Freitag, 8. Mai 2020
Mittwoch, 6. Mai 2020
Geschimpfe und ein Imponiergehabe.
Liebe Malou
Heute Morgen habe ich auf dem Weg zum Bahnhof ein wenig auf die Vögel geachtet. Sie pfeifen gegen den kalten Wind an. Es klingt noch nicht so friedlich und fröhlich, wie es bei blauem Himmel klingen würde. Aber wie wir ja wissen, ist das Gepfeife eher ein Kampfruf als etwas anderes. Jeder kleine Kerl will bloss sein Revier verteidigen und warnt all seine aufsässigen Nachbarn mit den übelsten Pfiffen, was passieren würde, wenn einer es wagen könnte. Man muss sich das vorstellen wie ein wilder Rap. Es ist ein Geschimpfe und ein Imponiergehabe, dass die Vögel unter sich erbleichen und sich verlegen an den Kopf greifen. Nur für die Ohren von uns Sterblichen, wir Fremdsprachler, für uns klingt das alles so romantisch und harmonisch. Und wir können uns kaum vorstellen, dass das alles wahres Kriegsgeschrei sei.
Aber darüber habe ich mich ja mehrmals schon ausgelassen. Doch musst du verstehen, Malou, ich suche eigentlich bloss neue Worte für alte Dinge.
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Dienstag, 5. Mai 2020
So, so ...
Ämne: So, so..
Lieber ...,
Ach, was bist du für ein Schlaumeier. ;-) Wenn du ein mail nicht beantworten willst, dann tust du als hättest du es beantwortet.. aber irgendwie ist es eben nicht angekommen. Na ja, macht nichts. Du hast ja dann noch einen zweiten Saum genäht und so wird die Mailerei schon halten.
Ja, ich denke du musst ziemlich fesch ausgesehen haben in deinem schwarzen Anzug. Und sicher hast du auch die Blicke der Damen angezogen. Natürlich ohne es selbst zu bemerken. Wer interessiert sich schon für so weltliche Dinge.. :-)
Haha... so siehst du eine Seele? Als ich Kind war glaubte ich zu wissen wie Seelen aussehen. Du weisst bei Fischen gibt es so was silbriges.. ist es die Schwimmblase? Und heisst die nicht so was ähnliches? Ich weiss wirklich nicht mehr wie ich auf den Gedanken gekommen bin, dass das eine Seele sei. Jedenfalls ist sie zart und silberfarben.. weit von deinem dicken ballonähnlichen Ding dass im Höllenfeuer zerplatzt.
Seele hat ürbigens mit dem Wort See zu tun.
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Nochmals?
"Und jetzt wünsche ich Dir nochmals einen schönen Tag. Doppelt genäht hält besser, sagt man hier in gut schweizerischem Dialekt.
Mit lieben Grüssen"
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Ämne: Nochmals?
Lieber ...,
"Und jetzt wünsche ich Dir nochmals einen schönen Tag. Doppelt genäht hält besser.."
So beendest du dein letztes mail, mein lieber Mausfreund. Aber du hast keineswegs doppelt genäht.. fast nur ein wenig geheftet. Hast du vergessen ein Mail abzusenden?
Hier scheint die Sonne nach einem stürmischen grauen Morgen. Es ist herrlich!
Ich muss wieder an die Arbeit.
Ich warte auf den zweiten Saum.
Liebe Grüsse
Marlena
Montag, 4. Mai 2020
Totenfeier und Seelen
Liebe Marlena
Ich habe die Totenfeier überlebt. Es war ein bisschen traurig zu sehen, wie wenig alte Kollegen an seinem Begräbnis waren. Aber wahrscheinlich hat er in den letzten 12 Jahren kaum mehr Kontakt gehabt. Seine Frau ist ein bisschen zu dominant gewesen und hat wohl alles diktiert. Auch die Abdankung war ein bisschen zu religiös, sogar hebräisch haben sie gelesen. Sie ist irgendwie jüdisch oder halbwegs jüdisch, wenn es sowas überhaupt gibt.
Aber er war ein guter Kerl, begabt, hat sich vielleicht ein bisschen zusehr zurückgehalten, und ist - wie ich heute gehört habe - deswegen oft unglücklich gewesen. Das kann ich mir gut vorstellen. Er war wirklich sehr mild und konnte sich überall gut anpassen. Und er hat so ein Mascherl getragen, wie anfangs der oesterreichische Regierungsmann Schüssel. Eine Fliege auf gut Deutsch. Take him for all in all: he was a man. Das ist irgendwo von Shakespeare.
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Sterben ist nicht so schwer. Überleben ist bestimmt schwerer.
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Und dann bin ich - in meinem schwarzen Anzug, so dass alle Damen genauer hingeschaut haben - noch in die Stadt gefahren und habe mir - vielleicht zum Trost - ein zweites Büchlein von Tabucchi gekauft. Ich hatte es seit langem im Auge. Auf dem Deckel steht, es sei eine Liebeserklärung an Lissabon. Der Titel heisst Lissabonner Requiem. Ich glaube, ein Requiem ist jetzt gut. Na ja, von Zeit zu Zeit braucht man einfach Liebeserklärungen, sei es für Lissabon, sei es für Streuselkuchen.
Tabucchi schreibt etwas Schönes gleich zu Beginn. Er schildert das Gespräch zwischen dem Ich und einem Losverkäufer. Ich, der Intellektuelle spricht vom Unbewussten. Der Losverkäufer meint, er habe kein Unbewusstes, er habe eine Seele. Das Unbewusste sei etwas Mitteleuropäisches, vielleicht ein Rest aus Wien des 19. Jahrhunderts. Das ist gut gefühlt. Dort unten haben sie bestimmt nur katholisch tropfende Seelen. Ich stelle sie mir so als kleine Wölklein vor, mit drei Ausbuchtungen, wie ein Michelin-Männchen. In der Mitte ist das Ich, oben das Üeber-Ich und im Keller das ES, also das Unter-Ich. Das ist die Architektur (natürlich wieder mitteleuropäisch konstruiert) dieser Seele. Und sie ist sehr wie Gummi und lässt sich nach Bedarf auch noch ein wenig aufblasen. Und bestimmt schwimmt sie auf dem Wasser. Da bin ich mir ziemlich sicher, dass sie schwimmt. Ich könnte mir niemals vorstellen, dass eine solche Seele wirklich untertaucht. Seelen schwimmen obenauf, soviel ist klar. Und wenn die Person stirbt, dann zwängen sie sich durchs Fenster oder die kleine Öffnung, die man in den Walliserhäusern genau für diesen Zweck macht, und fliegen hinauf. Natürlich mit Ausnahme jener, die gleich vom Fenster hinunter fallen in die Hölle. Dort, wenn ich es mir plastisch vorstell, platzen sie in der Hitze wie Ballone.
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Du siehst, Antonio Tabucchi inspiriert mich ein bisschen. Ich glaube, wir sind seelenverwandt.
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Und jetzt muss ich endgültig schliessen. Der Tag ist vorbei. Die ABB Aktien leicht gesunken, aber nicht sosehr, dass man sich deswegen eine schlaflose Nacht veranstalten sollte.
Ich wünsche Dir einen feinen Abend.
Mit lieben Grüssen
Samstag, 2. Mai 2020
Cafés in Zürich anno dazumal
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Es war ein schönes und stilles Vergnügen, in den verschiedenen Buchhandlungen und Antiquariaten (die im allgemeinen ziemlich düster und staubig waren) herumzustreichen und nach irgendwelchen Neuerscheinungen zu suchen. Gelegentlich traf man dabei irgend eine Kollegin oder einen Kollegen. Oder wenn ich dann irgend eine Jagdtrophäe erobert hatte, pflegte ich mich in eines der kleinen Cafès zur Lektüre zurückzuziehen. Schön war beispielsweise das Weggen auf der anderen Flusseite. Das Cafè war ziemlich diskret in einer schmalen Gasse versteckt. Und wer es nicht kannte, konnte kaum per Zufall drauf kommen. Es war modern möbliert, mit unterschiedlichen hölzernen und farbig gestrichenen Stühlen. Und rechts in einer Nische stand ein Ledersofa, in das man sich sinken lassen konnte. Diese Ecke hatte ich immer bevorzugt. Sie war wirklich sehr bequem. Und dazu gab es im Weggen eine hübsche und sympatische, schon etwas ältere Servierin, die immer modisch gekleidet und freundlich daherkam. Das Cafè war klein, wohlgemerkt. Insgesamt gab es vielleicht 5 oder 6 Tischlein mit normalerweise 2 Stühlen. Oder dann ging ich in jenes kleine Restaurant neben dem Storchen, das wohl kaum jemand kannte in Zürich. Es lag für die meisten Zürcher nicht am Weg, weil es gegenüber des Limmatquais lag. Mir war es aufgefallen, weil man durch die grossen Fenster eine wunderbare Sicht über die Limmat hinweg auf den Limmatquai und auf das Grossmünster hatte. Es war die allerbeste Sicht. Aber das Lokal an sich war nicht schön. Es verkehrten wenig Leute. Und an irgend ein bekanntes Gesicht kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern. Aber ich hatte immer die Vorstellung, dass man hier in aller Ruhe bei einer Tasse Kaffee einen Roman schreiben könnte.
Die echten Schriftsteller frequentierten aber damals immer noch das Odeon am Bellvueplatz. Es war das bekannte und grosse Wienercafè, das sich in der Kriegszeit als Flüchtlingsnest einen Namen gemacht hatte. Dort gab es an den Fenstern vorne kleine Tische. Und der Vorhang hing erst dahinter. Ein Schriftsteller konnte also den Vorhang ziehen und war dann gegenüber dem Betrieb im Lokal abgeschirmt. Er schien sozusagen auf der Strasse zu sitzen, war aber durch die Scheibe von den Passanten geschützt. In diesen Nischen sind wohl einige Romane Zürichs entstanden. Und man sagt, dass auch Max Frisch früher das Cafè Odeon oft besucht hätte. Zu meiner Zeit war dem nicht mehr so. Zu meiner Zeit hatte Frisch schon einigermassen Geld und pflegte sich ins noble Restaurant gegenüber zurückzuziehen. Gelegentlich besuchte ich mit einem neuen Buch das Cafè am Rindermarkt ganz in der Nähe des Kunstmuseums und des Schauspielhauses. Das war ein grosses, übersichtliches Cafè, das regelmässig gut besucht war. Die Universität war nicht weit, und es verkehrten auch Studenten dort. Und gleich im Stock oberhalb war das Sozialarchiv untergebracht, wo wir gelegentlich nach Literatur suchten.
Du siehst: ich habe oft in Antiquariaten Bücher gefunden und gekauft. Aber wenn ich noch den Preis zuschlage, den mich der anschliessende Kaffee gekostet hat, so bin ich kaum sehr billig gefahren. Aber es war eine gute und anregende Unterhaltung.
Ach wirklich, jetzt ist daraus ein echt langes Mail geworden, wo ich doch den Eindruck hatte, ich wüsste kaum, was erzählen. So kann man sich zur Decke strecken ...
MlG
Freitag, 1. Mai 2020
Re: Nichts Neues ..
Liebe Malou
Du sagst ".. nichts Neues im Moment". Gehst du denn davon aus, dass ich das Neuste hören müsste oder möchte? Davon gehe ich nun ganz und gar nicht aus. Ich bin eher interessiert am Ältesten, an dem, was zuunterst liegt, am Fundament im Boden sozusagen. Das Neueste ist meist das Ephemerste (gibt es ein solches Wort? Wenn nicht, dann sollte man es erfinden. Ich weiss, dass es Ephemeriden gibt. Ist das nicht ein wundervoller Name. Die Eintagsfliege ist eine Art davon. Eine merkwürdige Gruppe von Lebenwesen, diese Ephemeriden! Erinnern akustisch an die Hesperiden in den griechischen Sagen).
Ist das nicht merkwürdig: Das, worauf man während des Tages fixiert ist, das Operative sozusagen, ist das Unwichtigste und das, was am schnellsten im Vergessen verschwindet. Was ist denn dann das Wichtigste? Irgendwie das Strategische, der Lebenssinn, sozusagen das Geschäftsziel des Lebens. Und was ist das?
Ich habe in den letzten Tagen ein bisschen Seneca gelesen. Du kennst den Kerl, nicht wahr? Er war Lehrer Neros und hat darin, wie man zugeben muss, tüchtig versagt. Aber er war zu seiner Zeit ein trendy Philosoph und Schriftsteller, auch Politiker. Er hat doch so bekannte Aufsätze geschrieben wie die 'Ueber den Zorn', 'Über das glückliche Leben', Über die Kürze des Lebens' und so fort. Und es gibt darin gute Gedanken. Allerdings ist er nicht sonderlich systematisch. Die Abfolge seiner Gedanken sind für mich ziemlich ungeordnet. Doch vielleicht verstehe ich bloss seinen roten Faden nicht. Im Wesentlichen ist Seneca Stoiker. Sie alle nehmen sich Sokrates zu Vorbild und die Art, wie dieser ihr Meister gestorben ist. Von Seneca erzählt man sich einen ganz ähnlichen Tod wie derjenige Sokrates'. Aber vielleicht ist die Begebenheit bloss erzählerisch ein bisschen stilisiert worden. Jedenfalls soll sich Seneca, auf Geheiss Neros, selbst umgebracht haben. Jammerschade, wo er doch noch ein paar Jährchen gemütlich auf seinem Landgut ausserhalb Roms seinen Lebensabend hätte verbringen können.
Ja, die Männer um 60, sie schlafen vor dem Fernseher. Das ist ihr Lagerfeuer. Dort fühlen sie sich wohl und warm. Dort sind sie geschützt, sehen aber ganz bequem in die weite Welt hinaus. Es ist der ideale Ort, nicht nur zum Schlafen, sondern geradezu zum Sterben.
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Wir haben prima Wetter, eigentlich Frühling. Heute morgen habe ich gehört, dass der Kuckuck der Vogel des Aprils sei. Wenn man ihn hört, wird das Klima trockener. Und der Name April komme von APERIRE, was soviel wie öffnen meint. Habe ich noch nie gehört bisher!
Ich wünsche dir ein prima Wochenende
MLG
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