Dienstag, 19. Mai 2026

Re: Verhandlungsgeschick

 

Lieber ...,


Marlena




In einem orientalischen Bazaar - Verhandlungsgeschick - Diplomatie

 Forts. Hans Blix

...
Denk an die Gefühle, die uns in einem orientalischen Bazar aufkommen. Wir gehen herum, halten krampfhaft unsere Börse und nehmen die Fröhlichkeit und Nettigkeit des Verkäufers als reinen perfiden Hinterhalt. Aber er meint sein Lächeln nicht als Trick, er will durchaus freundlich sein, er will dich gewinnen und seine Regeln des Handelns erlauben ihm dies alles. Dass man die Artikel in seinem Laden mit einem Preisschild bezeichnen könnte, fände er einigermassen dumm. Das würde ihm die ganze Freude des Verkaufes nehmen, und er hätte keine Möglichkeit, bei einer ärmeren Frau sein Mitleid fliessen zu lassen, bei einem Reichen den Betrag wieder hereinzuholen, also eine Art von kleiner Gerechtigkeit spielen zu lassen. Auch solche Händler haben, wie ich immer wieder festgestellt habe, ein grosses Ehrgefühl. Das Ziel des Verkaufes ist vielleicht, beide, Händler und Käufer glücklich zu machen. Und wenn das manchmal auf der zweiten Seite nicht zu lange andauert, liegt es meist an der Dummheit des Käufers. Im orientalischen Markt gehen Käufer und Verkäufer davon aus, dass beide wissen, was sie wollen. Der Käufer hat die Ware geprüft - dazu dient nicht zuletzt die Zeit, die er beim Feilschen einsetzt - weiss, wieviel Interesse er dafür hat, ob und wie dringend er das Ding braucht. Zur gleichen Zeit prüft der Verkäufer den Käufer, versucht herauszufinden, wie gross sein Interesse ist und wie viel Ressourcen er zur Verfügung hat. Im Spiel des Feilschens werden diese zwei Positionen zwischen zwei Menschen, das heisst eben Personen mit all ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten von den schauspielerischen bis zu jenen Zufälligkeiten des Momentes ausgespielt, um einen Konsens in der Mitte zu suchen. Doch die Mitte ist eben nicht allein von anonymen Marktgesetzen vorbestimmt, sondern ist ein Resultat des Horizontkreises, den die beiden Akteure des Marktes ziehen. Darin ist viel Menschliches und einer guten Feilscherei zuzuschauen, das ist soviel wie ein kleines Kunststück geniessen. Meine Schwiegermutter ist darin eine Künstlerin. Und sie versteht es, ihre Feilschereien immer sehr lustig zu machen. Vielleicht ist das eine Strategie, das Herz des Gegenübers aufzuweichen? Auf jeden Fall ist Lachen, wie wir alle wissen, gesund. Es handelt sich also nicht bloss um Kauf und Verkauf, sondern ebenso um eine kleine Therapie, um eine soziale Unterhaltung, um einen Wettbewerb, ein Spiel, um eine moralische Auseinandersetzung, kurz und gut: um die Begegnung zweier Menschen. Doch davon haben wir Westler kaum mehr Ahnung. Der orientalische Markt erfordert Intelligenz, der westliche vielleicht bloss Geld.

Doch wir waren bei Blix. Auf diesem Eis also bewegt sich der gute schwedische Diplomat. Doch als Diplomat wird er sich in solchen Dingen auskennen. Die grösste Schwierigkeit dabei ist ja doch wohl das dauernde, primitive Säbelrasseln der Amerikaner, das wir alle kaum mehr zu ertragen vermögen.
*
Heute ist einigermassen mildes Wetter mit einem hellen, leicht bewölkten Himmel. Ich habe viel zu tun heute Samstag. Und nachmittags möchte ich noch rasch nach Basel. Ich glaube, es gibt Ausverkauf und ich will mal sehen, ob ich mit meinen Möglichkeiten des Feilschens etwas erreiche.

Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.
Mit lieben Grüssen
...



Eine gewissenhafte Figur

 

Hans Blix, bioaktuell med dokumentären ”Blix not bombs”

Liebe Marlena

Merci für den Artikel über Hans Blix. Lange hatte ich nicht gewusst, dass er Schwede sei. Und im Fernsehen, wenn immer ich diesen Mann mit seinem Hut und seiner durch und durch soliden, bürgerlichen Erscheinung gesehen habe, fand ich ihn lustig. Das hing auch an seinem Namen. Es klingt alles so gewöhnlich, sieht so gewöhnlich aus, und dabei geht es hier um nichts weniger als um Krieg und Frieden. Diesen Zusammenhang habe ich immer ziemlich krass gefunden. Doch wahrscheinlich müssen wir von Glück reden, dass wir eine solch unscheinbare, aber gewissenhafte Figur haben, die in diesen sensiblen Bereich zwischen den Kanonen arbeitet. Es gibt ja zwei Typen von Menschen: es gibt die Blender, die grossartig erscheinen und die Welt mit eloquenten Worten für sich einnehmen. Und es gibt die bescheidenen Typen, die sich zurückhalten, die dann aber im Hintergrund Grosses leisten. Ich glaube, Blix ist von der zweiten Sorte. Und wir hoffen alle, dass er seine Arbeit für uns alle gut macht und sich von den Iraqis nicht an der Nase herumführen lässt.

Ich kenne diese Menschen aus dem Mittleren Osten ein bisschen. Sie haben in ihrem taktischen Verhandlungsgeschick einfach ein breiteres Register, als wir Westler es tun. Das hängt meiner Meinung nicht zuletzt damit zusammen, dass sie über eine andere, integralere Logik verfügen. Wir Menschen aus dem Westen sind ja doch sehr beeinflusst und geprägt von der naturwissenschaftlichen Logik, von klaren und distinkten Ideen und der Unterscheidung wahr und falsch. Das alles haben die Orientalen viel weniger. Während wir sozusagen in grossen, autobahnähnlichen mainstreamartigen Bahnen denken, denken sie in kleinen Pfaden und Abkürzungen und Umwegen quer durch das Gelände und Gebüsch. So erreichen sie ihren Punkt schneller als wir den unseren. Wir haben immer wieder den Eindruck, sie würden uns hintergehen.

Denk an die Gefühle, die uns in einem orientalischen Bazar aufkommen.  Wir ...


(jan. 2003)

Sonntag, 17. Mai 2026

Der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf

 



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Diesen Artikel aus NZZ Online, der Website der Neuen Zürcher Zeitung,
sendet Ihnen ...er.priv@gmail.com
mit der Mitteilung:
schönen Gruss
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Die Leere zwischen den Dingen

Strahlend und strömend - der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf


Die letzten Fotografien zeigen ihn meist im Schlafrock. Ein schmaler Herr mit schwarzer Mütze, der sich in seinem Sessel durch einen Bildband blättert. Zwischen all den Decken und Kissen ist das hagere Gesicht kaum zu sehen, nur das Licht gibt Nase und Stirn ein wenig Kontur. Ein Schmerzensmann, ein Asket, so scheint es, der erlebt, von was die Gedichte sprechen: «Viel ist nicht / von mir übrig . . . / Ich habe kein Gefühl mehr für mein Ich, mein Gewicht / Ich verliere den Halt, ich schwebe hinaus / Ich werde allmählich unsichtbar.»
Auch wenn er über die Kunst des Verschwindens schrieb, hielt sich der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf stets an die Wahrnehmung und an das Körperliche des Lebens, an jenen «Sinnengenuss», der für ihn zu jeder echten Literatur gehörte. Die Fülle der «Farben und Formen» war ihm Fluchtpunkt seines Schreibens, sie machte es ihm erst möglich, das Gedicht als «Magie und Beschwörung» zu verstehen, als einen Weg, das Sichtbare nach und nach zu übersteigen. «Du siehst, und sehend spürst du / wie sich alles zu Asche verwandelt / wie der Blick sich verwandelt / und aufhört zu sein / gleichwohl aber bleibt -», heisst es in einem der späten Werke.


DIE ERFAHRUNG DER SCHWEBE
Die Texte dieses grossen Dichters, die Gedichte ebenso wie die Essays, die Briefe oder die schmalen Prosastücke, entwickeln sich allesamt jenseits eines Denkens in blossen Gegensätzen. Dem «sterilen Reich» aus Licht und Schatten, Gut und Böse, Wirklichkeit und Traum hält Gunnar Ekelöf die Erfahrung der Schwebe vor, tastet sich vorwärts an Fluchtlinien und Konturen oder gibt sich in den Zwischenräumen der Wörter zu erkennen. Hier entpuppt sich das feste Ich als Chimäre und die Wirklichkeit als etwas durchweg Flüssiges. Diese «dritte Seite des Lebens» ist keineswegs mit naivem Einheitsdenken oder einer Art Natürlichkeit zu verwechseln. Vielmehr hat der ungerade, «einsame Mensch» die dualistische Welt des Rationalismus bereits durchwandert und setzt bewusst auf das Unbestimmte, Unvermessene, «jenseits aller Wahrheiten und Lügen».
So anspruchsvoll diese philosophischen Überlegungen auch klingen mögen - Gunnar Ekelöfs Gedichte sind doch angenehm frei von allen überdehnten Begriffen. In seinen leicht gebauten Versen versetzt er die Sprache in jene Schwingung, die er selbst einmal als «Radioaktivität» bezeichnet hat, als eine Strahlung, die sich erst nach Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden abschwächt: «Diese Radiowellen hat das Gedicht weniger durch den Inhalt erhalten als durch das Spannungsverhältnis zwischen den Wörtern, die den Inhalt ausmachen, durch die Fähigkeit des Dichters, die Wörter und Bedeutungen in ein solches Reibungs- und Nuancierungsverhältnis zueinander zu setzen, dass die Leere weiter nachbebt, lebt, ausschlägt, ‹sendet›, eine Art von magnetischem Gewebe aus unsichtbaren Fäden, Kraftlinien, die sich gegenseitig anziehen oder abstossen.»
Die Leere zwischen den Dingen, seinen «Singsang vom anderen» hat Gunnar Ekelöf immer wieder in grossen Meeresbildern oder Ausflügen in karge Landschaften ausgebreitet. Am Grunde vieler Gedichte wird die schwedische Natur mit ihrer stets gleichen Folge von Hochwäldern und Tundra erahnbar. Und so wie dort die monotone Dünung der Telegrafenmasten im Vorbeifahren sinkt und steigt, sinkt und steigt, so schneiden auch die Verse den Strom des Lebens immer wieder in handliche Augenblicksbilder. Doch nicht nur in seiner Heimat konnte der 1907 geborene Ekelöf die Bekanntschaft mit den elementaren Formen der Landschaft machen. Schon in jungen Jahren nimmt ihn die Mutter mit auf Reisen, wie überhaupt das Leben jener Zeit einer unruhigen Wanderschaft gleicht: 1911 geht es nach Deutschland und in die Schweiz, einige Jahre später sind die beiden in Frankreich unterwegs.


IM KINDERHEIM
Dazwischen liegt der Tod des Vaters, der seinen Beruf als Bankier wegen einer «geheimen Krankheit» vorzeitig aufgeben musste. In der äusserst detailgenauen Prosaskizze «Eine Photographie» beschreibt ihn Ekelöf als «lebenden Leichnam», der in seinem Sessel zwischen Stapeln von Polstern und Decken vegetiert. Ebenso prägend für Ekelöf dürften die Aufenthalte in Heimen gewesen sein, auch wenn sie im Rückblick zunächst ihre hellen Seiten offenbaren: «Ich meinerseits wurde häufig in Kinderheime verschickt, wo es mir rein materiell nie schlecht erging. Im übrigen ist es durchaus so, dass die Kindheit, selbst die schutzloseste und schmerzlichste, stets genügend lichte Erinnerungen aufweist, denn man braucht ja so wenig: eine sonnige Lichtung, unbekannte Blumen und Tiere, das Land, das Vergnügen am Badestrand können die Fremdheit rasch überdecken.» Die nächtliche Einsamkeit mit mancherlei angsteinflössenden Bildern lässt sich gleichwohl nicht verleugnen, ebenso wenig die bohrende Seh!
nsucht nach Briefen oder einem Lebenszeichen.
Trotz diesem «Kindheitstrauma», wie Ekelöf es in einer autobiografischen Notiz nicht ohne Koketterie nennt, findet er seinen eigenen Weg, der ihn zunächst nach London und Uppsala führt. Die Studien in Orientalistik und Persisch bricht er bald schon wieder ab, beschäftigt sich aber weiterhin mit östlichen Weisheitslehren und islamischer Dichtung. Überhaupt sind es die Erfahrungsweisen der Mystik, die ihn nachhaltig beeindrucken. Dazu kommen die somnambulen Nachtbilder der Romantik und jener Surrealismus, den er während seiner Zeit in Paris Ende der zwanziger Jahre kennen lernt. Mit dem geplanten Musikstudium will es nicht recht klappen - «ich hatte das Pech, in eine Wohnung mit papierenen Wänden zu geraten, in der ich der Nachbarn wegen nicht wagte, ein Instrument zu spielen». Auch verliert er seinen Anteil des familiären Vermögens im Wirrwarr der Weltwirtschaftskrise. Unterkriegen lässt sich Ekelöf freilich nicht. Zurück in Schweden, gründet er eine avantgardistische Zeitsch!
rift und arbeitet an den eigenen Gedichten. Sein lyrischer Erstling «spät auf erden» erscheint 1932.
Als Dichter ist Gunnar Ekelöf erst recht spät bei uns angekommen. Hans Magnus Enzensberger hatte einige Gedichte in sein «Museum der modernen Poesie» aufgenommen, ehe Nelly Sachs 1962 unter dem schlichten Titel «Poesie» eine kleine Auswahl bei Suhrkamp herausbrachte. Seit 1991 arbeitet man beim Kleinheinrich-Verlag in Münster an einer bibliophilen Werkausgabe, deren Übertragungen von Klaus-Jürgen Liedtke besorgt werden, einige wenige auch in Zusammenarbeit mit Manfred Peter Hein. Bisweilen hat Liedtke die Ruppigkeit der Verse im Deutschen allzu sehr abgemildert, seine Übersetzungen überzeugen aber dank der grossen rhythmischen Kraft. Mit dem Erscheinen der letzten beiden Bände ist die Edition nun vollständig.
Von Beginn an als zweisprachige Leseausgabe konzipiert, lässt sich über Auswahl und Anordnung naturgemäss streiten. Vielleicht hätte man auf das eine oder andere von Ekelöfs Nonsens- Gedichten verzichten können, vielleicht der berühmten «Mölna-Elegie» mit ihren vielen Flüsterstimmen ein wenig mehr Platz einräumen müssen. Auf jeden Fall hätte eine Ausweitung des Kommentarteils nicht geschadet. Die bei aller Kürze doch kundigen Nachworte des Ekelöf-Forschers Anders Olsson sind einzig um eine Handvoll Anmerkungen ergänzt, die meist noch vom Dichter selbst stammen. Bei einem derart belesenen Autor wie Gunnar Ekelöf, der sich auch in den Sprachwelten von Comics bestens auskannte, reicht das nicht immer aus.
Umso raffinierter scheint die Gesamtstruktur der sieben Bände, die sich vom grossen Spätwerk, der mystisch durchströmten «Akrit»-Trilogie, hin zu den ersten Lyrikbüchern zieht. Dazu gibt es einen eigenen Band mit Essays, Skizzen und Briefen, der zeigt, wie genau Gunnar Ekelöf auch das Prosafach beherrschte, die Kunst vor allem, Gedanken über das eigene Schreiben in kleine Szenen und Schilderungen einzulagern. So kann man sich als Leser zurückarbeiten zu den Anfängen des Werks - dem Spiegelpoeten Ekelöf hätte diese Verkehrung der gewohnten Ordnung gewiss gefallen. Am Ende der Ausgabe stehen die Texte aus dem Nachlass und jene Gelegenheitsgedichte, die Ekelöf in Zeitschriften oder Tageszeitungen veröffentlichte; sie sicherten ihm lange Zeit gemeinsam mit Rezensionen und Stipendien ein Auskommen.
Es ist ein weiter Weg, der nach mehr als einem Dutzend Gedichtbänden im reifen Triptychon des Akrit-Zyklus mündet. Gleichwohl werden schon früh einige bleibende Motive in den Windungen der Ekelöfschen Verse erkennbar. In seinem Début «spät auf erden» versucht sich der Dichter noch als lyrischer Wanderer, der die «buchstabennissen zwischen den zähnen knackt». Fast im gleichen Atemzug sieht er sich aber als «blinder Sänger», der zwischen allerlei Erinnerungen jene «grosse Gebärerin Nacht» erwähnt, die im Spätwerk so strahlende Bedeutung gewinnen wird. Hier entwirft Ekelöf das Bild einer gütigen, allmächtigen weiblichen Gestalt, die einmal als Jungfrau, einmal als Mutter erscheint. Ihre Anrufung verspricht die ersehnte Einheit der «dritten Seite des Lebens», eine mystische unio. Die Suche nach «Nicht-Begierde», nach einem «anderen Licht» ist nicht in einem weltfremden Jenseits angesiedelt. Mit Paradoxien, Fragen und überaus sinnlichen Bildern beschwören Ekelöfs Gedichte ein ums!
andere Mal das, was er «Lebensekstase» nennt: «In meine Seele / grubst Du die Spuren / kleiner Füsse, kleiner Zehen / wie in den feuchten Sand / eines Strands.»


HÖLLENBILDER UND MEERESSTÜCKE
Zu den motivischen Spuren, die sich schon in den frühen Gedichtsammlungen entdecken lassen, gehören neben zahllosen Höllenbildern vor allem die Augen, das genaue Sehen, das nach und nach in den gnostischen Blick übergeht. «Gib mir die Augen der Sepien / die sanften nach innen blickenden / als hörten sie Musik», heisst es 1941 in einem der vielen Meeresstücke dieser Zeit, die einen schön schwingenden Freivers kultivieren. So ist der Lyrikband «Fährgesang» tatsächlich die Überfahrt in die Welt einer anderen poetischen Wahrnehmung, in die des «einsamen Menschen». Dort angekommen, versucht sich Ekelöf auch in der leichteren Kunst von Unfug-Gedichten, wobei er seine poetische Linie nie aus den Augen verliert: «Wenn man es soweit gebracht hat wie ich in der Sinnlosigkeit / wird jedes Wort erneut interessant: / Fundstücke im Erdreich / die man mit archäologischem Spaten wendet.»
Als man Gunnar Ekelöf 1966, zwei Jahre vor seinem Tod, den Literaturpreis des Nordischen Rates verlieh, konnte er wegen Krankheit schon nicht mehr anreisen. In einer verlesenen Dankesrede lässt er seine späten Werke vor den Augen und Ohren der Zuhörer noch einmal aufleben - doch der resignative Grundton dieser Zeilen ist überdeutlich. Die Strahlung seiner Verse indes wird noch lange spürbar sein, sie mag nun Radiowellen gleichen oder der Strömung eines Ozeanriesen, der weit draussen vorüberzieht: «Und wir wissen nichts von ihm / ehe die Bugwelle uns am Ufer erreicht, / erst die eine, und noch eine und immer mehr / die anbranden, sich brechen, bis alles geglättet ist / wieder wie vorher. - Und doch ist alles verändert.»


Gunnar Ekelöf: Färjesng/Fährgesang. Gedichte 1932 bis 1951. Schwedisch - deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Klaus-Jürgen Liedtke. Kleinheinrich-Verlag, Münster 2004. 317 S., Fr. 54.25.
Gunnar Ekelöf: En trasig liten ask av trä / Ein zerbrochenes Kästchen aus Holz. Gedichte aus dem Nachlass. Verstreute Gedichte. Schwedisch - deutsch. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Nachwort von Klaus-Jürgen Liedtke. Kleinheinrich-Verlag, Münster 2004. 293 S., Fr. 54.25.

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Warum nicht?

(R)

 


Lieber ,,,

(---) 

Was ich eigentlich sagen wollte: Ich habe eine wunderschöne persönliche Reiseschilderung über Rom gefunden mit dem Titel "Du und ich in Rom", von Sigge Hommerberg geschrieben. Es ist ein Buch für Leute, die eine Romreise planen, die gerade dort gewesen sind, oder die sich dorthin sehnen. Vielleicht gehöre ich in alle drei Kategorien. Einmal möchte ich dorthin fahren, mit dir bin ich (leider nur in Gedanken) dort gewesen, und schliesslich meine lebenslängliche Sehnsucht nach dieser Stadt.
Sigge Holmberg besitzt gute kunsthistorische und auch archeologische Kenntnisse. Ausserdem ist er sehr gastronomisch interessiert. Das Buch gibt praktische Tips nicht zuletzt über Essen und Wein. Zwanzig Spaziergänge unter Führung mit Kartenskizzen zu jedem Kapitel. Und schliesslich ein kleines Nachschlagewerk über andere Sehenswürdigkeiten und die Adressen zu den beliebtesten Restaurants und Trattorien des Schriftstellers.

Was sagst du dazu? Ich wünsche das Buch wäre in andere Sprachen übersetzt. Muss mal bei google nachsehen, ob es so ist. Und weisst du, das "DU" in dem Titel des Buches bist immer noch du, chéri. Klar musst du nochmals dorthin. Hast doch den Vatikan verpasst. Ich würde so gern auf Entdeckungsfahrt gehen mit dir in dieser romantischen Stadt. Deine vorige Reise war doch nur eine Rekognozierungsreise, um die Zeit dann später besser ausnützen zu können. ;-)

Ich schicke dir ein kleines Bild mit aus dem Buch, ein Aquarell von Franz Roesler, vor mehr als hundert Jahren gemalt. Es zeigt die Via dei Cappelari (Strasse der Hutmacher). Und es sagt, so ungefähr sieht es heute noch aus. Sogar die Wäsche hängt noch dort. ;-)

Ich sehe gerade, dass du mir einen Artikel geschickt hast. Bin neugierig darauf. Ja, Gunnar Ekelöf ist einer unserer grossen Dichter.
So lasse dich einen Moment.
Wünsche dir einen schönen Tag noch,
MlGuK

Malou



 

Donnerstag, 14. Mai 2026

Subject: §5 - Müssen wir das wirklich?

Liebe Marlena 

(---)

Ich habe mir die halbe Nacht überlegt, ob wir deinen §5 wirklich und unausweichlich in unseren Kontrakt aufnehmen müssen. Müssen wir das wirklich? Du hast gesagt "nicht verlieben". Wenn du darauf bestehtst, Marlena, nehmen wir den §5 auf. Wir müssen, wenn es so weitergeht, bald einen Juristen in unseren Club aufnehmen. Nein, das ist noch zu früh. Ich wollte dir nur zu bedenken geben, dass es natürlich verschiedene Arten von Liebe gibt. Und vielleicht ist es ja auch so, dass bei vielen Menschen eine grosse Tendenz besteht, immer wieder in die eine grosse Liebe zurückzukehren, oder hinzugehen. Wie heisst es doch, es gibt ein französisches Sprichwort: Man kehrt immer wieder zur ersten Liebe zurück (vielleicht kennst du den französischen Wortlaut?). Das ist, so glaube ich, sehr wahr. Das ist im Grunde auch, was die Psychoanalyse behauptet, obwohl ich dieser heute nicht mehr ganz alles glaube. ...

Was ich also sagen wollte, es gibt doch verschiedene Arten von Liebe, was wir in unserem §5 berücksichtigen sollten. Es gibt ja auch die Schwesternliebe, die Elternliebe, die Hassliebe, die blinde Liebe, die Menschenliebe, die platonische Liebe undsoweiterundsofort. Also, meine Liebe, wir haben doch da eine gewisse Auswahl in der Formulierung unseres §5, nicht wahr. Das Problem ist vielleicht, dass das Wort immer das gleiche ist. Die Liebe ist ja doch eine grosse christliche Mission. Das muss man auch sagen. Ich schlage vor, wir formulieren deinen §§-Antrag vorläufig und provisorisch: never fall in love again. Klingt echt hart!

(...)

Vielleicht noch zur Repetition vor dem Schlafengehen?

§1 Es gibt im Internet eine sogenannte "Maus-Freundschaft".
§2 ...dass unser Kontakt uns beide von innen erleuchtet, so dass wir, du in Stockholm und ich in Basel, für unsere Lieben der Familie und unsere Leute der Umgebung eine geheinmisvolle Serenität ausstrahlen können.
§3 Es darf nie etwas Negatives für unsere Nahestehenden bedeuten.
§4 En cas de guerre sonnez deux fois.
§5 Never fall in love again.

Ich will dir dann mal über meine wirklich erste Liebe erzählen. Das war in der 1. Klasse der Grundschule und sie hatte ein hübsches Haarschwänzchen. Und über meinen Französisch-Professor am Gymnasium, der daherkam wie ein Maffia-Boss, über den wollte ich dir auch berichten. Er ist mir heute Nacht in den Sinn gekommen. Echt hektisch, nicht wahr?




Mittwoch, 13. Mai 2026

Re: Warnung vor dem Hund

Ämne: Re: Warnung vor dem Hund
Datum: den 18 januari  (Jahr 2)

Mon cher ami

Mille fois merci de m'avoir avertie du grand danger qui me menaçait. Je serais probablement devenue infidèle à mes amours comme Rilke, Rimbaud, Verlaine etc. et même à mon dernier grand amour. ;-) Bien sûr j'ai entendu parler de Heidegger. J'avais des camarades à l'université qui étudiaient la philosophie. Mais je ne savais pas à quel point ses textes étaient difficiles à comprendre. Il me semble aussi qu'ils sont faits pour être discutés "en fumant des gauloises" comme tu dis. ;-) Ils nous font penser et chercher en nous-mêmes la solution des questions de vie. J'ai découvert l'existentialisme surtout à travers les textes de Sartre et de Camus. Ce Camus que nous estimons tous les deux pour son humanisme. J'aime ces mots: "Je continue à croire que ce monde n'a pas de sens supérieur. Mais je sais que quelque chose en lui a du sens, et c'est l'homme, parce qu'il est le seul être à exiger d'en avoir".
Je dois donc chercher un sens dans la vie pour rester humaine.
Oh là là, quels mots!! ;-)

*

Ach, mein Schatz, (bist du das noch?) du hast mir einen so wunderbaren Brief geschrieben und am liebsten hätte ich ihn umgehend beantwortet. Aber gestern entdeckte plötzlich K dass er den grossen Koffer, den er mitgenommen hatte am besten durch einen kleineren ersetzen sollte, den er mitnehmen kann im Flugzeug um nicht zu lange bei der Bagage-auslieferung warten zu müssen (Annas Theorie: Die Herren brauchen Platz für ihre Kisten mit Whisky) und so ist er am Nachmittag nach Hause gekommen und wir haben zusammen noch zu Abend gegessen. Ich hatte Rentierfleisch gemacht. Es wird immer beliebter, jetzt wo man nicht mehr so gern Rindfleisch kaufen will. Ich finde es wichtig (jedenfalls bei uns), die Mahlzeiten zusammen zu essen. Dann erst habe ich das Gefühl, dass wir wirklich eine Familie sind. Es ist gut finde ich, dass du B auch am Tisch haben willst. Du weißt, wie gefährlich es sein kann, wenn ein Mädchen zu intensiv Diät hält. Ich habe schon Fälle gehabt, die dann im Krankenhaus lagen, weil sie gar nichts mehr hinuntergebracht haben. Unsere Victoria war ja auch ziemlich schlimm daran eine Zeitlang.
*
K ist also schon unterwegs nach London mit ein paar Kollegen. Er träumt davon, im Hyde Park die Frühlingsblumen zu sehen, wie das vorige Mal, als er auch im Januar dort war. Aber ich denke, es ist noch ziemlich kalt dort dieses Jahr. Dann geht er natürlich auch zum Speakers Corner wo er letztes Mal einen Mann sprechen hörte über das Thema "Die Frau zurück an den Ofen" und der damit die umstehenden weiblichen Personen zum Wahnsinn trieb aber auch zu Gelächter, denn er besass sehr viel Humor . Und dabei denke ich natürlich auch an meinen Schatz, der doch seine grosse Liebe gerade dort zum ersten Mal gesehen hat, war es nicht so?

So, ich muss leider nun wieder los zur Arbeit. Es ist schön so eine Weile mitten am Tag mit Dir zu verbringen und ich hoffe, dass ich bald wieder ein kleines rotes Dreieck vor deinem Namen sehe.
Mit vielen lieben Grüssen
auch K und S

Marlena

PS: Danke für den Text von H. den du mir gezeigt hast. Er hat mich wirklich abgeschreckt. ;-)