Lieber ...,
Hier ein paar Worte von Camus:
"At the heart of all beauty lies something inhuman, and these hills,
the softness of the sky, the outline of these trees at this very
minute lose the illusory meaning with which we had clothed them,
henceforth more remote than a lost paradise . . . that denseness and
that strangeness of the world is absurd."
...
(11 maj 2000)
Sonntag, 17. Januar 2010
Neues Projekt u.a.m.
Vor einem Jahr hatten wir ein neues Projekt: Eine Gesellschaft zu Gründen mit dem Namen "Gesellschaft Durstiger Pädagogen". Einige Kollegen wollten aus irgendeinem Grund nicht "durstig" sein und so meinten wir dieses Wort "törstig" könnte man je nach Wunsch gegen ein anderes Wort mit T austauschen. Statt törstig (durstig) könnte man sagen
trevlig = nett
trött = müde
tråkig = langweilig
tokig = verrückt
Klingt doch eigentlich ganz gut: "Trevliga pedagogers sällskap". Ich glaube es wäre gut gewesen wenn es geklappt hätte denn wir Kollegen (ca 100) treffen uns sehr selten. Jede Gruppe sitzt in ihren eigenen kleinen Institutionen und man hat fast keine Möglichkeit sich mit Lehrern in anderen Fächern unter lockeren Formen zu unterhalten. Ausgenommen am Freitag Vormittag wo wir gemeinsamen "fredagskaffe" haben zwischen 9 - 10 Uhr. Wenn man zu dieser Zeit gerade Pause hat kann man also die anderen Kollegen treffen. Die Stimmung ist immer sehr gut, es wird viel gelacht und man findet auch Gelegenheit wichtige Dinge zu Besprechen.
Vielleicht wunderst du dich schon ein wenig dass es oft von trinken steht in meinen Mails. Aber die Schweden sind ja dafür bekannt. Du weisst sicher dass wir alkoholhaltige Getränke nur in speziellen Geschäften "Systembolaget" kaufen können und diese sind Samstags geschlossen. Ausserdem ist es sehr teuer im Vergleich zu anderen Ländern.
...
Kennst du die kleine Geschichte "Ein Tisch ist ein Tisch" von Peter Bichsel? Ein Roman von mir würde ungefähr dasselbe Tema haben. Ein Mensch, der seinem traurigen Leben zu entfliehen versucht in eine Fantasiewelt (Internet) und dann nicht mehr in die Wirklichkeit zurückfindet.
trevlig = nett
trött = müde
tråkig = langweilig
tokig = verrückt
Klingt doch eigentlich ganz gut: "Trevliga pedagogers sällskap". Ich glaube es wäre gut gewesen wenn es geklappt hätte denn wir Kollegen (ca 100) treffen uns sehr selten. Jede Gruppe sitzt in ihren eigenen kleinen Institutionen und man hat fast keine Möglichkeit sich mit Lehrern in anderen Fächern unter lockeren Formen zu unterhalten. Ausgenommen am Freitag Vormittag wo wir gemeinsamen "fredagskaffe" haben zwischen 9 - 10 Uhr. Wenn man zu dieser Zeit gerade Pause hat kann man also die anderen Kollegen treffen. Die Stimmung ist immer sehr gut, es wird viel gelacht und man findet auch Gelegenheit wichtige Dinge zu Besprechen.
Vielleicht wunderst du dich schon ein wenig dass es oft von trinken steht in meinen Mails. Aber die Schweden sind ja dafür bekannt. Du weisst sicher dass wir alkoholhaltige Getränke nur in speziellen Geschäften "Systembolaget" kaufen können und diese sind Samstags geschlossen. Ausserdem ist es sehr teuer im Vergleich zu anderen Ländern.
...
Kennst du die kleine Geschichte "Ein Tisch ist ein Tisch" von Peter Bichsel? Ein Roman von mir würde ungefähr dasselbe Tema haben. Ein Mensch, der seinem traurigen Leben zu entfliehen versucht in eine Fantasiewelt (Internet) und dann nicht mehr in die Wirklichkeit zurückfindet.
die Festkomitee
Lieber ...,
Je mehr du mir schreibst um so mehr wundere ich mich dass es
überhaupt Menschen wie du auf der Welt gibt. Mit so viel Können
und Geist möchte ich dich mit Goethe vergleichen, der ja als ein
Universalgenie gilt.
Leider gehöre ich nicht mehr zu dieser Generation die viel klassische
Bildung besitzt. Meine älteren Kollegen (die jetzt schon in Rente
sind) besassen sie noch und wir erfreuten uns immer sehr an ihren
Reden bei den grossen Festen die wir öfters zusammen arrangierten.
...
Noch länger zurück sass ich in einer Festkomitee (so 10 Personen)
die die Aufgabe hatte grössere Feste (für bis zu 100 Personen) zu
arrangieren. Wir trafen uns ab und zu um das nächste Fest zu
besprechen. Erst assen wir gut zusammen (und tranken ;-) und
vergassen dabei schnell warum wir uns eigentlich versammelt hatten.
Erst spät in der Nacht (kurz vor dem Nachhausegehen) erinnerten
wir uns an unsere Aufgabe und so "ajournierten" wir uns bis zum
nächsten "Festkomitee-fest". .
Weder früher noch später haben wir uns so oft und gründlich
amüsiert wie in den Jahren. Und ein richtiges Fest fragst du
vielleicht? Ja, ich glaube mit der Zeit hat auch ein solches
stattgefunden ;-)
--------
Liebe Marlena
Ich kann mir Dein Festkomitee, von dem du sprichst, sehr gut
vorstellen. Es ist wie eine Karikatur. Ein Festkomitee, das nur für
sich selbst Feste organisiert, wie ein Arzt, der sich selber pflegt,
ein Opernsänger, der für sich selber singt, ein Hochspringer, der
über den eigenen Schatten springt. Das ist eigentlich eine geniale
Erfindung. Ich denke, das sollte man an schweizerischen Schulen
auch einführen. Das ist gut für Leib und Seele. Das hilft den Lehrern,
ihre alltäglichen Sorgen zu vergessen. Und dabei ohne Gewissensbisse,
denn diese Feste sind im Grunde harte und anstrengende Arbeit, sie
sind lange und intensive Vorbereitungen auf das eine grosse und
gloriose Fest, sie sind alle ernste Hauptproben für diesen einen
historischen Höhepunkt, der allerdings nie stattfinden wird. Das
ist geradezu kafkaesk. Oder ein Theatergedanke von Friedrich
Dürrenmatt! (Kennst Du diesen Schweizer Schriftsteller ?) Wenn
Ihr noch ein Mitglied für dieses Festkomitee sucht, falls noch ein
Sitz frei ist, ich melde mich sofort! Schicke mir das Anmeldeformular,
ich bitte Dich. Oder muss man dazu Lehrer sein. Das bin ich nun
leider nicht!
---------
Lieber ...,
Du hast Recht. Es war etwas "kafkaesk" wie du sagst dieses ständige Festkomitee-fest. Ich erinnere mich wie mir einer der älteren Mitglieder am Tisch zuflüsterte: Glaubst du sie werden sich bald erinnern warum wir hierher gekommen sind? Und ich sagte: Wir sagen nichts und warten ab .. Es war ja gleichzeitig ein Kompliment für mich das ich ein so schönes Fest veranstaltet hatte dass sie ihr eigentliches Anliegen vergassen. Und dann bekamen wir eben Geschmack darauf.. ;-)) Man möge uns verzeihen denn wir waren noch ziemlich jung..
Je mehr du mir schreibst um so mehr wundere ich mich dass es
überhaupt Menschen wie du auf der Welt gibt. Mit so viel Können
und Geist möchte ich dich mit Goethe vergleichen, der ja als ein
Universalgenie gilt.
Leider gehöre ich nicht mehr zu dieser Generation die viel klassische
Bildung besitzt. Meine älteren Kollegen (die jetzt schon in Rente
sind) besassen sie noch und wir erfreuten uns immer sehr an ihren
Reden bei den grossen Festen die wir öfters zusammen arrangierten.
...
Noch länger zurück sass ich in einer Festkomitee (so 10 Personen)
die die Aufgabe hatte grössere Feste (für bis zu 100 Personen) zu
arrangieren. Wir trafen uns ab und zu um das nächste Fest zu
besprechen. Erst assen wir gut zusammen (und tranken ;-) und
vergassen dabei schnell warum wir uns eigentlich versammelt hatten.
Erst spät in der Nacht (kurz vor dem Nachhausegehen) erinnerten
wir uns an unsere Aufgabe und so "ajournierten" wir uns bis zum
nächsten "Festkomitee-fest". .
Weder früher noch später haben wir uns so oft und gründlich
amüsiert wie in den Jahren. Und ein richtiges Fest fragst du
vielleicht? Ja, ich glaube mit der Zeit hat auch ein solches
stattgefunden ;-)
--------
Liebe Marlena
Ich kann mir Dein Festkomitee, von dem du sprichst, sehr gut
vorstellen. Es ist wie eine Karikatur. Ein Festkomitee, das nur für
sich selbst Feste organisiert, wie ein Arzt, der sich selber pflegt,
ein Opernsänger, der für sich selber singt, ein Hochspringer, der
über den eigenen Schatten springt. Das ist eigentlich eine geniale
Erfindung. Ich denke, das sollte man an schweizerischen Schulen
auch einführen. Das ist gut für Leib und Seele. Das hilft den Lehrern,
ihre alltäglichen Sorgen zu vergessen. Und dabei ohne Gewissensbisse,
denn diese Feste sind im Grunde harte und anstrengende Arbeit, sie
sind lange und intensive Vorbereitungen auf das eine grosse und
gloriose Fest, sie sind alle ernste Hauptproben für diesen einen
historischen Höhepunkt, der allerdings nie stattfinden wird. Das
ist geradezu kafkaesk. Oder ein Theatergedanke von Friedrich
Dürrenmatt! (Kennst Du diesen Schweizer Schriftsteller ?) Wenn
Ihr noch ein Mitglied für dieses Festkomitee sucht, falls noch ein
Sitz frei ist, ich melde mich sofort! Schicke mir das Anmeldeformular,
ich bitte Dich. Oder muss man dazu Lehrer sein. Das bin ich nun
leider nicht!
---------
Lieber ...,
Du hast Recht. Es war etwas "kafkaesk" wie du sagst dieses ständige Festkomitee-fest. Ich erinnere mich wie mir einer der älteren Mitglieder am Tisch zuflüsterte: Glaubst du sie werden sich bald erinnern warum wir hierher gekommen sind? Und ich sagte: Wir sagen nichts und warten ab .. Es war ja gleichzeitig ein Kompliment für mich das ich ein so schönes Fest veranstaltet hatte dass sie ihr eigentliches Anliegen vergassen. Und dann bekamen wir eben Geschmack darauf.. ;-)) Man möge uns verzeihen denn wir waren noch ziemlich jung..
die Zeit der Existenzialisten
...
Das war die Zeit der Existenzialisten, die Zeit Sartres mit seiner
Freundin (Castor hat er sie genannt, und sie sein Leben lang nicht
geduzt; meine Schwester hat sie verehrt als Befreierin der Frauen und
fast wie die eigene Mutter, verehrt sie wohl noch heute). Camus hat
damals noch gelebt und wir haben „Die Pest" und seinen Mythos des
Sisyphos gelesen. Und Paris, eigentlich das Quartier Latin, war das
Zentrum der Welt. (sicherlich hast du dort auch deine schönen
Erinnerungen, wo du – Marlena – kurz an der Sorbonne studiert hast)
Anfangs waren wir jungen Leute ganz nach Frankreich orientiert. Noch
während meiner Studienzeit an der Universität hab ich am Radio meist
französische Sender gehört. Sie haben viel Musik gesendet, aber
natürlich auch viel gequatscht (gesprochen), wie das die Franzosen
eben gerne tun, meist zu mehreren gleichzeitig.
Das war die Zeit der Existenzialisten, die Zeit Sartres mit seiner
Freundin (Castor hat er sie genannt, und sie sein Leben lang nicht
geduzt; meine Schwester hat sie verehrt als Befreierin der Frauen und
fast wie die eigene Mutter, verehrt sie wohl noch heute). Camus hat
damals noch gelebt und wir haben „Die Pest" und seinen Mythos des
Sisyphos gelesen. Und Paris, eigentlich das Quartier Latin, war das
Zentrum der Welt. (sicherlich hast du dort auch deine schönen
Erinnerungen, wo du – Marlena – kurz an der Sorbonne studiert hast)
Anfangs waren wir jungen Leute ganz nach Frankreich orientiert. Noch
während meiner Studienzeit an der Universität hab ich am Radio meist
französische Sender gehört. Sie haben viel Musik gesendet, aber
natürlich auch viel gequatscht (gesprochen), wie das die Franzosen
eben gerne tun, meist zu mehreren gleichzeitig.
Samstag, 16. Januar 2010
in einem Wüstendorf
Liebe Marlena
Sind Kamele Wiederkäuer? Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube,
sie könnten es schon sein. Ich habe sie in Erinnerung, wie sie
daliegen und kauen. Sie haben also nicht bloss den Vorteil, dass sie
Reserven speichern können, sie können sich auch noch mit sich selbst
beschäftigen, sie können daliegen und vor sich hinkauen wie ein
amerikanischer Base-Ball-Spieler, der seine Mannschaft soeben in
Führung gebracht hat. Sie sehen ja so zufrieden aus, die Kamele. Es
gibt in Persien auch Kamele, aber sie sind eigentlich nicht heimisch.
Wenn es sie hat, kommen sie aus dem arabischen Raum.
Ich habe einmal ein paar Tage in einem persischen Wüstendorf gelebt.
Das war mit dem deutschen UNO-Experten und dem persischen
Übersetzer. Wir konnten bei einer Familie, ich glaube, es war die
Familie des Dorfvorstehers, wohnen. Die Frauen und Töchter haben
uns das Essen bereitet. Das war sehr einfach. Aber während des Essens
sind die Frauen in der Küche verschwunden. Du hast sie immer nur im
Türrahmen gesehen. Und es hat mich manchmal merkwürdig berührt,
wenn sich die Blicke ab und zu kurz begegnet sind. Man merkte, es ist
eine intelligente Person, aber sie wird hier nicht als Person zugelassen.
Und dann kann man sich überlegen, was eine solche Person wohl
denken mag, ob sie sich ihrer Situation bewusst ist. Es gab nicht soviele
solche Blicke. Bei den meisten konntest du sehen, dass sie sich in
ihre Situation geschickt haben. Sie wissen nichts anderes und nehmen
es, wie es kommt. Aber manche Blicke waren ein bisschen anders. Und
da hatte ich manchmal das Gefühl: sie weiss es, dass es ungerecht ist!
Aber wenn man es sich wirklich überlegt, wussten auch diese es nicht.
Sie wussten vielleicht ein bisschen mehr. Aber wirklich wussten sie es
nicht. Denn es ist nicht primär eine Sache des Wissens, sondern eher
der Lebenspraxis. Und die war ja wohl eindeutig.
Doch ich wollte Dir von diesem Wüstendorf erzählen, das mir durch
die Kamele in den Sinn gekommen ist. Wir waren dann abends oben
auf dem Dach. Sie haben uns Tee gereicht in diesen kleinen Gläsern
mit einer Untertasse, die sehr tief ist. Der Tee ist ja immer brandheiss.
Und wenn man so sehr Durst hat, dass man sofort trinken möchte,
dann schüttet man ein bisschen Tee in die Untertasse und schwenkt
sie kurz, damit er abkühlt und gerade trinkwarm wird. Aber noch so
schlürft man den Tee in kleinen Zügen. Es sind nicht die grossen
Schlücke, die wir hier nehmen. Und dazu halten sie dir eine Dose
mit Zuckerstücken hin. Die stammen von gebrochenen Zuckerstöcken
und sind sehr hart. Die legst du auf die Zunge und lässt jetzt den Tee
darüberrieseln. Das schmeckt sehr fein, weil nicht jeder Schluck gleich
schmeckt. Manchmal erwischt man eine Welle der Süsse, und
manchmal wieder dringt mehr der leicht bittere Geschmack des
Schwarztees durch. Das ist also ein richtiges Zeremoniell. Wenn
man so zusammensitzt und redet und Tee trinkt, dann holen sie
immer wieder. Man trinkt ja dann ganz langsam. Und dieses
kleine Teeglas mit der Untertasse, das du in Händen hälst, bietet
dir jede Menge Möglichkeiten, mit Gesten zu spielen, auch die
Wertschätzung dem Gastgeber gegenüber zu zeigen. Du stellst
das leere Glas ja nicht einfach wieder so zurück auf den Boden,
sondern du tust das, als ob es das Wertvollste Ding auf der Welt
sei, als ob der kleinste Kratzer die grösste Katastrophe der Welt wäre.
Ich glaube, es ist ein ganzer Kanon, der hier spielt, ein Zusammen-
spiel von Regeln. Und erst jetzt, da ich Dir davon erzähle, wird es
mir mehr bewusst, wie ich auch mitmache, ohne die Regeln so
bewusst zu kennen, einfach, weil ich die umgebenden Menschen
imitiere.
Als wir in diesem Dorf eingetroffen waren, sind wir im Wohnraum
zusammengesessen. Und sie haben für jeden von uns eine kleine
Flasche Pepsi Cola hingestellt. Ich hatte einen riesigen Durst, und
ich hatte das Gefühl, ich brauchte mindestens eine Literflasche Pepsi.
Aber das Fläschchen war nicht gekühlt, denn sie haben dort keine
Kühlschränke (wenn ich mich richtig erinnere). Doch ich habe alle
meine Willensstärke zusammengenommen und dieses Pepsi, das
ich mit einem Zug hätte austrinken mögen, ich habe es stehen lassen.
Diese Menschen haben praktisch kein Geld. Und ein Pepsi ist für sie
der absolute Luxus. Es ist eigentlich viel zu teuer, dieses braune
Zuckerwasser. Es ist schon bei uns viel zu teuer. Aber für diese
Menschen ist es vielleicht so, wie für uns eine gute Flasche Bordeaux.
Sie haben auch selbst keines getrunken. Es war nur für die Gäste, weil
es so exklusiv war. So habe ich es stehen gelassen, und habe mit
Sehnsucht auf den Tee gewartet, den sie später serviert haben.
Sind Kamele Wiederkäuer? Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube,
sie könnten es schon sein. Ich habe sie in Erinnerung, wie sie
daliegen und kauen. Sie haben also nicht bloss den Vorteil, dass sie
Reserven speichern können, sie können sich auch noch mit sich selbst
beschäftigen, sie können daliegen und vor sich hinkauen wie ein
amerikanischer Base-Ball-Spieler, der seine Mannschaft soeben in
Führung gebracht hat. Sie sehen ja so zufrieden aus, die Kamele. Es
gibt in Persien auch Kamele, aber sie sind eigentlich nicht heimisch.
Wenn es sie hat, kommen sie aus dem arabischen Raum.
Ich habe einmal ein paar Tage in einem persischen Wüstendorf gelebt.
Das war mit dem deutschen UNO-Experten und dem persischen
Übersetzer. Wir konnten bei einer Familie, ich glaube, es war die
Familie des Dorfvorstehers, wohnen. Die Frauen und Töchter haben
uns das Essen bereitet. Das war sehr einfach. Aber während des Essens
sind die Frauen in der Küche verschwunden. Du hast sie immer nur im
Türrahmen gesehen. Und es hat mich manchmal merkwürdig berührt,
wenn sich die Blicke ab und zu kurz begegnet sind. Man merkte, es ist
eine intelligente Person, aber sie wird hier nicht als Person zugelassen.
Und dann kann man sich überlegen, was eine solche Person wohl
denken mag, ob sie sich ihrer Situation bewusst ist. Es gab nicht soviele
solche Blicke. Bei den meisten konntest du sehen, dass sie sich in
ihre Situation geschickt haben. Sie wissen nichts anderes und nehmen
es, wie es kommt. Aber manche Blicke waren ein bisschen anders. Und
da hatte ich manchmal das Gefühl: sie weiss es, dass es ungerecht ist!
Aber wenn man es sich wirklich überlegt, wussten auch diese es nicht.
Sie wussten vielleicht ein bisschen mehr. Aber wirklich wussten sie es
nicht. Denn es ist nicht primär eine Sache des Wissens, sondern eher
der Lebenspraxis. Und die war ja wohl eindeutig.
Doch ich wollte Dir von diesem Wüstendorf erzählen, das mir durch
die Kamele in den Sinn gekommen ist. Wir waren dann abends oben
auf dem Dach. Sie haben uns Tee gereicht in diesen kleinen Gläsern
mit einer Untertasse, die sehr tief ist. Der Tee ist ja immer brandheiss.
Und wenn man so sehr Durst hat, dass man sofort trinken möchte,
dann schüttet man ein bisschen Tee in die Untertasse und schwenkt
sie kurz, damit er abkühlt und gerade trinkwarm wird. Aber noch so
schlürft man den Tee in kleinen Zügen. Es sind nicht die grossen
Schlücke, die wir hier nehmen. Und dazu halten sie dir eine Dose
mit Zuckerstücken hin. Die stammen von gebrochenen Zuckerstöcken
und sind sehr hart. Die legst du auf die Zunge und lässt jetzt den Tee
darüberrieseln. Das schmeckt sehr fein, weil nicht jeder Schluck gleich
schmeckt. Manchmal erwischt man eine Welle der Süsse, und
manchmal wieder dringt mehr der leicht bittere Geschmack des
Schwarztees durch. Das ist also ein richtiges Zeremoniell. Wenn
man so zusammensitzt und redet und Tee trinkt, dann holen sie
immer wieder. Man trinkt ja dann ganz langsam. Und dieses
kleine Teeglas mit der Untertasse, das du in Händen hälst, bietet
dir jede Menge Möglichkeiten, mit Gesten zu spielen, auch die
Wertschätzung dem Gastgeber gegenüber zu zeigen. Du stellst
das leere Glas ja nicht einfach wieder so zurück auf den Boden,
sondern du tust das, als ob es das Wertvollste Ding auf der Welt
sei, als ob der kleinste Kratzer die grösste Katastrophe der Welt wäre.
Ich glaube, es ist ein ganzer Kanon, der hier spielt, ein Zusammen-
spiel von Regeln. Und erst jetzt, da ich Dir davon erzähle, wird es
mir mehr bewusst, wie ich auch mitmache, ohne die Regeln so
bewusst zu kennen, einfach, weil ich die umgebenden Menschen
imitiere.
Als wir in diesem Dorf eingetroffen waren, sind wir im Wohnraum
zusammengesessen. Und sie haben für jeden von uns eine kleine
Flasche Pepsi Cola hingestellt. Ich hatte einen riesigen Durst, und
ich hatte das Gefühl, ich brauchte mindestens eine Literflasche Pepsi.
Aber das Fläschchen war nicht gekühlt, denn sie haben dort keine
Kühlschränke (wenn ich mich richtig erinnere). Doch ich habe alle
meine Willensstärke zusammengenommen und dieses Pepsi, das
ich mit einem Zug hätte austrinken mögen, ich habe es stehen lassen.
Diese Menschen haben praktisch kein Geld. Und ein Pepsi ist für sie
der absolute Luxus. Es ist eigentlich viel zu teuer, dieses braune
Zuckerwasser. Es ist schon bei uns viel zu teuer. Aber für diese
Menschen ist es vielleicht so, wie für uns eine gute Flasche Bordeaux.
Sie haben auch selbst keines getrunken. Es war nur für die Gäste, weil
es so exklusiv war. So habe ich es stehen gelassen, und habe mit
Sehnsucht auf den Tee gewartet, den sie später serviert haben.
Freitag, 15. Januar 2010
Haustiere und andere Menschen
Liebe Marlena
Ich stelle mir vor wie du am PC sitzt vor deinem Pin-Brett im
schwedischen Winter ... und im Hintergrund die Wellensittiche,
die miteinander zwitschern und plaudern. Ein Bild voller bürgerlicher
Ruhe und Friedlichkeit.
...
...
Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu
bringen, hatten wir einen Hund. Weil ich ja mein Leben lang immer
gerne einen Hund haben wollte, war meine Frau nach langem hin und
her und Diskussion und Zweifeln bereit, einen Hund in die Wohnung
aufzunehmen. Er sollte aber nur im Gang bleiben. ... Also kauften wir
eines Tages einen kleinen, jungen roten Cocker Spaniel. Er war ein
richtiges Kind, wedelte mit dem Schwanz, wie sonst kein Wesen auf der
Welt wirklich wedeln kann. Und er war die Treue selbst. Wir nannten
ihn Dido, nach der griechischen Göttin, die - wenn ich mich recht
erinnere - mit Aeneas irgend ein Techtelmechtel gehabt hatte. Doch
davon hatte unsere Dido keine Ahnung. Sie war wie ein Kind, freute
sich, wenn man nach Hause kam, gab schmerzerfüllte sehnsüchtige
Laute von sich, wenn man weg war. Sie liess in der ganzen Umgebung
Liebe und Haare verströmen. Meine Frau musste sich immer wieder
neu überwinden. Und wann Dido auf der Schwelle zur Stube lag und
zu mir hinüberäugte, mit diesem treuherzigen Hundeblick, so fand
ich uns absolut barbarisch und unmenschlich, diesem armen Hund
die Stube zu verbieten. Dido hatte den grossen Vorteil, dass sie täglich
mehrmals an die frische Luft musste. Und wir mussten natürlich mit.
Das war ziemlich gesund und bei schönem Wetter auch ganz ok. Nur
wenn es regnete, dann war es schon mühsam.
Die schlimmste Variante war abends vor dem zu Bett gehen, wenn es
regnete. Da sollte ich also mit unserer Dido noch rasch hinaus, damit
sie ihr Geschäft erledigen konnte. Ich ging also hinunter und öffnete
die Haustüre. Ich forderte die kleine Hündin auf, jetzt rasch in den
Garten zu verschwinden, um das Ding zu erledigen. Ich schaute zum
Himmel, wie es regnete und Dido schaute zum Himmel, wie es regnete.
Sie konnte sich einfach nicht entschliessen, ihr kostbares Fell zu
nässen. Und so kehrten wir beide unverrichteter Dinge wieder nach
oben. Ich hatte immer angenommen, dass sie schon selbst wissen
müsste, ob sie pinkeln muss oder nicht. Ich wollte sie sozusagen
antiautoritär erziehen. Und sie hat wirklich nie in die Wohnung
gepinkelt. Sie hätte sich damit den ewigen Groll meiner S zugezogen.
Und soweit wollte sie es nun wirklich nicht kommen lassen.
Allerdings gehorchte Dido ziemlich gut. Auf Spaziergängen hatte ich
meistens den Hosensack voller Hundekuchen. Und wenn ich pfiff,
durch die Finger, so dass es durch Mark und Bein ging, dann pflegte
Dido daher zu düsen wie die Feuerwehr mit Blaulicht. Sie schaute
weder links noch rechts und kam in Windeseile, um ihren Kuchen
abzuholen. Von der Lernpsychologie wusste ich, dass man
"intermittierend" verstärken soll. Das hiess, nicht jedes Mal wirklich
einen Kuchen zu geben. Ein leichter Frustrationspegel war also
durchaus nützlich, alles andere war Verzärtelung. Und so war ich
stolz, dass unsere Dido in dieser Hinsicht wirklich sehr zuverlässig
gehorchte. Erst als meine Frau schwanger war, haben wir Dido
einer Bekannten, die sich schon lange einen Hund gewünscht hatte,
verschenkt. Meine S war überzeugt, dass ein kleines Baby und ein
Hund sich in derselben Wohnung niemals vertragen würden. Und
sie malte die schlimmsten Bilder an die Wand, wie frustrierte Hunde,
die sich plötzlich wegen eines Neugeborenen vernachlässigt fühlen,
kleine Babies anzufallen und brutal zu Tode beissen pflegen. Ganz
abgesehen davon, dass der Schmutz und die Haare in der Wohnung
für ein Kind, das noch auf dem Boden herum kriecht, absolut Gift
sind, Krankheiten und Infektionen heraufbeschwören wird. So haben
wir denn unsere Dido abgegeben, mit ihren treuen Augen und dem
rotbraunen Fell, und den langen Ohren, die sie - wenn sie mit ihrer
Nase schnuppernd dahinfegte - stets leicht auf dem Boden mitzog.
Sie war ein süsser kleiner Hund, und treu, wie sonst kein Mensch
treu sein kann. Und nicht so klein, als dass ihr das Hündische gefehlt
hätte.
Ach, darwinistisch gesprochen sind die Tiere unsere Geschwister, die
jüngeren im Grunde genommen, weil noch nicht so kompliziert und
bösartig wie wir. Sie sind unsere Schwestern und Brüder, Basen und
Vetter, Nichten und Neffen der Schöpfung. Und sie sind, dass muss
man ihnen jederzeit zugestehen, meistens hoch anständig.
Mit einem lieben Gruss
..
Ich stelle mir vor wie du am PC sitzt vor deinem Pin-Brett im
schwedischen Winter ... und im Hintergrund die Wellensittiche,
die miteinander zwitschern und plaudern. Ein Bild voller bürgerlicher
Ruhe und Friedlichkeit.
...
...
Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu
bringen, hatten wir einen Hund. Weil ich ja mein Leben lang immer
gerne einen Hund haben wollte, war meine Frau nach langem hin und
her und Diskussion und Zweifeln bereit, einen Hund in die Wohnung
aufzunehmen. Er sollte aber nur im Gang bleiben. ... Also kauften wir
eines Tages einen kleinen, jungen roten Cocker Spaniel. Er war ein
richtiges Kind, wedelte mit dem Schwanz, wie sonst kein Wesen auf der
Welt wirklich wedeln kann. Und er war die Treue selbst. Wir nannten
ihn Dido, nach der griechischen Göttin, die - wenn ich mich recht
erinnere - mit Aeneas irgend ein Techtelmechtel gehabt hatte. Doch
davon hatte unsere Dido keine Ahnung. Sie war wie ein Kind, freute
sich, wenn man nach Hause kam, gab schmerzerfüllte sehnsüchtige
Laute von sich, wenn man weg war. Sie liess in der ganzen Umgebung
Liebe und Haare verströmen. Meine Frau musste sich immer wieder
neu überwinden. Und wann Dido auf der Schwelle zur Stube lag und
zu mir hinüberäugte, mit diesem treuherzigen Hundeblick, so fand
ich uns absolut barbarisch und unmenschlich, diesem armen Hund
die Stube zu verbieten. Dido hatte den grossen Vorteil, dass sie täglich
mehrmals an die frische Luft musste. Und wir mussten natürlich mit.
Das war ziemlich gesund und bei schönem Wetter auch ganz ok. Nur
wenn es regnete, dann war es schon mühsam.
Die schlimmste Variante war abends vor dem zu Bett gehen, wenn es
regnete. Da sollte ich also mit unserer Dido noch rasch hinaus, damit
sie ihr Geschäft erledigen konnte. Ich ging also hinunter und öffnete
die Haustüre. Ich forderte die kleine Hündin auf, jetzt rasch in den
Garten zu verschwinden, um das Ding zu erledigen. Ich schaute zum
Himmel, wie es regnete und Dido schaute zum Himmel, wie es regnete.
Sie konnte sich einfach nicht entschliessen, ihr kostbares Fell zu
nässen. Und so kehrten wir beide unverrichteter Dinge wieder nach
oben. Ich hatte immer angenommen, dass sie schon selbst wissen
müsste, ob sie pinkeln muss oder nicht. Ich wollte sie sozusagen
antiautoritär erziehen. Und sie hat wirklich nie in die Wohnung
gepinkelt. Sie hätte sich damit den ewigen Groll meiner S zugezogen.
Und soweit wollte sie es nun wirklich nicht kommen lassen.
Allerdings gehorchte Dido ziemlich gut. Auf Spaziergängen hatte ich
meistens den Hosensack voller Hundekuchen. Und wenn ich pfiff,
durch die Finger, so dass es durch Mark und Bein ging, dann pflegte
Dido daher zu düsen wie die Feuerwehr mit Blaulicht. Sie schaute
weder links noch rechts und kam in Windeseile, um ihren Kuchen
abzuholen. Von der Lernpsychologie wusste ich, dass man
"intermittierend" verstärken soll. Das hiess, nicht jedes Mal wirklich
einen Kuchen zu geben. Ein leichter Frustrationspegel war also
durchaus nützlich, alles andere war Verzärtelung. Und so war ich
stolz, dass unsere Dido in dieser Hinsicht wirklich sehr zuverlässig
gehorchte. Erst als meine Frau schwanger war, haben wir Dido
einer Bekannten, die sich schon lange einen Hund gewünscht hatte,
verschenkt. Meine S war überzeugt, dass ein kleines Baby und ein
Hund sich in derselben Wohnung niemals vertragen würden. Und
sie malte die schlimmsten Bilder an die Wand, wie frustrierte Hunde,
die sich plötzlich wegen eines Neugeborenen vernachlässigt fühlen,
kleine Babies anzufallen und brutal zu Tode beissen pflegen. Ganz
abgesehen davon, dass der Schmutz und die Haare in der Wohnung
für ein Kind, das noch auf dem Boden herum kriecht, absolut Gift
sind, Krankheiten und Infektionen heraufbeschwören wird. So haben
wir denn unsere Dido abgegeben, mit ihren treuen Augen und dem
rotbraunen Fell, und den langen Ohren, die sie - wenn sie mit ihrer
Nase schnuppernd dahinfegte - stets leicht auf dem Boden mitzog.
Sie war ein süsser kleiner Hund, und treu, wie sonst kein Mensch
treu sein kann. Und nicht so klein, als dass ihr das Hündische gefehlt
hätte.
Ach, darwinistisch gesprochen sind die Tiere unsere Geschwister, die
jüngeren im Grunde genommen, weil noch nicht so kompliziert und
bösartig wie wir. Sie sind unsere Schwestern und Brüder, Basen und
Vetter, Nichten und Neffen der Schöpfung. Und sie sind, dass muss
man ihnen jederzeit zugestehen, meistens hoch anständig.
Mit einem lieben Gruss
..
Donnerstag, 14. Januar 2010
Wohlan denn, Herz..
20 November 2006
Liebe Malou
Eine Kollegin hat mir ein Hesse-Gedicht herausgeschrieben.
Ich glaube, das könnte dir auch gefallen. Es formuliert das
moderne Lebensgefühl, das wir mit der sogenannten
Selbstverwirklichung in Zusammenhang bringen. Und
klingt für mich einigermassen aktuell.
"Wir wollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!"
Mit lieben Gs und Ks
...
Liebe Malou
Eine Kollegin hat mir ein Hesse-Gedicht herausgeschrieben.
Ich glaube, das könnte dir auch gefallen. Es formuliert das
moderne Lebensgefühl, das wir mit der sogenannten
Selbstverwirklichung in Zusammenhang bringen. Und
klingt für mich einigermassen aktuell.
"Wir wollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!"
Mit lieben Gs und Ks
...
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