Samstag, 15. Februar 2020

"recht und falsch zugleich"



Liebe Malou

Ja, ist ein interessanter Text. Und es widerspricht der psychologischen These, die man sooft hört, dass man sich im Gespräch von den Sorgen und Problemen befreien kann. Das habe ich nur als junger Student geglaubt, und später sind mir immer mehr Zweifel gekommen.

Aber vielleicht muss man ein bisschen differenzieren. Wenn man über die Fragen und Probleme redet oder schreibt, kann man sie verändern. Es ist wie wenn man sie kneten würde. Harte Komplexe werden etwas weicher, beginnen, sich selbst zu bewegen, fühlen sich anders an und erlauben so oft, vielleicht nicht immer, aber oft, sie in andere Fragen, Entscheidungen, Gefühle zu überführen. Es wird was anderes draus. Und sie werden so irgendwie ins Leben zurückintegriert und verarbeitet. So ungefähr schaue ich das an. Durch das Gespräch - und durchs Schreiben - werden sie in eine homöopathische Form gebracht. Deshalb hat Bichsel recht und falsch zugleich. Aber es ist ein guter Text Malou, ich danke dir dafür.
Liebe Grüsse und Küsse
...



Donnerstag, 13. Februar 2020

Re: Was ist Schnee?



Lieber Mausfreund,
Das habe ich mich auch schon gefragt, bis endlich
diese schöne weiße Decke auf dem bisher sommer-
lichem Grün lag. Und man sieht, dass sich die Kinder
freuen. Hier hinten auf den Feldern bewegen sie sich
mühsam vorwärts auf ihren (vielleicht) neuen
Skiern.

Heute Abend war ein Dokumentar über Fi. Die neue
Partei "Feministische Initiative", von der man so viel
erhoffte. Doch bald wurden die Frauen, die sie
zusammen gründen wollten, bittere Feinde. Einige
von ihnen waren sehr extrem in jeder Hinsicht. Alle
bisherigen Werte sollten abgeschafft werden. Ich
glaube sie würden sich über dein Bild gefreut
haben. ;-)

Ich habe mich heute wieder ein wenig (na ja wenig
ist relativ) mit den alten Mails beschäftigt. Sie sind
alle in alphabetischer Ordnung und bevor ich sie auf
die CD lege muss ich vor dem Titel das Datum des
Mails angeben. So werden sie in chronologischer
Ordnung gespeichert ...

(---)

PS

Schreiben ist gefährlich.

»Man kann sich nichts vom Leib schreiben. Man
schreibt sich alles auf den Leib. Selbst wenn man
einen politischen Artikel schreibt, wird das Elend
und die Wut immer größer, nicht kleiner. Schreiben
ist keine Therapie, Schreiben ist gefährlich. Auch
nach dem Brief, den du deiner Freundin oder deinem
Freund schreibst, um dein Elend endlich einmal
jemandem herauszukotzen, geht es dir nachher nicht
besser, sondern schlechter.
Schreiben ist unhygienisch, gefährlich.«

(Peter Bichsel, in: Weltwoche, 11/00 v. 16.3.99)

............
Dies habe ich soeben in unserem "Archiv" gefunden.
Origineller Gedanke.
Was hältst du davon?

Kleiner Gutenachtgruss und Kuss
Marlena

Montag, 10. Februar 2020

Was ist Schnee?



Liebe Malou
Ja, offensichtlich gibt es bei euch oben von diesem weissen
Material, von dem WIR nicht mehr wissen, wie es ist und
sich anfühlt. Es ist wie verhext. Wir müssen unseren Kindern
Eis aus dem Frigidaire kratzen und ihnen dann des Langen
und Breiten explizieren, dass Schnee sowas ähnliches ist.
Und wenn es weit geht, werden wir ihnen noch ein Eiscrème
herausklauben, damit sie auch mit der Zunge dieses merkwür-
dige Gefühl der Kälte fühlen können. Ich glaube, es wird in
Zukunft lange Lektionen brauchen, um den kleinen dieses
exklusive Material näher zu bringen.

Und vielleicht, wenn man dann mit ihnen in die Ferien nach
Duabai fährt, werden sie in einem Zelt eine kleine Piste fin-
den, wo sie auf diesem Material sogar auf Brettern herunter
rutschen können. Aber das ist natürlich nur in der Wüste
möglich.

Hier ist es zwar regnerisch, aber durchaus warm. Ich muss
für A ein paar Texte lesen. Sie hat bald eine Zwischenprüfung
und wenig Zeit, sich damit zu beschäftigen. Ich habe bloss
den ersten angeschaut: eine kleine Abhandlung von Habermas
über die Zeitkonzeptionen der Moderne. Es ist soooo
kompliziert. Ich weiss nicht, weshalb sie diesen jungen
Leuten solche Texte unter die Nase halten. Sie wollen
bloss gross angeben, glaube ich.

Anstatt eines Winderbildes schicke ich dir eine kleine
Zeichnung Malou. Sie ist durch und durch feministisch
gedacht.

Liebe Grüsse
...



Thema Gewalt



Lieber ...
Schon wieder dieser wild herumflatternde Engel, der dich
bei der Arbeit stört. Sorry! Ich möchte das doch wirklich nicht.
Aber es ist ein grosses Abtenteur in dieses  "... temps perdu"
hinunterzusteigen. Und ich glaube, genau wie Prousts Roman
immer noch die Menschen fesselt, so würde sie auch diese
etwas modernere "Recherche .. " interessieren können.
Ich finde so viel Schönes bei diesem Vorhaben.
Um das Datum eines Mails zu sehen, muss ich es jeweils
öffnen.. und dabei bleibe ich manchmal etwas hängen und
geniesse.. ja das ist das richtige Wort. Es tut richtig gut das
wieder zu lesen. Hätte ich nicht gedacht. Hier nochmals eine
kleine kostprobe, diesmal von dir:

"Manchmal halte ich mich auch in diesen meinen besten Jahren
noch für ziemlich dumm. Ich meine, einfach ungeschickt, unvoll-
kommen, anfängerhaft! Das ist ja kein besonders gutes Gefühl,
aber ich glaube, das geht allen Menschen, die mit sich ehrlich
sind, mehr oder weniger so. So wünsche ich Dir zur neuen Runde
der Klugheit alles Gute, meine liebe Marlena, und ich hoffe, dass
wir mit maximal einem Streit pro Jahr im Durchschnitt durch-
kommen. Das ist nicht zuviel und belebt die Gefühle. Du wirst
lachen auf den Stochzähnen, nehme ich an, denn ich erinnere
mich, wie Du einmal ungläubig reagiert hast, als ich gesagt hatte,
wie harmoniebedürftig ich eigentlich sei. Und das ist wirklich so.
Ich streite sehr ungern, obwohl ich mich dann doch sehr leicht
hineinsteigere, und ich es nicht bei der nüchternen, kleinen
Aggression belasse, die eigentlich sehr wohl genügen würde.

Apropos Streit. Ich lese gerade ein Büchlein für Jugendliche
über Gewalt. Der Autor macht eine scharfe Trennung zwischen
Aggression und Gewalt. Das ist zwar nicht ganz neu für mich,
in dieser Klarheit aber eben doch bemerkenswert. Aggression
bezeichnet er für das Bemühen, die eigenen Grenzen zu vertei-
digen. Es geht also um mich und um sog. Ich-Botschaften. Ich
versuche zu sagen, weshalb ich ein Verhalten des anderen nicht
akzeptieren kann, weshalb es mich ärgert, weshalb ich mich
verteidige. Dabei kann ich auch laut und eben aggressiv werden.
Aber ich brauche den anderen deswegen nicht anzugreifen. Ein
Angriff würde in den meisten Fällen eine Eskalation bringen.
Das wäre Gegengewalt auf Gewalt. Aber Aggression ist legitim
und wichtig, um die eigene Souveränität zu bewahren. Einziges
Problem liegt darin, dass viele Leute Aggression schon wieder
als Gewalt betrachten, und darauf hilflos reagieren.

Du siehst, ich bin immer noch beim Thema Gewalt. Ich muss den
Artikel dieses Wochenende schreiben. Aber weil ich gestern noch
ca. 40 Bücher zu rezensieren geholt habe und weil darunter dieses
kleine Aufklärungsbuch über Gewalt war, so bin ich immer noch
daran, zu lesen und Material zu sammeln."
*
Grüsse dich nochmals lieb

Sonntag, 9. Februar 2020

Auslöschen


Lieber ...,

Du kannst dir garnicht vorstellen welch merkwürdiges und genussvolles Gefühl es ist diesen Dokumentzerstörer zu betätigen. Dabei wünsche ich man könnte dasselbe mit einigen Erinnerungen tun. Und so ist es ja fast auch. Einiges, was ich nun auf Papier wiederfinde und ins Gedächtnis zurückhole, wird dann für immer ausgelöscht sein. Und es rasselt so herrlich... :-)  Ich habe den Eindruck, dass ich ein wildes Tier füttere. ...
...

Re: Zerstörer 

Liebe Malou

Ja, du lobst deinen Shredder. Und du weisst vielleicht nicht, dass ich in einem ähnlichen Fahrwasser treibe. Ich muss ja doch zuhause aufräumen. Und ich muss im Büro aufräumen. Und damit meine ich jetzt nicht bloss, die Dinge in Ordnung bringen, sondern recht eigentlich sichten und nur die wichtig- sten Dinge behalten. Wirklich nur die allerwichtigsten. Und welche sind die Wichtigsten? Es ist einfach enorm, wie man mit der Zeit an diesen Dingen hält und immer das Gefühl hat, man könne dieses oder jenes noch brauchen. Nein, ich muss wirklich radikale Häutungen vornehmen. Ich brauche eine neue Haut. Es geht nicht anders. All das Zeug wiegt so schwer. Ein leeres Büro wäre eine Wohltat. Ich kann mir schon gar nicht mehr vorstellen, wie das aussehen würde.

Deshalb beneide ich dich ein bisschen um deinen "Zerstörer", auch wenn das Wort ganz kriegerisch und eben zerstörerisch klingt. Es klingt unheilvoll. Desktruktiv. Shredder ist doch besser als Wort.

Heute haben wir hier nahezu Frühlingswetter. Es riecht so wie rund um die Fasnachtszeit. Aber es ist warm, um die 15° habe ich gehört. Irgendwie ist es schade, dass es keinen richtigen Winter mehr gibt. Und das nicht wegen des Winters, sondern wegen des Sommers. Man schätzt doch den Frühling ganz anders, wenn man lange auf ihn gewartet hat. Nein, es ist ganz unheilvoll mit diesen neuen Temperaturen.

Und jetzt willst du mir Standard-Tagebuch schicken. Ein Commouniquée??

Mit lieben Gs und Ks und im Qs Umfang
...




Samstag, 8. Februar 2020

Ausrede ? :-)


subject Ausrede? :-)

Lieber ...,
Nur allzu gern hätte ich gestern den von dir vorgeschlagenen Spaziergang mit dir gemacht. Uns bleibt aber nur diese Chatvariante. Das ist auch nicht schlecht, aber nachher fühle ich mich meistens ziemlich traurig, denn ich glaube nicht, dass ich die Möglichkeit habe "etwas zu retten", wie du es nennst. Und was wolltest du sollte ich retten? Deine Ehe? Deinen Wunsch getrennt zu leben? Es wäre bedeutend leichter für mich, wenn ich nur DEIN Bestes vor Augen hätte und vielleicht sollte ich dich in deinen eigenen Wünschen mehr unterstützen. Aber ich kann nicht deine Familie vergessen. Auch sie leidet sehr unter der gegenwärtigen Situation. Bitte, sag mir was du von mir erwartest.

Ich danke dir für alle schönen Worte zu meinem französischen Mail. Genau so möchte ich alle Mails bezeichnen, die du mir in den Jahren gesandt hast.. na ja, bevor du "mental ausgewandert" bist. Es ist wirklich etwas erstaunlich, wie eine Sprache auch unser Denken beeinflussen kann. Sie ist nicht nur ein Werkzeug unsere Gefühle zu vermitteln, sie ist auch mitschöpferisch.
Ja, ich weiss, mein Deutsch ist sehr nüchtern und prosaisch. Ich habe es einmal sehr bemerkt, als ich dasselbe erzählt habe auf Schwedisch, Deutsch und Englisch (nicht einmal Französisch ;-) und ich habe gedacht, diese Briefe sind als wären sie von ganz verschiedenen Personen geschrieben. Im Deutschen fehlen mir die idiomatischen Ausdrücke, die dem Bild Farbe und Intensität verleihen. Manchmal suche ich im Wörterbuch nach solchen, aber sie sind nicht leicht zu finden, denn jede Sprache hat ihr eigenes Gut.

OK... wenn ich nicht gerade in Eile wäre, hätte ich vielleicht auch diesen Text etwas anders gestaltet.

Schreib mir, ... . Lass bitte bald wieder von dir hören.

Ich wünsche dir einen schönen angenehmen Tag.
Mit GuK
Marlena

Sonntag, 2. Februar 2020

Bald Fasnacht


Liebe Malou

(---)

Jetzt ist die Direktionssitzung vorbei. Es war etwas viel Gerede. Ich glaube, der Chef geniesst es ab und zu, mit seinen Leuten zusammenzusitzen um ein Gefühl der Gemeinsamkeit entstehen zu lassen. Er macht dann viele komische Bemerkungen und die Lacher seiner Mitarbeiter sind dann wie Medizin für ihn. Natürlich gibt es Leute, die immer besonders früh und besonders laut lachen. Ich gehöre nicht dazu. Aber wenn es wirklich lustig ist, lache ich durchaus und gerne mit. Nicht immer aber ist es lustig.
 
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Heute ist es regnerisch hier im Raum Basel, aber nicht sonderlich kalt. Irgendwie merkt man in der Luft, dass die Fasnacht nicht allzu weit ist. Liegt es am Licht? An den Temperaturen? An den Menschen? Es scheint mir ganz deutlich, dass die Tage wieder länger werden und die Temperaturen ansteigen, obwohl, wie wir wissen, diese Temperaturen schon generell etwas zu zu hoch sind. In einer Woche machen die Basler ihre Fasnacht. 
 
Vielleicht stehe ich früh auf und schaue mir den Morgenstreich an. Ich habe ihn erst einmal im Leben gesehen. Damals war ich mit meinem Vater von Visp nach Basel gereist. Hat mir aber wegen der vielen Menschen und dem Gedränge nicht gefallen. Es gab soviele Leute, dass die Schaufensterscheiben eingedrückt worden sind. Und ich als kleiner Knirps war irgendwie mitten im Getümmel und tief unten zwischen den Hintern und Bäuchen anderer Leute. Das war wirklich nicht besonders.
 
Und bei euch. Habt ihr Fasnacht? Ich glaube nicht, dass du davon je erzählt hättest. Nicht wahr? Jedenfalls wünsche ich dir eine gute Zeit.
Liebe Gs und Ks
 
...