Donnerstag, 7. September 2023

Merci chérie


den 23 november 18:34
Merci chérie


Allerliebste Malou
Ach, Du bist ein echtes Schätzchen. Wenn ich könnte, würde ich Dich von der Scheitel bis zur Sohle abküssen, oder umgekehrt, wenn Du lieber magst. Es ist riesig nett, dass Du mir einen neuen Briefkasten geschenkt hast.
Und die Adresse ist so einfach, dass ich sie gut behalten kann. Ich denke einfach an RE-SOLUTION, oder an REINIGUNGSINSTITUTS-SICHERHEITSVORKEHRUNGEN . ;--)))

Ich habe das Codewort geändert, obwohl wir die Adresse eigentlich gemeinsam gebrauchen könnten. Dann wäre das so wie eine gemeinsame Höhle, so wie damals in der Bar bei Franco, wo wir uns im Halbdunkel bei einem Roten getroffen haben. Oder war es ein trockener Martini? Ach, es waren herrliche Zeiten. Aber jetzt habe ich endlich meine anonyme Adresse, eine Terrasse, von der ich richtig um mich werfen kann. Kürzlich, als ich von jener Homepage die Sagen herunter geladen hatte, hätte ich gerne ein ,Merci' zurückgelassen. Die Autorin war eine junge Studentin, die auch das Gymnasium in Brig im mathematischen Typ absolviert hatte und sich damals wünschte, später in Kalifornien Informatik zu studieren. Aber ich wollte mich nicht erkennbar machen, denn man kennt unsere Familie wohl noch in jener Region.

Du hast Recht, ich war wirklich ziemlich unvorsichtig mit meinem Streuwurf dieser Powerpoint-Version. Aber ich glaube, das ist ziemlich typisch für mich. Ich würde mich niemals zum Detektiven eignen. Ich bin eigentlich viel zu naiv und gutgläubig. Man könnte mir mit halbwegs guten Argumenten die Lidschatten klauen. Aber das macht nichts. Ich glaube - so hoffe ich wenigstens - dass die Welt im Wesentlichen gut und vertrauenswürdig ist. Aber nur ,im Wesentlichen'. An ihren Rändern kann es natürlich auch anders aussehen.
Ich werde diese ,Marlena' für eine akribische, eifrige, jungfernhafte und lebensfremde Lehrerin (darüber hinaus - um das Mass voll zu machen - schwer katholisch) ausgeben, mit der ich quasi geschäftlich, na ja halbgeschäftlich, über PISA und die bedenkenswerten und zweifelhaften Schulreformen der letzten 20 Jahre korrespondiere. Die Leute werden mich bedauern, sie werden mir kondolieren, dass ich mich mit einem solchen Drachen auseinandersetzen muss. Und sie haben keine Ahnung, welch charmante, hübsche, freundliche Person, welche Muse voller Esprit und guter Gedanken sich dahinter verbirgt.

Na ja, wir werden sehen. S. hat ein scharfes Auge und wird schon ihre Überlegungen machen.

Aber weißt Du, liebe Malou, ich habe kein besonders schlechtes Gewissen. Ich schreibe hier mein Tagebuch und viele von meinen Überlegungen und Gedanken sind zu meinem eigenen Vorteil. Und es ist nur gut, dass mich dazu jemand inspirieren kann. Und darüber hinaus bist Du eine feine Person. Ich meine, Du bist keine zweitklassige Nummer, über die und die Beziehung zu ihr sich irgend jemand schämen müsste. Na ja, ich kann es nicht so gut erklären. Doch viele Männer würden ihre Untreue ganz ähnlich erklären. Tampis! Aber wir sind auch nicht mehr im letzten Jahrhundert. Die Liebe ist eine vielfältige Sache geworden, eine millefeuille sozusagen. Das ist im Deutschen eine Crèmeschnitte. Lustiger Vergleich, nicht wahr?

Ich wollte heute Abend in meinem Büro noch ein bisschen aufräumen. Walter hat mir zum Geburtstag ein Buch geschenkt mit dem Titel ,Simplify your life'. Dort wird behauptet, der erste Schritt bestehe darin, das Büro in Ordnung zu bringen und die Papiere verschwinden zu lassen. Na ja, das hast Du mir in einem einzigen Satz auch schon empfohlen. Aber ich muss doch, wenn ich schon mein Leben nicht vereinfachen kann, dem Walter eine kleine Freude machen, sozusagen in Dankbarkeit.
Na ja, das ist etwas spassig gesagt. Es ist wirklich so, dass man sich leichter fühlt, wenn das Pult leer ist und die Dinge nicht ungeordnet herumliegen. Aber ich kann nicht bloss aufräumen. Ich muss meine ganze Lebensphilosophie umbauen. Das ist ein grösseres Manöver. Verstehst Du das? Bestimmt verstehst Du das. Manchmal, wenn ich abreise, habe ich das starke Bedürfnis dieses oder jenes Buch mitzunehmen, so als ob sie meine Beschützer wären. Und die vielen Dinge und Bücher und Symbole in meinem Büro sind sozusagen meine Beschützer. Sie sind meine Armee. Meine Armada, mit Hilfe derer ich jeden Tag neu in den Krieg ziehe. Na ja, in die Schlachten. Ich werde meine Armeen wahrscheinlich nicht wegwerfen, sondern bloss hinter den Bergen und in den Wäldern verbergen, so wie das ein echter General auch tun würde.

Ich wünsche Dir einen superfeinen Wochenanfang
Mit lieben Grüssen
M

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