie hätten wir wohl ahnen können wie
sehr sie sich mit einem Schlag verändern würde. Unsere Erde ist auf einmal eine
weniger schöne Stelle geworden. Wenn ich den blinden Hass in den Augen der
religiösen Fanatiker sehe dann kriege ich Angst. Nicht nur vor ihnen sondern vor
meiner Reaktion auf diese Bilder.
Warum ist es so schwer ein guter Mensch zu sein?
*
Ich frage mich gerade ob ich nun wieder dabei bin einen "geistesabwesenden"
Brief zu schreiben. Und wahrscheinlich werde ich mich jedesmal wenn ich dir
schreibe diese Frage stellen und meine Spontanitat (falls es eine gibt) wird
darunter leiden.
In einem Mail neulich hast du noch einmal dieses "staubig" erwähnt. Vielleicht
habe ich dich verletzt damit. Aber dann hast du mich völlig falsch verstanden.
Du schreibst immer wunderbare mails und seit einiger zeit auch von dieser
adresse.
Aber früher war es nicht so. Wenn ekd als Absender stand dann konnte ich sicher
sein dass ich nur ein paar ziemlich unpersönliche Zeilen finden würde, sehr
trocken und offiziell unterschrieben mit Gruss .... Das habe ich dann eben staubig
genannt. Deine normalen Mails sind doch nicht staubig. sie sind alles andere als
das. Aber ich will dich nicht zu viel loben. Übrigens würde mein Wortschatz
nicht ausreichen .. und du bist eitel genug...
*
So mein lieber ... Ich lasse dich nun (Je te laisse). Schreib mir bald wieder.
Ich freue mich schon darauf.
Ich umarme dich und wünsche dir einen guten Start in die neue Woche,
Love
Marlena
Datum: Sun, 14 Oct 2001 22:30
ok ok
Ämne : ok ok
Liebe Marlena
Oh Gott, so beginnst Du. Das verspricht einige Erschütterung, wenn nicht gar
Leidenschaft. Und in der Tat wird es so etwas wie eine fulminante
Verteidigungsrede.
Aber es ist doch durchaus möglich, dass etwas von innen anders aussieht wie
von aussen!
Wenn ich sage, Du handelst oder schreibst clever, meine ich das nicht
schlecht oder hinterlistig, sondern eben clever. Vielleicht bist Du eben
unabsichtlich clever. Das ist ja durchaus möglich bei einer intelligenten
Person. Ist sogar wahrscheinlich, dass man intuitiv sehr clever sein kann.
Das glaube und hoffe ich. Soviel verspreche ich mir von der Intuition doch
sehr. Intuition ist eine Art, sehr umfassend zu kalkulieren, dh. sehr viele
Faktoren in die eigene Aktion einzubeziehen. Intuition ist oekologisch
sozusagen. Ich glaube, dass ich sehr oft intuitiv reagiere. Manchmal auch
mit schlechtem Gewissen und mit viel Erklärungsnot gegenüber Mitmenschen und
Mitarbeiter. Wenn Du es nicht magst, ich hoffe doch sehr, ich selbst sei ein
bisschen clever. Vielleicht hörst Du aus dem Wort Egoismus? Das meine ich
nicht unbedingt.
*
Zur Zeit lese ich ein kleines Büchlein über Simone de Beauvoir und Jean-Paul
Sartre. Das sind zwar tempi passati, aber es ist doch ganz amusant, denn
Sartre war in meiner Jugend DER grosse Philosoph, den wir alle bewunderten.
Ich habe sein Hauptwerk "L'être et le néant" mit einiger Hingabe gelesen,
mindestens doch einige Kapitel angelesen. Er war mir aber weniger
verständlich als Heidegger.
Doch was ich sagen wollte: Wenn ich über das Verhältnis der beiden lese,
dann geht mir da und dort unsere Mausfreundschaft durch den Sinn. Es ist
mittlerweile einiges aus ihrem Nachlass aufgetaucht, was man früher nicht
wusste. Die beiden haben nach ziemlich kurzer Zeit absolut platonisch
zusammengelebt und sich ihre auswärtigen Liebschaften in allen Details
genüsslich erzählt oder geschrieben (machen wir ja quasi auch). Sie haben
sozusagen aus Entfernung Nähe hergestellt. So ist ihre petite famille
entstanden. Simone musste sich allerdings für dieses Lebensprojekt von ihrer
eigenen Familie loskämpfen. Und ihr adeliger Vater hat seine Tochter
offenbar erotische "Hure dieses Wurms" genannt. Sartre war in der Tat
hässlich wie ein Wurm. Und wer so hässlich ist, muss sich im Leben doppelt
anstrengen. Hat er gemacht, mit einigem Erfolg.
*
Ja, ich habe die Flasche doch noch gefunden. Sie lag wirklich ganz zuunterst
und versteckt. Deine Begründung ist "gut", um (diesmal) nicht zu sagen
"clever".
Eigentlich ist es lustig. S mag es auch nicht, wenn ich irgend ein
Vorgehen, eine Art, wie sie etwas angepackt hat, "clever" nenne. Sie hat
genau dieselben Vorbehalte wie Du, indem sie sagt, das sei nicht Berechnung,
das sei nicht (hinterlistige) Raffinesse -- was ich damit eigentlich nicht
gemeint hatte. Ein Mann würde "cleverness" sofort als Kompliment
akzeptieren. Why are women not more like men? (Dr. Higgins in my fair lady).
*
Heute feiern wir Onkelchens Geburtstag, sage und schreibe 95 Jahre. Er hat
allerdings erst am Mittwoch seinen Tag. Aber am Mittwoch können wir nicht
hinfahren. Ich habe heute morgen eine Ste Honorée Torte in Basel geholt. Das
ist so was wie süsse Luft, mehr Imagination als wirklich etwas
Substanzielles zwischen den Zähnen. Aber die Conditorei in Basel ist berühmt
dafür. Ich musste das Ding gestern bestellen und habe es heute wie eine
Bombe vor mich her haltend heimtransportiert.
*
Ich beneide Dich um die zwei freien Tage. Und wenn das Wetter so schön und
mild ist wie bei uns, beneide ich Dich aus tiefstem Herzen. Es ist die Zeit
für gemächliche Wanderungen in der Nachmittagssonne, in den Alleen, wenn die
Blätter treiben. Oder um im Garten Laub zusammen zu rechen? Auf jeden Fall
ist die Luft voller Melancholie, und ein Schluck Ermitage mit frischen
Nüssen wäre echt eine Medizin.
*
Mit einem lieben Gruss von Deinem klugen Kopf
...
Dein ceterum censeo habe ich nicht übersehen, aber ich kann es von hier aus
wirklich nicht öffnen. Ich muss es zuhause versuchen. Geduld, meine liebe,
ist die Mutter grosser Dinge.
Freitag, 7. April 2017
Nicht nur seelisch..
Lieber ...,
Oh Gott, wie weit du dich von meinem ursprünglichen Bild von dir entfernt hast.. das erste also. Gerade weil du so klug erschienst, so "unverdorben" ;-) bin ich hängengeblieben, oder wie man sagen soll.
Und nun kommst du mir mehr harroisch vor als Harro selbst und ich weiss nicht mehr richtig wer du eigentlich bist.
Geistesabwesend war ich vorige Woche??? Willst du mich ärgern? Oder beherrsche ich meine Sprache so schlecht dass du nicht spüren kannst wie anwesend ich bin??
Und clever. Wenn du damit meinst dass ich kalkulierend bin dann ist das ganz falsch. Ich weiss dass es Leute gibt die sich ein Ziel vorsetzen und dann ziemlich tricksen um es zu erreichen. So bin ich nie gewesen. Bei mir geschieht das meiste etwas unbewusst. Wenn ich mal einen Erfolg habe, was mir im Beruf öfters passiert ist, dann bin ich irgendwie darüber gestolpert und wusste meistens nicht wie ich dazu kam. In der Liebe würde ich auch nie List verwenden. Entweder liebt man mich oder man lässt es sein. Es hat nichts mit mir zu tun. Schau, ich habe Männer gekannt die alles hatten was man sich von einem Partner hätte wünschen können. Ich habe es deutlich gesehen mit meinem Verstand und ich wusste dass ihre Gefühle für mich sehr tief waren und trotzdem konnte ich mich nicht in sie verlieben. Sie hätten diese Tatsache nicht ändern können.
Aber wie bin ich denn auf dieses komische Thema gekommen. Und wenn ich sehe was ich hier geschrieben habe dann scheint es ja beinahe als wäre ich richtig böse was doch nicht der Fall ist.
*
Es riecht ganz wunderbar hier. Zeit zum Abendessen. K hat schon seine Weinflasche(n) aufgekorkt. Ach, ja! Hast du sie nicht gefunden? Ich hatte sie ganz unten im Korb flach gelegt damit du das andere auch beachten solltest...
*
Man rezensiert den neuen Film "Moulin Rouge". Und man sägt ihn total, "an den Fussknöcheln" wie wir sagen, nur um dann am Ende zu sagen: "Es gibt gute Gründe diesen Film nicht zu mögen. Dass man ihn trotzdem liebt beruht auf einer Variante von Einsteins Relativitätstheorie die sagt, dass die Geschmacklosigkeit, wenn sie weit genug getrieben wird, sich selbst überwinnt und zu einer Qualität wird."
Ich wünschte mir dasselbe von diesem Mail.
Mit einem lieben Samstagabendgruss
Marlena
Ceterum censeo fotofolder... esse!
Re: Picknick
Ämne : Picknick
Liebe Marlena
Ich möchte aber nicht klug werden! Wozu klug! Weshalb ich? Nur nicht klug.
Und ich habe auch nicht die Gefahren analysiert, sondern das Wesen des
romantischen Anfalls sozusagen, dieser sackgassenartige Gefühlsüberschuss.
Nein, um die Gefahr ging es absolut nicht. Und mit Rom, na ja, mit Rom hat
das nicht soviel zu tun. Ich bin immer noch überzeugt, Rom wäre ein gutes
Fest gewesen. Eine Episode zwar, ein Momentum, aber doch unvergesslich.
Deine lebenspraktische Vernunft ärgert mich geradezu.
Immerhin nasche ich aus Deinem Picknick-Korb und suche mir die besten Stücke
raus. Wo ist denn der Wein? Und lecke mir die Finger. Deine
Eifersüchteleien, ach Marlena, Du bist einfach eine clevere Frau, sie sollen
so etwas wie einen bescheidenen Machismo auf kleinem Feuer warm behalten?
Das ist nicht nur clever, das ist geradezu klug.
Letzte Woche warst Du geistesabwesend, hatte ich den Eindruck. Und ich
selbst, nun ja, ich war sehr beschäftigt hier im Büro mit allerhand
Herumliegendem. Denn Schulferien ist immer eine gute Gelegenheit, solche
Dinge umzubeigen. Das heisst, richtig, von einer Beige auf die nächste zu
legen. Für den Fall eines Falles. Man findet dabei unverschämt interessante
Dinge. Alte Artikel und Papiere, die man schon verloren geglaubt. Oder sie
gänzlich vergessen.
Soweit sogut.
Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende
...
Dienstag, 4. April 2017
Re: Dein Bild
Ronda
Ämne : Soulagement
Liebe Marlena
Trotz des tristen Wetters und Deiner nach Eukalyptus lechzenden Erkältung kannst Du solch ein Mail schreiben! (ein!)
Manchmal muss man Dich wirklich etwas kitzeln, damit Du aus Dir rausgehst und Deine Genialität in der Sonne zu gleissen geruhst!! (zwei!!)
Es ist schon länger her, dass ich über eines Deiner Mails so sehr geschmunzelt habe. Und das hängt nicht bloss daran, dass Du Dir dieses Mal meine Nase vorgenommehast!!! (drei!!!)
Es ist eigentlich mehr, WIE Du schreibst. Und Du kannst es meisterhaft. Die Gedanken und Dinge nach Deiner Art in überraschende Zusammenhänge zu bringen, das ist echt zum Schmunzeln. Und manchmal klingt es ein wenig mammahaft! Auch das hat Charme.
Zumindest hat es meinen baudelairschen Weltschmerz etwas aufgehellt. Und dazu kommt das feine Herbstwetter hier. Es ist zur Zeit, wenn die Morgennebel sich verziehen, alles sehr klar und himmelblau und herbstwarm.
Es ist eine wunderbare Zeit. Ich habe stets rundum behauptet, der Herbst wäre meine Zeit. Jedes Jahr muss ich dies neu bestätigen. Und wenn dazu noch Früchte kommen, die feinen Chasselas-Trauben beispielsweise, die mein Bruder vor ein paar Tagen in einer Kartonschachtel vor die Türe gestellt hatte!
Zwetschgen liebe ich besonders. Das war nicht immer so. Aber in den letzten 10 Jahren haben sie sich zu meinen Lieblingen aufgeschwungen. Jetzt könnte man lange Jura-Wanderungen machen. Es wäre die beste Zeit. Im Wallis würden wir in die Gegend von Zeneggen hinauf wandern, um dort eine Raclette zu bereiten. Die goldleuchtenden Lärchen, der Geruch des trockenen Waldes und die gepfefferte Raclette zu ein paar Gläsern Fendant, und das alles unter dem klaren Walliser Himmel, das wäre was vom Schönsten.
Klar, ich hätte auch mit einer der 59 Frauenzimmer (oder muss ich sagen
Adressen) abgehauen sein können! Nach einem unendlich langen und qualvollen
Würfelprozess, welche denn Opfer dieses romantischen Anfalls sein dürfe. Und
nach diesen dämlichen Qualifikations- und Selektionsprozessen hätte ich die
Schönste am Handgelenk genommen und wäre hinunter nach Ronda durchgebrannt.
Hemingway meint, Ronda eigne sich für ein solches Unternehmen besonders.
Ronda also hätten wir uns geleistet und wären im Hotel gleich neben der
tiefen Schlucht abgestiegen, dort wo man vom ehemaligen Strassenräubernest
in die waldige und hügelige Landschaft hinunter sieht. Und wir hätten zum
spanischen Wein diese riesengrossen und etwas groben Plätzchen gegessen, die
sie in Spanien den Stieren praktisch lebendigen Leibes aus den Lenden
schneiden. Inkognito wären wir auf Rondas Flaniermeile Arm in Arm auf und ab
gegangen, hätten auf die Welt und ihren unglücklichen Lauf gepfiffen und
stattdessen in der wunderhübschen kleinen Arena ein paar blutig-schöne
Corridas besucht.
Und zwischendurch hätte ich mit meiner schönsten Rothaarigen im Hotelzimmer
die Decken aufgewühlt und Bettgestelle flachgelegt. Ein bisschen barock
alles, zugegeben. Ungefähr so wie ein gute Flasche Malvoisie, prickelnd,
komplex und lebenslustig.
Doch, meine liebe Marlena, wie kann ich erklären, dass ich nach drei Tagen
bereits wieder zurück bin?? Der romantische Anfall berücksichtigt nur den
explosiven Entschluss, die hastige Abfahrt, den brennenden Wunsch,
wegzukommen. Doch wie kommt man wieder zurück? Reuigen Herzens? Asche
auf dem Haupt? Triste und voller Schuldgefühle? Oder einfach so, indem man
morgens wieder im Büro sitzt und die aufgelaufenen Pendenzen angeht? Die
Rückkehr ist ziemlich heikel, nicht wahr? Die Romantik denkt nicht an
Rückkehr, wenn sie denn überhaupt denkt! Sie denkt nämlich auch nicht daran,
lebenslänglich in Ronda auf und ab zu gehen. Man müsste dann ja gelegentlich
mit der nächsten der 59 zum nächsten Ort abhauen. Vielleicht nach Rom mit
einer Blonden, nach Paris brunette und Casa Blanca schwarz?
Ich bin also von Ronda zurück!
Mit einem lieben Gruss
...
Datum : Thu, 11 Oct 10:01:18 +0200
Montag, 3. April 2017
Dein Bild
Ämne : Soulagement
Lieber Mausfreund,
Wie schön dich wieder zu sehen. Ich war schon etwas unruhig. Ein bisschen wie eine Frau die ihren Mann nach der Arbeit zu Hause erwartet und er taucht nicht auf. Mehrere Tage lang bleibt er weg, ohne dass du weisst ob ihm etwas Schlimmes passiert ist oder ob er mit jemanden abgehaut ist. ;-)
Und du erinnerst dich noch an Dinge die ich selbst fast vergessen habe. Ja, nach einem Bild von dem Platz unter deinem Fenster hatte ich dich mal gefragt. Und nach einem Bild von dem Brunnen vor deinem eigenen Haus. Aber weisst du, wenn du die Aussicht von deinem Bürofenster so beschreibst wie in dem Mail heute dann brauche ich eigentlich kein Bild. In meiner Fantasie ist es wahrscheinlich schon wirklicher als es eine fotografische Abbildung zeigen könnte.
Ich glaube es ist nicht gut lange mit dem Gefühl "ich sollte eigentlich" herumzugehen. Entweder muss man ganz vergessen was man tun sollte oder es eben ziemlich schnell erledigen. Sonst kommt zuviel zusammen das Stress verursachen kann. Na ja, ich rede. Reden ist leicht, tun etwas ganz anderes.
*
Ja, ich weiss schon. Du bist etwas asozial hinter der Fassade. Sind wir ja beide sonst würden wir uns nicht schreiben. Und dieses wertvolle Foto von dir, dieses einmalige habe ich nicht genug gelobt? Also muss ich es wohl nochmals versuchen. Vielleicht geht es ohne S und M einzumischen.
Erstens siehst du auf dem Bild sportlich aus. Du könntest sehr gut einer dieser hormonstrozenden Harros sein, die man im heutigen ST finden kann. Vielleicht ist es das T-shirt das es macht. Dann liebe ich dein Kinn. Es sieht sehr männlich aus. Ich habe schon immer eine Schwäche für diese Art von Kinn gehabt. Darüber deine schön geformten weichen Lippen. ...(Zensur)... Deine Nase ist fotogenique. Und deine Augen. Es hat mich etwas überrascht dass sie so hell sind. Ich würde sie gern live sehen. Und wenn ich dir so in die Augen schaue dann bin ich mir bewusst dass ich das im real life kaum wagen würde. Und dann versuche ich das Bild von dir, das ich in mir trage, mit dem auf dem Foto in Einklang zu bringen. Ich weiss doch dass du aus Fleisch und Blut bist aber trotzdem kann ich es nicht richtig fassen, dass du wirklich bist. Es ist fast als hätte ich vergessen dass hinter den Mails ein richtiger Mensch steht.. Übrigens siehst du auch poetisch aus und wenn ich nicht wüsste, dass es sich um eine Magenverstimmung handelt, hätte ich glatt geglaubt du leidest an Weltenschmerz. ;-)
Schau mal zu was du mich mit deiner kleinen ironischen Bemerkung verlockt hast. Aber natürlich fühle ich mich geehrt dieses "Einzelstück" von Foto zu besitzen. Das letzte sozusagen das du nun auch verschenkt hast. ;-) Oder besitzen die übrigen 59 Mailpartnerinnen auch dieses Bild???
---
Mit einem lieben Gruss und Kuss,
Marlena
Datum : Wed, 10 Oct 2001 18:31:34 +0000
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