Liebe Marlena
Da sieht man nun, Du kennst die romantischen Gedichte der deutschen Literatur besser als ich. Habe ich nicht mehr gewusst, dass es von Hesse ist. Und auch nicht, dass es so triste endet. Hingegen war Hesse doch kein Kind von Traurigkeit. Er hat später im Tessin gelebt und es gibt viele Fotos, worauf man ihn mit kurzgeschnittenen Haaren und runder Biedermeier Brille sehen kann. Er sieht da keineswegs traurig aus. So muss die Einsamkeit wohl mehr am Nebel als am Menschen liegen. Was weiss man schon so genau?
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Ich habe mich hier noch ein wenig überschüttet mit Aufgaben. Neben meiner kleinen Bücherliste, die ich mir für den Iran vorgenommen habe, bin ich gestern noch in der Basler Bibliothek gewesen und habe mir 45 (fünfundvierzig) Bücher zur Rezension geholt. Richtig, das ist gigantesk, wie Du letztes mal sagtest, so dass ich schmunzeln musste. Aber ich nehme mir für diese gigantische Aufgabe Zeit bis in den Herbst. Es gibt sonst offensichtlich niemanden, der dort soviele Bücher bespricht. Und der verantwortliche Bibliothekar und sein Chef geben mir überall kleine Privilegien und machen Ausnahmen, um mir entgegenzukommen. Dieses Mal habe ich eigentlich noch Gaarders "Maya" zuhause, dessen Rezension ich noch nicht gemacht habe. Und im Grunde dürfte man erst neue Bücher holen, wenn man die alten vollständig erledigt hat. Ach, die Maya ist ein wenig dick, und nach dreimaligem Anlauf bin ich nicht über die ersten 20 Seiten hinausgekommen. Nun ja, es ist für sie auch sehr oekonomisch, wie ich es mache. Ich habe schon Rezensenten und -innen gesehen, die haben 2 oder 3 Stunden in der Bibliothek gesucht und herumgeschnüffelt, um dann zwei oder drei Büchlein mitzunehmen. Ich schau mir bloss die Titel an, die Bilder, den Verlag, kurz den Beschrieb auf dem Deckel. Dann nehme ich oder lasse es sein. Ich glaube, die erste Vorentscheidung fällt mit den Bildern, mit dem auf dem Deckel oder wenn es denn gibt, mit jenen im Buch. Manchmal sieht man, dass das Buch sehr modern und unkonventionell gemacht ist, schon den Bildern an. Solche Exemplare nehme ich gerne. Aber es gibt auch konventionelle, etwa die Bücher Kästners mit den Illustrationen von Trier, die nehme ich auch. Das sind die Klassiker. Und wenn man sie verschenkt, gibt es selten das Risiko, daneben zu greifen.
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Letzte Nacht habe ich sehr schlecht geschlafen. Um 3h bin ich wieder aufgestanden und habe in Schwanitz gelesen. Aber diesmal im anderen Schwanitz, mit dem Titel "Bildung".
Er spricht dort über die Bedeutung der Sprache für die Bildung, über das metaphorische Verhältnis von Inhalt und Form in der Sprache der Dichtung, über die Logik der Sprache und also über die Unmöglichkeit, am Fernsehen Bildung zu kriegen. Er hat eine gute pragmatische Denkart, und, wie mir scheint, den Mut zum Angriff auf Taboos. Sowohl in "Männer" wie in "Bildung" hat er einige Fragen aufgegriffen, die man sonst lieber im Nebel stehen lässt. Doch für einen Abiturienten ist das zweite Buch (eigentlich als ersteres, vor "Männer" erschienen) sicherlich hilfreich, weil es diese mit grossen und idealistischen Worten gekrönte Aura Bildung auf den Boden herunter zieht. Es sieht zum Schluss wirklich alles recht einfach und machbar aus. Kurz und gut, ich möchte Dir dieses zweite Buch auch noch gerne für die Ferien aufdrehen. Aber soweit kann man denn wohl nicht gehen, ohne den Anstand zu verlieren.
Gruss
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