Liebe Marlena
Ist das ein Abschied? Kann man sagen, das sei ein Abschied, wo du doch immer schon abgeschieden bist. Im Grunde wäre es ja eine Annäherung, denn bestimmt wirst du in der nächsten Woche ein paar km näher sein als diese unendlich weiten 1500km. Ich versuche mir das auszumalen. Südosten hast du gesagt? Und den Süden hast du später korrigiert. Also bleibt noch Osten. Hast du nicht auch gesagt, es wäre einer unserer gemeinsamen Orte. Im Osten? Dann könnte es nur Wien sein. Aber von Stockholm nach Wien mit dem Zug, das ist ja eine Rosskur, das ist ja eine Schüttelbehandlung, die nicht alle lebend überstehen würden. Also vielleicht nur bis München? Aber München würde ich dir schon übel nehmen, denn München ist so nah, da hätten wir uns rasch treffen können. Oder vielleicht Berlin. Das wäre noch denkbar von Stockholm her. Aber Berlin ist kein gemeinsamer Ort unserer Träume. Vielleicht nicht im deutschsprachigen Raum. Also Prag. Prag wäre durchaus möglich. As Klasse hat beschlossen, als Abiturreise nach Prag zu gehen. Ihr Klassenlehrer ist ihr Zeichnungslehrer. Seine Bedingung war, nicht fliegen. Und so fahren sie also mit dem Zug nach Prag, das ist eine schöne Stadt, wie du sicherlich tief unten in deiner kindlichen Seele noch wissen und ahnen kannst. Und er hat ihnen eine Aufgabe gestellt, die ich interessant und gut finde. Jeder Schüler und jede Schülerin muss eine Photo machen, sozusagen eine Postkarte von Prag. PARS PRO TOTO, du verstehst, repräsentativ für eine ganze Stadt oder Kultur. A. hat sich dafür von der Schule eine Kamera ausgeliehen, obwohl sie eigentlich eine eigene kleine hätte. Und sie übt schon fleissig. Sie hat sich entschlossen, schwar-weiss Aufnahmen zu machen. Das heisst, sie hat künstlerische Ansprüche, finde ich als ihr Papa gut.
Also Abschied nehmen von Marlena. Ach, Abschiede machen mich melancholisch. Ich kann dann für einige Tage dem Trübsinn verfallen. Als A. für dieses Jahr nach Quito abgeflogen war, hatte ich einen solchen Kater. Man lässt das eigene Kind hinausgehen in die Welt, in eine Stadt, von der du selbst nicht mal aus eigener Erfahrung weißt, ob sie überhaupt existiert. Du kennst nur den Namen, und auch den noch nicht allzu lange. Du lässt sie gehen auf einen Kontinent, von dem du keine Ahnung hast. Du kannst sie als Vater nicht einmal warnen vor diesem oder jenem. Du kannst sie nicht mehr schützen, deine eigene Tochter, die du doch seit sie ein kleines Mädchen war, immer wieder zu schützen versucht hast, vor kleineren und vor grösseren Unglücken. Meistens bloss vor kleineren. Du hast versucht, sie zu behüten und ihr deinen Schutz zu geben. Sie hat dir vertraut. Du hast das Gefühl, dein Schutz sei wirksam gewesen, wenn nicht lebensrettend so doch lebenserhaltend. Und jetzt geht sie dahin, und es kann weiss Gott alles passieren. Wenn etwas passieren würde, dann müsste sie ganz allein draussen in der Welt, unter Fremden sterben. Und du sitzt hier zuhause und hättest von allem nichts gewusst.
Es kam ja dann dieses grosse Erdbeben, das sein Zentrum ziemlich genau in der Stadt hatte, wo sich A aufhielt. Glücklicherweise hatte uns der Rotary-Vertreter in Quito, ein Schweizer, angerufen, noch bevor wir im Fernsehen vom Erdbeben gehört haben. Er hat uns angerufen und mitgeteilt, dass er mit A telefonisch gesprochen habe und dass sie wohlauf sei. Er habe ihr angeboten, nach Hause zurückzukehren. Aber sie wollte nicht nach Hause. Ich glaube, mit den Menschen, mit denen man Todesängste erlebt hat, bleibt man lebenslang verbunden. Und es wäre auch schlecht gewesen, einfach abzureisen. Bahia, die Stadt, war stark zerstört. Teilweise waren Hochhäuser zerstört und zusammengebrochen. Glücklicherweise gab es nur 2 Tote, weil das Erdbeben tagsüber kam. Und dann ging die Familie, bei der A wohnte, zu einer Verwandten aufs Land hinaus, wo es keine gefährlichen Hochhäuser gab. A hat das eindrücklich beschrieben in ihren Briefen. Ich werde dir mal einen Teil davon zitieren.
Abschnied nehmen. Partir, c'est toujours mourir un peu. Und diesen Schmerz muss der Körper und die Seele irgendwie assimilieren, in sich aufnehmen und verteilen auf die Glieder, damit er nicht zu konzentriert im Herz schmerzt. Ach, ich hasse es eigentlich, Abschied zu nehmen. Ich mache es meist eher kurz und ein bisschen spassig, ohne diese trübe Stimmung zu zeigen. Vor allem bei den Kindern kann man das ja nicht zeigen, denn sie müssen unbelastet in die Welt gehen.
Ich weiss noch einen Moment in meinem Leben, der sich mir tief in der Seele eingeprägt hat, ein Moment wie ein holländisches Bild, markant und dauerhaft und ein bisschen trüb getönt. Als ich irgendwie mein Abitur gemacht hatte und natürlich überglücklich war und alle mir für das gute Abschneiden gratuliert hatten und eigentlich wolkenloser Himmel herrschte über dem Wallis, da kam ich von der Schule heim und auf das Tor unseres Gartens zu, auf dieses Tor, durch welches ich 8 Jahre lang ein und ausgegangen war in dieses Gymnasium in Brig, und dieses Tor und dahinter Weg zum Hauseinang mit den grossen Steinplatten im Rasen, an den Bäumen vorbei zur kleinen Treppe, die zum gedeckten Hauseinang führte, wo darüber eine Terasse war, über die ich nachts, wenn mir der Schlüssel gefehlt hatte, geklettert war, diese ganze Situation hat sich mir in diesem einen kurzen und sehr melancholischen Moment eingeprägt als ich wusste, dass ich in Zukunft nicht mehr hier wohnen würde, dass ein schöner Teil meines Lebens vorbei sei und dass ich das alles hier würde verlassen müssen. Es war bei aller Freude ein kurzer Schmerz und ein starkes Bild, welche mich überwältigten. Und dann war es auch schon wieder vorbei und das Leben ging seinen Lauf.
Das Leben ? .. lebt, so schön hast du das gesagt, Marlena. Man sieht, du bist an Rilke ausgebildet worden. Es ist schön gesagt und gleichzeitig fühlt man diese gewisse Verlegenheit, wie man denn dieses Totale sprachlich ausdrücken kann. Darin schwingt sowas wie Schicksal. Das ist das, was einem geschickt wird. Du verstehst das noch so? Viele Menschen verstehen das heute nicht mehr so. Heute bekommt man nicht mehr Kinder geschenkt, heute macht man Kinder. Soweit haben wir es mit unserer Zivilisation gebracht. Es ist manchmal ein bisschen erschreckend.
Wie denn könnte ich von dir Abschied nehmen, wo du immer schon weg warst, wo ich dich noch nie wirklich gesehen habe, nie auch nur zaghaft und zurückhaltend berührt habe, nie diese persönliche Präsenz gewittert habe, die einen in der Jugend so stark überfällt, wenn das geliebte, vielleicht heimlich geliebte Mädchen in der Nähe steht. Du warst immer so weit weg, dass es eigentlich keine Rolle spielte, wie weit du wirklich bist. Wir könnten Antipoden sein.
Ach nein, wir könnten nicht Antipoden sein. Es ist gut, dass wir im ST eine gemeinsame Urzeit haben. Und beide wissen wir, dass Marlena in letzter Sekunde, aber top-pünktlich hereinrauscht und nicht an irgend einem elektronischen Zaun hängen bleibt, wie damals ihre unternehmungslustige Mama, als sie sonntags zur Kirche hätte gehen sollen. Hast du eigentlich im ST eine andere Zeit als eure Local Time? Musst du immer umdenken, wenn wir ein Date abmachen? Das hätte ich mir eigentlich nie vorgestellt. Doch ich habe ja einmal auf der Karte gesehen, dass Rom von Stockholm ziemlich genau in südlicher Richtung liegt und dass nach Basel nur eine kleine Abweichung von dieser Geraden besteht, von dieser Geraden, die Bichsels Mann gegangen wäre, um zu testen, ob die Welt auch wirklich rund sei, oder ob es sich dabei um eine Falschmeldung handle. Wenn du also einmal von zuhause weggehen wirst, um zu schauen, ob die Welt wirklich rund ist, dann wirst du, wenn du mit dem linken Fuss ein bisschen entschiedener auftrittst, dann wirst du leicht, wirklich nur sehr leicht nach rechts abdriften und haargenau nach Basel kommen, Marlena. Und dann werde ich in Basel am Marktplatz, dort oben im 1. Stock im Café sitzen, wo die Elsässerin serviert und immer ein charmantes Lächeln im Gesicht hat, und Zeitung lesen und warten, bis Marlena quer über den Marktplatz geht, von der Rheinbrücke her quer hinüber zur freien Strasse, wo meine bevorzugte Buchhandlung liegt und der Tabakladen, wo ich früher meinen Pfeifentabak zu holen pflegte. Und dann, wenn du daherkommst - ich stelle mir das nach Geschäftsschluss vor, wenn der Marktplatz praktisch leer ist - dann werde ich in Windeseile die enge Treppe hinunter stürzen, durch den Laden voller Feingebäck rauschen und dich mitten auf diesem grossen rechteckigen Platz vor dem roten Rathaus, dem edlen gotischen Rathaus aufhalten, mich dir in den Weg stellen eigentlich, weil du ja immer noch diese Gerade Linie im Kopf haben musst, die geradeaus und rund um die Welt führt. Und du bist ganz allein und hinter dir ist keine Karavane mit Schiffen und Leitern und Wagen und Gehilfen und Nahrungsmitteln, wie der Mann bei Bichsel das mitgeführt hat. Nein, du bist ganz allein, denn du bist eine, die übers Wasser gehen kann. Und du kommst ganz allein mit diesem etwas gedankenverlorenen Blick in die Weite daher, mit dem man dich auf den Fotos sieht, diesem Blick, der nicht auf das Nahe und Alltägliche und Passagère gerichtet ist, sondern in die Weite, auf irgend etwas Schönes und Entferntes am Welthorizont, dort weit hinten, wo die platonischen Dinge aufzusteigen pflegen.
Hast du gewusst, dass dieser Blick, den ich auf beiden Fotos bei dir sehe, den du hast, auf eine Affinität zum Geistigen hinweist. Ich habe mal ein Büchlein über Physiognomie gelesen. Ich finde es nicht gleich, sonst könnte ich für dich zitieren. Aber ich erinnere mich, dass beispielsweise bei einem Porträt Goethes darauf hingewiesen wurde (etwas das berühmte Bild von Tischbein: Goethe in der Campagna), dass die Augenachsen praktisch parallel stehen, dh. seine Augen sind nicht auf einen konkreten Punkt in dieser Welt gerichtet, sondern eben sozusagen in die Unendlichkeit, auf eine imaginäre Idee. Und das habe ich in deinen beiden Fotos sofort gesehen, nicht sehr bewusst anfangs, aber später schon deutlicher.
Und dieser Blick in die Weite spricht natürlich gegen dein Lebensmotto, du lässt den Tag einfach auf dich zukommen. Wer so in die Ferne schaut, der geht nicht nach dem Motto whatever will be will be, nein der hat eine Richtung, der geht diesen geraden Weg und wird erfahren, dass die Welt wirklich rund, eigentlich nur rund ist.
Ich umarme dich zum Abschied, dann siehst du mein Gesicht nicht zu lange, und ich wünsche dir eine gute Reise. Als ich damals A gehen liess, ist mir immer wieder durch den Kopf: Gott behüte sie. Und das geht mir jetzt, mir ziemlich unreligiösem Menschen, auch durch den Kopf. Gott möge dich behüten.
Mit Liebe
...
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