Sonntag, 25. Mai 2025

Uppsala - zum zweiten

 Ämne: :-)))   ...

Dadurch dass ich zu Hause wohnen konnte, habe ich eigentlich kein typisches Studentenleben gelebt. Du weisst, wenn man mit so 10 anderen Personen in einem Studentenkorridor wohnt und die Küche und den Alltag teilt. Ich wohnte zu Hause und wurde nach wie vor eifersüchtig von meinem Onkel behütet. Irgendwie hatte ich später den Eindruck, dass sie mich brauchten, um überhaupt zusammen leben zu können.

Ich sass also meist an meinem Schreibtisch zu Hause und vertiefte mich in die Bücher. Vor mir an der Wand sehe ich das Foto wo ich als 21-jährige gerade an meinem Schreibtisch eine Arbeit vorbereite.

Wir kamen spät im Herbst nach Uppsala, d.h. das erste Semester, an dem ich teilnehmen wollte, war fast zu Ende. Ich hatte mich angemeldet für Germanistik und mich mit  Kursplänen versehen. Literatur, Sprachgeschichte und natürlich die Sprache selbst, Wortschatz, Aussprache und Grammatik das schwierigste Kapitel für die meisten Studenten. Uppsala hatte damals den Ruf sehr viel zu verlangen und man sagte sogar, dass die Schüler, die dort bei ihrer Übersetzung schon zum dritten Mal durchgefallen waren, an der Hochschule in Stockholm kein Problem damit hatten.
Nun ja, es besteht wohl immer eine gewisse Rivalität zwischen Lehranstalten, aber ich glaube die Uni von Uppsala ist schon immer als Nr 1 betrachtet worden. (Nr 2 Lund). :-)

Ich hatte eine lange Literaturliste, von der ich wählen konnte, eine gewisse Anzahl Seiten zu lesen und ich muss lachen, wenn ich daran denke, was mein erstes Buch war: Buddenbrooks von Thomas Mann. Ich glaube ich wollte so schnell wie möglich die Anzahl Seiten hinter mich bringen. ;-) Es war wirklich kein leichtes Buch. So unendlich Wortreich.. aber doch ziemlich interessant. Dann erinnere ich mich noch an mein erstes ”Ausspracheseminar”. Es wurde von einem jungen deutschen Dozenten geleitet. Ich glaube, ich habe ihn so wie Herrn Grünlich in meinem Buch aufgefasst. Die Gruppe hatte bereits 8 von den 10 Stunden gemacht und er begann also diese meine erste Stunde damit, mir eine Moralpredigt zu halten, wie ich mir das vorstelle, erst nun zu kommen u.s.w. was ich dann ruhig beantwortete mit ”es wird schon gehen”. Ausserdem war seine eigene Aussprache etwas von einem Dialekt gefärbt,  wobei seine ”i” zu sehr wie ein ”e” klangen. Das habe ich ihm aber nicht gesagt. ;-)

Ich will jedoch nichts Schlechtes über ihn sagen, denn es war er, der mich Rilke entdecken liess. Er hatte also auch Literaturvorlesungen. Und ganz anders als später bei einem Dozenten in Französisch, der immer am Ende seiner Vorlesungen herzlich lachte so als wollte er sagen: ”Wie viel Dummes Zeug sich ein Mensch ausdenken kann”, endeten seine Vorlesungen immer damit, dass man glaubte er würde nun anfangen zu weinen. Man hatte oft den Eindruck er trüge die ganze ”Schuld des Deutschen Volkes” auf seinen Schultern.
Er sprach also über Rilke, er schenkte uns ein Kompendium mit Rilkes allerschönsten Gedichten (die ich Dir bereits alle geschickt habe) und so kam es, dass ich das Stundenbuch zu lesen begann. Ich war überwältigt davon. So tiefe und schöne Gedanken in einer solch wunderschönen Sprache hatte ich noch nie gesehen. Irgendwie passte es auch zu meinem Leben oder vielleicht besser gesagt zu meiner Gedankenwelt zu dem Zeitpunkt.
*
Eines Tages kam ein Brief von einem Bekannten unserer Familie. Er war an mich gerichtet.   (...)

*
Ach, ich finde nicht richtig den Faden zurück. Möchte diese Erinnerung von mir abschütteln, bevor ich weiterschreibe.
Hoffentlich sehe ich ein kleines rotes Dreieck vor deinem Namen, wenn ich nun ins Internet gehe..
Alles Liebe
Marlena



Donnerstag, 22. Mai 2025

Anno dazumal

 



Ämne: Rückblick..

Lieber ...,
Hier passiert nicht so viel im Moment (sonst ja eigentlich auch nicht ). Aber da mir im Augenblick nichts anderes einfällt, werde ich versuchen, dir ein wenig von meiner Zeit in Uppsala zu erzählen.

Uppsala ist die Universitätsstadt par préférence und ich hatte das grosse Glück, dass meine Eltern gerade im richtigen Moment dorthin zogen. Ich hatte im Frühjahr das Abitur gemacht und war eigentlich noch nicht ganz sicher, was ich studieren wollte. Ein wenig dachte ich an eine Dolmetscherschule in der Schweiz. Ja, du hast richtig gehört :-) aber da ich mich nun mitten im akademischen Zentrum von Schweden befand, war es natürlich, dass ich dort anfing zu studieren.

Uppsala ist eine kleine gemütliche Stadt ungefähr eine Stunde von Stockholm. Das Zentrum ist ziemlich klein, nur zwei sich kreuzende Strassen und mittendurch fliesst ein kleiner Bach (Fluss?). Es sieht ein wenig altertümlich aus und romantisch. Die dominierenden Gebäude sind der Dom (siehe Bild), die schöne Universität, das grosse Schloss und die Universitätsbibliothek "Carolina Rediviva" wo man die Silberbibel, den "Codex Argenteus" findet (nach dem 30-jährigen Krieg von den grausamen Schweden von Prag als Beute heimgeführt ). Man sagt oft aus Spass: alles Sehenswerte was es bei uns gibt ist gestohlen. ;-)

Wie du schon weißt wohnten wir zuerst in einer Mietwohnung ein paar Kilometer vom Zentrum. Es war bequem, aber auch etwas schwierig, weil wir ja unsere beiden Katzen mitgebracht hatten. Es gab mehrere Hochhäuser ganz in der Nähe, in denen viele Studentenwohnungen eingeräumt waren, aber unser Haus grenzte an ein Villenviertel mit schönen Gärten. So konnte ich von meinem Schreibtisch aus die Natur betrachten und die Jahreszeiten verfolgen.
Wir hatten unsere Freunde in Stockholm mit Umgebung zurückgelassen, aber es dauerte nicht lange, bevor Tante sowohl wie Onkel wieder neue Freunde gefunden hatten und wie es sich eben gehörte, originelle oder vornehme, manchmal sogar beides in derselben Person.

Als "gute" Katholiken gingen wir Sonntags in die Messe, in eine kleine Kapelle, die immer voll besetzt war. Es war wohl mehr ein soziales Verhalten als Religion, obwohl meine Eltern das nie zugegeben hätten. Nach der Messe stand man ziemlich lange vor der Kirche und unterhielt sich mit den anderen Kirchenbesuchern. Ich sehe sie noch vor mir, meine liebe Tante. Gross und elegant, schien sie irgendwie der Mittelpunkt zu sein. Es war fast wie eine grosse Familie. Und natürlich liess mein Onkel seinen Charme auch über die Nonnen fliessen. ;-) Ein paar Patres und Nonnen waren auch immer dabei. Sie wohnten alle im selben Haus und die Nonnen führten den Patern den Haushalt. Ich musste meine Vorstellung von Nonnen damals sehr revidieren. Sie schweben nicht in den Wolken (wie ich geglaubt hatte), sondern stehen alle fest mit den Beinen auf der Erde.

Da ich zu Hause wohnen konnte, war ich nicht so sehr auf die anderen angewiesen. Ich hatte bald ein paar neue Freunde unter den anderen Studenten, aber vor allem in der Gruppe von katholischen Akademikern. Sie waren sehr verschieden. Manche wie ich, manche warm religiös und dann noch die Konvertiten, die mir immer ein wenig überspannt vorkamen, weil sie alles so ernst nahmen. Ich war dann auch Sekretärin in dem katholischen Akademikerverein (AC)und wir arrangierten Vorträge, Veranstaltungen und Feste. Ausserdem hatten wir jeden Sonntagabend "Open House" für die Studenten. Man diskutierte viel über Gott und die Welt (meist über die Welt) und vielleicht kamen einige doch mehr wegen der schönen Mädchen ... Kurz gesagt, wir amüsierten uns köstlich. Und alles unter klerikaler Aufsicht ;-)

Dann hatte ich eine Freundin, die etwas speziell war. Ich glaube, sie war so 26 (ein schrecklich hohes Alter in meinen Augen) und mit einem bedeutend älteren Professor in Geschichte an der Uni verheiratet. Nach den Vorlesungen brachte sie mich ab und zu in ihrem Auto nach Hause und wir wurden gute Freunde. Sie war schön und fröhlich, aber sie kam mir etwas einsam vor und ich glaube, sie muss sich gelangweilt haben. Manchmal war ich zu "Damentreffen" (?) bei ihr eingeladen und ich sag dir, so langweilige Typen wie es da gab, habe ich später im Leben kaum gesehen. Schöner waren die grossen Feste, zu denen sie mich einlud. Sie fanden meist in dem Festsaal einer Studentennation statt mit hunderten von prominenten Gästen. Professoren, Regierungsmitglieder und dergleichen und dann wir junge Studenten, die wohl ihretwegen eingeladen waren. Es war ein komisches Gefühl, mit einem wilden Aussenminister zu tanzen oder sich mit einem Professor, dessen blosser Namen jedem Studenten Schreck einflösste, über Kellereinbrüche zu unterhalten. :-)

Eine andere Freundin war Pianistin und manchmal gingen wir zusammen mit einem jungen werdenden Opernsänger in eine Nation. Sie setzte sich an den Flügel und begleitete ihn, während er Schubertlieder oder irgendeine Arie sang. Ich war das begeisterte Publikum.
Ach, es war wirklich schön.

Und vielleicht muss ich dir auch von Peter erzählen. Er war Mathematikstudent und wohnte bei einer alten (uralten!) Majorin. Er gab oft schöne Feste bei sich zu Hause. Bei solchen Gelegenheiten durfte er ihren grossen schönen Salon verwenden. Die Mädchen beklagten sich, dass sie ihn nie am Telefon erreichen konnten, weil die Majorin immer sagte er sei nicht zu Hause. Aber wenn sie sagten, sie seien Marlena, holte sie ihn sofort ans Telefon. Er bekam ständig Anrufe von Marlena aber nie von mir. :-) Du hattest recht. Ich war ein "Schwiegermuttertraum" ;-)

Damals gab es noch keinen Computer, aber die Schneckenpost funktionierte ausgezeichnet.
Doch darüber ein anderes Mal.
Ich muss zurück in die Gegenwart.
KKK
Marlena

 

 

 

SMS

  





gestern schrieb mir
mein Leben
es hätte lange genug
auf mich gewartet
nun sei es
ohne mich abgefahren


(Isabella Kramer) 


Dienstag, 20. Mai 2025

Buona notte ...

 

den 16 maj  00:24  (Jahr 1)
Buona notte ...


Lieber ...,
Es ist schon wieder spät geworden - wann wird es das nicht bei mir? Ich habe eine CD mit Schubert aufgelegt und so fühle ich mich noch näher bei dir.
Hoffentlich warst du nicht zu sehr enttäuscht von der CD mit Vaya con Dios. Ich höre sie gern, aber nur wenn meine Stimmung dazu passt. Es steht ein wenig über die Gruppe in dem kleinen Folder in der CD und da kannst du sicher auch die Namen der Musiker sehen.
Ach, du machst mir immer so viele Komplimente, dass ich am Ende ganz sicher bin, dass du einmal sehr enttäuscht wärst, denn niemand kann so perfekt sein, wie du mich machen willst :-)

Es ist bald elf Uhr und es beginnt ein wenig zu dämmern. Man merkt, wie die Tage immer länger werden. Im Fernsehen zeigt man jede Woche, wann die Sonne auf- und untergeht in den verschiedenen Teilen von Schweden und letzthin (ich glaube es war am Samstag), sah man, dass die Sonne schon jetzt eine halbe Stunde länger aufbleibt oben in Luleå im Verhältnis zu hier.




Es ist schade, dass wir gerade zu dieser schönen Jahreszeit so wenig Zeit haben, die Natur zu geniessen. Im Moment blüht überall der Flieder. Da erinnern wir uns immer an den Schuster,  der um diese Jahreszeit ein Schild an seine Tür hängte mit den Worten: "Geschlossen zwischen Traubenkirsche und Flieder". Manche Jahre bekommt er nicht viel Urlaub :-)

*
Wie schön du mir von dem Abend bei euch erzählt hast. Es freut mich so sehr, wenn du das tust, denn auf diese Weise lebe ich fast doppelt. Ich habe wirklich manchmal den Eindruck, dass ich zwei parallele Leben lebe. Und so kann man wohl sagen, dass ich nicht die kurze Zeit vergeude, die uns gegeben ist. Manchmal kommen mir auch Bedenken dabei. Denn wenn ich nun schon unfreiwillig gegen den § 5 verstosse so möchte ich wenigstens verhindern dass ich es auch gegen die übrigen tue. Manchmal denke ich wie schön sicher es doch war in diesem Gefängnisturm...und nun sind wir ausgebrochen und stehen auf dem minierten Feld und ich weiss nicht wohin ich treten soll...
*
Es war ein sehr schönes Fest am Freitag Abend. Åke hielt es bei sich zu Hause und er hatte ein wunderbares Mittagessen für 30 Personen gekocht. Ich wurde vor dem Haus abgeholt damit ich ja nicht auf die Idee kommen sollte mein Auto zu nehmen und so konnte ich auch den "välkomstdrink" und später auch den guten Rotwein geniessen. Die Stimmung war zeitweise sehr hoch und wir lachten, dass sich fast das Dach erhob. Man konnte sich setzen wie man wollte und zum Glück kam ich an einen Tisch mit lustigen Leuten, mit denen man sich leicht unterhalten konnte. Neben mir links sass ein seit einigen Jahren pensionierter Kollege. Einer von dieser seltenen Sorte, die noch eine gediegene klassische Bildung besitzen und ausserdem sehr spirituell ist.. Er ist auch sehr vermögen und sehr geizig (eine nicht ungewöhnliche Kombination) :-) Er erzählte, dass er jetzt eine Anstellung als Kirchenältester hätte, worauf ich sagte: "Da stiehlst du sicher aus der Kollekte". Nein, nein, meinte er. Ich werde dir sagen, was ich mache. Ich lege das ganze Geld auf ein Tablett, gehe hinaus, schau zum Himmel hinauf und sage "Herr nimm was du davon haben willst und ich nehme was übrig bleibt" Dann zeigte er wie er das Geld in die Luft wirft. Nun muss man ihn vor sich sehen können, um richtig zu verstehen, wie lustig das aussah. Er stammt von Wallonen und hat grosse braune Augen, die dann vor Unfug leuchten. Ich wollte dir auch von anderen Leuten erzählen, aber das habe ich schon in Gedanken getan und ich möchte mich nicht wiederholen ;-)

Åke hat auch eine schöne Rede an mich und meinen anderen Kollegen (dessen Geburtstag wir eigentlich feierten) gehalten. Er sprach von Dingen die ich fast vergessen hatte und ich fühlte mich sehr geehrt. Ausserdem hat er ein paar schöne Lieder zur Gitarre vorgetragen. Das junge kanadische Mädchen in unserem Arbeitszimmer hatte grosse Torten gebacken zum Kaffee nachher und wir bekamen Blumen und Geschenke. Ach, es war ein schöner Abend. Man sollte öfters feiern, nur leider fehlt uns besonders in den letzten Wochen des Schuljahres eben die Zeit dazu. Hier hört der Unterricht am 9. Juni auf. Danach haben wir noch eine Woche Konferenzen vor den Sommerferien. Und dann kommt eine harte Zeit für Mausfreunde. Ach, chéri, wie soll ich das nur aushalten, so lange von dir entfernt zu sein.

Du hast recht, ich fühle mich irgendwie sehr verwandt mit dir. Unsere Jugend mit einer neuen Mutter als wir Kinder waren, aber auch später im Leben. Du darfst nicht glauben, dass deine Worte nicht zu mir dringen.. Und mit jedem Mail bindest du mich fester an dich. Du vergisst doch nicht "on devient responsable de ce qu'on apprivoise".

(---)

Ich habe noch viele Fragen von dir zu beantworten. Ich werde es nach und nach tun. Hab Geduld mit mir, bitte. Bald habe ich weniger Stress im Beruf und dann werde ich die nötige Ruhe haben, ausführlicher zu schreiben.
Jetzt muss ich dich für heute 
verlassen (schon Morgen?).

Ich wünsche dir einen angenehmen Tag
In Sehnsucht und Maladi
Marlena

Vatikan und Schweizergardisten

 



Es ist natürlich eine merkwürdige Berufung, Gardist zu werden. Und ich glaube, sie haben heute Mühe, noch genügend Rekruten zu finden. Es gibt viele Studenten, die einfach während der Ferien nach Rom reisen, um dort ein bisschen als Gardist in der Hitze herumzustehen und um nach den Mädchen und dem Papa zu schauen ;--).
Der Stato della Città del Vaticano ist der kleinste Staat der Welt. Er ist sogar noch kleiner als die Schweiz. Und die Schweiz ist schon sehr eng, so dass jeder dem anderen ins Gärtchen sehen und auf die Zehen stehen kann. Ich glaube, der Vatikan ist die letzte absolute Monarchie, ein totaler Anachronismus auf dieser Welt. Ein Relikt aus der Zeit des Absolutismus, als es noch Sonnenkönige und solch gloriose Häupter gegeben hatte. Der Papst ist der Souverän und das Oberhaupt der Weltkirche. Er ist Bischof von Rom und oberster Priester, dh Summus Pontifex der universalen Kirche. Er ist im Grunde genommen ein Nachfolger der römischen Kaiser. Und die waren bekanntlich nicht sonderlich geistliche Einrichtungen. Einmal habe ich von einem katholischen Geistlichen eine hübsche Definition des Vatikans respektive der katholischen Kirche gehört. Er hat gesagt, die katholische Kirche sei eine absolute Diktatur gemildert durch die Unfolgsamkeit der kleinen Priester.
Es ist schon sonderbar, dass es heute noch so etwas gibt wie den Vatikan. Ich behaupte immer, es sei die älteste Firma der Welt. Es ist eine riesige und absolut superreiche Organisation, und sie wird von ein paar überalterten, greisen bis senilen Männern geleitet, die zudem oft noch etwas homophil sind. Er ist wirklich komisch, dieser Vatikan, und wenn es ihn nicht gäbe, dann müsste man ihn schnellstens erfinden.
Ich freue mich darauf, ihn wieder zu besuchen. Es gibt soviele schöne Bilder und Dinge zu sehen. Und es wirkt alles so enorm katholisch. Es ist der intimste Punkt dieser grossen Weltkirche. Es ist sozusagen das Schlafzimmer der katholischen Kirche. Es ist das, woher alles kommt, im Guten wie im Schlechten.
Und vor den Eingängen stehen die farbigen Svizzeri, die Gardisten, mit ihren malerischen Uniformen und stehen da so treu und ruhig, wie nur Schweizer dastehen können. Wir werden einen lustigen Witz machen und ihnen zuzwinkern, wenn wir an ihnen vorbeigehen.
Ach, es ist, als wäre ich schon dort.

...





April 2014


Re: kleines Selbstgespräch

 




Ämne: RE: donnerstags.. nochmals
Datum: den 24 juni 


Lieber ...,
Danke für dein schönes langes Mail. Was das Meer bei Sorrento betrifft so kann ich eigentlich nicht verstehen, wie man in solchem Wasser baden kann. Und doch zogen täglich ganze Heere zum Strand hinunter. Und die Felswand, die du erwähnst, hatten wir gerade vor unserem Fenster. Immer so gegen 5 Uhr abends sah man diesen Lemmelzug von Menschen die Treppen hinaufsteigen. 



Wenn man oben war, befand man sich mitten im Zentrum. Und auf der anderen Seite des Hotels hatte man den schönen Blick über das Meer. Aber wie gesagt, der Strand war eine grosse Enttäuschung. Ich konnte für mein Leben nicht begreifen, wie man sich dort niederlassen konnte und schon lange nicht, dass jemand in das unfreundliche, schmutzige Wasser steigen wollte. Ich bin mal dort gewesen, weil Anna gern baden wollte.. aber auch sie fand es ziemlich ungeniesbar.

Die engen kleinen Strassen und Plätze waren abends voll von Leuten, meist englischen Touristen, von denen ich vermutete, dass sie nun gekommen waren um ihre schönen Jugenderlebnisse wieder zu erleben. Ich glaube, dass sie in jungen Jahren, damals als Sorrento und die Amalfiküste der Taumelplatz der europäischen Jet-set war, ihren Sommer dort verbracht haben.
Aber tanzen konnten sie, die alten Eidechsen (Echsen). Am Abend, auf der Terrasse des Foreigners Club, mit Blick über das Meer und den Sternenhimmel, hatte man den Eindruck, dass sie ihre Jahre wie einen schweren Mantel ablegten und wider lebendig wurden.

Schön, dass du etwas an der Wand hast, was dich an mich denken lässt. Aber was sagt deine Familie dazu? Sicher schauen sie auch hinten auf die Karte. Hatte ich genügend neutral geschrieben? :-) Die sich küssenden Elche hast du sicher verstecken müssen. *s*

Ich lebe in einer glücklichen Zeit und ich versuche zu tanken für andere Zeiten. Doch im Moment fühle ich nur wie herrlich es ist frei zu sein. Ich habe eine lange Zeit mit mir selbst gekämpft um schliesslich dann diesen Entschluss zu fassen. Und jetzt bin ich froh und denke, dass ich richtig gewählt habe.

Es hat geregnet auf dem Weg hierher und nur ab und zu brechen plötzlich ein paar helle Strahlen durch die schwarzen Gewitterwolken. Ich glaube, wir werden uns jetzt sofort auf den Heimweg machen. Es war schon ziemlich viel Verkehr auf den Strassen. Der Midsommarverkehr kann gefährlich sein. Und am schlimmsten waren alle diese Schnecken, an denen man schwer vorbeikommt. Ich meine Autos mit Wohnwagen. Auch einige deutschregistrierte Autos habe ich schon gesehen. Vielleicht wollen sie den schwedischen Midsommar hier feiern.

So lasse ich dich  wieder.
LGuKuS,
Malou




Montag, 19. Mai 2025

Kleines Selbstgespräch

 

Liebe Malou
Puh, heute habe ich lange geschlafen. Ich habe mir eine Reserve geschaffen für die nächsten 14 Tage. Ich könnte also gut und gern die nächste Zeit nächtelang an Bars und zwielichtigen Orten herumtreiben, bis mein Schlafreservoir aufgebraucht wäre. Aber das ist doch wohl auch nicht die Lösung.
(---)
Hier ist es kühl, bewölkt und regnerisch. Es ist unfreundlich, die Sonne blinzelt zögerlich und verschämt manchmal kurz zwischen den schweren Wolken hindurch. Es ist - alles in allem - nicht das, was man sich von einem anständigen Juni wünschte. Es ist so windig, wie man sich einen kühlen Vormittag an einem nordischen Meeresstrand vorstellt.

Habe ich Dir schon über meine Erfahrungen mit nordischen Meeresstränden erzählt? Na, so viele sind es auch nicht. Aber doch einige. Die wichtigsten stammen aus meiner Studentenzeit in England. Dort hatten wir den gesamten Strand in Bornemouth zur Verfügung. Und das war auch ziemlich in Ordnung. Mindestens an schönen und warmen Tagen. Es gibt doch da dieses Pier, wo man hinausgehen kann. Draussen ist wohl ein Restaurant und ein kleines Casino vielleicht. Ich war nie wirklich dort draussen, denn ich hatte mir immer gedacht, das würde Geld kosten. Und soviel Geld hatte ich nicht zur Verfügung.
Ich trieb mich also mit meinen Kollegen am Strand herum. Nun muss man wissen, dass die Walliser zu jener Zeit von Meer und Wasser und Strand keine blasse Ahnung hatten. Die meisten waren wohl kaum schwimmen gegangen. Ich hatte einige Erfahrung, von unseren Sommerferien in Italien. Und genau dies war es, was meine Erfahrungen hier in England prägten. Verglichen mit einem schönen italienischen Strand mit wunderbarem hellem Sand und klarem seichtem Wasser war der Strand von Bornemouth die pure Geröllhalde. Statt Sand eine mehr oder weniger steinige Fläche. Statt Sonne wiederkehrende Bewölkung mit Wind, so dass diese weissen Schäumchen auf den Wellen erschienen. Statt hübsche lachende Italienerinnen im Bikini etwas sonderliche und klapperige Engländer auf ihren Campingstühlen, unsorgfältig gekleidet in einem flatternden Hemd, Zeitung vor dem Gesicht, auf dem Arm ein Tatoo, leichter Sonnenbrand auf der Stirn. Und auf der Strandstrasse viele Leute in Kleidern, auch viele Rockers damals mit ihren Höllenmaschinen. Kurz und gut: ein englischer Strand war mit einem italienischen überhaupt nicht zu vergleichen. Er war, im Grunde genommen, die totale Enttäuschung. Und dabei habe ich noch nicht geschildert, wie es war, wenn man vorsichtig über diese spitzen Steine für ein paar Minuten ins trübe kalte Wasser gestiegen ist. Es war die reine Rosskur. Ich meine, wenn man alles in Rechnung stellte, so wurde man eher vom Strand vertrieben, als dass er einen hätte anlocken können mit irgendwelchen südlichen und süssen Versprechungen. Ich erinnere mich, dass für einen oder zwei Tage unser Lehrer zu Besuch kam. Er sass den ganzen Tag auf einem Stühlchen am Strand, las irgend einen Schmöker und rauchte seine Pfeife, um unter den Engländern nicht zu sehr aufzufallen. Nein, um ein paar schöne Tage am Strand zu haben, muss man nicht nach England fahren.
Heute würde ich das vielleicht anders sehen. Heute könnte ich wahrscheinlich auch dem Wasser entlang im Wind wandern und die Aussicht übers Meer geniessen. Vor allem die Weite ist ja immer wieder schön, wie wir sie hier in der Schweiz nicht haben. Diese weite Sicht über das Wasser, die sich irgendwo in der Ferne verliert und an keinem fixen Punkt festmachen lässt, ausser vielleicht in einem glücklichen Moment an einem winzigen Schiff, das irgendwo in der Ferne dahin zu dümpeln scheint, diese Sicht ist wunderbar. Ist es nicht so, dass der weite Raum nicht auch den Eindruck von viel Zeit verschafft? Die räumliche Weite schafft auch eine ruhige Zeit. Vielleicht ist es das, was ich so liebe. Ich mag Aussichtspunkte, von wo man in die Weite sieht. Das gibt eine Art philosophische Position vis-à-vis unserer Welt. Alles erscheint dann irgendwie wohl gefügt und in Ordnung. Ich kann mir schon vorstellen, dass der liebe Gott mit seinem Werk zufrieden war. Er hat es sich ja nicht aus der Nähe angeschaut, sondern aus Distanz, mit einem generösen Überblick. Wenn man sich die Details anschaut, dann könnte man schon das eine oder andere bemäkeln, nicht wahr. Aber der ferne Blick des lieben Gottes verschafft ihm sozusagen ein impressionistisches Bild. Ein Bild nämlich, mit dem ein Kurzsichtiger in die Welt blickt. Es schaut alles hübsch und luftig aus, weil er nicht so genau sehen kann. Die Details würden ihn wohl erschrecken.
Vielleicht ist der liebe Gott wirklich ein bisschen kurzsichtig?

Ach, ich bin irgendwie in eine Thematik geraten, von der ich nicht weiss, was ich Dir damit bieten könnte. Alles ist von unserem momentanen windigen Wetter ausgegangen. Und ich glaube, dass Du diese Art des englischen Wetters sehr gut kennst. Aber Du weißt auch, wie es sich am Mittelmeer anfühlt. Seid Ihr in Sorrent auch schwimmen gegangen? Wenn ich mir das Foto anschaue - es hängt, wie Du weißt, immer noch an meiner Wand -, so habe ich den Eindruck, der Ort sei so alt und schick, dass man gar nicht fürs Bad eingerichtet sei. Der Ort stamme nämlich aus einer Zeit, da man noch nicht im Meer zu baden wagte. Die Gäste, alte zitterige Adelige an eleganten Stöcken und aufgetakelte Jungfrauen wandeln in kleinen Schritten durch die engen Strässchen und promenieren auf der Terasse über dem Meer. Aber niemals würden sie sich auch nur einen Zentimeter ihrer Haut in diesem Meer feucht machen. Niemals! Und die Gefahr kann auch gar nicht aufkommen, denn der Ort ist durch eine Felswand vom Wasser getrennt. Man sieht das Wasser aus der Höhe, und niemals ist es blauer und einladender, als aus dieser Perspektive. Aber die Greisinnen und Greise geraten nicht in Versuchung, denn sie stehen oben am Geländer und lassen sich den Wind durch ihr schütteres Haar streichen.

Vielleicht ist das schon die Ferienstimmung, die mich zu solchen Gedanken treibt?

Ich muss mich aber vorläufig noch hier in unseren Breiten zufrieden geben. Vielleicht fahr ich mal, zwischendurch, für einen Tag ins Wallis. Ich möchte mit meiner neuen Kamera ein paar Bilder schiessen. Vielleicht kann ich dann wieder mal malen. Ich muss unbedingt den Einstieg zurück finden jetzt in die Malerei. Unbedingt! Es ist lustig, wie ich bei solchen Unternehmungen immer wieder im Mittelwallis lande. Ich glaube, dort ist das Wallis am schönsten. Oben, im deutschen Teil, ist es steiler und enger, irgendwie karger und härter, eben so, wie die Oberwalliser sind: etwas holperig und eckig, aber so lieb und loyal wie nirgendwo sonst in der Schweiz. Im Mittelwallis wird das Tal dann breit und die Bergrücken mild. Und abends, wenn die Hänge über Siders hinauf bis Montana mit den vielen kleinen Lichtlein zu scheinen beginnen, so ist dieser Lichterteppich so wunderschön und zart ungefähr wie jener, den man von Shemiran herunter erblickt, wenn man in der warmen Nachtluft auf der Terasse einer dieser noblen Villas steht und die Millionenstadt Teheran vor sich betrachtet. Aber natürlich ist der Teheraner-Teppich unendlich weit und in einer Ebene unter einem klaren Sternenhimmel ausgerollt, während jener von Montana mehr oder weniger vor uns und genau genommen ziemlich klein an der Alpenwand hängt. Beide Male geht aber der Lichterteppich ziemlich nahtlos in den Sternenhimmel über.

Es ist so kühl heute, dass ich mir eine grosse Portion Tee gebraut habe, um mich ein wenig aufzuwärmen. Hagebuttentee! Kennst Du ihn, Malou. Er wird von Rosenblüten gemacht und schmeckt ein wenig säuerlich. Ich mag die Säure. Bestimmt kennst Du ihn!

Ich glaube, ich muss dieses kleine Geplätscher beenden. Es gibt nicht wirklich ein Thema, schon gar nicht eine Botschaft, wie man immer sagt. Es ist bloss ein kleines Selbstgespräch, irgendwie.
Ich wünsch Dir einen guten Tag
MLGK