Liebe Marlena
Das war ein wunderhübscher Brief am 2.2., „Fragment“ genannt. Ich sage mit Absicht Brief und nicht Mail. Mails sind anders. Würdest Du diesen Unterschied auch unterschreiben? Mails sind etwas kurz angebunden, tendieren zum Slang, zum raschen Sprung, zur direkten Rede, zu Abbreviaturen.
Aber ein Brief nimmt sich Zeit, ist vielleicht manchmal etwas umständlicher, erzählt in grösseren Kreisen. Briefe sind gewissermassen heute etwas altmodisch geworden. Das 19. Jahrhundert war die Zeit des Briefes, die Zeit der Erforschung des eigenen Selbst. Es gab sogar einige Romane in Briefform damals. Wenn ich mich nicht irre, war Goethes Werther einer der ersten. Also Deines war ein Brief, mit der Ruhe eines Briefes und der Atmosphäre eines Briefes. Ich danke Dir dafür, Marlena.
Richtig, ich bin im Wallis aufgewachsen. Wie Du diesen Namen hinschreibst, macht mich glauben, Du weißt, was das Wallis ist. Nun muss ich Dir sagen, dass ich etwa 9 Jahre alt war, als unsere Familie ins Wallis zog. Ich war in der 2. Klasse der Grundschule. Ich kann mich noch bestens erinnern. Meine Familie ist protestantisch, und das Wallis ist nun ein sehr katholischer Kanton, einer der konservativsten. Wenn man die Schweiz mit Frankreich vergleicht, so wäre das Wallis die Provence. (was die Religion gerade betrifft, hinkt der Vergleich mit Frankreich.) Also, das Wallis ist erzkonservativ, erzgebirgig und hat einen äusserst eigenartigen Dialekt. Eigentlich hat jedes Seitental des grossen Tales der Rhone einen eigenen Dialekt (und der untere Teil ist französisch sprechend, wie Du wahrscheinlich weißt). Wenn ich einen Walliser höre, kann ich ziemlich genau sagen, aus welchem Tal er kommt. Hier also bin ich ab meinem 9. Lebensjahr aufgewachsen.
Das war anfangs ziemlich schwer, denn wir Protestanten, alles Kinder von Chemikern und Akademikern in der grossen Firma (Lonza), wir hatten eine eigene kleine Schule. Und so waren wir den einheimischen Kindern fremd und sie waren misstrauisch, weil wir besser gekleidet waren und uns freier bewegten. Erst ins Gymnasium gingen wir dann zusammen mit den Jungen aus dieser Gegend. Das war natürlich ein katholisches Gymnasium, damals noch sehr streng und ohne Mädchen. Meine Schulkollegen im Internat klagten jede Menge über Essen und Schlafen und Langeweile und Heimweh. Und in der ersten Zeit hatten sie noch die Pflicht, jeden Morgen zur Messe zu gehen. Und wir paar „Ungläubigen“ benutzten das bisschen Zeit, die Lateinvokabeln zu üben oder die Mathematik Aufgaben in Windeseile zu kopieren.
Wenn ich den Unterschied zwischen katholisch und protestantisch hier betone, so meint das nicht, dass ich sehr religiös bin. Meine Frau kommt aus dem Islam. Sie ist auch nicht religikös in dem Sinne. Wir können doch bei dieser Kulturgrenze, die bei uns mitten „durch Tisch und Bett“ (wie die Juristen sagen) geht, nicht auch noch Religionskriege brauchen. Also, ich bin sehr freidenkerisch, ungefähr so wie Rilke, schötze einen tüchtigen Engel oder einen Gott, um mit ihm zu rechten. Ich sage immer, die Götter sollen diese Differenzen und Unterschiede in ihren Doktrinen selbst und unter sich ausmachen. Ist doch nicht das Problem der Menschen, oder? Wenn die Götter Konkurrenzprobleme haben, sagen wir Allah und der liebe Gott und Jehova, oder wie er heissen mag, so bitte, sollen sie sich in Ruhe zusammensetzen und die Sache gütlich regeln. Sie könnten beispielsweise eine rotierende Präsidentschaft einrichten. Oder sie könnten mit Konsens entscheiden. Aber was rede ich da den Göttern hinein? Die Kerle dort oben können das selbst wissen, sonst sollen sie ihre Frauen fragen!
Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, bei meiner Gymnasialzeit und dem Wallis! Ich habe also in der Provence der Schweiz gelebt, mit einer provenzalischen Sprache, die sich gewaschen hat. Viele Schweizer haben damals die Sprache des Wallis nicht verstanden. Heute hat sie sich durch die Mobilität und den Tourismus natürlich etwas assimiliert und ist nicht mehr so extrem. Aber immer noch kann ich hier in Basel vor Leuten Heiterkeitserfolge feiern und Applaus bekommen, wenn ich eine kleine Sage oder eine Anekdote in Walliserdeutsch erzähle.
Wir haben im grossen Rhonetal gelebt. Da waren die Winter nicht gar so lange wie oben in den Bergen. Das Haupttal hat ein sehr südliches Klima, hat viele Rebberge (und damit natürlich eine grosse Weinkultur), viel Sonne und sehr warme Sommermonate, meist mit einem angenehmen Wind. Die Walliser sind südliche Typen, mit Herzenswärme und einer hitzigen Streitlust, wenn es sein muss. Das war es wohl auch, was Rilke hier geschätzt hat, obwohl er wohl mit den Einheimischen kaum Kontakt gehabt hat. Er hat ja ständig Briefe an irgendwelche adelige Freundinnen geschrieben, an die Gräfin Thurn und Taxis, in deren Schloss von Duino er eine zeitlang war. Das Wallis hat eine südliche, sagen wir provenzalische Landschaft, die Rilke an Südfrankreich oder an Spanien erinnert hat. Es gibt in der Nähe Muzot einen grossen und wilden Wald, der – so haben die Forscher festgestellt – eine Vegetation zeigt, wie man sie sonst nur in Regionen viel weiter südlich findet. Die Walliser, das sind meine Brüder sozusagen, mit denen ich aufgewachsen bin. Wenn ich Dir von ihnen erzähle, dann kommt mir – angesichts der Parallele mit Frankreich – Cézanne in den Sinn. Weißt Du, welch Hitzkopf C. war? Er war auch solch ein provenzalischer Typ, verbohrt und eigensinnig. Und von Cézanne gäbe es ja dann auch wieder eine Linie zu Rilke. Alle Wege führen nach R-om (-ilke). Ich bin dann erst endgültig aus dem Wallis weggezogen, als ich in Zürich die Universität besucht habe. Auch meine Eltern leben heute nicht mehr dort. Ich habe kaum mehr viel Kontakt. Aber einige meiner alten Freunde sehe ich gelegentlich. Und, wie gesagt, mein Bruder lebt immer noch im Wallis. Und manchmal beneide ich ihn darum. Das Wallis ist heute gute zwei Autostunden von hier. Das ist nicht alle Welt, gut erreichbar für ein Wochenende. Früher hatte ich mit der Eisenbahn fast 4 Stunden Reise, um übers Wochenende mit der Bahn heimzukommen.
Schön, wie Deine Freundin sich gemeldet hat. Es ist gut, ein paar gute Freunde rundum zu wissen. Aber die heutige Welt ist so, dass wir nicht mehr erwarten können, sie würden gleich um die Ecke wohnen. Heute wohnen sie etwas entfernter, wenn überhaupt im selben Land, manchmal auf einem anderen Erdteil. Aber dazu haben wir heute Internet und diese neue Mail-Kultur. Was Deine Freundin betrifft, so nehme ich die Konkurrenz (ich würde vorziehen, von Nachbarschaft zu sprechen – aber du hast das ja auch nicht so ernst gemeint, nicht wahr?) gerne an. Ich bin nun ja kein Schriftsteller. Und was meinen Roman betrifft, so warte ich einfach auf den Plot, den du mir zuschicken wirst. Aber ich bin sicher, du wirst mir mal eine ihrer Kurzgeschichten ins Deutsche übersetzen. Natürlich eine, worin man auch Dich verewigt findet.
Ich muss hier auch etwas unvermittelt aufhören, obwohl ich noch stundenlang dahinplaudern könnte. Nochmals Marlena, ich danke Dir herzlich für Deinen Brief. Ich fühle mich eigentlich als Glückspilz, in diesem unendlich weiten und unendlich kalten und nebeligen Norden gerade Dich gefunden zu haben, der mir dort oben ein Licht zündet und die Lebenskultur näher bringt.
Was Dein Privatleben, Deinen Mann und die Familie betrifft, liebe Marlena, so erzähle nur, was Du wirklich mitteilen willst, auch wenn ich danach frage. Ich will diese Sphäre respektieren, soweit Du das wünschst. Ich glaube, Du weißt schon, was ich meine.
Mit einem lieben Gruss ..
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