Subject: auf Deinen Wortschwall ...
Date: Sat, 5 Apr 10:46
Liebe Marlena
Da bist Du aber ziemlich wortkarg, nach Deinem Filmbesuch. Na ja, vielleicht ist es nicht gut, wenn man zu früh zuviel Lob hört. Und vielleicht hat wirklich das Popcorn gefehlt!
Und nun möchtest Du nochmals wissen, was mir dabei gefallen hat? Soll ich mich wirklich wiederholen?
Wenn ich nochmals über meine Erinnerung gehe, nach einer Woche, so könnte ich sagen:
1. Die Gesamtkomposition hat mir gut gefallen. Ich meine damit diese Verqickung dreier biographischer Szenen aus drei verschiedenen Zeiten von drei verschiedenen Orten verbunden durch eine literarische Quelle. Am Anfang des Filmes gibt es diese dramatischen Schnitte, mit denen über die drei Zeiten und Orte hin und her gehüpft wurde. Das ist ein gutes Spannungsmoment. Anders gesagt: die Erzählweise ist komplex. Es ist dieselbe Technik, die der tschechische Schriftsteller in seinen Romanen braucht. Die Kombination von verschiedenen Erzählsträngen ergibt neue Aussagen, die man mit einer Geschichte allein nicht machen kann. Der Zuschauer wird so nicht durch Identifikationen in den Strudel der Handlung hereingerissen, sondern bleibt in einer Metaposition. Er bekommt geradezu eine Sicht sub specie aeternitatis, eine göttliche Position mit einem Überblick über Orte, Zeiten und Handlungen. Und das ist, wie mir scheint, eine eigentlich literarische Position.
2. Ich glaube, dass es diese komplexe Gesamtkomposition erlaubt, die einzelnen Szenen völlig sinnlich und ohne allzu tiefsinnigen Text zu gestalten. Der Tiefsinn entsteht durch die Schnitte und die Kombinationen. So haben mir die vielen romantischen Szenen gefallen, der hübsche englische Bahnhof, der Park, jene wunderbare enge Gassenkurve in Richmont. Aber auch die New Yorker Szenen hatten viel Cachet. Stell Dir jenen Blumenladen vor, wo Meryl Streep ihre Sträusse für die Party holt. Sowas findest Du heute nur noch in Teheran.
3. Und wahrscheinlich hat mich dieses Thema der gegenseitigen Aufopferung berührt, der These also, dass wir Menschen uns gegenseitig opfern und hingeben können, dass das Leben eigentlich zwischen den Menschen ist, nicht in ihnen. Das ist eine Antithese zum modernen Individualismus und vielleicht ein Versuch auf die Frage: was ist ein glückliches Leben! Das Glück ist dann wohl eigentlich jenes unfassbare 'Dazwischen'. Und es ist bloss die Rückseite des Leides.
Na ja, man kann viel darüber spekulieren. Und um genauer zu interpretieren, müsste man den Film gleich nochmals sehen. Wie ich Dir gesagt habe, hat mich Meryl Streep mit den Küchenhandschuhen und ihrem wackeligen Hintern sehr gut gefallen. Ihr Gesicht hat die Geheimnisse eines halben Lebens angedeutet.
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Und so sitze ich im Moment an diesem Samstagmorgen in meinem Büro. Klarer blauer Himmel, kühle Luft, die Bäume for dem Café gegenüber spriessen zartgrün, und die Leute sind wohl daran, ihre Osterhasten einzukaufen. Ich muss einige Sachen machen heute. Kann Dir gar nicht alle schildern. Es sind einige unangenehme dabei. Ich versuche, auf die Zähne zu beissen und unten durch.
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B. hat von Kreta geschrieben. Der Grundton scheint mir Allegro. Also durchaus optimistisch, so das nicht zu erwarten ist, dass sie gleich wieder zurückkehrt. Das wäre bei A. schon möglich, wenn ihr etwas ganz und gar nicht zusagt. Sie macht manchmal ziemlich absolute und endgültige Urteile. Nun ja, das ist das Privileg der Jugend, während wir Frühpensionisten hin und her denken und in einer Sauce von Kompromissen rühren.
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Nach all dieser Zeit bin ich zum Schluss gekommen, dass Du Marlena eine gute buchhalterische Ader hast. Und dazu gehört Skadenvadär sicherlich auch. Ich glaube, darin sind wir verschieden. Ich denke, dass Du im Geheimen oft rechnest und ordnest. Stimmt's? Und das ist sicherlich ein realistisches Moment in der heutigen Welt. Ich bin dagegen oft sehr fantasieverloren, träumerisch, eben, wie Du gesagt hast, nicht auf diesem Steinboden der Schweizeralpen. Ach ja, das ist ein bisschen Gerede.
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende
Mit lieben Grüssen
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Re: Auf Deinen Wortschwall ... (5. april)
Lieber ...,
Wie lieb von dir, trotz deiner Eile ein kleines Mail zu senden. So hat mein Tag gut begonnen. :-)
Bin zu Hause in der Lunchpause. Draussen sieht es warm und sonnig aus. Aber der Schein trügt. Vor allem ist es windig und das mag ich nicht besonders.
Ich glaube der Irakkrieg geht zu Ende. Jedenfalls hoffe ich, dass es bald vorüber ist und dass nicht noch mehr Menschen sterben müssen.
Und nun fangen sie an über die Nachkriegszeit zu diskutieren. Was bei dieser komischen Situation schon herauskommen wird. Blair und Bush scheinen sich nicht einig zu sein.
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G ist so erkältet, dass Åke und ich ihn gebeten haben nach Hause zu fahren. Er will am Wochenende nach London (wo seine Tochter wohnt) und muss sich so schnell wie möglich kurieren.
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Es ist Abend geworden. Bin etwas müde und lustlos heute. Weiss eigentlich nicht wieso. Aber es geht vorüber, wie alles hier in der Welt.
Du schreibst so wunderschön über den Film. Auch ich möchte ihn noch einmal sehen. Es ging alles ein bisschen schnell. Deine Gedanken zu dem Film sind interessant. Dieses sich Aufopfern für etwas oder jemanden. Vielleicht gibt es uns Existenzberechtigung. Und deine Idee, dass das Leben zwischen den Menschen ist.. natürlich ist es so. Es muss nicht einmal ein Mensch sein. Wenn du ein Gemälde betrachtest, spürst du das Leben. Es ist die Energie die dich mit diesem Objekt verbindet. Aber wo bleibt, bei deiner Theorie, die Seele eines Menschen?
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Ich habe mir ausnahmsweise eine Tasse Kaffee gemacht heute Abend. Aber sie schmeckt am besten am Morgen.
Du denkst, dass ich im Geheimen ordne und rechne? Ich habe Anna gefragt, und ich glaube nie hat sie so spontan laut gelacht. Das ist nämlich das Letzte, was man von mir sagen kann. Nur eben jetzt, in dieser Situation, wo ich nachdenken muss, ob ich überhaupt auskommen werde mit meinem Geld, falls ich früher gehen will, bin ich gezwungen etwas nachzudenken. Es würde mir nicht gefallen, wenn ich meine Spontanität oder Generosität irgendwie einschränken müsste. Gott bewahre mich davor!
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Ach, wie schön, dass du wieder einmal von Onkelchen erzählst. Und dein Kochen? Ich habe nur so gestaunt über deine Schilderung. ;-) Fisch zu braten verlangt schon etwas können. ;-))
Ich denke eben, dass Onkelchen gern mal mit dir allein isst, weil er es sicher anstrengend findet, seine Hilflosigkeit vor einer Frau zu verbergen. Mit dir muss er das nicht tun.
Übrigens, hast du gemerkt, dass wir bei Pensionierung und Altertum gelandet sind? Wie lustig eigentlich. Denn wir sind doch wirklich noch nicht so weit, oder?
Mein Journalistfreund, den ich gefragt habe, wann er endlich seine Teenagerzeit verlassen wird, meint er ist "froh dass es noch ab und zu in seinen Gliedern zuckt, bevor er in die Kindheit mit Scheisse, Piss und Windeln zurückkehrt". Vielleicht hat ihn meine Frage beleidigt. Na ja, wahrscheinlich hat er auch die Serie, die im Altersheim spielt, gesehen. Es war deprimierend und es ist wirklich kein Dasein, nach dem man sich sehnt.
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