Mittwoch, 10. September 2025

Wo ich hier wohne ...

 fortsetzung


Wo ich hier wohne, ist ein spezielles Quartier. Es wirkt geradezu doerflich, und heisst ja auch East Village. Frueher muessen hier Deutsche und Hollaender gesiedelt haben, wenn man die Haeuser beurteilt. Die Strasse ist gesaeumt mit Baeumen. Und es gibt viele kleine Laeden und Restruarants. Abends ist hier ein Ameisenhaufen, vielleicht eine Strasse weiter noch mehr als hier. Meine Gastgeber gehen jeden Abend in die Bar. Es gibt offenbar um 5p.m. eine sogenannte happy hour. Dann sind die Preise auf 50% reduziert. Das ist natuerlich raffinierte Geschaeftspolitik. Viele werden haengen bleiben bis morgens um 3. Aber meine Leute gehen um 10 p.m. und kommen dann erst nach Mitternacht wieder heim. Sowas kann ich mir natuerlich nicht erlauben. Aber es ist fuer mich auch nicht so attraktiv. Die Bar ist kuehl, sogar windig wuerde man sagen. Und die Musik ist laut. Es ist lustig, wenn man Leute kennt und diskutieren kann. Aber man muss dabei natuerlich ziemlich schreien.
Habe ich Dir erzaehlt, dass die Amis hier ein merkwuerdiges System haben. Man darf beispielsweise nicht Alkohol trinken auf der Strasse. Und man darf nicht rauchen in einer Bar. Wenn Du also europaeisch deinen Suenden nachkommen willst, dann musst du staendig pendeln zwischen Rauchen und Trinken. Das macht Dich atemlos. Noch schlimmer, wenn Du draussen auf dem Gehsteig an einem Tisch des Restaurants sitzt. Was tust du jetzt? Rauchen oder trinken oder beides, oder vielleicht keines? Die Behoerden haben in ihrer unerforschlichen Weisheit beschlossen, dass man in einem solchen Fall wohl trinken (obwohl draussen), aber nicht rauchen (obwohl nicht drinnen) darf. Man kann echt in Not kommen in diesem Land der unbegrenzten Moeglichkeiten!

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5. Tag - Die 5. Avenue

 

Ämne:  5. Avenue
Datum: den 24 augusti 03:39


Liebe Marlena
Heute habe ich mir die 5. Avenue drangenommen und von der 42. Strasse bis hinauf zum Central Park mit eigener Zunge gewischt.
 Es war warm. Aber es herrschte auch irgendwie Wochenendstimmung. Die Leute waren besser gekleidet als an Wochentagen. Und die Läden voll. Ich habe mir ein kleines Kitsch-Souvenir gekauft. Aber ich bin nicht soweit gegangen, jenes zu wählen in der Glaskugel, das, wenn du schüttelst, Schnee aufwirbelt. Die 5. Avenue ist eine der schickeren Strassen. Es gibt viele Kleiderläden, und ich bin sogar - was ich sonst kaum in meinem Leben tue - hineingegangen und habe geschaut, was es so gibt. Es gibt jede Menge Jeans. Und jene, die schon 5 Jahre alt und verbraucht aussehen, die sind die teuersten. Früher, zu unserer Jugendzeit, hatte man gesagt, man soll die neuen Jeans anziehen und damit in die Badewanne mit Kaltwasser steigen, um sie schliesslich am Körper wieder trocknen zu lassen. So würden sie am besten sitzen, behaupteten Kenner der Materie. Aber was damals "sitzen" hiess, ist wohl heute ziemlich locker.

In einem italienischen Lokal habe ich eine Pizza gegessen, die echt gut war. Na ja, vielleicht hat mein Hunger noch einiges dazu getan. Aber ich hatte wirklich den Eindruck, sie sei ausgezeichnet. Und für diese Gegend auch nicht teuer. Wenn ich nochmals in diese Gegend komme, werde ich noch eine versuchen. Sie haben verschiedene Sorten, mit Spinat, Broccoli, Tomate, Pilzen. Und irgendwie schaffen sie es, dass diese Zutaten obendrauf ganz frisch wirken, nicht wirklich ausgebacken und trocken. Das macht es saftig und locker. Also, einfach exzellent. Man könnte dazu "Santa Lucia ... " singen.
Als ich dann um 6 p.m. ungefähr wieder bei der Central Station war, war ich todmüde. So bin ich in die Empfangshalle des grossen Hyatt Hotells und habe mich in einen dieser weichen Plüschsessel fallen lassen. Man muss einfach etwas cool und gelangweilt in die Welt schauen, dann kann man sowas tun. Ich habe sogar die Füsse auf das kleine Tischchen gelegt, um echt amerikanisch und etwas ungehalten auszuschauen, eben wie jemand, den man viel zu lange warten lässt. Ich glaube, ich habe ein kleines Nickerchen gemacht in allerbester Atmosphäre. Und dann habe ich eine Ecke der Halle gezeichnet und mein Tagebuch etwas nachgeführt. Unterdessen hatte sich rund um mich eine Runde von Schwarzen niedergelassen, die sich für den Ausgang verabredet hatten. Sie waren alle nett angezogen und in bester und irgendwie hungriger Stimmung. Ich glaube, man sollte sich diese Hotel-Lobbies einfach im Hinterkopf merken. Man kann dort sehr gut Treffpunkte abmachen, denn sie sind 1. eindeutig, 2. vor allfälligem Regen geschützt, 3. ohne Konsumzwang, 4. gute Adressen, 5. hübsch zurecht gemacht und gepflegt sowie 6. eben für solche Dinge wie Treffen und Verabredungen gemacht. Wenn wir uns mal irgendwie und irgendwo im Leben treffen sollten, dann - meine liebe Marlena - wird es in einer Hotel-Lobby sein, darauf kannst Du Gift nehmen. Es ist einfach kein Vergleich zu einer windigen Strassenecke. Und ich bin überzeugt, die Hotels haben absolut nichts dagegen. Sie würden sich eher Sorgen machen, wenn ihre Lobbies leer blieben.
Als ich dann wieder etwas Kraft in den Beinen hatte, bin ich noch nach Osten zur UNO gepilgert. Das war ich S. schuldig. Schliesslich hatte sie mal bei dieser Bude gearbeitet, und ebenso ihr Vater. Ich glaube, es war damals im Iran ein erstklassiger Arbeitgeber. S. hatte für ihr Alter einen riesigen Lohn. Und eine Rente in Dollars, wie das mein Schwiegervater hatte, und die Schwiegermutter heute noch geniest, das ist bei den Inflationsraten des Rials ein Geschenk des Himmels. Doch das UNO Gebäude lag im Wochenend-Schlaf. Keine Fahnen, ausser die blaue Unoflagge. Vielleicht haben sie die Fahnen auch zur Trauer zurückgenommen. Das weiss ich nicht. Das lustigste war, dass ein Bettler, ein Penner, ein homeless - wie sie hier sagen - mit einem Wägelchen und einem riesigen schwarzen Plastiksack über die Strasse kam. Du lachst, aber er sah wirklich aus wie Kofi Annan, wenn er morgens noch ungewaschen und ungekämmt aus dem Bett steigt. Ich musste lachen, als ich den Kerl sah.

Und so habe ich auch meinen 5. Tag hinter mir. Die Zeit fliegt . Aber ich merke auch, dass ich etwas schneller müde werde als am Anfang. Deshalb ist es gut, wenn der Kurs beginnt. So kann ich mich richtig ausruhen. Das hört sich vielleicht komisch an. Aber Trance-Kurse sind die einzigen, die ich kenne, die so entspannend und beruhigend sind. Deshalb bin ich ja schliesslich - unter anderem - nach N.Y. gejätet. Ich bin gespannt, welche Art von Leuten sich im Kurs zeigen werden. ich weiss nur von der Kollegin aus Genf, die kommen wird. Wir haben uns geschworen, wir würden Europa bis auf den letzten Tropfen Blut verteidigen. Und das tun wir für Euch dort drüben, hinter dem Ozean.
Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende. Es freut mich zu hören, dass Du wieder im Element bist und das Du es geniesst. So soll Arbeit sein: Spass machen. Na ja, zumindest mehrheitlich.
Mit lieben Grüssen und so
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Times Square und Metoprolitan Museum ...


Datum: den 23 augusti  14:39


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Im Moment ist kurz nach 7 Uhr samstag Morgen. Ich glaube nicht, dass die New Yorker schon auf sind. Es ist hier alles noch still. Die Nachbarin hat noch kein Licht in der Kueche. Und hier, wo ich zum naechsten Haus hinueber sehe, ist auch keine Seele auszumachen. ..
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Times Square ist wirklich wie ein elektrisierter Ort. Diese Lichtreklamen, die ich sonst nirgendwo in solch grosser Konzentration gesehen habe, machen, dass sich diese Kulisse rundum in Bewegung haelt. Und weil die Strassenkreuzung in X-Form verlaeuft, ist gleichzeitig viel Verkehr auf dem Platz. Besonders abends mit den Schlusslichtern der Fahrzeuge wird das deutlich. Es gibt dort ein Hotel Marriot oder aehnlich genannt. Die haben im 48. Stock ein Restaurant. Ich bin mit dem Expresslift hochgeduest und habe mir die Aussicht auf Manhattan kurz angeschaut. Aber die Sonne war schon vorbei. So wirkte alles etwas blass und dunstig. Man sollte bei klarem Sonnenschein dort oben einen dry Martini trinken. Aber das Liftszstem des Hochhauses ist phaenomenal. Du kannst Dir das Haus vorstellen wie eine hohe Kartonschachtel. Mitten drin steht ein Rohr. Dieses traegt die Lifts. Aber sie sind wie ein Kranz ausserhalb des Rohrs, gut sichtbar, angebracht. Sie sind wie kleine Kaeseglocken, die im Eiltempo hoch- und herunterfahren. Und wenn man im Lift steht, faehrt man an den Stockwerken vorbei, die wie Galerien nach innen offen oder verglast sind. Da gab es etwa im 12. Stock ein Fitnesscenter. Irgendwo ein Restaurant und so weiter. Und du faehrst wie in einer Rakete daran vorbei in die Hoehe und kannst alles sehen. Das Konzept ist wirklich gut ausgedacht.

Der Amerikaner, den ich gestern mit Frau und Tochter im Metropolitan Museum getroffen hatte, klang sehr patriotisch. Er hatte eine Idee von Amerika als einer Art Weltdoktor, der unseren Planeten von allen Geschwueren und Krankheiten zu heilen hat. Zu hohen Kosten, notabene. Es klang irgendwie alles mit karitativem Unterton. Es ist vielleicht so, wie die Katholiken frueher die Welt missioniert haben, um das Seelenheil der Menschen zu retten. Die Amis denken, sie bringen uns wirklich nur Gutes. In einem einzigen Punkt waren wir uns sehr einig. In der Tatsache naemlich, dass ein guter Staat einen grossen Mittelstand braucht. Wenn es nur Arme und nur Reiche gibt, laeuft es auf einen Krieg zwischen den beiden Klassen hinaus. Aber der Mittelstand ist das tragende Element des buergerlichen Staates. Damit hat er mich mit einer sehr schweizerischen Idee getroffen.
Er hat mir auch einiges von Frank Loyid Wright erzaehlt. Offenbar ist in der Naehe seines Wohnortes (ich erinnere mich nicht mehr, woher er kam) dieses beruehmte Haus on the waterfall von Wright. Er war ein bisschen irritiert, dass ich das Haus schon kannte. 



In meinen Architekturjahren hatte ich natuerlich einige Bilder davon gesehen. Und im Metropolitan Museum gab es einen Raum, der von Wright eingerichtet worden war. Deshalb sage ich, dass dieses Museum fuer uns Europaer etwas unordentlich wirkt: es gibt neben Rubens-Bilder einen Wohnraum eines beinahe zeitgenoessischen Architekten. Es gab auch viele Moebel und Dinge, die wir eher in einem Voelkerkundemuseum unterbringen wuerden. Es gab zahlreiche alte Ruestungen aus dem Mittelalter, Objekte fuer Rituale in fremden Kulturen.,und daneben Statuen von Rodin. Die beruehmten "Buerger von Calais", die auch in Basel im Hof des Kunstmuseums stehen, standen auch hier mit ihren tragischen Gesten. Wer hat da wohl von wem geklaut :--)? Ich habe keine Ahnung, wieviele Kopien es davon gibt. Wahrscheinlich schon einige. Es gab einige schoene Bilder von Pisarro. Dabei habe ich an Dich gedacht. Es gibt nicht viele Personen, die ich kenne, und die gleichzeitig Pisarro kennen. Wir sind sozusagen seine gemeinsamen Bekannten. Weisst Du, was an Pisarro besonders ist? Seine Palette ist so unaggressiv, so milde und ein klein bisschen mystisch. Er wirkt durch seine Bilder wie ein aelterer, abgeklaerter Herr., der der Welt Frieden und Ruhe bringen moechte. Und das war er auch unter den Impressionisten. Er hatte in seiner Diskretheit einen grossen Einfluss auf viele seiner Malerkollegen. Ich glaube, er hat Monet zum Impressionismus bewegt. Und das ist doch eine kunsthistorische Tat, die man nicht unterschaetzen darf. Ich fuele mich ihm ein bisschen verwandt. Und dann gab es noch zwei oder drei Sisleys. Sie sind immer schoen und harmonisch. Er steht Pisarro sehr nahe. Seine Palette ist ein bisschen heller und unbeschwerter. Wir haben gelacht bei einer kleinen Skulptur von Degas. Sie stellte eine Frau dar, die sich einen Fuss waescht.


 
Na ja, irgendwie hat es gewirkt, als ob sie sich an der Fusssohle kratzen muss. Dabei ist sie auf einem Bein frei gestanden, hat mit dem anderen Arm ausbalanciert. Es war eine lustige Pose, aber sehr gut erfasst. Der nach innen gewoelbte Ruecken mit den hervorstehenden Schulterblaettern, das Rueckgrat, das in einem leichten Bogen zum Po fuehrte, dort aber  eine verstaerkte Kruemmung die eine Anstrengung signalisierte, weil die Figur ja mit dem Arm ihren Fuss zu erreichen hatte, so dass das Becken rechts etwas hervorstand, und dann die Gewichtsverteilung auf bloss einem Bein, das war alles meisterhaft. Es sah so leicht und ein bisschen komisch aus, aber es war genial, denn die Pose war ungeheuer schwierig zu modellieren. Degas war ein Meister der Damentoilette. Man koennte denken, er waere als Kind der Chefin eines Beauty-Salons aufgewachsen. Aber man sieht auch, dass die Frauen, die er sich vornimmt, nicht von hoher sozialer Klasse sind, manchmal eher einfache und etwas einfaeltige Geschoepfe.

Soweit meine Impressionen. Nebenbei: ich hatte versucht, meiner Begleiterin die Begriffe Impressionismus und Expressionismus zu erklaeren. Soll ich Dir sagen, wie ich es versucht habe? Na ja, ich kann das nur, soweit ich es selbst begreife. Dem Impressionismus liegt ein sinnliches Konyept der Wahrnehmung zugrunde. Ich habe kuerzlich einen Artikel (NZZ) gelesen ueber die physioligische Forschung von Helmholtz in Deutschland und das Wahrnehmungsverstaendnis der Impressionisten. Also: Impressionismus ist sinnlich, Expressionismus ist gedanklich. Oder wenn man vor dem Bild steht: ein impressionistisches Bild zieht dich als Betrachter in sich hinein, ein expressionistisches Bild springt dich an.

Soweit meine meine Impressionen.
Ich gehe jetzt duschen und dann nichts wie los.

Und wuensche Dir ein schoenes Wochenende.
Mit Gs und Ks a la carte
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Samstag, 6. September 2025

Midtown

 

Ämne: 3. Tag
Datum: den 22 augusti  07:40


Liebe Marlena
Heute hatte ich mir Midtown vorgenommen. Ich bin zu Fuss bis hinauf zur Grand General Station gepilgert. Auf dem Weg gab es einige Kleinigkeiten wie das Flatironhaus, das man immer wieder abgebildet sieht, den Washington Square Park, wo der alte George auf einem Gaul sitzt und locker-lässig die rechte Hand ausstreckt, um den nachkommenden Generationen den Weg zu weisen. Er macht es - das wollen wir nicht unterschlagen - ein wenig Marc Aurel auf dem Kapitol in Rom nach. Der Union Square scheint das Billighotell der Stadt. Es gibt auf den langen Bankreihen jede Menge Penner, die noch nicht alle so früh Tagwache haben. Oft haben sie ihre ganze Habe in Plastiksäcken rund um die Beine stationiert, was wahrscheinlich auch hilft, das Terrain abzustecken. Aber Penner, die wirklich was auf sich geben, schlafen nicht hier, sondern in der Park Avenue. Die hat ein anderes Niveau. Der kleine Gramercy Park war mit einem eisernen Geländer umgeben und noch geschlossen. Offenbar können die Anlieger mit einem Schlüssel eintreten. Zwei Damen haben dort ihren Morgenkaffee getrunken. Und rundum haben die Hörnchen gespielt und sind übermütig herumgetollt. Es ist lustig, sie ziehen den Schwanz steif hinter sich her wie eine Schleppe, die sie knapp über den ungeschnittenen Rasen schweben lassen. Sie sehen eigentlich aus wie unsere Eichhörnchen. Nur die Schwänze sind ein bisschen schlanker und ihre Farbe geht ins Grau. Am Rande des Madison Square Garden haben zwei Fensterputzer die hohen Scheiben im ersten Stock gereinigt. Das sah aus wie eine Zirkusnummer. Die Stangen aus Aluminium haben sich gebogen, und immer mussten sie diese überlangen Dinger herunterkippen, um sie im Wasser zu spülen. Die Grand Central Station habe ich mir ausgiebig angeschaut. Dort kommen die Vorortzüge zusammen und auch die Busse von Newark kommen hier an. Es gibt Läden mit allen Köstlichkeiten, Kioske, Restaurants, Bars, Schuhputzer und Refreshment Rooms. Auch die Polizei ist präsent, immer mindestens zu zweit, eine Patrouille mit Hund. Ich habe mir verkniffen, hier eine NY Times zu kaufen. Ich wollte mich nicht für Stunden beschäftigen und damit ablenken. Dann bin ich nochmals in die Public Library, die ganz in der Nähe ist, und habe mich im Lesesaal für eine halbe Stunde abgekühlt. Sie sind großzügig hier, machen nur eine Eingangskontrolle. Aber dann lassen sie dich gehen, wohin du willst. Nur, wenn du den Lesesaal verlässt, schaut einer in die Tasche, ob Du den Schwarten Krieg und Frieden nicht doch mit eingepackt hast. Hinter der Bibliothek, die übrigens gleich neben dem Eingang eine Statue von Sokrates zeigt, wie er im Nacken einer Sphinx sitzt und etwas ratlos ins Wasser des kleinen Brunnens vor sich stiert. BUT ABOVE ALL TRUTH BEARETH AWAY THE VICTORY. Der schöne Spruch stammt natürlich noch aus dem Gutenberg/Galaxy, aus jenen alten Zeiten, als Schriftliches sich noch als Wahrheitsquelle herausgestellt hatte. Das ist heute vorbei. Aber der etwas pathetische Spruch ist ganz schön. Die Astors werden irgendwo in der Bibliothek verdankt. Offenbar haben sie viel Geld gestiftet. Der erste Astor ist aus Deutschland eingewandert, hatte zwar nicht als Tellerwäscher, sondern als Verkäufer in einem Pelzgeschäft gearbeitet und nach wenigen Jahren selbst ein Geschäft geführt, mit dem er dann zu seinen Millionen gekommen sein soll.
Auf dem Platz hinter der Bibliothek ist ein Konzert im Gange. Das gilt den vielen Büroangestellten, die hier ihren Picknick nehmen und sich die blassen Wangen sonnen. Ich setze mich in den Schatten und zeichne ein bisschen, bis mich die Lust auf einen Kaffee zum Buchhändler gegenüber lockt. Meist haben sie in einer Ecke des Ladens ein kleines Kaffee, wie das ja auch der Jaggy in Basel gemacht hat. Ich lese das Gratisblatt, das dort aufliegt, und schnuppere in einer Biografie über Susan Sontag. Sie habe an der Sorbonne Vorlesungen bei Simone de Beauvoir besucht. Später wurde sie von einem Professor eingeladen, eine Vorlesung über Fotografie mitzuverfolgen. Doch das war wieder in Amerika. Sie ist ja wirklich ihr ganzes langes Leben von Europa beeinflusst geblieben und ihm treu geblieben. Ich erinnere mich, wie heftig sie sich gegen den Irakkrieg gewehrt hatte.

Im Trump Tower bin ich dann später wieder in einen tiefen Sessel gesunken und habe mich eine gute halbe Stunde mit diversen Kleinigkeiten beschäftigt. Das Trump-Gebäude ist luxuriös, mit goldenen Einfassungen überall und mit rotem Marmor. Eine Wand herunter rinnt über 3 Stöcke eine Wasserfläche, die, weil einige Steine etwas hervorgesetzt sind, unruhig spritzt und nicht aufhört, zu rauschen. Auch hier habe ich eine kleine Zeichnung gemacht. Das ist die einfachste Art, sich umzuschauen.

Kurz und gut, es war ein harter Tag und NY ist - unter uns gesagt - ein hartes Pflaster. Ich habe bestimmt 20 bis 30 km gemacht. Manchmal vergesse ich beinahe, dass es noch eine Subway gibt.
Morgen wird es regnen, wurde mir gesagt, und deshalb gehe ich in die Met. Sie liegt am Rande des Central Parks. Der wirkt übrigens so lebendig und natürlich, weil er rundum von den riesigen Häusern so bedrängt ist. Die Luftaufnahmen zeigen das noch markanter.

Abends dann ein koreanisches Essen hier bei meinen Landlords. Hat gut geschmeckt. Eine nette Japanerin war dazu eingeladen, mit der ich mich sehr gut unterhalten habe. Sie hatte ein gutes Verständnis und hat jeweils blitzschnell verstanden. Das mag ich sehr. Sie ist Kunstschmiedin von Beruf und entwirft selbst Schmuck. Der hat mir nicht so sehr zugesagt, aber Schmuck ist ohnehin nicht meine Sache.
Ich wünsche Dir noch einen guten Abschluss der ersten Woche
und küsse Dich aus den Fernen Landen.
Mit lieben Grüssen
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Gunnar Ekelöf

 



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Diesen Artikel aus NZZ Online, der Website der Neuen Zürcher Zeitung,
sendet Ihnen ...er.priv@gmail.com
mit der Mitteilung:
schönen Gruss
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Die Leere zwischen den Dingen

Strahlend und strömend - der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf


Die letzten Fotografien zeigen ihn meist im Schlafrock. Ein schmaler Herr mit schwarzer Mütze, der sich in seinem Sessel durch einen Bildband blättert. Zwischen all den Decken und Kissen ist das hagere Gesicht kaum zu sehen, nur das Licht gibt Nase und Stirn ein wenig Kontur. Ein Schmerzensmann, ein Asket, so scheint es, der erlebt, von was die Gedichte sprechen: «Viel ist nicht / von mir übrig . . . / Ich habe kein Gefühl mehr für mein Ich, mein Gewicht / Ich verliere den Halt, ich schwebe hinaus / Ich werde allmählich unsichtbar.»
Auch wenn er über die Kunst des Verschwindens schrieb, hielt sich der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf stets an die Wahrnehmung und an das Körperliche des Lebens, an jenen «Sinnengenuss», der für ihn zu jeder echten Literatur gehörte. Die Fülle der «Farben und Formen» war ihm Fluchtpunkt seines Schreibens, sie machte es ihm erst möglich, das Gedicht als «Magie und Beschwörung» zu verstehen, als einen Weg, das Sichtbare nach und nach zu übersteigen. «Du siehst, und sehend spürst du / wie sich alles zu Asche verwandelt / wie der Blick sich verwandelt / und aufhört zu sein / gleichwohl aber bleibt -», heisst es in einem der späten Werke.


DIE ERFAHRUNG DER SCHWEBE
Die Texte dieses grossen Dichters, die Gedichte ebenso wie die Essays, die Briefe oder die schmalen Prosastücke, entwickeln sich allesamt jenseits eines Denkens in blossen Gegensätzen. Dem «sterilen Reich» aus Licht und Schatten, Gut und Böse, Wirklichkeit und Traum hält Gunnar Ekelöf die Erfahrung der Schwebe vor, tastet sich vorwärts an Fluchtlinien und Konturen oder gibt sich in den Zwischenräumen der Wörter zu erkennen. Hier entpuppt sich das feste Ich als Chimäre und die Wirklichkeit als etwas durchweg Flüssiges. Diese «dritte Seite des Lebens» ist keineswegs mit naivem Einheitsdenken oder einer Art Natürlichkeit zu verwechseln. Vielmehr hat der ungerade, «einsame Mensch» die dualistische Welt des Rationalismus bereits durchwandert und setzt bewusst auf das Unbestimmte, Unvermessene, «jenseits aller Wahrheiten und Lügen».
So anspruchsvoll diese philosophischen Überlegungen auch klingen mögen - Gunnar Ekelöfs Gedichte sind doch angenehm frei von allen überdehnten Begriffen. In seinen leicht gebauten Versen versetzt er die Sprache in jene Schwingung, die er selbst einmal als «Radioaktivität» bezeichnet hat, als eine Strahlung, die sich erst nach Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden abschwächt: «Diese Radiowellen hat das Gedicht weniger durch den Inhalt erhalten als durch das Spannungsverhältnis zwischen den Wörtern, die den Inhalt ausmachen, durch die Fähigkeit des Dichters, die Wörter und Bedeutungen in ein solches Reibungs- und Nuancierungsverhältnis zueinander zu setzen, dass die Leere weiter nachbebt, lebt, ausschlägt, ‹sendet›, eine Art von magnetischem Gewebe aus unsichtbaren Fäden, Kraftlinien, die sich gegenseitig anziehen oder abstossen.»
Die Leere zwischen den Dingen, seinen «Singsang vom anderen» hat Gunnar Ekelöf immer wieder in grossen Meeresbildern oder Ausflügen in karge Landschaften ausgebreitet. Am Grunde vieler Gedichte wird die schwedische Natur mit ihrer stets gleichen Folge von Hochwäldern und Tundra erahnbar. Und so wie dort die monotone Dünung der Telegrafenmasten im Vorbeifahren sinkt und steigt, sinkt und steigt, so schneiden auch die Verse den Strom des Lebens immer wieder in handliche Augenblicksbilder. Doch nicht nur in seiner Heimat konnte der 1907 geborene Ekelöf die Bekanntschaft mit den elementaren Formen der Landschaft machen. Schon in jungen Jahren nimmt ihn die Mutter mit auf Reisen, wie überhaupt das Leben jener Zeit einer unruhigen Wanderschaft gleicht: 1911 geht es nach Deutschland und in die Schweiz, einige Jahre später sind die beiden in Frankreich unterwegs.


IM KINDERHEIM
Dazwischen liegt der Tod des Vaters, der seinen Beruf als Bankier wegen einer «geheimen Krankheit» vorzeitig aufgeben musste. In der äusserst detailgenauen Prosaskizze «Eine Photographie» beschreibt ihn Ekelöf als «lebenden Leichnam», der in seinem Sessel zwischen Stapeln von Polstern und Decken vegetiert. Ebenso prägend für Ekelöf dürften die Aufenthalte in Heimen gewesen sein, auch wenn sie im Rückblick zunächst ihre hellen Seiten offenbaren: «Ich meinerseits wurde häufig in Kinderheime verschickt, wo es mir rein materiell nie schlecht erging. Im übrigen ist es durchaus so, dass die Kindheit, selbst die schutzloseste und schmerzlichste, stets genügend lichte Erinnerungen aufweist, denn man braucht ja so wenig: eine sonnige Lichtung, unbekannte Blumen und Tiere, das Land, das Vergnügen am Badestrand können die Fremdheit rasch überdecken.» Die nächtliche Einsamkeit mit mancherlei angsteinflössenden Bildern lässt sich gleichwohl nicht verleugnen, ebenso wenig die bohrende Seh!
nsucht nach Briefen oder einem Lebenszeichen.
Trotz diesem «Kindheitstrauma», wie Ekelöf es in einer autobiografischen Notiz nicht ohne Koketterie nennt, findet er seinen eigenen Weg, der ihn zunächst nach London und Uppsala führt. Die Studien in Orientalistik und Persisch bricht er bald schon wieder ab, beschäftigt sich aber weiterhin mit östlichen Weisheitslehren und islamischer Dichtung. Überhaupt sind es die Erfahrungsweisen der Mystik, die ihn nachhaltig beeindrucken. Dazu kommen die somnambulen Nachtbilder der Romantik und jener Surrealismus, den er während seiner Zeit in Paris Ende der zwanziger Jahre kennen lernt. Mit dem geplanten Musikstudium will es nicht recht klappen - «ich hatte das Pech, in eine Wohnung mit papierenen Wänden zu geraten, in der ich der Nachbarn wegen nicht wagte, ein Instrument zu spielen». Auch verliert er seinen Anteil des familiären Vermögens im Wirrwarr der Weltwirtschaftskrise. Unterkriegen lässt sich Ekelöf freilich nicht. Zurück in Schweden, gründet er eine avantgardistische Zeitsch!
rift und arbeitet an den eigenen Gedichten. Sein lyrischer Erstling «spät auf erden» erscheint 1932.
Als Dichter ist Gunnar Ekelöf erst recht spät bei uns angekommen. Hans Magnus Enzensberger hatte einige Gedichte in sein «Museum der modernen Poesie» aufgenommen, ehe Nelly Sachs 1962 unter dem schlichten Titel «Poesie» eine kleine Auswahl bei Suhrkamp herausbrachte. Seit 1991 arbeitet man beim Kleinheinrich-Verlag in Münster an einer bibliophilen Werkausgabe, deren Übertragungen von Klaus-Jürgen Liedtke besorgt werden, einige wenige auch in Zusammenarbeit mit Manfred Peter Hein. Bisweilen hat Liedtke die Ruppigkeit der Verse im Deutschen allzu sehr abgemildert, seine Übersetzungen überzeugen aber dank der grossen rhythmischen Kraft. Mit dem Erscheinen der letzten beiden Bände ist die Edition nun vollständig.
Von Beginn an als zweisprachige Leseausgabe konzipiert, lässt sich über Auswahl und Anordnung naturgemäss streiten. Vielleicht hätte man auf das eine oder andere von Ekelöfs Nonsens- Gedichten verzichten können, vielleicht der berühmten «Mölna-Elegie» mit ihren vielen Flüsterstimmen ein wenig mehr Platz einräumen müssen. Auf jeden Fall hätte eine Ausweitung des Kommentarteils nicht geschadet. Die bei aller Kürze doch kundigen Nachworte des Ekelöf-Forschers Anders Olsson sind einzig um eine Handvoll Anmerkungen ergänzt, die meist noch vom Dichter selbst stammen. Bei einem derart belesenen Autor wie Gunnar Ekelöf, der sich auch in den Sprachwelten von Comics bestens auskannte, reicht das nicht immer aus.
Umso raffinierter scheint die Gesamtstruktur der sieben Bände, die sich vom grossen Spätwerk, der mystisch durchströmten «Akrit»-Trilogie, hin zu den ersten Lyrikbüchern zieht. Dazu gibt es einen eigenen Band mit Essays, Skizzen und Briefen, der zeigt, wie genau Gunnar Ekelöf auch das Prosafach beherrschte, die Kunst vor allem, Gedanken über das eigene Schreiben in kleine Szenen und Schilderungen einzulagern. So kann man sich als Leser zurückarbeiten zu den Anfängen des Werks - dem Spiegelpoeten Ekelöf hätte diese Verkehrung der gewohnten Ordnung gewiss gefallen. Am Ende der Ausgabe stehen die Texte aus dem Nachlass und jene Gelegenheitsgedichte, die Ekelöf in Zeitschriften oder Tageszeitungen veröffentlichte; sie sicherten ihm lange Zeit gemeinsam mit Rezensionen und Stipendien ein Auskommen.
Es ist ein weiter Weg, der nach mehr als einem Dutzend Gedichtbänden im reifen Triptychon des Akrit-Zyklus mündet. Gleichwohl werden schon früh einige bleibende Motive in den Windungen der Ekelöfschen Verse erkennbar. In seinem Début «spät auf erden» versucht sich der Dichter noch als lyrischer Wanderer, der die «buchstabennissen zwischen den zähnen knackt». Fast im gleichen Atemzug sieht er sich aber als «blinder Sänger», der zwischen allerlei Erinnerungen jene «grosse Gebärerin Nacht» erwähnt, die im Spätwerk so strahlende Bedeutung gewinnen wird. Hier entwirft Ekelöf das Bild einer gütigen, allmächtigen weiblichen Gestalt, die einmal als Jungfrau, einmal als Mutter erscheint. Ihre Anrufung verspricht die ersehnte Einheit der «dritten Seite des Lebens», eine mystische unio. Die Suche nach «Nicht-Begierde», nach einem «anderen Licht» ist nicht in einem weltfremden Jenseits angesiedelt. Mit Paradoxien, Fragen und überaus sinnlichen Bildern beschwören Ekelöfs Gedichte ein ums!
andere Mal das, was er «Lebensekstase» nennt: «In meine Seele / grubst Du die Spuren / kleiner Füsse, kleiner Zehen / wie in den feuchten Sand / eines Strands.»


HÖLLENBILDER UND MEERESSTÜCKE
Zu den motivischen Spuren, die sich schon in den frühen Gedichtsammlungen entdecken lassen, gehören neben zahllosen Höllenbildern vor allem die Augen, das genaue Sehen, das nach und nach in den gnostischen Blick übergeht. «Gib mir die Augen der Sepien / die sanften nach innen blickenden / als hörten sie Musik», heisst es 1941 in einem der vielen Meeresstücke dieser Zeit, die einen schön schwingenden Freivers kultivieren. So ist der Lyrikband «Fährgesang» tatsächlich die Überfahrt in die Welt einer anderen poetischen Wahrnehmung, in die des «einsamen Menschen». Dort angekommen, versucht sich Ekelöf auch in der leichteren Kunst von Unfug-Gedichten, wobei er seine poetische Linie nie aus den Augen verliert: «Wenn man es soweit gebracht hat wie ich in der Sinnlosigkeit / wird jedes Wort erneut interessant: / Fundstücke im Erdreich / die man mit archäologischem Spaten wendet.»
Als man Gunnar Ekelöf 1966, zwei Jahre vor seinem Tod, den Literaturpreis des Nordischen Rates verlieh, konnte er wegen Krankheit schon nicht mehr anreisen. In einer verlesenen Dankesrede lässt er seine späten Werke vor den Augen und Ohren der Zuhörer noch einmal aufleben - doch der resignative Grundton dieser Zeilen ist überdeutlich. Die Strahlung seiner Verse indes wird noch lange spürbar sein, sie mag nun Radiowellen gleichen oder der Strömung eines Ozeanriesen, der weit draussen vorüberzieht: «Und wir wissen nichts von ihm / ehe die Bugwelle uns am Ufer erreicht, / erst die eine, und noch eine und immer mehr / die anbranden, sich brechen, bis alles geglättet ist / wieder wie vorher. - Und doch ist alles verändert.»


Gunnar Ekelöf: Färjesng/Fährgesang. Gedichte 1932 bis 1951. Schwedisch - deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Klaus-Jürgen Liedtke. Kleinheinrich-Verlag, Münster 2004. 317 S., Fr. 54.25.
Gunnar Ekelöf: En trasig liten ask av trä / Ein zerbrochenes Kästchen aus Holz. Gedichte aus dem Nachlass. Verstreute Gedichte. Schwedisch - deutsch. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Nachwort von Klaus-Jürgen Liedtke. Kleinheinrich-Verlag, Münster 2004. 293 S., Fr. 54.25.

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Freitag, 5. September 2025

Was ist los?



Foto: Chris

Nie was Neues? 



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Donnerstag, 4. September 2025

In zwei Welten zugleich

 

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"Als ich dann um 6 p.m. ungefaehr wieder bei der Central Station war, war ich totmuede. So bin ich in die Empfangshalle des grossen Hyatt Hotells und habe mich in einen dieser weichen Plueschsessel fallen lassen. Man muss einfach etwas cool und gelangweilt in die Welt schauen, dann kann man sowas tun. Ich habe sogar die Fuesse auf das kleine Tischchen gelegt, um echt amerikanisch und etwas ungehalten auszuschauen, eben wie jemand, den man viel zu lange warten laesst. ..."

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Lieber ...,
Es ist Sonntagabend und ich bin wieder allein. Habe gerade nochmals deine beiden letzten Mails durchgelesen und genossen. Du bist im Moment ganz unwiderstehlich. Nie habe ich dich so frei und unbeschwert erlebt. Und natürlich musste ich auch lachen. Sehe dich vor mir "cool und gelangweilt" in einem dieser riesigen Fauteuils eines Hotel-Lobbys, wo du dann noch dazu einschläfst..
Aber du musst ziemlich gepflegt ausgesehen haben denke ich, sonst hätte man vielleicht doch reagiert.

Du schilderst Dinge, wie sonst niemand das tun kann und somit lässt du mich doppelt leben. Das habe ich heute wieder gemerkt, als ich im Wald Preiselbeeren pflücken war. Ich liebe es  im Wald zu sein. Es riecht so herrlich und die Luft ist erfrischend. Man spürt fast wie wohltuend sie ist. Und dort, umgeben von Preiselbeerkraut mit herrlich rot leuchtenden Beeren (man möchte fast glauben jemand hätte sie auf Hochglanz poliert) dachte ich plötzlich wie komisch es ist so ganz in der Natur zu sein und sich gleichzeitig in einer grossen Weltstadt zu befinden. Du machst mir das möglich, mein Liebling, und ich bin dir unendlich dankbar dafür.



Ach, ich habe doch nichts dagegen, dass du dir ein wenig Gesellschaft leistest dort in der Fremde. Aber ich bin eben ein bisschen eifersüchtig auf diese Person, die das Vergnügen hatte von dir in einem Museum unterhalten zu werden. Deine Definition von Impressionismus und Expressionismus finde ich übirgens sehr gut. Es ist wirklich so, wie du sagst. Ich werde nie meinen ersten Kontakt mit den Impressionisten vergessen. Es war im Jeu de Paume in Paris. Ich war 19 Jahre alt und hatte nicht allzugrosse Erfahrung von Kunst. Und dann stand ich da plötzlich vor einem Bild von Monet und war wie verhext davon. Wie du so richtig sagst: das Bild "zieht dich in sich hinein" und ich musste mich mit Gewalt losreissen. So war es damals. Auch dieses "der Expressionismus springt dich an" finde ich gut formuliert. Wir könnten uns lange darüber unterhalten.

Schau mal hier, was Monet einmal gesagt hat:
"Everyone discusses (my work) and pretends to understand, as if it were necessary to understand, when it is simply necessary to love."

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