Freitag, 7. Juli 2023

Rat an die Götter

(R)  

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Also, ich bin sehr freidenkerisch, ungefähr so wie Rilke, schätze einen tüchtigen Engel oder einen Gott, um mit ihm zu rechten. Ich sage immer, die Götter sollen diese Differenzen und Unterschiede in ihren Doktrinen selbst und unter sich ausmachen. Ist doch nicht das Problem der Menschen, oder?

Wenn die Götter Konkurrenzprobleme haben, sagen wir Allah und der liebe Gott und Jehova, oder wie er heissen mag, so bitte, sollen sie sich in Ruhe zusammensetzen und die Sache gütlich regeln. Sie könnten beispielsweise eine rotierende Präsidentschaft einrichten. Oder sie könnten mit Konsens entscheiden.

Aber was rede ich da den Göttern hinein? Die Kerle dort oben können das selbst wissen, sonst sollen sie ihre Frauen fragen!


Re: 

.. und mein Rat an die Menschen:

Benehmt euch so, dass ihr die Bezeichnung Mensch verdient!

/M

 

Mittwoch, 5. Juli 2023

Professor Oggier. Eine Berufsstudie.

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Heute nachmittag habe ich mich an meinen Franz-Lehrer im Gymnasium erinnert. Ich sende dir den Text. Ist sozusagen eine Berufsstudie. Prof. Oggier ging die Kunde voraus, dass er eigentlich in seiner Jugend einmal hätte Priester werden wollen. Er war schon im Priesterseminar und es kursierte irgendwo ein Foto, wo man den jungen Oggier in der Sutane sehen konnte, mit einem noch etwas jugendlichen und fleischigen, aber doch auch grüblerischen Gesicht.

Es war etwa im 4. Jahr, dass wir Oggier für Französisch hatten. Also in der Grammatik, so hiess die Klasse. Er pflegte in einem dunkeln Anzug daherzukommen. Und in den letzten Jahren trug er auch eine grosse, schwarze Sonnenbrille. Wir dachten immer, dass er damit einen Scherz treiben wolle. Und weil er, wenn er mit seiner Mappe daherkam, etwas steif ging und den Kopf nicht links und nicht rechts drehte, so sah er aus wie ein Maffia Boss. Unter jungeren Schülern erregte das einen gewissen Respekt, eine Art Ehrfurcht, wenn nicht fast Angst, weil man bei Oggier, wenn er daherkam in seinen etwas kurzen Schritten, weil man nie genau wusste, wohin er blickte. Man wusste nicht, zu welchem Zeitpunkt man wirklich grüssen sollte. Und es gab die Anweisung, dass man die Lehrer grüssen musste. Man sollte sogar die Studentenmütze vom Kopf ziehen. Aber da wir diese ohnehin nie trugen, erüberigte sich diese noble Geste. Schaute er jetzt schon oder schaute er noch nicht? Es gab immer dieses Moment der Unsicherheit. Und ich für mich war sicher, dass Oggier dies ganz bewusst und willentlich so einsetzte. Ich glaube nicht, dass er diese Brille seinen Augen zuliebe auf die Nase setzte. Er brauchte sie bloss, um uns Schüler zu beeindrucken.

Denn er setzte durchaus auf Eindruck. Die Stunden mit ihm waren fantastisch unterhaltsam. Er kam in eiligem Schritt herein. Meist riss er die Türe richtiggehend auf, dass man erschrecken konnte. Ich glaube, er wollte schockieren. Dann zückte er sein Buch und machte eine sogenannte Blitzprobe. Das hiess, er fragte aus der letzten Lektion vielleicht 6 Wörter oder Begriffe oder französische Redensweisen, die wir behandelt hatten. Wir mussten sie aufschreiben und den kleinen Zettel mit Datum und Name sofort abgeben. Dann stand er am Pult und korrigierte in Windeseile diese kleinen zerknitterten Zettel. Für 6 richtige Lösungen gab es eine 6. Für 5 eine 5. Und so weiter. Ich war sehr oft ungenügend, weil ich diese Französischlektionen nicht konsequent vorbereitete. Und Oggier pickte wirklich die Schwierigkeiten aus dem Buch, er wählte nicht einfach irgendwelche Fragen, die man ohnehin oder zufällig vielleicht beantworten konnte. Man musste lernen, wenn man hier eine 6 zu erreichen die Absicht hatte. Andererseits wusste jeder von uns Gymnasiasten, dass er diese Noten nicht fürs Zeugnis zählte. Also, was sollte es? Wie oft hat er mich abschätzig angeschaut, weil ich eine ungenügende Note hatte!!!

Und dann folgte der Unterricht. Er nahm die nächste Lektion gemäss Buch in Angriff. Meist beinhaltete dies eine Regel, eine grammatikalische Form oder so etwas. Und in dieser Phase seiner Lehrätigkeit war Oggier Spitze. Um uns diese Regel so anschaulich wie möglich zu machen, hatte er eine kleine Geschichte, einen Sketch oder auch bloss einen Dialog erfunden. Den spielte er uns jetzt vor, indem er sich richtig rührte und bewegte und heftig gestikulierte, fast wie auf einer Bühne. Er hatte echt schauspielerische Qualitäten. Und es war sehr vergnüglich, ihm zuzuschauen, er hatte - was im Unterricht sonst selten ist - 100% Einschaltquoten. Und die Quintessenz seiner Bühnendarstellung war dann dieser Satz, der die behandelte Regel erfüllte, dieser alles illustrierende, vor allem die Regel illustrierende Satz. Dieses Satzbeispiel konnte man beim besten Willen nicht mehr vergessen, weil man sonst das ganze Theater rundum auch hätte vergessen müssen. Und das war schlechterdings unmöglich. So hämmerte uns Oggier die Französische Grammatik mit seiner Schauspielerei in unsere zerstreuten Köpfe ein. Ich habe ihn oft bewundert, ob seiner Originalität und auch ob seiner Energie, die er darauf verwendet hat.

Einmal hatte ich mit Oggier einen Riesenkrach. Das kam so. Unser schauspielerischer Professor war wütend, ob unserer schlechten Leistungen in einem seiner Blitztests. Und so entschloss er sich, uns die Noten, die wir am Schluss des Semesters zu erwarten hätten, uns diese Noten coram publicam sozusagen vorzulesen. Und er begann gleich mit Ammann, der nun wirklich der schlechteste Schüler in Französisch war, der arme Kerl, der, obwohl er gleich neben der Sprachgrenze wohnte, seine Zunge einfach nicht nach diesem fremdländischen Muster biegen liess. Oggier kramte also seine Zettel hervor und wollte Noten vorlesen. Da habe ich protestiert und habe ihm gesagt, uns würden die Noten der Mitschüler absolut nicht interessieren. Noten seien jedermanns persönliche Sache. Da stieg Oggiers Blutpegel langsam, er holte Luft, sein Hals wurde dicker und dicker, die breite Stirn immer röter und dann schrie er mich an, dass ich es wage ..., und ich hätte auch schlechte Noten ..., und ich sollte bloss nicht meinen ...., und überhaupt. Ich erschrak zu Tode, denn ich hatte nicht gedacht, dass meine kleine Intervention ein solches Spektakel abwerfen würde. Und nun stieg meinerseits der Blutpegel und ich merkte wie ich heisser und heisser und röter und röter wurde. Ich weiss nicht mehr, wie lange dieser Blitzkrieg dauerte. Auf jeden Fall kam er nie mehr auf seine Noten zurück. Andererseits nahm ich es ihm nicht übel, dass er mich vor der Klasse solcherart angeschrieen hatte. Und wir lebten friedlich nebeneinander weiter. Ich grüsste ihn immer höflich hinter seiner Mafia-Brille und er grüsste mich zurück. Und man wird es glauben oder nicht. Bei der Französisch-Abiturprüfung hatte Oggier zufällig Aufsicht. Er wanderte unruhig im Zimmer auf und ab. Und drei oder vier mal hielt er hinter meinem Rücken und zeigte stumm und ohne dass ich ihn ansehen konnte da und dort auf einen Fehler, den ich in meinem Text hatte. Er half mir ein bisschen vorwärts, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich hätte mein Abitur auch ohne Oggier bestanden, aber immerhin, er meinte es gut mit mir.

Ja, er war eine merkwürdige Gestalt, dieser Professor Oggier. Viele zogen ihn bei Diskussionen heran als Musterbeispiel und legendige Verwirklichung eines echten Neurotikers. Doch andererseits war er in Sprachen sehr begabt, und in Brig, wenn immer jemand eine italienische oder eine französische Rede zu halten hatte, holte sich seinen Rat bei Heinrich Oggier. Er hatte manche dieser Reden selbst geschrieben, aber sie wurden dann von anderen gehalten. Und später hatte ich irgend einmal herausgefunden, dass er als Sternzeichen den Skorpion hatte. Behüte Gott, ein Skorpion!

Du siehst, die Skorpione.

Dienstag, 4. Juli 2023

Mailpartner?

Liebe Marlena

Mit einem lieben Gruss von deinem Mailpartner

(klingt wie eine offizielle Funktionsbeschreibung zuhanden der Steuerbehörde.
Hat mich sehr erstaunt, deine Anrede! Wie bist du dazu gekommen?)
...


Mailpartner???

Lieber ... !
Was ist eigentlich falsch an dem Wort "Mailpartner"? Klingt es als eine zu nahe Relation dieses Wort Partner? Im Snail-mail hätten wir vielleicht Brieffreund gesagt :-) Aber du hast Recht: "lieber Brieffreund" wäre auch etwas komisch gewesen. Sorry!

Keine Angst, ..., ich verstehe Spass. Du spielst mit Worten und Gedanken und ich freue mich darüber und lache herzlich. Nur muss ich sagen wenn du mich so "weiterbaust" wie du es im Moment tust dann kannst du mich bald in einem Museum ausstellen. ;-)

Ich bin doch ein moderner Mensch und kümmere mich eigentlich sehr wenig um Vorschriften und Regel die mir nicht gefallen. Gewiss, meine Erziehung war eher altertümlich aber von Verwöhnen war nie die Rede. Aber du hast Recht. Meine Tante wollte sicher eine kleine Prinzessin aus mir machen und war mächtig stolz wenn sich Leute umdrehten und das süsse Kind kommentierten. Trotz dieser Erziehung und vielleicht gerade deswegen mache ich heute meist was mir selbst passt und gefällt. Ich verstosse gern gegen Vorschriften. Das schlimmste von allem ist wohl dass ich sogar ...

Wir beiden, du und ich, hätten uns natürlich in einem französischen Salon kennenlernen müssen und nicht im Swisstalk (wie schrecklich eigentlich!!??) aber ich protestiere wild wenn du deine Mails als "Hamburger mit Ketchup und Zwiebeln" vergleichst. Nein, das sind sie auf keinen Fall. Trotz des Mediums (PC) sind es köstliche Mahlzeiten mit einem ausgezeichneten Wein dazu und sie werden in Ruhe an einem schönen Ort genossen. Immer gibt es auch ein leckeres süsses Dessert das den Genuss noch erhöht ..

Ob das Mailen kultiviert ist oder nicht, darüber möchte ich kaum diskutieren. Es liegt eben in der Zeit und ist sehr bequem und zeitsparend. Dagegen bin ich ziemlich überzeugt davon dass es lebensgefährlich ist ... ;-)

Ich muss wieder an die Arbeit gehen. Man verlangt dass ich eine Budgetprognose für die nächsten drei Jahre morgen bereit habe. Voriges mal hat meine Schätzung (48.000 Kr./Jahr) ganz gut gestimmt aber mit dem neuen Gymnasium das diesen Herbst startet wissen wir noch nicht wie viele Schüler das Fach Deutsch wählen werden und deswegen ist es eben eine richtige Sisyphusarbeit.

Ob es den Handkuss bei uns noch gibt? Im Bekanntschaftskreis meiner Eltern gab es noch Männer die ihn ausübten (aber immer mit einem kleinen schelmischen Lächeln auf den Lippen). Ältere vornehme Damen küssen sich manchmal bei der Begrüssung auf die Wangen (sie machen es eben den Franzosen nach) das ist nämlich schick.. Sonst gibt man sich die Hand oder sagt nur "hej".

Und wie soll ich mich nun von dir verabschieden? So wie es sich gehört? Oder so wie ich es lieber tun möchte? Ich überlasse es dir :-)

Lass bald wieder von dir hören (ich werde langsam mailsüchtig)
Marlena

Sonntag, 2. Juli 2023

Re: Fragmente.. :-)


Liebe Marlena
Das war ein wunderhübscher Brief am 2.2., „Fragment“ genannt. Ich sage mit Absicht Brief und nicht Mail. Mails sind anders. Würdest Du diesen Unterschied auch unterschreiben? Mails sind etwas kurz angebunden, tendieren zum Slang, zum raschen Sprung, zur direkten Rede, zu Abbreviaturen.
Aber ein Brief nimmt sich Zeit, ist vielleicht manchmal etwas umständlicher, erzählt in grösseren Kreisen. Briefe sind gewissermassen heute etwas altmodisch geworden. Das 19. Jahrhundert war die Zeit des Briefes, die Zeit der Erforschung des eigenen Selbst. Es gab sogar einige Romane in Briefform damals. Wenn ich mich nicht irre, war Goethes Werther einer der ersten. Also Deines war ein Brief, mit der Ruhe eines Briefes und der Atmosphäre eines Briefes. Ich danke Dir dafür, Marlena.
Richtig, ich bin im Wallis aufgewachsen. Wie Du diesen Namen hinschreibst, macht mich glauben, Du weißt, was das Wallis ist. Nun muss ich Dir sagen, dass ich etwa 9 Jahre alt war, als unsere Familie ins Wallis zog. Ich war in der 2. Klasse der Grundschule. Ich kann mich noch bestens erinnern. Meine Familie ist protestantisch, und das Wallis ist nun ein sehr katholischer Kanton, einer der konservativsten. Wenn man die Schweiz mit Frankreich vergleicht, so wäre das Wallis die Provence. (was die Religion gerade betrifft, hinkt der Vergleich mit Frankreich.) Also, das Wallis ist erzkonservativ, erzgebirgig und hat einen äusserst eigenartigen Dialekt. Eigentlich hat jedes Seitental des grossen Tales der Rhone einen eigenen Dialekt (und der untere Teil ist französisch sprechend, wie Du wahrscheinlich weißt). Wenn ich einen Walliser höre, kann ich ziemlich genau sagen, aus welchem Tal er kommt. Hier also bin ich ab meinem 9. Lebensjahr aufgewachsen.
Das war anfangs ziemlich schwer, denn wir Protestanten, alles Kinder von Chemikern und Akademikern in der grossen Firma (Lonza), wir hatten eine eigene kleine Schule. Und so waren wir den einheimischen Kindern fremd und sie waren misstrauisch, weil wir besser gekleidet waren und uns freier bewegten. Erst ins Gymnasium gingen wir dann zusammen mit den Jungen aus dieser Gegend. Das war natürlich ein katholisches Gymnasium, damals noch sehr streng und ohne Mädchen. Meine Schulkollegen im Internat klagten jede Menge über Essen und Schlafen und Langeweile und Heimweh. Und in der ersten Zeit hatten sie noch die Pflicht, jeden Morgen zur Messe zu gehen. Und wir paar „Ungläubigen“ benutzten das bisschen Zeit, die Lateinvokabeln zu üben oder die Mathematik Aufgaben in Windeseile zu kopieren.
Wenn ich den Unterschied zwischen katholisch und protestantisch hier betone, so meint das nicht, dass ich sehr religiös bin. Meine Frau kommt aus dem Islam. Sie ist auch nicht religikös in dem Sinne. Wir können doch bei dieser Kulturgrenze, die bei uns mitten „durch Tisch und Bett“ (wie die Juristen sagen) geht, nicht auch noch Religionskriege brauchen. Also, ich bin sehr freidenkerisch, ungefähr so wie Rilke, schötze einen tüchtigen Engel oder einen Gott, um mit ihm zu rechten. Ich sage immer, die Götter sollen diese Differenzen und Unterschiede in ihren Doktrinen selbst und unter sich ausmachen. Ist doch nicht das Problem der Menschen, oder? Wenn die Götter Konkurrenzprobleme haben, sagen wir Allah und der liebe Gott und Jehova, oder wie er heissen mag, so bitte, sollen sie sich in Ruhe zusammensetzen und die Sache gütlich regeln. Sie könnten beispielsweise eine rotierende Präsidentschaft einrichten. Oder sie könnten mit Konsens entscheiden. Aber was rede ich da den Göttern hinein? Die Kerle dort oben können das selbst wissen, sonst sollen sie ihre Frauen fragen!
Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, bei meiner Gymnasialzeit und dem Wallis! Ich habe also in der Provence der Schweiz gelebt, mit einer provenzalischen Sprache, die sich gewaschen hat. Viele Schweizer haben damals die Sprache des Wallis nicht verstanden. Heute hat sie sich durch die Mobilität und den Tourismus natürlich etwas assimiliert und ist nicht mehr so extrem. Aber immer noch kann ich hier in Basel vor Leuten Heiterkeitserfolge feiern und Applaus bekommen, wenn ich eine kleine Sage oder eine Anekdote in Walliserdeutsch erzähle.
Wir haben im grossen Rhonetal gelebt. Da waren die Winter nicht gar so lange wie oben in den Bergen. Das Haupttal hat ein sehr südliches Klima, hat viele Rebberge (und damit natürlich eine grosse Weinkultur), viel Sonne und sehr warme Sommermonate, meist mit einem angenehmen Wind. Die Walliser sind südliche Typen, mit Herzenswärme und einer hitzigen Streitlust, wenn es sein muss. Das war es wohl auch, was Rilke hier geschätzt hat, obwohl er wohl mit den Einheimischen kaum Kontakt gehabt hat. Er hat ja ständig Briefe an irgendwelche adelige Freundinnen geschrieben, an die Gräfin Thurn und Taxis, in deren Schloss von Duino er eine zeitlang war. Das Wallis hat eine südliche, sagen wir provenzalische Landschaft, die Rilke an Südfrankreich oder an Spanien erinnert hat. Es gibt in der Nähe Muzot einen grossen und wilden Wald, der – so haben die Forscher festgestellt – eine Vegetation zeigt, wie man sie sonst nur in Regionen viel weiter südlich findet. Die Walliser, das sind meine Brüder sozusagen, mit denen ich aufgewachsen bin. Wenn ich Dir von ihnen erzähle, dann kommt mir – angesichts der Parallele mit Frankreich – Cézanne in den Sinn. Weißt Du, welch Hitzkopf  C. war? Er war auch solch ein provenzalischer Typ, verbohrt und eigensinnig. Und von Cézanne gäbe es ja dann auch wieder eine Linie zu Rilke. Alle Wege führen nach R-om (-ilke). Ich bin dann erst endgültig aus dem Wallis weggezogen, als ich in Zürich die Universität besucht habe. Auch meine Eltern leben heute nicht mehr dort. Ich habe kaum mehr viel Kontakt. Aber einige meiner alten Freunde sehe ich gelegentlich. Und, wie gesagt, mein Bruder lebt immer noch im Wallis. Und manchmal beneide ich ihn darum. Das Wallis ist heute gute zwei Autostunden von hier. Das ist nicht alle Welt, gut erreichbar für ein Wochenende. Früher hatte ich mit der Eisenbahn fast 4 Stunden Reise, um übers Wochenende mit der Bahn heimzukommen.
Schön, wie Deine Freundin sich gemeldet hat. Es ist gut, ein paar gute Freunde rundum zu wissen. Aber die heutige Welt ist so, dass wir nicht mehr erwarten können, sie würden gleich um die Ecke wohnen. Heute wohnen sie etwas entfernter, wenn überhaupt im selben Land, manchmal auf einem anderen Erdteil. Aber dazu haben wir heute Internet und diese neue Mail-Kultur. Was Deine Freundin betrifft, so nehme ich die Konkurrenz (ich würde vorziehen, von Nachbarschaft zu sprechen – aber du hast das ja auch nicht so ernst gemeint, nicht wahr?) gerne an. Ich bin nun ja kein Schriftsteller. Und was meinen Roman betrifft, so warte ich einfach auf den Plot, den du mir zuschicken wirst. Aber ich bin sicher, du wirst mir mal eine ihrer Kurzgeschichten ins Deutsche übersetzen. Natürlich eine, worin man auch Dich verewigt findet.
Ich muss hier auch etwas unvermittelt aufhören, obwohl ich noch stundenlang dahinplaudern könnte. Nochmals Marlena, ich danke Dir herzlich für Deinen Brief. Ich fühle mich eigentlich als Glückspilz, in diesem unendlich weiten und unendlich kalten und nebeligen  Norden gerade Dich gefunden zu haben, der mir dort oben ein Licht zündet und die Lebenskultur näher bringt.
Was Dein Privatleben, Deinen Mann und die Familie betrifft, liebe Marlena, so erzähle nur, was Du wirklich mitteilen willst, auch wenn ich danach frage. Ich will diese Sphäre respektieren, soweit Du das wünschst. Ich glaube, Du weißt schon, was ich meine.
Mit einem lieben Gruss ..

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Fragmente

 

Subject: Fragmente.. :-)

Lieber   !
Du hättest meine erstaunte Miene sehen sollen und meine Freude als ich dein Mail entdeckte. Aber du darfst nicht übertreiben wenn du mein Deutsch lobst denn so gut wie du glaubst ist es nicht. Ich verstehe zwar sehr gut aber kann mich nicht so ausdrücken wie ich es eigentlich möchte.

Von Rilke sind mir vor allem die Gedichte in Erinnerung geblieben und ich trage sie wie kostbare Juwelen in meinem Inneren. Wir werden sicher wieder auf ihn zurückkommen Ich habe mir übrigens im Internet seinen Grabstein und die Kirche von der du sprichst angeschaut. In Gedanken konnte ich vor mir sehen wie du dich dort als Student amüsiert hast. Ist es nicht komisch dass solche Erlebnisse aus unserer Jugend so stark in uns weiterleben.

Du bist also aus dem Wallis. Ich glaube das ist einer der schönsten Kantone in der Schweiz.. Aber immer lange Winter, oder? Dann müsstest du wohl eigentlich an Kälte gewöhnt sein. Wenn du in Stockholm Schnee gesehen hast dann hattest du Glück denn an Schnee hat es uns dieses Jahr wirklich gefehlt. Heute war es ganz weiss draussen und noch dazu blauer Himmel. An solchen Tagen braucht man nicht viel mehr um glücklich zu sein.

In deinem Mail hast du so viele Fragen gestellt dass ich ich nicht weiss wo ich anfangen soll. Aber einige kann ich schnell beantworten. Ich war also etwas mehr als zwei Jahre im Ausland. Später einmal werde ich dir ausführlicher davon erzählen.

Allein leben = trendy? Ja, viele meiner Kollegen finden es sehr "modern" und interessant dass wir uns nur am Wochenende treffen. Und alle machen sich falsche Vorstellungen davon und sind sogar neidisch. Junggeselle und verheiratet zugleich muss doch das Paradies auf Erden sein, meinen sie. Nun, allein bin ich ja eigentlich nie denn Anna wohnt bei mir, aber es ist wie du sagst kein normales Familienleben. Vielleicht erzähle ich dir einmal mehr davon..

Nein, im Winter spiele ich nicht Tennis. Nicht einmal besonders oft im Sommer.. obwohl es immer grossen Spass macht wenn ich dazu komme. In den Ferien bin ich am liebsten am Meer oder an einem See. Ein paar Wochen verbringen wir immer oben im Norden wo wir unser Sommerhaus haben. Es liegt 70 km nördlich von Luleå an einem Strom. Werde dir mal ein Bild davon schicken auf dem du sehen kannst wie schön es ist.

Vor einer Stunde hat mich meine beste Freundin angerufen (sie arbeitet auch als Journalistin und Studienrätin). Leider ist sie mit ihrer Familie vor ein paar Jahren nach Südschweden gezogen. Nun wollte sie mir mitteilen dass ihr Mann endlich wieder Internet zu Hause installiert hat und so habe ich ihr sofort eine Hotmail-adresse gemacht damit sie eine eigene hat. Manchmal wenn sie was für Zeitungen schreibt ruft sie an und liest es mir zuerst vor.. was mich natürlich sehr stolz macht. Sie schreibt auch ab und zu Kurzgeschichten und es kommt vor dass sie Dinge aus meinem Leben verwendet. Aber sie fragt mich zuerst ob sie das tun darf. Du bekommst also ein wenig Konkurrenz jetzt ;-)

Meine Hobbies? In meiner Freizeit bin ich am liebsten in der Natur. Hier gibt es Wald ganz in der Nähe. Ich singe und höre sehr gern Musik. Lese auch gern, aber dazu fehlt mir heute oft die Zeit. Und wie alle Frauen liebe ich es mein Heim schön zu machen mit allem was dazu gehört. Gartenarbeit macht mir auch Spass obwohl mein Mann der eigentliche "Gärtner" von uns ist. Wir haben liebe Nachbarn (sind auch Freunde und Kollegen von mir).Sie sind Volkstänzer und im Sommer wenn ausländische Volkstanzgruppen zu Besuch kommen helfe ich ihnen dolmetschen. Das ist immer sehr nett und interessant.

Mein Gott, ich habe die Zeit vergessen :-) Du bekommst eben dieses mal ein zwar langes aber doch halbes Mail.

Gute Nacht (oder guten Morgen)
wünscht dir
Marlena



Tema: Bücher

 Liebe Marlena

Da sieht man nun, Du kennst die romantischen Gedichte der deutschen Literatur besser als ich. Habe ich nicht mehr gewusst, dass es von Hesse ist. Und auch nicht, dass es so triste endet. Hingegen war Hesse doch kein Kind von Traurigkeit. Er hat später im Tessin gelebt und es gibt viele Fotos, worauf man ihn mit kurzgeschnittenen Haaren und runder Biedermeier Brille sehen kann. Er sieht da keineswegs traurig aus. So muss die Einsamkeit wohl mehr am Nebel als am Menschen liegen. Was weiss man schon so genau?

*

Ich habe mich hier noch ein wenig überschüttet mit Aufgaben. Neben meiner kleinen Bücherliste, die ich mir für den Iran vorgenommen habe, bin ich gestern noch in der Basler Bibliothek gewesen und habe mir 45 (fünfundvierzig) Bücher zur Rezension geholt. Richtig, das ist gigantesk, wie Du letztes mal sagtest, so dass ich schmunzeln musste. Aber ich nehme mir für diese gigantische Aufgabe Zeit bis in den Herbst. Es gibt sonst offensichtlich niemanden, der dort soviele Bücher bespricht. Und der verantwortliche Bibliothekar und sein Chef geben mir überall kleine Privilegien und machen Ausnahmen, um mir entgegenzukommen. Dieses Mal habe ich eigentlich noch Gaarders "Maya" zuhause, dessen Rezension ich noch nicht gemacht habe. Und im Grunde dürfte man erst neue Bücher holen, wenn man die alten vollständig erledigt hat. Ach, die Maya ist ein wenig dick, und nach dreimaligem Anlauf bin ich nicht über die ersten 20 Seiten hinausgekommen. Nun ja, es ist für sie auch sehr oekonomisch, wie ich es mache. Ich habe schon Rezensenten und -innen gesehen, die haben 2 oder 3 Stunden in der Bibliothek gesucht und herumgeschnüffelt, um dann zwei oder drei Büchlein mitzunehmen. Ich schau mir bloss die Titel an, die Bilder, den Verlag, kurz den Beschrieb auf dem Deckel. Dann nehme ich oder lasse es sein. Ich glaube, die erste Vorentscheidung fällt mit den Bildern, mit dem auf dem Deckel oder wenn es denn gibt, mit jenen im Buch. Manchmal sieht man, dass das Buch sehr modern und unkonventionell gemacht ist, schon den Bildern an. Solche Exemplare nehme ich gerne. Aber es gibt auch konventionelle, etwa die Bücher Kästners mit den Illustrationen von Trier, die nehme ich auch. Das sind die Klassiker. Und wenn man sie verschenkt, gibt es selten das Risiko, daneben zu greifen.

*

Letzte Nacht habe ich sehr schlecht geschlafen. Um 3h bin ich wieder aufgestanden und habe in Schwanitz gelesen. Aber diesmal im anderen Schwanitz, mit dem Titel "Bildung".



Er spricht dort über die Bedeutung der Sprache für die Bildung, über das metaphorische Verhältnis von Inhalt und Form in der Sprache der Dichtung, über die Logik der Sprache und also über die Unmöglichkeit, am Fernsehen Bildung zu kriegen. Er hat eine gute pragmatische Denkart, und, wie mir scheint, den Mut zum Angriff auf Taboos. Sowohl in "Männer" wie in "Bildung" hat er einige Fragen aufgegriffen, die man sonst lieber im Nebel stehen lässt. Doch für einen Abiturienten ist das zweite Buch (eigentlich als ersteres, vor "Männer" erschienen) sicherlich hilfreich, weil es diese mit grossen und idealistischen Worten gekrönte Aura Bildung auf den Boden herunter zieht. Es sieht zum Schluss wirklich alles recht einfach und machbar aus. Kurz und gut, ich möchte Dir dieses zweite Buch auch noch gerne für die Ferien aufdrehen. Aber soweit kann man denn wohl nicht gehen, ohne den Anstand zu verlieren.

Gruss

...



Samstag, 1. Juli 2023

Olten und Romantik

 

Liebe Marlena

(...)

Heute bin ich unterwegs. Morgens in Basel, nachmittags in Olten, jener kleinen Stadt, wo ich früher einmal für 5 Jahre gelebt habe. Olten ist der Verkehrsknotenpunkt der Schweiz. Hier kreuzen sich eisenbahnmässig die Achsen Basel - Chiasso und Genf - Romanshorn. Mit andern Worten Nord-Süd und Ost-West. Früher, als die Leute noch mit der Bahn reisten, wusste jeder, dass er früher oder später den grossen Oltner Bahnhof durchqueren würde. Natürlich mit einem Halt, zum Umsteigen. Jeder kannte also die Ortschaft, aber keiner war wirklich je in der kleinen Stadt gewesen. Und dabei ist es eine recht lebendige Stadt mit einer sehr hübschen Altstadt direkt am Fluss, mit einer romantischen alten und gedeckten Holzbrücke. Mein Büro war auch direkt an diesem Fluss, wunderschön gelegen.



Nur dass Olten im Winter jeweils etwas nebelig war. S mochte das gar nicht. Ich fand es hingegen phänomenal, bei dichtem Nebel durch die Strassen zu gehen. Alles erscheint dann so nah und intim, es ergibt ein merkwürdiges Gefühl. Sicherlich gibt es darüber einige romantische Gedichte. Eines, so erinnere ich mich, beginnt wie: "Seltsam, im Nebel zu wandern ...". Gerade gestern habe ich im Gestell ein Büchlein gefunden mit Gedichten deutscher Romantik. Doch ich habe dieses eine Gedicht nicht gefunden. Vielleicht handelt es ja auch nicht hauptsächlich vom Nebel, diesem diffusen und höchst beliebten Szenenbild der Romantik, sondern von Naturerlebnissen oder Sonnenaufgängen oder geheimer Liebe, wie sie die Romantik ja auch nicht verachtet hat.

Erst in den letzten Jahren habe ich entdeckt, wie wichtig die Romantik noch für unsere Tage ist. Sie hatte wirklich einen nachhaltigen Einfluss auf unser Denken und Fühlen. Die Gedichte wirken heute, neben ihrer Süsslichkeit und ihrem Pathos, etwas ekstatisch. Das Romantische ist eine "Gemütserregungskunst", hat Novalis gesagt. Und das kennst Du ja bestens, Marlena. Nun ja, über Romantik muss ich Dir wirklich kaum etwas erzählen.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag.

Mit einem lieben Gruss  ...


Re:

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Ja, das schöne kleine Gedicht von Hesse habe ich noch in guter Erinnerung. Es hat mir auch sehr gefallen. Aber es ist ein trauriges Gedicht. Es endet mit den Worten:

Seltsam im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
jeder ist allein.