Donnerstag, 17. März 2016

Mildernde Umstände


(Fortsetzung Honni soit...)
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Wir waren beim Thema „Musterschüler", wenn ich mich richtig erinnere. Es ist immer gut zu wissen, in welchem Kapitel man sich gerade befindet. Du hast also einen Sonntag wie eine Musterschülerin verbracht und die Hausaufgaben von vorne bis hinten gemacht! Ich gratuliere dir dazu, Marlena! Es ist wahr, manchmal enttäuscht mich ein bisschen, dass deine Mails kurz sind. Und ich frage mich, wie geht das denn zusammen: ich schreibe Romane und du schreibst Stichworte! Das kann doch auf die Länge nicht gut gehen in diesem Ungleichgewicht! Aber ich habe zwei Argumente, die dich vor diesem harten Gericht entlasten, meine liebe Angeklagte. Einmal stelle ich mir vor, dass du in deinem Dreieckleben eben mehr unter einen Hut bringen musst als ich es tue. Du hast deine Anna, du hast den Haushalt und du hast deine Berufsarbeit. Ich dagegen habe nur meine Arbeit und noch etwas Familienzeit, die auch nicht mehr so ausgiebig ist, seit die Töchter gross sind und ihre eigenen Freizeitvorlieben haben. Allerdings arbeite ich ziemlich viel. Oft bin ich morgens um 0700h im Büro und bleibe bis abends 1900h. Wenn ich eine halbe Stunde Mittag abziehe, macht das 11,5 Stunden. Das ist zwar lange, aber es ist natürlich nicht durchgehend so intensiv wie eine Unterrichtsstunde vor einer ganzen Klasse quicklebendiger Schülerinnen und Schüler. Ich stelle mir also vor, dass du deine Zeit besser einteilen musst als ich. Und wenn deine Mails knapp und kurz sind, dann ist es vielleicht deswegen. ...

Und der zweite mildernde Umstand ist vielleicht auch ein egoistischer. Ich habe erwähnt, dass es wohl eine glückliche Fügung ist, dass du sozusagen am anderen Ende Europas wohnst. Stell dir vor, du würdest in Zürich wohnen und ich hier in Basel. Meine Zensur (dh. Selbstkontrolle) wäre viel strenger und höher. Ich würde mir stets überlegen, ob ich dir sowas erzählen kann oder nicht. Ich würde viel kritischer sein. Gerade weil du so weit weg bist, kann ich dir frisch von der Leber weg schreiben. Du bist für mich – habe ich das nicht schon gesagt, und du hast nicht darauf reagiert? – du bist eine Art Muse. Vielleicht ist das ein merkwürdiges, eine Art himmlisches Wesen. Man könnte auch sagen, du bist mein Dr. Freud. Ich liege hier auf deinem Sofa und erzähle nach der Regel der freien Assoziation, wie das die Psychoanalyse vorschreibt. Und je weniger Dr. Freud sagt und bloss „hmmmm" murmelt, desto mehr kommt der Patient ins Reden. Jeder echte Patient – so die Theorie – entwickelt mit der Zeit eine „Übertragungsneurose", dh. eine Art von Verliebtheit in den Analytiker und begibt sich so in eine kindliche Abhängigkeit. Du bist meine „Frau Dr. Sigmuse Freud", meine Liebe, nur damit du weißt, wo wir stehen! Mit anderen Worten will ich damit sagen: Dir zu schreiben ist auch ein Vergnügen an sich. Natürlich freut mich zu wissen, dass du meine Mails liest und dass du Freude daran hast und dass du auch antwortest und dich von ihnen anregen und stimulieren lässt. Ohne das würde es gar nicht funktionieren. Natürlich ist für mich auch wichtig zu wissen, dass du eine attraktive und intelligente Frau bist, die ich respektieren und hoch schätzen kann. Aber schlussendlich ist es – und der Begriff „Tagebuch" sagt es eigentlich – auch für mich selbst ein Vergnügen, zu schreiben, über mich und das Leben nachzudenken, gewisse Fragen in Worte zu fassen, gewisse Bilder oder Formulierungen zu finden, die ich in meiner Arbeit, in meinen Vorträgen oder in meinen Beratungen wieder brauchen kann. In diesem Sinne ist es ein bisschen mein Tagebuch. Das ist sehr nützlich einerseits und sehr angenehm andererseits. Ich habe schon erwähnt: für mich ist es, als ob ich mich eine halbe Stunde auf die Veranda an die Sonne lege (Ozon hin oder her!), warm emballiert (das süsse Wort hat mich amüsiert), und vor mich hin träume. Das ist sehr entspannend. Es ist ebenso weich und komfortabel wie auf der Coach der Psychoanalyse, und ich kann mich ein bisschen in die Frau Dr. Sigmuse Freud verlieben. Das wäre niemals möglich, wenn du in Zürich leben würdest. Stell dir vor, ich würde mir deinen Zürcherdialekt vorstellen. Schrecklich!!! Ich wüsste ungefähr, in welchem Quartier du wohnst. Undenkbar!!! Ich kennte vielleicht die Schule, wo du unterrichtest. Unmöglich!!! Kurz und gut, ich müsste in meinen Briefen jedes Wort zweimal drehen und überlegen. Es wäre absolut unmöglich. Ich könnte dir blosse Küchenrezepte und Wetterberichte und Fahrpläne schreiben, sonst gar nichts. Aber so fern wie du bist, in Stockholm, das ist unendlich weit, das ist doch fast nicht mehr auf dieser Welt, das ist so unbestimmt und ungenau wie eine helle Nebelwand. Und das eben ist Psychoanalyse. Die Frau Dr. Sigmuse Freud sitzt oben, zu Kopf des Patienten, damit er sie nicht sehen kann. Nur so funktioniert diese geheimnisvolle, jetzt 100 Jahre alte Psychoanalyse.

Mit anderen Worten, wenn wir ...

Dienstag, 15. März 2016

Honni soit qui mal y pense


Subject: Honni soit qui mal y pense
Date: Mon, 13 Mar 2000 13:36:03 GMT


Liebe Marlena

Am Montagmorgen 3 neue Mails in meiner Box zu finden, das ist schon ein Rekord, um nicht zu sagen eine Sensation. Ist es der Frühling? Oder war es deine einsame Stimmung? Oder beides? Was heisst hier Fleissarbeit? Das ist wie die Arbeit eines Musterschülers? Weißt du, was ein Musterschüler ist? Das sind diejenigen Schüler, die alles für ihre Lehrkräfte tun, die immer aufmerksam sind, alle Hausarbeiten bis zum Hintersten und Letzten gemacht haben und an den Lippen der Lehrerin hängen. Sie sind in der Klasse nicht sehr beliebt, ja sie sind geradezu ekelhaft, weil sie den Masstab der Lehrkraft unnötig in die Höhe treiben. Sie sind die, die die Lehrkräfte verwöhnen, so dass diese pädagogischen Menschen schliesslich nicht mehr auszuhalten sind. Kurz und gut: Musterschüler sind einfach unmöglich und asozial!! In unserer Klasse des Gymnasiums hatten wir einen Musterschüler. Er war so wie ein Musterschüler aussehen muss: Brille, bleiches Milchgesicht, noch ohne Bartwuchs, schlappe Statur und im Turnen eine Null. Er hat immer alles gewusst, was man lernen konnte. Wenn die Mädchen vorbeigingen, hat er weggeschaut. Er war irgendwie saft- und kraftlos. Wir haben ihn nicht geplagt oder gehänselt, aber wir haben ihn eigentlich auch nicht respektiert. Wir haben ihn – mit einem Wort – geschont. Und da ich, und vielleicht 2 oder 3 andere ebenso gut waren in der Klasse, hatten wir die heikle Aufgabe, uns von diesem N. abzugrenzen. Man ist gerne gut in der Klasse, aber man möchte gleichzeitig auch eine soziale Position haben. Und so darf man sich mit den Lehrkräften nicht überidentifizieren. Man muss ab und zu auch einen Streich spielen und zeigen, auf welcher Seite der Front man eigentlich steht. Man darf nicht immer nur Note 6 herumzeigen. Das ist sehr schlecht für das Image als Schüler. Man muss auch mal eine ungenügende Note haben und sie dann allen und deutlich herumzeigen. Da und dort muss mal eine Prüfung in die Hose gehen, weil man am Vorabend absolut keine Zeit hatte, die Lektion zu lernen. Man muss - mit anderen Worten - den Klassenkameraden beweisen, dass es noch andere, noch wichtigere Sachen im Leben gibt als bloss die Schule und die Zensuren (in der Schweiz nennt man die Zensuren „Noten").

In der 5. Klasse gab es an unserer Schule traditionellerweise einen Feiertag in Gedenken an den heiligen Chrysostomos (ich habe Dir gesagt, es war eine katholisches Internat, ehemalige Jesuitenschule, dh. die hellsten Köpfe der Katholiken). Alle Schüler der Klasse hatten ein Gedicht zu rezitiern. Ich aber wurde damit beauftragt, die offizielle Rede als Schüler zu halten. Das Problem war, dass ich damals gar nicht wirklich realisiert hatte, dass dies im Grunde genommen eine Ehre war. Ich war eher verärgert und unwillig, dass ich noch eine Rede schreiben musste, während meine Kollegen bloss ein Gedicht auswendig lernen konnten. Ich hatte keine Ahnung, wie man eine Rede aufbaut. Ich war nicht katholisch und hatte keine Ahnung, was es mit diesem heiligen Chrysostomos auf sich hat. Wie gedenkt man denn einem katholischen Heiligen? Ich hatte wirklich keine Ahnung! Mein Lehrer hat mir sehr wenig geholfen. Ich glaube, er hat versucht, sich respektvoll zurückzuhalten und wollte mich einfach machen lassen. Er hat es wahrscheinlich gut gemeint. Und ich war echt unsicher und habe meine Rede geschrieben, habe sie zuhause vor dem Spiegel immer wieder geübt und an jenem Tag, vor allen Eltern und Schülern, dann auch gehalten. Ich war furchtbar aufgeregt. Ich hatte die ganze Zeit vorher das Gefühl, dass ich demnächst zur Guillotine geführt würde. Alle meine Kollegen schienen vergnügt und lachten und machten ihre Scherze. Und ich sass dabei, niedergedrückt von der schweren Last und Verantwortung der ganzen Welt zusätzlich derjenigen des heiligen Chrysosomos auf meinen Schultern. Ziel wäre gewesen, die Rede frei, dh. auswendig zu halten. Aber irgend einmal wusste ich nicht mehr weiter. Und so habe ich meine Papiere hervorgekramt und dabei erwähnt, dass der Pfarrer dies in der Kirche auch so tue. Mein Lehrer hatte mir vorher unter vier Augen empfohlen, falls ich den Faden verlieren würde, mit einem solchen kleinen Scherz den Faden wieder zu finden. Das war meine erste Rede in meinem frühen Leben. Ich habe sie überlebt, Malrena, die Rede, nein die Guillotine! Und das kommt – weiss Gott – selten vor!

Für das Abitur (in der Schweiz „Matura" = bac.) gab es an der Schule die Tradition, dass die Klasse eine Karte drucken lässt, die man dann verkaufen sollte, um einen finanziellen Zustupf für die Maturareise zu erhalten. Die Klasse hat meinen Entwurf gewählt und so war ich damit beauftragt, die Karte zu gestalten und dann auch drucken zu lassen. Wenn ich die Karte heute anschaue, muss ich sagen, sie war eigentlich sehr mittelmässig.Doch damals wusste ich das nicht so genau. Ich hatte damals zuwenig Erfahrung und hätte mit der Druckerei besser verhandeln sollen, damit sie farblich schöner herauskommt. Ich denke, meine Töchter sind heute besser informiert im gleichen Alter und wüssten sich rundum besser zu helfen.

Ich glaube, die Zeit am Gymnasium war meine glücklichste Zeit der Jugend. Von meinen Eltern her hatte ich absolute Freiheiten. Ich konnte kommen und gehen, wann immer ich wollte. Ich konnte abends oder morgens heimkehren, sie haben sich nie um mich Sorgen gemacht. Und ab und zu musste ich, wie gesagt, über die Fassade klettern. Leider habe ich mit meinen ehemaligen Klassenkameraden heute wenig Kontakt mehr, weil die meisten von ihnen im Wallis leben, und ich nun ja praktisch am anderen Ende der Schweiz. Nur den einen oder anderen sehe ich noch gelegentlich. Ich vermisse das sehr, denn alle sind sie heute in verantwortungsvollen Positionen tätig. Und wenn ich im Wallis leben würde, könnte ich – je nach Bedarf – den einen oder anderen anrufen und um Rat oder Unterstützung bitten. Es wäre absolut kein Problem. Jugendfreundschaften halten länger als alles andere. Hier jedoch, in der Region Basel, habe ich nur Leute, die ich erst später im Leben kennengelernt habe. Ich habe nie mit ihnen vor einer Prüfung gezittert, nie mit ihnen eine Nacht lang gebechert und Lieder gesungen, und nie zusammen um ein Mädchen rivalisiert. Sie sind für mich absolute Nobodies!

Wir waren beim Thema „Musterschüler", wenn ich   ...

Montag, 14. März 2016

Fleissarbeit??? ;-)


Subject: Fleissarbeit??? ;-)
Date: Sun, 12 Mar 2000 21:03:22 +0000


Lieber ... !

Du schreibst mir so schöne interessante Dinge. und was tue ich? Sende dir kleine mess wie in einem Chat.
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Heute früh bin ich bei strahlendem Sonnenschein erwacht. Die langen, finsteren Wochen sind nun endlich vorbei und es ist herrlich wenn das Licht wieder zurückkehrt. Nach dem Frühstück nahm ich eine warme Wolldecke und legte mich in einen Liegestuhl auf die Terrasse. So, wohl emballiert, habe ich eine gute Stunde dort verbracht. Es war so herrlich still um mich herum. Ich geniesse solche Augenblicke. Dann finde ich die Welt wieder schön und in Ordnung. Leider, oder vielleicht Gott sei Dank, kamen dann grosse graue Wolken die bald den ganzen Himmel bedeckten. Sonst wäre ich sicher länger geblieben als es gesund ist. Die Ozonschicht über uns ist im Moment gefährlich dünn und eigentlich sollte man das Sonnen vermeiden.

Du schickst mir dein Tagebuch hast du gesagt. Aber eigentlich sind es deine Memoiren und Tagebuch zusammengeflochten. Keine schlechte Idee für ein Buch. Man erzählt genau wie es damals war und kann gleichzeitig sagen was man heute davon denkt.

Du scheinst ein angenehmes Leben zu führen. Wenn du nach Hause kommst (wann tust du das?) kannst du dich ausruhen und sogar schlafen. Darum beneide ich dich sehr. Auch ich bin manchmal zum Umfallen müde wenn ich nach Hause komme aber wenn ich mich hinlege und schlafe dann wache ich nicht munter auf wie du sondern bin dann genauso müde wie vorher. Also keine gute Idee in meinem Fall :-)
Deine Schwächen waren wohl nicht so schlimm. "Wenn ich wollte, könnte ich.. " schreibst du über das Weintrinken. Nun, ich glaube wenn es wirklich eine Schwäche wäre, dann könntest du nicht mehr selbst bestimmen.. so ist es mit dem Weintrinken, sehr verräterisch.

Eine Schwäche hast du vergessen: das Chatten. Aber ich glaube nicht dass es so gefährlich damit ist. Früher oder später entdeckt man was es ist und ist davon befreit.

Übrigens möchte ich dir nicht verheimlichen dass es Frauen im Chat gibt die unter mindestens vier verschiedenen Namen und Altern chatten. Ich war sehr erstaunt als mir eine alle ihre Namen gab und zeigte dass es sich so verhielt. Ich weiss eigentlich nicht wozu das gut sein sollte. Natürlich, wenn ich auf meinen Schatz spionieren will und sehen ob er sich von anderen leicht verführen lässt ;-)))

Ich fühle mich nicht richtig in Form heute Abend. Weiss nicht was es ist.
"Sometimes I feel so empty, so deserted and so lonely and no one can take that pain away.." klingt es von meiner Lieblings CD "Vaya con Dios".
Und so ein bisschen fühle ich mich eben heute Abend. Eigentlich keine gute Gelegenheit einen Brief zu schreiben. Ich versuche es trotzdem.

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Nein, leider habe ich keine Schokolade im Haus gefunden obwohl ich sehr hoffte dass ich irgendwo eine vergessene Schachtel herrlicher Pralinen finden würde. Ich verstecke sie nämlich manchmal damit K sie nicht sofort aufisst (er hat dieselben Lasten wie du glaube ich). Leider scheint er mit einem guten "Schokoladenradar" ausgerüstet zu sein , denn es dauert nie lange bevor er mein Versteck findet. Werde mir demnächst einen Panzerschrank dafür besorgen müssen ;-))

Hast du deinen Vortrag schon gehalten? Ist er gut aufgenommen worden? Ich bin sicher dass es dir gelungen ist auch dieses schwere Thema zu bemeistern. Wenn nicht du, wer sonst? Wie gern hätte ich dir zugehört und dich heimlich beobachtet.

Es ist schon spät geworden und ich muss schliessen für heute.

Habe ich wieder eine Fleissarbeit gemacht? ;-)

Liebe Grüsse

Marlena

Samstag, 12. März 2016

Alle meine Schwächen ...


Subject: Morgengruss!
Date: Sat, 11 Mar 2000 08:25:14 +0000

Lieber ...!

Sende dir einen kleinen Morgengruss so am Samstagmorgen. Es sieht aus ein schöner Tag zu werden.. ein wenig Frühling in der Luft.
Was machst du? Hast du dich an der Schokolade gestern veressen? (sagt man so?)Oder heisst es vergessen ;-)))
Schreibst du mir ein kleines Mail? Das würde mich sehr freuen :-)

Hejdå, bis später
Marlena

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Subject: Re: Abendgruss!
Date: Sat, 11 Mar 2000 17:33:18 GMT

Liebe Marlena

Klar, ich habe jede Menge Schwächen. Die Schokolade ist eine der kleineren und kommt nur periodisch, wie eine Dipsomanie (Quartalsäuferei, den Begriff findet man im Psychiatriebuch). Sonst habe ich grosse und mittelgrosse Schwächen.

Ich habe soviele Schwächen, ich weiss gar nicht, wo beginnen. Unten oder oben, hinten oder vorne, körperlich oder geistig?

Man sagt überigens, ich habe mich „überessen". „Veressen" gibt es nicht. „Vergessen" kann man auch brauchen, hat aber einen leicht anderen Sinn, denn „Vergessen" hat nichts mit „essen" zu tun, sondern eben mit Vergessen (Vergissmeinnicht). Man kann sich also durchaus angesichts der Schokolade vergessen, dh. nicht mehr wissen, was man tut. Man kann sich an der Schokolade auch überessen. Was ich nun also getan habe, das zu beurteilen überlasse ich Dir. Ich habe einfach eine ganze Tafel, also 100gr (hundert Gramm zu Deutsch) verdrückt. Und das soll ja nun in unseren Jahren nicht mehr das allergesündeste sein. Du hälst dich an Früchte. Meine Frau isst auch nichts als Früchte. Ich bin auch daran, von den Süssigkeiten zu emmigrieren und in die Früchte zu immigrieren. Aber ich bin noch auf der Wanderung, sozusagen. Ich bin im Grenzbereich, komme vielleicht zur Passkontrolle. Aber es ist noch nicht soweit. Ich lebe zwischen den Grenzen, also zwischen Frucht- und raffiniertem Zucker. Aber ich kann dir positiverweise mitteilen, meine liebe Marlena, dass ich viel weniger Süsses esse als in meinen jungen Jahren. Verglichen mit meinen jungen Jahren lebe ich heute wie ein Zuckerkranker. Ich trinke sogar den Kaffee ohne Zucker. Dafür habe ich jahrelang trainiert. War wirklich harte Arbeit. Aber es hat sich gelohnt.

Welche anderen Schwächen ich habe? Nun ja, ich liebe über alles ein Glas roten Wein. Doch das habe ich dir schon erzählt. Meist trinke ich Walliser Wein, Dôle oder Johannisberg, manchmal auch aus dem Elsass, oder einen schweren Bordeau. Das mag ich über alles, mit etwas Käse dazu, oder auch ohne, wie es gerade kommt. Ich glaube, ich könnte jederzeit Alkoholiker werden, wenn es sein müsste. Ich könnte wie ein Clochard leben und mit der Flasche in der Hand herumwandern und dahintorkeln.

Ich habe als drittes natürlich auch eine Schwäche für Frauen. Wie könnte ich anders. Das verträgt sich zwar nicht sosehr mit der Schokolade und mit dem Wein, aber das ist nun einfach so. Ich bin Skorpion, ein „armer" Skorpion (wie du das vom Krebs gesagt hast). Ich kenne mich zwar nicht genau aus in diesen Sternzeichen. Aber ich kenne mich. Ich mag sehr gerne Stierfrauen. Weiss der Stier warum, aber ich falle immer wieder auf sie. Meine Frau ist ein Stier. Eine alte Jugendfreundin ist ein Stier. Vielleicht mag ich deshalb auch die spanischen Stierkämpfe.

Glaubst du, dass Krebs und Skorpion zusammen gehen? Die fressen sich doch und stechen sich und beissen sich. Ich sehe das Drama schon vor mir! Also, wenn das nur gut geht! Krebs & Skorpion sind sowas von ähnlich, die kämpfen doch praktisch mit denselben Waffen? Ich glaube, wir können von Glück reden, dass wir ungefähr 3000km zwischen uns haben. Oder sind es noch mehr? Das ist unser Glück. Und deine Abwehr gegen einen Paris-Besuch verstehe ich jetzt sehr gut. Es wäre die reine Katastrophe. Wir könnten nur die Champs Elysées hinaufgehen, indem du die linke Strassenseite nimmst und ich die rechte. Oder umgekehrt. Du hättest die Wahl, bien sur. Und im übrigen nimmst du die rechte Seine-Seite, was ja die elegantere ist, und ich die linke, das Quartier Latin. Bist du einverstanden? So kämen wir vielleicht lebendig aus der ganzen Chose wieder heraus, mon dieu. Ich würde dich vielleicht für einen kurzen Besuch auf die Tour d'Eiffel einladen, ganz kurz nur, um keine zu grossen Risiken zu nehmen. Du kannst meinetwegen den Lift benützen, ich nehme die Treppe. Tu es d'accord, ma chère? Wir treffen uns oben, du Südseite ich im Norden.

Also, wir waren bei meinen Schwächen. Ich bin immer noch dabei. Vielleicht denkst du, dass ich ein Mensch bin, der viel redet, weil ich einfach so ohne viel Selbstzensur dahinschreibe. Doch ich rede eigentlich nicht so viel, ich bin eigentlich ziemlich schweigsam. Als Schüler war ich sogar eher still. Ich habe mir im Klassenzimmer stets die hinteren Plätze ausgesucht, wenn möglich zweithinterste Reihe. Wenn möglich Fensterplatz. So habe ich viele Schuljahre verbracht. Und neben mir sass meist ein Freund, der auch ein Skorpion ist, der einen Tag vor mir Geburtstag hat. Er war laut. Oft habe ich einen Witz oder eine dumme Bemerkung gemacht, und er war derjenige, der den Witz oder die Bemerkung in die ganze Klasse hinausposaunt hat. Er war sozusagen mein Lautsprecher. Ich weiss auch nicht genau, wie es so gekommen ist. Ich habe meist die Idee geliefert und er die Stimme dazu. So war es perfektes Teamwork. Mein alter Freund und Schulkamerad ist heute Arzt, aber er wohnt nicht hier in der Nähe. Damals hat er geraucht und getrunken, wie man es hätte verbieten müssen. Ich glaube, er war von uns allen derjenige, der im jüngsten Alter zu rauchen angefangen hat.

Das ist eine weitere Schwäche. Ich rauche für mein Leben gern. Heute tue ich es überhaupt nicht mehr. Etwa seit zwei Jahren habe ich ganz aufgehört. Bis dahin hatte ich noch Pfeife geraucht. Das habe ich sehr oft und sehr gerne gemacht. Wenn man in einem eigenen Büro arbeitet, ist es gefährlich. Es gibt keine natürliche Begrenzung. Man kann immer rauchen, wenn man Lust dazu hat. Das kann man doch mindestens als Lehrer nicht. Oder als Bahnschaffner nicht. Aber im Büro kann man immer. Nur zu Hause haben wir abgemacht, dass ich nicht mehr rauche wegen der Kinder. Aber heute rauche ich absolut nicht mehr. Ich träume bloss noch davon. Kürzlich hat mir meine Tochter eine riesige Cigarre geschenkt. Ich weiss gar nicht, was sie sich dabei gedacht hat. Eine richrig schicke Churchill-Cigarre, jetzt, wo ich nicht mehr rauche. Ich glaube, sie will mich testen? Oder verführen? Weiss Gott, was sie meint. Sie fand die Idee einfach super.

Eine vierte Schwäche – bin ich schon bei 4? Ich werde dann aufhören, sonst ruiniere ich mein Bild vor dir – also meine vierte Schwäche sind Bücher. Wann immer ich nach Basel gehe, gehe ich in die Buchläden und wann immer ich in die Buchläden gehe, finde ich da und dort etwas und bringe es heim. Ich habe eine Bibliothek, die schon mehr als voll ist, und trotzdem finde ich immer wieder neue Bücher. Dazu kommen die Jugendbücher, die ich rezensiere. Ich verschenke viele davon, aber die besten behalte ich. Ich habe gedacht, ich kann sie – wenn ich einmal Grossvater bin – meinen Enkelkindern geben, damit sie ruhig bleiben und nicht zuviel Chaos und Lärm veranstalten, wenn sie bei uns zu Besuch sind. Am liebsten habe ich Bücher über Kunst, über Malerei, Architektur, Bildhauerei und so. Dann über Kultur allgemein und geschichtliche Bücher. Dann aber auch Komik, Cartoons, Zeichnen. Und schliesslich auch Romane, aber nur von ausgewählten Autoren. Du siehst, das sind praktisch alle Abteilungen der Buchhandlung, ausser vielleicht Liebesromane und Wörterbücher. Ich mag auch sehr philosophische Bücher. Zur Zeit lese ich einen Roman von Kundera. Er hat eine sehr interessante Romantheorie entwickelt und seine Romane sind architektonisch interessant aufgebaut. Ich mag sie, mindestens im Moment, weil sie absolut nicht psychologisch sind. Sie sind kühl und gut gemacht.

Soweit also meine Schwächen, meine liebe Marlena. Ich habe mich jetzt wirklich entblösst vor dir und stehe in den Unterhosen da. Nächstes mal erzähle ich über meine Stärken, damit ich diese Schwachstellen wieder etwas zukleistern kann. Sonst zieht der Wind durch alle Ritzen.

Natürlich habe ich eine Schwäche für meine beiden Töchter. Aber das zähle ich dann nächstes Mal zu den Stärken.

Ich hoffe, du hast mittlerweile deine Schokolade auch gefunden. Im Winter darfst du dir ja schon ein bisschen erlauben. Und dazu einen Kaffee, das schmeckt doch ausgezeichnet.

Ich wünsch Dir einen schönen Sonntag im Kreise deiner Familie

Mit einem lieben Gruss

Donnerstag, 10. März 2016

Frühling





... aber im Garten blühen zur Zeit
nur die Schneeglöckchen.






Dienstag, 8. März 2016

Sonntag, 6. März 2016

Erinnern





Vielleicht

Erinnern
Das ist

vielleicht

die qualvollste Art

des Vergessens
und vielleicht
die freundlichste Art

der Linderung
dieser Qual
 
[Erich Fried]