Mittwoch, 12. September 2012

Pilgerreise - nach New York


den 16 augusti 2003 19:08
fare well

(R)

Liebe Marlena
Ich sitze zuhause am kleinen PC und versuche, ein Mail zu schreiben. Im Büro ist es mir nicht gelungen. Hier schreibe ich alles auf einer Zeile. Und die Zeile ist unendlich lang. Wie kommt denn so was?
Danke für Deine guten Wünsche für die Reise. Ich werde sie im Innern behalten wie man einen süssschweren Traum durch den Tag trägt. Und wenn ich zurück bin, erzähle ich Dir, wie er mich begleitet hat.
*
Interessant, was Du über Tepperwein herausgefunden hast. Er ist mir schon ein bisschen zuuu produktiv, das muss ich zugeben. Aber das Buch ist nicht schlecht. Man muss es einfach in sich aufsaugen, es ist alles ziemlich trancemässig. Und dazu bin ich im Moment bereit. Das ist meine Vorbereitung für den Kurs in N.Y. Ich möchte dort wirklich für meinen nächsten Lebensabschnitt etwas holen.
Mir ist ein lustiger Gedanke gekommen. Die Reise nach N.Y. ist für mich sozusagen eine Pilgerreise. Die meisten Pilger gehen nach Lourdes, nach Stantiago, nach Rom. Das sind Orte der Vergangenheit. Sehr schön, würde ich auch machen. Ich habe mal eine Pilgerreise nach Meshed gemacht. Habe ich Dir davon erzählt. Es war ein eindrückliches Erlebnis, obwohl ich nicht richtig daran glauben wollte. Und nun möchte ich die Sache so drehen, dass ich eine Pilgerreise in die Weltstadt des 21. Jahrhunderts mache. Dort hole ich die Inspiration für meine nächsten Jahre. Ich muss doch wohl lernen, etwas vorwärts, und nicht zu sehr rückwärts zu schauen. Sonst werde ich zu schnell alt.
Die Amis werden bestimmt erstaunt sein, wenn sie den ersten Pilger kommen sehen! Sie werden bestimmt auf ihren Hockern in den McDonalds einen Moment mit Kauen stoppen. Ich bin gespannt, was sie mir zu bieten haben. Im Kurs wird es bestimmt Amis geben. Und ich werde sie genau beobachten. Und ich werde sogar ein bisschen mitbekommen, wie sie die Welt erleben, welche Gefühle sie haben, wie sie mit ihrem Innenleben umgehen. Darauf bin ich gespannt. ...
*
Das ist vielleicht mein letztes Mail im Moment. Im Büro hat es ganz und gar nicht funktioniert. Und hier weiss ich nicht, ob ich noch dazu komme. Ich habe noch nicht gepackt. Ich habe mir überhaupt noch wenig Vorstellungen gemacht, was ich mitnehmen soll. Es ist wie bei den üblichen Geschäftsreisen. Du legst das übliche Zeug in den Koffer, reist morgens ab, um abends oder nächstentags wieder nach Hause zu kommen. So stelle ich mir Geschäftsreisen vor. Und so tue ich. Unser Verhalten richtet sich nach unseren Vorstellungen, meint Tepperwein. Na also!
*
Ich hoffe, dass Du ein schönes Krebsfest haben wirst. Ich stelle mir den Geschmack im Gaumen vor. Und da kann ich nur neidisch werden. Dazu ein kühles Bier und eine lustige Gesellschaft. Was denn kann schöner sein. Gestern haben wir im Garten einen Grill gemacht mit unseren Nachbarn. Es ist das erste mal seit drei Jahren, dass wir dazu gekommen sind. Und es war ganz gemütlich. Sie waren etwas nervös und eifrig, sind hin und her gesprungen und haben noch 100 Dinge gebracht, die zwar nett sind, aber nicht absolut nötig. S. hat das Fleisch und das Gemüse bereitgesellt. Ich war für die Getränke zuständig. Es war ganz schön, aber um 22h war es doch schon etwas kühl. Ich habe eine Wette gewonnen. Mein Nachbar hatte behauptet, es wäre noch 24°, während ich bloss 18° vermutete. Mit dem Thermometer von unserer Wand habe ich zwei Kugeln Vanilleeis gewonnen. Na, wenn das kein Sieg ist! Man kann sogar mit dem Klima Geschäfte treiben, nicht wahr.
*
Ich wünsche Dir ein schönes Fest und eine gute Zeit. Ich weiss noch nicht, wie oft mich B an den PC lässt. Und wenn ich mal dran bin, muss ich noch andere Wünsche befriedigen. Vielleicht gibt es Fragen vom Büro. Vielleicht wollen A. oder B. ein paar Sätze. Vielleicht muss ich S. über die Einsamkeit hinweg trösten. Du siehst, ich habe ein volles Programm. Aber ich werde Dir die NY-Tipps später mailen, sofern ich irgend welche erspähe.
Ich grüsse und küsse Dich.
...

Montag, 10. September 2012

Caféhäuser in Wien ...

... und Wiener Vereine

Café Hawelka   9/9-12

Liebe Marlena

Wie weit bist du mit der Arbeit? Trinken wir einen kurzen Kaffee zusammen und dann erzähle? Mélange, wenn du willst, wie in Wien. Ich habe hier gerade eine Meldung aus Wien gelesen. Da gibt es einen "1. April-Verein". So etwas können nur die Wiener machen. Es geht den 5 Leuten, die dort offenbar dabei sind, darum, Politik zu machen. Sie wollen der Politik zeigen, dass sie die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge ständig verwische mit ihren Intrigen und Täuschungen und Masken und sie wollen beweisen, wie liebenswert doch eigentlich die Wahrheit sei. Sie treffen sich im Café Landtmann, das ist im Herzen der Stadt an der Ringstrasse, gleich neben dem Burgtheater und in Nähe von Parlament und Rathaus. Das Café Landtmann war immer ein Ort der Heimlichkeiten. "Im Café Landtmann kann man sich treffen, um nachher unwidersprochen zu behaupten, man habe sich weder gesehen noch irgendwas miteinander zu bereden gehabt" (wäre echt eine Adresse für uns, und dazu schummrig, wie die Wiener-Cafés sein sollen), sagt eine gewisse Waltraut Sikl, Mitglied dieses ominösen Vereins. Der Verein ist 1969 als "Verein zur Belebung des 1. Aprils" gegründet worden. Es war eigentlich ein anarchodadaistischer Akt (allein das Wort für sich ist schon ein Kunstwerk). Vorbild war Orson Welles' Film "Krieg der Welten", der von einer Invasion der Marsmännchen erzählt und als Aprilscherz im Amerika grosse Panik ausgelöst hatte. Der April-Verein hat sich zum Ziel gesetzt, jeden 1. April einen neuen, völlig überflüssigen Verein nach allen gesetzlichen Auflagen zu gründen. So wurde 1970 der "Verein der freiwillig Schwitzenden" gegründet, und heuer soll ein "Verein für den 2. April" aus der Taufe gehoben werden. Es hat auch einen "Verein für Senkrechtbestattung" gegeben, oder einen "Verein für die Vereinigung von Vereinen". Beide seien aber heute nicht mehr aktiv.

Mittwoch, 5. September 2012

Wien und Prag


Liebe Marlena
Ich bin begeistert zu hören, dass Du als Kind in Wien und Prag gelebt hast. Da hast du ja die späten Zeiten der k&k Monarchie miterlebt. Welchen Eindruck hast du bekommen? Da musst du einiges zu erzählen haben? Ich erinnere mich an deine Bemerkung, du bringst den Plot und ich schreibe den Roman. Wollen wir gleich anfangen? Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs haben die Oesterreicher enorm gewonnen. Ich merke das am Oe-Fernsehen. Sie bringen gute Sendungen und haben etwas zu sagen. Sie sind wieder und viel mehr als in der Zeit des kalten Krieges zur Brücke nach Osten, in den Balkan, in den Orient geworden. Sie haben auch die Mentalität, den vorderen Orient und den Balkan zu verstehen und uns Europäer mit diesen explosiven Regionen zu vermitteln. Nein, die Oesterreicher sind ok, obwohl wir Schweizer jede Menge Witze über sie machen. Zur Zeit haben sie etwas Probleme mit ihrer Regierungsbildung. Aber das wird sich geben. Die Beteiligung Haiders ist für Israel v.a. ein Skandal. Und er ist in der Tat wohl ein skupelloser Machtmensch. Doch wir werden sehen.
Und dann noch Prag. Das muss ja eine wunderschöne Stadt sein. Ich kenne nur ein Bild Kokoschkas von Prag. Und das mag ich sehr. Seit Jahren möchte ich einmal Prag besuchen, und das – es sei Dir gesagt Marlena – nicht nur wegen des guten Biers, welches sie dort produzieren. Prag hat bei uns natürlich auch einen Nahmen wegen seiner deutschsprachigen Tradition mit literarischen Schwergewichten wie Kafka und Rilke. Besonders Rilke mag ich sehr. Er hat ja eine Zeitlang im Süden der Schweiz in einem kleinen Turm gelebt und ist auch dort, an der Mauer der Kirche in Raron begraben worden. Ganz in der Nähe habe ich in meiner Jugend gelebt und nicht weit der Kirche von Raron haben wir etliche heisse Sommernachtsfeste gefeiert, mit viel Wein, Grill und lustigen Sprüchen. Was Wien und Prag verbindet, das ist nicht nur Marlena, das ist auch das Kaffeehaus, eine europäische Institution, die eng mit der Aufklärung verknüpft ist. Europa, so kann man sagen, Europa, das ist das Kaffeehaus. Dort konnte man Zeitungen lesen, Schach oder Billard spielen, Gäste empfangen, rauchen und herumsitzen, sehen und gesehen werden. Es hat einige europäische Intellektuelle gegeben, die ihr Kaffeehaus als Adresse angegeben haben. Die Post wurde dort aufbewahrt, bis er wieder kam. Kaffeehäuser gabs von Portugal bis Krakau, von Wien bis London. Es muss sie auch in Schweden gegeben haben oder noch geben? In Zürich gab es überigens das Café Odeon. Während meiner Studienzeit war es noch offen. Es war wunderbar, wie ein Bahnhofwartsaal mit riesigen Hallen, Marmortischchen und irgendwie schweren Ledersesseln an den Wänden. In den Fensternischen konnte man einen Vorhang ziehen, dann war man ungestört und sass praktisch auf dem Bürgersteig draussen. Dort konnte man immer wieder Schriftsteller beobachten, die zu arbeiten versuchten. Es sah von aussen wie ein Schaufenster für Schreibarbeit aus. Das Odeon wurde dann von Haschisch-Konsumenten überschwemmt und irgendwann geschlossen. Heute gibt es nur noch eine kleine Bar. Aber der alte ehrwürdige Name ist geblieben, den sich das Café bei den vielen Emigranten, Künstlern und Schauspielern, während des 2. Weltkrieges erworben hatte.
Ich nehme jetzt an, Marlena, du kannst Deutsch mit Wiener Akzent sprechen. Du hast den echten Wiener Schmäh? Das ist natürlich sehr charmant. Ich glaube, die Wiener sind eine eigene Mischung, sie haben eine Lebensphilosophie, die sehr apart ist, eben vielleicht vom Balkan und vom vorderen Orient her beeinflusst. Das kann man nur schon daran sehen, welche Bedeutung der Friedhof und der Tod bei den Wienern hat. Der Zentralfriedhof muss das reine Vergnügungsviertel sein. Und dann gibt es doch diese melancholischen Wienerlieder! Kennst du die und magst du sie, Marlena? Oder es gibt die Fiaker. Marlena, du hast wahrlich in einem Museum Europas gelebt. Ich gratuliere Dir und ich hoffe, du bist heil davongekommen (;-).
Erzähl mir davon, aber lass Dich nicht forcieren.
Mit einem kleinen Kuss
...

(febr. 2000)

Dienstag, 4. September 2012

Warum nicht "maladi"?


Maladi

den 13 april 2000 23:53

Ich suche vergebens nach einem schönen Wort das "LIEBE" ersetzen
könnte. Warum nicht "maladi"? Niemand würde je verstehen um was
es geht und ausserdem ist es inhaltlich verwandt mit "maladie" Es ist
eine Zusammenschmelzung von unseren Namen. ... Maladi ist ein
schönes Wort, klingt wie Musik und passt gut zu unseren Gefühlen.
Sollen wir unsere LIEBE mit einem Glas Champagner taufen? Oder
hast du Einwendungen gegen diesen Namen, Chéri?"

----------

den 14 april 2000 17:37

Liebe Marlena
Maladi finde ich absolut super. Wir sollten dieses schöne Wort wirklich begiessen bis es pudelnass ist, wie bei einer grossen Schiffstaufe. Man muss gar nicht viel erklären zu diesem Wort. Wir zwei wissen alles, was drin steckt. Es ist grandios, ich gratuliere der Patin, die den Namen gefunden hat. Er wird uns wie Honig auf der Zunge liegen. Maladi wird wie ein Turm vor unseren Augen aufragen. Und sie wird sich als fröhliche Melodie durch unsere Jahre ziehen. Ich finde, wir sind wirklich ein fantastisches Team, Marlena, und eine solche Maladi, wie wir sie hier pflegen und geniessen, wird es auf dieser Welt keine zweite geben. Da bin ich mir ziemlich sicher. Und dazu hat Maladi eine Affinität zum Französischen, das ist auch sehr gut getroffen. Und die Silben machen, wie du zeigst, einen Sinn. Ach, es ist praktisch ein Zauberwort. Und dass auch ein Hauch von maladie drin ist, eine kleine melancholische Note, finde ich besonders reizend, bricht die Farbe um eine Nuance. Ich kann uns nur zu diesem Kunstwerk beglückwünschen. Und wenn ich irgendwann und irgendwo auf dieser Welt über Ostern ein Weinglas in der Hand haben werde, so werde ich mit dir anstossen. Du wirst es hören am schönen hellen Klang der Gläser. Ich bin sicher, du wirst es hören. Und natürlich werde ich auch meinerseits genau in die Lüfte horchen, ob ich irgendwann einen solchen kleinen Kristallkuss höre. Und ich werde
dir später die Uhrzeit sagen.

Letzter freier Abend


Subject: Letzter freier Abend..
Date: Thu, 19 Feb 2004 19:43:43 +0100

Lieber ...,
 Heute verwöhne ich dich zu sehr. Ich weiss, und ich habe Angst dass du dir dabei den Magen verdirbst.
(---)
Irgendwo habe ich gelesen, dass Ungerer, wenn er allein in ein Restaurant geht und ein Platz neben ihm frei ist, ganz einfach einen schon verstorbenen Freund einlädt dort mit ihm zu sitzen. Und er fühlt, dass dieser dann wirklich da ist. Machst du es auch so? Oder holst du dir Leute aus Fleisch und Blut an den Tisch? Vielleicht bist du auch gern mit deinen Gedanken allein.
Hast du auch gesehen, was Ungerer über NY schreibt? Scheinbar war er ebenso verliebt in die Stadt wie du. Die Stadt muss etwas besonderes an sich haben.

Heute ist mein letzter freier Abend. Ich meine der letzte an dem ich hier allein bin und dir ungestört schreiben kann. Zehn Tage lang wird es dann nicht so sein. Und du? Wirst du nächste Woche deinen Wunsch wahr machen und verreisen? Ganz frei bist du wohl nicht, oder?
...

Montag, 3. September 2012

My one and only ... (auf der Überholspur)

(ungekürzt)
am Rande der Felder

Subject: My one and only ...
Date: Tue, 30 May 2000 18:53:43 GMT


Liebste Ferngeliebte
Ach, und du hast gedacht, du seist wirklich die einzige, die richtig maladiere und sehnsuche. Ach, hast du wohl gedacht, dass du damit ganz allein bist und dass niemand in der Welt wirklich merke, wie es dich hier mitnimmt. Und gedacht, dass ich bei der ganzen Geschichte, wenn überhaupt etwas, nur etwa die Hälfte abkriegen würde? Hast du das gedacht?
Soll ich dir mal beschreiben wie es mich hier durch die Mangel dreht? In den letzten 4 oder 5 Wochen kann ich gar nicht mehr arbeiten wie früher. Ich schiebe die Sachen vor mir her, ich gehe oft lange auf und ab im Büro und komme einen langen Weg zurück von meinen Gedanken, um mich zu besinnen, wo ich überhaupt stehe und was ich denn hier zu tun hätte. Und dann nehme ich irgend eine Kleinigkeit in Angriff, um dann eine halbe Stunde mit einem anderen fernen Gedanken mich wieder auf und abgehend zu ertappen. Es ist nicht unangenehm. Es ist süss und angenehm. Nur, dass eben die Arbeit nicht richtig vorankommt. Und das ist unangenehm. Ich meine, 14 Tage wird das niemand merken, 3 Wochen auch nicht. Noch 5 Wochen kann ich mir erlauben. Aber wenn es Monatelang gehen wird, dann wird es böse enden. Doch solange erlaube ich mir das dann doch nicht.
Meine Gedanken sind irgendwie bei dir, bei unseren Gesprächen, bei den Gefühlen, die ich gestern im Chat hatte... Ich versuche mir vorzustellen, wo du bist, wie du bist, wie das alles sein könnte in eurem Haus am Rande der schönen Felder. Wie du mit Anna zusammen isst und wie ihr scherzt und so. Oder dann in der Schule, wie ihr jetzt eure Schlussexamen habt, in dieser Mischung aus Arbeitsbelastung und Vorfreude auf die Ferien. Das muss doch wirklich eine besondere Zeit sein. Und ich frage mich, wie du denn den Weg immer wieder zum PC findest, wo du doch soviel zu tun hast.
Gestern abend war lustig. Ich habe doch meine Telefonnummer, halb im Spass, halb im Ernst, geschrieben. Ich habe gedacht, es ist vielleicht etwas lange, vis 22h warten zu müssen, und wenn du es vorher sehen würdest, so könnten wir sofort. Du hattest ja den Wunsch, nochmals ein bisschen zu chaten. Und du glaubst es nicht, um vielleicht 2140h ging das Telefon. Ich meine, kein Mensch ruft um diese Zeit in ein Büro an, jeder weiss dass geschlossen ist. Ich habe nach Hause angerufen, weil ich dachte, A. hat vielleicht eine Frage zu ihrem Vortrag, den sie auf heute vorbereiten musste. Wir haben ziemlich viel über Dekonstruktivismus und über Architektur diskutiert. Ich habe das genossen, und ich glaube, sie auch. Sie scheint ziemlich interessiert für diese Architektur. Und - das hat mich erstaunt - auf für die philosophischen Anteile, Derrida und so. Ich habe ihr einige Bücher aus meiner Bibliothek geholt, eines speziell noch gekauft. Den Rest hat sie sich selbst geholt an der Hochschule für Gestaltung in Basel. Also, ich glaubte, vielleicht war das Läuten von ihr. Doch als ich zuhause anrief war dort besetzt.
Und so dachte ich, vielleicht hast du es läuten lassen - es war nur einmal läuten - also kein cas de querre, und ich war sicher, dass wir uns um 22h im ST treffen würden. Ich war fast ganz sicher, so wie es bei uns doch immer wieder so fast zufällig geklappt hat. Nur wenige Male sind wir aneinander vorbeigegangen.
So siehst du, ich maladiere. Ich bin so irgendwie nicht mehr ganz hier zuhause, weil ich irgendwie aus dem Häuschen bin. Es geht mir ähnlich. Ich hatte auch den Gedanken, dass ich es mir doch in der Prä-Marlena-Zeit ganz gemütlich eingerichtet hatte. Ich ging am Samstag Morgen ins Büro und las in aller Ruhe meine Zeitung. Manchmal hatte ich genügend Zeit, nach Basel zu fahren, in die Buchhandlung, mich umzusehen, ab und zu, selten zwar, aber doch hin und wieder, einen Kaffee zu trinken, und dann gemütlich wieder zurückzukehren. Ach es war eine ruhige Zeit, und die Wochenenden waren ruhig und die Abende waren die Ruhe selbst. Gelegentlich ein Abend mit dem Club. Der Donnerstag mit Walter. Sonst ging alles seinen geregelten Lauf. Ich hatte nicht viel mehr Wünsche als das. Es war zwar vielleicht ein bisschen monoton. Aber eigentlich ganz gut.
Und nun, seit Januar, hols der Teufel, diese Unruhe, wie du es genannt hast. Doch die Unruhe war nicht von Anfang. Zu Beginn war es eine lockere leichte Erwartung. Alles schien offen. Ich wusste nicht, was daraus würde. Ich dachte mit Hoffnung an deinen Beruf. Ich war sicher, wir würden ein paar lustige und interessante Themen finden, worüber wir diskutieren könnten. Ich dachte, sobald ich wusste, dass du auch Deutsch gibst, natürlich an deutsche Literatur. Aber vielleicht auch an Unterrichtsprobleme, Organisation des Gymnasiums, Umgang mit den Kollegen. Oder vielleicht auch politsiche Fragen zu Schweden. Was macht die Soziale Partei Palmes. Was denkt man über Palme und sein mysteriöser Mord. Wie geht es dem Hockey-Team, das wir in unseren jungen Jahren immer bewundert hatten, neben dem Tschechoslowakischen und vielleicht noch dem Canadischen. Und vielleicht machte ich mir schon von anfang an ein paar schöne Gedanken über die Möglichkeiten, wie eine hübsche Schwedische Studienrätin aussehen könnte. Aber nicht zu genau, nicht im Detail, vielleicht grob blondes Haar, blaue Augen und schöne lange Beine. Das vielleicht nur. Aber wolkig, wie die katholischen Wunder. Mehr nicht.
Und dann gibt sich daraus ein solcher Orkan, ich bitte dich Marlena. Ich glaube nicht, dass ich den Anfang gemacht habe. Ich glaube, du hast ihn gemacht. Du hast ein kleines Geständnis gemacht, irgend einmal. Ich erinnere mich vage, wie du sagst, ich hätte das wohl schon lange gemerkt, dass du nicht mehr neutral seist oder so ähnlich. Und ich hatte bis dahin, unschuldig und keusch wie meine brave Seele nun mal ist, ich hatte gedacht, du seist neutral und so ähnlich. Und dann haben wir in den dritten Gang geschalten, so dass das Tempo schneller ging. Und wir haben nach den Tempokontrollen Aussschau gehalten. Wir haben §§§ formuliert und komponiert. Wir haben sie aufgestellt wie Bleisoldaten, und ab und zu wieder umgeworfen, immer häufiger umgeworfen, mit Vergnügen sogar umgeworfen. Und das Tempo ging so weit, dass einer von uns, oder vielleicht beide Hand in Hand in den Overdrive geschalten haben. Und seither sind wir auf der Autobahn und die ganze Sache ist einfach nicht mehr zu stoppen. Es läuft bis das Benzin ausgeht. Wir fahren auf der Überholspur und lachen und umarmen und strahlen, und rasen an den anderen Autos vorbei, dass es leicht gefährlich sein könnte.
Ach, und nun denkst du, du seist am maladieren und ich liege behaglich zuhause auf dem Chesterfield und lasse mich von meiner eigenen Familie verwöhnen? Und nur du fühlst dich allein, denkst du, und irgendwie nicht mehr ganz zuhause in deinen vier Wänden und in deinem Körper, weil einfach irgendwas fehle. Ach du bist gut, wie kannst du all die Maladie allein für dich stehlen? Lass mir doch die Hälfte! Was meinst du denn. Ich möchte alles mit dir teilen. Die Freuden so gut wie die Leiden. Du hast mir doch gezeigt, wie schön es ist, wenn man Leiden für den anderen Tragen kann, wie es dann leicht wird, und wie es dann geradezu zur Freude wird.
Ich meine Maladi ist im Grunde nicht so schrecklich. Wenn ich wirklich aktiv bin und was tue, dann fühle ich mich sicher und wohl. Und ich habe diese Erotik, die ich noch nie so hatte. Heute habe ich einer lieben Kollegin ein Kompliment über ihr Kleid gemacht. Und sie hat Freude gehabt und ich habe Freude gehabt und die zwei Sekretärinnen, die dabei sassen, haben auch nochmals Freude gehabt. Ach, du weißt ja nicht, wie du das Klima hier verändert hast durch deine Präsenz. Es ist irgendwie wunderbar. Es ist schön, und ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich das so erleben kann. Ich meine, diese Art, wie wir zusammenpassen im Geistigen. Du bist zwar nicht gerade eine begeisterte Schreiberin, aber du hast dir doch sehr viel Mühe gegeben wegen mir. Und du bist eine gute Schreiberin, die mich schon sehr begeistern kann. Ich hoffe, mit der Zeit schreibst du auch noch mit Begeisterung. Und dann werden deine Texte so lange und wir werden zusammen etwas produzieren, das uns ewig zusammenhällt.
Wie soll ich dir danken, liebe Marlena, für all das, was du durch deine blosse Gegenwart für mich gemacht hast? Und wie kannst du glauben, du seist die einzige, die maladiere. Du denkst vielleicht, wir Männer lieben weniger leidenschaftlich als ihr Frauen, wir seien reserviert und könnten uns immer noch ein bisschen kontrollieren. Es scheint ja nun so, dass derjenige in einer Beziehung, der mehr liebt, auch mehr zu leiden hat. So scheint es. Aber eine schöne Liebe ist die, wo beide ungefähr gleich leiden. Das vielleicht ist das Zeichen der schönen liebe. Denn wenn einer viel stärker ist als der andere, dann verdreht sich die Sache allzu leicht.
*
Heute abend habe ich in einer kleinen Zeitung Texte zu den Sternbildern gesehen. Ich habe sowas in meinen Leben nie gelesen. Heute lese ich sie. Der Krebs und der Skorpion liegen gleich nebeneinander auf dieser Seite. Ich lese es für dich:
Krebs: Sicherheit
Er ist sehr häuslich und romantich und liebt es, wenn man fantasievoll um ihn wirbt (Hugh!: mein Kommentar). Abenteuer erlebt er lieber in der Fantasie als in der Realität (Aha! Mein Kommentar!) Er liebt eine gefühlvolle Beziehung und eine grosse Familie (wie gross eigentlich?). Deshalb ist der schüchterne Krebs auch kein grosser Draufgänger. Aber wenn Treue Spass macht, dann muss es wohl Liebe sein.
Skorpion: Verwirrend
Er ist geheimnisvoll, faszinierend, von leidenschaftlicher Sinnlichkeit und wird oft missverstanden (Und ob!). In der Sexualität bereitet es ihm grösste Lust, immer wieder Grenzen zu überschreiten und Tabus zu brechen. Entspannung und Ruhe können Sie mit ihm vergessen (na ja, das ist sehr stark gesagt bei mir). Es mag aber auch sein, dass er nur deshalb so innig küsst, weil er im Moment nichts zu sagen weiss.
Wir sind beide Gefühlswesen und unser Element ist das Wasser. Und ganz rechts von uns habe ich noch Anna entdeckt. Ich bin eigentlich zwischen Marlena und Anna. Willst du Annas auch hören:
Fische: Traumverloren.
Ein Fisch ist fast immer verliebt, wenn nicht in einen Menschen, dann in eine Sache. Seine enorme Hingabe macht ihn leicht verführbar. Er ist empfänglich für Genussmittel und träumt immer wieder von einer idealen Beziehung. Von der nüchternen Wirklichkeit ist er dann häufig enttäuscht. Aber eben: Gegen Liebe auf den ersten Blick hilft nur der zweite.
*
Ich glaube, das genügt meine liebe, damit kannst du eine ganze Nacht neben mir auf dem Bett liegen und wir können diskutieren und rätseln und lachen... Lass es uns nochmals machen wie gestern. Oder bist du ein bisschen müde. Dann lass ich dich eben schlafen. Wie du willst. Im Mail von heute, hatte ich leise das Gefühl, du seist etwas müde. Wirst du leicht launisch, wenn du müde bist? Ich werde eher verärgert, leichter verärgert als sonst. Aber ich , na ja, vielleicht auch ein bisschen launisch ab und zu.
Ich küsse dich so vorschriftsgemäss, wie es mir mein Sternbild vorschreibt und ich lege noch eine Portion obendrauf. Die ist speziell für meine Marlena. Es ist eine handgemachte, besonders saftige Portion.
Hab eine gute und eine schöne Nacht

Sonntag, 2. September 2012

Bedeutung?




Zeichnen


Liebe Marlena
Du fragst nach der Bedeutung meiner Zeichnung. Na ja, vielleicht weißt Du,
dass grosse Künstler nie über ihre Bilder reden. Bilder reden nämlich für
sich, wenn sie wirklich gross sind ;--))
Nein, das war ein Scherz, ich muss Dir sagen, dass die Zeichnung nicht mehr
bedeutet als was sie zeigt. Manchmal zeichne ich ziemlich spontan, sagen wir
vorbewusst, "aus dem Bauch heraus", wie man zu sagen pflegt. Und das ist
eine solche Zeichnung. Es geht ein bisschen darum, die Atmosphäre der
Jugend aufzufangen. Und ich glaube, irgendwie fand ich diesen Gedanken,
dass heute alles auf Rädern, dh. mobil ist, komisch und visuell lustig. Ich
weiss nicht mehr genau, wass ich ursprünglich im Sinn hatte, als ich den Stift
ansetzte.
Ich glaube, ich wollte was anderes Zeichnen, und schliesslich ist eben dies
hier herausgekommen. Wie Du siehst, zeichne ich mit nachtwandlerischer
Umsicht, dh. praktisch mit geschlossenen Augen. Die Illustrationen sollen
auch nicht unbedingt selbst eine Aussage machen, sondern zusammen mit
den Texten wirken. Deshalb kann ich Dir nicht mehr erklären, als was ich
Dir bereits geschickt habe. So einfach ist das alles!
"