Mittwoch, 10. Januar 2024

Religion

Liebe Malou

Wir werden also Dispute für und wider die Religion haben? Ich weiss, dass es schwierig ist. Religion ist wie eine liebe alte Heimat. Niemand lässt sich gerne daraus vertreiben. Man hat viele warme und angenehme Erinnerungen aus der Kindheit und der Jugend. Bei wichtigen Lebensereignissen, Geburt, Erwachsenwerden, Weihnachten, Tod ist die Kirche mit dabei. Natürlich kann man Religion als Privatsache durchaus tolerieren. Aber viele wirklich gläubige Menschen können sie nicht nur als Privatsache belassen. Sie wollen andere überzeugen, dass sie selbst den richtigen Gott hätten. Ich habe das noch am Gymnasium erlebt. Ich glaube, in den ersten Jahren gab es schon noch Lehrer und Schüler, die bedauerten, dass wir Protestanten, im Speziellen ich als Schüler oder als Kollege, dereinst zur Hölle fahren müssten. Und weisst du, wie ich darauf reagierte? Ich hatte mit ihnen Mitleid, weil sie sich solche Sorgen um mich machten. Lustig nicht? Sorgen auf zwei Seiten um eigentlich gar nichts. Und gerade dies ist typisch für die Religion. Sie schafft überall Sorgen um nichts. Na ja "nichts" ist vielleicht ungenau formuliert. Sorgen ändern natürlich schon etwas an dieser Welt. Insofern sind sie nicht nichts.  ... 


Re:

Lieber...

Du schreibst "Religion ist wie eine liebe alte Heimat. Niemand lässt sich gerne daraus vertreiben." Das ist sicher nicht ganz falsch gedacht. Und ich bedaure alle jungen Menschen die heutzutage niemals etwas von dieser "lieben alten Heimat" erfahren.
Bei uns heisst es oft, das Kind soll selbst bestimmen, an was es glauben soll. Dann später, wenn es erwachsen ist. So wächst es, (ich denke es gilt der Mehrheit der Schweden), ganz ohne Religion auf. Leider oft auch ohne die religiösen Werte.

Religion ist Privatsache. Für mich ist es das immer gewesen. Ich war nie ein wehrloses Opfer des Religionunterrichtes. Und später an der Uni habe ich (mehr aus Spass) versucht die Priester mit meinen Gegenargumenten zu verärgern. Damals als ich Sekretärin des AC war. Nie würde ich auf den Gedanken kommen, dass ein Mensch mit anderer Religion schlechter wäre. Ich glaube an das Gute und ich glaube, dass es mehr gibt als das, was wir mit unserer begrenzten Ausrüstung wahrnehmen können. Wie könnte ich jemals gegen etwas argumentieren von dem ich nicht weiss wie es sich verhält?
Manchmal hast du mir den Eindruck gegeben, dass du von mir erwartest ich solle dich überzeugen von meinem Glauben. Wir haben anfangs ein wenig diskutiert.. und aus deinen spassigen Kommentaren habe ich angenommen, dass wir dieselbe Einstellung haben.
Also glaube ich auch jetzt nicht, dass du gegen Religion argumentieren würdest - nur gegen den Missbrauch von Religion.

Eigentlich wollte ich das alles wieder löschen.. weil ich nicht weiterschreiben kann jetzt. Aber ich schicke es ab, damit du noch heute was zum Nachmittagskaffee bekommst.
Ich wünsche dir ein wunderbares Wochenende.

Mit lieben Gs und Ks 

 Malou

Radikale Laune heute ...

 

Liebe Malou

Ja die Dänen. Sie haben den Propheten-Streit provoziert. Aber das macht nichts. Die Moslems müssen endlich lernen, dass sie in einer modernen Welt leben. Was sie haben, und die Perser im Speziellen, ist die halbierte Aufklärung. Sie profitieren von allen modernen Entwicklungen wie Handy, PC, Oelverarbeitung bis hin zu Atom. Und auf der anderen Seite glauben sie an Mythen und Geschichten aus der Vorzeit, nehmen sie gar wörtlich. Das ist einfach lächerlich. Sowas können wir uns in der modernen und hochexplosiven Welt nicht mehr leisten. 

Man müsste einen neuen, einen humanistischen Glauben schaffen. Bestimmt brauchen Menschen so etwas. Aber nicht idealistisch, jenseitig, ewig und total. Das ist einfach gefährlich. Damit schlagen sich Menschen gegenseitig die Köpfe ein. Ich glaube, wenn ich in Pension gehe, werde ich anfangen, gegen die Religion zu wettern. Ich habe sie jetzt alle gesehen, die Protestanten, die Katholiken, die Moslems. Es liegt einfach viel Unsinn in diesen Glauben. Aber natürlich, wenn man das kritisiert, fühlen sich die Menschen verletzt und reagieren sehr empfindlich. Man soll den Staat auch völlig trennen von den Kirchen. Es geht nicht an, dass Kirchen Steuern eintreiben zusammen mit dem Staat. Das ist nicht ein säkularer Staat, wo so etwas geschieht.
Du siehst, ich habe heute eine ziemlich radikale Laune Malou. Aber ich glaube, es wäre gut, die Lebensenergien für so etwas zu riskieren. Meinst du nicht auch?





Samstag, 6. Januar 2024

Aufprall zweier Kulturen.

 

Ämne: AW: samos
Datum: den 18 januari 

Liebe Marlena
Das glaube ich nicht, dass ich zu idealistisch bin. Was Du von Ägypten gehört hast, ist eben ein Phänomen des Aufpralls zweier Kulturen. Natürlich geht es für Bazar-Teilnehmer darum, für sich das Beste herauszuholen aus der Feilscherei. Und natürlich ist die Chance bei einem reichen Ausländer höher, etwas mehr Geld zu lösen. Und natürlich ist die Chance geringer, wenn die Freundin daneben steht, um ihn vom Kauf abzuhalten. Und natürlich gibt es immer auch etwas durchtriebene Menschen. Ich meine bloss, das System der Feilscherei nicht an sich schlecht ist. Ich liebe es wirklich, obwohl ich mich natürlich allein auch ziemlich unsicher fühle. Vor allem haben wir im Westen vergessen, was die Dinge wert sind. An sich haben sie für uns einen Wert und dazu kommt, dass wir sie vielleicht dringend brauchen, was den Wert erhöht. Und das fliesst dann in den Preis ein. Feilschen erlaubt wirklich, mit Stil zu kaufen. Und nun vergleiche das mit unserer Art in den grossen Kaufhäusern, wo wir mit den Körbchen an der Kasse Schlange stehen wie eine Karawane von Kamelen. Es ist kein Vergleich.
*
War wunderschön in Basel heute. Ich habe ein paar Bücher gekauft. Du wirst es nicht glauben, darunter eine dicke Biographie über Sartre, die kürzlich herausgekommen ist. Eine Biographie über den deutschen Impressionisten Max Liebermann und eine über Paul Cezanne mit vielen schönen Abbildungen. Und schliesslich noch ein biographisches Buch über Nietzsche.
Na ja, um ehrlich zu sein, die Bücher waren alle mit halbem Preis zu haben. Ich habe noch ein paar weitere gesehen, die ich gerne auch berücksichtigt hätte, musste mich aber zwingen, darauf zu verzichten.
*
Wie meinst Du, etwas Süsses. Die Lust nach Süssem kommt von Frustrationen, sagt man hier unter den Leuten. Und dann sagen sie noch, das Süsse sei der Sex der alten Leute. Na also!
Ich mache seit zwei Wochen grosse Bogen rund um Süssigkeiten. Führe mich bitte nicht in Versuchung. Doch, heute habe ich in Basel in einem hübschen Café am Rhein eine heisse Schokolade anstatt eines Kaffees genommen. Ich ziehe unseren Kaffee zuhause vor und ich denke, eine heisse Schokolade ist eigentlich ein köstliches Getränk. Schade, dass es seit dem 19. Jahrhundert aus der Mode gekommen ist. So, wenn Du möchtest, nimm ein paar Schlücke aus meiner Tasse.

Mit einem zweiten lieben Gruss heute
...

Freitag, 5. Januar 2024

Re: orientalischer Basar


Lieber ...,
Wie schön diese extra Portion von seelischer Nahrung zu erhalten. ...

Nun wünsche ich mir nur dass es hier in der Nähe einen solchen Basar gäbe, wie du ihn beschrieben hast, wo ich mit meiner neuerworbenen Einsicht das soziale Spiel geniessen könnte. Du solltest Ambassadör werden! Aber weisst du, ich glaube nicht dass alle Verkäufer so idealistisch und nett sind wie du sie hier vorstellst. Ich denke dabei an das was mir Mats erzählte von damals als er mit seiner ”sambo” (Freundin mit der er zusammen wohnt) in Ägypten war. Nach aussen hin sah wohl alles ungefähr so aus, wie du es beschrieben hast. Mats zeigte Interesse an irgendetwas und war in ein ähnliches Spiel, wie du es beschreibst, mit viel Freundlichkeit und Lächeln verwickelt. Und während des Feilschens, wenn es überhaupt ein solches gab, führte der Verkäufer nebenbei ein Gespräch mit seinem Kollegen. Was die Verkäufer nicht wussten, war dass die Freundin von Mats arabisch spricht und also hörte wie sie von den Verkäufern in groben Worten beschimpt wurde, weil sie ihren Mats von dem Kauf abhalten wollte.
Aber ich denke wohl wie du. Unser westliches Leben ist irgendwie steril geworden. Die Menschen sind isoliert, von einander abgeschirmt und das soziale Leben spielt sich nur im innersten Kreise ab. Man hat kaum Kontakt mit Leuten, die man nicht gut kennt. Ich denke die Schweiz und Schweden sind sich da ziemlich ähnlich.
Hier in der Nachbarschaft wohnt ein Schriftsteller, der vor 50 Jahren eine Reise durch den Iran gemacht und darüber ein Buch geschrieben hat ("Nach Tabbas"). Ein paar Fotografen aus dem Iran (die nun schon lange in Schweden wohnen) waren so begeistert von dem Buch, dass sie neulich mit der Kamera dieselbe Reise nochmals gemacht haben. Der Film wurde gestern im Fernsehen gezeigt und ich habe ihn auf Video aufgenommen und werde ihn mir bei Gelegenheit ansehen.
Es gibt übrigens hier in der nähe einen kleinen Lebensmittelladen, der von Leuten aus diesen Ländern geführt wird. Ich gehe manchmal hin und bin immer wieder überrascht von der speziellen Atmosphäre, die dort herscht. Und fast immer sieht man auch Leute mit anderer Hautfarbe, die man sonst im Strassenbild vermisst.
(---)
Hast du Zeit mir eine kleine Nachspeise zu senden? Ich habe grosse Lust auf etwas Süsses.
Mit einem lieben Samstaggruss
Marlena

"Till Tabbas"  Publicerades 18 maj 2021   Rättigheter:  Kan bara ses i Sverige.

Über das Feilschen

18 jan 11:08

Denk an die Gefühle, die uns in einem orientalischen Bazar aufkommen. Wir
gehen herum, halten krampfhaft unsere Börse und nehmen die Fröhlichkeit und
Nettigkeit des Verkäufers als reinen perfiden Hinterhalt. Aber er meint sein
Lächeln nicht als Trick, er will durchaus freundlich sein, er will dich
gewinnen und seine Regeln des Handelns erlauben ihm dies alles. Dass man die
Artikel in seinem Laden mit einem Preisschild bezeichnen könnte, fände er
einigermassen dumm. Das würde ihm die ganze Freude des Verkaufes nehmen,
und er hätte keine Möglichkeit, bei einer ärmeren Frau sein Mitleid fliessen zu
lassen, bei einem Reichen den Betrag wieder hereinzuholen, also eine Art von
kleiner Gerechtigkeit spielen zu lassen. Auch solche Händler haben, wie ich
immer wieder festgestellt habe, ein grosses Ehrgefühl. Das Ziel des
Verkaufes ist vielleicht, beide, Händler und Käufer glücklich zu machen. Und
wenn das manchmal auf der zweiten Seite nicht zu lange andauert, liegt es
meist an der Dummheit des Käufers. Im orientalischen Markt gehen Käufer und
Verkäufer davon aus, dass beide wissen, was sie wollen. Der Käufer hat die
Ware geprüft - dazu dient nicht zuletzt die Zeit, die er beim Feilschen
einsetzt - weiss, wieviel Interesse er dafür hat, ob und wie dringend er das
Ding braucht. Zur gleichen Zeit prüft der Verkäufer den Käufer, versucht
herauszufinden, wie gross sein Interesse ist und wie viel Ressourcen er zur
Verfügung hat. Im Spiel des Feilschens werden diese zwei Positionen zwischen
zwei Menschen, das heisst eben Personen mit all ihren Fähigkeiten und
Möglichkeiten von den schauspielerischen bis zu jenen Zufälligkeiten des
Momentes ausgespielt, um einen Konsens in der Mitte zu suchen. Doch die
Mitte ist eben nicht allein von anonymen Marktgesetzen vorbestimmt, sondern
ist ein Resultat des Horizontkreises, den die beiden Akteure des Marktes
ziehen. Darin ist viel Menschliches und einer guten Feilscherei zuzuschauen,
das ist soviel wie ein kleines Kunststück geniessen. Meine Schwiegermutter
ist darin eine Künstlerin. Und sie versteht es, ihre Feilschereien immer
sehr lustig zu machen. Vielleicht ist das eine Strategie, das Herz des
Gegenübers aufzuweichen? Auf jeden Fall ist Lachen, wie wir alle wissen,
gesund. Es handelt sich also nicht bloss um Kauf und Verkauf, sondern ebenso
um eine kleine Therapie, um eine soziale Unterhaltung, um einen Wettbewerb,
ein Spiel, um eine moralische Auseinandersetzung, kurz und gut: um die
Begegnung zweier Menschen. Doch davon haben wir Westler kaum mehr Ahnung.
Der orientalische Markt erfordert Intelligenz, der westliche vielleicht
bloss Geld.
(---)
Heute ist einigermassen mildes Wetter mit einem hellen, leicht bewölkten
Himmel. Ich habe viel zu tun heute Samstag. Und nachmittags möchte ich noch
rasch nach Basel. Ich glaube, es gibt Ausverkauf und ich will mal sehen, ob
ich mit meinen Möglichkeiten des Feilschens etwas erreiche.

Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.
Mit lieben Grüssen
...

Donnerstag, 4. Januar 2024

Willy Kyrklund - ein "moderner Klassiker"

 

Lieber ...,

Nun ja, so wie du es darstellst, dieses Feilschen, klingt es wirklich wie eine gute Sache. Falls ich mal in ein solches Land fahre werde ich mir deine schöne Schilderung von dem Bazar mitnehmen.. Es gibt noch Leben dort und einen schönen Kontakt zwischen den Menschen. Das ist es wohl, was die Leute sich immer wieder in diese Länder verlieben lässt.
*
Auch der Schriftsteller, Willy Kyrklund, von dem ich dir geschrieben habe, hat sich "satt von der Selbstgefälligkeit der westlichen Welt" in den Orient verliebt und viele Reisen dorthin unternommen. Er muss ein Sprachgenie gewesen sein. U.a. sprach er persisch (Farsi nehme ich an), griechisch und chinesisch. Aber noch schöner als die Sprachen erschien ihm die Mathematik. So schreibt er darüber:
"Erhaben über die Gebrechlichkeit und Undeutlichkeit der irdischen Sprache entwickelt die mathematische Sprache ihre harmonische und klare Struktur. Hier ist eine autonome Welt von Schönheit und Logik, fern von aller menschlichen Trübsal. Was ist schöner als eine mathematische Formel? Möglicherweise eine Fuge von Bach."

Man nennt Kyrklund einen "modernen Klassiker" und einen Meister in dem kurzen Format. Eigentlich müsste es Bücher von ihm in deutscher Übersetzung geben. Hier ist er zu einer Kultfigur geworden.

Während des Interviews rauchte er ziemlich viel und dazu meinte er, "wenn man älter wird muss man sich ein Bedürfnis zulegen, das man noch befriedigen kann.." Ich glaube so ähnlich denkst du auch, wenn ich dich richtig verstanden habe.. :-)
*
Du kannst dir kaum vorstellen wie sehr ich mich über dein liebes kleines Extramail gefreut habe. Ich brauchte es wirklich. Nicht als Substitut für etwas sondern als Trost. In Gedanken habe ich mir einen Schluck von deiner Schokolade genommen. Hat herrlich geschmeckt und meine frierende Seele gewärmt. Und wie ich sehe hast du ein paar interessante Bücher gefunden. Hoffentlich rauben sie dir nicht all deine Freizeit.
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Heute abend habe ich einen interessanten Film über Pompeji gesehen. Werde ihn mir dann nochmals mit Anna ansehen und wir werden an unsere schöne Reise zurückdenken.
Es ist leider wieder sehr spät geworden. So sage ich dir schnell gute Nacht und wünsche dir einen guten Start in die neue Woche.
Mit lieben Grüssen,
Marlena

Mittwoch, 3. Januar 2024