Mittwoch, 18. März 2026

Mein Vis à vis

Liebe Marlena 

Richtig, die zwei letzten Tage waren wild. Ich habe mich wirklich in den Hintern gekniffen und versucht, die vielen Dinge, die hier herumliegen, zu ordnen und soweit möglich zu erledigen. Man gewöhnt sich all zu leicht ans Bummeln im Büro, denn es kommen tagtäglich soviele Informationen und Broschüren und Berichte und Schreiben, dass man immerzu damit verbringen könnte, sie zu lesen, sie zu überlegen und sie zu kommentieren und zu überarbeiten. Und am Abend hat man alles in allem nichts getan, oder man hat 9 Stunden gearbeitet, je nachdem, wie man die Sache betrachtet. Im Moment haben wir hier Schulferien. Die Ruhe, die herrscht, ist sehrgeeignet, Dinge zu tun, die etwas Konzentration und Ausdauer erfordern. Kurz und gut, ich habe mich mit fast ganzem Herzen meinem Büro gewidmet. 

Und wenn ich hier zum Fenster hinausschaue, dann sehe ich hinüber an ein älteres Haus linkerseits. Früher war das eine traditionelle Wirtschaft, wie wir es nannten, also ein Restaurant im traditionellen Stil, wenig Besucht, und wenn, dann von eher einfachen und etwas merkwürdigen Gestalten. Ein ehrbarer Bürger (gibt es so was noch heute?), ein ehrbarer Bürger würde kaum ins Restaurant Schweizerhaus gehen. Denn alles schaute von aussen etwas heruntergekommen aus. Aber dieser Name, Restaurant Schweizerhaus ist um die rechte Ecke, zum Wasserturmplatz hin, mit klaren altdeutschen Buchstaben immer noch gross an die Wand geschrieben. Die Fenster sind mit hölzernen olivegrünnen Fensterläden ausgestattet, und auf den Simsen stehen Kisten mit leuchtend roten Geranien. Sieht also nach echtem Schweizer Volkstum aus. Doch auf der Seite zur Strasse wurde über der alten Eingangstüre ein kleines Vordach an die Wand geklebt. Es ist gewölbt, wie an einer Pagode. Rechts davon hängt ein Schild mit der Aufschrift China Restaurant Guang Dong. Und an der Ecke ragt eine Art Laterne in den Platz hinaus, nachts beleuchtet, mit der Inschrift Ziegelhof. Das ist das Bier, das hier im Ort selbst gebraut wird. Du musst wissen, dass für lange Jahre einige grosse Bierbrauereien sich die Schweiz aufgeteilt haben. Da gab es Cardinal in der französischen Schweiz, auch im Wallis. Feldschlösschen herrschte in der Gegend hier und im Raum Zürich vor. Die Innerschweizer schworen auf Eichhofbier und die Bündner auf Callanda. Bestimmt gab es noch zwei oder drei grössere Namen und daneben auch ein paar lokale Untertropfen. Kurz und gut, du konntest blind durch die Schweiz wandern und anhand des Geschmacks des Bieres bloss wusstest Du, in welchem Raum du dich befandest. Natürlich hättest du dir dabei die Ohren verschliessen müssen, denn anhand des Dialektes der Leute hättest du deinen Standort noch viel genauer heraushören können.

Hier also mit einem breiten Baslerdialekt das Ziegelhof Bier. Es schmeckt nicht so gut wie Cardinal, an welches ich mich in frühen Jahren meines Lebens ohne grosse Widerstände und mit Hingabe gebunden habe. Cardinal schmeckt einfach einmalig. Das mag damit zusammen hängen, dass die Walliser Sommer so trocken und so heiss daherkommen. Denn, wenn Hunger der beste Koch, dann ist Durst der beste Bierbrauer.

Doch ich war bei unserem Schweizerhaus vis à vis, und bei dessen Multikulti-Fassade. Es ist zum Heulen, wenn du das siehst. Und dabei ist das Restaurant heute besser geworden, als es damals, in den letzten Jahren gewesen ist. Ich war etwa zweimal dort. Und neben anderen Chinesischen Küchen schmeckt es eigentlich recht gut und differenziert.

Nun, weshalb ich Dir so ausführlich über mein Vis à vis erzähle, das hat seinen Grund im ersten Stock. Dort ist, gleich rechts über dem Pagodendächlein, ein Fenster. Linkerseits ist der Vorhang zurückgeschlagen. Und dahinter steht ein Käfig mit Kanarienvogel oder Wellensittich. Das Gitter glänzt golden im Sonnenlicht. Na ja, den Vogel sehe ich nicht genau, dazu müsste ich ein Fernglas ins Büro mit bringen. Ich meine, er sei blau, aber ich kann mich täuschen. Doch bin ich sicher, dass sich dort tagein tagaus ein kleiner Wellensittich in der Sonne räkelt. Die alte Frau besorgt ihm gelegentlich frische Luft, indem sie das Fenster öffnet und eine Weile auf den Platz hinunter schaut. Die übrige Zeit überlässt sie ihm die Sicht.

Und wenn ich ihn sehe, dann denke ich an Euren Kaddaffi.

Wenn ich jetzt eine Kamera hätte, wie Du sie hast, dann würde ich Dir ein Bild dieses Platzes schicken. Das hast du mal gewünscht. Und man sieht wieder, wie sehr ich mit meinen Pflichten und Aufgaben weit abgeschlagen im Rückstand liege. Ich tue mehr Dinge, die niemand von mir erwartet, als dass ich jene Obliegenheiten wahrnehme, von denen alle denken, sie wären meine Aufgaben. Das war schon so an der Universität. Ich habe immer die Bücher gelesen, die nicht in aller Munde waren, während ich die offizielle Pflichtlektüre oft meinen Kollegen überliess. Ich dachte mir, darüber würde man ja dann ohnehin diskutieren, weil alle sie gelesen haben. Und so würde ich auch noch in den Genuss dieser Information kommen. Du siehst, ich bin Spezialist für Alternativprogramme, für Insider-Tipps, für Ausnahmeerscheinungen und Abwegigkeiten.

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Das Bild? Wenn ich mich richtig erinnere, ist es 30 Jahre alt. Es ist  in  Persien aufgenommen worden. Ich litt damals an der TeheranerMagenverstimmung, die jeden befällt, der erstmals nach Teheran kommt und vielleicht bei soviel Durst mal in der Not eine Cola  mit Eis zu sich nimmt, oder rohen Salat kostet, was alte Reiseprofis natürlich geflissentlich unterlassen.

Ich finde, Deine Reaktion auf das Bild war etwas knapp. Und dabei habe ich nun beinahe ein Jahr lang nach einem Foto gesucht, und kürzlich hat mir S zufällig dieses eine zugesteckt. Es ist ein Unikat sozusagen, ein Einzelstück, die Ernte eines Jahres, und Du solltest Dir dessen bewusst sein. Es ist praktisch nicht mehr als das vorhanden.

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Jetzt muss ich wieder hinter die Dinge. Es gibt hier noch vieles zu tun. Heute abend treffen wir die Reisegruppe. S. hat ein Mail an alle geschrieben und mich gefragt, wie sie denn die Anrede schreiben sollte. Ich habe vorgeschlagen "liebe Angsthasen!". Doch das ist böse. Nein, wir können sie schon verstehen. Jetzt geht es ums Finanzielle.

Mit einem lieben Gruss

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Samstag, 14. März 2026

"Ein Tisch ist ein Tisch"

Lieber ...,

Wenn ich einen Roman schreiben würde, dann würde er von einer älteren Frau handeln, die von ihrem Leben enttäuscht, in eine Cyberwelt flieht. Ein Roman mit demselben Thema, wie es Bichsel in seiner Kurzgeschichte "Ein Tisch ist ein Tisch" verwendet. Du kennst sie sicher. Der alte Mann findet sein Leben so öde und langweilig bis er eines Tages auf den Gedanken kommt alle Wörter mit anderen zu ersetzen. Er glaubt, dass sich sein Leben nun ändern wird und er hat viel Spass dabei. Doch er verlernt darüber seine eigene Sprache und kann sich am Ende mit niemandem mehr verständigen.

Es ist eine wunderbare aber auch sehr traurige kleine Geschichte, die ich Jahre hindurch im Unterricht verwendet habe. Bichsel hat sie sogar selbst für den schwedischen Schulfunk vorgelesen. Aber das habe ich dir vor langer Zeit schon einmal erzählt.
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Dienstag, 10. März 2026

Leben nach der Pensionierung?

Ich glaube, die Herren haben es nicht so leicht wie wir Frauen, sich in dem freien Leben zurechtzufinden.  ...

Re:
Liebe Malou
Weshalb sollten die Männer es schwerer haben im freien Leben nach der Pensionierung? Vielleicht ist das wirklich so? Und das, weil Männer weniger persönliche Beziehungen pflegen, weil sie sich ein Leben lang bloss mehr oder weniger auf ihre Arbeit konzentriert haben? ist es das? Ich überlege mir oft, was ich heute tun sollte, damit ich zum Zeitpunkt der Pensionierung darauf vorbereitet bin. Ich glaube, das wichtigste Element, das fehlen wird, ist die Anerkennung, das Gefühl, eine gewisse Wichtigkeit zu haben. Die Leute wollen dich nicht mehr, brauchen dich nicht mehr. Den ganzen Tag magst du vor dir her trödeln, und niemand bemerkt auch nur irgend etwas. Dieses ganze System der Termine und Sitzungen, der zeitlichen Engkpässe und Vorstellungen, was alles noch zu tun wäre, all das wird fehlen. Die Zeit wird wie ein frisches Bächlein an der Person vorbeifliessen. Dieses Gefühl der Normalität, der Bedeutungslosigkeit, der aufgenötigten Bescheidenheit, ich glaube, das ist ziemlich schwer zu ertragen. Wir Männen haben Mühe, Bestätigung und Zufriedenheit bloss aus ein paar persönlichen Beziehungen zu gewinnen. Und schon gar nicht können wir den ganzen Tag zuhause sitzen und Zeitung lesen.

Ich habe schon einige lose Gedanken darüber, was ich in etwa 5 Jahren tun sollte. Aber das ist wirklich sehr lose. Ich hatte mir Gedacht, ich könnte im Kanton Leseförderung treiben. Das ist ein eher komischer Gedanke. ... Der andere Gedanke ist, meine Tranceausbildung zu brauchen und in W's Praxis, die er hoffentlich in M öffnen wird, persönliche Beratungen zu offerieren. Ich wäre ja finanziell nicht abhängig und könnte mich einen Teil meiner Zeit wirklich jenen Leuten widmen, die Probleme haben. Vor allem würde mich interessieren herauszufinden, was man mit der Trance alles erreichen kann. Und bestimmt hätte ich als älterer Fachmann bei den jungen Leuten viel Placebo-Effekte?

Die dritte Variante in meiner Fantasie besteht darin, zu schreiben. Vielleicht sollte ich mit meinem Kinderbuch anfangen und dann voranschreiten? Je mehr ich mich in diesen Gedanken vertiefe, desto stärker wird mir bewusst, wie schwierig Schreibarbeit ist. Es braucht sehr viel Selbstdisziplin und Fähigkeiten in Selbstmanagement. Man muss sich nur vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn man morgens am Pult vor dem leeren Blatt sitzt und nicht weiss, wie anzufangen. Na ja, schon sich dazu zu bringen, sich vor das leere Blatt hinzusetzen, schon das allein ist eine grosse Kunst.

Natürlich gibt es noch andere Möglichkeiten: Fotographieren, Malen, Porträtieren vor allem, was ich mir sehr vorgenommen habe, mit Freunden des Clubs die Zeit vertreiben. Einige dieser Clubfreunde treffen sich regelmässig zu Kartenspiel. Das könnte ich, ist aber nicht so sehr meine Sache. Natürlich sollte ich mir angewöhnen, regelmässig zu wandern. Einmal die Woche eine grosse Wanderung, das wäre gut für den Körper.

Na ja, Du siehst, ich bin in Gedanken bei den Pensionisten. Und je mehr ich mich damit beschäftige, desto leichter fällt es mir, mit meinem heutigen Status fertig zu werden. Gestern beim Apero war ein alter Kollege dabei, der jetzt vielleicht 5 oder 6 Jahre in Pension ist. Er hat sich schon visuell ein bisschen verändert, sieht nicht mehr so wach und präsent aus wie damals. Die Veränderungen sind nicht so gross, aber sie sind da. Man sieht ihn einfach überall, diesen "Zahn-der-Zeit".

Ich schicke mal, was ich habe. Sonst verliere ich es womöglich im System.
Ich wünsche Dir einen feinen Tag. Schlaf gut aus nach Deinem Fest!
mlguk
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Montag, 9. März 2026

Eveningblues..

 Ämne: Eveningblues..

Datum: den 9 mars  20:51

Lieber ...
Ich war ganz begeistert als ich Prousts schöne Bett sah. Wenn ich ein solches hätte würde ich es wohl nie verlassen (wollen). ;-) Denk dir nur, dort in dieser kuscheligen Ecke stundenlang Bücher zu lesen nur unterbrochen von jemanden, der dir Tee und Madeleines bringt. Es gäbe sogar Platz für noch eine Person.. oder gar mehrere. *s* Ich stelle es mir nicht staubig vor. Sieht doch alles so geputzt und fast klinisch rein aus. Heutzutage würde man natürlich einen flotten DVD-spieler gegenüber vom Bett haben und sich dort alle guten Filme der Welt anschauen. Natürlich auch Naturfilme. Ich finde es so fantastisch, dass man heutzutage das Leben in der Natur so genau studieren kann.
*
 Heute Abend fühle ich mich herrlich frei.. Der Test für morgen früh ist schon gestern Abend fertig geworden. Und morgen Nachmittag fällt eine Stunde aus. Ein freier Nachmittag also - der grösste Luxus, den es gibt. Ich muss in die Stadt und ein Geschenk für Annas Geburtstag kaufen. 21 Jahre alt wird sie. Das war in alten Zeiten das Jahr in dem man volljährig wurde. Jetzt wird man es, wie wohl auch bei euch mit 18. Aber Wein und andere alkoholische Getränke darf man erst mit 20 kaufen in unserem Systembolag.
*
Heute Abend kommt "Angels in America". Man hat diese Serie so in den Himmel gehoben, dass ich neugierig war, was das wohl sein kann. Aber nun glaube ich zu verstehen. Alle männliche Hauptpersonen in dem Film sind schwul. Der eine ein hoher Politiker (hiv-positiv) der absolut nichts von seiner Veranlagung wahrhaben will ("er verkehrt nur aus Vergnügen mit Männern"), der andere ein hübscher Jüngling, den man mit griechischen Statuen verwechseln könnte (schwer aidskrank), sein Partner, der Jude, ist bisher noch gesund und dann noch ein bildhübscher junger Mormone, der seiner Frau (die Probleme mit den Nerven hat und dauernd gefährliche Tabletten schluckt) noch nichts von seiner Homosexualität gesagt hat. Er hat noch kein Verhältnis mit Männern, schleicht aber spät abends ("er braucht einen Spaziergang um abzustressen") in den Parks herum und beobachtet Männer die "dabei sind..".
Mehrere, die bei uns in den Medien arbeiten sind Homos oder Lesben. Deswegen haben sie wohl diesen Film so zum Himmel gehoben. Man fragt sich nur, wie es in der übrigen Bevölkerung aussieht. Vielleicht ähnlich, nur dass sie sich noch nicht trauen es zuzugeben, oder "herauskommen" wie es bei uns heisst.
Ich verstehe es nicht. Nicht dass ich mich direkt angeekelt fühlen würde, wenn ich zwei Männer zusammen sehe, aber ich kann es nicht verstehen. Habe immer geglaubt, dass gerade der Unterschied zwischen Mann und Frau, diese Anziehungskraft erzeugt. Komisches Thema diesmal, oder?
Wie ist es bei euch in der Schweiz? Treten da auch bekannte Leute hervor und bekennen was sie sind?
(---)

Das Pilzbuch, von dem ich dir erzählt habe, ist fantastisch gut. Nie habe ich so naturtreue Bilder gesehen und auf derselben Seite neben dem leckeren Pilz werden auch die Pilze gezeigt, mit denen man sie eventuell verwechseln könnte und genau beschrieben, worin der Unterschied liegt.
Gehst du auch manchmal in den Wald Pilze sammeln? Ich nehme nur so 4 - 5 Sorten aber vielleicht werde ich es in diesem Jahr wagen noch welche dazuzulegen.
Früher haben wir im Frühjahr immer Morcheln gepflückt. Du weisst diese kleinen braunen Dinger, die wie kleine Atombomben aussehen. Und als wir erfahren haben, dass sie sogar bedeutend giftiger sind als der rote Fliegenpilz, haben wir damit aufgehört. Aber es ist eine Delikatesse. Das ist nicht zu leugnen.
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Wie ist es gegangen mit deinem Vortrag? Hast du die Damen mit deinem Charme und Sirenengesang verhext? Ich bin schon neugierig davon zu hören.

So lasse ich dich wieder.
MHSUK u.s.w.
Malou

Sonntag, 8. März 2026

RE: -..-

 

Ämne: RE: -..-
Datum: den 9 mars 09:13

Lieber ...
Nein, den Philosophen kenne ich nicht... und ich glaube auch nicht an seinen Spruch. Man kann sich nicht vor seinem Schicksal verstecken. Es sucht dich auf wo immer du bist. Es hilft nichts, dass du in deinem Hausd bleibst und still hältst. :-)
Übrigens spielen sich Mauriacs Romane fast ausschliesslich in dem Haus ab, das sein Elternhaus war. Es liegt in der Region von Bordeaux. Es gibt ein Album mit hundert Photographien aus seinem Jugendmilieu: "Les maisons fugitives". Fast sein ganzes Leben hat sich in dieser Gegend abgespielt.
Als ich las, dass "niemand ein grosser Romanschriftsteller wird, der nicht auf eine - am besten in der Jugend erlebte - Landschaft zurückgreifen kann" habe ich sehr an dich gedacht und an deine wunderschönen Schilderungen aus dem Wallis.

Man ist nicht arm, weil man seine Jugend hinter sich hat. Man ist reich, weil man sie schon besitzt und in sich trägt. Und du kannst sie jederzeit aus deiner Erinnerung hervorholen und noch einmal erleben - zwar mit etwas Trauer und Nostalgie - aber trotzdem. Denn du wirst sicher auch zugeben, dass sie jetzt noch schöner ist, als du sie ursprünglich gesehen hast. Gibst du mir recht?

Gestern war es bedrückend grau aber nun versucht die Sonne durch die Wolken zu dringen. Ein paar kleine Kohlmeisen hüpfen lustig im Kirschbaum herum. Sie sind voll von Lebenslust und ich kann kaum die Augen von ihnen nehmen.

Neben mir liegt ein Buch über Pilze, das K beim Bücher-Sale gekauft hat. Es ist das beste, das ich bisher gesehen habe. Und wenn ich darin blättere sehe ich schon den schönen Wald im Herbst vor mir.

Ich muss leider schon weitermachen hier.
Wünsche dir alles Gute für diesen Tag.

MlGuK,
Malou





Ein sattes Programm


Liebe Malou

Heute habe ich ein sattes Programm. Es gipfelt abends um 1700h mit einem kleinen Vortrag ... Um 17.00h, wo ich doch um diese Zeit lieber auf meiner Coach liegen und ein bisschen dösen würde. Welcher französische Philosoph hat gesagt, dass sich das ganze Unglück der Menschheit bloss aus der Tatsache entwickelt, dass der Mensch nicht in seinem Haus bleibt und still hält. Es war nicht Montaigne, vielleicht Blaise Pascal? Auf jeden Fall einer, den ich nicht kenne, ungefähr so wie Mauriac.
 Immerhin ist der Himmel heute blau, doch die Tauben scheinen wirklich im Norden in den Winterferien. Und die Strassen unten sind noch mehr oder weniger leer. Es ist gleich 8.00h, und die meisten sind wohl schon in ihrem Büro und schlürfen ihre Tasse Kaffee? Na ja, vielleicht übertreibe ich ein bisschen, denn wir Schweizer sind doch ziemlich fleissige Menschen. Aber im Schwarzwald habe ich festgestellt, dass es die Schwaben auch sind. Und von ihnen sagt man es auch immer wieder. Sie sind ja auch Alemannen und sagen auch „schwätzen“ statt „reden“, und essen am liebsten „Spätzle“. Und die kochen sie ziemlich gut.
Kant war auch Lehrer während sieben Jahren, gleich nach seinem Studium. Er arbeitete an zwei oder drei Höfen dort oben in Preussen. Meist hatten die zwei oder drei Nachkommen, und es gab wohl noch keine öffentliche Schule, oder doch eher der Schulweg war zu weit in die nächste Stadt. So haben sie sich einen Hauslehrer engagiert. Das war bestimmt kein allzu einfacher Job. Und Kant bemerkt, dass er ihn auch nicht gerne ausgeübt hat. Doch nach 7 Jahren in der Region kam er wieder zurück nach Königsberg und wurde dort Privatdozent. Er hatte einige Anläufe gemacht, um Professor zu werden, und es gelang ihm nicht gleich auf Anhieb. Aber er hat in seiner Vaterstadt eine gute Karriere gemacht und ein sehr ordentliches und geregeltes Leben geführt, wie man es sich von einem Preussen vorstellt. Man erzählt, dass sich die Menschen die Uhr nach ihm gestellt haben, wenn er nachmittags für seinen Spaziergang los ging. Aber damals werden wohl noch die wenigsten wirklich Uhren gehabt haben. Und mit den Jahren hat er sich einen Diener gehalten. Das war wohl sein Ersatz einer Ehefrau? Er hätte wohl auch Priester werden können, so wie er gelebt hat. Er hatte ein Pietisten Gymnasium besucht, und das war wohl eine ziemlich frömmelnde Gesellschaft.
Ich muss jetzt los, und ich wünsche Dir einen guten Tag. Ungefähr so Frühlingshaft viel versprechend wie der unsrige hier zu werden scheint.
MlGugK
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Iran - private Einladungen

 



Subject: Iran II


(---)

Ach, es gäbe noch soviel zu erzählen.

Vielleicht noch ein Wort zu den privaten Einladungen. Wir sind ja da und dort eingeladen worden. Eine solche Einladung im Privaten hat einen standardisierten Ablauf. Perser gesetzeren Alters halten ihn minutiös ein, Jüngere machen da und dort heute kleine Abweichungen. Wenn du hereinkommst, servieren sie dir nach der Begrüssung ein Glas eiskalten Sirups, meist Kirschensirup. Obwohl du natürlich danach lechzst, weil du gerade über eine halbe Stunde im Auto geschwitzt, und nun endlich die staubigen Schuhe abgestreift und dich auf eine kühle Erfrischung gefreut hast, solltest du diesen Sirup dankend ablehnen. Sie mischen den Drink nämlich mit Hahnenwasser, und davor solltest du dich hüten. Du kannst darauf bestehen, dass sie dir einen mit Mineralwasser bringen. Aber meist haben sie kein Mineralwasser. Es ist hier sündhaft teurer, weit teurer als Benzin. Also lässt du den Sirup einfach stehen. Das ist auch insofern gut, also du dann auf keinen Fall gierig wirkst. Schnell zu trinken oder zu essen wäre ziemlich daneben. Etwas stehen zu lassen gilt eher als schick denn als unhöflich. Es zeigt, dass du sehr wählerisch bist, und dass sie sich sehr anstrengen müssen, um deine Wünsche zu erfüllen. Du lässt dich nicht mit dem Erstbesten abspeisen. Nach dem Sirup bringen sie dir einen Tee. Da kannst du jetzt getrost zugreifen. Er ist ohnehin brandheiss, so dass du ihn mit deinem Wüstendurst nicht gleich hinuntergiessen kannst. Du musst daran nippen wie im Damenkränzchen. Sie servieren den Tee in einem kleinen Glas. Heute sind sie etwas bequemer geworden und bringen manchmal für Männer ein grosses Glas. Und das Gläschen steht auf einer tiefen Untertasse, oft recht hübsches chinesisches Porzellan. Wenn der Tee zu heiss ist, darfst du die ersten Schlücke in die Untertasse giessen, damit er schneller kühlt. Diese Prozedur machst du aber sehr besonnen und mit unendlicher Langsamkeit. Sie zeigt trotzdem, dass du sehr durstig bist und nicht warten kannst, bis das Glas auf Genusstemperatur abgekühlt hat. Zum Tee nimmst du einen kleinen Zuckerbrocken und legst ihn auf die Zunge. Er ist ein bisschen unförmig und eckig, sperrig im Gaumen und sehr hart, damit er sich nicht schon beim ersten Schluck ganz auflöst. Der erste Schluck ist dann praktisch ohne Süsse, guter und etwas bitterlicher Schwarztee, wirklich meist ausgezeichnet und belebend. Der zweite Schluck ist schon etwas süsser, der dritte sehr süss, weil sich der Zucker mittlerweile aufgelöst hat. So schmeckt jeder Schluck ein bisschen anders. Und wenn du den Tee einmal so genossen hast, dann findest du einen Schwarztee aus dem Beutel, der einfach so gesüsst wird und von oben bis unten gleichermassen schmeckt, dann findest du das einfach so monoton und reizlos wie Büchsennahrung oder wie Unterwäsche aus dem letzten Jahrhundert.
Zum Tee oder nach dem Tee bringen sie einige Süssigkeiten, Gebäck, Schokoladestücklein oder sowas. Vielleicht zweifelst du jetzt an deiner Wahrnehmung und du bist nicht sicher, ob du in die richtige Einladung geraten bist. Denn eigentlich hast du dich auf ein Essen vorbereitet, und es scheint eine Teeparty geworden. Aber keine Bange. Du liegst schon richtig. Du musst jetzt einfach diese Süssigkeiten dankend ablehnen, weil du dir damit den Appetit versaust. Du kannst, wenn du äusserst höflich sein willst, einen kleinen Bissen naschen und den Rest liegen lassen. Diese Süssigkeiten gehören einfach dazu. Allah weiss warum. Sonst kaum jemand.
Und dann, irgendwann, wenn du schon lange nicht mehr daran glaubst, tragen sie auf und bitten zu Tisch. Meist stehen vier oder fünf verschiedene Speisen da, auf grossen Platten und schön arrangiert. Und dazu immer Reis und Brot und oft wieder Zwiebeln und Limetten, meist Mastchiar, die Yoghourt-Speise. Und natürlich Cola. Wenn du dir einen Sitzplatz gesichert hast, kannst du gleich loslegen. Jeder nimmt selbst, es wird nicht so förmlich serviert, einer nach dem andern, so dass nur noch der Allerletzte, nämlich der servierende Gastgeber, wirklich ein warmes Essen geniessen kann, wie wir dies in Europa machen. Jeder nimmt, was er mag und fängt gleich an zu essen. Es geht manchmal ziemlich wild durcheinander. Aber alle geniessen es so, und es ist sehr unkompliziert.
Nach dem Essen, wenn der Tisch aussieht wie ein Schlachtfeld, dann bringen sie die Melone. Sie ist kalt und in grosse Stücke geschnitten. Du kannst mit deiner Gabel gleich lospeilen und diesen Melonenbrocken, wenn du magst, direkt und nonstop zum Mund führen und abbeissen. Meist sind sie saftig und zuckersüss, genau das Richtige nach dem Essen. Du kannst sie auch, etwas ladylike, auf dem Teller mit der Gabel zerkleinern und die schwarzen Kerne der Henduné, der roten Wassermelone, herausstochern. Es gibt in Persien etwa 8 Melonensorten. Und jede hat einen eigenen Namen. Wenn sie nicht sehr reif sind, sind sie etwas fade. Aber man kann sie immer auch als Getränkersatz sehen und essen, anstatt Wasser zu trinken.
Nach dem Tisch gibt es sofort wieder Tee. Und nach ein paar Malen bist du so konditioniert, dass du darauf nicht mehr verzichten möchtest. Es gibt extravagante Leute, allermeist Westlerinnen, die fragen, ob sie einen Lindenblütentee oder einen Hagebuttentee haben können. Sie haben Angst, dass sie später nicht einschlafen könnten. Sie werden natürlich angesehen wie Extraterrestrians. Aber die Perser werden sich nichts anmerken lassen. Ich erinnere mich, S wollte bei ihrer Tante irgend so einen Tee. Und diese sagte, sie müsse in der Küche nachsehen, ob sie diesen Tee hätte. Ich hätte schwören können, dass sie keinen solchen Tee in der Küche hat. Sie hat auch wirklich keinen gehabt. Wenn ich richtig verstanden habe, wollte sie nicht einfach schon so zu Beginn nein sagen und die Hoffnung zerstören. Eine Schweizer-Hausfrau hätte wohl umgekehrt vorerst direkt die Hoffnung gemindert, indem sie Zweifel an der möglichen Erfüllung des Wunsches formuliert hätte. Oder sie hätte direkt gesagt, so ein Tee führe sie nicht in ihrer Küche. Klipp und klar und hart, wie wir in Europa sind. Aber das ist nicht Sache der Perser. Sie lassen dich lieber noch eine Zeitlang in deinen falschen Hoffnungen schwelgen. Es wird sich ja dann schon irgend eine Lösung finden. Weshalb also die Leute gleich frustrieren?

Es gibt ein hübsches Spiel, das die Perser mit einem speziellen Knochen des Poulets spielen. Es ist ein symmetrischer Knochen, fein und wie ein Bügel. Das Spiel heisst soviel wie: ich erinnere mich. Du nimmst diesen Knochen und brichst ihn zusammen mit deinem Spielpartner entzwei. Jeder hat jetzt einen gleichen Teil. Und wenn du deinem Spielpartner zum nächsten Mal etwas reichst, muss er sagen: Yadam, dh. ich erinnere mich. Und wenn er das vergessen sollte, hätte er die Wette, um die ihr spielt, verloren. Umgekehrt hättest du verloren, wenn er dir etwas reicht und du erinnerst dich nicht. Die Rafinesse des Spiels besteht darin, den Spielpartner zu überraschen, noch bevor er sich richtig auf das Spiel eingestellt hat. Zum Beispiel reichst du ihm gleich sofort dein Knochenstücklein, damit er es auf den Teller legt, der für dich unerreichbar ist. Vielleicht musst du dazu noch eine kleine Ablenkung arrangieren, ein kleines Rütteln an seiner Fassung, irgendwas umkippen lassen, leicht stolpern, ein kleiner Aufschrei der Überraschung oder was weiss ich. Dann hast du ihn erwischt noch bevor er merkt, dass das Spiel schon begonnen hat. Oder die andere Variante ist die, dass du den Moment aufschiebst. Du reichst ihm einfach nichts, und er tut dasselbe. Und am nächsten Morgen, wenn alles vergessen ist, dann reichst du ihm die Serviette, die er hat fallen lassen. Dann hast du ihn und hast deine Portion Bastani, dein Eis oder welche Wette auch immer gewonnen. Theoretisch kann das Spiel Wochen dauern, und es ist natürlich lustig und amusant, es mit einem Kind zu spielen. Ich behaupte, ein solches Spiels sei für Kinder ein gutes mentales Training. Es braucht eine Art der Konzentration, die wir hier in Europa weniger entwickeln. Aber das ist meine ganz persönliche Theorie.
Soweit Isfahan. Und nächstes Jahr in Rom, ich erinnere mich.
Mit einem lieben Gruss
...

(R)