Mittwoch, 28. Mai 2025

RE: definitiv Mai...

 

Ämne: RE: definitiv Mai...
Datum: den 4 maj 15:00


Lieber ...,
Die Fenster hier sind ganz undurchsichtig von einem heftigen Frühlingsregen. Es ist gut für die Vegetation, aber ich hoffe doch sehr, dass es morgen wieder vorbei ist.
Ich habe auf dich gewartet. Drei ganze Tage fast habe ich das getan. Und wieder merke ich, wie abhängig ich geworden bin von deinen täglichen Mails. Ist das nicht verrückt? Ich meine, schon das fünfte Jahr geht das so.
Zuerst habe ich gedacht, du liegst wieder krank zu Hause. Dann habe ich mir auch vorgestellt, dass der neue "Wurm" eure Computer unbrauchbar gemacht hat. Und schliesslich .. na ja, dein Gähnen sagt mir, dass das nicht der Fall war. Ich meine, dass du mich über einer aufregenden Beschäftigung ganz einfach vergessen hast.
Jetzt trommelt der Regen sogar gegen die Fensterscheiben. Das ist ein Geräusch, das ich eigentlich gern höre. Man fühlt sich so geborgen, wenn man dabei im Trockenen sitzen kann. :-)

Das Buch von dem Norweger hat mich neugierig gemacht. Ich werde sehen, ob ich es hier finden kann. Nicht schlecht diese drei Vorsätze: ein Kuss, ein Bild und Rom. Ich muss mir auch bald ein paar Versprechungen machen. Ich meine irgendetwas vornehmen, damit ich nicht in der Tristesse hier untergehe.

Ich habe noch keinen Lunch gegessen und es ist bereits drei Uhr. Muss also etwas essen, bevor ich weiterschreibe.
Bis später dann vielleicht.
Mit lGuK,
Malou

PS: Ja.. Buch  gefunden ...



Definitiv Mai

 

 .


 ‚Die Windsbraut’ von Kokoschka

Ämne: definitiv Mai

Liebe Malou
Heute habe ich etwas Probleme mit der Arbeit. Also versuche ich, mit einem Mail Anlauf zu nehmen. Manchmal funktioniert das, manchmal auch gar wieder nicht. Die Rezensionen sind ähnliche Treiber. Wenn es gut läuft, bringen sie mich ein wenig in Arbeitseifer. Aber er ist nicht mehr wie früher. Ich weiss nicht, woran das liegt. Früher konnte ich immer noch abends bis spät in die Nacht hinein arbeiten. Das ging immer bestens, weil dann rundum Ruhe herrschte. Aber heute bin ich zu müde dafür. Es ist eigentlich schade.

Über Mittag war im in Basel. Es gab eine kleine Führung im Kunstmuseum. Aber sie war nicht so besonders. nach einer Vierstelstunde fing ich bloss noch an zu gähnen. Es war nicht ausserordentlich, was der Typ dort erzählt hat. Er hat das Bild ‚Die Windsbraut’ von Kokoschka behandelt. Aber er hat vor allem Bezüge gemacht zur altdeutschen Malerei (war offensichtlich eine Absicht Kokoschkas, so zu malen) und zu Alma Mahler, in die er unsterblich verliebt war. Eigentlich sollte er von ihr ein Porträt malen, und dann ist es passiert. Der arme Kerl muss ziemlich gelitten haben.

Aber dafür habe ich ein gutes Jugendbuch gelesen, das mich sehr gepackt hat. Ist übrigens von einem Norweger geschrieben. Er heisst Björn Sortland, und ich behaupte mal, er ist ein überdurchschnittlich guter Schreiber. Mindestens in diesem einen Buch, das ich jetzt kenne. Aber wie er die Sache anpackt, muss ich annehmen, dass er weitere gute Bücher schreiben wird.

Im Buch landet die 13 jährige Therese übrigens mit ihrem geheimen Geliebten in Rom. Na ja, die behinderte Schwester ich auch dabei. Aber immerhin Rom, das ist kein schlechtes Happy End für einen Jugendroman. Ein bisschen überzogen vielleicht. Aber im Roman geht das. Im real Leben wäre es vielleicht eine Idee zu verwegen?

Die Figur schreibt nämlich alles auf, was sie vor dem Weltuntergang noch machen muss. Dazu gehört, einen lieben Kerl zu küssen und einen schönen Ort zu besuchen. Und natürlich ein grosses Kunstwerk anzuschauen. Na ja, man kann die Geschichte nicht nacherzählen. Sie würde etwas fade klingen. Salz und Pfeffer liegen darin, wie er die Geschichte erzählt. Und das eben ist die Kunst.

Im Moment ist das Wetter leicht trüb. Die Tische im Cafè sind zwar mit Tischtüchern bedeckt. Aber ich glaube nicht, dass heute dort Leute sitzen. Du weißt ja jetzt, wie wenig ich sehe und wie viel ich auf meine lebhafte Fantasie angewiesen bin. Alles, was ich im Cafè sehe, das sehe in diesem grünen Blätter Paravent, der vorne dran steht. Vielleicht ist auch besser so, damit ich nicht zu sehr von Betrieb dort abgelenkt werde.

Jetzt versuche ich es mit Arbeit.
Ich wünsche Dir einen guten Tag.
MlGuK
...



Dienstag, 27. Mai 2025

Re: Nicht nur grau

 



(...)

Wie schön, dass du unsere Maladi gegen meine Vermutung verteidigst, sie könnte mich von der Arbeit abhalten. Ach, wie du recht hast, Marlena, und wie dein Denken schöne Wendungen findet, so so dass ich aus meinen Engnissen zwischen Scylla und Charybdis loskomme! ...  Ich danke dir für diesen kleinen Schubser mit dem Ellbogen.  ...
*
Ich habe soeben meinen Brief von gestern nochmals überflogen. Entschuldige die Fehler, über die ich jetzt plötzlich da und dort stolpere. Es ist mir ein bisschen peinlich dir gegenüber, wenn ich daran denke, wie du schreibst. Ich hoffe, es stört dich nicht zu sehr und du verstehst trotzdem, was ich meine.
*
Und du hast gerade noch einmal Recht mit dem Zusammenhang zwischen Stressniveau und Ordnung. Ich versuche auch, immer wieder, auf der Strecke zwischen den beiden Polen Chaos und Ordnung so weit wie möglich rechts einzubiegen. Aber immer kriege ich die Kurve in Gottes Namen nicht. Und diese schlimmen Strassenverhältnisse! Ich weiss, dass du Recht hast, aber manchmal muss man auch ein paar Fehler tun dürfen. Nicht wahr, meine Liebe? Ich gebe mir ja sonst ziemlich Mühe in meinem Leben. Und wir haben hier eine nette junge und sympathische Putzfrau. Wenn sie mein Büro macht, so richtet sie auf dem Pult all die vielen Dinge ein bisschen, legt die Stifte gerade, die Papiere im rechten Winkel, alles ordnet sie auf eine bescheidene und minimale Weise innerhalb der übergeordneten Unordnung. Es ist kein grosser Unterschied, aber es ist ein Unterschied. Und wenn ich am Morgen komme, habe ich den Eindruck, dass ein wohlwollender Engel über mein Pult hinweggeschwebt sei und seine guten Wünsche auf dem Pult hinterlassen habe. Es gibt wirklich ein gutes Gefühl, man würde es nicht denken, und ich sage ihr das auch immer wieder. Dann ist sie stolz und strahlt.
*
Jetzt geht es schon gegen Abend. Und ihr werdet bald vom Zahnarzt heimkehren. Ich bin so gut wie erledigt. Ich habe im Büro nachmittags fast nichts anderes gemacht als Bücher eingeordnet, Möbel herumgeschoben und Bilder neu aufgehängt. Und du hast mir dabei geholfen. Allein schon dieser Gedanke hat mich vergnügt gemacht. Du bist eine liebe Kameradin, Marlena.
Sicher kennst Du diesen Geruch verstaubter Bücher, und die trockene Luft in der Nase. Man fühlt sich ganz schmutzig zum Schluss. Aber mein Büro ist einigermassen bewohnbar geworden. Ich könnte dich heute abend für einen Apero empfangen. Einen schönen und vergnügten natürlich, keinen verdorbenen. Jetzt sieht der hintere Teil meines Büros aus wie eine Bibliothek, sagen wir in einem Tudor-Schloss, nahezu ;-). Nein nicht ganz, aber es sieht ein bisschen schwer aus, mit diesen Gestellen aus Nussbaumholz, die fast bis zur Decke reichen. Vorher hatte ich ein Gestell, jetzt habe ich noch zwei zusätzliche. Im Grunde war vorgesehen, dass ich das alte zurückgebe. Nun habe ich es aber auch behalten. Es sieht jöetzt alles ziemlich aus wie eine Wohnwand in der Stube. Speziell mit dem Schaukelstuhl, der noch in der Ecke steht. Es wirkt sehr intellektuell und man denkt, ich würde jeden Moment die Cognac-Flasche holen, um während des kleinen literarischen Streitgesprächs daran zu nippen. Die paar Bändchen mit den Rilkegedichten stehen oben links an der Rückwand, ein bisschen diskret. Nur, damit du weißt, wo du sie suchen musst, sofern du sie brauchst. Und vorne, zu den Fenstern hin, habe ich alles so belassen wie es war. Dort sind die Möbel leichter und jetzt auch nicht mehr so voller Bücher. Das gibt dem ganzen Raum Luft. Meine Sekretärin auf jeden Fall findet es toll. Und alle Bilder habe ich wieder aufhängen können. Sie sind alle 3 vom selben Maler, einem Lokalmeister aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Habe ich dir nicht eines davon schon mal geschildert?
*

Nicht nur grau!

 den 16 april

Mein lieber Mausfreund!
Wenn ich gewusst hätte, dass du auf ein Mail wartest, dann hätte ich versucht schon gestern etwas mehr zu schreiben.
Ich gratuliere dir zu dem neuen Bücherschrank. Mit etwas mehr Ordnung im Büro sinkt das Stressniveau bedeutend.. so ist es jedenfalls bei mir. Ich versuche im Moment hier zu Hause etwas mehr Ordnung zu schaffen, damit ich dann vielleicht für ein paar Tage in Ruhe verreisen kann oder mich ganz einfach nur zu 100 % nicht beruflich beschäftigen kann.

Wie gewöhnlich habe ich heute Morgen mein Lieblingsprogramm im Radio gehört. Man sprach unter anderem von dieser Jahreszeit, "die fünfte" genannt. Das "schwarze Loch" zwischen Winter und Frühling, wo man zwar schon den kommenden Frühling ahnt, aber ihn nicht so romantisch erlebt wie er meistens geschildert wird, mit Blumen und Vöglein sondern eher mit den Spuren, die Hunde im Winter hinterlassen haben und dergleichen... Dabei zitierte man auch verschiedene Verfasser, die eben diese graue Zeit, die fünfte Jahreszeit, geschildert haben.
Ja, es ist grau draussen. Es ist, als sähe man die Welt durch eine matte Glasscheibe (hoffentlich sind es nicht nur meine noch ungeputzten Fenster ;-)
Aber was macht es mir schon aus. In meinem Leben strahlt die Sonne. Vielleicht bist du es, mein lieber Mausfreund, vielleicht auch nur das Leben selbst. Ganz sicher bin ich, dass deine Gegenwart dabei eine grosse Rolle spielt.
Bitte, lass es nicht unser Mausleben sein, das dich an deiner Arbeit hindert. Gib der schlaflosen Nacht und dem "ein bisschen zu viel" Wein die Schuld, sonst kriege ich ein sehr schlechtes Gewissen. Unsere "Freundschaft" soll immer etwas positives sein, das uns erhöhte Energie gibt die Pflichten des Alltags zu bemeistern. Die Serenität von der du oft sprichst. Ich weiss wie es ist, du darfst nicht glauben dass ich so ganz anders reagiere als du. Manchmal fühle ich mich sogar etwas gelähmt von unserer Maladi, und ich frage mich wie bei Rilke: "Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie hinheben über dich zu andern Dingen.." Auch bei mir, wird es etwas schlimmer, wenn ich Rotwein getrunken habe. Dann sehnsuche ich dich mehr als je.. und mein Verstand steht still.
Du beschreibst es so treffend, unseren Chat neulich. Ich fühlte mich nachher plötzlich irgendwie verlassen. Ich sah sie vor mir, die schön gedeckte Tafel, und musste den Tisch hungrig verlassen.
*
Du schreibst mir so interessant von deinen Examen. Ich hatte es mir irgendwie so vorgestellt. Ich kannte auch solche hochbegabte Studenten, die ein paar Jahre früher fertig waren mit ihren Studien als die anderen. Ich werde dir bald ein wenig von meiner Studienzeit in Uppsala erzählen.
*
Du brauchst nicht in Büchern zu suchen. Ich werde dir das Leben bei uns schildern, die Feste, die wir feiern u.s.w immer zur richtigen Jahreszeit. Was das andere betrifft, werde ich dir ein paar gute Links im Internet geben, wo du dich über Schweden informieren kannst. Gut so?
Ich werde diesen kleinen Brief nun absenden, damit du ihn vielleicht noch bekommst, bevor du dein Büro verlässt.
Wünsche dir noch alles Gute für den Rest des Tages
und viel Vergnügen beim Onkel
Deine Marlena
i.M

PS Schöne Töchter hast du!!

Montag, 26. Mai 2025

Lob an deine Mutter

 Lieber ...,

Ich bin nochmals im Hotmail hängen geblieben. Da gibt es so viel Wunderbares zu lesen. Schau mal hier, dein Lob an deine Mutter, als sie 80 wurde.
Hier dein Mail:

*
Am Samstag hat meine Mutter zu ihrem Geburtstagsfest eingeladen. Sie ist 80 geworden. Es sind etwa 30 Personen, die kommen. Wir haben ein Essen im Hotel, dann einen kleinen Ausflug
im Autocar zu einem Ausblickspunkt. Dort gibt es offenbar Kaffee mit Kuchen, wie die Deutschen sagen würden. Ich mag solche Familienschläuche nicht sonderlich. Aber bei diesem hohen Geburtstag will ich ein Auge zudrücken. Meine Geschwister haben mich gedrängt, ein paar Worte zu sagen. In einem Kunstbuch habe ich kürzlich von einem amerikanischen Maler gelesen: It is best to think of the faces as mirrors. Nicht, dass das eine neue Erkenntnis wäre. Das wissen wir seit Jahrhunderten. Aber wenn ein Amerikaner das in so kindlich naiven Worten sagt, dann ist es fast wie eine neue Erkenntnis. So habe ich mir gedacht, dass ich alle die Kinder und Kindeskinder frage, was sie an ihrer Oma oder Mama schätzen. Und das werde ich dann irgendwie vortragen.
Unsere Mama, soviel ist nach den bisherigen Gesprächen klar, ist eine vielgeliebte und hochgeschätzte Oma. Die Kinder mögen sie besonders, weil es bei ihr immer spannend ist. Sie nimmt sich Zeit, macht Anregungen zu Spielen und Beschäftigungen, hat immer Utensilien, Papier und Kleister bereit für Bastelarbeiten, und hat selbst viel Fantasie und Fingerbegabung, um eigene Dinge zu gestalten. Sie macht schöne Zeichnungen im Freundschaftsalbum. Sie kann aus Abfall einen virtuellen Blumenstrauss basteln. Und sie erzählt Geschichten, die sie gleich aus dem vergangenen Tag heraus kondensiert und am nächsten Tag fortsetzt. Es sind ihre daily soapes, wie ich spasseshalber sage.

Ich glaube, mich hat vor allem ihre lebendige und plastische Fantasie beeinflusst, und sie hat mir gezeigt, wie man sie im Leben gebrauchen kann, so dass die Spielräume des Lebens vielfältiger werden. Ich glaube, als ich noch jung war, waren meine Möglichkeiten durch die schwierigen Erlebnisse ziemlich begrenzt. Ich fühlte mich damals auch irgendwie scheu eingeengt Vielleicht ist auch die Thematik meines Studienabschlusses "Spiel und Geschichten" von ihren Anregungen beeinflusst? Man bemerkt solche Dinge ja manchmal erst viel später im Leben.
Auf jeden Fall ist sie eine sehr anregende und intelligente Frau, die mit viel Fingerspitzengefühl und Diskretion ihre Lebenserfahrung entfaltet. S erzählt allen ihren Freundinnen, dass sie sich keine bessere Schwiegermama wünschen könnte. Natürlich hat sie persische Vorstellungen von Schwiegermamas. Die sind ja die Patronne im Haus, und eine Schwiegertochter, die sie traditionellerweise mehr oder weniger selbst ausgewählt hatte, muss sich ihr absolut unterordnen. Daraus entstehen bestimmt auch heute noch viele tragische Situationen im Iran, gerade in dieser heutigen Übergangszeit von geschlossenen zu offenen Gesellschaften, da junge Menschen viel mehr wissen und autonomer werden, als es die Alten je waren.
Mein Schwager T. hat mir erzählt, dass er zu ihr gehen würde, wenn er eine Vertrauensperson suchte, um irgendwelche persönlichen Lebensprobleme diskret besprechen zu können. Und er bewundert an Oma, dass sie sich in ihrem Alter vor einigen Jahren noch einen Computer gekauft hat, um ihre Briefe zu schreiben, was wegen ihrer geschwächten Augen nicht mehr allzu leicht ist.
Ich glaube, die Kinder mögen an ihr vor allem diese grosszügige und akzeptierende Lebendigkeit, diese inspirierende Präsenz und Neugirde, mit der sie Anregungen gibt und die Ideen der jungen Seelen in ihrer ganzen Unvollkommenheit akzeptiert. A. hat zwinkernd gesagt, ein Spaziergang mit Oma und ein Spaziergang mit uns, dazwischen lägen Welten. Und meine kleine Schwester erinnert sich, wie sie ihr in allen Lebenssituationen, da sie zögerte, Mut zugesprochen habe. Du kannst das, habe sie immer wieder gesagt. Es war eigentlich S Idee, an diesem Fest der Mama einige schöne Sachen zu sagen. Und - so denke ich - werde ich es versuchen.
Mama selbst soll gewünscht haben, dass es ein lustiger Anlass wird. Sie habe angeregt, dass man doch Witze erzählen solle. Und so habe ich auch S angeregt, vielleicht einige zu finden. Wir werden sehen, wie es herauskommt.
Ich muss noch meine ältere Schwester und ihren Sohn sprechen, sowie meine zwei bellesoeurs (heisst das so, schreibt man das so??)
*
Und jetzt kommt langsam Müdigkeit auf. Ich werde heimgehen, frühstücken, duschen, und dann - so Gott will - an die Sitzung eilen.

*


Ich bin sehr froh, dass ich diese Zeit in deinem Leben miterlebt habe.
Grüsse dich nochmals lieb.

...
MlGuK
Malou



Re: Lob an ..

Liebe Malou
Ach, das ist aber lieb, dass du mir diese alten Gedanken sendest. Ich hatte es bereits wieder vergessen. Nicht meine Mutter, aber diesen Anlass habe ich mehr oder weniger vergessen. Ist es nicht unheimlich, wie die Zeit geht, oder sagen wir wie WIR vergehen, wie wir in dieses schwarze Loch der Vergessenheit geraten. Es ist unheimlich. Sehr unheimlich!  In einigen Jahren weiss niemand mehr von den Dingen, die wir gewusst und die wir einmal für wichtig gehalten haben. Camus könnte dazu ein paar Dinge sagen. 
(---)

Sonntag, 25. Mai 2025

O süsses Lied

 


Blauer Geiger Marc Chagall

LIEBESLIED

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich
der aus zwei Saiten e i n e Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süsses Lied.


Rilke
(Capri 1907)





Re: Uppsala ... und Zürich

 

ups uppsala

Liebe Marlena 

"Uppsala zum zweiten" ist ein höchst interessanter Brief und ich habe bloss bedauert, dass er so unvermittelt endete. Das klingt ja alles wie aus einem Familienroman des 19. Jahrhunderts, meine Liebe. Diese geheimnisvollen Begegnungen, diese schicksalshaften Wendungen. Diese Art von Lieben, die alles in den Himmel heben oder offenbar die halbe Existenz zerstören können. Es macht alles den Eindruck des Bedeutungsschweren. Natürlich ist es auch Deine Erzählweise, die diesen Eindruck hinterlässt. Und man denkt, solche Erlebnisse sollte man nicht in kurzen Briefen oder leichtlebigen Essays darstellen, sondern es müssten - wie gesagt - dicke Wälzer von Romanen sein. Na ja, meine Liebe, das ist vielleicht ein wenig ironisch gesagt, denn ich selbst liebe es, wenn Du so schreibst, und ich bedaure immer das rasche Ende des Briefes. Ist es denn nicht auch für Dich ein interessantes Erlebnis, diesen Erinnerungen nachzugehen? Noch einmal in sie hineinzugehen, ist doch irgendwie, sie nochmals zu leben, nicht erleben, nicht ganz passiv, sondern aktiv zu leben und sie in der Tiefe auszukosten, oder vielleicht auch auszuleiden. Ist das nicht Proust in Aktion? Ach nein, Proust ist es wohl nicht, denn er ästhetisiert die Erfahrung total.   (...)

Ich kann mich gut an die Anfangsjahre meines Studiums in Zürich erinnern. Zürich war ja 4 Stunden damals mit der Eisenbahn vom Wallis entfernt. Und ich wollte nicht jedes Wochenende heim, um etwas sparsam zu sein. Und all meine Kollegen studierten als gute Katholiken in Freiburg, und bloss einige Fortschrittliche vielleicht noch in Bern. Aber wirklich nur die Verwegensten. Ich sass also ziemlich allein hier in Zürich fest. Und ich erinnere mich, wie ich dort anfangs einsam war in meinen Studentenzimmerchen. Ich hatte so einen Tauchsieder, um mir ein Teelein zu kochen. Und sonst war das Zimmer so unpersönlich und fremd in diesem Studentenhaus des Rotary Club. Anfangs teilte ich ein Doppelzimmer mit einem Auslandschweizer aus Spanien. Aber der (ich erinnere mich nicht einmal mehr seines Namens), er war nie zuhause und viel älter als ich. Ich glaube, er studierte Physik und kam aus Madrid. Und er schaute aus wie ein Spanier, nur ohne den spanischen Charme. So fristete ich dort anfangs ein eher unglückliches Leben und fühlte mich fremd in dieser grossen Stadt. Und unter diesen Architekturstudenten war ich auch nicht echt zuhause, weshalb ich ja auch regelmässig in die Universität hinüber ging, um Vorlesungen zu hören. Ich pendelte sozusagen zwischen Hammer und Amboss. Damals habe ich all jene Studenten aufs Tiefste benieden, die zuhause leben konnten. Es gab viele, die wohnten vielleicht nicht direkt in Zürich, aber doch in der Region und abends eilten sie zum Hauptbahnhof. Und zuhause wartete ein gedeckter Tisch auf sie und eine Familie, und die alten Bekannten der Gymnasialzeit. Gar nicht zu reden von den öden Sonntagen, die ich anfangs in Zürich verlebte! Damals ging ich noch in die Mensa der ETH essen. Dort traf ich ein paar Kollegen, die ich kannte. Meist waren sie viel älter, als ich es war. Und sie diskutierten über Dinge, die mich nicht interessierten. Es war nicht das, was ich mir von einem echten Sonntag wünschte. Ich glaube, dieses soziale Leben anfangs meiner Zeit in Zürich hat mir meinen Studienanfang sehr erschwert. Und ich habe immer gedacht, es wäre ein Glück, dass meine Töchter, wenn sie denn studieren würden, weiter zuhause leben könnten. Vielleicht die ersten paar Semester, bis sie sich etwas in die neue Lebensart eingewöhnt hätten. Später, da bin ich mir sicher, ist es wichtig, dass man auch mal ein richtiges Studentenleben führen soll und einen eigenen Haushalt führt, oder doch so in einer Wohngemeinschaft lebt. Das ist etwas sehr Schönes, wenn man sich voller Leidenschaften dem Leben und der Liebe - will sagen den Studien - hingeben kann, ohne auf die eigene Familie Rücksicht nehmen zu müssen.
*
Ich hatte heute mein persönliches Gespräch mit meinem Chef. Er ist etwas dicker geworden, seit ich ihn letztmals so nah gesehen habe. Er ist ein wacher Geist und es ist interessant, mit ihm zu diskutieren. Doch er denkt natürlich viel weniger psychologisch als ich. Er denkt echt politisch. Und wenn etwas gut ist, hat er es gemacht, und wenn es schlecht ist, haben es seine Mitarbeiter gemacht. So ist er, wie alle Politiker. Wir sind nur dazu da, ihnen die Lorbeeren zu liefern. Doch was soll es? Die Politiker kommen und gehen. Und wir bleiben und überleben sie und machen die Politik. So ungefähr könnte man sagen, wenn es auch nicht allzu sehr stimmt.
Im Mai bin ich 20 Jahre an dieser Stelle. Das ist eine Ewigkeit. Und ich denke, dass es in der Wirtschaft unmöglich wäre, so lange auf ein und demselben Stuhl zu sitzen. Es ist auch nicht gut. Manchmal merke ich, wie ich bequem geworden bin. Manchmal finde ich alles ziemlich langweilig. Manchmal ärgert man sich über all die dummen Neuerungen, die bloss mehr Papierkrieg und sonst gar nicht viel bringen. Aber immerhin.
Ich war damals der jüngste. Und jetzt bin ich ungefähr der dritt- oder viert-älteste. Einer wird im Mai in Pension gehen. Der nächste folgt bald. Und dann komme schon bald ich. Allerdings dauert es bei mir etwas länger.
*
Ich habe eine Kusine, die in der Chemie arbeitet. Sie ist etwa 2 Jahre älter als ich. Und seit ein paar Monaten ist sie in Pension mit voller Rente. Wenn Du dir das Paradies vorstellen willst, so musst Du Dir so etwas Ähnliches ausdenken. Sie reist in der Welt herum, geht gut essen, nimmt Kilo um Kilo zu und pflegt ihr fröhliches Gemüt. Ja, sie hat wirklich das grosse Los erwischt. Vielleicht bedauert sie es in ein paar Jahren, doch heute geniest sie es in vollen Zügen. Immer wieder bekommen wir Postkarten von ihr aus irgend welchen exotischen Ferienregionen. Man kann wirklich nur neidisch werden.
*
Ist es nicht schlimm, wenn man an die Pensionierung denkt. Das ist wirklich sehr schlimm. Lass uns das Leben nehmen, wie es ist. Seien wir froh, dass wir noch ein paar Jahre arbeiten können. Alles andere macht alt.
Ich küsse und grüsse Dich
...