Montag, 27. Januar 2025

Subject: über Varlin, Renaissance und ... na ja,

.... du wirst schon sehen ...


Liebe Marlena
Diese Ausstellung war sehr schön gestern. Der Maler heisst Varlin. Er war ganz bekannt, als ich in Zürich angefangen habe zu studieren. Damals hatte er gerade den Kulturpreis der Stadt Zürich erhalten und Dürrenmatt hielt seine Laudatio. Er hat die Schweiz einmal an der Biennale in Venedig vertreten. Sonst blieb er aber bloss innerhalb der Schweizergrenzen bekannt, im Ausland wohl kaum. Obwohl er während Jahren in Paris gelebt hatte.

Als ich zu malen begann, habe ich narürlich viel bei ihm abgeschaut. Varlin ist ein blendender Portraitist. Er malte ein bisschen spontant, mit momentanen Eingebungen. Das ist gut für Porträts, dann wirken sie lebendiger. Er hat wirklich schöne Porträts gemacht, damals von den grossen Intellektuellen: Frisch, Dürrenmatt, Gasser, Loetscher usw. Und sie waren ja von der schreibenden Zunft, sie haben später beschrieben, wie sie diese Sitzungen bei Varlin im Atelier erlebt hatten. Bei Dürrenmatt hatte ich so etwas wie einen Machtkampf herausgehört. Man muss sich vorstellen, Dürrenmatt war international bekannt, und Varlin wollte ihn porträtieren. Ich habe daraus gelernt, dass man als Porträtist immer die richtige Distanz zu seinem Objekt, also dem Menschen finden muss. Du darfst ihn nicht zu sehr bewundern, sonst bist du als Maler gehemmt. Du darfst ihn auch nicht verachten, sonst bist du zu sarkastisch und überheblich. Du darfst ihm nicht zu nahe stehen, sonst bist du zu romantisch und gefühlsbezogen. Du darfst ihm aber auch nicht zu weit weg stehen, sonst interessiert er dich nicht, und das Porträt wird nichtssagend. Und diese Position zu finden, ist das allerschwerste. Es dünkt mich ein bisschen wie beim Backgammon Spiel, wie ich es dir beschrieben habe. Die Hauptsache geht im Kopf ab, nicht auf der Leinwand. Wenn es im Kopf stimmt, dann wird es auf dem Bild auch einigermassen stimmen, falls du ein bisschen Maltechnik hast.
Und in diesem Text von Dürrenmatt konnte man lesen, wie die beiden gekämpft haben. Varlin musste zusehen, dass er sich diesem kolossalen Monolithen Dürrenmatt, der ja auch körperlich gross und dick war, dass er sich diesem Brocken gewachsen fühlte. Und dazu verwendete er - so scheint es - etliche Finten. Er hat mehrmals neu angefangen bei der Bildskizze. Oder er hat schnell wieder abgebrochen, um mit ihm zum Essen zu gehen. Er hat die Leinwand nicht auf die Staffelei gestellt, sondern irgendwo im Atelier an eine Wand gelehnt, so dass das Bild immer wieder umzufallen drohte.

Zum Schluss hat Varlin diesen grossen Dürrenmatt auf dem Bett liegend gemalt, auf einer jämmerlichen Matratze, die richtig durchgearbeitet und gepflügt (erinnerst du dich an dieses Wort?) wirkte. Und ich glaube im Arm hielt er einen Hund oder sowas, weiss ich nicht mehr so genau. Das Bild ist dunkel, aber von dort drüben leuchtet dieses Mondgesicht Dürrenmatts mit dem kleinen Mund. Eigentlich wirkt es wie das Gesicht eines Babys. Ich glaube, es ist nicht sein bestes Porträt. Aber immerhin ist es Dürrenmatt.
Dürrenmatt hat Varlin sehr geschätzt. Und in seinem Arbeitszimmer in Neuenburg hatte er ein riesiges Gemälde mit ein Paar Gestalten der Heilsarmee (salvation army). Seine Figuren auf den Bildern haben wirklich eine gute Präsenz. Gestern habe ich auch mein Lieblingsporträt gesehen. 



Es zeigt Hugo Loetscher, den Schriftsteller. Er sitzt in einem hochformatigen Bild in der unteren Hälfte ziemlich lässig auf einem Fauteuil und raucht (damals hat er noch andauernd geraucht, heute nicht mehr) und schaut mit seinen Schweinsäuglein und den grossen Ohren zum Bild heraus auf den Betrachter. Er hat ihn wirklich erwischt. Es ist wirklich Hugo Loetscher. Kein anderer könnte so dasitzen, mit einer Mischung aus Nonchalence und leichter Arroganz. Er ist ja sehr schwatzhaft, dieser Hugo Loetscher. Und morgens kannst du ihn im Grancafé am Limmatquai in Zürich bei der Zeitungslektüre sehen. Er ist jetzt dick geworden. Wahrscheinlich weil er nicht mehr raucht. Er wirkt nicht sehr stilvoll, sondern ein bisschen burschikos. Und er schwatzt drauflos, wenn man ihn lässt. Das mag ich auch nicht besonders,  aber er ist heute, neben Bichsel, der bekannteste Schweizer 

*

Ach, Marlena, ich erzähle dir soviel von diesem Varlin, den du noch nie gesehen hast. Vielleicht langweilt dich das eher. Wenn du mal in die Schweiz kommst, werde ich dir Bilder zeigen.
Nach der Ausstellung sind wir essen gegangen und haben noch geplaudert. Es war ein milder und schöner Sommerabend. Und viele Leute waren unterwegs. Und als ich heimkam, habe ich noch ein bisschen gelesen:

Rom lag am Anfang des 15. Jahrhunderts, also vor der Zeit der
Renaissance, darnieder. Die Tempel eingestürzt, die Häuser baufällig,
ganze Stadtteile verlassen, überall Schlammlöcher, Hunger, es
mangelte an allem. ...

Sonntag, 26. Januar 2025

Re: Bei Tageslicht über die Nacht

 

Ämne: Re: Bei Tageslicht über die Nacht
Datum: den 10 november 14:25

Meine liebe Marlena
Dein wunderbarer Brief hat mich sehr berührt. Du schreibst so ruhig und überlegt und reif, es ist einfach herrlich. Und es stimmt mich auch ein wenig melancholisch. Die Art, wie Du die Menschen betrachtest und wie Du alte Erinnerungen andeutest und die Zeiten überblickst. Es ist wirklich wunderschön. Du weißt doch sicher, Marlena, dass das eine Kunst ist? Es gibt wenige Leute, die das so können wie Du. Und ich fühle mich geehrt, dass ich es bin, der solch zauberhafte Zeilen bekommen darf. Ich danke Dir wirklich sehr, meine Liebste.

Weißt Du, ich bin auch glücklich, einiges über Deine lieben Bekannten und Verwandten zu hören. Manchmal habe ich den Eindruck, Deine Arbeit und Dein Haushalt überschwemmen Dich förmlich. Und dann erscheinst Du mir so einsam in Deinem Häuschen zusammen mit Anna. Das, obwohl ich sehr gut weiss, dass Du bei Deiner Arbeit ja jede Menge Kontakt hast und dass Du ein offener und sozialer Mensch bist. Darunter können sich Lehrer ja wohl nicht zu sehr beklagen, unter Mangel an Kontakt. Schon eine einzige Unterrichtsstunde ist ein Bombardement von Strokes, nicht wahr? Und dann hast Du die vielen Kolleginnen und Kollegen, in deren Kreis Du eine wichtige Rolle spielst. Das weiss ich alles, und doch erscheinst Du mir manchmal in meiner Vorstellung oft so einsam. Vielleicht ist es so, weil Du - wie Du sagst - Deine innersten Gedanken mit mir teilst?

Das hat mir auch gut gefallen, wie Du Dich in meinen Fantasien eingenistet hast. Na klar, wir werden später einmal im Süden leben und ab und zu werde ich Dich besuchen, oder umgekehrt. Ich werde Dich natürlich auch porträtieren, unter dem Titel "Die Schöne aus dem Norden". Aber das soll nicht geschehen, wie beim jungen Fräulein, das so schweigsam ist. Es soll eine schöne und lebendige Diskussion sein. Es soll ein vergnügtes Hin und Her geben. Ich will keinesfalls allein referieren. Das mache ich absolut nicht gerne. Ich höre gerade so gerne zu wie Du. Aber ich muss Dich doch warnen. Wenn man jemanden liebt, ist es sehr schwierig, die Person zu malen. Kannst Du Dir das vorstellen? Man ist dann gebunden mit unzähligen Rücksichten und subjektiven Gefühlen, so dass man gar nicht frei und herzhaft die Person wahrnehmen kann. Man will ihr kein Unrecht antun. Alles ist mit süssen Schleiern halb verhüllt. Und das macht keine guten Porträts. Ich habe das lange nicht begriffen. Aber beim Malen ist das grösste Problem die richtige Distanz, oder die richtige Nähe, wie man es nimmt. Man darf der Person nicht zu nahe stehen, durch Gefühle oder andere Bindungen oder Abhängigkeiten, aber man darf natürlich auch nicht zu entfernt sein, sonst fehlt das Interesse und der Eifer. Wenn, dann muss man sich eben in einer Diskussion nähern und in die richtige Position bringen. Man muss sich gut positionieren, in einem psychologischen Sinne.
Ich habe einen Schweizer Maler, den ich besonders schätze (Varlin, so der Name des Malers, Künstlername). Er hat viele prominente Leute gemalt wie Dürrenmatt, Frisch, Loetscher und andere. Einerseits kann man aus den Erinnerungen der Porträtierten hören, wie diese Sitzungen abgelaufen sind. Andererseits beschreibt auch Varlin solche Situationen. Er war nebenbei ein exzellenter Schreiber. Und irgend einmal, als ich mich mit diesen Gedanken beschäftigt habe, ist mir aufgegangen, wie die Sitzungen und das Getue Varlins einzig und allein das Ziel hatten, die richtige Distanz und ein Gleichgewicht zwischen den Personen herzustellen. Diese Personen waren ja weltberühmt und reich, und er selbst war höchstens regional ein wenig bekannt und eigentlich ein armer Schlucker. Er ist immer ein bisschen verkannt geblieben. In den Malsitzungen muss nun Varlin sehr unruhig agiert haben, immer wieder neu angefangen, von einer weiteren Seite einen neuen Versuch gemacht haben. Er hat seine berühmten Leute auch umherdirigiert, Dürrenmatt lag schliesslich auf einer losen Matratze im Bett. Und auf einem weiteren Porträt hält er in seiner ganzen Massigkeit ein zartes Hündchen in Armen, so glaube ich mich zu erinnern. Ich denke, mit Dürrenmatt konnte es Varlin besser als mit Frisch. Frischs Porträt ist nur sehr rudimentär, nicht beendet, und ein wenig kühl und hart. Lustlos, so würde ich das nennen. Ich glaube, mit Dürrenmatt fühlte er sich echt verwandt. Und auch umgekehrt, wie Dürrenmatt selber schreibt. Dürrenmatt hat ja selbst auch gemalt, schon seit jungen Jahren. Mit besonderer Liebe hat er ganze Zimmerwände oder WC-Flächen al fresco behandelt.
Habe ich Dir nicht von meinem Varlin geschrieben? Gerade diesen Sommer gab es eine Erinnerungsausstellung in Aarau. Ich habe sie gleich dreimal besucht. Und es war - so glaube ich - 25 Jahre nach der ersten Aarauer Ausstellung. Damals hatte ich in Olten gewohnt und gearbeitet. Es war meine erste Arbeitsstelle. Na ja, es war diese glückliche Oltner-Zeit am Anfang unseres Familienlebens und meines beruflichen Lebens. Und ich hätte nur allzu gerne ein Bild von Varlin gekauft. Es waren seine letzten, grossen Bilder, die in Aarau ausgestellt waren. Doch die Preise erwiesen sich als etwas zu hoch für mich, der ich noch nicht zu lange ein festes Gehalt hatte. Die Bilder waren um die 10'000sFr.. Und mein Salär lag bei etwa 3500sFr., wenn ich mich richtig erinnere. Doch wenn ich die Preise der Gemälde heute, nach seinem Tod, anschaue, dann hätte ich wirklich unbedingt ein Bild von Varlin kaufen sollen. Es hätte sich sehr gut ausgenommen in unserer Stube, hätte fast eine ganze Wand bedeckt. Und sein Preis wäre mit einem Faktor 10 gestiegen. Wir hätten geradezu eine Diebstahlsicherung einbauen müssen. Denn ich glaube nicht, dass unser Hund, dieser rote Spaniel namens Dido, ich glaube nicht, dass sie das Bild wirklich bewacht und verteidigt hätte. Sie war viel zu vertrauensselig und hat sich mit jedem angefreundet, der ein liebes Wort für sie übrig hatte. Sie war ein wenig liederlich in dieser Beziehung.
Ach, das Leben besteht zum grossen Teil aus verpassten Gelegenheiten.
*
Ich erzähle zuviel von dieser Malerei. Und dabei ist das doch eine visuelle Angelegenheit. Ich möchte Dir das alles so gerne zeigen. Da würde ich richtig in Begeisterung geraten.
*
Ach, ich habe soeben Deinen Brief nochmals gelesen. Ich kann das gar nicht alles verstehen, weshalb er mich so beeindruckt. Er ist einfach wunderschön und hat so eine Weite. Weite macht mich immer ein bisschen melancholisch. Sowohl die räumliche als auch die zeitliche Weite. Ja, und dann überlege ich mir, was Du Dir denn von einem Mann wünschst. Einerseits magst Du einen aufgedrehten Typen wie Alois, einen hochtourigen Italienier im Quadrat, oder einen Draufgänger wie jenen Schauspieler, wie heisst er schon, derjenige aus dem Kuckucksnest (Jack Nikolson; ist das ein gebürtiger Schwede?) Andererseits hast Du zu Hause einen metallblauen Mann, der ja ziemlich distanziert zu sein scheint. Und bei mir hast Du auch die Vorstellung (oder vielleicht den Wunsch) gehabt, ich sei ein ruhiger Braunbär am Schreibtisch, der sich bloss jede halbe Stunde zu einer Bewegung entschliesst, und der vielleicht seine wildesten Aktionen vornehmlich in der Fantasie austobt.
Aber eines kann ich Dir vielleicht noch sagen, meine liebe Marlena, in diesem grossen Quiz. Ich glaube, ich bin ruhiger, als man mich aus meinen Briefen und Sätzen und Fantasien vermutet. Vielleicht würdest Du wirklich erschrecken, wie langweilig manchmal sein kann. Kürzlich ist mir aufgefallen, wie lebendig meine beiden Töchter sind. Wir waren irgendwo zu Besuch und ich glaubte, sie hätten sich verlaufen. So bin ich den Weg zurück. Und von weitem haben sie mich gesehen und laut und lustig reagiert. In meiner Ursprungs-Familie hätte man das niemals gemacht. Wir waren alle ziemlich ruhige Kinder, vor allem auch ausser Haus. Nun ja, vielleicht waren ja damals Kinder allgemein viel ruhiger als heute. Aber ich war stolz, dass meine Töchter so lebendig und aufgestellt sind und so spontan reagieren können. Und da spielt sicher das persische Blut eine nicht zu unterschätzende Rolle. Besonders B ist auch eine gute Schauspielerin. Sie kann sehr lustig sein und echt in Fahrt geraten. Sie macht dann Sprüche und Spässe, hat aber immer noch ein gutes Gefühl dafür, was erlaubt und was nicht mehr erlaubt ist. Ich bin manchmal ganz fasziniert von ihr. Ich glaube, sie hat eine gute künstlerische Ader. A ist ruhiger. Ich glaube, sie ist mir ähnlicher. Oder anders gesagt: sie gleicht in der Art sehr meiner älteren Schwester. Und diese ist eine ziemlich ruhige Person.
*
Und ich freue mich auf den Moment, da wir uns im Süden gelegentlich treffen. Und ich werde Dein Porträt malen. .... Und ich werde ewig daran malen, so dass Du immer wieder vorbeikommen musst. Es wird meine "Unvollendete" werden und bleiben. Immer werde ich noch dieses oder jenes verbessern wollen, hervorheben oder in den Hintergrund drängen. Und ich freue mich wirklich auf die entspannten Gespräche, die wir haben werden. Ich höre schon Deine wunderbare Kristallstimme durch den Terpentingeruch bis zu mir dringen. Ach, es wird wunderbar werden. Und dann und wann machen wir in meiner rudimentären Küche einen feinen starken Kaffee und knabbern an einem Biskuit. Es könnte alles so schön sein, Marlena.
Und so maladiere ich noch ein wenig vor mich hin.
Mit süssen Küssen
...





Samstag, 25. Januar 2025

Bei Tageslicht :-)


Ämne: Bei Tageslicht :-)
Datum: den 10 november 12:59

Lieber ...
Ach, wenn ich so bei Tageslicht daran denke, was ich dir zu später Abendstunde geschrieben habe, dann wundere ich mich über meine Verwegenheit. Eigentlich schade, dass du mir nicht auch mitten in der Nacht schreiben kannst. Dann wäre vielleicht das "équilibre" wieder ein wenig hergestellt. ;-) Aber vielleicht macht es nichts. Es ist schön, diese Gefühle für jemanden zu haben und warum sollte ich es dir nicht sagen können.

Mit S und K und M (auch bei Tageslicht)
Deine
Marlena

Nähe ... :-)

 

Ämne: Nähe.. :-)
Datum: den 9 november 

Lieber ... ,
Schon wieder ist es so spät geworden bevor ich mit der Arbeit fertig bin. Ich habe eine schriftliche Prüfung konstruiert und nun fühle ich mich ziemlich leer im Kopf und muss erst wieder umschalten. :-)

Ich danke dir herzlich für deine lieben Mails. Gestern wusste ich so viel, was ich dir schreiben wollte und jetzt weiss ich nicht genau, wo ich anfangen soll. Ich glaube wirklich, dass wir etwas überfordert sind, meine Kollegen und ich. Ich sehe wie sie in kurzer Zeit älter und müder geworden sind und es tut mir leid um sie. Auch ich fühle mich oft am Rand meiner Kräfte. Ich freue mich auf das Wochenende, wo ich mich etwas erholen kann.
*
Es war schön bei meiner Schwägerin. Alles war sich ähnlich. Das schöne Haus, ganz im englischen Stil gebaut in einem attraktiven Viertel von Stockholm mit vielen grossen Gärten und nahe zur Natur. Auch die Einrichtung war immer noch so spartanisch wie früher, sehr originell und etwas von Japan inspiriert. Nun ja, er ist Architekt und hat seine Ideen. :-) Per-Olof war alt geworden, aber nur im Aussehen, denn als Person war er immer schon ”alt”. Er hat auch früher nicht so richtig an unseren Aktivitäten teilgenommen sondern meistens einen bequemen Lehnstuhl und ein gutes Buch bevorzugt. Ausserdem war er immer allergisch gegen Mücken und ging schon deswegen nicht gern hinaus. Er hat etwas englisches an sich und ich könnte ihn mir gut als Lord auf einem englischen Gut vorstellen. Ein Teil seiner Vorfahren stammen ja auch aus England. Barbro ist wie immer noch die stille angenehme Person von früher. Doch kann ich sehen, dass ihr Kummer Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen hat. Sie hat sich in den letzten Jahren sehr in Hilfsorganisationen engagiert, vielleicht auch ein wenig, um zu vergessen.
Sie waren sich sonst ziemlich ähnlich. Man weiss, dass sie immer etwas ganz besonderes zum Dinner anbieten, etwas das sie lange und sorgfältig zubereiten. So lange, dass die Gäste manchmal, unter Vorwand ein wenig frische Luft zu holen, an eine Wurstbude schleichen und um ihren schlimmsten Hunger zu stillen.;-) Nun, dies ist ein Spass den man sich so zwischen Geschwistern und Schwägerinnen erzählt. Meistens fahren wir auch zu ihrem Sommerhaus, das in den Schären liegt und übernachten dort. Aber diesmal war das Wetter nicht so gut.
Ja, es ist schön, ein paar Stunden mit netten Leuten zu verbringen. Leider fehlt uns meistens die Zeit dazu.
*
Gestern hatte ich ein langes Mail von meinem Vetter Gustav der bei IBM arbeitet. Es wundert mich immer, wie schön er sich ausdrücken kann. Nun war er gerade von einer Reise aus Paris zurückgekommen, wo er eine Woche mit seiner Frau verbracht hatte, und erzählte mir sehr malerisch von seinen Eindrücken. Wenn ich alle diese schönen Namen sehe, dann bekomme ich fast wie Heimweh. Ich habe doch mehrere Sommer dort gelebt.

Gustav hat immer sehr intensiv gearbeitet, aber vor einem Jahr hat sein Herz protestiert. Es war kein Infarkt, aber trotzdem eine Warnung, dass er es etwas ruhiger nehmen sollte. Und nun schreibt er so lustig:

"Ich bin wohl ein bisschen mehr französisch geworden, da ich nicht mehr alles so ernst nehme. Ich tue was ich schaffe und manchmal lasse ich sogar Dinge liegen. Komischerweise merkt niemand einen Unterschied. Ich habe auch die Reflexion gemacht, dass die Menschen, die nicht so viel tun, mehr Zeit haben zu sagen, was sie tun und deshalb als mehr arbeitsam aufgefasst werden als die, die so viel zu tun haben, dass sie keine Zeit finden zum reden."

Ich glaube er hat eine sehr wichtige Entdeckung gemacht und auch ich werde versuchen, manchmal "etwas liegen zu lassen".
Die Mutter von Gustav, die Schwester meiner Mutter, ist meine einzige noch lebende Verwandte aus der älteren Generation. Eigentlich sollte ich sie etwas öfter besuchen. Nicht nur, um ihr einen Gefallen zu tun, (sie bittet mich immer zu kommen), sondern auch weil sie die einzige Person ist, die noch erzählen kann über meine Vorfahren. Und du weisst, dass ich alte Menschen liebe. Ich bin manchmal fast neidisch auf dich, weil du noch so viele ältere Familienmitglieder am Leben hast. Es ist lieb, dass dich dein Vater besucht hat an deinem Geburtstag. Hoffentlich hast du ihn nicht angesteckt.
*
Ach ..., wie nett von dir dass du mich wissen lässt wer du bist. Eigentlich habe ich es schon gewusst. Ich kenne deine heimlichen Träume. Vielleicht wirst du sie auch einmal verwirklichen. Wenn du in Rente bist, wirst du an einem schönen Ort irgendwo im Süden wohnen, wo die Sonne scheint. Du wirst deine Bilder malen und ab und zu wirst du mich besuchen. Denn ich werde nicht allzu weit von dir wohnen. Du hast einen schönen Traum und ein wenig erinnert er mich an die Geschichte von Kästner. Ich wäre dann gern das "schweigdsame Fräulein", das dir zuhören würde, während du mein Portrait malst. Ach, mein Schatz, unser Leben ist so voll von schönen Träumen. Und sie sind ein Teil von uns und machen uns glücklich und traurig zugleich, denn wir ahnen, dass sie vielleicht nie wirklich werden.
*
Ich habe noch einmal deine Beschreibung von dir durchgelesen. Also zwei ziemlich verschiedene Persönlichkeiten, die sich ergänzen und zu einem spannenden ganzen werden. Ach mein Liebling, ich will doch garnicht dass du ein stiller langweiliger Büromensch werden sollst. Als solchen kann ich mir dich überhaupt nicht vorstellen. Ich sehe in dir alle Eigenschaften und Möglichkeiten. Ich bin hungrig nach allem was dich betrifft. Ich möchte ".. bis an deinen Rand dich denken", d.h. dir so nahe kommen wie es nur möglich ist. Und du bist mir nahe, chéri. Meine innersten Gedanken gelten immer dir.   ...



Mittwoch, 22. Januar 2025

"Das wäre schön ..."

 Liebe Marlena

Vielleicht habe ich Dir einmal beschrieben, welche Arbeitssituation ich mir am meisten wünschte. Ich würde am liebsten im Atelier malen, Porträt malen, und dabei gleich noch psychologische Beratung machen. Das heisst, die Leute kommen eigentlich wegen eines Porträts, oder vielleicht einfach, weil sie sich unterhalten, weil sie plaudern möchten. Aber so beiläufig, wie durch Zufall, vielleicht mit einem Glas Wein, würden wir auf diese oder jene Fragen zu sprechen kommen, auf dieses oder jenes Problem. Ich denke, das wäre eine ideale Situation, um Leute zu beraten. Man sollte sie beraten, während sie es gar nicht merken, dass sie beraten werden. Das ist die Kunst. Und daneben liegt mein dicker gescheckter Spaniel auf dem roten Sofa und öffnet ab und zu das Auge, um nachzusehen, ob die Welt noch in Ordnung ist.
Das wäre schön, glaub mir Marlena. In dieser Situation wäre ich selig. Und wenn gerade kein Kunde im Atelier ist, würde ich lesen, oder meine Palette putzen. Es riecht immer nach Terpentin, im Atelier. Und das finde ich fein. Und im Hintergrund würde eine leise Musik laufen, die das Herz beschwingt. Französische Chansons, das wäre schon ok, vielleicht nicht immer, aber doch oft.
*
Das heisst doch eigentlich, dass mein Idealbild das des Künstlers ist, und sicherlich nicht das des Beamten, des Verwaltungsmenschen, der jeden Tag hinter seinem Pult sitzt und nach §§§§ arbeitet.   (--)

*
Und jetzt, Marlena, wirst Du aus mir klug? Habe ich irgend eine Frage beantwortet, die vorher noch unklar war, und jetzt klar? Ach, ich glaube es nicht. Ich bin vielleicht ein wenig undurchsichtig. Und ich bin, wie du sagst, geräumig. Man könnte einige Kommoden bei mir einstellen. Und ein paar alte Kisten dazu.
*
Mein Schatz, ich muss jetzt an eine Sitzung. Ich komme dann zurück und schicke dieses Mail ab. Ich bin unter Zeitdruck. Verzeih mir. Auf jeden Fall wünsche ich Dir einen schönen Abend. Ich küsse Dich in der Dämmerung.
...


Dienstag, 21. Januar 2025

Wer ich bin?

Liebe Marlena

Ach meine Liebe, ich glaube, Du möchtest wirklich wissen, wer ich bin. Willst Du das wirklich, Marlena? Ich meine, all die Typen neben dem stillen und kontemplativen Kerl hinter dem Ofen, die ich auch noch bin oder sein könnte.
Ach, wie soll ich über mich schreiben?
Ich glaube, ich habe Dir davon erzählt, dass wir am Ende eines Führungsseminars eine Auswertung gemacht haben. Der Leiter des Kurses gab jedem und jeder Teilnehmerin eine persönliche Qualifikation. Mir hat er gesagt, er hätte den Eindruck, ich schwanke zwischen weiser Gelassenheit und dem Drang, etwas tun zu müssen. Und er gab mir den Rat, die beiden Tendenzen nicht als Gegensätze, sondern als Ergänzung aufzufassen. Das fand ich ziemlich gut, wie er mich charakterisiert hat. Ich glaube wirklich, dass ich von Natur aus ein ziemlich kontemplativer Typ bin. Ich liebe die ruhigen Betrachtungen. Aber andererseits fühle ich ständig die Verpflichtung, aktiv zu sein, etwas zu tun. Das tue ich aber eher aus einem Pflichtgefühl denn aus wirklicher Begeisterung. Im Grunde wäre ich am liebsten ein Philosoph, oder ein Sufi, oder eben, wie schon oft gesagt, ein Clochard. Das ist ja alles ungefähr dasselbe, nur ein bisschen in unterschiedlichen oekonomischen Verhältnissen.
Und im Kurs selbst war ich erstaunt, wie mich viele der anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer als "gelassen, weise, ausgeglichen, mit guten Ideen" beschrieben haben. Ich kam mir fast ein wenig vor wie der Medizinmann. Nun ja, sie wussten alle, dass ich Psychologe bin, und viele Leute haben ja einen gewissen Respekt vor diesen merkwürdigen Fachleuten. Und ich war natürlich tendenziell auch etwas älter als die meisten von ihnen. So gerät man mehr und mehr in die Rolle des Grossvaters, oder besser in die Rolle des Supervisors. Was ja mehr oder weniger dasselbe ist.
*
Ämne: RE: mittwochs
...
Na ja, die Passage, die ich geschrieben haben soll, die Du zurückschickst, weil Du den Sinn nicht ganz erfasst, diese Passage verstehe ich auch nicht ganz ;--))
Ich wollte damit sagen, dass man für Rilke in sozusagen einer Stimmung eines Sufi sein muss. Er ist so kontemplativ und in allgemeinen Bezügen aufgehoben, dass nicht versteht, wer hart in den Interessenkonflikten des Lebens eingespannt ist. Ich glaube, ich kann ihm nur in sehr kontemplativen Momenten richtig folgen. Und wie Du sagst, er wohnt in einer ziemlich sublimierten Welt, weit enthoben von den praktischen Dingen des Lebens. Das kann wohl nur, wer von allen praktischen Nöten der Existenz erlöst ist. So gibt es eben verschiedene Welten, in denen man Leben kann. Und der Bewohner der einen versteht nur schlecht jenen der anderen Welt. Das ist schon alles.
*
Ich habe hier zwei Bücher gefunden von Rumi. Du erinnerst Dich, wir haben mal von den Sufis gesprochen und der islamischen Mystik. Im Kurs wird Rumi ab und zu zitiert. Eigentlich hätte ich Lust, die Bücher zu kaufen. Aber das sind Gedichte, und sie sind natürlich ins Englische übersetzt. Ich weiss noch nicht, ob ich zugreifen soll. In Deutsch habe ich noch nie etwas von ihm gesehen, habe allerdings auch nicht danach gesucht. Offenbar ist Rumi in Amerika ziemlich populär. Na ja, vielleicht nicht gerade bei Bush und seinen Co-Boys!!
---
Kommntarer:

Här kände jag mig besläktad: Ich glaube wirklich, dass ich von Natur aus ein ziemlich kontemplativer Typ bin. Ich liebe die ruhigen Betrachtungen. Aber andererseits fühle ich ständig die Verpflichtung, aktiv zu sein, etwas zu tun.
Men sen börjar han prata om den där pliktkänslan, som för mig är ett olustigt sätt att arbeta på. Men jag har ju mina krav.
Idag läste jag det första brevet högt, och njöt av tyskan, och av att förstå allt. Utom ett ord: Gelassenheit. Är det lättja? Låt-gå-mentalitet?


Svar:

Har alltid förstått Gelassenheit som "upphöjt lugn"
(engelska: poise)
  1. Här ytterligare intressant information om ordet:
    Often translated as "releasment," Heidegger has described gelassenheit as "the spirit of disponibilité [availability] before What-Is which permits us simply to let things be in whatever may be their uncertainty and their mystery." Heidegger borrowed the term from the Christian mystical tradition, proximately from Meister Eckhart.

.

Montag, 20. Januar 2025

Handwerker


*