Freitag, 30. April 2010

der Visper


Die Visper Geschichte ist für mich ok. Sie ist wirklich eine merkwürdige Sache. Und ich weiss, dass du vertrauenswürdig bist, meine Liebste. Sonst würde ich dich nicht lieben. Ich schicke dir sogar eine Ansicht der Situation Visps, die du diesem Sarbach weitergeben kannst. Er wird zu Tränen gerührt sein. Und dann fragst du ihn, ob er bei Ansicht dieser Karte ein Glas Fendant oder ein Glas Dôle trinken würde. Er wird dort drüben einen Abend lang heulen und flennen vor Heimweh. Ich kenne die Walliser, die sind so, sie hängen sehr an ihrer Heimat. Ich schicke dir die Karte. Unten, etwas links von der Mitte, ist Visp. Dort geht das Tal hinein. Dann verzweigt es sich wie ein Buchstabe Y. Rechts geht es hinauf nach Zermatt, den berühmten Kurort. Dort ist auch dieser markante Berg am rechten Rand. Das ist das Matterhorn. Die Einheimischen sagen nur "Horu", dh. das Horn. Und links geht das Tal hinauf nach Saas Fee. Dort hat Zuckmeyer gelebt. Auch Saas Fee ist ein schöner Kurort, etwas weniger bekannt und mondän als Zermatt. Saas Fee hat sogar eine unterirdische Bahn den Berg hinauf, die Metro-Alpin. Und unten, parallel zum unteren Kartenrand, verläuft das Rhonetal. Nach rechts kommt man als nächstes nach Raron, das aber auf der anderen Talseite liegt als Visp. Visp liegt sozusagen auf der Schattenseite, Raron auf der Sonnenseite. Dort fangen dann auch die ersten grösseren Rebgebiete an. Ach ich kenne das wie meinen Hosensack.

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du Allzuschöneallzuferne

Liebe Marlena

Herzlichen Dank für dein Mail. Schön, dass du deinen Charme jetzt zugibst. Du bist wie eine ganz schlaue Schwerverbrecherin. Du gibst immer nur soviel zu, wie man dir schon bewiesen hat. Du wärst eine echt Nummer und gut für den Colombo. Ich mache dich nicht nur ein bisschen ideal für dich, sondern auch für mich. So läuft das nun einmal in der Briefliteratur. Das kann gar nicht anders gehen. Ich glaube nicht, dass etwas an dir mich sehr enttäuschen könnte. Vielleicht wenn du sehr launisch wärst. Oder wenn du einen ganz unförmigen Hintern hättest, so wie sie ihn die Amerikanerinnen manchmal in der Weltgeschichte herumtransportieren. Nein, pardon meine Liebste, das war jetzt sehr salop gesagt im Zusammenhang mit deiner Person. Aber ich wollte es ein bisschen lustig machen. Ich werde das niemals akzeptieren, deinen Vorschlag, uns erst zu treffen, wenn wir keine Hoffnungen mehr haben, wenn wir nicht mehr enttäuscht sein können. DAS KANN ICH NICHT AKZEPTIEREN, meine Liebe. UND DAS WILL ICH NICHT AKZEPTIEREN. Sonst bin ich sehr flexibel und konzessionsbereit, aber hier nicht. Da bin ich hart. Vielleicht hilft das auch nichts, aber ich bin es. Wenn ich keine Hoffnungen mehr habe, dann bin ich nicht nur tot, dann bin ich mausetot. Und dann können wir es vielleicht auch lassen.

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Ich habe diese Kopfbinden der Universität Uppsala gesehen, die sie bei den Doktorwürden verteilen. Sehen echt komisch aus, wie ein römischer Augustus mit dem Lorbeer auf dem Kopf. Schlicht und komisch. Ich würde mich hüten, Ehrendoktor an einer schwedischen Universität zu werden, wie das Reich-Ranitzky gemacht hat.

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Du hast mir nicht gesagt, wohin ihr in die Ferien reist. Ist denn das ein Geheimnis? Geht ihr ans Meer oder in eine Stadt? Oder willst du es machen wie bei Prag? Erinnerst du dich, du hast absolut kein Wort darüber gesagt. Nur im letzten Moment, aber auch dann nicht wohin. Du hast etwas von einer Überraschung gesagt. Doch darin habe ich nun überhaupt keine Ueberraschung gesehen. Eine Woche wärst du einfach weg gewesen und ich hätte nichts gewusst, vor allem nicht wo, bis vielleicht eine Woche später deine schöne Karte gekommen wäre. Nein, das ist doch keine Überraschung. Das ist ein kleines Martyrium, weiter nichts. Und die Sache mit Barbaras CDs hätten wir besser organisieren können, wenn deine Informationspolitik nicht gewesen wäre wie die Leutseligkeit des Kremls, oder vielleicht noch die Schwatzhaftigkeit des Nobel-Preis-Kommittees. Da könnte ich jetzt wieder sagen: also sowas, meine Liebste Marlena, das verstehe ich einfach nicht. Du musst doch dem Typen, der im gleichen Boot sitzt, sagen wohin du schwimmen gehst. Ist doch das absolute Minimum. Wir haben den Ausdruck im Deutschen auch: im gleichen Boot sitzen. Wir sind vielleicht bloss nicht so gute Ruderer wie die Schweden.

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Das ist mein Abendmail, meine Liebste. Ich sende es gleich. Und ich bekränze es mit vielen süssen Küssen, von der Sorte, wie man sie in Paris auf der Strasse finden soll, so mindestens behaupten es die alten Geschichtenerzählerinnen. Geniesse sie, ich habe sie schon genossen. Es werden sozusagen zweimalgebrauchte sein.

KKKKKKKKK

MMMM

SS

H

Valborg


Lieber ...,

Du weißt vielleicht dass der letzte April bei uns gross gefeiert wird. Es ist Valborgsmässo- afton, der Abend an dem man den Frühling willkommen heisst und die Finsternis verjagt. Überall zündet man Feuer an und Männerchöre singen die typischen Lieder, die mich immer so nostalgisch machen wie z.B. "Sköna maj välkommen" oder "Oh, hur härligt majsol ler" (Oh, wie herrlich die Maisonne lächelt). Die Sänger tragen dabei die weissen Sängermützen (sehen aus wie unsere weissen Studentenmützen die man bekommt wenn man das Abitur bestanden hat). Ich liebe diesen Abend und diese Lieder, denn ich bin damit aufgewachsen. Mein Onkel war Sänger in einem Männerchor und sein bester Freund war der Dirigent dieses Chores. So fuhren wir an solchen Abenden von Feuer zu Feuer und ich hörte diese schönen Lieder wieder und wieder. Nachher wurde noch die ganze Nacht "gefestet". Besonders in Uppsala (und auch anderen grossen Universitätsstädten) wird Valborg sehr gross gefeiert. Ich erinnere mich noch gut an solche Abende in Uppsala wo ich im Schein des Feuers die schönen Lieder und die Rede an den Frühling hörte und vielleicht die nähe spürte von jemanden in den ich ein bisschen verliebt war und der dann zu demselben Fest eingeladen war. Alle Studentnationen haben s.g. "gask" an diesem Abend und daneben werden auch viele private Feste veranstaltet. Am nächsten Tag kommt dann noch der grosse "majmiddag" zu dem sich auch alle Professoren und Honoratiores einfinden. Es ist sehr feierlich und alle tragen ihre weissen Mützen, die mit der Zeit immer weniger weiss aussehen (d.h. eine schöne Patina bekommen ) :-)

Hier zu Hause legen wir am Valborgsmässoafton, wenn wir nach Hause kommen eine Platte auf mit den typischen Liedern. Es ist eine alte etwas raspige Platte aber es macht nichts. Im Gegenteil, es hört sich an wie das Knistern des Feuers und macht das ganze noch mehr authentisch.

Nun, also an diesem Abend bin ich noch schnell mit Anna zum Heimatmuseum gegangen um das Feuer anzusehen. Nachher kam noch das übliche Feuerwerk das dieses Jahr sehr imponierend war. Vielleicht hatte man noch Raketen von der Neujahrsfeier übrig. ;-)

Wir blieben nicht so lange, da ich am nächsten Morgen früh aufstehen musste um den Bus nach Prag zu nehmen.

Donnerstag, 29. April 2010

J'ai presque peur, en vérité

J'ai presque peur, en vérité,
Tant je sens ma vie enlacée
A la radieuse pensée
Qui m'a pris l'âme l'autre été,

Tant votre image, à jamais chère,
Habite en ce coeur tout à vous,
Mon coeur uniquement jaloux
De vous aimer et de vous plaire ;

Et je tremble, pardonnez-moi
D'aussi franchement vous le dire,
A penser qu'un mot, un sourire
De vous est désormais ma loi,

Et qu'il vous suffirait d'un geste.
D'une parole ou d'un clin d'oeil,
Pour mettre tout mon être en deuil
De son illusion céleste.

Mais plutôt je ne veux vous voir,
L'avenir dût-il m'être sombre
Et fécond en peines sans nombre,
Qu'à travers un immense espoir,
Plongé dans ce bonheur suprême
De me dire encore et toujours,
En dépit des mornes retours,
Que je vous aime, que je t'aime !

Paul VERLAINE

Dienstag, 27. April 2010

das Wallis - Nostalgie

Liebe Malou
Nein, ich bin noch nicht im Wallis und ich habe die kleine Ausfahrt
auch noch nicht geplant. Wenn ich schon fahre, möchte ich schönes
Wetter. Ich finde, das Wallis ist bei schlechtem Wetter wie eine
Dampfkammer. Ich glaube nicht, dass ich diese Enge, die durch eine
tiefe und dichte Bewölkung entsteht, noch lange aushalten würde. Es
gibt zwar im Sommer schöne Situationen, wenn die Nebelschwaden
bis tief herunter hängen. Das kann sehr malerisch sein. Aber natürlich
nicht für einen Touristen wie mich, der einmal im Jahr daherkommt
und alles von der Sonnenseite her sehen möchte.
Nein, das Wallis ist eine Sonnenregion, und so sollte man sie auch
sehen und fotographieren. Was mich noch zögern lässt ist die Frage,
ob ich mit dem Auto oder mit der Eisenbahn losfahren soll. Mit dem
Auto ist es aufwendig. Es ist eine gute 3-Stunden-Fahrt via Bern und
Lausanne. Aber mit dem Auto hätte ich im Wallis die Möglichkeit, in
die Seitentäler hinein zu gehen, kleine Dörfer zu besuchen und die
besten Photo-Punkte aufzusuchen. In der Eisenbahn fährt man ja
eigentlich nur im Eiltempo durch.
Und so würde ich wohl oder übel schliesslich in Brig landen, die
Bahnhofstrasse hinauf schlendern, vielleicht auch noch die
Burgschaft, dieses alte Pflaster unter die Füsse nehmen, auf dem
wir so viele male auf und heruntergerannt waren, und ein paar
Blicke vom alten Kollegium und vom Pensionat, der damaligen
Mädchenschule, nehmen. Ach, ich weiss schon heute, wie sich
das im Herzen anfühlt. Es ist so ähnlich, wie wenn du dich an
einer alten Wunde kratzest. Irgendwie tut es wohl, aber die Wunde
schmerzt auch wieder. Und wenn du dann abends wieder
abreist, hängst du irgendwie in der Luft und bist mehr oder weniger
enttäuscht über all die Dinge und Menschen, die nicht mehr sind. Ich
weiss nicht, ob ich mir soviel Melancholie leisten kann?
Mit dem Auto wäre ich natürlich freier und würde vielleicht eine
kleine Fahrt bis hinauf ins schöne Goms machen. Das ist ein einmalig
schönes Hochtal mit wunderbaren kleinen Dörfern, die noch das alte
Bild erhalten haben mit den Holzbauten. Ich würde vielleicht in der
Nähe Visps hinüber gehen nach Baltschieder, wo am warmen
Sonnenhang praktisch eine neue Ortschaft entstanden ist. Oder ich
würde in Raron aussteigen und hinauf zur Kirche wandern, wo ich
schon in jungen Jahren gerne war, um über das Tal hinweg zu blicken
bis hinunter zum Pfinwald.
Es wäre alles ein bisschen so, wie wenn Du nach vielen Jahren das
Elternhaus wieder besuchst. Du kommst in die alte Stube, alles steht
da wie in einem Traum, du siehst, dass in der Küche noch dieselbe
Ordnung mit denselben Küchengeräten herrscht, und auch in
Deinem Zimmer ist das meiste so geblieben, wie es war. Es ist alles
noch so, wie es damals war, und trotzdem ist es nicht mehr so. Die
Bedeutungen haben sich verändert. Es ist nicht mehr deine Umwelt.
Aber sie hat immer noch deinen Geruch. Mindestens glaubst du, ihn
zu riechen. Ach, es ist wirklich ein merkwürdig melancholisches
Gefühl. Und vor allem denkst du ständig, du würdest irgendwelche
bekannte Menschen treffen. In Brig auf der Strasse, die alten Figuren,
die damals das Zentrum bevölkert haben. Aber nein, keinen einzigen
kennst du. Das macht so ein Gefühl der Irrealität. Du fühlst dich wie
in einem Film, der dir vorspiegelt, du wärst zuhause. Aber all die
Leute, die herumgehen, sind bloss Statisten für deine alte Heimat.
Dabei sind viele von jenen Menschen, die damals bedeutsam waren,
gestorben. Und die Kollegen aus der Schule sind beschäftigt und
kommen nicht auf die Idee, an einem gewöhnlichen Nachmittag die
Bahnhofstrasse auf und ab zu flanieren, um sich alles ganz genau
anzugucken.
Und dann kommen all die Häuser dazu, die neu gebaut worden sind.
Du vermisst die alten Bauten, mit denen du immer noch gerechnet
hast. Und du kannst das alles einfach nicht in solch kurzer Zeit
nachvollziehen, all diese Aenderungen, die gemacht worden sind,
ohne dich (!) anzufragen, ob es auch recht sei. Dies ist die Verletzung,
glaube ich, die man erlebt. Es ist vieles in d e i n e r Landschaft
verändert worden, ohne dass man dich vorher gefragt hätte.

Ach Du siehst, Malou, ein Besuch im Wallis ist ein kompliziertes
Unternehmen. Es ist ähnlich wie die Renovation eines alten Hauses.
Eine solche geht selten ohne Komplikationen ab. Und auch wenn man
sanft renovieren möchte, kommt man oft nicht drum herum, das eine
oder andere herauszureissen und völlig zu ersetzen. Und das Haus ist
nachher nicht mehr, wie es vorher war. Vielleicht ist das die
Anstrengung, die mich erwartet, wenn ich ins Wallis reise. Alle
denken, er macht sich einen schönen, sonnigen Tag. Und dabei
habe ich einen harten Arbeitstag mit Entbehrungen und Schmerzen
und Renovationsarbeiten, so dass der Staub nur so quillt. Da könnte
ich doch hier in der Region Basel bleiben und gemütlich über die
Jurahöhen wandern und in irgend einem Landgasthof einen kalten
Teller essen und ein Bier trinken. Etwa auf der Obetsmatt, wo ich als
Kind in den Ferien hier noch den bekannten Maler Fritz Pümpin des
Baselbietes gesehen hatte.
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Ach Malou, vielleicht mekst Du, dass ich eigentlich Selbstgespräche
führe. Und es ist dabei schon eine kleine Not, das muss ich zugeben.
Es ist das Gefühl der Not, dass man all diese Gefühle und Situationen
nicht ausdrücken kann. Man kann ihnen keine Form geben. Es
schwebt alles in der eigenen Seele, ungesagt, unbearbeitet.