Freitag, 2. November 2018

Kästners Kästner


das junge Paar


Liebe Marlena
Ach, das war eine Geschichte von Erich Kästner! An ihn hätte ich jetzt wirklich nicht gedacht. Kästner war nun ja in der Tat einer, der viele heimliche und unheimliche Geliebten hatte. Zu Kästner, respektive zu seinem Sohn, kann ich dir eine kleine Anekdote erzählen.
Wir waren vor etlichen Jahren zur Hochzeit von Stefan Kästner eingeladen. Seine Braut war die Tochter einer Freundin meiner Frau, und weil die Hochzeitsfeier in der Nähe von Zürich stattfand, luden sie uns dazu ein. Kästner selbst war ja nun schon lange tot. Aber seine Frau, respektive Freundin, also die Mutter des Bräutigams war natürlich zugegen. Wir haben dem jungen Paar damals ein Bild geschenkt, das ich selbst gemalt hatte. Ich glaube zwar nicht, dass sie dieses Bild heute noch in ihrer Wohnung hängen haben. Aber immerhin haben sie damals gute Miene zu diesem etwas subjektiven Geschenk gemacht. Nun hat S's Freundin, also die Brautmutter uns erzählt, wie die ganze Familie vor dem Hochzeitstag auf Nägeln gesessen ist und in Angst und Spannung der Dinge harrten, die da kommen sollten. Denn alle fürchteten, dass Stefan Kästner im letzten Moment einen Rückzug machen würde, weil er sich vor einer wirklichen Bindung fürchtete. Er hat es dann offensichtlich nicht getan und das Paar bezog dann eine gemeinsame Wohnung in München. Der junge Käster arbeitete dort damals als Pianist. Seine Frau war eine hübsche Jüdin mit schwarzen Haaren, dunkeln Augen und einem Teint. Der Bräutigam glich überigens seinem Vater ziemlich stark. Vor allem die starken Augenbrauen, wie ich fand, waren wie die seines berühmten Vaters. Und er war scheu und war auch etwas klein, wohl wie es sein Vater gewesen sein musste.
Erich Kästner, den ich im Übrigen sehr schätze, hatte nun bestimmt seine Probleme mit den Frauen. Es ist bekannt - und sicherlich weißt du das auch Marlena - dass er einen echten Mutterkomplex hatte. Man kann das ja in seinen Kinderbüchern nachlesen, wie der Mustersohn sich um seine tüchtige und sich aufopfernde Mutter bemüht. Kästners Mutter, das muss seine unheimliche Geliebte gewesen sein. Noch in fortgeschrittenem Alter hat er ihr täglich geschrieben, täglich, meine Liebe, und hat ihr seine schmutzige Wäsche geschickt und über all seine Liebschaften offenherzig erzählt. Er konnte wunderhübsche, charmante Briefe schreiben, unser Erich Kästner. Und so hat er sein Leben lang nicht geheiratet. Ich habe mal ein Büchlein rezensiert, in welchem seine Freundin Kästners Briefe an sie und ihren Sohn aus dem Tessin veröffentlicht hat. Kästner hatte Alkoholprobleme und war im Tessin zur Kur. Allerdings hat er sich dort regelmässig den Whisky im Teeglas servieren lassen.
Diese Briefe, so kann ich mich erinnern, waren sympathisch und lebendig, wie man sich Kästner nun mal vorstellt. Aber eines hat mich gestört. Er hat seiner Freundin und Mutter seines Sohnes immer wieder Geld geschickt in kleinsten Portionen und hat immer wieder von diesem Geld gesprochen. Das fand ich echt kleinbürgerlich und irgendwie knauserig. Er war doch damals kein armer Mann mehr! Aber sonst ist er schon ok, unser Kästner, ein grosser Humanist und ein guter Pädagoge.
Es gibt eine eindrückliche Stelle in seinem biographischen Buch "Als ich ein kleiner Junge war", wo er beschreibt, wie für ihn das Weihnachtsfest stets eine Marter war. Die Mutter hatte Geschenke für ihn und der Vater hatte Geschenke für ihn. Und er als sensibles Kind hatte den Hochseilakt zu bestehen, seine Dankbarkeit und seine Aufmerksamkeit auf beide Elternteile gleichmässig zu verteile, um nicht den einen vor dem anderen zu vernachlässigen. Er muss das gewesen sein, was wir in der Familientherapie ein drianguliertes Kind nennen, also ein Kind im Dreieck mit seinen Eltern, parentifiziert und schwer mit Erwachsenenproblemen belastet. Es gibt ja heute noch die Hypothese, dass er vielleicht ein unehelicher Sohn, das Kind mit dem Hausarzt der Familie, gewesen sein könnte, dass also sein Vater, ein einfacher Handwerker, nicht wirklich sein Vater gewesen wäre. Aber, das wollen wir diesem guten Erich Kästner lassen, er hat das beste daraus gemacht. Seine Jugendbücher sind heute noch wundervoll zu lesen. Kürzlich gab es eine Fernsehsendung, in der einige ehemalige Geliebte Kästners zu Wort kamen. Sie sind heute alle Damen in hohem Alter und sehen nicht mehr allzu blühend aus. Aber alle haben über ihn mit viel Respekt und Begeisterung gesprochen, keine schien mir irgendwie enttäuscht oder beleidigt gewesen zu sein. Er muss sie wirklich verwöhnt haben und muss ein charmanter Liebhaber gewesen sein. Er wäre darin wirklich ein gutes Vorbild für mich.
Dass sich also Kästner in seiner Geschichte als Künstler mit einer deutlich jüngeren Frau beschäftigt, ist durch sein Leben gut motiviert. Ich denke, die Frauen waren ihm insgesamt etwas unheimlich und überwältigend. Und so ein junges hübsches Fräulein war leichter zu "apprivoiser", zu einem Teil seiner selbst zu machen. Er gibt seinem schweigsamen Fräulein zum Schluss der Geschichte unendlich viel Macht. Je weniger sie sagt, desto mehr ist er ihr ausgeliefert und mit ihr verstrickt.
Was sagen denn deine Schüler zu dieser Geschichte? Was sagen die emanzipierten jungen Schwedinnen und jungen Schweden zu einer solch ungleichen Paarung? Man kann die "Szenen einer Ehe"(das ist der deutsche Titel von Bergmans Film) schon im voraus riechen, die aus dieser Paarung entstehen werden, nicht wahr?
Und die Moral der Geschichte? Soll ich mich hüten, mich in Zukunft zu sehr in Texten, Gedanken und Erzählungen zu verausgaben? Vielleicht muss ich mich mehr zurückhalten, mich mehr auf die Zeichnung konzentrieren, und die grossen Worte beiseite lassen. Doch irgend einmal wird die Zeichnung zu Ende sein. Und dann werden wir sie über dem Sofa aufhängen. Über welchem Sofa, das wird dann die grosse Frage sein!
Weißt du, warum ich Zeichnen und Malen sosehr mag? Weil man dabei einen sogenannten "Flow" erleben kann. Ich vergesse die Zeit, ich kann so vertieft sein in das, was ich tue, dass ich in einen paradiesischen Zustand gerate. Es ist wie eine Ekstase, ein Art von Somnambulismus, oder wie kann man das nennen? Das gelingt nachtürlich nicht jedesmal. Manchmal bin ich auch sehr unzufrieden und verärgert, wenn mir das Werk nicht gelingen will. Das geschieht vielleicht noch häufiger als dieser Flow. Doch letzeres ist eine Art Jungbrunnen. Du fühlst dich nachher so, wie du dich nach der Sauna fühlst, oder nach einem Autogenen Training oder einer Akupunktursitzung. Du fühlst die ganze Leichtigkeit des Seins.
*
Rilkes Liebesgedicht aus Capri kenne ich, wenn vielleicht auch nicht so eingehend. Weißt du, was mir bei Rilke schon in meinen jungen Jahren stets gefallen hat, das ist dieses Ajambement. Ich glaube so nennt man das, diese poetische Gewohnheit Rilkes, den Hiatus in die Mitte der Zeile zu setzen, so dass dann die Sprache über den Reim hinwegfliesst. Das war Rilkes Spezialität. Für mein Gefühl erreicht er damit diese geschmeidige Kombination von Reim und Sprachfluss. Wenn der Reim und der Hiatus (nennt man das so, dieser kleine Unterbruch in der Zeile, dieses kurze Innehalten um Luft zu holen oder so??) zusammenfallen, dann gibt es so einen mechanischen und monotonen Rhythmus, wie bei Liliencron. Ich vermute, die so schwebende Sprachmelodie bei Rilke kommt daher. Lass mich dir auch ein Rilkegedicht zitieren, das mir sehr gefällt, weil ich dabei immer an meine beiden Töchter denken muss. Es geht so:

Die Schwestern
Sieh, wie sie dieselben Möglichkeiten
Anders an sich tragen und verstehen,
so als sähe man verschiedne Zeiten
durch zwei gleiche Zimmer geh n.

Jede meint, die andere zu stützen,
während sie doch müde an ihr ruht;
und sie können nicht einander nützen,
denn sie legen Blut auf Blut,
wenn sie sich wie früher sanft berühren
und versuchen, die Allee entlang
sich geführt zu fühlen und zu führen:
Ach, sie haben nicht denselben Gang.

Dazu muss ich sagen: Das letzte Wort des ersten Abschnitts schreibe ich geh n, weil mein Schreibprogramm das Wort stets korrigiert und "gehen" daraus machen will. Diese Computerprogramme sind echt stur und naiv, muss ich schon sagen! Offensichtlich haben sie nie was von Poesie gehört!!!
"die Allee entlang sich geführt zu fühlen und zu führen", dieses feminine üüüüü finde ich so zart schwebend und fein, dass es mich rührt, zusammen mit diesem bei Rilke häufigen Bild der Allee, des Weges an sich. Und dann diesen Schlusssatz, der alles wieder öffnet. Wenn man schon meint, man hätte die Wahrnehmung der Geschwisterlichkeit erfasst, so ist doch plötzlich alles wieder offen und überraschend und das Leben bricht herein.
Auch schön und festgefügt die Symmetrie der ersten und der letzten Zeile: Sieh, wie sie, .........Ach, sie haben .... Ich bin ja nun kein Literat und kann nicht erklären, was denn daran so genial ist. Es berührt mich einfach, und manchmal werde ich wirklich neidisch, wenn ich höre, wie er das sagen kann. Obwohl ich bei Rilke nicht wirklich höchst neidisch werde. Er ist dann doch etwas feminin. Aber beispielsweise bei John Updike (er muss Holland stämmig sein, wie ich annehme, und litt früher sehr an Neurodermitis, wie ich in einem Interview gelesen habe) oder in jüngeren Jahren gelegentlich bei Günter Grass (unser neuer deutscher Nobelpreisträger) konnte mich der blanke Neid überfallen, weil ich einen Gedanken, eine Beobachtung mitsamt ihrer Formulierung einfach genial und einmalig und unwiederholbar fand. Updike ist ja nun wirklich ein begnadeter Erzähler mit einem Charme und einer Eloquenz, die man nur beneiden kann. Grass ist dagegen etwas gröber und eckiger, wie die Deutschen nun eben mal sind.
Damit muss ich nun unser literarisches Kolloquium definitiv beenden. Es ist schon spät, aber nicht abends, wie bei dir meist, sondern morgens, und die Arbeit wartet ungeduldig auf mich.
Ich wünsche Dir alles Schöne, meine liebe Marlena
Gruss
...

PS Du hast es auch mitbekommen, dass wir eine wahre Marlene-Renaissance haben, mit der Verfilmung der Dietrich. Ist ein schöner Name "Marlena" (obwohl ich hier auf dem Laptop im Tempo und auf Anhieb immer Malrena schreibe), bei uns in der Schweiz praktisch nicht zu finden. In Deutschland wohl eher?

Donnerstag, 1. November 2018

Re: Nichts Persönliches .. oder doch?


Subject: Besser spät ...
Date: Fri, 17 Mar  00:36:34 

 Lieber ...!

Heute früh, auf dem Weg zur Arbeit, habe ich es deutlich gespürt. Ein ganz besonderes Licht, die Farbe des Himmels und die Bäume, immer noch Silhouetten, aber nun schon mit einem leichten lila Schimmer in den Kronen, deuten es an: Der Frühling ist unterwegs. Ich mag diese Zeit so sehr, diese Vorahnung von dem Schönen, das bald kommen wird. Noch weiss ich dass es eine Zeit dauern wird bevor es soweit ist, aber dann kommt plötzlich der Augenblick wo ich alles aufhalten möchte... noch eine Weile warten ...


Es ist so auch in dem Text von Erich Kästner den ich dir geschickt habe. Ich möchte nicht, dass das Bild fertig wird, ich möchte noch keine Gardinen... ich möchte den Mann weiter erzählen hören denn ich ahne was er damit meint und es ist schön ihm zuzuhören :-)

Eigentlich habe ich es dir aus keinem besonderen Grund geschickt (glaube ich). Aber unser Mailen hat mich an diese kleine Geschichte erinnert.. vielleicht weil er immer viel mehr sagt als sie ;-)

Wozu wir sie verwenden? Nur so zum lesen und uns über den Inhalt zu unterhalten. Es geschieht dann mit kleinen Gruppen von älteren Schülern die schon ein Bisschen besser Deutsch können.


Wie du siehst ist es wieder sündig spät geworden. Ich glaubte ich würde ganz frei sein heute Abend aber es kam anders und erst jetzt komme ich zum Schreiben. Mit grosser Spannung habe ich von deiner unheimlichen Geliebten gelesen und ich muss zugeben dass ich zuerst ein wenig eifersüchtig war auf sie ;-) Wer möchte nicht gern so schön und tief geliebt werden.. Und dann habe ich wieder herzlich gelacht weil du so lustig bist und aus Erleichterung, denn es freut mich dass ich dich nicht mit einem so attraktiven Wesen teilen muss.


Du schreibst mir so viel interessante Dinge und gern möchte ich alle beantworten. Ich tue es auch, aber meist nur in Gedanken.. und wie sollst du es wissen können.

Du hast ihn gern gehabt diesen lieben und berühmten Onkel deiner Freundin. Das kann ich verstehen. Es gab unter den Freunden meiner Eltern ähnliche Leute die ich nie vergessen werde. Sie veränderten geradezu meine Auffassung von den Menschen, vom Leben und sogar von der Ewigkeit. Denn du musst es zugeben: Es gibt Leute die ganz einfach nicht aufhören können zu existieren. Oder leben sie nur in uns weiter? Vielleicht ist das ihre Ewigkeit?

Eigentlich wollte ich heute ein längeres Mail schreiben.. aber es kommt nächstes Mal.


Ich kann es nicht sein lassen. Schicke dir noch ein Gedicht von Rilke. Dieses kennst du ganz bestimmt, aber vielleicht hast du es lange nicht mehr gelesen.


LIEBESLIED

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt?
Wie soll ich sie hinheben über dich
 zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied. 
*

Ich wünsche dir eine gute Nacht (oder einen schönen Tag)
Marlena

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Nichts Persönliches - oder doch?


(ungekürzt)

Subject: Folie à deux
Mein schweigsames Fräulein !
Die Geschichte ist mir gestern Abend immer wieder durch den Kopf gegangen. Sie erlaubt bestimmt unterschiedliche Lesarten und hat vieldimensionale und mehrstöckige Interpretationsräume. Und dazu kommt die spannende Frage, was du mir denn nun damit sagen wolltest?

Brauchst du die Geschichte wirklich in der Schule? Als Diktat, oder als Grammatikübung, für das Training der direkten Rede? Oder als Einführung in die Liebe? Wenn ja, mehr als Lehrstück oder mehr als Warnung? Als Argument eher für oder gegen die Jugend? Oder als Hinweis, dass oft alles mit harmlos erscheinenden Vorhängen beginnt? Wenn es überhaupt erst so spät anfängt!

Wer hat die Geschichte geschrieben? Ein Mann oder eine Frau? Ein junger Mensch oder ein älterer?

Ach, was kann ich dazu sagen? Das ist sozusagen beredte Schweigsamkeit, die du betreibst. Du sprichst nicht selbst, sondern du lässt eine Geschichte sprechen? Das ist raffiniertes Schweigen, stummes Sprechen. Und die Geschichte aus deinem Mund kann alles bedeuten, von der Kritik bis zur Liebeserklärung so ziemlich alles. Doch du, mein lieber „armer" Krebs, du bist keine Frau für vorschnelle Liebeserklärungen. Das bist du wohl nicht.

Es gäbe viele Analogien zu entdecken: Die stille Frau und der redsame Mann; die junge Frau und der gesetzte Mann; die Kindlichkeit und die Erwachsenheit; die Liebe als das grosse Thema unseres Lebens; die Kunst als die Lebensarbeit.

Einzig das Gefälle im Verhältnis von Kind und Erwachsenem in der Geschichte scheint mir etwas vormodern. Heute erfassen Kinder meist rascher, worum es eigentlich geht, als wir Erwachsenen. Sie sind – wie du das gesagt hast – unsere lebendigen Manuale. Kinder sind nicht länger hilfloser als Erwachsene. Das ist eine alte bürgerliche Vorstellung, die am Verschwinden ist. Es ist die Vorstellung von der Zerbrechlichkeit und der Schwäche der Kinder und der Jugend. Sie sind vorbei. Die Jungen sind daran, uns zu überholen. Bald müssen wir von ihnen lernen, und nicht mehr umgekehrt!

Dass der Sündenfall Evas und Adams eine Falschmeldung sei, das habe ich schon immer vermutet. Aber ist es nicht so, dass uns Falschmeldungen im Leben meist mehr beschäftigen als alles andere? Warum denn sollte uns der liebe Gott in einen solchen Hinterhalt laufen lassen? Ist er heimtückisch und böswillig? Oder gar neidisch? Dieser liebe Gott hat es von Anfang an darauf angeleg, davon bin ich überzeugt. Und dann hat er die Verantwortung auf uns arme Menschen abgewälzt. Aber das ist nicht sosehr das Thema der Geschichte!

*

Du fragst nach meinen unheimlichen Geliebten. Nun ja, ich habe eine, aber ich weiss nicht, ob ich sie dir verraten soll und kann. Vielleicht wirst du neidisch, wie du angesichts unserer hübschen, blauäugigen und blonden Psychologin neidisch werden wolltest. Es ist doch – haben wir das Thema nicht schon behandelt? – es ist lebensgefährlich, mit Geliebten über andere Geliebte zu diskutieren. Das endet im Streit, soviel kann man sich vorstellen, wenn nicht gar im Totschlag. Doch vielleicht kann ich dir meine unheimliche Geliebte verraten, denn du bist ja sehr diskret, Marlena. Wahrscheinlich wird sie es mir verzeihen, wenn ich mit dir über sie spreche, obwohl das sonst und im allgemeinen als respektlos gilt. Vielleicht verzeiht sie mir, weil du ja nicht gerade in der nächsten Strasse wohnst. Ich habe dir überigens schon einmal von ihr erzählt. Vielleicht hast du es wieder vergessen, vielleicht möchtest du nicht gerne hören, wie schwach ich bei ihr werden kann, wie hingerissen ich bin in ihrer Anwesenheit, wie ich mich verliere, wenn ich an sie denke, oder gar, wenn sie physisch anwesend ist. Ich bin wirklich sehr leidenschaftlich ihr gegenüber. Und ich kann es kaum ändern. Ich vergesse mich regelmässig, Immer wieder werde ich von neuem schwach. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin ...". Irgendwie bin ich ihr total ausgeliefert. Und das, ohne dass sie viel tun muss. Ihr Geruch, ihr feines Parfum, ihre zarte Erscheinung, das genügt und ich bin weg, vergesse alle meine Prinzipien und guten Vorsätze. Das kannst du dir nicht vorstellen, Marlena. Ich kann mich nicht zurückhalten. Ich bin an sie gekettet wie ein Sklave, um es einmal so zu sagen. Ich leide, wenn sie nicht da ist. Ich bin unglücklich, wenn sie fehlt. Ich vegetiere dahin ohne sie.

Ich sag es dir, Marlena, es ist Arni, meine kleine unheimliche Geliebte. Sie ist wunderhübsch, gepflegte Erscheinung, charmant, jederzeit bester Laune, und erotisch wie nur eine Geliebte erotisch sein kann. Arni, das ist ihr Name. Ich denke an sie beim Einschlafen am Abend. Und morgens ist sie die erste in meinen Vorstellungen vom kommenden Tag. Sie geht mir kaum aus dem Sinn, meine kleine Arni. Arni kommt aus einer grossen Familie. Sie hat mehrere Geschwister. Aber unter ihnen ist sie die besonderste und einzigartigste. Meine Frau ist teuflisch eifersüchtig, wenn sie merkt, dass ich an Arni denke. Sie verspricht mir alles, um meine Sinne von ihr abzubringen. Aber sie schafft es nicht oft, höchstens gelegentlich, und wenn, dann nur mit sehr viel Anstrengung.

Aber immer, wenn ich meine schöne Zeit mit Arni gehabt habe, nach dem Climax sozusagen, immer dann muss ich mir die Zähne putzen. Denn – sicherlich hast du es längst erraten – Arni pflegt meine Karies und ist meine Lieblingsschokolade, Milch, ohne Nüsse oder irgend etwas. Arni pur sozusagen.

*

Ist mir bekannt, dass Descartes in Stockholm gestorben ist. Darum stellen wir uns doch dein Schweden im hohen Norden so sündhaft kalt vor. Das ist was für starke Naturen nur. Und deshalb: Skål! meine Liebe, auf Deine Gesundheit.

Mit einem schönen Gruss

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Re: Abstinenz-Mails



subject: Wohlbehalten?

Liebe Malou
Ich habe Deine Abstinenz-Mails gelesen und diese Lektüre hat mich sehr berührt. Ooch, Du musst ziemlich gelitten haben, wie ich sehe und höre. Das tut mir leid. Und ich bin wirklich ganz gerührt, wie Du diese Pein beschreibst und sie mit dem Alkoholismus vergleichst, oder mit der Grippe, der man mit einem Chapman Lutscher kaum begegnen kann. Eigentlich könnte ich ein bisschen beleidigt sein, dass Du mir so was zutraust. Aber ich weiss, dass das vielleicht mehr Dein Problem ist als meines.
Es gäbe so viele andere mögliche Gründe, weshalb Du im Moment kein Mail bekommst: mein PC ist defekt, ich bin krank im Bett (daran hattest Du gedacht), ich bin für ein paar Tage ortsabwesend, etc. Na ja, Du wirst denken, dass man in jeder Situation ein kleines Mail schreiben kann. Aber ich glaube, wir Männer denken eher so, dass wir - wenn wir schon ein Mail schreiben - ein richtiges Mail schreiben sollten. Und das braucht eben seine Zeit.
Nur einen Punkt muss ich doch sehr streng und strikt korrigieren: ich schicke Dir keine Mail-Passagen, die ich schon für eine andere Person geschrieben hätte. Genau das Umgekehrte kommt manchmal vor. Ich verwende Gedanken und Figuren, die ich in meinen Mails an Dich gefunden habe, in anderen Zusammenhängen. Das sind zwar nicht Mails, aber zum Beispiel Gespräche oder so ähnlich. Die Mails an Dich sind für mich oft ein Ideen-Pool. Ich komme dabei auf Gedanken und Denkfiguren, auf die ich sonst nie gekommen wäre. Und das hatte ich immer gemeint, wenn ich sagte, die Mailerei sei für mich wie ein Tagebuch.
Ich kann Dich verstehen, wenn Du manchmal den Eindruck hast, es sei kein direkter Dialog. Da hast Du, so glaube ich, manchmal recht. Gelegentlich schreibe ich irgendwie einfach für mich, was mir hochkommt. Aber immerhin bist Du dabei der Anlass. Das ist doch - man höre und staune - die causa prima, der Hauptgrund. Ohne Dich würde ich überhaupt nicht schreiben. Und dann haben wir auch wieder direkte Dialoge, nicht wahr? Ich weiss schon, dass Du diesen direkten Dialog sehr magst. Du hast oft - vorsichtig - darauf hingewiesen, wenn ich nicht direkt auf Deine Fragen oder Deine Gedanken reagiert habe.

Deine Abstinenz-Mails haben mich an eine Szenerie bei uns zuhause erinnert. Vor einigen Jahren war S auf Wunsch ihrer Mutter mit ihr auf die Pilgerreise nach Mekka gereist. Das ganze sollte  ...




Montag, 22. Oktober 2018

Give me one reason...


Subject: Torsdag = Donnerstag

Tor, ein altnordischer Gott (in Deutschland bekannt unter dem Namen Do'nar)

Lieber ...,

Ein herrlicher Herbsttag, so wie du sie am liebsten magst. Alles wäre so schön, wenn mich nicht plötzlich die mail-abstinenz plagen würde. Ich betrachte sie klinisch und wundere mich über ihre Kraft. So muss sich ein Alkoholiker fühlen, der keinen Alkohol findet, ein Raucher, der versucht von seiner Last frei zu werden. Doch dieser Letztere hat den Vorteil zu seiner Sucht zurückkehren zu können, wenn es ihm beliebt.

Von einer CD höre ich Tracy Chapman. Das ist wie ein Lutschbonbon gegen Grippe. Ich meine es schmeckt zwar gut, hilft aber kaum. Doch man kann seine Gedanken damit betäuben.
"Give me one reason".

Nächste Woche schon wirst du vielleicht deine Reise nach Rom antreten. Ich glaube, es wird ein wunderbares Erlebnis werden. Vielleicht sogar noch schöner als damals New York. Und ich weiss, dass du das Beste daraus machen wirst. Wenn es schon keinen guten interessanten Reiseführer gibt, samle doch Material für einen eigenen. Jetzt hast du eine gute Digitalkamera und das photographische Auge fehlt dir auch nicht. Ich wünsche dir wunderbares Spätsommerwetter.

Soll ich? Soll ich nicht? Ich denke falls du krank zu Hause liegst brauchst du etwas Ermunterung.. vielleicht drücke ich auf die Taste "send".

OK.

Mit einem lieben Gruss,
Malou

2 KOMMENTARER:

  1. Liebe Malou,

    seit langer Zeit bin ich wieder einmal hier auf dieser geheimnisvollen Seite gelandet. Weil ich traurig war, bin ich durch das Netz geirrt - und zum Glück für mich bald in diesem Blog gelandet. Die Mischung aus Alltag, Geheimnis und Spannung hat mich aufgeheitert. Als Antwort auf all das, was ich von diesen Dialogen hier mitbekommen habe, schicke ich dir einen Link auf ein Gedicht, dass ich Anfang des Jahres geschrieben habe.

    Wo ich bin, hat die Nacht begonnen. Du hingegen stehst bald auf.
    Ich wünsche dir einen wunderschönen Morgen und weiter viel Spaß beim Schreiben.

    Herzlich
    Jorge D.R., Kitchener-Waterloo, Ontario, Canada

    http://traumtuch.blogspot.ca/2016/02/hier-und-dort.html
    SvaraRadera
  2. Lieber Jorge,

    Wie schön, dass dieser Blog einen so guten Einfluss auf dich hat. Das Gedicht von dir ist wunderschön.

    "Spass beim Schreiben" wünschst du mir. Aber es ist nur Veröffentlichen.

    Herzliche Grüsse
    Malou

Freitag, 19. Oktober 2018

Eine Oase



Lieber ... ,


(---)

Ich habe gestern noch einen kleinen Film gesehen mit dem Titel "Die Nonnen und die Damen". Er war sehr interessant und zeigte, dass es in dieser gestressten Welt noch Oasen gibt von Ruhe und Frieden. Es ist ein Heim, das König Oskar I gegründet hat. Dort können alte Damen, die nicht sehr vermögend sind, sich einmieten. Und die lieben Nonnen, die das Heim führen sind wie stille fleissige Engel, die ihnen das Leben schön machen. Die meisten  Damen waren sicher über 80 Jahre alt und öfters sah man sie ein Glas Champagner an den Mund führen um das eine oder andere zu feiern. Zu den Mahlzeiten wurde auch Wein serviert. Ein kleiner Vorhimmel vor dem richtigen, könnte man fast sagen. Ab und zu sah man auch eine ältere Dame, mit einer katholischen Schwester durch die wunderschöne Parklandschaft spazieren. Ich habe dabei an alle alten Menschen in unseren Altersheimen gedacht, die nur von einem Spaziergang draussen in der Natur träumen können. Man sagte auch, dass einige von den alten Damen ihr Vermögen ihren Kindern überlassen hatten um in diesem Heim angenommen zu werden. Zum Schluss hat auch unsere Kronprinzessin Victoria dort einen Besuch abgelegt.

...

Wenn du von Laptop sprichst erinnere ich mich an den Flughafen von Zürich. Neben mir sass ein Mann, ich dachte es hättest du sein können, mit einem Laptop auf dem Schoss. Er war ganz darin vertieft und merkte nichts von seiner Umgebung. Nicht einmal die schöne Frau neben ihm, die ihm neugierig zuschaute. ;-)) Und ich dachte, vielleicht sitzt mein Mausfreund neben mir und schreibt mir ohne zu wissen, dass ich im RL neben ihm sitze. Vielleicht ist es so, dass man die spannenden Dinge in seiner Nähe verpassen könnte, weil man seine Gedanken immer wo in der Ferne hat. Aber meistens ist es fast unerträglich langweilig in der Nähe und dann ist es schön seinen Geist woandershin schweifen zu lassen.. zu all dem, was man sich erwünscht und das man nie erreichen wird.

Marienanbetung




Ja, Maria Verkündigung ist gut. Ich sehe diese Bilder, auf
welchen der Engel dieser geheimnisvollen Mariafigur
erscheint und mit irgendwelchen gestischen Symbolen
die Botschaft überbringt.

Ich habe gerade ein Buch über 50 Heilige rezensiert.
Darin wird über Maria Festtage geschrieben:

1. Januar (Hochfest der Gottesmutter)
25. März (Verkündigung)
1. bis 31. Mai (Marienmonat)
24. Mai (Schutzmantelfest)
15. August Mariä Himmelfahrt
8. September (Mariä Geburt)
8. Dezember (Unbefleckte Empfängnis)

Aufgrund der leiblichen Aufnahme Marias in den
himmel gibt es keine Körperreliquien - der
Reliquienkult beschränkt sich auf haare, Fingernägel
und Textilien (Gürtel).

Über die allgegenwärtige, einst noch inbrünstigere
Verehrung derJungfrau und Gottesmutter im
Katholizismus und den Ostkirchen könnte fast in
Vergessenheit geraten, dass es sich ums Christentum
handelt, nicht um einenmarienglauben. Die marienfeste
haben sich seit dem 4. Jahrhundert Schritt für Schrit
 etabliert; seither ist eine unermessliche zahl an marien-
kirchen geweiht worden, und möglicherweiseübertrifft
die masse der marienbildnisseund -statuen sogar die
Zahl der christusdarstellungen.
Das "Ave-Maria" ist seit dem 12. Jahrhundert das nach dem
Vatersunser gebäuchlichste Gebet, beim Rosenkranzbeten
kommen auf 5 Vaterunser gleich 50 Ave-Marias. ....
Fast möchte man die göttliche Dreifaltigkeit um eine vierte
Ausfaltung ergänzen, zumal die Grenze zwischen erlaubter
Verehrung und verbotener Anbetung hier durchaus unscharf
ist ....

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