Freitag, 27. März 2026

Re: Wau wau ..

Ämne: Killer tomatoes
Datum: den 18 april 

Lieber ...,

Marlena 




Donnerstag, 26. März 2026

Wau wau

 Ämne: wau wau

Datum: den 17 april  13:24

Liebe Marlena
Ja, das klingt wirklich etwas gestresst und aufgebracht. Und dabei habe ich doch nur so nebenhin von Deinem Sonntagsmail gesprochen. Immerhin hatte ich im Gedächtnis, dass Du jeweils am Sonntag Abend hübsche Mails geschrieben hattest. Wann, fragst Du? Na ja, vielleicht in Deinem früheren Leben! Aber vielleicht sind das TEMPI PASSATI. Ich jedenfalls war sicher, dass ich am Wochenende ein Mail geschrieben hatte, obwohl das ja nun nicht in unserem Maus-Vertrag steht ;--)). Aber ich weiss nicht mehr, war es freitags, samstags oder sonntags. Das kommt nämlich darauf an, welche Konfession ich gerade eingeklickt hatte. Wenn ich im Moment jüdisch gestimmt war, dann habe ich am Freitag oder am Sonntag geschrieben. War es meine christliche Laune, so war es bestimmt samstags oder freitags. Und wenn meine musulmanische Seele zuvorderst gewesen sein sollte, so habe ich das Mail ziemlich sicher am Samstag oder am Sonntag abgeschickt. Du siehst, es gibt soviele Möglichkeiten, als es Götter gibt. Also, meine liebe Marlena, ich will nicht Erbsen zählen und auf dem Olymp auch keinen Streit entfachen.. Das ist das allerletzte, was ich in meinem Leben suchte. Dazu bin ich viel zu unordentlich und harmoniebedürftig, wie man das heute nennt. Also erzähle ich Dir etwas Schönes, Harmonisches, Heimatliches, Folkloristisches.
Hast Du gehört, dass Patricia Kaas neuerdings in Zürich wohnt? Alle Zeitungen machen mit ihr Interviews im Moment und wollen wissen, wie es ihr in der Stadt mit der weltweit höchsten Lebensqualität gefällt und welche Haarfarbe denn ein eventueller Freund haben sollte. Wie die Zeitungen berichten, treibt sie sich rund um und in Zürich in Bars herum. Aber das stimmt wohl nicht. Das ist eine böse Unterstellung im Zusammenhang mit ihrem Film, in dem sie spielt. Ich habe sie auch in einer kleinen Talk Show auf dem Schweizer Fernsehen gesehen. Sie hat wunderschöne hellblaue Augen und einen exorbitant grossen Mund. Aber sie singt doch ganz hübsch und französisch.. Vielleicht fängt sie jetzt, da sie bei uns in den Bergen lebt, bald an zu jodeln. Du kennst doch den Jodel, Marlena, das gibt es auch in Oesterreich, nehme ich mal an. Der Jodel ist das schweizerische Urgeräusch, kommt gleich vor dem Ticken der Uhren und dem Summen des Käse. Ist unser Markenzeichen. S. kann man damit vertreiben.
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Im Grunde hast Du heute Glück, Marlena. Ich habe zuhause mein Mittagessen vergessen. Das heisst, normalerweise nehme ich was Kleines von zuhause mit, irgend eine Schale voller Gemüse und ein wenig Fleisch, eine Pastete, ein Süppchen oder so ähnlich. Und heute morgen habe ich einen ganzen Plastiksack voller Nüsslichsalat bereitgelegt, um ihn schliesslich zu vergessen. Darum sitze ich jetzt meine Mittagspause vor dem PC, und schreibe mein Pflichtmail. Ist doch gut, nicht wahr? Und heute morgen war nicht mal sicher, ob mein PC funktionieren würde. Der ganze Bildschirm war voller Zahlen und Ziffern. Und alle, die irgend etwas von Computer verstehen, machten ein bedenkliches Gesicht. Ich habe schon mein Labtop herausgeschraubt um nachzusehen, ob meine Rezensionen auch dahin sind.Das wäre eine grosse Arbeit gewesen, sie wieder zu schreiben. Dies, obwohl man etwas, das man einmal geschrieben hat, eigentlich mit einer gewissen Leichtigkeit nochmals schreiben kann.
Habe ich Dir die Geschichte von Jean-Marie schon erzählt? Er ist ein Visper-Freund, den wir nun aber seit vielen Jahren nicht mehr gesehen haben. Er hat in Fribourg studiert. Und er war beinahe ein ewiger Student, wie man sagt. Doch nach etwa 10 Jahren hatte er scheinbar seine Lizentiatarbeit vollbracht. Und in seiner Freude darüber, wollte er sie jedem zeigen, der ihm über den Weg lief. So auch an jenem Sonntag Abend, als er mit einem Kollegen und dessen PW wieder nach Fribourg. zurückkehren wollte. Er zeigte und explizierte seine Gedanken des Weiten und des Breiten, so dass offenbar die Zeit schliesslich knapp werden sollte. Schon ziemlich spät, drängte sein Freund darauf, endlich loszufahren. Und in Sitten unten bemerkte Jeam-Marie mit Schrecken, dass er seine Lizentiatsarbeit, die ein offener Papierstapel war, auf dem Dach des Autos liegengelassen hatte. Wenn nicht wahr, dann ist die Geschichte zumindest gut erfunden. Sie passt zu unserem Jean-Marie, so dass man sie sonst erfinden müsste. Und ganz ähnlich wie er habe ich eben heute mein Salatsäcklein liegen gelassen. Und S. ist nicht erreichbar. Weiss der Kuckuck, wo sie steckt! So muss ich mich im Moment mit einer blossen Bouillon begnügen. Das ist hart, aber - wie gesagt - zu Deinem Vorteil.
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Du scheinst im Moment wirklich einige Sorgen zu haben. Appi kränkelt, der neue Direktor will Unmögliches, der Mausfreund wird unverschämt, das Wetter agiert obstruktiv, die Prüfungen der Abschlussklassen drängeln. Es hört sich alles so verzwickt und stressig an, so dass man am liebsten entfliehen wünschte. Kann ich Dir irgendwie helfen? Kann ich Dich dazu verführen, in die Wiese zu liegen und in die Wolken zu sehen. Wir Schweizer haben in solchen Situationen gute Fluchtwege. Wir steigen auf unsere Berge und schauen von dort oben hinunter. Alles erscheint dann so klein und unbedeutend, dass man sich wundert, wie man sich so gestresst fühlen konnte. Ich habe vor kurzer Zeit einen Erlebnisbericht gelesen. Wer war es bloss? Ein Amerikaner? Ein Philosoph? Ich weiss es nicht mehr. Aber er hat genau dieses Erlebnis geschildert. Die kleinen Häuschen und Strässchen und Menschentüpfchen sehen so putzig und süss aus, dass man sich auf dem Berg oben vorkommt wie der liebe Gott selbst. Ich glaube, ich selbst liebe solche übersichtlichen Ausblicke über alles. Ich wollte früher immer solche Bilder malen. Ich liebe sie, obwohl ich nicht sonderlich gerne auf Berge hinauf steige. Mindestens heute nicht mehr. Aber ich schaue lieber auf Städte hinunter als in Berglandschaften. Wenn ich es mir so überlege, so wäre ich eigentlich der geborene Ballonfahrer. Aehnlich wie Ste.Exupery, oder wie man das schreibt. Er soll ein miserabler Pilot gewesen sein, wie man hört. Er hätte mehr geträumt, als wirlich seine Maschine unter Kontrolle gehabt. Und deshalb ist er dann schliesslich abgestürzt. Ich glaube, man kann in der Höhe einen gewissen Rausch erleben, wenn man die Welt so von oben sieht. Man wird leicht, vielleicht etwas übermütig, überheblich, und vieles scheint möglich, woran man in normalen Situationen kaum denken würde. In dieser Gefühlslage könnte man sich den lieben Gott vorstellen. Nur noch übermütiger.
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Und jetzt habe ich meine Bouillon bereits heruntergeschlürft und S. ist nicht - wie ich es doch gehofft hatte - aufgetaucht mit meinem Salätchen. Es ist ein Jammer, wie man als Mensch leiden muss. Ich werde diesen Nachmittag so rasch wie möglich hinter mich bringen. By the way: gestern abend habe ich etwas Lustiges gelesen. Zur Zeit lese ich John Stuart Mills Biographie. Er war bekanntlich der grosse und blendende Denker des 19. Jahrhunderts. Sein Vater war Nationaloekonom, Psychologe und Historiker und hat den kleinen John, den Erstgeborenen, eisern und ohne Gefühle erzogen. John sollte dann seinerseits, was er gelernt hatte, seinen Geschwistern weiter geben. Das hat ihm der gute Sohn John Stuart später immer wieder und lange vorgehalten. Schliesslich war das die Zeit der Romantik, wo die Leute nicht genug Gefühle hören und sehen und fühlen konnten. Johns Vater wurde berühmt durch seine Geschichte von Britisch-Indien. Und diese Leistung hat offenbar schwer auf Johns Seele gelastet. Immerhin, und das wollte ich eigentlich erzählen, hatte John schliesslich eine Stelle in der Ostindischen Handels-Companie, wo auch sein Vater eine hohe Position inne hatte, und wo er selbst 35 Jahre lang bleiben sollte. Dort entwickelte er - laut eigenen biographischen Angaben - die folgende Methode: Zu erledigende Sachen wurden so lange angehäuft, bis sie rasch und mit leichtem Widerwillen abgetragen werden konnten. Ich glaube, das tue ich ganz ähnlich. Ich warte mit einer Sache, bis mein Gefühl des Unwillens und der unangenehmen Pflicht so hoch steigt, dass ich die Sache mit einer gewissen Barschheit und Coolness erledigen kann, ohne allzu viel Herzblut oder Sentimentalität darin vergiessen zu müssen. Du hast das auch mal erwähnt: die Männer warten unendlich lange, und haben dann alles in kürzester Zeit erledigt. Das wars!
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Ich hoffe, Du hast es nicht so wild, wie dein Mail klingt. Und wenn, dann wünsche ich Dir ruhigere Zeiten. Bald kommen ja bei Euch schon die Sommerferien, die man dann ja eigentlich Früh-Sommer-Ferien nennen sollte. Mit einem lieben Gruss
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Ämne: Re: wau wau
Datum: den 17 april  16:16

Lieber ...,
Ich habe soeben dein Mail gefunden (bin noch am lesen) aber sofort möchte ich dir sagen, dass du mir überhaupt kein Weekendmail geschickt hast, weder jüdisch, katholisch noch musulmanisch (oder wie das nun heisst). Glaubst du denn wirklich, dass unser Kontakt nun so innig ist, dass man nicht einmal seine Mails abzuschicken braucht (oder gar zu schreiben).. dass der andere spürt, was man eventuell schreiben wollte oder hätte schreiben können????
Nun ja, das wäre schon wie eine alte Ehe, wo man nichts mehr zu sagen braucht. Man weiss bereits alles... ;-))

Und seit wann bist du harmoniebedürftig geworden? Wie ich dich zu kennen meine, bevorzugst du schon einen guten Streit.

Das nur kurz an diesem Mittwochnachmittag. Jetzt lese ich weiter in meiner Favoritlektüre.

Liebe Grüsse
Marlena

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Dienstag, 24. März 2026

Fortsetzung: Studium in Zürich

  

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Irgend einmal - nach 2 Semestern und einem Praktikum in einem grossen Zürcher Büro - bin ich von meinem Architektur-Studium abgekommen. Die Ausbildung war mir einfach viel zu technisch.  Und die ETH war mir eine zu trockene Anstalt. Natürlich mag da auch der Zeitgeist mitgewirkt haben. Ein Umbruch lag in der Luft. Die Studenten an der Uni haben viel diskutiert. In den Zürcher Strassen gab es Demos. Die gesellschaftliche Situation wurde immer heisser. Studienrichtungen wie Psychologie, Sozialpsychologie, Philosophie und Soziologie waren enorm populär. Alles, was in der Gesellschaft und in der Welt draussen geschah, wurde unter dem Aspekt dieser Sozialwissenschaften erklärt. Wenn man in diesen Fächern studierte, fühlte man sich im Zentrum des Hurrikans.

Und dabei war es ursprünglich mal Prof. Staiger gewesen, der mich an die Uni gelockt hatte. Noch zu meiner ETH Zeit ging ich jeweils montags 10-12h hinüber in seine Vorlesung. Er las anfangs gerade über Rilke, und da fühlte ich mich in diesem fremden Zürich beinahe ins Wallis zurückversetzt. Ich hatte an der ETH von 8-10 Vorlesung in perspektivischem Zeichnen, allerdings konstruiertes Zeichnen, so wie die Architekten das tun. Gegen 10h gab Prof Hess jeweils eine Übung, die man dann bis 17h abends abzuliefern hatte. Ich ging also, mit dieser Übung im Hinterkopf, hinüber in die Universität, die gleich über die Strasse liegt, in die grosse helle Aula voller entspannter und vergnügter junger Studentinnen und Studenten, mit einigen älteren Fachhöhrern - wie sie damals genannt wurden - und liess mich von Staiger in höhere Gefilde versetzen. Staiger war damals so etwas wie der deutsche Literaturpapst. Er hat irgendwie eine eigene Schule der Literaturinterpretation begründet. Aber er war eigentlich ein Idealist, ein spezialist für deutsche Klassik.

1968 hat Staiger den Kunstpreis der Stadt Zürich erhalten. Die Feier fand im Schauspielhaus statt. Und dort schimpfte Staiger in seiner Dankesrede über die moderne Literatur, die sich mit Bordellen und Kloaken und Trinkern etc beschäftige. Seine Worte kulminierten in der rhetorischen Frage, in welchen Kreisen sich die Künstler denn aufhalten würden! Das war ein Skandal. Frisch, Dürrenmatt, Loetscher - alles was Rang und Namen hatte protestierte. Ein Jahr später erhielt Varlin den Kunstpreis der Stadt Zürich. Und an seiner Stelle hat 1969 Dürrenmatt die Rede gehalten. Sie führt den Titel "Varlin schweigt". Und es ist in weiten Teilen eine Abrechnung mit Staiger. Dürrenmatt war ein guter Redner. Er konnte markante Gedankengänge finden, die ebenso kritisch wie komisch wirkten. Und seine Sprache klang mit dem berndeutsch eingefärbten Deutsch fast unbeholfen, aber auch sehr treffend. Er hatte stets die Lacher auf seiner Seite.
 
Ich habe Dürrenmatts Rede gerade vor ein paar Wochen unter meinen Papieren wieder gefunden und nach so langer Zeit nochmals gelesen. Sie war in der Tat eine würdige Antwort auf die idealistisch-klassische Position Emil Staigers. Eigentlich hätte ich schon seit Jahren Staigers Rede gerne gefunden und gelesen. ich hatte davon immer nur in der Zeitung gelesen. Aber das ist mir bisher - auch nicht im Netz - nicht gelungen.
 
Du siehst Malou, ich gleite ab in die Erinnerung meiner alten Zürcher Studentenzeiten. Und natürlich romantisiere ich sie sehr. Ich erinnere mich nämlich auch, wie ich mich damals in Zürich eher verloren fühlte. Ich war unglücklich in diesem Architektur-Studium. Die ETH an der Rämistrasse ist ein schweres, ernstes Gebäude mit grossen Hallen so dunkel wie ein Kuhmagen. Die Studenten waren - wie mir schien - technisch interessierte Menschen. Ich kannte noch kaum Leute. Alle meine Schulkameraden studierten in Fribourg oder in Bern. Nur einige wenige waren ebenso an der ETH, aber, wie sich später herausstellen sollte, auch nicht sehr lange. Hans wollte damals noch Elektroingenieur, Amadé Agraringenieur lernen. Beide haben ihr Studium abgebrochen und keinen Abschluss gemacht.
 
Aber jetzt lass ich dich mit meinen Gedanken zurück in die Jugend. Warum bloss läuft mir das alles sosehr nach? Weshalb bloss finde ich das alles so romantisch, wo ich doch weiss, dass es auch eine ziemlich schwierige Zeit war mit viel Unsicherheiten, Einsamkeit, Desorientiertheit. Du weisst ja, wie mir letztes Jahr dieses Zürich wie eine Spritze Heroin ins Blut gegangen ist!
 
Ich schicke dir liebe Gs und Ks

 



Anfangsjahre meines Studiums in Zürich

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Ich kann mich gut an die Anfangsjahre meines Studiums in Zürich erinnern. Zürich war ja 4 Stunden damals mit der Eisenbahn vom Wallis entfernt. Und ich wollte nicht jedes Wochenende heim, um etwas sparsam zu sein. Und all meine Kollegen studierten als gute Katholiken in Freiburg, und bloss einige Fortschrittliche vielleicht noch in Bern. Aber wirklich nur die Verwegensten. Ich sass also ziemlich allein hier in Zürich fest. Und ich erinnere mich, wie ich dort anfangs einsam war in meinen Studentenzimmerchen. Ich hatte so einen Tauchsieder, um mir ein Teelein zu kochen. Und sonst war das Zimmer so unpersönlich und fremd in diesem Studentenhaus des Rotary Club. Anfangs teilte ich ein Doppelzimmer mit einem Auslandschweizer aus Spanien. Aber der (ich erinnere mich nicht einmal mehr seines Namens), er war nie zuhause und viel älter als ich. Ich glaube, er studierte Physik und kam aus Madrid. Und er schaute aus wie ein Spanier, nur ohne den spanischen Charme. So fristete ich dort anfangs ein eher unglückliches Leben und fühlte mich fremd in dieser grossen Stadt.

 

                                                                ETH  Zürich

Und unter diesen Architekturstudenten war ich auch nicht echt zuhause, weshalb ich ja auch regelmässig in die Universität hinüber ging, um Vorlesungen zu hören. Ich pendelte sozusagen zwischen Hammer und Amboss. Damals habe ich all jene Studenten aufs Tiefste benieden, die zuhause leben konnten. Es gab viele, die wohnten vielleicht nicht direkt in Zürich, aber doch in der Region und abends eilten sie zum Hauptbahnhof. Und zuhause wartete ein gedeckter Tisch auf sie und eine Familie, und die alten Bekannten der Gymnasialzeit. Gar nicht zu reden von den öden Sonntagen, die ich anfangs in Zürich verlebte! Damals ging ich noch in die Mensa der ETH essen. Dort traf ich ein paar Kollegen, die ich kannte. Meist waren sie viel älter, als ich es war. Und sie diskutierten über Dinge, die mich nicht interessierten. Es war nicht das, was ich mir von einem echten Sonntag wünschte. Ich glaube, dieses soziale Leben anfangs meiner Zeit in Zürich hat mir meinen Studienanfang sehr erschwert. Und ich habe immer gedacht, es wäre ein Glück, dass meine Töchter, wenn sie denn studieren würden, weiter zuhause leben könnten. Vielleicht die ersten paar Semester, bis sie sich etwas in die neue Lebensart eingewöhnt hätten. Später, da bin ich mir sicher, ist es wichtig, dass man auch mal ein richtiges Studentenleben führen soll und einen eigenen Haushalt führt, oder doch so in einer Wohngemeinschaft lebt. Das ist etwas sehr Schönes, wenn man sich voller Leidenschaften dem Leben und der Liebe - will sagen den Studien - hingeben kann, ohne auf die eigene Familie Rücksicht nehmen zu müssen

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Ich hatte heute mein persönliches Gespräch mit meinem Chef. Er ist etwas dicker geworden, seit ich ihn letztmals so nah gesehen habe. Er ist ein wacher Geist und es ist interessant, mit ihm zu diskutieren. Doch er denkt natürlich viel weniger psychologisch als ich. Er denkt echt politisch. Und wenn etwas gut ist, hat er es gemacht, und wenn es schlecht ist, haben es seine Mitarbeiter gemacht. So ist er, wie alle Politiker. Wir sind nur dazu da, ihnen die Lorbeeren zu liefern. Doch was soll es? Die Politiker kommen und gehen. Und wir bleiben und überleben sie und machen die Politik. So ungefähr könnte man sagen, wenn es auch nicht allzu sehr stimmt.
Im Mai bin ich 20 Jahre an dieser Stelle. Das ist eine Ewigkeit. Und ich denke, dass es in der Wirtschaft unmöglich wäre, so lange auf ein und demselben Stuhl zu sitzen. Es ist auch nicht gut. Manchmal merke ich, wie ich bequem geworden bin. Manchmal finde ich alles ziemlich langweilig. Manchmal ärgert man sich über all die dummen Neuerungen, die bloss mehr Papierkrieg und sonst gar nicht viel bringen. Aber immerhin.
Ich war damals der jüngste. Und jetzt bin ich ungefähr der dritt- oder viert-älteste. Einer wird im Mai in Pension gehen. Der nächste folgt bald. Und dann komme schon bald ich. Allerdings dauert es bei mir etwas länger.
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Ich habe eine Kusine, die in der Chemie arbeitet. Sie ist etwa 2 Jahre älter als ich. Und seit ein paar Monaten ist sie in Pension mit voller Rente. Wenn Du dir das Paradies vorstellen willst, so musst Du Dir so etwas Ähnliches ausdenken. Sie reist in der Welt herum, geht gut essen, nimmt Kilo um Kilo zu und pflegt ihr fröhliches Gemüt. Ja, sie hat wirklich das grosse Los erwischt. Vielleicht bedauert sie es in ein paar Jahren, doch heute geniest sie es in vollen Zügen. Immer wieder bekommen wir Postkarten von ihr aus irgend welchen exotischen Ferienregionen. Man kann wirklich nur neidisch werden.
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Ist es nicht schlimm, wenn man an die Pensionierung denkt. Das ist wirklich sehr schlimm. Lass uns das Leben nehmen, wie es ist. Seien wir froh, dass wir noch ein paar Jahre arbeiten können. Alles andere macht alt.

GuK

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Montag, 23. März 2026

Salvador Dali

 



Liebste Marlena

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Ich habe angefangen, eine Biographie über Salvador Dali zu lesen. Ich habe sie so bei Gelegenheit gefunden, ohne zu suchen, und habe sie gleich gekauft. Er war ja ein so komischer Kerl. Aber schon nach den ersten paar Seiten wird deutlich, dass er eigentlich ziemlich krankhaft war. Ich hatte immer gedacht, er stilisiere seine Persönlichkeit und inszeniere seine Theater mit Absicht und Berechnung. Aber offensichtlich hat ihn seine Familiensituation schon in jungen Jahren ziemlich verdreht, und er scheint auch ziemlich darunter gelitten zu haben. Und hat andere leiden lassen. Seine surrealistischen Bilder sind unter diesen Voraussetzungen ein ziemlich adaequates Abbild seiner Weltanschauung. Er musste gar nicht mehr zuviel konstruieren. Doch ich urteile vielleicht jetzt ein bisschen zu früh. Lass mich erst weiterlesen, Marlena. Ich hoffe, ich habe genügend Zeit, um das zu schaffen. Ich möchte nämlich bald mit meinem Römer Projekt anfangen. Hast Du denn schon angefangen? Ich habe mittlerweile soviele Bücher über Rom in meiner Bibliothek gefunden, dass ich mich etwa 2 Jahre damit beschäftigen könnte. Ich werde sehen, was sich machen lässt.

Ich wünsche Dir eine gute Zeit. Und schreib mir bald, ma chérie, so süss und spontan, wie Du es kannst.
KKK





Freitag, 20. März 2026

Ein Nicht-Ereignis im Wallis

Ämne:  Tour de Suisse

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Gerade habe ich auf der Frontseite der NZZ, die bei mir immer als 1. Seite im www erscheint, gesehen, ...  dass die Tour de Suisse gestern hier vorbei gefahren war. Ich habe davon nicht den leisesten Eindruck erhalten. Aber ich erinnere mich an Tour de Suisse Durchfahrten im Wallis. Im beschaulichen Tal war ja eigentlich nicht viel los. Und wenn schon mal ein nationales Ereignis von dieser Grössenordnung angesagt war, waren alle, und besonders wir Kinder aus dem Häuschen. Und so standen wir dann stundenlang an der Kantonsstrasse, schauten staunend den plärrenden Lautsprecherfahrzeugen nach, die vorbei glitten, und warteten auf die Fahrer, die noch kommen sollten. Immer hiess es, dass sie gleich kämen. Und jedes neue Lautsprecherfahrzeug jagte uns den Puls wieder in die Höhe, nachdem man die Hoffnung schon ein wenig aufgegeben hatte. Und dann, nach vielleicht 2 Stunden, als man wirklich nichts mehr erwartete und nur noch herumstand, weil alle anderen Leute auch herumstanden, als man sich schon wieder auf den Rest des Tages zu konzentrieren begann, erst dann kam mäuschenstill und in Windeseile ein Schwarm von Velofahrern. Die älteren Leute, die wussten, worum es sich hier handelte, klatschten, riefen vielleicht hopp schwiiz, hopp schwiiz, und in aller Stille war dieser farbige strampelnde Schwarm vorbei. Man konnte es nicht glauben, dass das jetzt die Tour de Suisse gewesen sein sollte. Ich meine, hör Dir doch mal diesen Namen an: TOUR DE SUISSE. Ich meine, das klingt doch nach etwas. Aber es war das absolute Nicht-Ereignis, ‚much ado about nothing’ würde der olle Shakespeare sagen. Ich habe das als Junge vielleicht zwei- oder dreimal erlebt. Und ich war jedes Mal bis über die Ohren frustriert und habe schwer an der Vernunft der Erwachsenen zu zweifeln begonnen. So bestand keine Gefahr, dass ich hier in Liestal an die Strasse stehen würde, um auf die Tour de Suisse zu warten. Wirklich keine Gefahr.

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Ich wünsche Dir einen schönen Tag
mlguk
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Mittwoch, 18. März 2026

Mein Vis à vis

Liebe Marlena 

Richtig, die zwei letzten Tage waren wild. Ich habe mich wirklich in den Hintern gekniffen und versucht, die vielen Dinge, die hier herumliegen, zu ordnen und soweit möglich zu erledigen. Man gewöhnt sich all zu leicht ans Bummeln im Büro, denn es kommen tagtäglich soviele Informationen und Broschüren und Berichte und Schreiben, dass man immerzu damit verbringen könnte, sie zu lesen, sie zu überlegen und sie zu kommentieren und zu überarbeiten. Und am Abend hat man alles in allem nichts getan, oder man hat 9 Stunden gearbeitet, je nachdem, wie man die Sache betrachtet. Im Moment haben wir hier Schulferien. Die Ruhe, die herrscht, ist sehrgeeignet, Dinge zu tun, die etwas Konzentration und Ausdauer erfordern. Kurz und gut, ich habe mich mit fast ganzem Herzen meinem Büro gewidmet. 

Und wenn ich hier zum Fenster hinausschaue, dann sehe ich hinüber an ein älteres Haus linkerseits. Früher war das eine traditionelle Wirtschaft, wie wir es nannten, also ein Restaurant im traditionellen Stil, wenig Besucht, und wenn, dann von eher einfachen und etwas merkwürdigen Gestalten. Ein ehrbarer Bürger (gibt es so was noch heute?), ein ehrbarer Bürger würde kaum ins Restaurant Schweizerhaus gehen. Denn alles schaute von aussen etwas heruntergekommen aus. Aber dieser Name, Restaurant Schweizerhaus ist um die rechte Ecke, zum Wasserturmplatz hin, mit klaren altdeutschen Buchstaben immer noch gross an die Wand geschrieben. Die Fenster sind mit hölzernen olivegrünnen Fensterläden ausgestattet, und auf den Simsen stehen Kisten mit leuchtend roten Geranien. Sieht also nach echtem Schweizer Volkstum aus. Doch auf der Seite zur Strasse wurde über der alten Eingangstüre ein kleines Vordach an die Wand geklebt. Es ist gewölbt, wie an einer Pagode. Rechts davon hängt ein Schild mit der Aufschrift China Restaurant Guang Dong. Und an der Ecke ragt eine Art Laterne in den Platz hinaus, nachts beleuchtet, mit der Inschrift Ziegelhof. Das ist das Bier, das hier im Ort selbst gebraut wird. Du musst wissen, dass für lange Jahre einige grosse Bierbrauereien sich die Schweiz aufgeteilt haben. Da gab es Cardinal in der französischen Schweiz, auch im Wallis. Feldschlösschen herrschte in der Gegend hier und im Raum Zürich vor. Die Innerschweizer schworen auf Eichhofbier und die Bündner auf Callanda. Bestimmt gab es noch zwei oder drei grössere Namen und daneben auch ein paar lokale Untertropfen. Kurz und gut, du konntest blind durch die Schweiz wandern und anhand des Geschmacks des Bieres bloss wusstest Du, in welchem Raum du dich befandest. Natürlich hättest du dir dabei die Ohren verschliessen müssen, denn anhand des Dialektes der Leute hättest du deinen Standort noch viel genauer heraushören können.

Hier also mit einem breiten Baslerdialekt das Ziegelhof Bier. Es schmeckt nicht so gut wie Cardinal, an welches ich mich in frühen Jahren meines Lebens ohne grosse Widerstände und mit Hingabe gebunden habe. Cardinal schmeckt einfach einmalig. Das mag damit zusammen hängen, dass die Walliser Sommer so trocken und so heiss daherkommen. Denn, wenn Hunger der beste Koch, dann ist Durst der beste Bierbrauer.

Doch ich war bei unserem Schweizerhaus vis à vis, und bei dessen Multikulti-Fassade. Es ist zum Heulen, wenn du das siehst. Und dabei ist das Restaurant heute besser geworden, als es damals, in den letzten Jahren gewesen ist. Ich war etwa zweimal dort. Und neben anderen Chinesischen Küchen schmeckt es eigentlich recht gut und differenziert.

Nun, weshalb ich Dir so ausführlich über mein Vis à vis erzähle, das hat seinen Grund im ersten Stock. Dort ist, gleich rechts über dem Pagodendächlein, ein Fenster. Linkerseits ist der Vorhang zurückgeschlagen. Und dahinter steht ein Käfig mit Kanarienvogel oder Wellensittich. Das Gitter glänzt golden im Sonnenlicht. Na ja, den Vogel sehe ich nicht genau, dazu müsste ich ein Fernglas ins Büro mit bringen. Ich meine, er sei blau, aber ich kann mich täuschen. Doch bin ich sicher, dass sich dort tagein tagaus ein kleiner Wellensittich in der Sonne räkelt. Die alte Frau besorgt ihm gelegentlich frische Luft, indem sie das Fenster öffnet und eine Weile auf den Platz hinunter schaut. Die übrige Zeit überlässt sie ihm die Sicht.

Und wenn ich ihn sehe, dann denke ich an Euren Kaddaffi.

Wenn ich jetzt eine Kamera hätte, wie Du sie hast, dann würde ich Dir ein Bild dieses Platzes schicken. Das hast du mal gewünscht. Und man sieht wieder, wie sehr ich mit meinen Pflichten und Aufgaben weit abgeschlagen im Rückstand liege. Ich tue mehr Dinge, die niemand von mir erwartet, als dass ich jene Obliegenheiten wahrnehme, von denen alle denken, sie wären meine Aufgaben. Das war schon so an der Universität. Ich habe immer die Bücher gelesen, die nicht in aller Munde waren, während ich die offizielle Pflichtlektüre oft meinen Kollegen überliess. Ich dachte mir, darüber würde man ja dann ohnehin diskutieren, weil alle sie gelesen haben. Und so würde ich auch noch in den Genuss dieser Information kommen. Du siehst, ich bin Spezialist für Alternativprogramme, für Insider-Tipps, für Ausnahmeerscheinungen und Abwegigkeiten.

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Das Bild? Wenn ich mich richtig erinnere, ist es 30 Jahre alt. Es ist  in  Persien aufgenommen worden. Ich litt damals an der TeheranerMagenverstimmung, die jeden befällt, der erstmals nach Teheran kommt und vielleicht bei soviel Durst mal in der Not eine Cola  mit Eis zu sich nimmt, oder rohen Salat kostet, was alte Reiseprofis natürlich geflissentlich unterlassen.

Ich finde, Deine Reaktion auf das Bild war etwas knapp. Und dabei habe ich nun beinahe ein Jahr lang nach einem Foto gesucht, und kürzlich hat mir S zufällig dieses eine zugesteckt. Es ist ein Unikat sozusagen, ein Einzelstück, die Ernte eines Jahres, und Du solltest Dir dessen bewusst sein. Es ist praktisch nicht mehr als das vorhanden.

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Jetzt muss ich wieder hinter die Dinge. Es gibt hier noch vieles zu tun. Heute abend treffen wir die Reisegruppe. S. hat ein Mail an alle geschrieben und mich gefragt, wie sie denn die Anrede schreiben sollte. Ich habe vorgeschlagen "liebe Angsthasen!". Doch das ist böse. Nein, wir können sie schon verstehen. Jetzt geht es ums Finanzielle.

Mit einem lieben Gruss

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