Liebe Malou
Puh, heute habe ich lange geschlafen. Ich habe mir eine Reserve geschaffen für die nächsten 14 Tage. Ich könnte also gut und gern die nächste Zeit nächtelang an Bars und zwielichtigen Orten herumtreiben, bis mein Schlafreservoir aufgebraucht wäre. Aber das ist doch wohl auch nicht die Lösung.
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Hier ist es kühl, bewölkt und regnerisch. Es ist unfreundlich, die Sonne blinzelt zögerlich und verschämt manchmal kurz zwischen den schweren Wolken hindurch. Es ist - alles in allem - nicht das, was man sich von einem anständigen Juni wünschte. Es ist so windig, wie man sich einen kühlen Vormittag an einem nordischen Meeresstrand vorstellt.
Habe ich Dir schon über meine Erfahrungen mit nordischen Meeresstränden erzählt? Na, so viele sind es auch nicht. Aber doch einige. Die wichtigsten stammen aus meiner Studentenzeit in England. Dort hatten wir den gesamten Strand in Bornemouth zur Verfügung. Und das war auch ziemlich in Ordnung. Mindestens an schönen und warmen Tagen. Es gibt doch da dieses Pier, wo man hinausgehen kann. Draussen ist wohl ein Restaurant und ein kleines Casino vielleicht. Ich war nie wirklich dort draussen, denn ich hatte mir immer gedacht, das würde Geld kosten. Und soviel Geld hatte ich nicht zur Verfügung.
Ich trieb mich also mit meinen Kollegen am Strand herum. Nun muss man wissen, dass die Walliser zu jener Zeit von Meer und Wasser und Strand keine blasse Ahnung hatten. Die meisten waren wohl kaum schwimmen gegangen. Ich hatte einige Erfahrung, von unseren Sommerferien in Italien. Und genau dies war es, was meine Erfahrungen hier in England prägten. Verglichen mit einem schönen italienischen Strand mit wunderbarem hellem Sand und klarem seichtem Wasser war der Strand von Bornemouth die pure Geröllhalde. Statt Sand eine mehr oder weniger steinige Fläche. Statt Sonne wiederkehrende Bewölkung mit Wind, so dass diese weissen Schäumchen auf den Wellen erschienen. Statt hübsche lachende Italienerinnen im Bikini etwas sonderliche und klapperige Engländer auf ihren Campingstühlen, unsorgfältig gekleidet in einem flatternden Hemd, Zeitung vor dem Gesicht, auf dem Arm ein Tatoo, leichter Sonnenbrand auf der Stirn. Und auf der Strandstrasse viele Leute in Kleidern, auch viele Rockers damals mit ihren Höllenmaschinen. Kurz und gut: ein englischer Strand war mit einem italienischen überhaupt nicht zu vergleichen. Er war, im Grunde genommen, die totale Enttäuschung. Und dabei habe ich noch nicht geschildert, wie es war, wenn man vorsichtig über diese spitzen Steine für ein paar Minuten ins trübe kalte Wasser gestiegen ist. Es war die reine Rosskur. Ich meine, wenn man alles in Rechnung stellte, so wurde man eher vom Strand vertrieben, als dass er einen hätte anlocken können mit irgendwelchen südlichen und süssen Versprechungen. Ich erinnere mich, dass für einen oder zwei Tage unser Lehrer zu Besuch kam. Er sass den ganzen Tag auf einem Stühlchen am Strand, las irgend einen Schmöker und rauchte seine Pfeife, um unter den Engländern nicht zu sehr aufzufallen. Nein, um ein paar schöne Tage am Strand zu haben, muss man nicht nach England fahren.
Heute würde ich das vielleicht anders sehen. Heute könnte ich wahrscheinlich auch dem Wasser entlang im Wind wandern und die Aussicht übers Meer geniessen. Vor allem die Weite ist ja immer wieder schön, wie wir sie hier in der Schweiz nicht haben. Diese weite Sicht über das Wasser, die sich irgendwo in der Ferne verliert und an keinem fixen Punkt festmachen lässt, ausser vielleicht in einem glücklichen Moment an einem winzigen Schiff, das irgendwo in der Ferne dahin zu dümpeln scheint, diese Sicht ist wunderbar. Ist es nicht so, dass der weite Raum nicht auch den Eindruck von viel Zeit verschafft? Die räumliche Weite schafft auch eine ruhige Zeit. Vielleicht ist es das, was ich so liebe. Ich mag Aussichtspunkte, von wo man in die Weite sieht. Das gibt eine Art philosophische Position vis-à-vis unserer Welt. Alles erscheint dann irgendwie wohl gefügt und in Ordnung. Ich kann mir schon vorstellen, dass der liebe Gott mit seinem Werk zufrieden war. Er hat es sich ja nicht aus der Nähe angeschaut, sondern aus Distanz, mit einem generösen Überblick. Wenn man sich die Details anschaut, dann könnte man schon das eine oder andere bemäkeln, nicht wahr. Aber der ferne Blick des lieben Gottes verschafft ihm sozusagen ein impressionistisches Bild. Ein Bild nämlich, mit dem ein Kurzsichtiger in die Welt blickt. Es schaut alles hübsch und luftig aus, weil er nicht so genau sehen kann. Die Details würden ihn wohl erschrecken.
Vielleicht ist der liebe Gott wirklich ein bisschen kurzsichtig?
Ach, ich bin irgendwie in eine Thematik geraten, von der ich nicht weiss, was ich Dir damit bieten könnte. Alles ist von unserem momentanen windigen Wetter ausgegangen. Und ich glaube, dass Du diese Art des englischen Wetters sehr gut kennst. Aber Du weißt auch, wie es sich am Mittelmeer anfühlt. Seid Ihr in Sorrent auch schwimmen gegangen? Wenn ich mir das Foto anschaue - es hängt, wie Du weißt, immer noch an meiner Wand -, so habe ich den Eindruck, der Ort sei so alt und schick, dass man gar nicht fürs Bad eingerichtet sei. Der Ort stamme nämlich aus einer Zeit, da man noch nicht im Meer zu baden wagte. Die Gäste, alte zitterige Adelige an eleganten Stöcken und aufgetakelte Jungfrauen wandeln in kleinen Schritten durch die engen Strässchen und promenieren auf der Terasse über dem Meer. Aber niemals würden sie sich auch nur einen Zentimeter ihrer Haut in diesem Meer feucht machen. Niemals! Und die Gefahr kann auch gar nicht aufkommen, denn der Ort ist durch eine Felswand vom Wasser getrennt. Man sieht das Wasser aus der Höhe, und niemals ist es blauer und einladender, als aus dieser Perspektive. Aber die Greisinnen und Greise geraten nicht in Versuchung, denn sie stehen oben am Geländer und lassen sich den Wind durch ihr schütteres Haar streichen.
Vielleicht ist das schon die Ferienstimmung, die mich zu solchen Gedanken treibt?
Ich muss mich aber vorläufig noch hier in unseren Breiten zufrieden geben. Vielleicht fahr ich mal, zwischendurch, für einen Tag ins Wallis. Ich möchte mit meiner neuen Kamera ein paar Bilder schiessen. Vielleicht kann ich dann wieder mal malen. Ich muss unbedingt den Einstieg zurück finden jetzt in die Malerei. Unbedingt! Es ist lustig, wie ich bei solchen Unternehmungen immer wieder im Mittelwallis lande. Ich glaube, dort ist das Wallis am schönsten. Oben, im deutschen Teil, ist es steiler und enger, irgendwie karger und härter, eben so, wie die Oberwalliser sind: etwas holperig und eckig, aber so lieb und loyal wie nirgendwo sonst in der Schweiz. Im Mittelwallis wird das Tal dann breit und die Bergrücken mild. Und abends, wenn die Hänge über Siders hinauf bis Montana mit den vielen kleinen Lichtlein zu scheinen beginnen, so ist dieser Lichterteppich so wunderschön und zart ungefähr wie jener, den man von Shemiran herunter erblickt, wenn man in der warmen Nachtluft auf der Terasse einer dieser noblen Villas steht und die Millionenstadt Teheran vor sich betrachtet. Aber natürlich ist der Teheraner-Teppich unendlich weit und in einer Ebene unter einem klaren Sternenhimmel ausgerollt, während jener von Montana mehr oder weniger vor uns und genau genommen ziemlich klein an der Alpenwand hängt. Beide Male geht aber der Lichterteppich ziemlich nahtlos in den Sternenhimmel über.
Es ist so kühl heute, dass ich mir eine grosse Portion Tee gebraut habe, um mich ein wenig aufzuwärmen. Hagebuttentee! Kennst Du ihn, Malou. Er wird von Rosenblüten gemacht und schmeckt ein wenig säuerlich. Ich mag die Säure. Bestimmt kennst Du ihn!
Ich glaube, ich muss dieses kleine Geplätscher beenden. Es gibt nicht wirklich ein Thema, schon gar nicht eine Botschaft, wie man immer sagt. Es ist bloss ein kleines Selbstgespräch, irgendwie.
Ich wünsch Dir einen guten Tag
MLGK