den 23 november 18:34
Merci chérie
Allerliebste Malou
Ach, Du bist ein echtes Schätzchen. Wenn ich könnte, würde ich Dich von der Scheitel bis zur Sohle abküssen, oder umgekehrt, wenn Du lieber magst. Es ist riesig nett, dass Du mir einen neuen Briefkasten geschenkt hast.
Und die Adresse ist so einfach, dass ich sie gut behalten kann. Ich denke einfach an RE-SOLUTION, oder an REINIGUNGSINSTITUTS-SICHERHEITSVORKEHRUNGEN . ;--)))
Ich habe das Codewort geändert, obwohl wir die Adresse eigentlich gemeinsam gebrauchen könnten. Dann wäre das so wie eine gemeinsame Höhle, so wie damals in der Bar bei Franco, wo wir uns im Halbdunkel bei einem Roten getroffen haben. Oder war es ein trockener Martini? Ach, es waren herrliche Zeiten. Aber jetzt habe ich endlich meine anonyme Adresse, eine Terrasse, von der ich richtig um mich werfen kann. Kürzlich, als ich von jener Homepage die Sagen herunter geladen hatte, hätte ich gerne ein ,Merci' zurückgelassen. Die Autorin war eine junge Studentin, die auch das Gymnasium in Brig im mathematischen Typ absolviert hatte und sich damals wünschte, später in Kalifornien Informatik zu studieren. Aber ich wollte mich nicht erkennbar machen, denn man kennt unsere Familie wohl noch in jener Region.
Du hast Recht, ich war wirklich ziemlich unvorsichtig mit meinem Streuwurf dieser Powerpoint-Version. Aber ich glaube, das ist ziemlich typisch für mich. Ich würde mich niemals zum Detektiven eignen. Ich bin eigentlich viel zu naiv und gutgläubig. Man könnte mir mit halbwegs guten Argumenten die Lidschatten klauen. Aber das macht nichts. Ich glaube - so hoffe ich wenigstens - dass die Welt im Wesentlichen gut und vertrauenswürdig ist. Aber nur ,im Wesentlichen'. An ihren Rändern kann es natürlich auch anders aussehen.
Ich werde diese ,Marlena' für eine akribische, eifrige, jungfernhafte und lebensfremde Lehrerin (darüber hinaus - um das Mass voll zu machen - schwer katholisch) ausgeben, mit der ich quasi geschäftlich, na ja halbgeschäftlich, über PISA und die bedenkenswerten und zweifelhaften Schulreformen der letzten 20 Jahre korrespondiere. Die Leute werden mich bedauern, sie werden mir kondolieren, dass ich mich mit einem solchen Drachen auseinandersetzen muss. Und sie haben keine Ahnung, welch charmante, hübsche, freundliche Person, welche Muse voller Esprit und guter Gedanken sich dahinter verbirgt.
Na ja, wir werden sehen. S. hat ein scharfes Auge und wird schon ihre Überlegungen machen.
Aber weißt Du, liebe Malou, ich habe kein besonders schlechtes Gewissen. Ich schreibe hier mein Tagebuch und viele von meinen Überlegungen und Gedanken sind zu meinem eigenen Vorteil. Und es ist nur gut, dass mich dazu jemand inspirieren kann. Und darüber hinaus bist Du eine feine Person. Ich meine, Du bist keine zweitklassige Nummer, über die und die Beziehung zu ihr sich irgend jemand schämen müsste. Na ja, ich kann es nicht so gut erklären. Doch viele Männer würden ihre Untreue ganz ähnlich erklären. Tampis! Aber wir sind auch nicht mehr im letzten Jahrhundert. Die Liebe ist eine vielfältige Sache geworden, eine millefeuille sozusagen. Das ist im Deutschen eine Crèmeschnitte. Lustiger Vergleich, nicht wahr?
Ich wollte heute Abend in meinem Büro noch ein bisschen aufräumen. Walter hat mir zum Geburtstag ein Buch geschenkt mit dem Titel ,Simplify your life'. Dort wird behauptet, der erste Schritt bestehe darin, das Büro in Ordnung zu bringen und die Papiere verschwinden zu lassen. Na ja, das hast Du mir in einem einzigen Satz auch schon empfohlen. Aber ich muss doch, wenn ich schon mein Leben nicht vereinfachen kann, dem Walter eine kleine Freude machen, sozusagen in Dankbarkeit.
Na ja, das ist etwas spassig gesagt. Es ist wirklich so, dass man sich leichter fühlt, wenn das Pult leer ist und die Dinge nicht ungeordnet herumliegen. Aber ich kann nicht bloss aufräumen. Ich muss meine ganze Lebensphilosophie umbauen. Das ist ein grösseres Manöver. Verstehst Du das? Bestimmt verstehst Du das. Manchmal, wenn ich abreise, habe ich das starke Bedürfnis dieses oder jenes Buch mitzunehmen, so als ob sie meine Beschützer wären. Und die vielen Dinge und Bücher und Symbole in meinem Büro sind sozusagen meine Beschützer. Sie sind meine Armee. Meine Armada, mit Hilfe derer ich jeden Tag neu in den Krieg ziehe. Na ja, in die Schlachten. Ich werde meine Armeen wahrscheinlich nicht wegwerfen, sondern bloss hinter den Bergen und in den Wäldern verbergen, so wie das ein echter General auch tun würde.
Ich wünsche Dir einen superfeinen Wochenanfang
Mit lieben Grüssen
M
Donnerstag, 7. September 2023
Merci chérie
Freitag, 25. August 2023
Donnerstag, 24. August 2023
Rauchsignale? ;-)
Ämne: Rauchsignale? ;-)
Datum: den 11 juni
Liebster Mausfreund,
Ich habe den Eindruck es ist schon lange her dass ich dir einen anständigen Brief geschrieben habe - mit anständig meine ich einen der wenigstens eine Länge hat wie es sich zwischen richtigen Mausfreunden gehört - ein Brief der nicht in aller Eile und unter Stress geschrieben ist.
Heute fuhr ich in gewöhnlicher Zeit zu meinem Arbeitsplatz. Der Himmel ist blau und die Sonne scheint. Deswegen habe ich das Fahrrad benutzt. Es ist ein Genuss so ganz still durch die schöne sommerliche Natur zu gleiten und alle die herrlichen Düfte zu spüren. Es ist wahrhaftig als würde ich durch eine Parklandschaft fahren. Überall in den Gärten blühen die Bäume und Sträucher und besonders der Flieder verbreitet einen herrlichen Duft. Der Radweg führt an einem Bach entlang. Links schöne alte Häuser, gebaut zu einer Zeit wo man noch seine Fantasie gebrauchen durfte und rechts nur vereinzelte Häuser und weite Felder die in verschiedenen grünen Farben leuchten. Ach, es ist wirklich schön und damals als ich mich um viele Stellen beworben hatte und frei wählen konnte liess ich mich von dieser schönen Natur verzaubern und dieses Gymnasium wählen.
Als ich zum Arbeitsplatz kam war da noch niemand - und es zeigte sich dass die meisten Leute sich frei genommen hatten. Kompensation nennt man es. ;-) Nein, es gibt eigentlich keinen Grund darüber zu spassen, denn die Lehrer arbeiten viel mehr als es sich ein "nicht-lehrer" vorstellen kann. Wenigstens die seriösen von denen es noch einige gibt.
Ich musste neben ein paar Kleinigkeiten nur Bücherbestellungen machen und konnte ziemlich frei über meine Zeit verfügen. Auf meinem Schreibtisch fand ich ein deutsches Buch von Åke, das er mir als Sommerlektüre empfohlen hatte mit den Worten: ”Das musst du unbedingt lesen, du wirst es nicht aus der Hand legen können” und von dem Peter (ein anderer Deutschkollege) meinte: ”Es ist das abscheulichste Buch das ich je gelesen habe”. Und wie könnte ich solchen Kommentaren widerstehen? Ich begann ein wenig darin zu lesen und am liebsten hätte ich gleich alles andere liegen lassen. Ich habe lange kein Buch in deutscher Sprache gelesen. Wozu sollte ich auch, hab ich doch meinen eigenen Lieblingsschriftsteller, der mich fortlaufend mit seiner wunderbaren Sprache verwöhnt. :-)
Ich werde eigentlich immerzu an dich erinnert. Gerade waren es die Wahlen im Iran, die wohl wie erwartet abliefen und heute morgen im Wetterbericht im Radio erwähnte man den Regen in der Schweiz. Aber hab Trost! Nach Regen folgt Sonne. Das wissen wir doch bereits.
Es muss ein wirklich schönes Fest gewesen sein bei deinem Freund dem Biologieprofessor und wie ich sehe denkst du schon an deine eigene Feier. Sag, ist denn das nicht etwas früh? Das ist doch erst in vier Jahren..?
Ich bin zu Hause in der Mittagpause. Ich brauchte etwas Information für meine Bestellungen die ich erst am Nachmittag erhalten kann sonst würde ich schon fertig sein. Hier sieht es "wüst" aus. Das Wort habe ich von den Schweizern gelernt. ;-) Und noch schlimmer wird es werden wenn ich alle Koffer gelehrt habe. Wir können nicht wie Eichhörnchen leben, meint sogar Anna, die selbst eine Sammlerin von Rang ist. Gut, viele Sachen sind schön, sie sind sogar noch neu und von sehr guter Qualität und würde ich wieder was ähnliches kaufen dann müsste ich tief in die Börse greifen. Aber dann stelle ich mir neuerdings noch eine Frage: Werde ich es einmal anziehen? Und so werde ich alles was ich lange nicht verwendet habe irgendwohin bringen. Die Heilsarmee, das Rote Kreuz und ein paar private Organisationen, die Kleider einsammeln sind nicht weit von hier. Ich freue mich schon auf den Tag wenn alles weggebracht ist.
(---)
Und nun muss ich mich wieder auf den Weg machen. K braucht noch ein paar Versicherungspapiere für seine Reise, die ich abholen muss bevor sie schliessen. Er hat leider etwas spät daran gedacht sonst wäre es mit der Post gegangen.
Und dann werde ich noch schnell meine Arbeit fertig machen und ... vielleicht doch noch ein wenig lesen.. bevor ich die Kleiderhaufen angreife. ;-)
Ich sende dir liebe Grüsse und wünsche dir noch einen schönen Tag.
Lass mich bald von dir hören.. ich vermisse dich.
Marlena
Sonntag, 20. August 2023
Re: Europa, ja oder nein ?
Subject : Re: Europa ja oder nein ?
Date : Wed, 16 Aug 18:46
Ach ...,
meine Fantasie ist vielleicht im Augenblick ein bisschen wild, aber durch meine Lektüre glaube ich zu wissen wie so eine "maman Bozorg" ihre Familie lenkt. Und wenn sie merkt dass irgendetwas nicht so 100 % in Ordnung ist (oder nach ihrem Kopf geht) dann greift sie ein und versucht alles zurechtzulegen. Und warum sollte sie es nicht tun. Ich beneide das Los älterer Frauen in solchen Kulturen. Hier in Schweden wollen viele Menschen gar nichts mehr von ihren alten Eltern wissen und diese sitzen verlassen in ihren Wohnungen oder Altersheimen. Es kommt nicht so selten vor dass sie auch sterben ohne dass jemand was merkt bevor ... (hoffentlich bist du nicht gerade beim Essen ;-)
Ja, alle Kulturen haben ihre schwarzen Flecke.
Das mit dem umziehen in ein anders Milieu wenn man älter wird hat so seine Seiten. Ich kenne Leute die nach beendetem Berufsleben "nach Hause" ziehen wollten. Also dorthin wo sie mal aufgewachsen waren. Sie kommen dann meistens schnell wieder zurück denn sie finden nicht mehr das soziale Netz von früher und kommen sich fremd vor. Vielleicht könnte das nicht dir im Iran passieren. Vielleicht fühlt man sich dort auch als fremder zu Hause.
Brasilien hast du mir also ausgeredet ;-) Du hast recht. Ich habe nur an die sonnigen Seiten gedacht und fast vergessen dass es viele Dinge dort gibt die man sicher schwer akzeptieren könnte.
Nun, ein Traumziel muss ich haben um es hier auszuhalten. Und es gibt andere Stellen, leider nicht so billige, wo ich mir durchaus ein angenehmes Leben vorstellen könnte. Als ich in Anacapri war erinnerte ich mich an einen Brieffreund den ich dort hatte als ich 17 Jahre alt war.
Während Anna im eleganten Pool von Hotel San Michele (wir assen dort lunch), herumplätscherte, ging ich an die Bar und fragte den Bartender ob er diesen Mann kannte und etwas über ihn wüsste. Und sieh da, hinter ihm stand ein Mann der sogar mit ihm befreundet war. Ich bat ihn einen schönen Gruss von seiner "schwedischen Brieffreundin" auszurichten und bekam auch seine Adresse. Sein Lächeln verriet dass er dachte: Von wegen Brieffreund. ;-) Bevor ich nach Hause fuhr schrieb ich von Sorrento einen Gruss auf einer Karte.
In Norrland oben erhielt ich dann einen lieben Brief wo er sogar mit PC ein Bild hineinkopiiert hatte das ich ihm mal aus Paris geschickt hatte. Er konnte sich noch gut erinnern "though my memory and my body has become old" wie er schrieb.
Damals träumte ich doch noch davon Sängerin zu werden und er war Pianist und hatte ein eigenes kleines Orchester und schickte mir manchmal Tonbandaufnahmen. Es ist schon über 25 Jahre her und es ist komisch wie Leute die wir in so jungen Jahren kennenlernen im Gedächtnis hängen bleiben. (Nein, ich war nie das geringste in ihn verliebt. ;-)
Nun kenne ich also plötzlich jemanden auf dieser wunderschönen Insel. Er ist übrigens verheiratet und hat einen 13-jährigen Sohn. Er hat sein Leben als Musiker aber auch als Künstler verdient und öfters Ausstellungen gehabt. Ausserdem hatte er früher mit seinem Bruder Geschäfte wie es sich natürlich in einem solchen Touristort gehört.
*
Heute hatte ich eigentlich einen harten Tag. Zwei neue Klassen habe ich unterrichtet und das bei riesigen Kopfschmerzen. Hoffentlich hat man es mir nicht zu sehr angesehen.
Darum bin ich doppelt froh dass ich den Tag hinter mir habe. Da ich nun eine Klasse einer Kollegin überlassen konnte die zu wenig Stunden hatte so habe ich "nur mehr" drei neue und sechs alte Klassen (zwei davon sind Abiturientenklassen.)
Manchmal treffe ich zufällig Schüler aus der Klasse mit der ich in Prag war und es ist rührend wie sie sich irgendwie verlassen fühlen. Sie können es nicht fassen dass sie nun nicht mehr in die Schule gehen müssen. Einige studieren schon an Hochschulen und andere werden sich erst ein Jahr in der Welt umsehen. Amerika, Irland u.s.w. Anna hat heute auch ihr vorletztes Jahr begonnen. Sie lernt nun C++ (eine Programmiersprache) als freies Wahlfach. Für mich ist das wie Chinesisch.. ;-))
*
So, mon amour, ich sende dir dies nun schnell damit du es noch vor dem Nachhausegehen bekommst.
Mit vielen K und grossem S
Marlena
Samstag, 19. August 2023
Surströmming und Apéro
Was den surströmming betrifft so habe ich einen vortrefflichen Artikel
gefunden,(HIER) der dir das alles genau erklärt. Schau ihn dir an und
geniesse ;-)
*
Jetzt weisst du, was es mit diesem Surströmming auf sich hat. Aber es ist nicht so dass alle Schweden für diese Delikatesse (?)begeistert sind. Im Gegenteil, er teilt die Nation. Eigentlich ist es eine Spezialität aus Norrland aber mit der Zeit hat sie sich übers ganze Land verbreitet. Früher konnte man um diese Jahreszeit leicht riechen wo ein ausgewanderter "norrlänning" wohnte.
Ich muss immer noch schmunzeln wenn ich an das Fest zurückdenke. Stell dir vor dass du fast drei Stunden lang lachen musst. Ich hatte mir auch den richtigen Tischherrn ausgesucht. Nicholson hat gleich um den Platz gebeten aber ich möchte ihn nicht so nahe haben und so schlug ich ihm vor es wäre besser mir gegenüber zu sitzen. Und so hatte ich Lennart neben mir. Die beiden komplettieren sich vortrefflich und versuchen sich in Lustigkeiten zu übertreffen. Auch zeigten sie sich als stolze Väter. Der eine ist stolz über den Professorstitel seines Sohnes und der andere über das neulich erschienene Buch seines Sohnes. Lennart ist schon pensioniert und hört sehr schlecht sodass man ihm ins Ohr schreien muss. Aber er ist lustig und eine grosse Persönlichkeit. Und wenn er sich über etwas unterhält, was immer es ist, hast du stets den Eindruck dass er dir hinter der Hand etwas ganz schockierendes verrät. Er liebt es seine Äusserungen mit pikanten Details zu versehen und die Art wie er dabei guckt.. "wie er seine Wallonenkugeln rollen lässt" wie es mal ein Kollege ausdrückte.. ist so komisch dass du nicht aus dem Lachen kommst. Als ich hinkam war das Zimmer, wo Drinks und Snacks serviert werden schon ziemlich voll. Auch ein paar neue, ganz junge Lehrer waren dabei. Und um ihnen gleich zu zeigen dass sie kein langweiliger Abend unter alten Stofilen erwartete habe ich Lennart dazu angestiftet von seiner Arbeit als Kollektaufnehmer in der Kirche zu erzählen. Ich habe es schon oft gehört aber nie hat er es mit solch grossem Schauspielertalent vorgeführt. Wie er das Geld auf ein Tablett schüttet dann hinausgeht vor die Kirche, zum Himmel aufschaut .. (gerade hier war er unbeschreiblich gut) und wie er sagt: "Herr, nimm was du haben willst.." wobei er das Geld in die Luft hinauf wirft. Und was der Herr nicht behält bleibt für ihn übrig. ;-) Kein Wunder dass er Millionär geworden ist..
----
Ich habe übrigens eine schöne Erklärung für Aperitif gesehen,
wo ich zum ersten Mal gelernt habe, dass dies gerade in der Schweiz
sich von anderen Aperitifs etwas unterscheidet.
https://de.wikipedia.org/wiki/Ap%C3%A9ro_(Anlass)
Du hast in den vergangenen Jahren oft einen Apéro gehabt.. und so
viel ich mich erinnere hast du ihn auch genossen. :-)
Ich muss hier ein Bisschen herummachen, komme aber nochmals
vorbei dann später, um dein Mail zu beantworten.
Bis dahin,
lGuK
Malou
Freitag, 18. August 2023
Surströmming
Liebe Malou
Oooch, solch ein Mail, ein 5-Gang-Menue hatte ich lange nicht von dir. Das hat mich sehr gefreut. Und ich habe genossen, wie du über deine Ferien im Norden schreibst. Irgendwie kommst du mir glücklicher vor als noch vor einiger Zeit, als ich den Eindruck hatte, du serbelst ein bisschen dahin. (oder vielleicht war ich es, der serbelte?!).
Und siehst du, so ändern sich die Zeiten. Als Anna nicht mehr mitkam, hast du dir fast etwas Sorgen gemacht, mit K allein dort oben zu sein. Und jetzt hattet ihr eine schöne Zeit mit Gästen. Das Leben macht doch immer wieder seine Offerten. Und dass deine Freundin sich anbietet, mit dir das Haus zu streichen, das ist Klasse. Es gibt nichts besseres, als gemütlich mit jemandem zusammen zu arbeiten. Es ist das reine Vergnügen. Remember Tom Saywers, als er den Gartenzaun zu streichen hatte. Na ja, du wirst nicht zu seinen Mitteln greifen müssen. Als wir hier umgebaut haben, hat Walter mir viel geholfen. Er ist auch handwerklich mehr beschlagen als ich. Und ich erinnere mich an einen Abend, als wir bis 22h Latten an den Holzanbau genagelt haben. Das Hämmern ging durch das ganze abendliche Dorf.
Ich necke dich nicht wegen dem Haus in der Schweiz. Ich stelle mir dabei einfach ein Chalet vor, irgendwo in den Voralpen. Allein schon diese Vorstellung kitzelt mich ein bisschen. Und dann die vielen Leute, die durch die enge Tür hereinwollen, um einen Blick zu erhaschen. Na ja, denk mal Malou, bei dem riesigen Fanclub, den ich habe. Du würdest aus dem Kaffeekochen gar nicht mehr herauskommen. Oder meinst du, wir sollten Wein anbieten. Nein. Dann gehen sie überhaupt nie mehr nach Hause. Ich glaube, du hast mir mal über diese Vorstellung erzählt. Jetzt kommt es mir langsam wieder in den Sinn. Aber Malou, wenn du bei diesem Traum bleibst, bitte vergiss nicht, rund um das schnuckelige Chalet dir auch ein paar schöne weisse Ziegen vorzustellen. Klar, du müsstest sie dann vielleicht abends auch melken. Aber das wirst du rasch hinkriegen. Wir werden Kaffee mit Ziegenmilch servieren. Vielleicht für spezielle Gäste und für die Schweden, die kommen, ein Schnäpslein dazu.
Sauerheering, davon hast du mir früher schon mal erzählt, und auch, dass er stinkt. Stinkt der Heering? Oder ist es mehr die Luft, die er im Darm erzeugt? Oder vielleicht beides? Ihr habt in Schweden viele Essrituale. Das gefällt mir. Schade, leider könnte ich kaum Alkohol trinken. Du weisst schon. Und es gibt bestimmt schwedische Mahlzeiten, da gehört einfach ein tüchtiger Drink dazu.
Och, leider muss ich rasch enden. Ich werde mein Mail später fortsetzen.
Bis dann viele liebe Grüsse und Küsse
Montag, 14. August 2023
Unsere Ferien im Iran
Date: Sat, 12 Aug 16:32
Liebe Marlena
(---)
Ich will Dir ein bisschen über unsere Ferien im Iran erzählen. Das war ja bekanntlich ein grösseres Unternehmen, und es ist deshalb nicht einfach, dieses 4-Wochen.Projekt in Worte zu fassen. S ist ja schon einige Wochen früher abgeflogen und hat einiges für uns organisiert. Sie hat auch unsere Wohnung für meinen Neffen und seine Freundin bereitgemacht. Ist recht schön geworden, unsere Wohnung. Sie liegt im 8. Stock eines hohen Hauses in einem sehr "bürgerlichen" Quartier, dh. umgeben von Villen in 2 Stockwerken. Wir haben also eine wundervolle Aussicht auf den nördlichen Teil Teherans, an diesen Gebäudemoloch, der sich an den Hängen des Elburs Gebirges in die Höhe frisst. Ich glaube, die ganze Stadtgrenze ist seit meinem letzten Besuch wieder um einige Meter gestiegen. Die Berghänge sind in ein helles Ocker getaucht. Tagsüber sieht das heiss und staubig aus. Aber abends, wenn die Sonne leichte bläuliche Schatten in die Halden wirft, dann wirkt dieser Hintergrund sehr schön und plastisch. Wir waren mal bei einer Kusine von S zu Besuch. Sie und ihr Mann haben in Paris Architektur studiert und sind jetzt sehr erfolgreich in Teheran. Sie haben eine Attika-Wohnung praktisch zuoberst. Dahinter, so sagte man mir, lebt nur noch Chamenei, der erzkonservative Staatspräsident. Und Komeinis Witwe lebt in naher Nachbarschaft. Es ist wirklich eine ganz heisse Gegend, und im Stillen habe ich mir beim Essen vorgestellt, dass die nächste Revolution wohl in dieser Gegend ausbrechen und in heimlich deponierten Bomben explodieren würde. Vom Dach ihres Hauses hatte man eine wunderbare Aussicht über die ganze Stadt, die sich wohl an die 50 km in den Süden hinunterzieht. Dort unten, in down-town ist es sündhaft heiss und nur für Ärmste noch gerade zu ertragen. Es gibt im Stadtbild drei Elemente. Die traditionellen Häuser sind in der Regel höchstens zweistöckig. Und die engen Gassen sind nicht sehr geometrisch geordnet. In der Nacht wirken diese Quartiere unstrukturiert mit zahllosen kleinen und feinen Lichtlein, wie ein völlig ausverkaufter und überfüllter Sternenhimmel. Dann gibt es die grossen Expressstrassen. Sie sind mit grossen Strahlern beleuchtet, die ein etwas orangenes Licht ausstrahlen. Sie geben dem nächtlichen Bild einigermassen eine Struktur. Und schliesslich gibt es einige Gebiete, wo Hochhäuser in die Höhe schiessen. Sie haben wohl etwa 30 Stockwerke. Ganz in unserer Nähe war so ein Haus, der Borghe sefid, der weisse Turm. Zuoberst ein Restaurant, voll verglast, das sich im Kreise dreht, wo man guten Kaviar bekommen soll. Dort trifft sich die Jugend, saugt stundenlang an einer Cola-Büchse und wirft dem anderen Geschlecht vielsagende Blicke zu. Die Mädchen sind zwar mit Kopftuch und Cape, aber hier oben streifen sie das Tuch ein bisschen weiter zurück, um ihr schönes Haar ein bisschen mehr versprechen zu lassen. Aber sie sind für unsere europäischen Verhältnisse immer noch sehr zurückhaltend und kontrolliert und höflich. Unsere B war auf diesem Hintergrund geradezu frech und auffallend locker und unkontrolliert. Sie wirkte wirklich machmal ungezogen, was sie hier in Europa nicht eigentlich ist. Es war für uns Eltern gelegentlich ein bisschen peinlich. Aber ich glaube, sie wollte auch gerne etwas provozieren. Meine Schwiegermutter hat Todesängste ausgestanden, wenn sich B mit jemandem getroffen hat und sich dann - was ja eigentlich im Iran völlig normal ist - etwa um eine Stunde verspätet hat. Und sie hat sich geschminkt, wie ich sie hier in der Schweiz nie gesehen habe. Ich hatte das Gefühl, sie müsste sich mit ihren Signalen auf diese kleine Gesichtsfläche beschränken und wollte diese "Werbefläche" voll ausnutzen. Mit Kleidern oder Haaren war ja sonst nicht viel zu machen. Doch B hat mir erklärt, dass sich die Perserinnen so intensiv schminken würden, und dass sie - wohl oder übel - doch mithalten müsse. Ist möglich, dass sie Recht hat. So genau studiere ich bei den jungen Mädchen jeweils nicht mehr, was nature und was artificiel ist. Aber manchmal sehen sie wirklich unverschämt schön aus. Das muss man ihnen zugestehen. Und B war in der oberen Spielklasse gut mit dabei, muss ich ihr auch zugestehen. Sie mag es, wenn ich ihr Komplimente mache. Sie bedankt sich manchmal so postwendend, dass ich den Eindruck habe, sie hätte förmlich darauf gewartet. Das heisst, sie zieht sie mir geradezu aus dem Mund. Na ja, vielleicht weißt du, wie Töchter sind.
Teheran hat um die 20 Millionen Einwohner. Der Iran insgesamt 65 Millionen, haben wir gehört. Ein Drittel der Bevölkerung wohnt also in Teheran. Das ist das Resultat der riesigen Landflucht in den letzten 20 Jahren. Das Staatsgebiet liegt, im europäischen Vergleich, etwa zwischen Madrid und der zentralen Sahara Südalgeriens. Teheran liegt auf demselben Breitengrad wie Gibraltar (ich weiss jetzt wirklich, warum es S immer dort hinunter nach Andalusien zieht: Klima, maurischer Einschlag, Flamenco etc.). Aber Teheran liegt als Stadtzentrum auf etwa 1200 m ü.M, die nördlichsten Teile steigen bis 1700m, also so hoch, wo bei uns etwa die Waldgrenze liegt. Das macht also einen Höhenunterschied von ca. 700m, der sich aber auf diese 50 km verteilt. Aber es ist doch im oberen Teil, wo die reicheren Bürger wohnen und wo auch die ehemaligen Gebäude und Paläste des Schahs sich befinden, doch deutlich ansteigend. Die grossen Strassen sind mit riesigen Bäumen gesäumt, die tagsüber Schatten spenden und im Grunde ein schönes Bild abgeben. Sie stehen allesamt im Graben, wo häufig Wasser wie ein Bächlein in einem offenen Kanal hinunter fliesst. Früher gab es kaum noch Randsteine, und wenn du beim Parkieren mit einem Rad deines Wagens in diesen Kanal gesackt bist, dann konntest du den Abschleppdienst rufen. Und das konnte man da und dort beobachten. Natürlich hat Teheran Kontinentalklima, dh. trocken, mit grossen Temperaturunterschieden, im Winter manchmal Schnee für ein paar Tage. Und sonst mindestens Schnee auf dem Elburs, wo die Perser gerne Skifahren gehen.
Wir haben unsere Ferien dreigeteilt. Am Anfang sind wir für ein paar Tage ans Kaspische Meer gefahren. Nach ein paar Tagen im Ferienhaus im Elburs und in Teheran eine Woche in Isfahan. Und zum Schluss wieder in Teheran.
Die Tage am Kaspischen Meer waren gut, wenn auch nicht gerade überwältigend. Wir haben im Hotel Engehlab gewohnt, was soviel wie Revolution heisst. Es ist ein ziemlich grosszügig konzipiertes Hotel mit einer riesigen Lobby über alle 6 Stockwerke, mit zwei Glasliften als die Attratkion dieser riesigen Halle. Wenn noch ein Araber mit zwei oder drei Frauen herumflaniert ist, dann hat das Bild gestimmt. Wir hatten drei Zimmer, und S musste bei der Rezeption schummeln und mit einem guten Trinkgeld nachhelfen, damit sie glaubten, all die jungen Leute (auch mein Neffe und seine Freundin) seien ihre Kinder. Nur so kamen sie in den Genuss, auch mit Rials bezahlen zu können. Die Dollar-Preise sind sehr hoch. Man spürt in den Preisen noch förmlich den Hass gegenüber den den Amerikanern, den das Regime damals geschürt hatte. An der Nordseite des Elburs gibt es tropisches Klima, sehr feucht und warm, mit etlichen Mücken. Sie haben hier den Steigungsregen vom Meer her (das eigentlich ein See - mässig salzig - ist, und nota bene keinen Abfluss hat), und die Berge sind bis zum Horizont hinauf grün bewaldet. Es soll Bären geben und Leoparden, hat man uns gesagt. Das Kaspische Meer ist bekannt für den Stör und den Kaviar, den man von ihm gewinnt. Wir haben dort oben in der Provinz Gilan am Meer jede Menge Fisch-Kebab gegessen. Der Stör hat ein festes Fleisch, und er schmeckt ein bisschen - nur ganz wenig - bitterlich. Er hat mich ein an den Geschmack des Tintenfischs erinnert, den ich sehr mag. Kaviar haben wir keinen gegessen. Ich mag ihn auch nicht so besonders.
Und dann gab es vor dem Hotel den Strand. Zum Baden haben sie für Frauen und für Männer mit Planen je ein Geviert abgegrenzt. Die Frauen mussten rechts vom Hotel, die Männer links. Das ganze war etwa 500 m voneinander entfernt. Als Familie konntest du also nicht gemeinsam baden. Und die Tuchplanen haben auch jede Sicht verdeckt. Das hat mir wirklich nicht gefallen. Normalerweise ist am Meer doch das Schönste die Weite des Strandes und des Wassers, und das Spiel der Familien und der Kinder und das Promenieren der Allerschönsten. Hier war alles in ein 50 mal 50m Karre eingesperrt, voller Männer und Söhne und eine lausige Dusche und in der Mitte ein Gestell, wo alle die Kleider aufhängen sollten. Der Bademeister hat registriert, aus welchem Hotelzimmer du kommst, weiss Gott respektive Allah, wozu. Und wenn du etwa 20m im Meer draussen die Abschrankung ignoriert hast, haben sie bereits mit der Pfeife getrillert. Das haben sie wohl in Bay-watch gelernt. Es war echt mittelalterlich, solches Baden. Und auch meine Schwiegermutter war enttäuscht. Sie war als junge Mutter zu Zeiten des Schahs jedes Jahr während ein oder zwei Monaten mit ihren Kindern hier am Meer gewesen. Und ich habe diese offenen sandigen Strände damals, vor der Revolution, auch noch erlebt. Aber wir haben versucht, das Beste draus zu machen. Ich ging beispielsweise gerne abends nach 1900h baden. Dann haben sie nämlich ihren Tuchzaun schon geschlossen und teilweise aufgerollt. Aber ganz legal war mein Tun nicht, und ich wurde mit Mistrauen beobachtet. Und auf den Märkten haben wir uns die vielen Handarbeiten angeschaut, die hier vornehmlich aus Holz sind. Es gibt alles Mögliche, und alles für uns sehr billig. Mein Neffe hat ein hübsches Dais-Spiel gekauft, ein Backgammon aus Holz mit Intarsien. Backgammon ist sozusagen der Nationalsport. Doch das Regime hat verboten, es in der Oeffentlichkeit zu spielen. Aber im Privaten kann man es durchaus finden, und es ist ein gutes Spiel, das man sehr einfach aber auch ziemlich raffiniert spielen kann. Es ist also gut für alle Generationen. Mein Neffe musste schon Runden Eiscreme bezahlen, weil er in diesem Würfelspiel wirklich noch kein Meister war, auch nicht sein konnte.
Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt per Auto über das Elbursgebirge. Das kann man sich eigenttlich nur vorstellen, wenn man weiss, wie die Perser autofahren. Sie interpretieren die Verkehrsregeln wirklich sehr grosszügig und sind nicht kleinlich, nein, sie sind sogar echt erfinderisch. So kann es vorkommen, dass du in einer Kolonne hinter einem Lastwagen den Berg hinauf kriechst. Und dann überholt einer links, weil die Strasse im Moment mehr frei scheint als wirklich ist. Und der nächste überholt rechts, auf dem Grienstreifen über Stock und Stein praktisch, indem er eine riesige Staubwolke hinter sich nachzieht. Für europäische Augen sieht sowas einfach abenteuerlich und unglaublich aus. Du denkst du spielst hier in einem Triller mit, einem Streifen, wo du jede Szene, wenn sie quer herauskommen sollte, nochmals spielen kannst. Doch es gibt nicht viele Unfälle, weil alle wissen, dass man sich nicht soserh auf Regeln verlassen kann. Wenn du überholst und es reicht nicht ganz, dann weicht der Entgegenkommende eben etwas aus, geht notfalls auch auf den Grienstreifen hinaus. Diese Fahrt über die Berge dauerte etwa 5 Stunden insgesamt. Und wir haben alle ein bisschen gezittert u nd geschwitzt.
Die Tage in Teheran waren zwar sehr warm, aber angenehm, weil wir zuhause Essen und nachher ein Schläfchen nehmen konnten. Mit der Air Condition ist es in der Wohnung sehr bequem. Wir konnten ausruhen, unsere Reiseführer studieren, Tee trinken und Hendune essen, die rote Wassermelone, die, wenn sie wirklich reif ist, ausgezeichnet schmeckt. Allerdings muss man sie vorher im Kühlschrank lagern, so dass sie kalt ist. Man kann sich daran wirklich zu Tode essen, oder trinken, müsste man eher sagen. Denn sie besteht ja wohl zu 99% aus wasser. Wenn das Fleisch leicht bricht, tiefrot ist, und fast trocken wirkt, dann ist sie wirklich süss. Die Kunst ist, auf dem Markt eine solch süsse Nummer herauszufinden. S hat sie jeweils aufschneiden lassen und sie dann nur genommen, wenn sie wirklich reif schien. Die Grossen schmecken in der Regel süsser als die Kleinen. Wir haben Apparate von 10 bis 15 kg heimgeschleppt. Gegen ein kleines Trinkgeld trägt sie dir ein Bursche bis zum Auto. Wir haben in Teheran natürlich den Bazar besucht, der eher im Süden liegt, und auch die Golestan Palastanlage, die ehemaligen Paläste der Katscharen, die sehr schwach und sehr europafreundlich waren. Damals hat Persien grosse Gebiete im Norden, Azerbeitschan, Georgien, Armenien, Turkmenistan an die Russen verloren, und hat die 0elrechte an die Engländer verschachert. Sie waren eine schwache Dynastie, und ihre Paläste sehen ein bisschen aus wie europäische Fabriken des 19. Jahrhunderts in Backstein, von den Dimensionen her. Aber sonst sind sie natürlich mit wunderbaren Fliessen verziert und noch recht gut erhalten und es gibt einen Marmorthron, auf dem sich sicherlich gut leben liess, weil er etwas kühl ist, und milchig-grünlich.
Ich bin ein bisschen in Eile. Ich werde Dir die Isfahaner Phase das nächste mal erzählen. Ach, ich sollte dir das alles zeigen, damit du es mit eigenen Augen sehen kannst. Mit einem lieben Gruss
...

