Montag, 9. Dezember 2024

Schöner Wintertag

 

das Stockalperschloss an einem Winterabend


Liebe Malou
Heute war ich früh im Büro. Es muss 6.30h gewesen sein. Ich hoffe, sie wählen mich bald einmal zum „Helden der Arbeit“, wie das die Sowjets in alten Zeiten getan haben. Und als Gegenleistung und schönes Privileg sollten sie mich dann für 2 Wochen an irgend ein kaltes Ostbad schicken, wo ich mir eine tüchtige Erkältung holen kann. Ach, die Zeiten sind nicht mehr, wie sie mal waren.

Aber das Wetter zeigt sich von der schönen Seite. Es ist ziemlich kalt geworden, und der Schnee, der übers Wochenende gefallen ist, ist sogar an den Bäumen hängen geblieben. Das ist bei uns selten geworden. Ich kann mich erinnern, dass es in meiner Jugend im Wallis manchmal noch echt geschneit war. Wenn das an einem Wochenende geschehen ist, pflegten wir abends lange Spaziergänge zu machen. Anfangs mit der ganzen Familie, später traf man sich mit Schulkollegen und ging hinaus durch die verschneiten Strassen zur Kunsteisbahn. Das war eine wunderbare Stimmung und die ganze Welt war verzaubert. Und viele andere Leute taten dasselbe, so dass man unterwegs diese oder jene angetroffen hat und sich fröhlich begrüssen konnte. Ich habe eine Postkarte gefunden, die Brig nachts im Schnee zeigt. Wenn ich das sehe, macht es mir noch heute das Herz warm. Ich versuche, das Foto in den fotofolder zu schieben. Es sind die Lichtverhältnisse, die mich so elektrisieren.
Ich habe das Bild schlussendlich gefunden, aber noch zwei andere dazugelegt. Das erste ist ein Gemälde über den Orient. Bestimmt stammt es aus dem 19. Jahrhundert, als sich Europa für den Orient zu interessieren begann. Ich glaube, die Darstellung zeigt einen Bazar-Raum in Kairo. Aber auch in Teheran könnte man das sehen. Es ist eine schöne Darstellung, die natürlich auch ein bisschen mit europäischen Vorurteilen und Schemata spielt. Das zweite Bild zeigt das Stockalperschloss (die Karawanserei im Wallis) an einem Winterabend. Du musst wissen, dass ich während 8 Jahren an diesem Schloss vorbei zur Schule gegangen und abends heimgekehrt bin. Diese Stimmung ist besonders lebendig in meiner Erinnerung. Unten im Tal und in den Häusern ist es schon ziemlich dunkel und kalt, und in der Höhe scheinen immer noch die Schneeberge im Abendlicht. Da hat man das schöne Gefühl, dass es mehr gibt als nur den Menschen mit seinen alltäglichen Geschäften. Und zuletzt das dritte Bild, das ich eigentlich gesucht hatte. Es zeigt Brig in winterlichen Abendstunden. Unten links der Bahnhof, der ein bisschen stärker beleuchtet ist. Rechts die helle Strasse ist eigentlich eine Seitenstrasse, die wir selten passiert haben. Die wichtige Bahnhofstrasse sieht man auf dem Bild kaum. Aber oben sieht man die Kirche, und gleich dahinter sind die grossen Gebäude des Jesuiten Kollegs. Man hat von der kleinen Terrasse vor der Kirche einen wunderbaren Blick über Brig und ins Tal hinunter bis Visp. Ich muss zugeben, dass das Bild ein bisschen Apres-Ski suggeriert. Mag sein, mag auch sein, dass auch dies die süsse Situation sei, die in meiner Seele lagert. Wir haben wirklich einige und sehr schöne Apres-Ski-Stunden und Abende verlebt, nicht nur in Brig, sondern auch in Zermatt, Saas Fee, Montana und an anderen, unbekannteren Orten.

Ach Malou, ich schwärme wieder mal vom Wallis, verzeih mir. Ich glaube manchmal, dass dies mein Heroin sei. Es ist mein Paradies, denn das Paradies ist immer der Ort, von dem man vertrieben worden ist. Eine zeitlang konnte ich meine Erinnrungen auffrischen bei meinem Bruder in D.  Er hatte in diesem prächtigen kleinen Winzerdorf am Sonnenhang eine hübsche Wohnung mit einer herrlichen Aussicht ins Tal hinunter. Leider wohnen sie jetzt nicht mehr dort,  denn D. war nur mit dem Auto oder mit dem kleinen Bähnchen nach M zu erreichen. Und das war natürlich ein täglicher Zeitaufwand, denn die beiden haben nur ein Auto. Andererseits muss man auch betonen, dass die Zeit im Wallis noch nicht so rasch läuft wie bei uns. Und eine solche Drahtseilbahn ist der ideale Ort für ein kleines Schwätzchen. Es ist die reine Lebensqualität, die mit der Langsamkeit einhergeht.

Jetzt will ich Dir diese Schwärmerei schicken. Bestimmt kannst Du sie mir ein bisschen nachfühlen, denn ihr habt doch bei Euch auch jede Menge Schnee und warme Lichter in den Häusern.
Mit lieben GS und KS
...



Sonntag, 8. Dezember 2024

Jesuiten - oder?


Marlena 

Freitag, 6. Dezember 2024

Donnerstag, 5. Dezember 2024

Meine Assoziationen

 

Foto: Chris

Liebe Malou
Ich habe soeben die Papiere geordnet, chronologisch geordnet, die nun einigermassen drei Ordner füllen. Na ja, die Chronologie ist noch nicht perfekt, aber einigermassen vorbereitet. Es haben ja nun leider nicht alle Papiere ein Datum.
Weisst du Malou, wenn ich so mit Ordnern hantiere, dann habe ich das Gefühl, ich sei in den falschen Job geraten. Schon der Anblick von Ordnern ist mir einigermassen ein Graus. Aber dass ich diese unansehnlichen Dinger auch noch selbst füllen und ordnen muss, das finde ich die Höhe. Eigentlich hatte ich gedacht, die Ordner würden selbst ordnen. Aber nein, man muss alles selbst machen. Und seit man keine Sekretärinnen mehr hat, die alles einordnen und wieder hervorholen, wenn man es braucht, gibt es in den Büros eine riesige Sauordnung. Ich glaube, das schadet dem Zustand der Welt ziemlich. Die Ordner sind die Infrastruktur der Welt. Und heute geistern sie gar in digitaler Form durch die Lüfte. Da lobe ich mir die alten Walliser Strichlisten. Kennst du sie. Sie haben einen speziellen Namen, der mir jetzt aber nicht mehr in den Sinn kommt. Im Wallis, mit seinem sonnigen und trockenen Klima, müssen die Bauern ihre Rebberge und Wiesen künstlich bewässern. Dazu gibt es die Wasserleitungen (auch Suonen genannt). Und in alten Zeiten haben sie in den Dörfern die Wasserrechte auf Holzstücken eingekerbt. Da konnte man ablesen, dass die Familie Kuonen von Mitternacht bis vielleicht 2 Uhr das Recht hatte, das Wasser auf ihre Wiesen zu leiten. Wasserdiebstahl wurde schwer bestraft. Ich hatte im Gymnasium mindestens einen Kameraden (mindestens einen, von dem ich es weiss, wahrscheinlich gab es noch andere), der gelegentlich nachts wegen dieser Wässerung nicht ins Bett kam. Natürlich hatte er auch wenig Zeit für Hausaufgaben und war morgens müde wie nach einem ausgelassenen Fest. Diese künstliche Bewässerung habe ich dann wieder im Iran gesehen. In Damavand, in der Nähe des höchsten Berges, der so heisst, haben die Schwiegereltern ein Sommerhaus. Und dort oben hat man nachts die Leute gehört, wenn sie wässerten. Und morgens lag dann der ganze Acker gleich neben dem Haus unter einer Wasserlache.

Du siehst, Malou, meine Assoziationen rennen quer durch die Welt. Wir waren bei den hässlichen Ordnern. Man nennt sie hier auch Bundesordner. Keiner weiss, weshalb     "Bundes-"?

Ach ja ...

Lieber ... ,

Danke für dein liebes interessantes Zwischenmail, das ich wie immer genossen habe.
Heute bin ich eher etwas traurig. Und es ist wegen den alten Leuten, die Ina und ich jeweils Montags treffen. Drei von denen, die so gut wie jedes Mal dabei waren, lässt das Personal nicht mehr an unserer kleinen Kaffeestunde teilnehmen. "Sie werden zu unruhig davon", heisst es. Wahrscheinlich hat man sie lieber als Zombies, die nicht mehr reagieren und nur ihren Körper still durch die Welt schieben. Mir kamen sie glücklich und zufrieden vor und sie schienen das Bisschen Leben um sich herum zu geniessen. 
Schon vorige Woche wurde Ina, die vor mir gekommen war, nicht mehr in den Korridor hineingelassen, damit die Alten sie nicht sehen sollten. Das Personal wollte die "erlaubten" Personen selbst herausbringen.
Na ja, ich weiss nicht. Natürlich sind wir sehr privilegiert, wo wir doch nicht die unangenehmen Pflichten übernehmen müssen. Und es ist möglich, dass die Alten sich ihrer Lage bewusst werden, wenn sie diese Stimulans von uns bekommen. Ach, sag mir du, wie du denkst. Du bist doch der Experte auf menschlichen Beziehungen.
Nein, wie eine Florence Nightingale habe ich mich nie gefühlt.. aber letzthin kam mir der  Film "Einer flog über das Kuckucksnest" mit Nicholson in den Sinn.

Ich schreibe später mehr.
Wünsche dir einen schönen Tag
Mit lieben Gs und Ks
Malou




Mittwoch, 4. Dezember 2024

What a difference ...


Lieber ...,

Dieser Tag hat gut begonnen. D.h. mit einem Mail von dir in der Inbox. Besser kann ein Tag nicht beginnen.
Ich habe gerade ein längeres Mail an Lou geschrieben und weil ich dir gewisse Dinge darin auch erzählen möchte, mache ich es mir leicht und schicke euch beiden dasselbe. Nein, ich bin nicht faul und ich will dir gern auch persönlich schreiben.. tue ich ja gerade. 
*
Today we have had our social gathering with old people again and it was very nice. We were 9 persons and this time everybody took part at the conversation. They all suffer from dementia and don't have any short-time-memory left. But we found lots of funny things to talk about and when we decided to sing some songs together, I noticed that most of them still knew all the texts by heart. It gives me a lot of pleasure to make them feel happy and alive.

*
Ja, es war heute besonders schön bei den Alten. Es tut gut, wenn man sie lachen und lächeln sieht. Und nachher bedanken sie sich für die "Einladung" und eine sagt, dass sie uns demnächst zu sich einladen möchte. Mit der Zeit lerne ich, wie man am besten auf so was reagieren kann.

Ach ..., hättest du vor einem Jahr gedacht, dass ich dir von solchen Dingen berichten würde? Das Leben ist komisch, aber ich finde es gibt nichts Menschliches, was nicht ein paar Zeilen in einem Mail wert ist, sogar wenn das Mail an einen geliebten Mausfreund addressiert ist. ;-)

*

On my way home from that meeting, my car suddenly stopped. Fortunately I managed to start it again. And when K and I opened the bonnet to check the oil-level, a mouse jumped out. I hope it has not gnawed at some important tubes. :-)

Did you have a nice time at the "Mostra del gatto"? I remember once when, in my youth, I visited one in Stockholm. We always had cats at home and I could imitate their different sounds very well. And that's what I did among those cats at the exhibition. They all went mad and tried to get out oft their cages. And I still wonder, what I had said to them. :-)

Talking of languages. No, I don't speak many of them. Just German and French. But of course I can also understand Danish and Norwegian, because they are very similar to Swedish. Yes, I will continue to write to you in English, because it gives me necessary exercise.. Well, necessary for what..? ;-)

Have I already asked you if you have read a book by Alexander McCall Smith?I am just now reading his "Tears of the Giraffe" one of the books of "Ladies' Detective Agency". It gives you a warm and lovely feeling.. like a nice cup of tea in front of the fireplace. ;-)

The days get shorter and shorter. It's already absolutely dark outside. What a difference compared to our lovely light summer nights.


So, jetzt lasse ich dich wieder an diesem dunklen Abend.
Alles liebe und Gute dir
mit Gs und Ks
Malou

Sonntag, 1. Dezember 2024

1. Advent

 



...

Und was treibst du Malou? Bist du an den Weihnachtsvorbereitungen? Das glaube ich mindestens. Du wirst dein Haus auf Hochglanz bringen und alles beleuchten, was beleuchtenswert erscheint, nicht wahr?

Und ich, wie gesagt, mit einem Kerzlein unter der Brücke.
Liebe Gs und Qs und Ks und so


Lieber ...,

"alles beleuchten, was beleuchtenswert erscheint" *smile* Ja doch, das tun wir alle hier in Schweden. Und nicht nur was beleuchtenswert erscheint..
In allen Fenstern siehst du, schon vom 1. Advent an, entweder Sterne oder Leuchter. Früher, als ich noch klein war, gab es diesen schönen aus Papier, der wirklich wie ein richtiger Stern aussah, wenn er angezündet war und ein warmes schönes Licht verbreitete. Ich habe immer noch einen solchen oben bei mir und ich muss sehr vorsichtig damit umgehen beim aufhängen, denn er leidet schon sehr an Altersschwäche. Werde ganz nostalgisch wenn ich ihn leuchten sehe. Doch heutzutage gibt es alle möglichen Sorten. Manche aus dünnem Holz geschnitzt, andere aus goldglänzendem Metall: Ach, es gibt wirklich so viele verschiedene Sterne und immer wieder kommen neue dazu.

(---)

Und jetzt glaubst du, dass du bald als Clochard leben wirst.. wenn ich dich richtig verstanden habe. Ja, pass ein Bisschen auf, ...! Ich hatte in meinem Freundenkreis Männer, die nach einer Scheidung ziemlich verwahrlost daherkamen. Mit wildem Haarwuchs und Kleidern, die man ihnen am liebsten gleich in die Waschmaschine gesteckt hätte. Aber nein, bei dir ist das keine Gefahr. Hast doch sogar schon deine eigene Friseurin. ;-)

Es freut mich, dass du mit dem Schreiben beginnen willst. Aber Konsalik? Ich kenne den Namen und ich glaube sogar, dass ich eventuell ein Buch hier irgendwo stehen habe, das mir mal Bertelmans Lesering geschickt hatte, als ich vergessen hatte abzubestellen. Ich war, als ich an der Uni Germanistik studiert habe, Mitglied in diesem Lesering.

Ich habe dir sicher schon einmal von dem Programm erzählt, das man eine zeitlang jeden Donnerstag sehen konnte. Man zeigte jeweils einen Schriftsteller und liess ihn/sie über sein Schreiben berichten. Man erfuhr wie, wo und wann sie schrieben und dabei habe ich gestaunt, wie hart sie fast alle ihr Schreiben diszipliniert haben. Fast wie Bürozeiten kam es mir vor. Sie erzählten sehr persönlich und voll Charme. Manche trugen ständig ein kleines Notizbuch bei sich, damit sie, wenn ihnen was Gutes einfiel, es gleich aufzeichnen konnten.
Ich habe mir diese Programme öfters auf Video aufgenommen, um sie später nochmals richtig geniessen zu können. Ich hatte auch den Eindruck, dass sie in ihren kreativen Perioden sich  von der Umwelt zurückzogen, um nicht gestört zu werden. Anfangs hatten sie meistens einen Plan (einen Plot?)  und gewisse Personen bestimmt für ihre Story. Doch oft merkten sie, wie sich diese Personen selbständig machten und sich nicht besonders um die Absichten des Schriftstellers kümmerten. Der Roman schrieb sich sozusagen selbst. :-)

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So verabschiede ich mich wie üblich mit lieben Gs und Ks (wahlfreie Sorte) Qs
Marlena