Mittwoch, 18. September 2024

Re: NYC ...


den 16 september 15:20
Politik again


Liebe Marlena
Hier ein kurzer Zwischengruss. Gerade bin ich von Basel zurückgekommen. Ich hatte eine Sitzung mit meinen Leuten. Wir haben herrliches Herbstwetter, und man möchte am liebsten vor sich hin wandern und die Gedanken hinter sich am Boden nachziehen. Wie eine wunderbare farbenfrohe königliche Schleppe, die im Herbstlaub raschelt.
*
Was die Abstimmung betrifft, so hast Du bestimmt Deiner sozialen Stellung konform entschieden. Ich habe jüngst eine Untersuchung in der Schweiz gelesen (überflogen), die sozusagen eine Abstimmungsgeographie der Schweiz macht. Gewisse Wohnformen und Wohnregionen entsprechen bestimmten Mentalitäten, die wiederum in politischen Meinungen sich kundtun. Städtische Bevölkerung sind ...


Ämne: Voller Tag..
Datum: den 16 september  23:01


Lieber...,
Es freut mich zu hören, dass du NY so sehr geschätzt hast, dass du dich sogar zurücksehnst. Ich hatte geahnt, dass es so kommen würde. Nun ja, deinen Flirt mit der jungen Ärztin hatte ich nicht vorausgesehen, aber auch das freut mich, denn ich weiss aus Erfahrung, dass die schönsten Erinnerungen an Reisen immer irgendwie mit Menschen verknüpft sind - dazu rechne ich auch ganz kurze rasche Begegnungen mit anderen Menschen. Ich kann mir sehr wohl vorstellen, dass du einen Roman darüber schreiben könntest. Ich hatte auch eine ähnliche Idee mit Paris. "Elf Stunden mit Guy", sollte die Geschichte heissen und einen schönen Tag in Paris schildern, der oben am Montmartre begann und spät am Abend in Pigalle endete. Aber auch ganz zufällige kleine Gespräche mit fremden Leuten bleiben in der Erinnerung. Einmal kam ein kleiner Nachbarjunge auf mich zu und sagte: "Eh, Marlena, j'aime bien la façon, dont tu prononces l'e à la fin des mots." Ich fand es so lieb, diese kleine Liebeserklärung von einem 8-jährigen Kind. Ich war wohl kaum 19 und wusste nicht einmal dass ich ein "e" am Ende der Wörter aussprach. Ich hatte damals erst ein Jahr Französisch gelernt.
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Es ist schön nochmals ein Mail von dir zu erhalten. Irgendwie fühlte ich fast, dass noch ein kommen würde. Kannst du das verstehen? Und am Anfang formulierst du dich so lustig, dass ich wieder ganz verzaubert bin. Ich liebe deine Reflexionen.
Ja, natürlich ist es ein anderes Bild von dir, das ich gesehen habe. Ich wusste nicht, dass du noch ein grosses Bild kopiert hast. Und ich sehe natürlich ein, dass deine künstlerische Begabung ebenso gross sein muss, wie deine literarische. Ja, du musst schreiben. Und ich möchte deine Simone sein, die aufpasst dass du "natürlich" schreibst und dich nicht in ein "Muster" zwingst. Dein Buch sollte so geschrieben sein, wie deine Mails an mich. Ich würde gern ein Buch machen aus deinen schönen Mails. Aber weisst du, es sind schon tausende. Manchmal finde ich ein richtig altes und ich bin ganz fasziniert wenn ich es lese. Es tut fast weh.
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(---)

Wünsche dir Gute Nacht und einen schönen Tag morgen,
Marlena


Dienstag, 17. September 2024

NYC - mein zweiter Frühling


Lieber ..
Denkst du noch an "unsere" schöne Woche in NY? Oder liegt das schon weit weg? Ich vermisse ein wenig deine Abendmails, wenn du verstehst wie ich das meine. Es ist nicht gerecht dass ich dir abends schreibe und du mir morgens. Aber es freut mich auch, dass ich dich früh aus dem Bett locken kann. Und meinen Morgenkaffee trinke ich oft mit dir.

den 16 september  08:21
NYC - u.a.m


Liebe Marlena
Es gibt keinen Grund, meine Morgenmails zu beneiden. Es ist bestimmt um vieles besser, am Abend lyrische Mails schreiben zu können. Und ich erinnere mich mit Vergnügen an NY, wo ich abends zwischen 18h und 20.00h Uhr meinen kleinen Kaffee brauen und am Computer meine Mails schreiben konnte. Dazu habe ich literweise Wasser getrunken, denn es war sehr warm, und weil ich während des Tages etwas kurz gehalten war, habe ich abends zuhause alles nachgeholt. Es war wirklich sehr schön. Und das schönste dabei war, dass es kaum Zeitgrenzen gab. Ich meine, ich musste jeweils morgens erst um 10h im NLP Center sein. Und Abends war um 17.00 Uhr bereits Feierabend. Stell Dir ein solches Leben vor!. Man spaziert wirklich locker hinüber zum Broadway, geht noch eine halbe oder zwei Stunden in The Strand, diesen grossen Buchladen, wo die Exemplare tonnenweise herumliegen und an den Wänden bis zur Decke stehen. Dann vielleicht in der Abendsonne hinunter, an der gotischen Kirche vorbei, die irgendwie feierlich aussieht. Man hat gerade einen Teil renoviert, und er war eingerüstet. Dann hinüber auf die 4th Avenue, die einen ganz anderen Eindruck macht. Hier hatte man schon den Eindruck, in einer Kleinstadt - um nicht Dorf zu sagen - zu sein. Dort stand in der Nähe Astor Square, wo ich immer die Untergrund verliess, dieses grosse und hübsche Haus, von dem ich kürzlich im Fernsehen vernahm, dass es eine Architekturschule sei und Cooper Union heisst. Die Coopers waren in alten Zeiten einmal die Küfer, also jene Handwerker, welche die Holzfässer mit den Metallkufen hergestellt hatten. Dieses Haus war mir immer aufgefallen, als ich daran vorbeiging. Auf dem Stadtplan war es auch mit Cooper Union angeschrieben. Aber ich wusste natürlich nicht, dass es die Architekturschule New Yorks war, wo u.a. Liebeskind studiert hatte. Beim Astor Place trat man ins East Village ein. Dort, in der 8th Strasse, die eigentlich St Marks Place heisst, und in der 9th, wo ich wohnte, war abends so viel Leben. Es waren vor allem junge Leute, die dort herumwaren. Und das fing gleich nach Arbeitsschluss an. Sie hatten diese sog. "happy hour", während der man gleich nach der Arbeit seinen Drink zum halben Preis haben konnte.
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In der Met habe ich dann ja richtig in den Impressionisten gesuhlt. Ich erinnere mich noch an diese metallenen Degas-Skulpturen. Sie waren eine Neuigkeit auch für mich. Ich erinnerte mich, dass im Kunstmuseum Zürich eine solche Figur gestanden hatte. Aber das war bloss eine. Dass er gleich soviele gemacht hat, das wusste ich nicht.
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Mit B hatte ich heute einige lustige Gespräche. Ich kannte ihn vorher kaum, nur seinen Vater, der mit mir zusammen im Club ist. B ist ein Musik-Freak. Und in seinem Büro mit dem Computer steht sehr viel Elektronisches herum. Es ist ein wirkliches elektronisches Laboratorium, und ich musste mir gut überlegen, wo ich jeweils meine Kaffeetasse abstellte. ... B ist stolz, in NY zu leben. Und ich glaube, er hatte ziemlich harte Zeiten. Er erzählte mir, wie er den ersten New Yorker Winter überlebt hat, der so kalt war, dass er alle seine Pullovers und Jacken angezogen hatte, und immer wenn er wieder nach draussen ging, nochmals zurückkehrte, und nochmals etwas darüber anzog. Er kennt viele Leute dort im Village. ...
Zwischendurch erzählte er auch von  Pippilotti Rist, jener berühmten jungen Schweizer Video-Künstlerin, die früher einmal mit Musik angefangen hatte.
Natürlich lag viel am schönen Wetter, dass New York für mich einen solch positiven Eindruck gemacht hat. Am letzten Sonntag konnte ich NY im Regen erleben. Und das war schon was anderes. Allerdings kann man sich bei solchem Wetter in die grossen Kaufhäuser und in die vielen Stockwerke verkriechen. Da lebt man dann in einer künstlichen Welt.

Du siehst, Marlena, ich könnte einen Roman schreiben über NY. Und ich möchte wieder hinfahren. Eine solche Reaktion hatte ich noch kaum bei einem Stadtbesuch. NY war mein zweiter Frühling.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...


Montag, 16. September 2024

Willkommen

 

Subject: Willkommen
Date: Mon, 01 Sep 23:04

Lieber ...,
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Wenn ich richtig denke, dann sitzt du nun schon am Flugplatz und wartest auf das Embarquement. Und nun weisst du, dass du nicht zu spät kommen wirst. Wenn ich gewusst hätte, dass du noch ein Mail von mir empfangen konntest vor der Abreise, dann hätte ich dir sofort geschrieben. In Gedanken habe ich dich auch zum Abschied geküsst, dort am Flughafen. Es war so, als müsste ich zurückbleiben und dich in die ferne Schweiz reisen lassen. Und wenn du landest, werde ich auch dort sein und dich willkommen heissen, wie einen lang vermissten Geliebten. Halt Ausschau nach mir.. :-)
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Wie gut du sie beschreibst, diese Zeit von Aufbruch, das Gefühl wenn eine Tür hinter einem zuschlägt und man weiss, dass es endgültig ist.

Ich freue mich auf deine Heimkehr, obwohl ich (fast) immer bei dir war. Ich glaube du wirst es geniessen, wieder in Ruhe hinter deinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Deine fleissige Sekretärin wird alles in Ordnung gehalten haben. Und dann wirst du dir deine New York-Ecke einrichten und deine kleine Freiheitsstatue aufstellen. Du wirst die Tauben begrüssen, die auch auf dich gewartet haben. Deine Emmas. ;-) Und deine Familie wird sich versammeln und glücklich sein, dich heil wiederzusehen. Und wenn du in deine Mailbox schaust, wird wohl eine Flut von Mails herausfallen und darunter auch dieses. Es war ein schönes und grosses Erlebnis, mit dir in NY zu sein. Manchmal übertrifft das VL das RL.

Schön, dass du Barbara gefunden hast. Die Sängerin mit der schönen Stimme und dem tragischen Schicksal. Es gibt aber unendlich viele gute Sängerinnen auch nach Barbara. Ich habe wirklich etwas vernachlässigt, dass ich dich nicht mit ihnen bekannt gemacht habe. Manchmal habe ich stark den Eindruck, dass ich in deine Welt hineingestiegen bin und meine eigene fast verlassen habe. Und von Dingen, bei denen ich vermute, dass sie dich nicht interessieren werden, spreche ich selten, obwohl sie ein Teil meiner Welt sind. Das sollte ich eigentlich nicht tun.
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 Heute Nachmittag habe ich wie wild gekocht. Nein, lach nicht! Ich meine, ich habe hungrig eingekauft und alles mögliche mitgebracht, das ich dann ja auch zubereiten musste. So habe ich nun Essen für mich für die ganze Woche und ausserdem 7 Mittagsportionen für Anna eingefroren. Fleisch, Hähnchen, Kalbsleber.. und zum Schluss habe ich noch Reis gekocht, damit ihre Portionen komplett sind. Sonst muss sie ja immer Pasta oder Kartoffeln dazu kochen.

Anna hat heute gute Vorlesungen gehabt. Sie war ganz zufrieden damit. Ich glaube es gefällt ihr, wieder eine feste Agenda zu haben. Und ich hätte jetzt noch einen diagnostischen Test ausschreiben sollen. Aber das kann bis morgen warten. Du bist wichtiger.
*
Du weisst, dass ich ab und zu Anna was von dir erzähle. Es ist schön jemanden zu haben, mit dem man über dich sprechen darf. Es macht dich mehr real. Und heute habe ich ihr erzählt, wie du die Nationalhymne singst und sie hat genau wie ich reagiert. Es ist komisch, aber sie findet es ganz natürlich, dass es dich in meinem Leben gibt. Und es bleibt zwischen ihr und mir. Ich frage mich manchmal, ob Walter von meiner Existenz weiss. Ich meine, man kann doch sagen, dass man mit einer seriösen alten Oberstudienrätin berufliche Gedanken austauscht. ;-) Aber ich glaube er wäre trotzdem eifersüchtig. :-)
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Es ist spät und ich muss dich lassen.  
(---)
Marlena

Sonntag, 15. September 2024

Re: Pleasant journey!

 

Ämne: Re: Pleasant journey!
Datum: den 1 september 20:03

Liebe Marlena
Jetzt ist 2pm. Und in ein paar Minuten werde ich die Türe, die selbst schliesst, nicht mehr öffnen können. Ich sollte also nichts liegen lassen, vor allem nicht Pass oder Ticket. Und weil hier niemand zum Abschied zu küssen ist, küsse ich Dich zum Abschied. Lucky you!
Ich bin - was ich in meinem Leben noch sehr selten getan habe - in ein Musikgeschäft gegangen. C. hatte davon gesprochen. Und weisst Du, was ich gefunden habe. Eine CD von Barbara. Es gab eine ganze Reihe französischer Platten. Schliesslich bin ich doch bei B gelandet. Greco hat es keine gehabt. Aber ich habe eine schöne von Dir. Und dann bin ich nochmals Toilettenartikel holen gegangen. Ich hatte noch etwas Geld übrig. Und B's Wünsche sind gross. Also habe ich noch eine zweite Ladung geholt. Eigentlich wollte ich für sie eine CD kaufen. Aber ich kenne mich in diesen modernen Trends so denkbar schlecht aus, dass ich keine Erfolgschance habe. Um sicher zu gehen, habe ich also Barbara gewählt.

Und jetzt bin ich bei meinem letzten Kaffee. Und dann gehe ich. Ich bin ein bisschen nervös. Vielleicht der Kaffee? Oder die Unklarheit, bis ich am Flughafen bin. Man sagt von Freud, dass er eine riesige Angst hatte, zu reisen, und dass er schon Stunden vor Abfahrt des Zuges auf dem Bahnhof war. Na ja, vielleicht werde ich Freudianer. Das kommt der Wiener-Mischung näher.
Ich glaube, ich habe wirklich alles gepackt. Es gibt nichts, was ich vergessen könnte. Soll ich der Nachbarin zum Abschied einen Kuss auf die Stirn drücken. Ach nein, ich will nicht, dass sie einen Herzstillstand erleidet.
Wir sehen uns morgen, nicht wahr? Habe eine gute Nacht.
Mit lieben Grüssen und transatlantischen Küssen à la Golfstrom
...



Retour d'Amérique

 

Ämne:  Retour d'Amérique
Datum: den 1 september 

Liebe Marlena
Es ist bald 10 am. Meine Gastgeber werden um 10 Uhr abfahren für den Brooklyn Carneval. Es scheint, sie haben das ganze Jahr darauf gewartet. Und sie sind ganz aus dem Häuschen. Das Problem ist, dass man dort drüben etwa 3 Millionen Leute erwartet. Und es gibt vielleicht 10 Toiletten. So muss man die Dinge hier erledigt haben. Und das ist es, was sie im Moment tun.

Ach, ich habe nicht gewusst, dass es einen Atlas gibt für die Kunst des Küssens. Da gibt es zivilisierte Regionen und auch unwegsames, gefährliches Gelände. Sozusagen Rotkäppchen-Wege, wo der Wolf lauert. Ich verstehe. Ich werde mich vorerst an die autorisierten Pfade halten. Man verläuft sich so auch viel seltener und kommt auch so zu schönen Aussichtspunkten. Wie Du zu dieser Schläfenpartie kommst? Sie ist doch bei älteren Leuten oft sehr ausgeprägt.

Ich habe immer noch nichts von Federer gehört. Ist er gut im Rennen? Die Amis zeigen wirklich nur ihre eigenen Pferde. Und dabei ist Federer ein zweiter Sampras, wenn man von seiner Spielanlage her schaut. Vielleicht ist er nicht so handsome, wie die Türkin im Kurs festgestellt hat, aber er spielt ein wunderschönes Tennis, das so leicht erscheint. Und immer, wenn etwas leicht scheint, ist Kunst im Spiel.

Ich werde ungefähr am Mittag hier losziehen. Da ist zwar noch sehr viel Zeit. Na ja, vielleicht genügt es, wenn ich um 14h gehe. Der Bus benötigt ungefähr eine halbe Stunde. Und sie fahren alle halben Stunden, wenn das auch am Labour Day so ist. Das weiss ich eben nicht so genau. Ich hätte also noch Zeit, Dir ein kleines Geschenklein zu posten. Möchtest Du was Kitschiges? Na ja, ich will nicht zuviel versprechen.

Deine Idee von Wien ist gut. Ich würde auch wieder mal gerne dorthin fahren. Auch Walter ist ein grosser Fan Wiens. Manchmal erzählt er mir vom Wiener Zentralfriedhof, als ob es der Garten Eden wäre. Ich glaube, seit sich Europa vergrößert, wird Wien immer wichtiger. Es ist unser Brückenkopf zum Balkan, und die Österreicher haben ein besseres Verständnis von jenen Menschen dort. Sag mir, wann Du gehst, Marlena, ich werde sehen, was sich tun lässt. Vielleicht muss ich dann einen Kurs in klassischer Psychoanalyse nehmen. Dann werde ich auch gleich das Kanapee mitschleppen. Freud hat im Grunde auch mit Hypnose angefangen. Das hatte er bei Charcot in Frankreich gelernt. Und das habe ich - glaube ich - schon mal erzählt. Aber sein Zeitalter war so rationalistisch und vernunftorientiert, dass er glaubte, davon wegkommen zu müssen.



Gestern habe ich im Central Park einen älteren Mann gesehen, der aus der Handschrift las. Wie ein fortune teller, aber eigentlich ein Graphologe. Die Kundin war eine Japanerin. Und sie musste etwas auf ein Blatt Papier schreiben. Es waren knappe 5 oder 6 Zeilen. Ich habe eine Weile zugehört. Ich glaube wirklich, dass er ein bisschen Graphologie kennt. Aber die Datenbasis ist sehr fraglich. Einerseits schreibt eine Japanerin von Kindheit an eine völlig andere Schrift. Und 6 Zeilen sind zu wenig. Er interpretierte z.B. die Tatsache, dass sie ihre Unterschrift links hinsetzte anstatt rechts, wie er es von einem normalen Mitteleuropaeer erwarten wuerde. Man sagte in der Graphologie, Leute, die am linken Rand unterschreiben, sind reserviert, vielleicht scheu, halten sich von anderen Menschen zurück. Aber heutzutage kann man das nicht mehr so eindeutig sagen. In vielen Geschäftsbriefen setzen sie die Unterschrift neuerdings linksbündig. Seine Aussage war also etwas gewagt. Und er sagte ihr, dass sie ein bisschen stur sei. Ich kann mir vorstellen, wie man zu einer solchen Diagnose kommt. Aber wenn ein Mensch unsere Schrift erst mit 17 oder 18 Jahren zu schreiben beginnt (na ja, ich weiss nicht, wie die Japaner das machen), dann bedeutet es etwas anderes. Wenn ich S.s Schrift anschaue, so habe ich den Eindruck, die arabische Schrift des Persischen und die Rechts/links Orientierung haben schon einen Einfluss.

Aber wie auch immer. Wenn ich diese Strassenunternehmer sehe, dann denke ich - lustig - ich könnte mich hier in NY auch durchbringen. Na ja, wäre nicht gerade so bürgerlich. Aber es wäre nicht unmöglich. Jeder hat seine Spezialität. Am Sonntag kam eine junge Frau durch die U-Bahn. Normalerweise wechselt man ja nicht den Wagen während der Fahrt, aber es ist möglich. In lauter, etwas weinerlicher Stimme verkündete sie an diesem schönen Sonntagmorgen, dass sie ohne eigenes Verschulden den Job verloren, keine Wohnung und keine familiäre oder staatliche Unterstützung habe, und dass sie im 3. Monat schwanger sei. Und dann ging sie durch und sammelte. Ich glaube, die Leute haben ihr gespendet, weil sie ihren Mut respektierten. An der 5. Avenue habe ich einen gesehen mit einem Stück Pappe. Darauf stand: homeless, jobless, HIV. Wenn man sehr sarkastisch sein will, kann man sagen, dass er als Bettler hoch qualifiziert sei. Es gibt bestimmt auch solche, die das ausnutzen. Wir Schweizer sind ein bisschen misstrauisch. Und irgendwie habe ich die Überzeugung, es sei Sache der Amerikaner, ihnen zu helfen.

Auf dem Perron von Grand Central Station habe ich am Sonntagabend einen Japaner gesehen, den ich schon vor einer Woche gehört habe. Er hat ein Saiteninstrument, eine Art Tisch, und daran zupft er. Er spielt so konzentriert und er ist sehr ordentlich gekleidet, mit Krawatte und Jacket. Aber gleich über ihm ist eine Art Air Condition Maschine, die einen solchen Lärm verursacht. Und wenn die Züge ein- und ausfahren, wird es gleich doppelt laut. Man hat den Eindruck, er habe wirklich den schlimmsten Ort gewählt für seine traditionelle asiatische Musik. Er spielt wie ein Konzertspieler, mit hoch ernster Miene und mit Inbrunst. Aber es sind wirklich nur wenige, die ihm eine Kleinigkeit spenden. Es sind vielleicht ein paar Asiaten, die durch die Töne ein bisschen Heimweh bekommen. Uns sagt diese Art von Musik nicht besonders viel. Doch letzten Sonntag habe ich ihm gespendet. Ich habe seinen unbeugsamen Willen respektiert.

So, liebe Marlena, bevor ich hier losgehe, werde ich noch einen kleinen Spaziergang im Village machen. Es sind die letzten Eindrücke, die ich mitnehme. Es ist hier Sonntagsstimmung. Fast nichts läuft. und ich bin sicher, dass auch nicht alle U-Bahnen fahren.
Wir sehen uns wieder in der Schweiz, nicht wahr?
Mit lieben Grüssen und Küssen in den autorisierten Zonen
...

Samstag, 14. September 2024

Pleasant journey!

 

Subject: Pleasant journey!
Date: Mon, 01 Sep  08:43

Lieber ...,
Manchmal, wenn ich aufwache, wünsche ich dass der Tag schon vorüber wäre. Aber dann, nach einem starken Kaffee, ist die Welt wieder OK. Und wenn ich dein Mail finde, ist sie sogar schön. Du siehst, wie wichtig du bist. Ich glaube auch, es ist gut, den Tag mit einem Lachen zu beginnen. Ich höre dich im Moment die amerikanische Nationalhymne "zweistimmig gackern". Kann dir garnicht sagen, wie das klingt. Ganz einfach umwerfend! ;-))
Wie schön, dein wiederholter Besuch in dem Museum. Und dann später wirst du vielleicht virtuell hineingehen können, um dein Gedächtnis aufzufrischen. Ich komme auch wieder mit, wenn du es zulässt.
Und ein richtiger Amerikaner bist du geworden, der sogar den Einheimischen in der Weltstadt zurecht hilft. Was hast du für einen vortrefflichen Reiseführer? Und natürlich ist es auch dein Aussehen, das die Leute gerade dich fragen lässt. Vertrauenerweckend erscheinst du ganz bestimmt.

(---)

Du schläfst noch süss. Hier scheint die Sonne schräg in den Garten und der Tau schimmert auf dem Rasen. Es war kalt in der Nacht. Nur 0,8 Grad. Ich hoffe, dass nicht Frost kommt und alle schönen Blumen zerstört werden. Die Pflaumen sind auch lange noch nicht reif. Kann es nicht richtig verstehen, bei dem langen heissen Sommer. Dagegen kann man schon die Äpfel essen. Vorhin habe ich (sogar in den Nachrichten) gehört, wie dich ein einziger Apfel am Tag vor allen möglichen Leiden bewahren kann, z.B. vor einem Herzinfarkt. Das ist auch was mir meine letzt verstorbene Tante so sehr empfohlen hat: mindestens einen Apfel pro Tag.
Ich esse äusserst selten Papayas und weiss nicht wie es mit dem C-vitaminhalt steht. Aber die Kiwis enthalten viel davon. Eine einzige Kiwi entspricht 5 Orangen.
Ja, in der Reklame hier im Hotmail sieht man, dass dort drüben heute Labor Day ist. Und man empfiehlt den Leuten ein gutes Essen mit Fleisch, glaube ich. Ach, es wird schön für dich sein, wieder zu Hause mit guten Gerichten verwöhnt zu werden. Schade, dass ich das nicht tun darf.
Ich muss mich  auf meine Stunden vorbereiten. So wünsche ich dir einen Guten Morgen und einen schönen letzten Tag in NY. Ich heisse dich auch herzlich Willkommen zu Hause.. obwohl ich immer bei dir war.
Jetzt schleiche ich vorsichtig an dein Bett und küsse dich zärtlich auf die Schläfe. Hals und Ohren gehören in eine verbotene Kategorie.
Weisst du das denn nicht? ;-)

Mit lieben Grüssen
Marlena



So schön wünsche ich dir die kommenden Tage..

Freitag, 13. September 2024

Saturday night stories.....