Montag, 10. April 2023

Ostermontag

 


Liebe Malou

...

Wir hatten eher stille Ostern. Ich habe viel geschlafen und meine Ohrenschmerzen gepflegt. Am frühen Abend hatten wir ein gemeinsames Essen mit einem grossen Tisch, den S bereitet hat. Am Vorabend hatte ich ein bisschen mitgeholfen bei den Eiern. Na ja, ich habe sie schliesslich bloss aus dem kochendheissen Zwiebelschalensud gefischt, sie unter kaltem Wasser abgeschreckt, um sie zuletzt mit Fett etwas einzureiben. Und dazu habe ich den Herd geputzt. Ehrenwort! Dieser rote Sud war ziemlich penetrant. Neben Zwiebelschalen waren offenbar Schalen der roten Bete drin. Und dazu Salz. Die Eier sind den auch sehr schön geworden. S hat frische Pflanzenblätter mit alten Nylonstrümpfen auf der Schale fixiert und die Eier so in den Sud gelegt. Jetzt gibt es auf den rotbraunen Einer gelbe Pflanzenmuster, die ganz natürlich und hübsch organisch aussehen. Macht ihr das auch so?
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Übrigens habe ich in einem Zeitungsartikel gelesen, dass die Sache mit dem Osterhasen eine protestantische Erfindung sei. Und die Eier sind nicht in erster Linie Fruchtbarkeitssymbol, wie man es immer behauptet hatte. Die Eier gab es um Ostern bloss deswegen, weil nach der Fastenzeit so viele Eier zur Verfügung standen. Und weil um Ostern ein Zinstag war wie jener an Martini im Herbst, und oft mit Materialien bezahlt wurde, kam es, dass man oft Eier dazu benutzte. Früher wurden nur die gesegneten Eier gefärbt. Die rote Färbung diente eben gerade dazu, sie von den übrigen Eiern zu unterscheiden. Gesegnete Eier galten als Glücksbringer. Sie wurden verschenkt oder irgendwo auch auf dem Dachboden aufgestellt zum Schutze des Hauses. Wie es zum Osterhasen kam, ist nicht ganz klar. Es gibt Vermutungen, dass es ein Brauch war, ein Osterbrot in Form eines Lammes zu backen. Und weil offenbar die Ohren zu lange und die Beine zu kurz schienen, sei man mit der Zeit auf den Hasen gekommen. Klingt ein bisschen fade, nicht wahr? Bestimmt gab es im Frühjahr auch viele junge Hasen. Und so sei es gekommen, dass man die farbigen Eier vor allem in protestantischen Gebieten dem Hasen zugeschrieben hat. Dabei ist aber jetzt doch merkwürdige, dass der protestantische Norden, Skandinavien eben, den Hasen nicht kennt. Vielleicht habt ihr auch nicht zu viele wild lebende Hasen? Oder doch?
Macht ihr auch das Spiel, indem ihr mit den Eiern gegeneinander schlagt. Ich glaube, das gibt es überall. Letzthin habe ich eine griechische Familie im Fernsehen gesehen, die das ebenso gemacht hat. Sie hatten auch nur rote Eier.

Morgen beginnt die Arbeit wieder. Ich könnte mir noch ein paar Tage frei nehmen. Aber es macht keinen Sinn, zuhause herumzusitzen und zu lesen. Ich habe einige Arbeiten, die ich bis Ende Monat gemacht haben muss. Und so will ich lieber zeitig dran gehen. Ich mag es nicht, zum Schluss unter Zeitdruck zu sein, wenn es an allen Ecken brennt.

Wenn ich heute zum Fenster hinaus auf den Platz hinunter schaue, so finde ich ihn mehr oder weniger menschenleer. Die Tische und Stühle des Cafès stehen zwar draussen unter dem Schirm. Aber der Betrieb ist an Ostermontag geschlossen. Und gegenüber in der Drogerie haben sie die Sonnenstoren (die Markisen, wie das so schön heisst) heruntergelassen, als ob es schon Sommer wäre. Davor treiben die drei Bäume in einem zarten Grün. In ein oder zwei Wochen werde ich nicht mehr hindurch auf das Strassencafé sehen können. Dann wird es hinter dem Blättervorhang verschwinden, mindestens zum grossen Teil. Ich glaube, wenn ich mal in Pension sein werde, dann werde ich mich nach diesem Blick zurücksehnen. Ich habe mal eine Zeichnung davon gemacht. Aber ich weiss nicht, ob ich sie auch wirklich aufbewahrt habe.

Und jetzt muss ich noch ein bisschen hinter meine Dinge. Und abends will ich noch rasch bei meinen Eltern vorbei. Du hast bestimmt noch ein paar Tage Ferien, nicht wahr?
Ich wünsche Dir eine gute Zeit.
MalGuhsK



Samstag, 8. April 2023

Ostersamstag in Schweden


an alle lieben Leser




Glad Påsk!


Frohe Ostern 

Happy Easter 
 
Joyeuses Pâques


*

Und nochmals:

Nein doch, ich leide keine Not. Auch bei uns ist das Haus voll von Schokolade und anderen Süssigkeiten zu Ostern. Ich hoffe nur, dass bald ein paar Osterhexen (zu Hexen verkleidete Kinder) kommen, damit ich die Bonbons loswerde, bevor ich sie alle aufesse. Die Kinder überreichen Zeichnungen mit Osterwünschen und erwarten sich dafür Belohnung in Form von süssen kleinen Ostereiern und anderen ähnlichen Dingen.




Und jetzt waren sie gerade hier. Eine kleine Gruppe von lustig verkleideten Kindern. Die kleinsten wurden von ihrer Mutter geführt. Anna hat ihnen ihre Körbchen mit Süssigkeiten gefüllt. Die allerkleinsten konnten sich nicht zurückhalten bei diesem herrlichen Anblick und haben gleich ihre kleinen Händchen in die gefüllte Schale hineingestreckt. Und mit so vielen süssen Osterwünschen kann es doch nur ein schönes Osterfest werden.




Weisst du, dass nur 16 % der Schweden zu Ostern in die Kirche gehen? Einige wissen nicht warum man Ostern feiert. Was sind wir für ein Land geworden?

Ich muss wieder weg. Schreibe mehr sobald ich dazu komme.

Mit lieben Gs und Ks,
Malou

Donnerstag, 6. April 2023

Re: Haustiere ...

 



Re:Haustiere und andere Menschen

Lieber .. !
Soeben habe ich deinen lieben Brief über Haustiere gefunden. Und wie immer habe ich mich riesig gefreut, herzlich gelacht und deine Kommentare genossen. Du hast ein sehr gutes Einfühlungsvermögen und deine Beobachtungen sind perfekt. Da du noch dazu die Gabe besitzt alles so treffsicher in diesem schönen Deutsch zu beschreiben kannst du dir sicher vorstellen wie ich es geniesse deine Briefe (oder Tagebücher wie du sie nennst) zu lesen.

Dein vorletzter Brief hat mich auch ein wenig überrascht. "Liebe Maus-Freundin" als Anrede? Meine erste spontane Reaktion war dass ich an den Spiegel laufen wollte um nachzusehen ob ich jetzt plötzlich wie eine Maus aussah. Dann erinnerte ich mich dass du mich ja nur auf einem Bild gesehen hast und so viel ich weiss sehe ich nicht sehr "mäuslich" darauf aus. Später als ich sah was du meinst habe ich mich wieder beruhigt.. :-)

Du wunderst dich wie ich in den Swisstalk gelangt bin. Ich wollte ganz einfach ein wenig Deutsch üben. Das kann man tun indem man gute Bücher liest, aber ich wollte auch das sprechen üben. Irgendwoher bekam ich die Adresse: webchat.de die mich zu verschiedenen deutschen Chats führte. Ich habe mir ein paar davon angeschaut. Es war beklemmend! Das Niveau lag sehr tief und auch sprachlich konnte man kaum was davon lernen.
Dann entdeckte ich den Swisstalk. Er ist eigentlich eine sehr gut durchdachte Konstruktion und auch die Leute mit denen ich sprach haben mir meist gefallen. Während sich andere Frauen über dumme s.g. Anmachen beklagten spürte ich kaum etwas davon.
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Dass ich einen Menschen wie dich dort finden würde konnte ich mir kaum vorstellen. Ich danke meinem lieben Stern dass ich dich nicht verpasst habe.. :-) Bald kann ich mir kaum mehr mein Leben ohne dich vorstellen. Und das ist eben das Gefährliche an der Sache.:-)

Jetzt verstehe ich dass du gern alle Götter an einem Tisch sehen würdest. Aber pass auf!! Vielleicht entdecken sie deine doppelten Lojalitäten .. dann werden sie sich darüber streiten wem du nun gehörst und das könnte im schlimmsten Fall sehr böse enden.

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Von einer Schildkröte habe ich auch etwas Erfahrung. Sie hiess Caroline und gehörte meinen französischen Verwandten in Paris. Es stimmt genau was du über sie sagst. Nur hatte eben diese den Vorteil einen eigenen Namen zu haben und ausserdem spielte sie Fussball ;-)
Es war ein kleiner citronengelber Plastikball, auf den sie immer sehr wütend war. Sie schob ihn vor sich bis er in einer Ecke lag wo sie ihn dann "misshandeln" konnte. Ausserdem erinnere ich mich noch an die Kinderstimmen: "Maman, Caroline a fait pipi. " Aber ist es nicht komisch wie man sich über den geringsten Kontakt mit einem Tier freuen kann. Sogar wenn sie mir Salat aus der Hand frass freute es mich.
Ja, die Wellensittiche gehören Anna. Ich habe sie von einem Kollegen bekommen, dessen Töchter mit der Zeit andere Interessen im Leben bekamen. Es war ein Päärchen glaubte er und sie hiessen Göte und Göta. Wir entdeckten doch sofort dass es zwei Weibchen waren. :-)
Die grosse gelbe starb nach ein paar Jahren und vielleicht wirst du darüber lachen, denn es wundert mich selbst: ich weinte bittere Tränen. Sie war das allerscheueste Tier gewesen und plötzlich nur Wochen vor ihrem Tod begann sie mich zu begrüssen .. es war ein so herrliches Gefühl..
Wir begruben sie im Garten und kauften am Tag darauf den kleinen Lollo (damit Issi sich nicht zu Tode trauern sollte). Leider können wir sie nicht zusammen haben. Er würde sie "totlieben" sie ist ja immerhin schon eine ältere Dame (die nicht an solche Liebe gewöhnt ist) und er noch ein Teenager (der nur eins im Sinn zu haben scheint). Sie wohnt also in einem grossen, geschlossenen Käfig und er in einem kleinen (der immer offen ist).

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Hier noch ein bisschen Schwedisch :
Hallo! = Hej!
Bye! = Hejdå! (å spricht man wie das o in Brot)
Auf Wiedersehen! = Adjö!

Und zum Schluss schicke ich dir noch ein kleines Bild von den Vögeln. Die grüne ist Issi (eigentlich Idi Amin Didi) und der blaue ist Lollo (Blue Sky). Lache nicht!!

Ich wünsche dir alles Schöne und Gute
Marlena

Montag, 3. April 2023

.. und schliesslich ... unsere Dido

aus   Haustiere und andere Menschen



Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu bringen, hatten wir einen Hund. Weil ich ja mein Leben lang immer gerne einen Hund haben wollte, war meine Frau nach langem hin und her und Diskussion und Zweifeln bereit, einen Hund in die Wohnung aufzunehmen. Er sollte aber nur im Gang bleiben. In Persien hat man die Hunde absolut nicht im Haus. Man denkt sie bringen Schmutz und Krankheiten und weiss Gott was alles. Also kauften wir eines Tages einen kleinen, jungen roten Cocker Spaniel. Er war ein richtiges Kind, wedelte mit dem Schwanz, wie sonst kein Wesen auf der Welt wirklich wedeln kann. Und er war die Treue selbst. Wir nannten ihn Dido, nach der griechischen Göttin, die - wenn ich mich recht erinnere - mit Aeneas irgend ein Techtelmechtel gehabt hatte. Doch davon hatte unsere Dido keine Ahnung. Sie war wie ein Kind, freute sich, wenn man nach Hause kam, gab schmerzerfüllte sehnsüchtige Laute von sich, wenn man weg war. Sie liess in der ganzen Umgebung Liebe und Haare verströmen. Meine Frau musste sich immer wieder neu überwinden. Und wann Dido auf der Schwelle zur Stube lag und zu mir hinüberäugte, mit diesem treuherzigen Hundeblick, so fand ich uns absolut barbarisch und unmenschlich, diesem armen Hund die Stube zu verbieten. Dido hatte den grossen Vorteil, dass sie täglich mehrmals an die frische Luft musste. Und wir mussten natürlich mit. Das war ziemlich gesund und bei schönem Wetter auch ganz ok. Nur wenn es regnete, dann war es schon mühsam. Die schlimmste Variante war abends vor dem zu Bett gehen, wenn es regnete. Da sollte ich also mit unserer Dido noch rasch hinaus, damit sie ihr Geschäft erledigen konnte. Ich ging also hinunter und öffnete die Haustüre. Ich forderte die kleine Hündin auf, jetzt rasch in den Garten zu verschwinden, um das Ding zu erledigen. Ich schaute zum Himmel, wie es regnete und Dido schaute zum Himmel, wie es regnete. Sie konnte sich einfach nicht entschliessen, ihr kostbares Fell zu nässen. Und so kehrten wir beide unverrichteter Dinge wieder nach oben. Ich hatte immer angenommen, dass sie schon selbst wissen müsste, ob sie pinkeln muss oder nicht. Ich wollte sie sozusagen antiautoritär erziehen. Und sie hat wirklich nie in die Wohnung gepinkelt. Sie hätte sich damit den ewigen Groll meiner S. zugezogen. Und soweit wollte sie es nun wirklich nicht kommen lassen.
Allerdings gehorchte Dido ziemlich gut. Auf Spaziergängen hatte ich meistens den Hosensack voller Hundekuchen. Und wenn ich pfiff, durch die Finger, so dass es durch Mark und Bein ging, dann pflegte Dido daher zu düsen wie die Feuerwehr mit Blaulicht. Sie schaute weder links noch rechts und kam in Windeseile, um ihren Kuchen abzuholen. Von der Lernpsychologie wusste ich, dass man "intermittierend" verstärken soll. Das hiess, nicht jedes Mal wirklich einen Kuchen zu geben. Ein leichter Frustrationspegel war also durchaus nützlich, alles andere war Verzärtelung. Und so war ich stolz, dass unsere Dido in dieser Hinsicht wirklich sehr zuverlässig gehorchte. Erst als meine Frau schwanger war, haben wir Dido einer Bekannten, die sich schon lange einen Hund gewünscht hatte, verschenkt. Meine S. war überzeugt, dass ein kleines Baby und ein Hund sich in derselben Wohnung niemals vertragen würden. Und sie malte die schlimmsten Bilder an die Wand, wie frustrierte Hunde, die sich plötzlich wegen eines Neugeborenen vernachlässigt fühlen, kleine Babies anzufallen und brutal zu Tode beissen pflegen. Ganz abgesehen davon, dass der Schmutz und die Haare in der Wohnung für ein Kind, das noch auf dem Boden herum kriecht, absolut Gift sind, Krankheiten und Infektionen heraufbeschwören wird. So haben wir denn unsere Dido abgegeben, mit ihren treuen Augen und dem rotbraunen Fell, und den langen Ohren, die sie - wenn sie mit ihrer Nase schnuppernd dahinfegte - stets leicht auf dem Boden mitzog. Sie war ein süsser kleiner Hund, und treu, wie sonst kein Mensch treu sein kann. Und nicht so klein, als dass ihr das Hündische gefehlt hätte.
Ach, darwinistisch gesprochen sind die Tiere unsere Geschwister, die jüngeren im Grunde genommen, weil noch nicht so kompliziert und bösartig wie wir. Sie sind unsere Schwestern und Brüder, Basen und Vetter, Nichten und Neffen der Schöpfung. Und sie sind, dass muss man ihnen jederzeit zugestehen, meistens hoch anständig.
Mit einem lieben Gruss
... 

Sonntag, 2. April 2023

Später als ich schon .. (3)



...

Später, als ich schon in Zürich studierte und nicht mehr zuhause wohnte, da kam offenbar doch noch eine Katze in unser Haus. Wahrscheinlich hatte meine kleinste Schwester die Eltern genervt und gelöchert, bis sie zustimmten. Es war ganz erstaunlich. Es war einfach unvorstellbar. Schliesslich konnte man meinen Vater auf dem Sofa in der Stube finden bei seiner Siesta nach dem Essen, und die Katze hockte ihm auf dem Bauch und schnurrte. Stell dir dieses Bild vor, Marlena, wie der heilige Francesco, der mit den Tieren zu sprechen pflegte. Mein Vater, der nie und nimmer ein Tier in seinem Haus haben wollte, stellt sich als Liegekissen für eine ganz gewöhnliche Katze zur Verfügung!!! Es ist einfach unvorstellbar, wie sich die Menschen ändern und verrenken können. Oder andersherum: es ist einfach erstaunlich, was Katzen in ihrem kurzen Leben erreichen können. Sie haben einen sehr harten Kopf und einen eisernen Willen. Und sie wissen, was sie wollen. Von den Katzen können wir uns ein gutes Stück abschneiden. Das dürfen wir uns merken.

Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu bringen, hatten wir ...

Haustiere und andere Menschen (2)




Ich glaube mein Vater war immer strikt gegen Haustiere. Wir
hatten eine Schildkröte im Garten, die mein Vater einmal von Beirut heimgebracht hatte. Es waren ursprünglich zwei gewesen. Doch die eine war nach einiger Zeit gestorben und ihr Schild steht heute noch auf dem Fenstersims meiner Eltern. Die zweite hatte ein langes Leben und wanderte in unserem Garten herum, wanderte von Garten zu Garten. Wir waren in ganz Visp bekannt als "die mit der Schildkröte". Die Schildkröte frass Salat, gerne auch Kirschen oder Früchte, und döste am liebsten in der Sonne vor sich hin. Als Junge hatte ich sie nie wirklich als Tier genommen, denn mit einer Schildkröte kannst du absolut nichts anfangen. Du kannst nicht mit ihr spazieren gehen, zu kannst nicht Ball spielen, sie gibt absolut keinen Laut von sich, sie hat eine etwas unangenehm kalte und geschuppte Haut, und sie schliesst die Augen von unten nach oben. Also, unsere Schildkröte aus Beirut war wirklich kein echtes Tier. Sie hatte nicht einmal einen Namen. Vielleicht war das der Fehler, dass mein Vater ihr nicht mal einen Namen ausgesucht hatte. Sie kam einfach eines Tages an, als wir Kinder noch sehr klein waren, in einem Korb und zusammen mit etlichen Büchsen voller Oliven. An die Oliven kann ich mich noch fast besser erinnern als an die Schildkröten.
Die Schildkröte musste man jährlich im Herbst in den Keller bringen und ihr ein Winterlager mit Laub und etwas Erde bereiten, sonst wäre sie im Garten erfroren. So schlief sie in unserem Weinkeller neben den Schnapsflaschen, die mein Vater jeweils auf Neujahr von den verschiedensten Firmen erhielt.

Es ist schade, das sie keinen Namen hatte. Heute würde ich sie Esmeralda oder ähnlich nennen, und zur Taufe eine kalte Flasche Schaumwein herumreichen. Aber das ist jetzt zu spät. Unsere Esmeralda, die nie wirklich Esmeralda heissen konnte, wanderte wohl wie eh und je aus unserem Garten aus in den nächsten und dann weiter. Sie hatte ein wirklich internationales Bewusstsein. Und so wurde sie einfach nicht mehr gefunden. Sie blieb verschollen, unsere Esmeralda. Und keiner weinte ihr wirklich eine Träne nach. Denn sie war zwar ein Tier, aber nicht ein Tier, wie man es sich als Kind vorstellt. Sie war ein kaltes, ein stummes und ein sehr unbewegliches Tier. Niemand wusste auch, wie alt sie war. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Esmeralda, steinalt sein musste. Ein solcher Schild aus Horn, der ganz merkwürdig roch, ein solches Ding produziert man nicht einfach in Monaten oder Jahren. Da liegen Jahrhunderte drin, dachte ich mir.
Später, als ich schon in Zürich studierte ...

Haustiere und andere Menschen (1)

 

Liebe Marlena
Ich stelle mir vor wie du am PC sitzt vor deinem Pin-Brett ...   und im Hintergrund die Wellensittiche, die miteinander zwitschern und plaudern. Ein Bild voller bürgerlicher Ruhe und Friedlichkeit. Zwei Wellensittiche im Bauer (das Wort wird in der Schweiz selten gebraucht, ein schweizerischer Sekundarschüler würde es nicht kennen), das schaut mir sehr nach bürgerlicher Trautheit aus. Gehören die zwei Vögelchen deiner Anna?
Ich habe mir als Kind immer ein Tier gewünscht. Am liebsten einen Hund, oder vielleicht eine Katze, nun ja, ich hatte nicht einmal so genaue Vorstellungen. Lange Zeit hatte ich gar geglaubt, die Hunde seien die männlichen und die Katzen die weiblichen Tiere. Also, einen schönen Hund hätte ich fürs Leben gern gehabt, einen Irish Setter, von dem habe ich oft geträumt. Sicherlich kennst du diese wunderschönen roten Hunde mit den langen Haaren und der sympathischen Schnauze. Doch zur Not wollte ich mich auch mit einer Katze, mit einer getiegerten oder mit einer gefleckten zufrieden geben. Aber meine Eltern waren strikte dagegen.
Nur einmal in meinem Leben hatte ich eine Serie weisser Mäuse. Sie waren die reine Occasion, denn ein Nachbarskamerad hatte sie, und seine Eltern hatten ihm das Ultimatum gestellt, weil diese zierlichen weissen Tierchen mit den roten Augen heftig stanken. So gab er mir die ganze Anlage, ein kleiner zweistöckiger Stall aus Holz mit Türchen und Riegelchen. Doch ich durfte die lebendigen Dinger nicht ins Haus nehmen. Und draussen - so befürchtete ich - würden sie von den Katzen gefressen. So stellte ich über ihre kleine Holzvilla ein grosses Gitter, und darüber legte ich einige Tücher, damit sie nicht erfrieren würden.
So war ich etwa für 14 Tage stolzer Besitzer von etwa 5 oder 6 stinkenden, weissen Mäusen. Es dauerte solange, bis meine Eltern fanden, es sei wirklich genug und sie stinkten wirklich bestialisch, so dass auch ich schlussendlich ein Ultimatum bekam und den nächsten Dummen suchte, der die kleine Menagerie übernehmen würde. Irgendwie gelang mir das. Doch ich weiss nicht mehr, wie ich den Mausezirkus wieder los wurde. Aber irgendwie wurde ich ihn los. Die kleinen Tiere umzubringen, dazu hätte ich das Herz nicht gehabt. Das waren meine 14-tägigen Erfahrungen mit
der Maus. Und von daher vielleicht meine Lebenserfahrung und mein Expertentum in Sachen Mausfreundschaft ;-)).
Ich glaube mein Vater ...