Montag, 7. April 2025

Nochmals Filme

Subject: mimo

Date: Wed, 2 Apr

Liebe Marlena
Es ist dunkel draussen und regnerisch. Hat die ganze Nacht mehr oder weniger gestürmt. Ich nehme an, bei Euch oben schneit es jetzt, und Ihr seid bestimmt um Wochen zurückgeworfen in den Winter. Gestern abend war es noch ziemlich mild gewesen. Aber man konnte schnuppern, dass etwas in der Luft lag.
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Ja, da sieht man, wieviel Konsens über die Beliebtheit von Filmen herrscht. Es ist ja nicht ohne, dass man mit diesen Awards die öffentliche Aufmerksamkeit auf einzelne Stücke und Schauspieler lenkt. Gehört mit zum Geschäft. Und wenn ein Film gut ankommt, so ist er wohl immer so gut eingelegt im Zeitgeist wie die Gurke im Essig. Es gibt Filme, die kann man heute kaum mehr anschauen, obwohl sie damals grosse Erfolge waren. Und schliesslich gibt es so etwas, was man Kultfilm nennt. Sie sind wohl die Spitzen der Eisberge, die über einer Periode stehen und irgendwie repräsentativ für eben diesen Zeitgeist stehen. Denke an 'Der blaue Engel' (1930), 'Casablanca' (1942), 'High Noon' (1952), 'Bonnie and Clyde' (1967), 'Le Charme discret de la Bourgeoisie' (1972), 'Le dernier Tango à Paris' (1972), 'Schindler's List' (1993). *

Ich erinnere mich, wie wir im Gymnasium einmal über einen damals aktuellen Film diskutiert haben, und dies zwar in einer regulären Deutschstunde. Im einzigen Kino in Visp - genannt La Poste - war der Film 'Wem die Nachtigall schlägt' mit Grant als charismatischer Anwalt gelaufen, der einen Schwarzen zu verteidigen hatte. Doch die Diskussion war sehr mager, und heute denke ich, dass wir damals sehr wenig geübt waren, mit Geschichten umzugehen. Das ist eigentlich schade, und es ist auch erstaunlich, wo doch die meisten Lehrer Priester waren, und die katholische Kirche ein wahres Freudenhaus voller illustrer Geschichten darstellt. Es ist wirklich schade. Ich liebe Personen über alles, die mit Geschichten umgehen können, die erzählen und wiedererzählen, und vor allem, die gut erzählen. Meine Schwiegermutter ist so, ein Naturtalent. Sie stammt natürlich aus einer Zeit und Kultur, wo Geschichten das pure Leben sind. Leben ist dort nichts anderes als diese Geschichten, die dauernd erzählt und wiedererzählt werden. Wenn die Geschichten abbrechen würden, könnten die Menschen nicht mehr weiterleben. Sie leben in Geschichten wie die Fische im Wasser. Natürlich haben die Lehrer als katholische Priester da und dort eine Legende, eine Heiligengeschichte oder so was erzählt. Aber heute muss ich sagen, sie haben es nicht mit grossem Selbstbewusstsein getan. Auch sie haben schon gelebt unter diesem Eindruck, dass diese Geschichten doch eigentlich nicht sonderlich wahr sind, mindestens nicht wahr in unserem modernen Sinne, und dass es heute neuerdings viel Informationen gibt, die für junge Leute weitsaus wichtiger sind. Man hatte auch schon an unserer Schule Geschichten mit Informationen oder mit Nachrichten ersetzt. Ich denke, ich habe an dieser Schule eine sehr gute sprachliche Ausbildung genossen. Das merke ich noch heute, wenn ich mit Schülern bis hinauf ins Gymnasium über ihre sprachlichen Fertigkeiten und Kenntnisse spreche. Allein die Kenntnisse der Grammatik aus dem Lateinunterricht ist ein solides Fundament. Aber die Semantik der Sprachen, die Bedeutungen, damit haben wir uns nicht ganz so intensiv mit beschäftigt.
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Was kann ich Dir noch erzählen von meinem kargen Leben? Vielleicht, dass ich im Moment Mühe habe mit meiner Arbeit. Ich muss mich zwingen, dieses oder jenes zu tun, warte bis im letzten Moment, bis ich nicht mehr ausweichen kann. Es geht immer einigermassen, aber ich lebe irgendwie mit einem schlechten Gefühl, mit einem diffusen Hintergrund an Schuldgefühlen, nicht mehr zu tun, alles nicht schneller zu tun. Ich glaube, es fehlt mir an der Energie und der Kraft. Man sollte doch, wenn möglich, nicht mit Druck, sondern mit Zug leben. Man sollte, mit anderen Worten, sich die Ziele in den schönsten Farben und Formen ausmalen, so dass man geradezu automatisch dazu verführt wird, sie zu realisieren. Es wäre eine Lust, diesen Zielen näher zu kommen und man könnte kaum darauf warten, die Resultate zu geniessen. Aber dieses Ausmalen braucht viel Optimismus, und Optimismus braucht Kraft, und Kraft braucht eine gute physische Konstitution. So lasse ich mich zur Zeit vom Termindruck und von den Zwängen voranstossen. Stossen bewirkt immer sehr viel Reibung und Energieverlust. Man sollte segeln, nicht rudern, hat mal jemand gesagt. Zum Segeln bedarf es den weiten Blick, das Sensorium für Athmosphärisches und Metereologisches, die behenden Berechnungen zum Nutzen des Augenblicks. Rudern ist eine völlig andere Strategie des Vorankommens. Es erfordert bloss einen starren Blick vor sich hin (Indiz für einen sturen Willen) und zwei beträchtliche Dinge namens Biceps. Das genügt vollauf.
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Ich wünsche Dir einen schön verschneiten Frühlingstag
Mit einem lieben Gruss
...


Sonntag, 6. April 2025

Wo bleibst Du ???


Subject: Wüste!
Date: Tue, 01 Apr 23:57  (Fwd: 07 Apr)

Lieber ...,
Goldüberlaufen war dieser Tag absolut nicht. Schon früh am Morgen habe ich vergebens nach dem Wässerchen, meinem "Eau de Vie" gesucht aber alles war ganz trocken. Und dann, am Nachmittag und Abend konnte ich nicht von zu Hause ins Internet gehen. Telenordia hatte scheinbar grosse Probleme, denn nicht einmal via Telefonlinie hat es geklappt. Als ich jetzt am Abend wieder reinkam, fand ich immer noch nichts von meinem untreuen Mausfreund. Bis mir schliesslich der Gedanke kam, in der alten Mailadresse (eine Hotmail) nachzusehen. Und voilà! Da lag endlich etwas gegen den Durst.
*
Ja, du hast mich übertroffen in Geschwindigkeit. Hätte ich gar nicht von dir gedacht, da du doch sagst, dass du kaum mehr ins Kino gehst. Aber du warst auch nicht an erster Stelle.
Am Nachmittag hat Gudrun, eine liebe Kollegin, angerufen und sich bedankt für meine Gratulation. Ich hatte ihr eine Geburtstagskarte auf den Schreibtisch gelegt mit einer Kinokarte drin und dem Versprechen von Eskort zum Kino. Sie hat kein Auto und die öffentlichen Verkehrsmittel passen nicht immer so gut. Deshalb ist sie froh, wenn ich sie mitnehmen kann.

Nun, jedenfalls hatte sie sich ein paar Tage frei genommen, um in Stockholm mit ihren Geschwistern ihren Geburtstag zu feiern. U.a. war sie auch im Kino gewesen und hat, ja du rätst es schon, "Hours" gesehen. Sie war ebenfalls begeistert. Der beste Film, den sie je gesehen habe. So bin ich nun schon doppelt neugierig. ..

Der Regen schmettert gegen die Fensterscheiben. Ich hatte fast vergessen, wie das ist. Und den ganzen Tag hat es ziemlich gestürmt. Man sagt uns sogar Schnee voraus. Ein richtiges Aprilwetter also.



Meryl and Clint

Ja, Meryl Streep ist wunderbar. Ich denke besonders an einen Film mit ihr, der mir sehr gefallen hat. "Bridges of Madison County". Er schildert eine kurze Liebesgeschichte zwischen einem alternden Fotografen (Clint Eastwood) und einer verheirateten Frau mit einem langweiligen American Way of Life, wie du es nennst. Oh, du würdest den Film lieben. Vielleicht hast du ihn gesehen?
*
Es ist spät und ich sage dir gute Nacht. Komme morgen wieder, wenn ich nicht müde bin.
Wünsche dir einen goldenen Tag.
Marlena

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Auf Deinen Wortschwall ...

 

Subject: auf Deinen Wortschwall ...
Date: Sat, 5 Apr 10:46

Liebe Marlena
Da bist Du aber ziemlich wortkarg, nach Deinem Filmbesuch. Na ja, vielleicht ist es nicht gut, wenn man zu früh zuviel Lob hört. Und vielleicht hat wirklich das Popcorn gefehlt!

Und nun möchtest Du nochmals wissen, was mir dabei gefallen hat? Soll ich mich wirklich wiederholen?

Wenn ich nochmals über meine Erinnerung gehe, nach einer Woche, so könnte ich sagen:

1. Die Gesamtkomposition hat mir gut gefallen. Ich meine damit diese Verqickung dreier biographischer Szenen aus drei verschiedenen Zeiten von drei verschiedenen Orten verbunden durch eine literarische Quelle. Am Anfang des Filmes gibt es diese dramatischen Schnitte, mit denen über die drei Zeiten und Orte hin und her gehüpft wurde. Das ist ein gutes Spannungsmoment. Anders gesagt: die Erzählweise ist komplex. Es ist dieselbe Technik, die der tschechische Schriftsteller in seinen Romanen braucht. Die Kombination von verschiedenen Erzählsträngen ergibt neue Aussagen, die man mit einer Geschichte allein nicht machen kann. Der Zuschauer wird so nicht durch Identifikationen in den Strudel der Handlung hereingerissen, sondern bleibt in einer Metaposition. Er bekommt geradezu eine Sicht sub specie aeternitatis, eine göttliche Position mit einem Überblick über Orte, Zeiten und Handlungen. Und das ist, wie mir scheint, eine eigentlich literarische Position.

2. Ich glaube, dass es diese komplexe Gesamtkomposition erlaubt, die einzelnen Szenen völlig sinnlich und ohne allzu tiefsinnigen Text zu gestalten. Der Tiefsinn entsteht durch die Schnitte und die Kombinationen. So haben mir die vielen romantischen Szenen gefallen, der hübsche englische Bahnhof, der Park, jene wunderbare enge Gassenkurve in Richmont. Aber auch die New Yorker Szenen hatten viel Cachet. Stell Dir jenen Blumenladen vor, wo Meryl Streep ihre Sträusse für die Party holt. Sowas findest Du heute nur noch in Teheran.

3. Und wahrscheinlich hat mich dieses Thema der gegenseitigen Aufopferung berührt, der These also, dass wir Menschen uns gegenseitig opfern und hingeben können, dass das Leben eigentlich zwischen den Menschen ist, nicht in ihnen. Das ist eine Antithese zum modernen Individualismus und vielleicht ein Versuch auf die Frage: was ist ein glückliches Leben! Das Glück ist dann wohl eigentlich jenes unfassbare 'Dazwischen'. Und es ist bloss die Rückseite des Leides.

Na ja, man kann viel darüber spekulieren. Und um genauer zu interpretieren, müsste man den Film gleich nochmals sehen. Wie ich Dir gesagt habe, hat mich Meryl Streep mit den Küchenhandschuhen und ihrem wackeligen Hintern sehr gut gefallen. Ihr Gesicht hat die Geheimnisse eines halben Lebens angedeutet.
£*£
Und so sitze ich im Moment an diesem Samstagmorgen in meinem Büro. Klarer blauer Himmel, kühle Luft, die Bäume for dem Café gegenüber spriessen zartgrün, und die Leute sind wohl daran, ihre Osterhasten einzukaufen. Ich muss einige Sachen machen heute. Kann Dir gar nicht alle schildern. Es sind einige unangenehme dabei. Ich versuche, auf die Zähne zu beissen und unten durch.
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B. hat von Kreta geschrieben. Der Grundton scheint mir Allegro. Also durchaus optimistisch, so das nicht zu erwarten ist, dass sie gleich wieder zurückkehrt. Das wäre bei A. schon möglich, wenn ihr etwas ganz und gar nicht zusagt. Sie macht manchmal ziemlich absolute und endgültige Urteile. Nun ja, das ist das Privileg der Jugend, während wir Frühpensionisten hin und her denken und in einer Sauce von Kompromissen rühren.
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Nach all dieser Zeit bin ich zum Schluss gekommen, dass Du Marlena eine gute buchhalterische Ader hast. Und dazu gehört Skadenvadär sicherlich auch. Ich glaube, darin sind wir verschieden. Ich denke, dass Du im Geheimen oft rechnest und ordnest. Stimmt's? Und das ist sicherlich ein realistisches Moment in der heutigen Welt. Ich bin dagegen oft sehr fantasieverloren, träumerisch, eben, wie Du gesagt hast, nicht auf diesem Steinboden der Schweizeralpen. Ach ja, das ist ein bisschen Gerede.
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende
Mit lieben Grüssen
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 Re:   Auf Deinen Wortschwall ... (5. april)

Lieber ...,
Wie lieb von dir, trotz deiner Eile ein kleines Mail zu senden. So hat mein Tag gut begonnen. :-)
Bin zu Hause in der Lunchpause. Draussen sieht es warm und sonnig aus. Aber der Schein trügt. Vor allem ist es windig und das mag ich nicht besonders.

Ich glaube der Irakkrieg geht zu Ende. Jedenfalls hoffe ich, dass es bald vorüber ist und dass nicht noch mehr Menschen sterben müssen.
Und nun fangen sie an über die Nachkriegszeit zu diskutieren. Was bei dieser komischen Situation schon herauskommen wird. Blair und Bush scheinen sich nicht einig zu sein.
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G ist so erkältet, dass Åke und ich ihn gebeten haben nach Hause zu fahren. Er will am Wochenende nach London (wo seine Tochter wohnt) und muss sich so schnell wie möglich kurieren.
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Es ist Abend geworden. Bin etwas müde und lustlos heute. Weiss eigentlich nicht wieso. Aber es geht vorüber, wie alles hier in der Welt.
Du schreibst so wunderschön über den Film. Auch ich möchte ihn noch einmal sehen. Es ging alles ein bisschen schnell. Deine Gedanken zu dem Film sind interessant. Dieses sich Aufopfern für etwas oder jemanden. Vielleicht gibt es uns Existenzberechtigung. Und deine Idee, dass das Leben zwischen den Menschen ist.. natürlich ist es so. Es muss nicht einmal ein Mensch sein. Wenn du ein Gemälde betrachtest, spürst du das Leben. Es ist die Energie die dich mit diesem Objekt verbindet. Aber wo bleibt, bei deiner Theorie, die Seele eines Menschen?
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Ich habe mir ausnahmsweise eine Tasse Kaffee gemacht heute Abend. Aber sie schmeckt am besten am Morgen.
Du denkst, dass ich im Geheimen ordne und rechne? Ich habe Anna gefragt, und ich glaube nie hat sie so spontan laut gelacht. Das ist nämlich das Letzte, was man von mir sagen kann. Nur eben jetzt, in dieser Situation, wo ich nachdenken muss, ob ich überhaupt auskommen werde mit meinem Geld, falls ich früher gehen will, bin ich gezwungen etwas nachzudenken. Es würde mir nicht gefallen, wenn ich meine Spontanität oder Generosität irgendwie einschränken müsste. Gott bewahre mich davor!
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Ach, wie schön, dass du wieder einmal von Onkelchen erzählst. Und dein Kochen? Ich habe nur so gestaunt über deine Schilderung. ;-)  Fisch zu braten verlangt schon etwas können. ;-))
Ich denke eben, dass Onkelchen gern mal mit dir allein isst, weil er es sicher anstrengend findet, seine Hilflosigkeit vor einer Frau zu verbergen. Mit dir muss er das nicht tun.
Übrigens, hast du gemerkt, dass wir bei Pensionierung und Altertum gelandet sind? Wie lustig eigentlich. Denn wir sind doch wirklich noch nicht so weit, oder?
Mein Journalistfreund, den ich gefragt habe, wann er endlich seine Teenagerzeit verlassen wird, meint er ist "froh dass es noch ab und zu in seinen Gliedern zuckt, bevor er in die Kindheit mit Scheisse, Piss und Windeln zurückkehrt". Vielleicht hat ihn meine Frage beleidigt. Na ja, wahrscheinlich hat er auch die Serie, die im Altersheim spielt, gesehen. Es war deprimierend und es ist wirklich kein Dasein, nach dem man sich sehnt.
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Was hat dich besonders beeindruckt in dem Film?

 Ämne: Re: freitagmorgenwiedereinmal

Datum: den 4 april 13:50

Lieber ...,



Samstag, 5. April 2025

Kinobesuch und Gedanken über (oder Angst vor dem?) Ruhestand

 

Subject: freitagmorgenwiedereinmal
Date: 4 Apr 07:33


Liebe Marlena
Soviel ich weiss, solltest Du gestern schon ein Mail finden. Hast Du alle Deine Boxes abgesucht? Vielleicht habe ich es wieder in der Wohnung im 1.Stock abgegeben.
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Ich bin auch sehr gespannt, wie Du die 'Hours' erleben wirst. Ich stelle mir Dich vor, in der zweiten Reihe, in einen Plüschsitz verkrümelt, vor Dir eine riesige Tüte Popkorn, so dass es beim Knabbern nur so Knirscht und kracht. Es war lustig, als ich den Film gesehen hatte. Am Ende der Vorstellung verliess ich das Kino über eine Freitreppe, die direkt auf die Strasse hinunter ging. Ich war irgendwie noch so beeindruckt vom Film, dass ich mich auf dieser Strasse gar nicht orientieren konnte. Ich wusste rein logisch, wo ich war. Es war eine Zwischengasse, die man sonst selten begeht. Aber ich wusste nicht, in welche Richtung ich gehen sollte. Und ich war zu bequem oder zu abwesend, mir konzentriert zu überlegen, wo genau ich mich befand. Und ich spazierte mindestens 20 m, bis ich mich an einer bekannten Kreuzung wiederfand.
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Es ist hier ziemlich kühl geworden, obwohl der Himmel nur leicht bewölkt ist. Die Wärme des Vorfrühlings, die wir noch vor ein paar Tagen eingeatmet haben, ist wieder verschwunden. Heute Morgen sehe ich, wenn ich aus dem Fenster schaue, eine Reihe von Kaminen, die noch winterlich räuchern. Aber ich glaube, es wird schon noch. Wir müssen etwas Geduld haben mit dem Wetter.
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Auch ich bin ziemlich müde zur Zeit. In letzter Zeit erwache ich wieder frühmorgens. Und dann wälze ich mich im Bett und all die Dinge, die zu tun wären, gehen mir durch den Kopf. Ich bin hier auf unserem Dienst praktisch allein, der 100% arbeitet. Die meisten - es sind allerdings Frauen - arbeiten 50 oder 60%. Und auch die Männer tun das neuerdings. Einen hatte ich vor schon längerer Zeit getroffen. Er war frisch geschieden und hatte sich soweit erholt von seiner tiefen Depression, die ihn für ein halbes Jahr arbeitsunfähig gemacht hatte. Stolz meinte er an jenem Freitag, das wäre jetzt sein Waschtag! Und glücklich ging ich zurück in mein Büro.
Ich versuche mir immer wieder vorzustellen, wie es einmal sein wird, wenn ich pensioniert bin. Und ich gebe mir riesige Mühe, das nicht allzu schön auszumalen. Ich denke mir, wie mich die Langeweile plagt, wie ich mich ärgere, dass ich nicht mehr im Zentrum des Geschehens sitze, dass ich nicht mehr einmal pro Monat in einer Konferenz sitze mit dem Gouverneur, wo ich höre, was abgeht im Kanton. Ich bin dann, so meine Vorstellung, in die absolute Unbedeutsamkeit und Peripherie abgedrängt. Die Leute kennen mich nicht. Die jungen Menschen werden immer jünger und verrückter. Und auf dem Gehsteig, wo mir die Leute begegnen, schaut mich nicht mal einer an, wo ich doch danach lechze, den einen oder anderen zu grüssen. Das ist der Grund, weshalb ich manchmal alte Leute auf der Strasse demonstrativ, laut und freundlich grüsse. Das tut ihnen gut. Sie kommen aus einer Welt, wo jeder jeden auf der Strasse noch gegrüsst hat. Und in ihren Augen kannst Du sehen, dass sie immer noch diesen Reflex bereit haben. Sie wollen grüssen, aber keiner beachtet sie. Deshalb geniessen wir es, solange wir noch nicht in Pension sind. Es ist ein Privileg, arbeiten zu können. Soviele junge Leute sehnen sich nach einem Job, würden alles dafür geben. Und wir sitzen widerwillig auf unseren breiten Hochlehnern im Büro und träumen von der Pension. Das geht nicht!
So versuche ich mich immer wieder zu überreden, mit meiner heutigen Situation zufrieden zu sein.Ich muss mich ja auch nicht mehr zu Tode ackern, sondern kann die Arbeit gemächlich machen. Wenn nicht mehr alles perfekt ist, wird man es mir, diesem Kollegen im vorgerückten Alter nachsehen. So hoffe ich wenigstens.
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Was wir vermissen, ist eine gute Lebensphilosophie. Ich finde, ich habe wenig ältere Männer, denen ich abschauen könnte, wie man im vorgerückten Alter lebt. Mein Onkelchen ist eine Ausnahme, aber er ist jetzt doch schon etwas zu alt und gebrechlich. Ich denke jetzt eher an die Jahre zwischen 60 und 70. Ich muss mir dafür ein Konzept zurecht legen!!
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Trotzdem wünsche ich Dir einen schönen Tag
Grüsse







Dienstag, 1. April 2025

Fortsetzung 1. April

 

Liebe Marlena

Se non é vero, e ben trovato!

Bevor dein Schock total wird, möchte ich dich vorsichtig darauf hinweisen, dass das dieses erste Mail von heute ein Aprilscherz (APRIL-SCHERZ) ist. Habe ich heute morgen gerade noch rechtzeitig bemerkt, dass 1. April ist. Und so habe ich mir gedacht, ich könnte dich etwas aufheitern. Hast du was bemerkt? Hast du geglaubt? Stell dir vor 135cm, das wäre ja grässlich. Ich würde bei der Eisenbahn glatt mit einer Kinderfahrkarte durchgehen! Und ich würde im Alkohol enden, wie Toulous.Lautrec. Und der bei Grass hiess Oskar Mazareth (weiss nicht, wie sich das schreibt?), jetzt fällt es mir gerade wieder ein. Der war ja auch nicht gerade der glücklichste. Also, liebe Marlena, ich dreh mich jetzt von 75 wieder auf 100%, wenn du erlaubst.

Wie weit bist du mit der Arbeit? Trinken wir einen kurzen Kaffee zusammen und dann erzähle? Mélange, wenn du willst, wie in Wien.

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Geständnis



Lieber ...!

Du fragst nach meiner Grösse. Also gut: wenn wir die Champs-Elysées hinuntergehen, dann ist es bequem für dich, deinen Arm um meine Schulter zu legen. Du musst ihn nicht hinaufstrecken. Ich finde es schön bei solchen Gelegenheiten, dass du etwas grösser bist als ich. Dass die Schwedinnen 1.80 wären stimmt nicht, eher zwischen 1.65 - 1.75



Liebe Marlena

Nein, eigentlich wollte ich so genau von dir wissen, wie gross du bist, nun ja, wie soll ich dir das sagen, weil ich selbst eher klein bin. Ich habe vielleicht mal eine Grösse gesagt, aber ich muss dich enttäuschen, ich kann wohl nicht auf deine 175 oder so hinaufreichen. Meine kleine Statur hat es eben gemacht, dass ich gelernt habe, mich schriftlich auszudrücken. Mündlich komme ich bei den Leuten schlecht an. Sie nehmen mich nicht ernst. Verstehst du, Marlena, mit 135 spricht man aus der Froschperspektive. Da muss jedes Argument doppelt genäht sein, da sollte jeder Satz sitzen. Also, höchstens beim Sitzen könnte ich Dir meinen Arm um die Schulter legen. Denn was mir an Länge fehlt, fehlt vor allem an den Beinen. Das ist ein bisschen wie bei Toulouse-Lautrec, oder bei diesem kleinen Kerl da in Grass' Blechtrommel, wie hiess er schon. Allerdings trage ich keine Trommel herum, da kann ich dich beruhigen, meine liebe Marlena, und ich zersinge auch nur in Ausnahmefällen Gläser.. Du musst dir auch vorstellen, welches Bild wir auf der Champs Elysees abgeben würden!! Du in deiner ganzen wunderschönen Statur und ich daneben wie ein Mickey Mouse, in kleinen rasanten Schrittchen. Die Passanten würden sich doch nach uns umdrehen. Manchmal wollen si sogar Autogramme von mir. Da gehen wir doch lieber gleich in eines dieser Nobelrestaurants und ich lass mir einen Hochstuhl kommen. Meist haben sie ja diese Stühle für die Kinder. Die sind zwar etwas eng, aber meist komme ich ganz gut hin. Und wenn meine Beine erst einmal unter dem Tisch sind, dann sieht man mir das kaum mehr an. Dann müsstest du dich nicht mehr genieren.
Das meine liebe Marlena, wollte ich dir heute, speziell heute, noch kurz sagen.
Ich hoffe, du magst mich trotzdem als Mausfreund??
Mit einem schönen Gruss
...