Subject: Mein Vollmondblues
Date: Wed, 17 May 14:54
Liebste Marlena
Du
bist eine echte Lehrerin. Du bist kommunikativ sehr bewusst und
kontrolliert. Du weißt, worüber du sprechen sollst und worüber sich
besser schweigen lässt. Dessen muss man sich im Unterricht wohl immer
ziemlich genau bewusst sein. Man kann nicht halbwegs über etwas sprechen
und dann die Diskussion wieder abbrechen. Ich glaube, du hast darin die
weit klarere Linie als ich sie habe. Ich bin gewohnt, private Gespräche
zu machen. Da gibt es viele Zwischentöne und angefangene Sätze und
Versprecher und Fragezeichen. Da macht man Kurven und Schlingen und
Stops. Zwei oder drei Personen sind leicht zu steuern. Aber eine ganze
Klasse, das ist wie ein Hochseedampfer; der hat einen sehr langen
Bremsweg. Man muss weit in die Ferne sehen und wie ein Kapitän
vorausdenken und mit feiner Hand steuern.
Und du bist
Oberstudienrätin, das habe ich indirekt von dir vernommen! Das hast du
mir anfangs nicht gesagt, du hast bloss Studienrätin gesagt. Ist das vor
allem eine Frage der Erfahrung, wann man von der Studienrätin zur
Oberstudienrätin avanciert? Oder muss man dazu vom Vorgesetzten
vorgeschlagen werden? Meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind
lohnmässig gleich gestellt wie Studienräte, dh. wie Gymnasiallehrkräfte.
Ich selbst und meine zwei Leiter sind ein bisschen höher angesetzt, so
dass sich unsere grossen Sorgen auch ein bisschen auszahlen.
Und
noch etwas würde mich aus deiner Schule sehr interessieren. (ich muss ja
wohl ein paar Fragen zur Schule stellen, wenn ich später behaupten
werde, ich hätte in der Arbeitszeit mit einer schwedischen Schule
Fachgespräche geführt). Ich behaupte immer wieder, wir hätten in der
Schweiz die besten Schulen der Welt! Ich behaupte das einfach in die
blaue Luft hinaus, weil hier in der Schweiz die Schule von allen Seiten
kritisiert wird. Jeder meint, er könnte es besser machen. Ich bin auch
der Meinung, dass man vieles besser oder anders machen könnte. Aber man
muss sich immer bewusst sein, in welcher sportlichen Liga man
diskutiert. Und wir sind in der Liga der Weltspitze. Und Schweden ist es
sicherlich auch. A. war in Spanien - Andalusien, in Ungarn und in
Südamerika zur Schule gegangen. Und wenn ich mir das anhöre, wie Schule
dort funktioniert, dann muss ich sagen, wir sind meilenweit davon
entfernt. Ungarische Schüler sind zwar sehr fleissig. Sie lernen aber
auch noch viel auswendig, wie sie erzählt hat. Und die
spanischsprechenden Schulen sind mit den unseren kaum zu vergleichen.
Seid
ihr im Schulsystem ähnlich wie Deutschland, oder England, oder Amerika?
Wie läuft es bei euch in Schweden, Marlena? Habt ihr einen grossen
Prozentsatz pro Jahrgang, der ins Gymnasium übertritt? In der Schweiz
sind es wenige, ich glaube bei 15 -20%, bin aber nicht sicher. Und es
gibt Stimmen, die laut behaupten, dass die zukünftige
Dienstleistungsgesellschaft mehr AkademikerInnen brauchen wird.
Was
ist die Stärke des Schwedischen Bildungssystems? Habt ihr auch das
duale System der Lehre, der praktischen Berufsbildung, dh. Schule
einerseits, praktische Arbeit andererseits?
Du hast mir gesagt,
dass euer König ein schwerer Legastheniker sei. Habt ihr spezielle
Therapien in der Schule für Kinder mit legasthenischen Problemen? Gibt
es am Gymnasium auch Legastheniker, so dass ihr zum Beispiel dann die
Noten in der Rechtschreibung weniger gewichten würdet?
Es sind
viele Fragen, Marlena. Ich habe sie gestellt, damit ich behaupten kann,
ich hätte sie gestellt. Wenn du keine Lust hast, sie zu beantworten,
dann sag mir was Liebes. Das höre ich noch viel lieber von dir als
irgend etwas anderes!
Und hast du mir nicht vor 400 Jahren versprochen, du würdest mir von deinem Studium in Uppsala erzählen, hast du das nicht?
*
Zur Tatsache, dass man ...