den 21 november 09:38
Re: an apple a day ...
Liebe Marlena
Gestern
war hier ein schöner sonniger Tag, wie auch Du ihn hattest. Und heute
scheint es wieder ganz ähnlich zu werden. Und die Fahrt über die
Juraberge war prima. Du hast recht, ich muss ein bisschen vorsichtig
sein. Wenn ich knapp an Zeit bin, fahre ich so schnell wie möglich. Und
das ist auf der kurvenreichen, teilweise steilen Strasse wunderbar. Doch
ich glaube, das Risiko ist höher, wenn ich gemütlich fahre und in
Gedanken abschweife. Ich könnte so mit Leichtigkeit über ein Rotlicht
fahren, ohne mit der Wimper zu zucken. Glücklicherweise gibt es dort
oben keine Rotlichter. Das ‚Rotlichtmilieu’ ist bei uns anderswo…;--))
Doch glaube ich nicht, dass es tagsüber schon Eis auf der Strasse hat.
Na ja, vielleicht morgens in der Früh ist es möglich auf dieser Höhe.
Ich
geniesse es einfach, durch diese ländliche Gegend zu fahren. Das Leben
läuft dort noch so langsam ab. Man kann das an den Autofahrern bemerken.
Wenn sie in die Hauptstrasse einbiegen, tun sie das so langsam, dass
man manchmal verzweifeln könnte. Du denkst, sie wollen dich absichtlich
ärgern. Aber dann siehst du wieder Kinder an der Bushaltestelle, die
einfach so dahinwarten. Und im Moment ist die Landschaft mit den
herbstlichen Wäldern so schön.
Es war nicht so, dass in
L. jemand krank ist. Es gab einfach wieder einmal eine Anmeldung
dort hinten. Und gestern ist gleich eine weitere eingetroffen. Es war
ganz angenehm. Am Morgen, wie ich erzählt habe, war ich in einer
Französischstunde ...
Schön, dass es jetzt auch bei Dir und Deiner
Woche bergab geht. Na ja, bei mir war es damals eher ein Wunsch, eher
eine Suggestion ans Schicksal als eine wirkliche Tatsachenbeschreibung.
Aber alles in allem habe ich montags doch ziemlich streng. Und das
regelmässig. Und das ist es auch, was mich am Wochenende auf Trab hält.
Was
ist Stendhals Syndrom? Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich
irgend so etwas gewusst hätte, obwohl ich doch eine Biographie über ihn
gelesen hatte. Aber er hatte eine Krankheit, daran erinnere ich mich.
Es war, so glaube ich, irgend eine Geschlechtskrankheit, die er ständig
mit irgendwelchen Medikamenten zu unterdrücken suchte. Er hatte doch
ein intensives Sexualleben mit intensiven Liebschaften, die ihn erst zum
Schreiben antrieben.
An apple a day keeps the doctor
away. Ist doch ein Rat, den man immer wieder hört. Auch unser Onkelchen
schwört auf Äpfel. Wenn wir ihm irgendwelche exotischen Dinge
mitbringen, Kiwis oder weit seltenere Früchte, so zieht er sich dankend
auf seine Äpfel zurück. Ich glaube, er hält sich mehr oder weniger dran,
täglich einen Apfel zu essen. In Visp hatten wir viele Äpfel im eigenen
Garten. Einige davon waren ausgezeichnete Sorten, nach denen ich mich
heute noch sehne. Die eine war ein grosser Apfel mit einer
bäunlich-roten rauen Haut. Boskop nannten wir sie. Es gibt sie immer
noch, aber selten habe ich so gute Exemplare gefunden, wie wir damals
gegessen haben. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass man im
eigenen Garten die Äpfel genau in jenem Reifegrad essen kann, den man am
meisten liebt. Ich liebte sie hart und knackig und nicht zu sehr reif.
Sie waren dann auch noch recht säuerlich im Geschmack. Der betreffende
Baum stand genau neben jenem mit den wunderbaren Reineclauden (oder wie
könnte man denn das schreiben?) Und es war jener Baum, auf dem ich
jeweils unsere Nachtigall vermutete, ein Tiefstamm Baum, so dass man
bequem und ohne Leiter bis zu den Ästen reichen konnte. Nachtigallen
lieben es, bodennah zu leben, wie ich gelesen habe. Sie suchen nicht die
Höhe, nicht für ihren schönen Gesang und nicht für ihr Nest. Ich habe
meine CD mit Nachtigallengesang immer noch im Büro, und manchmal, vor
allem an Wochenenden, lasse ich sie spielen.
Habe ich Dir
erzählt, dass ich mir überlegt habe, mit dieser CD neue Nachtigallen in
unseren Garten zu locken. Ich meine, wenn es vielleicht der Gesang eines
Weibchens wäre, müsste man doch damit ein Männchen anlocken können. Und
vielleicht würde das Männchen, wenn es sich ein bisschen herausputzt
und sich mit der schönen Wohnung brüstet, auch noch ein Weibchen
anziehen. Sind sie eigentlich monogam, die grossen Sänger? In der
persischen Dichtung kommen sie immer wieder vor und haben die
symbolische Bedeutung der Liebe. Die Rose sehnt sich nach dem Gesang.
Und die Nachtigall singt zu ihrer Rose, bis sie sich öffnet. Letztlich
ist es eine religiöse Metaphorik. Es gibt ein hübsches Gedicht von
Storm glaube ich, welches diese Thematik aufnimmt. Wir hatten es mal
noch in der Sekundarschule, ich glaube im 5. Jahr gelernt. Und ich habe
es nicht vergessen. Lustig eigentlich, der Lehrer damals hat uns diese
Dinge gleich in der Schule beigebracht. Das heisst, wir mussten nicht
heimgehen, und so was auswendig lernen. Er hat es immer wieder
rezitiert, bis jeder das auswendig konnte. Auch bei den Liedern hat er
das gemacht. Das war einer der Gründe, weshalb ich im Gymnasium kaum
wusste, wie ich die Dinge lernen sollte.
Gestern am
Weekly haben wir viel über Sport diskutiert. Wenn Du als Maus im
Büchergestell gehockt hättest, hätte Dich Lilli bestimmt aufgespürt. Sie
war ziemlich unruhig und brachte alle ihre Spielsachen und hat sich
viel bewegt. Wir haben über Sportarten geredet und über die Frage, wie
sie sich durch die Tatsache des Fernsehens verändern. Beispielsweise
Tennis: dieses Tiebreak ist eine Sache, die mit unserer modernen Zeit
und vielleicht auch mit dem TV zu tun hat. Damit wird es zeitlich
kontrollierbarer. Vielleicht hat sich damit auch die Sportbekleidung
verändert, und die Gesten der Athletinnen und Athleten. Basketball ist
ideal für Fernsehen. Radsport ist durch das Fernsehen eigentlich erst
richtig populär und beobachtbar geworden. Man kann die Tour de France
heute vom Helikopter und vom Motorrad aus beobachten, dh. mit den Leuten
mitfahren. Früher sind die Fahrer in ein paar Sekunden an der Nase
vorbeigeschwirrt, und das war’s dann. Golf ist auch sehr populär
geworden. Und natürlich, wenn das Fernsehen kommt, kommt auch das Geld.
Das verändert den Sport bestimmt ziemlich stark.
Doch insgesamt
ist es dieser moderne Aspekt des Sportes, dass er nämlich sich selbst im
zeitlichen Ablauf visualisiert. Der Sport ist ein Wettbewerb, und
gleichzeitig auch die Darstellung und Sichtbarmachung dieses
Wettbewerbs. Letzteres ist durch TV noch verstärkt worden. Das ist
modern. Und man müsste von der Wissenschaft und ihrer Forschung eine
ähnliche Transparenz und Sichtbarkeit verlangen. Du siehst, solch ein
hohes Diskussionsniveau. Aber vom dritten Brett auf dem Gestell hättest
Du bestimmt gut folgen können. Es müsste von dort wirken wie der
Kameraausschnitt im Fernsehen: ein kleines Tischchen, meist mit einer
Blume, einigen Büchern, Gläser und Wasser, daneben zwei Fauteuils mit
zwei ernsten Herren, dahinter ein volles Büchergestell. Nur Lilli wäre
etwas störend, wenn sie immer wieder durchs Bild läuft.
Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende
Mit liebsten Grüssen
...