Dienstag, 10. Juni 2025

Summertime ... when the living is easy..


Ämne: Summertime.. when the living is easy..
Datum: den 9 juni  23:08

Lieber ...
Schon wieder ein Tag vorbei. Wie schnell sie dahinrasen und immer habe ich den Eindruck dass ich, wenn ich das ganze am Abend summiere, nur die Hälfte von dem geschafft habe, was ich mir vorgenommen hatte.
Heute hat es geregnet. Nicht sehr fest aber immerhin. Es macht mir nichts aus, denn ich habe sowieso so viel im Haus zu tun und keine Zeit für was anderes. Jetzt bin ich bald fertig in K's Bibliothek. Ja, ich arbeite hart daran bald heiliggesprochen zu werden. Dass ich ein Engel bin weiss ich längst. ;-))

Aber, ehrlich gesagt, es ist nicht so schlimm. Ich habe nichts gegen diese mechanische Beschäftigung, bei der man allerlei schöne Gedanken denken kann. Es ist herrlich so gemütlich in aller Ruhe zu arbeiten und wie du sagst geniesse ich schon in Gedanken die kommende Freiheit. Es ist auch schön wieder einmal Anna zu Hause zu haben.
Jetzt muss ich noch die Küche ausräumen, weil morgen der Maler kommt. Das meiste ist schon getan. Ein neuer Kummer ist, dass mein Auspuffrohr kaputt ist. Ich war am Nachmittag kurz einkaufen und nachher dröhnte mein Auto wie ein Düsenflugzeug. Die bequeme Werkstatt, die ganz hier in der Nähe lag und wo ich schon seit vielen Jahren mein Auto hinbringe, hat aufgehört und ich muss nun ziemlich weit fahren wenn ich ein Problem mit dem Auto habe. Wenn es nicht regnet morgen nehme ich wohl das Fahrrad.
*
Habe ich dir garnichts von Birgitta geschrieben? Ja, wir haben das 700-jahrjubiläum sehr gross gefeiert. Schon Wochen vorher gab es interessante Fernsehsendungen, auch solche wo ihr Leben dramatatisiert wurde. Ich glaube nicht dass sie besonders "heilig" war. Aber doch ein sozial engangierter Mensch, der die Möglichkeit hatte anderen Menschen zu helfen. Folke, der bald hier aufkreuzen wird, nennt sie immer "das Teufelsweib". Ich werde ihn fragen, wie er zu dieser Auffassung gekommen ist.
Ich will bald einmal runterfahren nach Vadstena. Sicher ist es dieses Jahr besonders schön dort mit all den geschmückten Parks. Vadstena ist immer eine Reise wert.
Ich habe mir den Gottesdienst angesehen im Fernsehen bei der offiziellen Feier. Es war so schön, dass ich dabei meine weltlichen Sorgen für einen Augenblick vergessen habe. Viele verschiedene Kirchen waren dazu eingeladen aus vielen Ländern. Vielleicht hat man es sogar bei euch gezeigt? Ich hatte den Eindruck dass Birgitta gerade an diesem Tag etwas für die religiöse Welt getan hat.

Du wirst es kaum glauben, aber gerade ist ein schöner Fuchs hier hinten am Rande des Gartens vorbei gelaufen. 
Es ist bald elf Uhr und immer noch hell draussen. Schön, diese hellen Sommernächte

*
Jetzt muss ich hier weitermachen. Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Tag.
i M
Marlena

Montag, 9. Juni 2025

Pfingstmontag

 

den 9 juni  10:26

Liebe Marlena
Gerade lese ich einen kleinen Artikel über eure heilige Birgitta. Hast Du mir nicht von ihr erzählt?
Dass Birgitta in Schweden als so wichtig angesehen wird, hängt damit zusammen, dass die Reformation in Schweden von oben, vom Königshaus, durchgesetzt wurde. So kam es nicht zu einer Kirchenspaltung. Die Kirche wurde reformiert und die Kontinuität blieb bestehen. Aber ihre Popularität hat wohl auch mit ihrem Lebenslauf zu tun. Als Tochter einer vermögenden Adelsfamilie lernte sie lesen und schreiben und wurde Gattin eines Richters und Mutter von 8 Kindern. Aus der Zeit als Hofdame verfügte sie beste Verbindungen zum Königshof, was ihr später bei der Klostergründung entgegen kommen sollte. Dazu wurde nämlich der vom König gestiftete Palast von Vadstena in ein Klostergebäude umfunktioniert. Als religiöse Frau begab sich Birgitta mit ihrem Mann auf Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela und empfing auf der Rückreise, als ihr Mann erkrankte, ihre erste Offenbarung. Ihr Mann starb noch vor der Rückkehr nach Schweden. So wandte sich Birgitta vom bisherigen leben ab. Sie schrieb ihre Offenbarungen nieder, teils wurden sie von ihrem Beichtvater diktiert. Sie sind in 8 Büchern überliefert. Und darin sind auch ihre Visionen über ihren Orden festgehalten.
Im Jahr 1349 beschloss sie, nach Rom zu reisen. Ihr Ziel war es, den Papst dazu zu bringen, von Avignon zurück in die Ewige Stadt zu übersiedeln. Ausserdem unternahm sie von Rom weitere Wallfahrten, u.a. auch nach Bethlehem. 1370 konnte Birgitta den Papst in Rom treffen. Er liess sich zwar nicht überzeugen, Avignon für immer zu verlassen. Aber immerhin hiess er Birgittas Klosterregel gut, so dass einer Gründung des Ordens nicht mehr im Weg stand. Allerdings erlebte Birgitta dies nicht mehr selber. Im Jahr 1373 starb sie in ihrem Haus in Rom. Ihre Tochter Kristina liess die Leiche nach Vadstena zurückführen und begann mit dem Aufbau des Klosters. Dies beherbergte ursprünglich 60 Nonnen und 25 Mönche, von denen 13 die Priesterweihe empfangen hatten und die Beichte abnehmen konnten. Bereits 1391 wurde Birgitta heilig gesprochen.
Wahrscheinlich weisst Du das alles schon seit langem.
*
Heute Pfingsten ist sehr warm und ein bisschen 'düppig'. Damit will ich sagen, man komme leicht ins Schwitzen, weil die Luft so feucht ist. Die Atmosphäre erinnert mich an Sommersonntage im Wallis. Die waren zwar niemals so feucht, aber der Wind und die Wärme scheinen mir sehr ähnlich. Ich habe die Fotos von der Maturafeier gesehen. Wenn man so von aussen zusieht, hat man den Eindruck, die Mädchen und Burschen würden immer jünger. Was mir den Atem nimmt, ist soviel Blond. Diese hellen, lichten Wesen erscheinen uns hier 'im Süden' engelsgleich. Und nur wenn man ihnen genauer ins Gesicht schaut, kann man ahnen, dass sie wohl auch sehr menschliche Züge haben. Besonders hübsch sind sie, wenn sie sonnengebräunt dastehen. Schade, dass kein Foto mit Dir dabei war. Ich wollte Deine neue Frisur gerne sehen. Aber ich weiss ja sehr wohl, dass ich nicht zu sehr fordern darf, denn Du hast mich lange gebeten, ein Bild von mir zu schicken. Mein Problem ist bloss, dass ich keine solch raffinierte Digitalkamera zur Verfügung habe. Ich lebe sozusagen ohne mein Bild.
*
Und im Übrigen stelle ich mir Dich vor, wie Du immer noch Dein Haus auf den Kopf stellst und alles von unten bis oben putzest. Du bist wirklich tapfer, das alles allein zu tun ohne zu klagen. Wie kannst Du bloss. Vielleicht sind es die Ferien, die vor der Türe stehen, die Dir soviel Energie geben? Ich an Deiner Stelle hätte wohl ein Institut angestellt, all das zu tun, und hätte dabei riskiert, dass einige Vasen in Brücke, einige andere Dinge in Brüche gingen. Du scheinst ja gewissermassen wie ein wirklicher Engel. Für Deine ganze Familie tust Du dies, neben Deinem Beruf, ohne irgend ein Murren. Man müsste Dich langsam heiligsprechen!
*
Ich muss noch einige Dinge erledigen. Und ich wünsche Dir noch einen schönen Pfingstmontag. Er ist ein Geschenk des Himmels und wir wissen das zu würdigen.
Mit lieben Grüssen
...



Sonntag, 8. Juni 2025

Gedanken über das Beten

 


Lieber ...,

Du sprichst von Beten in deinem Mail und ich bin nicht sicher, ob du das ernstlich meinst oder ob du nur Spass machst. Betest du wirklich?

RE:

Liebe Marlena
Ja, es hilft auch bei jenen, die nicht daran glauben. Wir haben die Resultate zwar noch nicht bekommen, aber wir beten immer noch. Und wenn ich sage "beten", dann meine ich irgendwie eine wohlwollende Gedankenflut in die richtige Richtung. Ich glaube auch nicht, dass der liebe Gott durch unsere Gebete wie mit einer Feder im Nacken gekitzelt wird und dann aufmerkt. Und bei Allah glaube ich es noch weniger. Na ja, vielleicht würde, von der feinen Feder gekitzelt, der liebe Gott aufschrecken und auch Allah wecken, der im Nebenzimmer vor sich hindösen scheint, und gemeinsam würden sie sozusagen den Wind in die richtige Richtung lenken. Das wäre natürlich schon möglich. Doch sooooo glaube ich nicht dran. Aber natürlich weiss ich auf eine Art, dass meine Gedanken irgend etwas in der Welt verändern, wenigstens doch an mir selbst. Es gibt diesen englischen Forscher Sheldrake, der sich mit Phänomenen dieser Art auseinandersetzt. Ich habe mal ein Buch über ihn gelesen. Muss ein lustig-komischer Kerl sein. Wenn ich also "beten" sage, so meine ich eine Art Fürbitte, wie die Katholiken das doch stark haben. Und auf irgend eine geheimnisvolle Weise nehme ich an, dass meine Gedanken ein bisschen etwas erleichtern können. Oder vielleicht können sie es auch nicht. Das spielt eigentlich keine Rolle. Vielleicht könnte ich sagen, ich wünsche es mir einfach. Es ist ein Wunsch in die frische Luft hinaus. So etwa! Ein Wunsch wie ein Ruf in die Berge hinein, in der Hoffnung, es kommt ein Echo zurück. Manchmal kommt auch keines. Ob die Götter wegen meiner Wünsche auch noch Wolken verschieben und an den langen Fäden des Schicksals herumzerren, das überlasse ich ihnen. Das weiss ich nicht, denn sie haben es mir ja nie verraten. Aber wenn sie es denn nicht tun, so ist es doch für viele Menschen eine tröstliche Vorstellung.
Gerade gestern habe ich gehört, dass in Spanisch Schutzengel Angelo della guardia oder so heisst. Eigentlich also Wachengel. Über diese Idee haben wir doch sicherlich auch schon diskutiert. Es ist eine schöne Vorstellung, einen Schutzengel zu haben. Und ich erinnere mich an die kleine Anekdote, die meine Mutter erzählt hat. Als die kleinste Schwester noch sehr klein war, wurde sie im Kinderbett und angesichts der Engelchen ermahnt, ruhig zu bleiben und zu schlafen. Sie hat sich beschwert und ihrer Ungeduld heftig Ausdruck gegeben und gesagt, sie könne dieses nächtliche Geflatter der Engel rund um ihr Bett ohnehin nicht ertragen.

Liebe Marlena, ich muss kurz bleiben. In einigen Minuten fahre ich ab zu einem Termin an der örtlichen Schule hier. Und da darf ich nicht zu spät sein. Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit einem lieben Gruss
...
 

Freitag, 6. Juni 2025

Pfingsten - damals im Wallis

 



Deborence
(R)

Liebe Malou
Die deutsche Sprache reicht nicht aus, um unser Wetter zu beschreiben. Dazu würde man eine Menge Kraftausdrücke benötigen und sie in die Luft hinaus donnern. Es ist wirklich saukalt und unfreundlich. Ich habe - habe ich das nicht schon mal geschildert, um dich zu Tränen zu rühren? - ich habe unsere Tomaten wieder zurück unter die Plastikdecke geschickt. Das will heissen: vor ein paar Tagen hatte ich den Plastik entfernt und pro Pflanze einen Stock eingesteckt. Das sind so gewundene Metallstöcke, die der Pflanze Halt geben, ohne dass man sie binden muss. Aber dann vor 2 Tagen, als ich die Wetterprognosen für Pfingsten gehört hatte, habe ich alles wieder abgebaut und zugedeckt. Das ist ein Rückzug um knappe zwei Monate. Ist das nicht wahnsinnig.
Aber ich muss gestehen, gleich heute Morgen, bei Wind und Wetter, ist mir eine Erinnerung aus meiner  Jugend zurückgekehrt. Und wenn ich es mir genau überlege, hängt das mit dem Wetter zusammen. Damals, in der Zeit der Sekundarschule, hatten wir jeweils an Pfingsten ein Pfadfinderwochenende. Man zog aus mit Zelt und Kochgeschirr und hat das längere Wochenende von Pfingsten in Gottes freier Natur verbracht. So haben wir verschiedene Gegenden des Wallis kennengelernt. Ich erinnere mich an den Pfinwald, diesen altertümlichen südlichen Wald, der die Sprachgrenze bildet, und der in alter Zeit ein fast unüberwindliches Hindernis voller Räuber und Weglagerer gewesen war. Als wir dort in den Zelten lebten, war feines Wetter. Und sonntags waren die Gebüsche voller Liebespärchen, die sich auf ihren Wolldecken am Boden gütlich taten. Das Wallis war damals - ist es wohl noch heute - sehr konservativ. Und die jungen Leute durften nicht einfach so 'karisieren', wie sie es nannten. Also zogen sie sich in den Pfinwald zurück.

An einem Pfingstwochenende, eben an jenem, das mir jetzt wieder in Erinnerung ist, da fuhren wir hinauf in die Derborence. Derborence heisst ein Roman von Ramuz, dem bekannten Westschweizer Schriftsteller. Und das Gebiet ist bekannt wegen seines kleinen Sees, wegen des Bergsturzes, der sich vor längerer Zeit dort einmal ereignet hatte, und wegen der Tatsache, dass das ganze Gebiet heute unter  Naturschutz liegt. Wir waren also um die 20 junge Leute dort oben. Und mindestens während eines Tages hat es geregnet und war kalt, dass wir uns entschlossen, in die Berghütte zu gehen, um uns ein bisschen aufzuwärmen und auszutrocknen. Wir stiegen also in dieses Haus hinauf. Dort war ein alter Mann mit einem Mädchen, die uns freundlich empfingen. Vielleicht war es wirklich diese Kälte, die dafür verantwortlich war, dass ich mich augenblicklich in diese charmante junge Frau verliebte. Ich weiss nicht mehr wie sie ausgesehen hat. Ich weiss nicht mehr, wie wir mit ihr und ob überhaupt gesprochen haben. Ich weiss bloss noch, dass mich die Situation an die Szenen aus dem Jugendroman 'Heidi' erinnerten. Und ich weiss noch, dass sie mir das ganze Wochenende nicht mehr aus dem Kopf gingen. Und es war kalt und unfreundlich, und die Wolken hingen tief den Berggipfeln entlang, so dass man den Eindruck hatte, man lebte unter einem Pfannendeckel.
Es gibt eine hübsche Kurzgeschichte von Heinrich Böll mit dem Titel 'Die ungezählte Geliebte'. Darin hat ein junger Mann im Nachkriegsdeutschland die Aufgabe, die Fussgänger zu zählen, die eine Brücke benutzen. Er tut das geflissentlich und genau, doch er erlaubt sich die Freiheit, jedesmal, wenn seine geheime Liebe passiert, sie nicht mitzuzählen.

...





Liebe und Elend

Ämne: Liebe und Elend..

Lieber ...,
Ich habe nochmals deine lieben Mails durchgelesen und frage mich warum du nicht öfters in Stimmung kommen kannst, mir "Liebeserklärungen und heisse Schwüre" zu machen. Was war in dich gefahren? Hattest du irgendwelches Aphrodisiakum genommen? Oder hat der Ekbergfilm eine so starke Wirkung auf dich gehabt? Und dann frage ich mich natürlich auch, was du unter "heisse Schwüre" verstehst. Du hast mich richtig neugierig gemacht. ;-) Aber die Wirkung, die du dir dabei erhoffst?? Erinnerst du dich nicht mehr wie nüchtern ich sein kann?

Ach Gott, ich schöpfe Mut, dir eine wahre Liebeserklärung zu machen und euer doofes System zensuriert mich. Ich kann nicht verstehen, dass du meinen Geburtstagsgruss nicht sehen kannst. Er liegt doch unten in deinem Mail. Nur runterblättern und du siehst was ich meine mit "geradeaus". Es ist ein so liebes Bild, dass ich immer schmunzeln muss, wenn ich es anschaue. Vielleicht hat es dieselbe Wirkung wie Anita auf dich. :-)

Ich denke an die Zeichnungen, die du für die Kollegin gemacht hast. Würde sie allzu gern sehen. Bestimmt wieder sehr humoristisch und mit dem typischen "...-touch". Vielleicht kannst du sie mir mal zum ansehen schicken. Das würde mich freuen.

Armes Onkelchen. Ich sehe in deinen Mails wie er immer älter und schwächer wird. Und wie du das machst. Ich meine, ich sehe ihn so deutlich vor mir, als hätte ich ihn selbst beobachtet. Ja, das Altern ist eine schreckliche Sache. Wir haben es vor uns. :-(

Ich habe auch schon deinen Gedanken gehabt und finde es auch schade, dass Walter nicht mit dir nach Basel kommt. Das wäre doch ein wunderbares Milieu für euer weekly. Aber eine gemütliche Bibliothek ist auch schön an dunklen Abenden. Auch mir würde es gefallen dir in einem Café gegenüber zu sitzen. Ich glaube wir hätten uns unendlich viel zu erzählen. Es wäre schön wieder einmal deine Stimme zu hören. Was mich manchmal etwas wundert ist, dass dich S so allein dorthin fahren lässt. Aber vielleicht schickt sie dich einkaufen und du nimmst dir nur etwas mehr Zeit dazu.

Ein Kollege liegt seit vorgestern im Krankenhaus mit einem Herzinfarkt. Es ist nicht sein erster. Und während man ihn behandelt hat, bekam er noch dazu einen Stroke und ist nun im halben Körper gelähmt. Ich glaube er ist noch keine 50 Jahre alt. Er ist sehr vermögen und hat alles was sich ein Mensch wünschen kann - ausser Gesundheit. Früher war er ein Spitzensportler aber seit langer Zeit kann er sich nur schwer bewegen. Und du weisst, wie es ist mit wohltrainierten Leuten, die dann plötzlich ihr Training aufgeben müssen. Es ist wirklich ein Elend.
*
Gestern habe ich mir nochmals das Programm mit Georg Klein angesehen. Es ist interessant. Er meint u.a. dass Schopenhauer unerhört modern ist in seinen Gedanken. Wenn man seine Worte "der blinde Willen" mit "die selbstsüchtigen Gene" oder "das egoistische DNA" ersetzt, wird es ein vollständig moderner Text, der in jedem Detail standhält. In seinen weiteren Ideen, wie man diesen blinden Willen besiegen kann, ist er jedoch nicht bereit, Schopenhauer zu folgen.
Ich habe nicht viel von Schopenhauer gelesen. Erinnere mich aber, dass ich ihn zeitweise als, wie soll man sagen.. vielleicht "trostreich" empfunden habe. So ungefähr in der Meinung: Wenn das Leben ein Elend ist, das jeder ausstehen muss, so muss ich es nicht als ein persönliches Misslingen betrachten.

*s* (bedeutet, dass ich über meine Worte lachen muss)       (---)


Vielleicht habe ich genug geschrieben für heute. Werde noch ein wenig lesen vor dem Einschlafen. Ein bisschen Feng Shui. Brauche einen Schubs in die richtige Richtung. (Aufräumen!) Oder lese ich ein Stück in dem Buch von Gayelord Hauser, "Spieglein, Spieglein an der Wand.." Es ist unerhört naiv geschrieben. Ich glaube für amerikanische Hausfrauen in den 60-iger Jahren. Ich habe gerade ein paar Sätze gelesen und schon lache ich. Aber trotz allem schenkt es einem Lust, irgendetwas im Leben zum Besseren zu ändern. Das Buch habe ich mal in jungen Jahren in einem Kasten auf der Strasse vor einer Buchhandlung gefunden und für fast nichts gekauft. Ich glaube, es waren 10:- Kronen. Dafür bekommt man heute einen Viertel Hamburger. Viele Jahre später habe ich ein Programm über diesen Mann gesehen und erfahren, dass er ein sehr guter Freund von Greta Garbo war und auch ihr Ratgeber in Fragen Gesundheit und Schönheit. Pass auf...!! Vielleicht werde ich so unwiderstehlich, wie du mich neulich gemacht hast. ;-))


Nun sage ich dir gute Nacht. Wir sehen uns morgen wieder.
Marlena




Heute am 6. Juni


Nationaltag in Schweden


aber



Donnerstag, 5. Juni 2025

Ein Künstler

 

Liebe Marlena

(---)

An mir ist kein Künstler verloren gegangen, ich bin ein Künstler ,--).
Ach, ich hätte sicherlich nicht die Kraft und die Sturheit, ein Künstler zu sein. Sie brauchen sehr viel Überzeugung und Geradlinigkeit, um konsequent einen Weg zu gehen, auch wenn diesen Weg sonst kein Mensch versteht. Ich glaube nicht, dass ich das schaffen könnte. Aber die angenehmen Seiten des Künstlertums würde ich natürlich gerne übernehmen. Es sind der freie Lebenswandel, die Freiheiten, die man sich nehmen kann, die gewisse Bewunderung, die man von den Bürgern bekommt, die Musen, die man pflegen darf und so weiter und so fort. Wäre doch alles grausam schön.
*
Und nun versuche ich, ein Lebenskünstler zu sein. Und das ist ja wirklich die höchste Kunst, die es gibt. Und ein bisschen glaube ich, das auch erreicht zu haben. Und wie ich sehe, schaffst Du das auch. Ausser in jenen tristen Momenten, wo Du Deine Situation das grosse Elend nennst. Dann jeweils bleibt mir der Atem weg und ich weiss nicht mehr, was ich denken soll.
*
Ich muss jetzt rasch heim. Es ist schon 2000h Uhr und ich habe noch nichts gegessen.
Ich wünsche Dir einen schönen Abend meine liebste Marlena
...

Re:

 "... Dann jeweils bleibt mir der Atem weg und ich weiss nicht mehr, was ich denken soll."

Liebster Mausfreund,

Denke nicht! Streich mir nur lieb über das Haar und sag: Sei nicht traurig, alles geht vorüber.. Das ist was du tun kannst. Und du tust es ja auch. Schreibst mir deine schönen Mails die mich den Alltag vergessen lassen. Mir ist schon in den Sinn gekommen dass ich vielleicht nicht die richtigen Valeure der Wörter "Elend" und "miserabel" kenne. Bei uns sind das alltägliche Wörter, die jeder ab und zu verwendet. Gib mir ein paar andere.. :-)

Natürlich bist du ein Künstler. Das weiss ich doch! Ich meine nur dass es schade ist, dass es nicht auch alle anderen wissen. Und doch liebe ich es, dieses kleine Geheimnis zu haben. Zu wissen wie und wer du bist. Das macht mich stolz und reich. So, jetzt aber genug mit Lob sonst wirst du zu eingebildet. ;-)
Aber natürlich werde ich deinen Brief noch ein paar mal durchlesen und geniessen. Und das schöne Bügelbild werde ich mir so aufhängen dass ich es immer beim Bügeln sehen kann und ich werde mich dabei so energisch und glücklich fühlen wie die Frau auf dem Bild.
Anna hat es auch sehr gefallen und sie hat sich gewundert wie du so gut wissen kannst wie ich aussehe. Zum Glück hat sie dabei gelacht. ;-)
*
Gestern Abend kam ich absolut nicht in diese Mailbox und so konnte ich mir vorstellen dass dort ein schönes Mail auf mich wartete. Und als ich sie dann heute Morgen leer fand habe ich nur festgestellt dass Vorfreude eigentlich auch Freude ist und dass Angst vor "Elend" auch schon ein bisschen Elend ist. So leben wir eben ständig in Gedanken an die Zukunft und Erinnerungen an die Vergangenheit.
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Gibst du mir auch einen Schluck von deinem Espresso? Oder komme ich schon zu spät? Schreib mir ein paar Zeilen, Schatz, wenn du dazu kommst.. auch wenn du nicht dazu kommst. Ich sehnsuche deine Worte..
In Maladi
Marlena