das Lied "Sankta Lucia" hier
im Kollegium Spiritus Sanctus Brig
Liebe Marlena
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Es ist lustig, ich habe oft ein Bild aus meinen Jugendzeiten, das mir aufkommt. Wir hatten in der Schule in Brig im alten Kollegiumsgebäude einen langen grossen Gang. Er war vielleicht mehr als 2m breit, mit einem Granitbogen. Und die tiefen Fensternischen bildeten je ein kleines Abteil, wo wir am Morgen früh, um nicht in der Kälte stehen zu müssen, am Fensterbrett lehnten und unsere Lateinvokabeln repetierten. Es ist eine Atmosphäre, wie man sie oft in den Wandelgängen der Klöster findet, einen architektonischen Typus, den ich überaus gerne mag.
In diesem Gang, an dessen Ende eine Tür in die Sakristei der Kirche führte, wie ich annahm (durch die ich in meinem Leben aber nie gegangen bin; was sollte ich auch in einer Sakristei der Kollegiumskirche?), und durch die die Internatsschüler am frühmorgens um 0600 - vor dem Morgenstudium - wohl jeweils in Zweierkolonne in die Frühmesse geführt worden waren, in diesem Gang gingen oft einzelne Lehrer, also Patres, in gemächlichem Schritt auf und ab, um das Brevier zu lesen. Es gab gleich vor dem Gebäude und parallel zu diesem Gang im Garten noch einen mit einem Rosenspalier gesäumten Weg, den sie in den Sommermonaten benutzten. Dieses kontemplative peripathetische Gehen kam mir anfangs als Junge komisch vor. Doch insgesamt hat es mich wohl tief beeindruckt als eine Geste der Zwiesprache mit sich selbst. Und wenn ich irgend ein Problem oder eine Frage zu wälzen habe, dann liebe ich es heute überaus, auf und ab zu gehen. Ich hasse kleine Räume und bin überzeugt, dass in kleinen Räumen keine grossen Ideen entstehen können. Ich gehe auf und ab auf dem Bahnhof, wenn ich auf den Zug warte. Ich gehe im Büro, diagonal, auf und ab. Ich tue dasselbe in unserer Stube. Ich mag es, wenn ich am Donnerstag beim Weekly mit Walter zusammen sitze, plötzlich aufzustehen, und für eine Weile auf und ab zu gehen. Ja ich habe manchmal, wenn ich lese und einen spannenden Gedanken finde, plötzlich das starke Verlangen, auf und ab zu gehen. Es muss einer meiner Tics sein, dieses Auf- und Abgehen. Eine kleine Manie.
Und früher, als es noch Sekretärinnen gab, denen man Briefe und Texte diktieren konnte, da gab es die sinnvolle Gelegenheit, auf und ab zu gehen. Das waren noch herrliche Zeiten, und damals waren Briefe noch hübsch und byzantinisch formuliert. Dieses habe ich mir zwar immer als eher komische Situation fantasiert: der Chef, der im Büro auf und ab geht und die Sekretärin, die in Eile seinen Gedankenfluss protokollieren soll. "Zum Diktat", das war damals für Sekretärinnen ein finster klingender Drohruf und Grund genug, um nervös nach Stenographieblock und Stift zu suchen. Ich glaube, die Generation meines Vaters war mit solchen Situationen durchaus noch vertraut. Und meine erste Sekretärin, ich wette darauf, hatte in ihren früheren Jahren noch Diktat beim Chef. Die Männer sassen noch nicht am PC, wie wir das tun. Sie hätten so etwas als absolut "weibisch" und als eines Mannes unwürdig empfunden. Denn die Arbeitsteilungen waren absolut klar und geradezu feudalistisch.
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das Stockalperschloss an einem Winterabend
Liebe Malou
Heute war ich früh im Büro. Es muss 6.30h gewesen sein. Ich hoffe, sie wählen mich bald einmal zum „Helden der Arbeit“, wie das die Sowjets in alten Zeiten getan haben. Und als Gegenleistung und schönes Privileg sollten sie mich dann für 2 Wochen an irgend ein kaltes Ostbad schicken, wo ich mir eine tüchtige Erkältung holen kann. Ach, die Zeiten sind nicht mehr, wie sie mal waren.
Aber das Wetter zeigt sich von der schönen Seite. Es ist ziemlich kalt geworden, und der Schnee, der übers Wochenende gefallen ist, ist sogar an den Bäumen hängen geblieben. Das ist bei uns selten geworden. Ich kann mich erinnern, dass es in meiner Jugend im Wallis manchmal noch echt geschneit war. Wenn das an einem Wochenende geschehen ist, pflegten wir abends lange Spaziergänge zu machen. Anfangs mit der ganzen Familie, später traf man sich mit Schulkollegen und ging hinaus durch die verschneiten Strassen zur Kunsteisbahn. Das war eine wunderbare Stimmung und die ganze Welt war verzaubert. Und viele andere Leute taten dasselbe, so dass man unterwegs diese oder jene angetroffen hat und sich fröhlich begrüssen konnte. Ich habe eine Postkarte gefunden, die Brig nachts im Schnee zeigt. Wenn ich das sehe, macht es mir noch heute das Herz warm. Ich versuche, das Foto in den fotofolder zu schieben. Es sind die Lichtverhältnisse, die mich so elektrisieren.
Ich habe das Bild schlussendlich gefunden, aber noch zwei andere dazugelegt. Das erste ist ein Gemälde über den Orient. Bestimmt stammt es aus dem 19. Jahrhundert, als sich Europa für den Orient zu interessieren begann. Ich glaube, die Darstellung zeigt einen Bazar-Raum in Kairo. Aber auch in Teheran könnte man das sehen. Es ist eine schöne Darstellung, die natürlich auch ein bisschen mit europäischen Vorurteilen und Schemata spielt. Das zweite Bild zeigt das Stockalperschloss (die Karawanserei im Wallis) an einem Winterabend. Du musst wissen, dass ich während 8 Jahren an diesem Schloss vorbei zur Schule gegangen und abends heimgekehrt bin. Diese Stimmung ist besonders lebendig in meiner Erinnerung. Unten im Tal und in den Häusern ist es schon ziemlich dunkel und kalt, und in der Höhe scheinen immer noch die Schneeberge im Abendlicht. Da hat man das schöne Gefühl, dass es mehr gibt als nur den Menschen mit seinen alltäglichen Geschäften. Und zuletzt das dritte Bild, das ich eigentlich gesucht hatte. Es zeigt Brig in winterlichen Abendstunden. Unten links der Bahnhof, der ein bisschen stärker beleuchtet ist. Rechts die helle Strasse ist eigentlich eine Seitenstrasse, die wir selten passiert haben. Die wichtige Bahnhofstrasse sieht man auf dem Bild kaum. Aber oben sieht man die Kirche, und gleich dahinter sind die grossen Gebäude des Jesuiten Kollegs. Man hat von der kleinen Terrasse vor der Kirche einen wunderbaren Blick über Brig und ins Tal hinunter bis Visp. Ich muss zugeben, dass das Bild ein bisschen Apres-Ski suggeriert. Mag sein, mag auch sein, dass auch dies die süsse Situation sei, die in meiner Seele lagert. Wir haben wirklich einige und sehr schöne Apres-Ski-Stunden und Abende verlebt, nicht nur in Brig, sondern auch in Zermatt, Saas Fee, Montana und an anderen, unbekannteren Orten.
Ach Malou, ich schwärme wieder mal vom Wallis, verzeih mir. Ich glaube manchmal, dass dies mein Heroin sei. Es ist mein Paradies, denn das Paradies ist immer der Ort, von dem man vertrieben worden ist. Eine zeitlang konnte ich meine Erinnrungen auffrischen bei meinem Bruder in D. Er hatte in diesem prächtigen kleinen Winzerdorf am Sonnenhang eine hübsche Wohnung mit einer herrlichen Aussicht ins Tal hinunter. Leider wohnen sie jetzt nicht mehr dort, denn D. war nur mit dem Auto oder mit dem kleinen Bähnchen nach M zu erreichen. Und das war natürlich ein täglicher Zeitaufwand, denn die beiden haben nur ein Auto. Andererseits muss man auch betonen, dass die Zeit im Wallis noch nicht so rasch läuft wie bei uns. Und eine solche Drahtseilbahn ist der ideale Ort für ein kleines Schwätzchen. Es ist die reine Lebensqualität, die mit der Langsamkeit einhergeht.
Jetzt will ich Dir diese Schwärmerei schicken. Bestimmt kannst Du sie mir ein bisschen nachfühlen, denn ihr habt doch bei Euch auch jede Menge Schnee und warme Lichter in den Häusern.
Mit lieben GS und KS
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Marlena
Foto: Chris