Dienstag, 7. Januar 2025

Nur kurz...


Liebe Malou
Hoffentlich würde ich Dich nicht so anschauen in der Italobar wie Nicholson das im Film tut. Er ist dort wirklich ein armer Kerl und beleidigt seine Partnerin, ohne es zu merken. Das heisst, er ist so ungeschickt, dass er immer erst im Nachhinein bemerkt, wenn er in ein Fettnäpfchen getappt ist. Das war ja gerade das Traurige im Film, dass man allmählich die Hände verkrampft hat, um dem armen Nicholson den Daumen zu halten. Er spielte einen lieben Kerl, der immer wieder daneben geht. Ein echter Zwangsneurotiker. Besonders gekonnt war seine Augenführung, welche die Kamera gleich in der Nähe der Szene Deines Bildes gezeigt hat. Er schaut seine Freundin an, kann aber ihren Blick nicht aushalten.

Jetzt ist unsere Sitzung überstanden und der Neujahrs-Apéro naht. Ich hoffe, es wird nicht zu lange dauern. Aber meist ist es, wenn man mal da ist, noch ganz gemütlich. Und man muss zum Schluss zusehen, dass man wieder wegkommt.

Erstaunlich, dass Du Dich nochmals ins ST und in die Bar gewagt hast. War sie nicht zu staubig? Wie Du weisst, ist es eine Weidewiese für Hengste und Stuten geworden? Nun denn gut, wenn die Leute das mögen.

Ich bin etwas knapp an Zeit und muss noch einige Dinge erledigen.
Wünsche Dir einen schönen und ruhigen Abend. Geniess ihn auch für mich.
G&K

Glück im Unglück ..


Lieber ... ,

Glück kann die Abwesenheit von Unglück sein. Das habe ich heute ganz konkret erfahren. Aber bevor ich dir davon erzähle, möchte ich dir danken, dass du trotz deiner Verpflichtungen ein kleines Mail geschickt hast. Du bist lieb. :-)



OK. I surrender. Du hast übrigens nichts gemeinsam mit dieser Rollenfigur. Das verstehe ich nach deiner Beschreibung. Es scheint auch keine typische Nicholsonfigur zu sein, die ja meist auf animalische Wirkung ausgeht.

Aber nun zu dem Glück im Unglück.

Ich hatte heute Vormittag eine Waschmaschine gefüllt und angestellt. Später als ich hörte, dass sie fertigzentrifugiert hatte, (man hört es weil sie manchmal vor Freude ein bisschen herumtanzt), spürte ich dass es nach Brand roch. Man konnte nichts sehen, aber der Brandgeruch kam deutlich von der Waschmaschine. Ich versuchte sie dann noch einmal zu starten, um zu sehen was passieren würde.. aber sie war ”tot” und reagierte nicht mehr. Vorsichtshalber hat K dann auch eine Sicherung herausgeschraubt. So machten wir uns bereit zu fahren um eine neue Waschmaschine zu kaufen. Wir dachten, es wird sowieso ein paar Tage dauern bevor sie geliefert wird, aber je früher desto besser. Vielleicht auch gleichzeitig eine Spülmaschine. Es ist praktisch weil man dann nicht doppelt für Fracht und Installation bezahlen muss. K meinte Anna und ich könnten das selber besorgen. Er war zu müde nach einer Skitour, von der er gerade nach Hause gekommen war. Aber Anna und ich weigerten uns allein zu fahren. Und während wir noch mit unserem, lass mich es ”Wortwechsel” nennen, beschäftigt waren, hörte man plötzlich ein schlimmes Geräusch. Es kam von dem Apparat (kessel?) mit dem man das ganze Haus elektrisch beheizt. Weiss leider nicht auf deutsch. Wir haben ihn schnell abgestellt und das schreckliche Geräusch verschwand. Aber als K ihn wieder andrehte passierte absolut nichts. Stell dir das vor! Nicht die kleinste Reaktion. Es funktionierte überhaupt nicht. Und das an einem Tag, wo fast alles geschlossen und keine Hilfe zu finden ist. Und draussen immer noch bitter kalt.

Von ein paar Nachbarn gegenüber wissen wir, dass das Besorgen und Installieren einer neuen ”elpanna” Wochen dauern kann und auch sündteuer ist. ... Na ja, du kannst dir vorstellen was so in unseren Köpfen vorging. Ich sah uns schon in Eiszapfen verwandelt in einem Haus mit gefroreren Leitungen.. Die Panik war äusserst nahe. .. und dann später, ich erspare dir die Zwischenzeit.. sah ich, dass eine von den drei Sicherungen zu dem Beheizungsystem ausgeschraubt war statt die zur Waschmachine. Und als wir sie einschraubten funktionierte es wieder. Und nun sind wir alle ganz erleichtert und glücklich über etwas, was nicht passiert ist. Und die Waschmaschine? Ich gönne ihr jetzt in den Ruhestand zu treten. Stell dir vor, das gute Ding hat 24 Jahre lang ihre Pflicht getan ohne jemals im geringsten zu protestieren.

Puh! Ich kann ausatmen.

Jetzt werde ich mir einen gemütlichen Abend machen. Ich habe ihn verdient nach all dieser Aufregung. Erzähl mir von deinem Nachmittag. War es schön bei dem Apéro? Ich glaube es ist schön, die Kollegen wiederzusehen.

Warum sollte ich Angst haben in die Italobar zu schauen? Hab doch nur durch die Tür hieingeschaut. Und im ST kenne ich niemanden mehr. Ein kurzer Blick auf die Meldungen im ”All On” genügt um einzusehen, dass man am falschen Ort gelandet ist.

Schreib mir bald wieder. Ich sehnsuche ein Mail von dir.

Mit lieben Grüssen wünsche ich dir einen schönen Abend,
Malou

Grauer Alltag ...


Ämne: Grauer Alltag in doppelter Bemerkung..
Datum: den 7 januari 


Lieber ...,
Ja, ich kenne das.. wenn die Apparate, auf die man angewiesen ist, plötzlich nicht funktionieren und man muss Stunden von seiner teuren Zeit verschwenden. Und dann noch dazu das Malheur mit dem Zug. Es war nicht dein Glückstag. Aber am Ende hast du ihn doch noch hingekriegt. Whisky und schöne klassische Musik hilft einem schnell solche Verdriesslichkeit zu vergessen. ;-)

Heute ist ein sehr grauer Tag, temperatur etwas unter Null. Ich bin zu Hause, muss aber in einer Stunde wieder am Arbeitsplatz sein. Als ich heute morgen dorthin kam, war noch kaum jemand da. Mein erster Impuls war, wieder umzudrehen und nach Hause zu fahren. Aber allmählich tauchten Leute auf, man wünschte sich "god fortsättning" (gute Fortsetzung) und bedauerte, dass das Gebäude nicht, wie so viele andere in der letzten Zeit abgebrannt sei. Natürlich sagt man sowas nur weil man ein bisschen lachen will.

Ich sehe, dass du auch deine Umgebung liebst.. ich meine dein schönes Heim. Das Bild, das du mir geschickt hast ist wunderschön. Ich würde gerne sehen, wie du es aufgehängt hast. Kannst du nicht ein Foto davon machen?

Heute Nachmittag will ich mit Anna in die Stadt fahren um mich nach einer Waschmaschine umzusehen. Es ist unglaublich wie viele Modelle es von jedem Fabrikat gibt. Wie soll man sich da auskennen?

Ein bisschen unruhig war ich schon wegen deinen heimlichen Plänen.. unruhig, weil ich nicht weiss ob sie negativ auf unsere Mausfreundschaft einwirken könnten. Aber die ist vielleicht anderen Gesetzen unterstellt.

Ich habe keine Tauben, die mich inspirieren könnten.. aber ein paar Elstern spazieren unter dem Futtertisch herum und holen sich was runtergefallen ist. Sonnenblumensamen (heisst das so?). Es sind eigentlich schöne Vögel aber seitdem sie die kleinen Vöglein damals aus dem Nistkasten gezogen haben ist meine Einstellung zu ihnen etwas ambivalent.

Ich wünschte, ich könnte jetzt mit dir in das Café gegenüber gehen und meinen Körper mit einem warmen Getränk und meine Seele (die auch ein wenig friert) mit einem schönen Gespräch mit dir erwärmen. Ja, das möchte ich jetzt tun. Kommst du mit?

Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen perfekten Tag,

Marlena

Sonntag, 5. Januar 2025

Kunterbunt

 (R)

Ämne: Kunterbunt..
Datum: den 20 juni 16:03

Lieber ...
Wenn du sehen könntest, wie es im Moment um mich herum aussieht, dann würde es dich sehr wundern, wie ich mich unter solchen Umständen an den PC setzen kann. Einen Augenblick habe ich sogar mit dem Gedanken gespielt, ein Digitalfoto von dem Chaos zu machen, um es dir zu zeigen. Aber mein eventuelles Image von einer ordentlichen Studienrätin wäre für immer dahin.
Nein, nein, ich bin noch nicht am Packen. Ich bin am Koffer lehren. Die Sommergarderobe wird nämlich immer in Koffern verwahrt und nun habe ich alles hervorgeholt, um (wie ich hoffe) das meiste davon zu verschenken. Ich glaube, ich könnte damit ein Geschäft eröffnen. ;-)
K ist gestern zurückgekommen von seiner Reise, die wie immer sehr interessant war. Aber die Zeit schien ihnen etwas zu kurz und so mussten sie von dem einen Ziel zum anderen rasen. Aber sie haben wie immer das Beste daraus gemacht und wahrscheinlich kaum die Champagnerflaschen aus der Hand gelassen. ;-)) Es gibt viele wunderschöne Städte im Baltikum, die nach ein wenig Restauration sicher beliebte Reiseziele werden können. Die Stadt Tartu hat ihnen nebst Riga am besten gefallen. Es war eine Reise in den Spuren von Gustav II Adolf.
*
Man zeigt gerade eine verkürzte Version des 25. jährigen Hochzeitstages des Königspaares. Ich habe es noch nicht gesehen. Dagegen sah ich das Bild mit den Renaissancekleidern in der Zeitung und es kam mir etwas ”billig” vor. Eine Weile dachte ich sogar, man hätte diese Bilder von der Zeitung arrangiert und ich habe mich gefragt, wie das Königspaar ihre Erlaubnis dazu geben konnte.. Aber Anna hat mich aufgeklärt. Man hat das grosse Fest für alle königlichen Gäste in Europa unter dem Thema ”Renaissance” gegeben und alle Gäste trugen also ähnliche Kleider bei dieser Gelegenheit.
Es ist ja schön, wenn man bei euch immer noch vermutet, dass Silvia so beliebt ist. Sicher ist sie es auch noch bei den Frauen. Aber ihre Popularität bei der schwedischen Presse ist in den letzten Jahren etwas gesunken, während die des Königs bedeutend gewachsen ist. Er wird als äusserst sympathischer Mensch betrachtet und soll privat ein ganz anderer Mensch sein als in der Öffentlichkeit, wo er manchmal etwas steif und charmelos wirkt.

Unser Gast Folke (unser Walther) ist eingetroffen und wir haben ein feines Abendessen serviert mit einem guten Bordeauxwein dazu. Nun sind die Herren zu einem abendlichen Spaziergang verschwunden. Das ist so Tradition. Und übermorgen ist schon ”Midsommarafton”. Es ist nach Weihnachten das grösste und auch schönste Fest des Jahres. Voriges Jahr habe ich es ja verpasst, weil ich in Italien war. Ich werde deshalb dieses Mal doppelt feiern müssen. ;-) Hoffentlich wird das Wetter gut, denn man feiert es im Freien und tanzt die Nacht durch.
*
Ich habe heute versucht, mir das Buch von Schwanitz zu besorgen. Aber man kann es hier noch nicht kaufen. Die Akademiebuchhandlung von Uppsala wollte mir das Buch aus Deutschland kommen lassen, aber das hätte ein paar Wochen gedauert. Schliesslich habe ich es übers Internet bestellt. Auf diese Weise hoffe ich, es noch vor meiner Abreise Anfang Juli zu erhalten. Übrigens, als ich zuerst den lokalen Buchhändler danach fragte, sah er mich etwas erstaunt an, als er den Titel hörte. Er ist bekannt dafür, dass er genau weiss was seine Kunden normalerweise kaufen.
So werde ich es im Sommer lesen - als ein geringer Ersatz für deine schönen Mails. Es ist nicht so, dass ich mich auf dem Gebiet Männer weiterbilden müsste ;-)) Aber du hast mich sehr neugierig darauf gemacht.
Und nun erinnere ich mich plötzlich wieder an deine migrierenden Ameisen auf dem etwas verlängerten Speer.. und ich denke so witzig hat das sicher noch nie jemand ausgedrückt. ;-)
Übrigens habe ich gestern das Programm, wo Vagn Olsen den Iran besucht, gesehen. Isfahan war sehr schön, aber die ganze Reportage ziemlich deprimierend. Überall wurde er sehr bewacht und immer wenn es ein wenig persönlich und interessant hätte werden können, wurde er unterbrochen. Das Volk tut mir sehr leid.
Ich hoffe, dass du es nicht allzu streng hast, während ich schon meine Freiheit geniesse.

 Wenn ich könnte, würde ich sie gern mit dir teilen.
Ich wünsche dir einen schönen Tag und sende dir
meine allerliebsten Grüsse
Marlena

Re: SJ


Donnerstag, 2. Januar 2025

Whatever..

 

Ämne : Whatever..
Datum : Thu, 03 Jan 17:04


Lieber ...
Was soll ich mit diesem freien Nachmittag tun, der noch vor mir liegt? Ein wenig Bettwäsche liegt hier und wartet darauf gebügelt zu werden und dann müsste ich auch zur Apotheke, denn mein Vorrat an schmerzstillenden Tabletten ist so gut wie zu Ende..

Und was hätte ich Lust zu tun? Ein warmes (sehr warmes) Bad zu nehmen .. aber das habe ich bereits getan.. unter eine warme Wolldecke kriechen. Ja, es würde vielleicht helfen, aber dazu habe ich keine Lust.. mich von innen erwärmen mit einem Glas von Ks Whisky? Aber dann müsste ich die Apotheke auf morgen verschieben, denn ich darf nicht mehr das Auto benutzen... 0 Promille bei uns.. OK, so ist es geworden:

Ich sitze am PC in Annas Zimmer mit ihren neuen Kopfhörern und höre mir die neue CD von Elton John an. Es lässt sich gut schreiben dazu. Und vor mir steht ein noch halb gefülltes Glas mit "Östgöta Sädesbrännvin".. der Whisky wäre mir lieber gewesen, aber er gehört nicht mir.. Ich frage mich manchmal, was du eigentlich von mir denkst, wenn ich solche Dinge schreibe. Aber du weißt es. Eigentlich ist das Trinken keine Last bei mir. Zu den meisten Festen fahre ich mit dem Auto, weil ich auch ohne Alkohol leben und geniessen kann, aber in den letzten Tagen brauche ich fast etwas, um meine "frierende Seele" zu erwärmen und mich wohl zu fühlen.
Du beneidest mich um diese freie Zeit und natürlich ist es schön, noch nicht arbeiten zu müssen.. oder zumindest die Arbeit aufschieben zu können, die ich eigentlich schon hätte tun sollen.
Ach, siehst du, mein Leben ist wirklich anders geworden. Immer noch gehe ich mit Schmerzen herum und nun warte ich auf ein Magnetröntgen.. wenn es so weiter geht bleibt bald nur noch eine "mad cow disease" übrig.. ;-)

Ich mache Spass aber ich muss zugeben, dass ich mich ängstige. Vor allem habe ich Angst, dass ich vielleicht meine Pläne für die Zukunft aufgeben muss. Ja, das ist das schwerste.. Abschied nehmen von seinen Träumen.. Doch ich sollte nicht klagen. Solange ich lebe, werde ich Freude finden im Leben. Das weiss ich mit Sicherheit. Es gibt  so vieles, das mich glücklich macht. Auch mitten im Alltag. Ich habe geschmunzelt über das mit dem Kaffee am Morgen .. ja, du hast recht, es gibt so viele kleine Dinge, die das Leben lebenswert machen.... und weißt du, was du mit deinen Worten erzielt hast? Dass ich seitdem nicht mehr meinen Morgenkaffee trinken kann, ohne an dich zu denken.. so früh am Morgen schon.. kann das wirklich gut sein für die Gesundheit??? :-)
*
Am Neujahrstag habe ich mir das Konzert von Wien angesehen.. geleitet von einem kleinen japanischen Dirigenten, der aussah wie ein Waldwesen von Astrid Lindgren. Aber er hat es geschafft. Das Konzert war ganz wunderbar. Hast du es auch gesehen?

Am 2. Januar hatte ich dann eine Zeit beim Frisör. Schon früh am Morgen um halb neun war ich mit dem Auto unterwegs. Es war fast menschenleer überall. Nur vereinzelte Leute mit Hunden waren auf der Strasse zu sehen und ein paar Leute, die wahrscheinlich immer noch versuchten, an ihrem Neujahrsversprechen festzuhalten, sich mehr zu bewegen. Ich liebe es, so durch die leere Gegend zu fahren.. manchmal frage ich mich, ob ich nicht gut als Eremit passen würde.. :-)
Und nun sitze ich hier mit meiner neuen Frisur und fühle mich schön.. darf man sowas selbst sagen? Ich meine, wenn ich in den Spiegel gucke, sehe ich nichts von all meinem Kummer. Die Frau, die mich anschaut, sieht jung, glücklich und zufrieden aus und strahlt von Gesundheit..
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Heute habe ich ein stundenlanges Interview mit Leonard Cohen gesehen. Ich kenne seine Musik und finde sie ganz gut, aber ich wusste nicht, was für ein fantastischer Mensch sich hinter diesem Namen verbirgt. So wie er über sich selbst und das Leben spricht.. Ach, es war wunderschön und ich wünschte du hättest es sehen können.
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Ach ja, meine Schwächen und Sünden.. ja, das ist ein langes Kapitel.. Von den Todsünden bis zu den kleinsten Nachlässigkeitsünden.. es gibt sie leider alle.. Ich glaube, ich muss es für ein anderes Mal aufheben. Aber was das Fluchen betrifft, so meint jedenfalls Anna, man könnte damit ein Buch füllen .. ein dickes.. und mit einem besonderen Kapitel "Marlena am Steuer". Wir haben sehr gelacht und K hat lebhaft zugestimmt. Aber du hast recht, eigentlich bin ich ein Mensch, von dem man keine solchen Wörter erwartet. Es erregt  Aufsehen, wenn ich fluche (ich tue es nur bewusst und sehr sparsam). Übrigens, was verstehst du unter "Sünde"? Ist verliebt sein eine Sünde? Erzählst du mir auch von deinen?

Es war schön, diesen Nachmittag mit dir zu verbringen. Und nun wünsche ich dir noch einen schönen Abend.
Liebe Grüsse
Marlena


Mittwoch, 1. Januar 2025

Neues Jahr

 

Ämne : Re: ???
Datum : Tue, 01 Jan

Liebe Marlena

So haben wir also dieses bedenkenswürdige Jahr geschafft! Ich wünsche Dir und Deinen Lieben alles Gute, viel Glück und Frohsinn und natürlich auch gute Gesundheit und jeden Morgen eine feine Tasse Kaffee. Das letztere klingt vielleicht etwas komisch. Aber letztlich sind es ja auch die kleinen Dinge, die unser Leben zufrieden und geniessenswert machen. Ich jedenfalls schätze meine Tasse Kaffee am Morgen vor der Arbeit und abends, wenn ich heimkomme, besonders.

Man soll sich für ein neues Jahr nicht zuviel vornehmen. Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, sagt man. Deshalb nehme ich mir nur kleine Dinge vor, und ich behalte sie vorsichtshalber für mich selbst. Und ich schicke in dieser Sache auch keine SMS.
*
Und dann hoffen wir, dass wir auch mit dem Euro erfolgreich umgehen können. Auch ihr Schweden werdet zwei parallele Währungen nebeneinander bewältigen müssen. Aber es macht es doch einfacher, in Europa zu reisen. Ich werde vielleicht ein zweites Portemonnaie kaufen. Vielleicht das ist ein guter Vorsatz, den ich auch weiter erzählen kann.
*
Schliesslich habe ich diesen 800 Seiten Roman von John Irving doch noch bewältigt. Das Ende ist dann doch noch etwas trivial geworden. Im Wesentlich geht es in diesem Roman um Eddie, der als 16 jähriger Student bei einem Schriftsteller einen Ferienjob antritt und dabei die Geliebte seiner schönen Frau wird. Die Frau verlässt dann ihren Mann und ihre Tochter und verschwindet für die nächsten 35 Jahre. Ihre Tochter, die damals 4 Jahre alt ist, wird später Schriftstellerin, und Eddie wird das auch. In ihren Büchern versuchen sie ihre Lebensprobleme zu bewältigen. Sie beispielsweise das Verschwinden ihrer Mutter. Er seine Liebe zu einer älteren Frau. Schliesslich schreibt aber auch die verschwundene Mutter Romane, Kriminalromane. Sie tut es unter einem Pseudonym. Aber Eddie erkennt sie in den Romanen.
Ist das nicht eine arg konstruierte Geschichte? Nun gut, zum Schluss des Romans wird deutlich, dass viele Ereignisse und Details am Anfang der Geschichte schliesslich zu ihrer Bedeutung kommen. Daraus sieht man, das der gute Irving das ganze Projekt intensiv durchdacht hat.
Was mich vor allem gestört hat war die Tatsache, dass viele Figuren detailliert und umfangreich geschildert wurden, die eigentlich nebensächlich sind. Ich hatte mich immer wieder überlegt, ob ich mich darauf einlassen sollte, oder ob ich die Seiten besser überspringen würde. Das ist ja nicht einfach, weil man oft dann Dinge verpasst, die später für das Verständnis wichtig würden. Aber es gab soviele Personen, mit denen sich Irving akribisch beschäftigt hat, die später wieder aus seiner Geschichte verschwinden. Es ist ja doch wie wenn deine Töchter Freunde mitbringen. Man soll sich nicht mit jedem verbrüdern und Freundschaft schliessen, weil er nach 3 Monaten vielleicht wieder in der Vergessenheit landet.
Und weiter hat mich am Roman gestört, dass sie alle sexoman sind, diese Amerikaner, die Frauen wie die Männer. Die Schriftsteller wie die Gärtner. Wenn sie eine Frau sehen, schauen sie sich erst einmal die Brüste und und das Becken an und fragen sich, wie sie es mit ihr im Bett anstellen wollen. Das ist auf die Länge wirklich ziemlich monoton. Irving arrangiert die Bettepisoden wie ein Historienmaler Schlachtszenen. In allen hässlichen Details und mit ganzer Palette malt er sie aus, von hinten und von vorne und von oben und von unten. Er erspart unserer Fantasie wirklich absolut gar nichts. Es ist geradezu tierisch.
*
Ich werde mir im neuen Jahr meinen Walter vornehmen. Er soll seinen Irving verteidigen, wenn ich ihn nach Noten niedermache. Und er muss schon gute Argumente finden, um sein Leben zu retten. Sein literarisches natürlich. Was mich betrifft, so habe ich meine Hausaufgaben gemacht. Ich werde in meinem kommenden Leben mit einiger Wahrscheinlichkeit kein Buch von Irving mehr zur Hand nehmen. Soviel Zeit für sowenig Profit, das will ich mir nicht mehr leisten. Und mein 800-Seiten-Exemplar werde ich getrost weiterschenken können. Vielleicht ist das eine Idee? Ich schenke dieses 800 Seiten Büchlein Walter zum Neuen Jahr. Zwar glaube ich, dass er schneller liest als ich. Er hat auch ein ruhigeres Familienleben und kann sich besser auf seine Lektüre konzentrieren. Aber dennoch, er soll auch daran leiden!
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Heute ist wiederum wunderschönes, kaltes Winterwetter. Es gibt kaum Leute, die unterwegs sind. Alle müssen sich ihren Silvesterrausch ausschlafen. Auch die Italiener stehen noch nicht unten vor der Buchhandlung. Wahrscheinlich wäre es ihnen auch zu kalt. In Schattenlagen liegt noch etwas Schnee. Das ist eine gute Erinnerung an die diesjährigen weissen Weihnachten.

Und bald schon fängt die Arbeit wieder an. Meist, wenn solche Ferien- und Feiertage vorbei sind, ärgere ich mich ein wenig darüber, dass ich nicht mehr aus ihnen gemacht habe. Malen, Zeichnen, Schreiben, Fachbücher lesen: wann denn sonst sollte man sich diese Dinge vornehmen, wenn nicht an freien Tagen. Aber diese verflixten Tage fliessen und tropfen durch die Finger und verschwinden ins Nichts. Man wollte sich nur mal ein wenig hängen lassen, und schon sind sie vorbei. Zeitmanagement, das wäre gut.
*
Ich wünsche Euch allen noch einen schönen und sonnigen Neujahrstag, ...
Mit einem lieben Gruss
...