und nochmals Bärlauch (drei Jahre später)
date: 23 March 2007 07:44
subject: Re: FreiMo
Liebe Malou
Jetzt schau mal an, ich schreibe dir schon um 7.15 eine Mail. Ich
gähne zwar ziemlich offenkundig und sehe kaum aus meinen Augen. Aber
ich schreibe. Ich habe um 8h eine Sitzung. Und ich habe absolut keine
Lust, hier im Büro irgend auch nur etwas zu berühren, bevor ich weg
muss.
Draussen schneit es wie im November. Es ist schrecklich. Das will und
will kein Ende nehmen. Wo wir uns doch schon fast auf den Sommer
bereit gemacht haben. Bestimmt freuen sich die Leute in Zermatt und
St. Moritz. Dieser Schnee verlängert ihnen die Saison über Ostern
hinaus. Das ist natürlich irgendwie wichtig. Aber es kann ja auch
sein, dass es urplötzlich wieder warm wird und alles dahinschmelzt. Es
gibt doch im Deutsch diese Redensweise "etwas sei Schnee von gestern".
Das meint, ist eine alte Sache, nicht mehr aktuell, nicht mehr
interessant. Man sieht, wie kleine die Halbwertzeit von Schnee ist.
Schon am zweiten Tag wird er nass und pflotschig, wie wir sagen.
Gestern, du wirst es kaum glauben, habe ich viel Bärlauch gewaschen,
fein geschnitten und in Öl eingelegt. Den Rest habe ich mit einer
Bouillon kurz aufgekocht und als Nachtessen genossen. Kennst du
Bärlauch. Es ist diese Pflanze, die man jetzt im Frühjahr sammelt. Sie
wächst im Wald und am Waldrand, jedenfalls im Halbschatten, sieht aus
wie Maiglöcklein, mit dem man ihn aber nicht verwechseln sollte, denn
Maiglöcklein sind giftig. Bärlauch schmeckt ein bisschen nach
Knoblauch, hat wohl leicht desinfizierende Wirkung. Und er sieht so
saftig grün aus, dass jeder Kuh das Wasser im Munde zusammenlaufen
müsste. So hatte ich also meine Bärlauchsuppe gestern. Abends war ich
noch in der Stadt. Am Donnerstag sind die Läden bis 20h offen. Aber es
gab nicht sonderlich viele Leute. Ich weiss nicht, ob sich dieser
Abendverkauf für die Geschäfte überhaupt lohnt?
Und dann gabs im Radio eine Sendung über Schweizer Dialekte. Das höre
ich recht gerne. Ein Volkskundler erklärt auf Anfrage Wörter oder
Begriffe, welche die Leute nicht mehr verstehen. Und dann hört man
eine Geschichte oder Erzählung in einem typischen Schweizer Dialekt.
Du musst wissen Malou, dass ich für Dialekte ein ziemlich feines Ohr
habe. Wenn ich mit jemandem ins Gespräch komme, kann ich oft ungefähr
sagen, woher er kommt. Das wird allerdings immer schwieriger, weil das
Fernsehen und die Mobilität die ureigenen Dialekte auswäscht und
verflachen lässt. Aber wenn man die Schweiz mit einem Kreuz in vier
Teile teilt, dann hat man auch die Sprachgrenzen. Es gibt einen
Ost-West Unterschied und einen Nord-Süd. Und die Walliser sind dabei
echte Provenzalen. Allerdings waren früher die Walliser aus ihren
Tälern ausgewandert und haben im Graubünden, bis hinüber in
Oesterreich und Norditalien, im Berneroberland Siedlungen geschaffen.
Diese Dialekte sind darum auch vom Walliserdialekt beeinflusst. Und
das hört man noch etwas heraus.
Nur meinen Dialekt kann niemand erkennen, weil ich schon in
verschiedenen Orten gelebt habe. Ich sage gewöhnlich, mein Dialekt sei
"Bahnhof-Buffet Olten". Weil Olten von den Schweizerischen
Eisenbahnen her sozusagen als Zentrum und Knotenpunkt der Schweiz
gilt, ist der Dialekt 'Bahnhof-Büffet Olten' einfach ein Gemisch aus
allen Schweizer Dialekten. Alles oder nichts eben.
B spricht beispielsweise einen ausgeprägten Berner Dialekt, wie ich
ihn seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Der Berner Dialekt gilt als
sehr gemütlich und gefühlvoll. Der Zürcher dagegen ist etwas breit und
hart. Zürcher hält man in der ganzen Schweiz für grossmäulig. Das ist
vielleicht ein Vorurteil, denn die echten einheimischen Zürcher sind
gar nicht so wortlaut. Es sind die Neu-Zugezogenen, die das Wort
führen. Ausgesprochen markant ist der Friburger-Dialekt. Den erkennt
man sehr leicht. Und natürlich auch die konservativen Innerschweizer
Sprachen von Uri, Schwyz, Unterwalden, vielleicht noch Luzern, aber
schon weniger.
Am schlechtesten kenne ich die Ostschweiz. Sie haben eine eher
geschliffene Sprache und ich behaupte immer, sie seien halbe Deutsche.
Aber das ist natürlich schon eine kleine Beleidigung.
Du siehst, die Schweiz ist beinahe ein Sprachlabor. Und das ist
interessant. Schade dass mit der Modernisierung diese Sprachen langsam
verschwinden. Die jungen Leute sprechen sie nicht mehr mit
Überzeugung.
Ich bekomme beispielsweise immer gleich Heimweh, wenn ich einen
Aargauer-Dialekt höre. Das erinnert mich an meine Jugendzeit in
Lenzburg, erinnert mich auch an Onkelchen. Ist ein schöner Dialekt,
nicht sehr auffällig, wirkt auf mich eben irgendwie jugendlich. Aber
der Aargauer Dialekt wandelt sich gegen Zürich hin, gegen Luzern hin,
gegen Basel hin. Für mich ist die Lenzburger Sprache das Zentrum der
Schweiz, dialektologisch gesprochen.
Jetzt ist Zeit geworden, meine Sachen zu packen. Ich hoffe, der Schnee
hört bald auf. Und die Strassen sind nicht zu nass.
Ich wünsche dir einen schönen Tag, gemütlich in der Wärme der vier
Wände. Ich bin wirklich etwas neidisch, kannst du mir glauben.
Mit Gs und Ks in Qs
...
On 22/03/07, Marlena <...@gmail.com> wrote:
Neunutzer sagen immer häufiger "das Mail".
Gruss
Malou