Vielleicht habe ich jetzt Dein Mail einen Tag zu früh gelesen. Macht nichts, ich werde morgen nicht allzuviel Zeit haben. Am Morgen die Sitzung. Ueber Mittag ein Barbecue bei einem Clubmitglied, der seinen Geburtstag feiert und uns alle einlädt. Er handelt mit Fleisch, und ich glaube, er wird ein paar schöne Stücke aufs Feuer legen. Und morgen haben wir den Besuch der GPK. Das ist eine Kommission, welche die Verwaltung zu kontrollieren hat. Sie besuchen allerdings in erster Linie unser Büro in Basel, und ich werde ungefähr ein Gespräch von einer Stunde mit ihnen haben. Na ja, das wird auch irgendwie vorüber gehen. Aber es hängt eben alles im hinteren Bereich des Hirnes und füllt den Kopf.
Lustig, ich habe hier eine Datei geöffnet und finde das Bild, das meinen Schreibtisch zeigt. Kannst Du Dich erinnern. Im Hintergrund dieses grosse Bild, diese Gewitterstimmung, die den Rhein mit einem Dampfschiff zeigt. Damals waren die Ufer noch grün und von Bäumen gesäumt. Heute sind sie überbaut. Es ist ein aufgewühltes Bild, nicht wahr? Aber ich habe noch ein paar andere in meinem Büro von eben diesem Maler. Und die sind bedeutend ruhiger. Dieses eine hat mir gerade wegen seiner Unruhe gefallen, und wegen der Grösse. Ich wollte unbedingt ein Bild, dass gross ist. Und dieses war das beste und grösste, das ich in den Archiven gefunden habe. Ich habe mir natürlich schon ein paar Mal überlegt, ob ich nicht mein eigenes Bild hier hängen soll. Es ist ungefähr so gross. Aber bisher habe ich mich nicht dazu entschliessen können.
Midsummer: Ja, ich habe schon daran gedacht, dass Du Geburtstag feiern wirst. Du bist ein Sommerkind. Und das ist beneidenswert. Und dieses Jahr wirst Du einen besonderen Moment zelebrieren können, denn Du wirst „in Rente“ gehen. Das ist doch so etwas wie die erste Kommunion oder die goldene Hochzeit, ich denke, mindestens so grossartig. Und später wirst Du Dich dann an die schönen Zeiten, als Du noch gearbeitet hast, mit Sehnsucht und Nostalgie zurück erinnern. Ich glaube, das wird ein Kapitel werden in meiner Schrift über das Glück: das Glück ist immer j e t z t. Zu denken oder zu hoffen, dass das Glück später einmal komme, das ist die normale Art des Unglücklichseins. Natürlich kann man sich ein wenig am vergangenen Glück freuen. Aber im Wesentlichen ist das Glück jetzt, oder es ist nicht. So einfach ist das.
Onkelchen haben wir 14 Tage nicht gesehen. Ich glaube, nächsten Sonntag fahren wir wieder hin. Sie lieben ihn alle im Altersheim, weil er sehr umgänglich und friedlich ist. Aber manchmal habe ich den Eindruck, er mag diese alten, auffälligen Frauen nicht, die Grimassen schneiden und die man am Tisch füttern muss. Er könnte, wenn er besser hören würde, noch wundervolle Gespräche machen und den galanten Herrn spielen. Na ja, so geht das Leben zur Neige. Ich glaube wirklich nicht, dass man viel verpasst, wenn man die letzten Jahre - sagen wir einmal grosszügig nach 80 - auslassen würde. Man sollte einfach vorher gelebt und das Leben ausgeschöpft haben. Dann kann man auf diese dürren und steinigen Jahre im Alter gut und gerne verzichten. Nun, wir werden sehen, wie es kommt.
Da Vinci Code hast Du erwähnt und mir zum Lesen empfohlen. Ich habe das Buch nirgends gesehen in den Buchläden. Allerdings habe ich auch nicht speziell danach gesucht. Ach weißt Du, ich habe noch so viele Bücher zuhause herumliegen, die ich lesen kann. Ich sollte mich zurückhalten mit neuen. Und wie Du siehst, geht mir immer wieder die Leidenschaft durch. Das nennt man einen Kauf „im Affekt“, so wie es im Strafrecht eine Tat „im Affekt“ gibt. Man ist dann nicht gänzlich verantwortlich für das, was man getan hat, und wird milder bestraft. Ich werde Dir bei Gelegenheit über NLP berichten. Es ist nicht so einfach zu erklären, und Du hast in Deiner Umgebung bestimmt Leute, die es Dir noch besser beibringen könnten. Aber ich werde es - peu à peu - versuchen. Vielleicht tut es mir selbst auch gut, mir das alles zu überlegen. Und das Buch, das ich gestern gekauft habe, scheint überaus plausibel und übersichtlich. Das war der Grund, weshalb ich nicht widerstehen konnte.
Ob ich glücklich sei? Das ist eine gute Frage. Nun, ich glaube, ich habe mit den Jahren gelernt, meine Gedanken ein wenig zu steuern. Und damit kann man auch die Glücksgefühle herbeiholen oder verdecken. Ich glaube, ich habe viel Glück gehabt in meinem Leben. Natürlich habe ich auch Unglück erlebt. Aber das ist kein Nachteil. Und heute habe ich mir meine kleine Ecke eingerichtet mit den Dingen, die ich mag: die Familie, Lesen und Schreiben, Zeichnen und Malen und Mailen, Schlafen und Dösen, ein paar Freunde und Freundinnen. Wenn ich in Pension gehe, werde ich wieder im Garten arbeiten und vielleicht einige Dinge im Haus flicken oder erneuern. Der Faktor, der mein Glück am meisten stört, das ist die Zeit. Sie geht einfach zu schnell. Meine Interessen sind zu weit. Die Zeit ist immer viel zu knapp. Sie rieselt mir zwischen den Fingern davon. Vielleicht liegt das an meiner grossen Begabung, zu faulenzen. Ich faulenze nicht so, dass ich nichts tue. Ich faulenze, indem ich etwas tue, aber ohne bestimmtes Ziel. Ich bin verliebt in die wirklich unwichtigen Dinge im Leben. Ich kann mich in Kleinigkeiten verlieren, bloss aus einer Laune heraus. Ach, was kann ich Dir noch erzählen über mein kleines, bürgerliches Glück. Ich hatte immer die Überzeugung, dass ich ein fantasievoller und kreativer Mensch sei. Ich kann mich in Fantasien verlieren und weite virtuelle Landschaften durchwandern. Und ich bin nicht sonderlich anspruchsvoll. Ich meine, ich habe auch eine gute Neigung für das Asketische. Ich kann einen ganzen Abend bei bloss Mineralwasser diskutieren, brauche dazu keinen Wein noch irgendwelche Snacks. Die einfachen Lösungen machen mir gerade Freude. Ich glaube, die grossen Dinge im Leben sind einfach. Die Kompliziertheiten zeigen, das etwas noch nicht genügend entwickelt ist, noch im Anfangsstadium, im Versuch steht. Auch die genialen Dinge sind im Grunde einfach. Ich bin - um es in einem Wort zu sagen - genial ;--))
Das genügt für heute. Ich meine, so was musst Du erst mal verdauen, nicht wahr? Erzähl mir über Dein Glück. Auf einer Glücksskala von 0 bis 10, wo liegst Du? Und geht es eher auf- oder eher abwärts? Welches sind die Dinge, die Dich am meisten freuen? Was fehlt Dir im Leben am meisten? Was würdest Du im nächsten Leben anders machen? Welche Person ist für Dich am wichtigsten gewesen? Möchtest Du im nächsten Leben wieder eine Frau werden? Und auf welchem Kontinent? Welches war Deine grösste Fehlentscheidung? Und was Deine glücklichste Entscheidung? Was würdest Du an Dir ändern, wenn Du könntest? Körperlich? Psychisch? Geistig?
Na ja, Du siehst, es gibt viele Fragen dazu.
Ich küsse Dich
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