Mittwoch, 7. Mai 2025

Montagmorgen

 




... über die Theatervorstellung in Bern

Liebe Malou
Ach, das war ein nasses und kühles Wochenende. Erstmals habe ich richtig geheizt in meiner kleinen Wohnung. Ich hatte die Kälte nie so gespürt bisher, weil ich nie einen ganzen Tag lang zuhause gewesen war.
Am Samstag waren wir in dieser Vorstellung Penthesilea. Das Theater war gut besetzt, obwohl diese Art von Musik ja nicht jedermanns Sache ist. Meine auch nicht besonders. Es gab da keine echten Melodien, sondern eine Art Sprechgesang, bei dem einem manchmal die Frage aufkam: warum drücken sie sich nicht knapper und klarer aus? ;-)  Die Musik hatte hier die Funktion,  Stimmungen darzustellen. Und die Geschichte war ja mehr als tragisch und endete in einer blutigen Schlussszene, in der Penthesilea auf einem alten Rollstuhl blutige Koffern mit den Gebeinen Achilles' hereinfährt und sie sozusagen umarmt und küsst, so dass sie schlussendlich so blutig wie ein mit Ketchup vollgespritzter Hamburger dasteht.
B hat das alles gut gefallen. Und sicherlich war die klare Bühne sehr gut gemacht. Die Amazonen, allesamt tüchtige Frauen in langen dunkelblauen Mänteln haben einen guten und kompakten Chor abgegeben. Wenn sie mit Pfeil und Bogen erschienen sind, konnte man fast ein bisschen zusammenzucken. Und am lustigsten war das Männerheer, eine Gruppe von vielleicht 20 Männern, echte Pistoleros, Cowboys, Sheriffs, ein englischer Soldat im Kolonialstil etc. etc., also ein lustiges und buntes Gemisch von verschiedensten Machotypen. Achilles hatte eine gute Stimme. Und zum Schluss ist er in weissem Anzug und Borsalino wie ein echter Geck dahergekommen. 
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Penthesilea

 



Liebe Malou 

Am Samstag werden wir die Oper Penthesilea besuchen. Sie hat sehr gute Kritiken.

"Penthesilea, Tochter des Ares, Königin der Amazonen, kam mit ihrem Heer dem Priamos zu Hilfe und fiel durch die Hand des Achilles."
Das steht in meinem kleinen Mythologischen Lexikon, welches ich hier im Büro zwischen den Germanischen Sagen und den Grimmschen Märchen gefunden habe. Es ist sozusagen die Gymnasiasten-Ausgabe und schwer zensuriert. Ich werde dann zuhause noch die Variante sabbernder Gelehrter nachlesen. 
 
Die Amazonen waren dieses Weiber-Volk mit eigenem Staat irgendwo drüben in der Nähe des Schwarzen Meeres. Penthesilea, eine Alpha-Dame mit diesem wunderschönem Namen, der die letzten 200 Jahre die erotischen Träume aller pubertierenden Gymnasiasten angefeuert hat, war deren Königin. Das Gerücht ging  um, die Amazonen hätten sich jeweils die rechte Brust wegschneiden lassen, um im Kampf mit Pfeil und Bogen nicht behindert zu sein. Das haben uns gar die prüden katholischen Geistlichen erzählt - ohne freilich genauer zu wissen, wovon sie redeten.. Periodisch musste sich also dieser antike Frauenverein überlegen, wie sie es mit ihrer Nachkommenschaft anpacken sollten. Schon damals war offenbar  Nachhaltigkeit ein Punkt der Traktandenliste! Und so haben die Amazonen alle paar Jahre blutige Raubzüge unternommen, um ein oder zwei Dutzend tüchtige fortpflanzungsfähige Mannsbilder zu klauen und heimzuschaffen. Den Fakten ins Auge schauend: wir haben es hier geschichtlich mit den ersten  'Samenraub' zu tun.
 
Die Amazonen sollen also dort unten am Eingang zum Bosporus irgendwie auch auf dem Schlachtfeld des Trojanischen Krieges aufgetaucht sein, um sich - auf beiden Seiten der Front notabene - die prachtvollsten Kerle herauszupicken. Gerade das vertuscht die Gymnasiasten-Variante. Man stelle sich das vor. Der Kampf zwischen Griechen und Trojanern tobt fürchterlich. Das Blut spritzt in respektablen Fontänen. Und dann kommt da  ein Heer von adretten einbusigen Damen herangaloppiert und mischt sich zielbewusst in die tobende und brodelnde Schlacht.
 
Als die Damen ihre Herren schon gebunden und für die Heimreise gestapelt  hatten, da erspäht Penthesileas Auge noch den absoluten Superstar .Achilles. Sie kann es natürlich nicht lassen. Und es entwickelt sich zwischen den beiden antiken Promis ein merkwürdiges und einzigartiges Liebes- und Kampfspiel, welches der gute Schoeck dann mit besonderem Vergnügen vertont haben soll. Er - Schoek - meint, "Küssen" und "Beissen" reimten sich auf sonderbare Weise.
 
Ja, klingt alles ein bisschen verwegen. Wir werden sehen, ob wir schweissgebadet wieder aus dem Theater herauskommen?
 
Liebe Gs und Ks
 
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Dienstag, 6. Mai 2025

Fortsetzung: ein Steak ...

 



Ich habe meinen Arbeitstag hinter mir und bin wieder zu Hause. Ein Hähnchen im Ofen verbreitet schon einen herrlichen Geruch und macht mich hungrig. Eigentlich tust du mir leid, dass du so lange Arbeitstage hast. Ist das bei allen so in der Schweiz?

Ich muss dir von heute Morgen erzählen. Du hattest mich was gefragt über die Sexualität der Männer und so fragte ich Anna ob sie findet, dass Jungen und Mädchen verschieden sind in dieser Beziehung. Die Antwort kam blitzschnell und ich musste lachen und verstand genau. Sie sagte: "Die Männer sind wie Lollo und sie tun mir fast leid dabei". Du weißt, wer Lollo ist? Unser kleiner Wellensittich. Er ist manchmal so liebeskrank, dass man glaubt, sein kleiner Körper würde kaputtgehen. Da er nicht an Issi ran kann, führt er oft einen veritablen Liebestanz auf vor dem kleinen Plastikvogel, den er in seinem Käfig hat. Es kommt so in Schüben (wie bei den Männern? ;-) und dazwischen ist er wieder ein ganz normaler kleiner Kerl. (Findest du mich schrecklich, wenn ich mich so ausdrücke?).

Du möchtest, dass ich dich beschreibe und dir die "vérité" sage? Nun, diese kenne ich ja nun sicher nicht ganz, aber den Eindruck, den ich von dir habe, brauche ich dir nicht zu verschweigen. Du bist vielseitig begabt, intelligent, humorvoll, einfühlsam (heisst es so?) und noch einiges mehr. Du hast mir selbst gesagt, du seist wie ein "Latino". Nun, was solche Männer sagen, nehme ich meistens mit einem Körnchen Salz. Es ist ihre Art und bedeutet eigentlich nichts. Doch weiss ich nicht sicher, wie es mit dir ist und so freue ich mich jedenfalls darüber, als ob es wahr sei und versuche es dann wieder zu vergessen. :-)
Wenn ich dich anstellen würde? Eines würde ich jedenfalls tun. Immer kontrollieren, ob du nicht mit jemanden während der Arbeit chattest. (Wahrscheinlich aus Eifersucht ;-)))

Wenn ich dich schon anstellen müsste, dann möchte ich Verlagschef sein. Ich würde dir ein fettes Honorar vorauszahlen, damit du dich dann ganz dem Verfassen widmen könntest und auch mehr Zeit hättest für deine künstlerischen Aktivitäten.
Sag, könntest du denn nicht eine kleine Sonnenanbeterin machen. Das würde ich hier eher gebrauchen. Übrigens: Mein PC steht natürlich nicht im Garten, obwohl ich hier einen schönen Blick auf den Garten habe. Hast du nicht das Bild von Ior gesehen mit der Wolke die gerade über ihm stand? Es war symbolisch gemeint.
Ich glaube auf keinen Fall, dass du anstrengend bist für deine Umgebung. Im Gegenteil bist du sicher ein Mensch, der immer viel Freude um sich verbreitet. :-)

Ich werde dir mal einen Arbeitstag etwas mehr eingehend schildern, damit auch du mich vor dir sehen kannst. Ich kann dich schon ziemlich gut bei deiner Arbeit beobachten.

Ich glaube, ich schicke dir dieses Mail nun, bevor du nach Hause gehst. Vielleicht schreibe ich noch eins später.

Muss nachsehen, ob ich etwas von dir finde. Hoffentlich!!!
Ach ja, ich erinnere mich, dass du heute irgendeine Sitzung hast. Schade!

Wünsche dir noch einen schönen Abend
Marlena

Danke für deine süsse Nachspeise! *freu*

Ein Steak??

heute - majestätisch
Lieber

Montag, 5. Mai 2025

Halo meine liebe Wand



Liebe Marlena
Ach meine Liebe, Du bringst mich echt in Not. Deine Mails sind zuckersüss und klitzeklein wie Surfin-Pralinen, aber ich brauch mal wieder ein echtes breites gepfeffertes Bergarbeiter-Steak, das mir ein  tüchtiges Fundament abgibt.          

Verstehst du meine Not? Der Turm bröselt dahin!

With one incentive & intensive kiss
und mach es gut, mein Turmfräulein
Gruss ...


Freitag, 2. Mai 2025

Neuer Pass und Orientierungslauf



Re: Sonne!
Liebe Marlena
Soll ich Dir gleich zu Beginn das Wetter schildern? Möchtest Du es wirklich wissen? Es war so lustig, als wir in Weggis im Hotel waren. Das Mädchen an der Reception hat uns immer alle Programme aufgezählt, und dabei immer die Gut- wie auch die Schlechtwetterprogramme berücksichtigt. Und draussen war es so ofenheiss, dass man sich ein schlechtes Wetter und einen Apero in einem geschlossenen Raum nicht vorstellen konnte.

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Gestern ist auch mein neuer Pass eingetroffen. Es gibt jetzt diese neue Version, etwas kleiner als die alte, und maschinenlesbar, wie man hört. Das scheint für die Amerikaner wichtig zu sein. Und natürlich habe ich in dieser neuen Variante keine alten Visa aus dem Iran. Ich will ja nicht, dass sie mich als islamischen Fundamentalisten verhaften, oder nur schon verdächtigen. Wie man hört, scheint immer noch eine einzige Hysterie zu herrschen in den USA. Und als ich mal hier in Bern die Botschaft anrief, hatte ich auch diesen Eindruck. Sie sind sehr vorsichtig und halten die Reglemente minutiös ein, weil jeder denkt, er könnte gefeuert werden, wenn ihm irgend ein zwielichtiger Typ durch die Lappen geht.
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Und hier in der Schweiz hat man festgestellt, dass die schwedischen Frauen im Orientierungslauf sehr stark sind. Wir hatten die Weltmeisterschaft am oberen Zürichsee. Und eine Schwedin ist in den ersten Rängen platziert worden. Ich nehme an, das liegt an den riesigen Wäldern die ihr habt. Da braucht es diese Fähigkeiten, die auch der Orientierungslauf erfordert: Zähigkeit, Orientierungskraft, Durchhaltefähigkeit, Laufkraft in unwegsamem Gelände, Wachheit etc. Ich habe sie immer bewundert, die Leute, die das machen. Und im Berufsleben stellte man fest, dass sie ausserordentlich tüchtige und erfolgreiche Menschen sind, denn sie sind es gewohnt, körperlichen Einsatz und Kopf miteinander zu kombinieren.
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Donnerstag, 1. Mai 2025

Ein Film über Varlin

 


Liebe Marlena

Gestern Abend habe ich im Fernsehen einen Film über Varlin gesehen. Das ist einer meiner lieben Maler, ein Schweizer aus Zürich. Ich habe Dir schon mal von meinem Varlin erzählt. Er hatte mit bürgerlichem Namen eigentlich Willy Guggenheim geheissen. Doch sein Händler hat ihm geraten, sich ein Pseudonym zuzulegen, denn Guggenheim werde zu sehr mit Geld und amerikanischem Judentum in Verbindung gebracht. Das war ein schöner Film. Ich habe erstmals seine Tochter Patricia gesehen, die er noch oft gemalt hatte als kleines, rundliches Monster, einmal hoch zu Ross auf einem weissen Karussel-Pferd thronend. Sie ist eine bescheidene Frau, gleicht ihrer Mutter, und hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Nachlass ihres Vaters zu verwalten. Deshalb hat sie Kunstgeschichte studiert.
Aber dieser Varlin war bis etwa 60 jährig fast ohne finanzielle Mittel. Er hat in seinen letzten Jahren Erfolg gehabt und viele Berühmtheiten porträtiert. Aber das war wirklich erst, als er nicht mehr jung war. Und doch hat er sein Leben lang hart an seinen Bildern gearbeitet, immer wieder. Es war eine Art Sisyphus-Arbeit. Und er hat diese Vergeblichkeit auch irgendwie in den Bildern zum Ausdruck gebracht. Er war einer der letzten romantischen Künstlernaturen in der Schweiz. Die heutigen Maler sind nicht mehr romantisch. Sie machen ihre Bilder wie business. Er hat noch seine ganze Existenz hineingeworfen.
Ich hätte immer gerne ein Bild von Varlin gehabt. Aber damals, vor etwa 30 Jahren, als in Aarau die grosse Ausstellung war, da hatte ich bloss meinen ersten Lohn. Und ein Bild wäre etwa drei Monatssaläre gewesen. Das konnte ich damals nun doch nicht. Schade.
Varlin hat ja mit ungefähr 60 eine Frau aus den Bergen geheiratet, die junge Franca aus Bondo im Bergell. Und schliesslich ist er mit ihr dort hinauf gegangen und ist dort oben, abseits von Zürich und der Welt, gestorben. Die grossen wie Dürrenmatt, Frisch oder Loetscher haben ihn dort oben besucht. Seine Tochter hat im Film erzählt, dass er das Leben im Dorf sehr genossen habe, obwohl es ihm keiner zugetraut hätte, denn nach Berlin, nach Paris und nach Zürich war Bondo wohl ein absolut verlorenes Nest.
Und sie hat noch etwas sehr schönes über ihren Vater gesagt. Sie meinte, sie hätte ihn nie als alten Vater erlebt. Er war um die 60, als sie geboren wurde. Aber er habe mit ihr gespielt und Blödsinn gemacht, wie alle anderen Väter. Und er habe später, als er krank war, nie etwas davon gezeigt. Irgendwie war er ein Lebenskünstler. Hat sich sein Leben lang darum bemüht, gute Bilder zu machen. Und war lange Zeit der einzige, der sie als gut befunden hat. Nein, nicht einmal das. Er konnte auf kleinste Kritiken reagieren und seine Bilder wieder ändern. Er hat auf Unsicherheit gebaut, hat Loetscher im Film gesagt.

...


Re:

Lieber ...,
Ich habe ein wenig im Internet herumgesucht und schau hier, was ich gefunden habe. Von diesem Film hast du mir doch gerade erzählt, oder?
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Varlin

Varlin, der Clown, Varlin, der zornige Kerl, Varlin der Querschläger. Varlin, der Vagabund, der es mit knapp zwanzig Jahren nicht mehr aushält in der Schweiz, der nach Berlin und Paris geht, um Maler zu werden, später dann lange Jahre in Zürich lebt und arbeitet, ohne sich zugehörig zu fühlen. Varlin, der im Alter erst zur Ruhe und aus den finanziellen Nöten kommt. In VARLIN porträtiert Friedrich Kappeler, der sich mit Dokumentarfilmen wie «Der schöne Augenblick», «Adolf Dietrich, Kunstmaler» und «Gerhard Meier Die Ballade vom Schreiben» den Ruf eines begnadeten Dokumentar-Porträtisten holte, den Schweizer Maler, dessen Bilder von zurückgehaltener Energie bisweilen zu zerplatzen scheinen. Die gutbürgerlich geprägte Schweizer Kunstszene kann zu Lebzeiten des Künstlers mit dem figurativ malenden Juden, der zudem noch freche Sprüche klopft, nicht viel anfangen. Freunde findet er vor allem unter Aussenseitern und Schriftstellern. In den Nachkriegsjahren macht sich Varlin, stets malend, auf ausgedehnte Reisen. Der Zürcher Szene immer überdrüssiger werdend, wird nach seiner Heirat mit Franca Giovanoli das Dorf Bondo im bündnerischen Bergell zum bevorzugten Wohnsitz. Hier schafft Varlin von 1963-1977 sein qualitativ und quantitativ herausragendes Spätwerk.

In seinem Film VARLIN lässt Regisseur Friedrich Kappeler den 1900 geborenen und 1977 verstorbenen Maler in Begegnungen mit dessen Bekannten und Verwandten, in seinen Bildern und Schriften wieder zu Wort kommen. Und was man da nebst bekannten Werken wie «Die Heilsarmee» und den Porträts von Hulda Zumsteg, Max Frisch, Hugo Loetscher oder Friedrich Dürrenmatt entdeckt, ist ein Mann voller Widersprüche. Ein mutiger und scharf denkender Künstler einerseits, ein unsicherer und verletzlicher Gefühlsmensch andererseits ein Maler, der mit Pinsel und Farbe die Pracht von Alltagsgegenständen, aber auch die Brüchigkeit der menschlichen Existenz einfing.

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In Dürrenmatts unmittelbarer künstlerischer Nähe gab es eine prominente Inspirationsfigur, die ihn in seinen eigenen dunklen Visionen bestärkte: der Künstlerfreund Varlin, dessen böse Bilder und Abbilder der Gesellschaft (so z. B. "Die Völlerei" und "Die Heilsarmee") zweifelsfrei ihre - schwarzen - Spuren in Dürrenmatts Malerei hinterliessen.

 
Die Völlerei

 
Dürrenmatt lernte Willy Guggenheim, genannt Varlin, 1961 in der Zürcher "Kronenhalle" kennen und blieb ihm bis zu dessen Tod 1977 freundschaftlich verbunden. Künstlerisch verkörperte Varlin für ihn den Typus des hartnäckig um und mit Realität ringenden figurativen Malers, der die Welt so (finster) sah, wie er sie porträtierte. Nicht weniger wichtig war für Dürrenmatt die Art und Weise der materiellen Realisation der Varlinschen Porträts und Geschichten auf dem Bildträger: wilde, zuweilen pastos-zerklüftete, zuweilen weiche, flächige Bildhäute; beschränkte Tonvariationen, dominiert von Schwarz, das seinen Schatten auch auf alle anderen Farben wirft - alles in allem die totale Absage an jegliche Ästhetik und Vollkommenheit.

Varlins Malerbrief aus Neapel aus dem Jahr 1963 beginnt mit einer Hymne auf die Farbe Schwarz als Zeichen für moderne, ungeschminkte Wirklichkeit:

"Schwarz, diese noble Farbe, die schon seit Plato Erkennen und Vergessen bedeutet, wurde von den modernen Malern in Reaktion auf sinnlich verlogene bourgeoise Farbensymphonien zur führenden Farbe erhoben. Ganz Kühne vermischen auf unpräparierten Kohlensäcken mit der Farbe noch Schutt und Dreck. Wundert man sich da, dass ausländische Maler im patinalosen Zürich nur zum Inkasso erscheinen und nach ein paar Gesprächen in der "Kronenhalle" sofort wieder verschwinden?"