Dienstag, 2. Juli 2019

Fachgespräch? ;-)





Subject: Mein Vollmondblues
Date: Wed, 17 May  14:54

Liebste Marlena

Du bist eine echte Lehrerin. Du bist kommunikativ sehr bewusst und kontrolliert. Du weißt, worüber du sprechen sollst und worüber sich besser schweigen lässt. Dessen muss man sich im Unterricht wohl immer ziemlich genau bewusst sein. Man kann nicht halbwegs über etwas sprechen und dann die Diskussion wieder abbrechen. Ich glaube, du hast darin die weit klarere Linie als ich sie habe. Ich bin gewohnt, private Gespräche zu machen. Da gibt es viele Zwischentöne und angefangene Sätze und Versprecher und Fragezeichen. Da macht man Kurven und Schlingen und Stops. Zwei oder drei Personen sind leicht zu steuern. Aber eine ganze Klasse, das ist wie ein Hochseedampfer; der hat einen sehr langen Bremsweg. Man muss weit in die Ferne sehen und wie ein Kapitän vorausdenken und mit feiner Hand steuern.

Und du bist Oberstudienrätin, das habe ich indirekt von dir vernommen! Das hast du mir anfangs nicht gesagt, du hast bloss Studienrätin gesagt. Ist das vor allem eine Frage der Erfahrung, wann man von der Studienrätin zur Oberstudienrätin avanciert? Oder muss man dazu vom Vorgesetzten vorgeschlagen werden? Meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind lohnmässig gleich gestellt wie Studienräte, dh. wie Gymnasiallehrkräfte. Ich selbst und meine zwei Leiter sind ein bisschen höher angesetzt, so dass sich unsere grossen Sorgen auch ein bisschen auszahlen.

Und noch etwas würde mich aus deiner Schule sehr interessieren. (ich muss ja wohl ein paar Fragen zur Schule stellen, wenn ich später behaupten werde, ich hätte in der Arbeitszeit mit einer schwedischen Schule Fachgespräche geführt). Ich behaupte immer wieder, wir hätten in der Schweiz die besten Schulen der Welt! Ich behaupte das einfach in die blaue Luft hinaus, weil hier in der Schweiz die Schule von allen Seiten kritisiert wird. Jeder meint, er könnte es besser machen. Ich bin auch der Meinung, dass man vieles besser oder anders machen könnte. Aber man muss sich immer bewusst sein, in welcher sportlichen Liga man diskutiert. Und wir sind in der Liga der Weltspitze. Und Schweden ist es sicherlich auch. A. war in Spanien - Andalusien, in Ungarn und in Südamerika zur Schule gegangen. Und wenn ich mir das anhöre, wie Schule dort funktioniert, dann muss ich sagen, wir sind meilenweit davon entfernt. Ungarische Schüler sind zwar sehr fleissig. Sie lernen aber auch noch viel auswendig, wie sie erzählt hat. Und die spanischsprechenden Schulen sind mit den unseren kaum zu vergleichen.

Seid ihr im Schulsystem ähnlich wie Deutschland, oder England, oder Amerika? Wie läuft es bei euch in Schweden, Marlena? Habt ihr einen grossen Prozentsatz pro Jahrgang, der ins Gymnasium übertritt? In der Schweiz sind es wenige, ich glaube bei 15 -20%, bin aber nicht sicher. Und es gibt Stimmen, die laut behaupten, dass die zukünftige Dienstleistungsgesellschaft mehr AkademikerInnen brauchen wird.

Was ist die Stärke des Schwedischen Bildungssystems? Habt ihr auch das duale System der Lehre, der praktischen Berufsbildung, dh. Schule einerseits, praktische Arbeit andererseits?

Du hast mir gesagt, dass euer König ein schwerer Legastheniker sei. Habt ihr spezielle Therapien in der Schule für Kinder mit legasthenischen Problemen? Gibt es am Gymnasium auch Legastheniker, so dass ihr zum Beispiel dann die Noten in der Rechtschreibung weniger gewichten würdet?

Es sind viele Fragen, Marlena. Ich habe sie gestellt, damit ich behaupten kann, ich hätte sie gestellt. Wenn du keine Lust hast, sie zu beantworten, dann sag mir was Liebes. Das höre ich noch viel lieber von dir als irgend etwas anderes!

Und hast du mir nicht vor 400 Jahren versprochen, du würdest mir von deinem Studium in Uppsala erzählen, hast du das nicht?

*

Zur Tatsache, dass man ...



Montag, 1. Juli 2019

Re: Des amoureux enchaînés... genau so und schön gesagt


Subject: Re: Des amoureux enchaînés... genau so und schön gesagt
Date: Tue, 16 May  17:06


Liebe Marlena

Ach, wie süss du schreibst, und mit wieviel Charme!

(---)
Für eine Revolte gegen die Monotonie des bürgerlichen Lebens bin ich sofort bereit. Wann wollen wir starten? Das ist ja noch aufregender als Protestbügeln! In einem warmen Land in einem Turm hausen, sofort, meine Liebe, wann kannst du es einrichten?

Ich erinnere mich, als Gymnasiasten haben wir einen Roman von Andres gelesen, POSITANO. Er erzählt irgendwie von einer solchen Revolte, jemand der nach Positano abgehauen ist. Das hat mir damals grossen Eindruck gemacht. Und erst später habe ich gehört, dass dieses Positano (ist ungefähr im Golf von Neapel) ein richtiges mondänes Künstlerdorf geworden war. Aber ich könnte mir durchaus mit dir auch Ronda vorstellen, wie es Hemingway empfohlen hat, in den spanischen Bergen. Ach, das wäre ein Ding! Du findest auch, es müsste etwas warm sein? Ja, das macht vieles leichter. Und die Menschen sind freundlicher. Ach, ich habe schon gelegentlich solche Träume gehabt. Aber wie gesagt, wir sind Gefangene der Sozialversicherungen und der eigenen Familien. Das ist die harte Nuss, die es zu knacken gilt. Darum muss man lernen, spirituell zu leben, mit dem Geist die Situation gestalten und angenehm machen. Das ist die grosse Kunst. Doch wenn du wirklich bereit bist, die Koffer gepackt, dann, chère Marlène, sonnez deux fois. An mir solls nicht fehlen.

*

Es war ein sehr schönes und sonniges und optimistisches Mail, das mich erfüllt hat wie ein warmer Sommertag. Noch abends, wenn man im Bett liegt, fühlt man die Wärme des Tages auf der Haut, und man ist ganz bequem und zufrieden und ein bisschen faul. Ich danke dir, meine Liebe.

Mit einem sommerlichen Kuss
...


Freitag, 28. Juni 2019

Des amoureux enchaînés..






Subject : Des amoureux enchaînés..
Date : Tue, 16 May 17:21


Lieber ...!
Weisst du, es war wohl nicht meine brillianteste Idee Dir
im Garten zu schreiben - denn kaum war ich zur Tür
hinausgetreten, hörte ich eine Stimme hinter den Johannis-
beersträuchern in der Ecke unseres "Gartens".  Es war
meine Kollegin (Nachbarin) und sie war etwas
"sällskapssjuk" wie wir sagen (=gesellschaftskrank)
Ich finde es immer nett mit ihr zu plaudern und so bin
ich eben eine Stunde lang etwas "sozial" gewesen. Wir
haben uns alle schönen Blumen in ihrem Garten augesehen
die wir ja dann 14 Tage lang pflegen werden wenn sie im
Urlaub sind.
*
Du hast dich nun schon öfters morgens verschlafen. Sag,
Liebling, vielleicht stehle ich dir zu viel Zeit und du
bekommst deswegen nicht genug Schlaf. Du arbeitest
doch oft abends und an Wochenenden. Darfst du denn
nicht "Flexzeit" machen? Oder hast du immer wichtige
Verabredungen die zu einem bestimmten Zeitpunkt
stattfinden müssen? Sonst könntest du ja morgens
ausschlafen.
*
Du darfst nicht glauben dass ich an unserer Beziehung
leide. Falls es manchmal weh tut so ist es eher ein "ljuv
plåga" (=holder Schmerz?)
Ich werde dir keine Illusionen nehmen, Schatz. Falls ich
noch nicht bin wie du glaubst, so werde ich es sicher bald
sein ;-) Deine Liebe macht mich immer schöner und
attraktiver und auch glücklicher. Nicht einmal am
Arbeitsplatz (wo viele leiden) kann mich jemand so
leicht aus der Ruhe bringen. Alles scheint so unwichtig
neben unserer Maladi.
Und wer weiss, vielleicht revoltieren wir beide einmal
Gegen die Monotonie der Gesellschaft und legen uns
zusammen unter eine Brücke - oder warum nicht in
einen alten Turm irgendwo in einem südlichen Land
wo wir nicht frieren müssen ;-)

Eigentlich möchte ich gar nicht den schönen Platz im
Garten verlassen. Es ist so herrlich warm hier und ein
milder Wind streichelt meine Haut. Aber nun muss ich
doch an den PC. Sonst kriegt mein Schatz nicht sein
Epistel vor dem Nachhausegehen.

Ich wünsche dir noch alles Schöne und Gute für den
Abend. Ruh dich ein wenig aus in deinem herrlichen
grossen Bett.
In Maladi
Marlena



Montag, 24. Juni 2019

Minenfeld ???



Subject: Minenfeld ???
Date: Tue, 16 May 15:57


Liebe Marlena

Auf deine Bemerkung des Minenfeldes muss ich doch zurückkommen. Du meinst, wir sind aus dem Gefängnisturm ausgebrochen. Wie denn? Mit deiner hübschen Postkarte, meinst du? Na ja, vielleicht denkst du an den §5. Aber er war immer ein bisschen ein Scheinparagraph, oder etwa nicht?

Ach nein, ich will jetzt unsere §§§ nicht unterschätzen. Vielleicht brauchen wir sie wieder einmal für unsere Freundschaft und Beziehung. Aber im Moment denke ich nicht viel an sie. Aber bitte, meine Liebste, sprich nicht von einem Minenfeld. Weißt du denn, was ein Minenfeld ist? So was Schreckliches, das hast du sicherlich nicht ernst gemeint. Also, mein französisches Gästebett ist bestimmt kein Minenfeld. Ich schlafe gut dort. Es gibt kein Oberleintuch, nur ein Duvet. Wir nennen das "nordisch schlafen", und man kann ein bisschen die Füsse raushängen lassen, wenn es zu warm wird. Und ich habe viel Platz um zu lesen und es liegen immer jede Menge Bücher rund ums Bett. Und dann, innert ein paar Sekunden habe ich genug gelesen und ich lösche das Licht. Und dann schwebe ich wirklich ein bisschen auf den Wolken. Aber ich glaube, ich fühle mich dir dann vor allem in Gedanken nahe. Ich erinnere mich an Dinge, die du gesagt hast, oder ich überlege mir, was ich dir sagen möchte. Wenn ich mir deine physische Präsenz zu sehr vorstellen würde, dann würde meine Sehnsucht zu gross. Ich kann mir gut vorstellen, wie wir in Rom in einem alten Hotelbett liegen, ganz entspannt nebeneinander schauen wir in die hohe Decke hinauf, mit dem schönen Gefühl, jede Menge Zeit zu haben, um zu reden, fragen, erzählen, zurückfragen, deine Lis Assia Stimme zu hören, deinen schwedischen Akzent im Deutsch, deine Intonation, die ich mir so sehr ähnlich dem Schweizerdeutschen vorstelle. Und dann schauen wir uns wieder an, um zu sehen, ob es wirklich wahr ist, und um ein bisschen von deinem Lächeln mitzubekommen, um deine Gesten zu entdecken und deine alltäglichen Gewohnheiten. Und wenn wir uns nicht mehr halten können, gibt's einen langen Kuss. Irgendwie stelle ich mir die Topographie deiner Lippen, deines Gesichts vor, wie sich das anfühlen würde beim Küssen. Ich möchte gerne deine Augen küssen mitsamt der Nase, deine Stirn, den Hals küsse ich sehr gerne und auch die Ohren, die sind sehr sensibel, und natürlich die Lippen. Auf diese Weise möchte ich dich verwöhnen, aber es wäre zugleich eine Art Erkundung. Ich hätte dein Gesicht dann ziemlich genau in meiner Vorstellung. Aber mehr erlaube ich mir nicht. Ich möchte nicht zu weit gehen mit meinen Fantasien, denn sonst kann ich es nicht mehr gut aushalten. Es wäre für mich unerträglich, wenn ich später vernehmen müsste, dass wir uns nicht treffen könnten. Deshalb muss ich vorher bremsen. Eine sogenannte präventive Vollbremsung, könnte man das nennen. Ich kann dir sogar den Namen des Hotels in Rom sagen, das ich mir vorstelle. Es liegt in der Nähe der Piazza del Popolo, ist mit Geschmack eingerichtet, aber kein teures Top-Hotel. Es hat dunkle kühle Räume. Die sind köstlich, wenn man aus der blendenden Hitze der römischen Strassen kommt.

*

Es ist süss, wie du dir vornimmst, alle meine Fragen zu beantworten und zu klären. Das kommt mir ein bisschen vor wie der Vatikan, der vor zwei oder drei Jahren die Aussagen Galileo Galileis nochmals geprüft hat und zum Schluss gekommen ist, dass die Thesen des Wissenschafters doch was an sich haben. Die Zeitungsmeldung hat mich damals köstlich amusiert, aber ich habe dem Vatikan gegenüber durchaus Respekt empfunden, weil er gewillt scheint, aufzuräumen und die alten Akten abzuschliessen. Er kämpft gegen einen Rückstand von ungefähr 400 Jahren. Zeige mir eine andere Firma auf dieser Welt, die hinsteht, und eine 400 Jahre alte Falschmeldung korrigiert! Es hat doch auch etwas Aufrechtes an sich. Dafür habe ich Respekt. Und vor nicht allzu langer Zeit hat er sich auch zum Darwinismus geäussert. Chapeau!

Ach, Marlena, ich hoffe du verstehst mich recht. Es hat mich sehr gefreut, wie du das gesagt hast. Und viele meiner Fragen waren auch nicht so wichtig, andere vielleicht komisch, aus einer Stimmung heraus oder so. Deine Absicht ist lieb. Das ist schon mehr als genug. Lass dich von mir nicht stressen, meine Liebe.

Manchmal habe ich allerdings den Eindruck, du nimmst an, ich wisse mehr, als ich wirklich weiss. Und ich vermute, gewisse Dinge hast du mir nur in Gedanken erzählt und nicht in Wirklichkeit. Im letzten Chat gab es für mich ein paar neue Erkenntnisse, so dass ich sagen konnte: Ach, so ist das! Ich glaube, ich verstehe dich seither ein bisschen besser. Andererseits vergesse ich Dinge auch wieder, die du gesagt hat, weil sie vielleicht im Moment nicht sosehr im Zentrum meiner Aufmerksamkeit gelegen haben. Es gab einige Dinge, von denen ich sagen musste, du hast mir sie anfangs deutlich und klar gesagt. Ich weiss jetzt, dass du sehr korrekt bist mit deinen Informationen. Das wusste ich anfnangs nicht so genau.

Weißt du, ich möchte auf keinen Fall, dass du eine Verpflichtung fühlst, meine Mails Schritt für Schritt durchzulesen, um dann einzelne Punkte zu behandeln. Das ist anstrengend. Es ist leichter, und für dich wohl auch schöner, einfach zu erzählen, was du im Moment gerade erzählen möchtest, was für DICH wichtig ist, was Dich beschäftigt. Gelegentlich habe ich den Eindruck, du nimmst sehr viel Rücksicht auf mich und meine Mails. Das ist schön für mich. Es ist aber anstrengend für Dich. Du folgst meinen Gedanken und hast den Eindruck, du müsstest dazu etwas sagen. Ich sehe dich vor mir, wie du liest, dann schreibst, wieder liest und wieder schreibst. Ich habe dann den Eindruck, ich spüre, wie du arbeitest. Und ich möchte nicht, dass du für mich arbeitest, ich möchte, dass wir uns vergnügen. Schreib einfach so wie du von der Party erzählt hast, oder von deinem Arbeitstag. Das finde ich wunderbar und witzig und sehr charmant. Du bist eine exzellente Erzählerin und wenn ich sowas lese, fühle ich mich zu dir wie ein Bruder zu seiner Schwester, dh. eine schöne grosse Gemeinsamkeit, die man gar nicht selbst herstellen kann, die einfach durch das Glück gegeben ist. Ich bin wirklich sehr begeistert, wenn ich so etwas lese, und es gibt mir das gute Gefühl, dass ich dich in deiner Umgebung wahrnehme, wie du leibst und lebst, würden die Deutschen sagen.

Ach, entschuldige, ich erkläre etwas zuviel. Du weißt längst wie es sein soll.

*

Ach, ich würde dich gerne mal anschauen. Ich habe ein Gefühl, dass du eine kecke und vife Person bist. Und wenn du mich anschaust, wirst du feststellen, dass ich nicht so keck und vif erscheine, wie man aus meinen schriftlichen Texten vermuten würde. Du wirst vielleicht nicht enttäuscht, aber erstaunt sein, dass ich ziemlich ruhig bin, dass ich nicht allzu rasch rede, dass ich manchmal nur halb so witzig und geistreich bin, als wie man es sich wünschte. Doch es gibt Momente, vielleicht in guter Gesellschaft, wo ich merke, dass es bestens läuft.

*

Manchmal muss ich auch gewisse Sätze wieder löschen, wie du das offensichtlich auch machst. Es kommt bei mir nicht zu häufig vor, aber manchmal kommt es vor. Und es erregt bei dir vielleicht die Neugier, was es denn wohl gewesen wäre.

Ich sag es dir vielleicht einmal, ich würde es dir lieber sagen als schreiben. Schreiben ist eine heikle Angelegenheit.

Aber ich küsse dich von Herzen, meine Liebe. Ich wünsche dir eine glückliche Zeit.

G+K+H

...

Dienstag, 18. Juni 2019

Buona notte ...


den 16 maj  00:24
Buona notte ...


Lieber ...,

Es ist schon wieder spät geworden - wann wird es das nicht bei mir? Ich habe eine CD mit Schubert aufgelegt und so fühle ich mich noch näher bei dir.
Hoffentlich warst du nicht zu sehr enttäuscht von der CD mit Vaya con Dios. Ich höre sie gern, aber nur wenn meine Stimmung dazu passt. Es steht ein wenig über die Gruppe in dem kleinen Folder in der CD und da kannst du sicher auch die Namen der Musiker sehen.
Ach, du machst mir immer so viele Komplimente dass ich am Ende ganz sicher bin dass du einmal sehr enttäuscht wärest, denn niemand kann so perfekt sein wie du mich machen willst :-)
Es ist bald elf Uhr und es beginnt ein wenig zu dämmern. Man merkt wie die Tage immer länger werden. Im Fernsehen zeigt man jede Woche wann die Sonne auf- und untergeht in den verschiedenen Teilen von Schweden und letzt (ich glaube es war am Samstag) sah man dass die Sonne schon jetzt eine halbe Stunde länger aufbleibt oben in Luleå im Verhältnis zu hier.
Es ist schade dass wir gerade zu dieser schönen Jahreszeit so wenig Zeit haben die Natur zu geniessen. Im Moment blüht überall der Flieder. Da erinnern wir uns immer an den Schuster der um diese Jahreszeit ein Schild an seine Tür hängte mit den Worten: "Geschlossen zwischen Traubenkirsche und Flieder". Manche Jahre bekommt er nicht viel Urlaub :-)
*
Wie schön du mir von dem Abend bei euch erzählt hast. Es freut mich so sehr wenn du das tust denn auf diese Weise lebe ich fast doppelt. Ich habe wirklich manchmal den Eindruck dass ich zwei parallele Leben lebe. Und so kann man wohl sagen dass ich nicht die kurze Zeit vergeude die uns gegeben ist. Manchmal kommen mir auch Bedenken dabei. Denn wenn ich nun schon unfreiwillig gegen den § 5 verstosse so möchte ich wenigstens verhindern dass ich es auch gegen die übrigen tue. Manchmal denke ich wie schön sicher es doch war in diesem Gefängnisturm...und nun sind wir ausgebrochen und stehen auf dem minierten Feld und ich weiss nicht wohin ich treten soll...
*
Es war ein sehr schönes Fest am Freitag Abend. Åke hielt es bei sich zu Hause und er hatte ein wunderbares Mittagessen für 30 Personen gekocht. Ich wurde vor dem Haus abgeholt damit ich ja nicht auf die Idee kommen sollte mein Auto zu nehmen und so konnte ich auch den "välkomstdrink" und später auch den guten Rotwein geniessen. Die Stimmung war zeitweise sehr hoch und wir lachten dass sich fast das Dach erhob. Man konnte sich setzen wie man wollte und zum Glück kam ich an einen Tisch mit lustigen Leuten mit denen man sich leicht unterhalten konnte. Neben mir links sass ein seit einigen Jahren pensionierter Kollege. Einer von dieser seltenen Sorte die noch eine gediegene klassischen Bildung besitzen und ausserdem sehr spirituell ist.. Er ist auch sehr vermögen und sehr geizig (eine nicht ungewöhnliche Kombination) :-) Er erzählte dass er jetzt eine Anstellung als Kirchenältester hätte worauf ich sagte: "Da stiehlst du sicher aus der Kollekte". Nein, nein, meinte er. Ich werde dir sagen was ich mache. Ich lege das ganze Geld auf ein Tablett gehe hinaus, schau zum Himmel hinauf und sage "Herr nimm was du davon haben willst und ich nehme was übrig bleibt" Dann zeigte er wie er das Geld in die Luft wirft. Nun muss man ihn vor sich sehen können um richtig zu verstehen wie lustig das aussah. Er stammt von Wallonen und hat grosse braune Augen die dann vor Unfug leuchten. Ich wollte dir auch von anderen Leuten erzählen, aber das habe ich schon in Gedanken getan und ich möchte mich nicht wiederholen ;-)

Åke hat auch eine schöne Rede an mich und meinen anderen Kollegen (dessen Geburtstag wir eigentlich feierten) gehalten. Er sprach von Dingen die ich fast vergessen hatte und ich fühlte mich sehr geehrt. Ausserdem hat er ein paar schöne Lieder zur Gitarre vorgetragen. Das junge kanadische Mädchen in unserem Arbeitszimmer hatte grosse Torten gebacken zum Kaffee nachher und wir bekamen Blumen und Geschenke. Ach, es war ein schöner Abend. Man sollte öfters feiern nur leider fehlt uns besonders in den letzten Wochen des Schuljahres eben die Zeit dazu. Hier hört der Unterricht am 9 Juni auf. Danach haben wir noch eine Woche Konferenzen vor den Sommerferien. Und dann kommt eine harte Zeit für Mausfreunde. Ach, chéri, wie soll ich das nur aushalten, so lange von dir entfernt zu sein.

Du hast recht, ich fühle mich irgendwie sehr verwandt mit dir. Unsere Jugend mit einer neuen Mutter als wir Kinder waren aber auch später im Leben. Du darfst nicht glauben dass deine Worte nicht zu mir dringen.. Und mit jedem
Mail bindest du mich fester an dich. Du vergisst doch nicht "on devient responsable de ce qu'on apprivoise".

(---)

Ich habe noch viele Fragen von dir zu beantworten. Ich werde es nach und nach tun. Hab Geduld mit mir, bitte. Bald habe ich weniger Stress im Beruf und dann werde ich die nötige Ruhe haben ausführlicher zu schreiben.
Jetzt muss ich dich verlassen für heute (schon Morgen?).
Ich wünsche dir einen angenehmen Tag
In Sehnsucht und Maladi
Marlena


Montag, 17. Juni 2019

Re: Vaya con dios



den 15 maj  18:17
Re: Vaya con dios


Ich weiss, mein Schatz Du wartest auf ein Mail von mir und ich werde dir ziemlich bald eins senden. Bin erst jetzt mit der "arbeitsplatzverlegten" (schöner Ausdruck ;-) Arbeit fertig und jetzt gibt es noch eine Menge zu tun, Arbeit die ich zu Hause leichter tun kann weil ich erstens einen eigenen PC disponiere, zweitens ungestört arbeiten kann und drittens ab und zu mir in der Küche etwas holen kann :-)

Heute Nacht war ich wieder wach so von drei Uhr an. Ich schrieb dir in Gedanken und fand unzählige wichtige Dinge, die ich dir mitteilen wollte und Formulierungen, die sogar mir gefielen (wo ich doch meistens nicht besonders zufrieden bin da ich nicht die perfekten Worte finde) und nun da ich dies alles brauchen würde ist es wie weggeblasen. Vielleicht bin ich auch so am Ende eines Schultages etwas zu müde.. und jetzt noch dazu hungrig :-)

Ich werde mich also ein wenig ausruhen, das Essen vorbereiten und dann komme ich zurück zu dir. Es ist der schönste Augenblick des Tages: wenn ich ein neues Mail von dir lese und wenn ich dir selbst schreiben kann.

Ich liebe dich,  ,,,
ich maladiere und sehnsuche dich,
ich umarme dich und küsse dich...
und weiss Gott was noch alles.

Ist dies die Strafe weil ich gegen die §§§ vestossen habe?
Deine Marlena



Piano piano ...



Subject: Piano piano mio amore, nur kein Stress
Date: Mon, 15 May 16:46

Meine Marlena

Immer noch höre ich mich in deine Musik hinein. Da und dort kommt sie mir sehr bekannt vor. Ich weiss nicht, wo ich sie schon gehört habe. So bist du ein bisschen in meiner Nähe. Und das ist sehr angenehm und tröstlich.

Ich danke dir für deine Mails. Ich glaube, ich bin etwas geduldiger geworden und kann verstehen, dass es für dich nicht immer leicht ist, an den PC heranzukommen. Ich will wirklich nicht, dass du wegen mir in Stress gerätst. Das ist überflüssig und für niemanden gut.

Im Moment beschäftigt mich die Tatsache, dass du mir immer wieder so lieb und wortlos deine Nähe zeigst. Ich meine, es ist nicht wortlos, aber du versicherst mir deine Nähe, und du sagst, es kommt dir gar kein anderer Gedanke. Es ist wunderschön, Marlena, deine Nähe zu fühlen. Es ist eine schöne und tiefe Nähe, wie die, wenn man gemeinsam im Gras liegt und in die Wolken schaut. Dazu braucht es keine Worte. Jedes Wort wäre zuviel. Höchstens Rilke vielleicht:

Der Liebe Landschaft

....immer wieder gehen wir zu zweien hinaus

unter die alten Bäume, lagern uns immer wieder

zwischen die Blumen, gegenüber dem Himmel.


Zu anfang habe ich deine Wortlosigkeit anders interpretiert. Ich glaube, heute verstehe ich dich besser und ich merke, dass du mir damit etwas sagen willst, für das es vielleicht in unserem Leben keine Worte gibt. Und das ist es möglicherweise, was dich schmerzt. Dass du etwas fühlst, wofür es keine Worte gibt. Und die einzige Möglichkeit, mir das zu sagen, sind Mails. Und Mails brauchen nun in Gottes Namen Worte. Also sind es immer die falschen, oder solche, die nicht genügen? Vielleicht ist es das, was weh tut. Ich stelle mir das vor wie ein grosser Durst, und man hat das Gefühl, kein Wasser auf dieser Welt kann ihn je wieder stillen. Jedes Glas, das man bekommt, ist zu wenig und die ganze Welt sieht nach ewigem Dürsten aus.

Ach siehst du, Marlena, ich mache mir ein bisschen Sorgen um dich. Aber ich weiss, dass du daneben dein fröhliches Leben hast mit deinen Arbeitskollegen und der Schule und Anna und all den Freuden, die das Leben bietet.

(---)