Samstag, 28. April 2018

Oh là là oder hoppla!


Subject:  Oh là là oder hoppla!
Date: Fri, 24 Mar 16:58


Liebe Marlena

Deine Frage war, ob man Mausfreunde embrasser darf, oder meintest du embarasser? Nun ja, was soll ich dazu sagen? Kommt darauf an! Manchmal gelingt beides zugleich. Wäre jetzt für dich vielleicht nicht allzu leicht zu bewerkstelligen, embarrasser meine ich, weil ich das ohne Weiteres akzeptieren würde.

Weißt du, was mir heute aufgefallen ist? Normalerweise kopiere ich deine Mails in ein Word-Dokument, und ich schreibe meine Mails hier hinein und kopiere sie erst zum Schluss ins Internet. Ich schreibe manchmal nur kurz, dann arbeite ich wieder, dann schreibe ich wieder. Diese Methode würde bei Deiner Arbeit nicht funktionieren. Also, in diesem Dokument hier habe ich jetzt (nach zwei Monaten) sage und schreibe nicht 50 Seiten, nicht 100 Seiten, nicht 120 Seiten, nein ich habe ganze 144 Seiten. Sind wir denn verrückt geworden? Was in aller Welt erzählen wir uns? Du weißt ja bald mehr über mich als sonst jemand. OK, wir können noch etwa 5 oder 6 Seiten abziehen. Die hat Rilke geschrieben. Aber den Rest haben wir hin und her geplaudert und erzählt und erklärt und behauptet und geflirtet.

Am Anfang warst du echt kühl und reserviert. Habe ich nicht einmal gesagt, du seist ein Eisberg? Ich wollte dich provozieren. Doch das lässt du offenbar nicht so rasch mit dir geschehen wie ich mit mir. Wenn du schreibst, ich stehe als Dicker vor dem Fenster, dann hole ich weit aus zu einer Verteidigungsrede, nicht wahr?

Ich muss schmunzeln, wenn du oft sagst, du hättest zwar keine Zeit zum Schreiben, aber ich könne dir natürlich jederzeit schreiben, ohne deine Antwort abzuwarten. Das finde ich nun ganz und gar nicht diplomatisch, sondern sozusagen ein Wink mit dem Zaunpfahl, wie wir im Deutschen sagen. Das will heissen, es ist so deutlich, dass auch der Dümmeste versteht, dass es ihm um die Ohren knallt.
Also, es sind 145 Seiten! Sollen wir denn ein Buch daraus machen? Oder bringst du dich damit durch den Winter, indem du alles sofort in der Heizung verbrennst? Ich habe nun hier ja wie gesagt nur einen kleinen Laptop, und damit kann ich jetzt nicht mal etwas ausdrucken.

( ---)

Im Moment habe ich merkwürdige Ideen, nicht wahr. Aber es ist vielleicht auch aus Freude, weil ich den Eindruck habe, es geht dir gut. Das freut mich wirklich, Marlena. Ich weiss nicht genau, warum mir das so wichtig ist, aber es macht mich geradezu vergnügt. Sonst hätte ich eigentlich wenig Grund. Die Sitzung heute morgen war alles andere als vergnügt, eher widerlich. Manchmal könnte ich die gesamte Verwaltung zum Teufel wünschen. Es ist wirklich eine widerliche Maschine. Und ich weiss nicht, warum ich hier ein Teil davon sein sollte.

Warum meinst du nourriture terrestre? Gibt es denn auch himmlische Nahrung, Manna oder so? Hättest du sowas auch noch anzubieten. Da würde ich nicht nein sagen. Aber ich bin wirklich bescheiden. Ein Croissant ist mir schon genug zum Morgenkaffee. Das rettet mich bis gut in den Mittag hinein. Und für den Rest sorge ich dann selbst.

Ich scheine mit jemandem um die Wette zu schreiben. Es geht einfach immer vorwärts und weiter und will nicht enden. Es ist wie auf der Couch zu liegen und vor sich hin zu erzählen. Wirklich. Und es geht mir so wie Dir, es kommen mir Ereignisse und Vorfälle und Bilder in den Sinn, die ich lange vergessen hatte. Es war einfach nicht mehr da, verschüttet, verdeckt, scheinbar verloren, und je länger ich davon erzähle, desto mehr steigt wieder herauf. Ich könnte gleich meine Memoiren schreiben. Es ginge im EINEM Atemzug. ...

(---)

Das ist das Leben, von dem wir nie genug bekommen können!

Lass es dir gut gehen dort oben im Norden.

Mit einem schönen Gruss


...



Nourriture terrestre..



Subject: Nourriture terrestre..
Date: Fri, 24 Mar 13:02



Lieber ...!

Ich habe mir ein paar Minuten gestohlen um in die Mailbox zu schaun. Grosse Freude, wie immer, als ich deine Mails entdeckte. Leider noch nicht gelesen. (Werde ich gleich tun)

Vielleicht komme ich nicht so schnell an den PC ran heute, denn hier wird sicher jemand fleissig daran arbeiten :-(

Aber so schnell wie möglich schicke ich dir natürlich etwas zum Knabbern. Will auch dich nicht verhungern lassen.

So füttere ich meine Lieben und es macht mir Spass dass sie so gut gedeihen ;-)


Darf man Mausfreunde "embrasser"?

Marlena





Freitag, 27. April 2018

Nur kurz ...


Subject: Nur kurz..
Date: Thu, 23 Mar  17:04



Lieber Mausfreund!

Mein "bel-ami". Nun weiss ich genau wer du bist :-) Ein gut aussehender Gentleman mit Herz und Verstand. Das ist fast zu viel des guten für einen Mausfreund. Entschuldige, dass ich dich so ein wenig provoziert habe mit meiner direkten Annahme. Manchmal schäme ich mich wegen meinem Mangel an guten Manieren. Aber so habe ich auch eine ausführliche Beschreibung erhalten. ;-)

Bel-ami kann natürlich von Balzac stammen, aber auch von dem Schlager: "Du hast Glück bei den Fraun bel-ami.." u.s.w , eine Tatsache die ich auch nicht bezweifle.

Wie du verstehst bin auch ich mit dem falschen Alter im Swiss-talk. Ich hatte nie die Absicht irgend jemanden dort näher kennenzulernen. Wollte nur Leute Deutsch sprechen "hören" und selbst ein wenig Konversation üben. Ich suchte ausserdem Mailpartner für meine Schüler und wollte deshalb auch von jungen Leuten angesprochen werden. Wenn mir jemand nett vorkam gab ich meinen Schülern seine e-mail.

Du bist sehr anspruchslos. Das Charmeur-sein brauchst du sicher nicht erlernen. Und du weisst es genau.

Übrigens weiss ich nicht mehr wer wen zuerst angesprochen hat. Erinnere mich nur dass ich anfangs einen anderen Eindruck von dir hatte.. (wie hätte ich wissen können, dass in der Kiesgrube des Swisstalks ein Edelstein lag).

Was ist übrigens ein Kiwanis-Club?

*

Nun ein wenig Faust. Es ist die Fortsetzung von vorigem Mal:
....

Zwar bin ich gescheiter als alle die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;

Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel.
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel -

Dafür ist mir auch alle Freud' entrissen,
Bilde mir nicht ein was Recht's zu wissen,

Bilde mir nicht ein ich könnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.

Auch hab' ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr' und Herrlichkeit der Welt.

Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab' ich mich der Magi ergeben,

Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde Kund;

Dass ich nicht mehr mit saurem Schweiss
Zu sagen brauche, was ich nicht weiss;

Dass ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält

Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu' nicht mehr in Worten kramen.

......

So kam also der Teufel in die Geschichte. Er wurde durch die Magi hervorgerufen. Es wäre interessant zu wissen wie Goethe seinen Faust in unserem Jahrhundert geschrieben hätte.

Mein lieber Mausfreund. Dieser Brief wird etwas kürzer als sonst, denn wie du mir schon gesagt hast darf ich meine Anna nicht verlumpt und halb verhungert in der Gegend herumlaufen lassen. Also auf und an den Herd und die Waschmaschine.

Ich sehe dich trotzdem vor mir in deinem Arbeitszimmer. Will ich eigentlich wissen wie du genau aussiehst? Ich bin noch nicht ganz sicher. Dagegen würde ich gern dein Bild und die Familie sehen.

Amitiés et à bientôt j'espère

Marlena

Donnerstag, 26. April 2018

Die Faust aufs Auge - ein Indizienprozess


Subject: Die Faust aufs Auge
Date: Thu, 23 Mar  09:22


Liebe Marlena

Du bist zur Zeit bester Laune, das ist fantastisch, und es ist das reine Vergnügen, deinen Gedanken zu folgen. Du bist momentan wirklich schwer „im Schuss", sagen wir in Deutsch.

Und auch mit deiner Faust-Lektion scheinst du in deinem Element zu sein. Verweile doch, du bist so schön!

Welchen Grundkonflikt stellt der olle Goethe im Faust dar? Wenn ich richtig verstehe, die Suche nach dem sinnvollen Leben? Er sucht ihn über den sinnlichen Lebensgenuss einerseits, über den aktiven Tatendrang andererseits und findet ihn, den Lebenssinn, die Erfüllung, noch am ehesten der schöpferischen Gesltaltungstätigkeit. Ist es das, einigermassen? Und welche Funktion hat denn der Teufel in der ganzen Geschichte?

Du siehst, ich bin erst am Anfang, ein echter Faust-Beginner. Ich habe eben auch Mühe mit der Sprache Goethes. Als Schüler habe ich solche Dinge noch gelesen, aber das ist lange her. Heute kommt mir diese dichterische Sprache sehr alt vor.

Vielleicht merkst du, dass ich mich der Sache nur sehr zögerlich zuwende. Ich bin zwar beeindruckt, wie du begeistert davon berichtest. Aber ich weiss noch nicht. Ich lege die Hand ins Feuer, dass meine Töchter sowas nie gelesen haben. Ich hätte sie sonst zuhause schimpfen hören!

**

Also, ich rekapituliere: du stellst dir mich vor als kleinen, dicklichen älteren Herrn mit einer Glatze und einer dicken Brille, ein Stubengelehrter, wie man so sagt. Das tust du? Dabei kommt mir Adorno in den Sinn. Ich hatte einige seiner Schriften gelesen und hatte ihn intelligent, sensibel und agil erlebt. Und dann sah ich erstmals ein Foto. Es war ein Schock. Dieser Adorno war ein dicklicher Herr mit Glatze, ein echter Grosspapa.

Ich hoffe, ich sei kein Adorno (er ist überigens in Visp gestorben, etwas deplaziert und nebenbei gesagt).

Doch ich bin ein gesetzterer Herr. Ich habe Jahrgang 1945, ein knappes Nachkriegskind. Wie alt bist du eigentlich, Malrena, ich hatte immer 35 in meiner Vorstellung. Damit könntest du meine Tochter sein, Marlena, stell dir das mal vor, mein Töchterchen! Könntest du das?

Ich will nicht mein Alter wegdiskutieren, das ist so wie es ist. Als Psychologe ist es nicht schlecht, ein gewisses Alter und etwas graue Haare zu haben. Das erhöht die Placebo Effekte, pflege ich zu sagen. Aber ich fühle mich ziemlich viel jünger. Ich fühle mich, sagen wir, um die 40. Und meine Kollegen im Kiwanis-Club finde ich oft recht alt und verknöchert. Ich werde also in diesem Herbst 55 Jahre alt. Es schockiert mich selbst, wenn ich das so höre. Ich glaube im Porträt des Harro van Tinten steht ein anderes Alter. Das hat mein Freund hineingeschrieben. Wahrscheinlich wollte er meine Chancen beim jungen Publikum verbessern, nehme ich an. Vielleicht habe ich dich nur wegen meines dort angegebenen jugendlichen Alters kennengelernt?

Was meine Grösse betrifft, so glaube ich immer noch an meine 178 cm, die ich zwar ewig nicht mehr gemessen habe, die aber immer noch in meinem Pass stehen.

Ob ich dick bin? Ich glaube, ich bin um die 70 kg. Damit gelte ich nicht als dick, obwohl ich schon darauf achten muss und auch meine Frau sehr darauf achtet, dass ich nicht zu viel, zu fett oder zu süss esse. Meine Frau gilt überigens als sehr hübsch, rassig hat kürzlich eine andere Frau gesagt, und ziemlich mannequinhaft. Als Iranerin legt sie auch grossen Wert auf die Erscheinung, Mode, Parfum und gute Manieren etc.

Ob ich also ansehnlich bin, das kann ich dir schwer so erklären, darüber könnte dich nur ein Bild aufklären. Manchmal sind ja Intellektuelle – und dafür halte ich mich ein bisschen – sind Intellektuelle sehr unansehnliche, verstaubte Menschen, die sich den Bücher zugewendet haben, weil sie bei Menschen nur Misserfolge erleiden. Ich glaube, das bin ich nicht. Ich komme bei den Menschen ziemlich gut an, und – darauf bin ich ein bisschen stolz – ähnlich wie du auch – sowohl bei älteren Menschen wie bei jüngeren Menschen.

Aber ob ich wirlich hübsch bin? Heute noch hübsch, oder sagen wir gutaussehend? Früher – das habe ich dir mal erwähnt, wenn ich nicht irre – hat man mein Aussehen mit dem Bob Kennedys verglichen. Ja, ich erinnere mich, und Deines mit Lady Di. Wir hätten ja damals wirklich ein wunderhübsches Paar abgegeben. Das war in meiner Gymnasialzeit. Damals galt ich als gutaussehend und die Mädchen waren gelegentlich fast etwas ungestüm für meinen Geschmack. Allerdings war das im Wallis, in einer ländlichen Bevölkerung. Und du weißt, es gibt den Unterschied, der erste im Dorf oder aber der zweite in der Stadt zu sein, wie offenbar Cäsar überlegt hat.

Und heute? Nun ja, ich bin wohl so eine durchschnittliche Erscheinung geworden. Ich habe mir überlegt: Es gibt doch Menschen, die in jungen Jahren hässlich aussehen, aber mit dem Alter und der Reife werden sie immer schöner. Und umgekehrt gibt es diejenigen, die jung blendend gewirkt hatten (häufig Frauen), die später aber etwas enttäuschend und nichtssagend wirken. Natürlich geschieht jede Wahrnehmung auf dem Hintergrund von Erwartungen. Aber ich glaube doch, dass da was dran ist. Ich selbst habe die Schönheit der Jugend genossen (ich erinnere mich, dass ein Lehrer im Gymnasium wegen einiger meiner schlechten Noten bemerkt hatte, dass ich, nun ja, es als hübscher Bursche schwerer hätte als andere; ich erinnere mich erst heute wieder daran; er hatte angenommen, dass ich es – anstatt mit Hausaufgaben – mit Mädchen treiben würde; aber – wenn ich mich richtig erinnere – war das ein schwerer Irrtum seinerseits; es war derselbe Lehrer, der mich für die erwähnte Rede ausgewählt hat), und sie mit dem Alter wohl etwas verloren. Aber ich beachte das nicht mehr sonderlich. Als ich jung war, war es mir bedeutend wichtiger. Heute lasse ich das meine oder andere Frauen beurteilen.

Kurz und gut, liebe Marlena: ich bin 54, 178cm, 70kg, etwas angegraute Haare, blaue Augen, ohne Bart oder Schnauz (das mag meine Frau absolut nicht), nicht unsportlich, aber auch nicht sonderlich athletisch. Ich glaube, ich habe das Gesicht eines Praktikers, auch die Hände überigens, während ich doch sehr gerne ein philosophischer und artistischer und wohl auch theoretischer, dh. kontemplativer Mensch wäre, und auch wirklich ein bisschen bin? Oder etwa nicht? Es ist nicht lange her, da hat man mich auf einer grossen Einladung in einer schriftlichen Porträtierung als Gentleman tituliert. Die Freundin, die das geschrieben hatte, ist wirklich besonders hübsch und adrett. Wenn so eine Frau was sagt, hört man immer etwas genauer hin. Ich nenne sie Schneewittchen, in ihrer auffallenden Erscheinung mit ihrem hellen Teint und den schwarzen, wirlich sehr langen Haaren. Auch dieses „Gentleman" hat mich einigermassen schockiert. Obwohl das ja in meinem Alter kein schlechter Job ist. Gentleman hat auch den Aspekt des Charmeurs, wie es dein Onkel offenbar hatte. Ich glaube nicht, dass ich davon allzu viel habe, obwohl ich mir das wünschte. Charmeur wäre ich heute nicht ungern. Vielleicht bin ich auf dem Weg dazu? Vielleicht kann ich es dir gegenüber lernen?

Ich glaube nicht, dass du mich dir nach all diesen Erläuterungen vorstellen kannst, wie ich am Fenster stehe und hinunter auf den Wasserturmplatz schaue. Wenn wir also nun die Champs Élysées hinauf (oder hinunter, wie haben wir nun schon entschieden?) gehen würden, so müsstest du dich meiner nicht schämen. Aber es wäre auch nicht so, dass sich die Leute nach mir umdrehen würden. Wie sollten sie auch? Sie würden sich wohl eher nach dir umdrehen!

Habe ich dieses leidige Thema einigermassen bewältigt? Und dabei wäre alles mit einem blossen Foto so leicht erledigt gewesen! Gib mir doch deine Postadresse, ich suche in der Zwischenzeit ein Foto von mir heraus. Ich habe nämlich keines auf Lager. Weil ICH in der Familie meist die Fotos mache, bin ich sehr selten auf dem Bild, reklamiert meine Frau immer wieder. Ich glaube, du hast ein Recht darauf, und obwohl ich wirklich kein Beau bin, mal zu sehen, wie ich bin. Damit du nicht später schwer enttäuscht bist, wie du ja gesagt hattest!! Früher hatte mich ein Mädchen mal bel-ami genannt. Das war aus irgend einem Balzac Roman, oder nicht, und ich glaube, sie hat es als Kompliment gemeint?

Du siehst, ich muss in diesem Indizienprozess alles suchen, was ich finde!! Und vor allem suche ich meine Indizien in der Vergangenheit, wie dir sicherlich aufgefallen ist. Das ist schon sehr vielsagend, nicht wahr? Schick mir deine Adresse. Du kannst sicher sein, dass ich sie dikret verwahre. Ich werde nicht plötzlich vor deiner Türe stehen, das nun sicherlich nicht! Ich hatte schon lange ein Foto im Sinn, dass ich dir schicken würde. Es ist meine ganze Familie vor dem Hintergrund meines Rubens-Bildes, inklusive ich, allerdings einige Jahre alt, wie man an den Kinder am raschesten bemerkt. Ich hoffe, ich finde es irgendwo.

Ich glaube, das war es für heute. Ich danke dir für deinen schönen Brief.

Mit einem lieben Gruss
...



Mittwoch, 25. April 2018

Warnung: Faust!!!


Subject: Warnung: Faust!!!
Date: Wed, 22 Mar  14:45

Lieber ...!

Ich habe gerade deine Post erhalten. Es ist schön, wenn man nach Hause kommt, von einem Brief begrüsst zu werden. Man hat den Eindruck nicht von einem leeren Haus, sonder von einem lieben Menschen empfangen zu werden.

Eigentlich sollte ich jetzt etwas anderes machen wie z.B. das Auto in der Werkstatt anmelden (oder hinbringen), den Apfelbaum beschneiden (Auftrag von K), staubsaugen, Papiere in Ordnung bringen, etwas zu essen für Anna vorbereiten (sie hat heute Theaterübung) und schliesslich noch die Stunden für morgen vorbereiten.

Und was tue ich? Setzte mich ganz einfach an den PC um einem Mausfreund zu schreiben. Macht doch viel mehr Spass als alles andere zusammen.

Ja, die Mona-Lisa, oder "La Joconde" wie sie heisst. Ich war überrascht wie dunkel das Bild war, so grünlich als sähe man es durch Algen. Ich konnte es gut sehen, keine japanischen Fliegen haben mir die Sicht verdorben. Übrigens, wenn du von Japanern sprichst. Es gibt ein Foto das ich gern gesehen hätte. Es wurde von einem typischen Japaner gemacht. Mein damaliger "petit ami", ein französischer Student in meinem Alter und ich gingen die steile schmale Treppe hinauf die zu Montmartre führt. Du kennst sie sicher, mit einem Gelände in der Mitte. Weiter oben auf einem Absatz stand ein Japaner mit seiner Kamera bereit. Wir gingen auf die andere Seite, er auch. Also waren wir nicht im Weg gewesen sondern er wollte uns im Fordergrund seines Bildes haben. Ich dachte.. , sah meinen Freund an.. und er verstand was ich meinte. So küssten wir uns und spielten verliebtes Pärchen. Ich werde nie das glückliche Gesicht des Fotografen vergessen. Er strahlte wie eine Sonne. Und sicher war es ein schönes Bild. Ich war jung, hübsch blond und mein Freund einen Kopf grösser und dunkelhaarig sehr gut aussehend. Ich glaube in Japan küsst man sich nicht in der Öffentlichkeit und sicher hat er das Bild als Beispiel der Europäischen sündigen Sitten herumgezeigt. ;-) Dekadenz möchte ich nicht sagen denn junge Leute sehen nicht dekadent aus.

Das was du von dem heutigen Weltbild der Kinder sagst stimmt sehr gut. Bei uns kommt noch alles dazu was man im Internet finden kann. Du weißt sicher dass wir die grösste IT-nation Europas sind. Fast jeder hat einen PC zu Hause und die meisten haben auch Internetanschluss. Du solltest einmal sehen was die Kinder (11-13 Jahre alt) für Bilder auf ihrer Homepage haben ...

Ich erzähle Anna viel aus meiner Jugend. Vielleicht ist es weil wir in den Wochen nur auf einander angewiesen sind. Sie findet es meist auch interessant und lustig. Von ihren Grosseltern hat sie nur den Vater meines Mannes gekannt, mein lieber Schwiegervater, der ein ganz besonderer Mann war und den ich sehr gern hatte. Als Anna klein war kam er öfters zu Besuch. Meisten vor Weihnachten und blieb dann bis nach Ostern wenn das Wetter wieder etwas angenehmer war oben im Norden. Meine Kolleginnen staunten. Wenn sie mal Besuch von einer Mutter oder Schwiegermutter hatten waren sie nach einer Woche völlig erschöpft und sie konnten es nicht verstehen dass ich es nur schön fand ihn als Gast zu haben. So lernte ja auch mein kleines Töchterchen eine Person aus der älteren Generation kennen. Das finde ich sehr wichtig. Die alten Leute besitzen eine Ruhe die den Kindern gut tut. Ich glaube die Natur hatte es so vorgesehen dass drei Generationen zusammenleben sollten (muss ja nicht im selben Haus sein).

Wie komisch dass ich diese Terrassen in Paris verpasst habe. Natürlich müssen wir auch dorthin. Sonst ist es auch schön direkt unter den Menschen zu sitzen und sie aus der Nähe zu beobachten.

(---)

Und nun zum Faust. Eigentlich solltest du dir den Faust 1 leihen und ich zeig dir dann die "wichtigen" Stellen darin.

Manchmal, nur so aus Spass, wenn mich eine plötzliche Verrücktheit überfällt ;-), gehe ich in die Klasse. Ich seufze und zähle ihnen alles auf was ich studiert habe, meine schönen Titel. Dann tue ich verzweifelt und sage ihnen dass ich trotzdem überhaupt nichts weiss und ihnen nur unwichtige Dinge beibringe. Das ich sie nur an der Nase herumführe oder so ähnlich und schliesslich nenne ich was meiner Meinung nach wichtig wäre zu wissen. (Wenn ich deinen reichen Wortschatz besitzen würde hätte ich es anders ausgedrückt). Sie sehen mich natürlich erstaunt an und dann spiele ich ihnen folgendes vor.

"Habe nun ach, Philosofie,

Juristerei und Medizin,

und leider auch Theologie

Durchaus studiert, mit heissem Bemühn.

Da steh ich nun, ich armer Tor!

Und bin so klug als wie zuvor;

Heisse Magister, heisse Doktor gar,

und ziehe schon an die zehen Jahr'

Herauf, herab und quer und krum

Meine Schüler an der Nase herum -

Und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen

u.s.w.


Es ist so schön! Du musst es lesen. Am liebsten würde ich dir eine Kassette mit den wichtigsten Teilen darauf zum anhören schicken. Dann brauchst du nur die zu lesen und es wird dich sicher nicht langweilen. 

(---)

Ich werde dich nicht länger damit martern. Haben deine Töchter den Faust gelesen?
Aber wie gesagt, die Stimmen der Schauspieler solltest du hören! Und vielleicht auch deine Töchter.. Was man auch über den Faust denkt, man soll ihn wohl kennen, oder?

Ich beobachte dich von hinten wenn du am Fenster stehst und auf die Strasse hinunterschaust. Bald wirst du vielleicht deinen PC einschalten und dann möchte ich dass du etwas von mir findest. Darum schicke ich dies nun ab.

Schon öfters hast du von gesetzten älteren Herren gesprochen. Daraus ziehe ich dass du ein kleiner dicker, nicht mehr ganz junger Mann bist. ;-))))
Spass beiseite: sogar wenn du der Ringer von Notre-Dame wärest würde ich deine mails lieben.

Ich umarme dich (ausnahmsweise mal)

Marlena

PS Die Sonne scheint und ich freue mich wieder des Lebens.




(Wir schreiben uns nun seit zwei Monaten)

Dienstag, 24. April 2018

Fortsetzung Wednesday probably


...

Es ist wunderschön, Marlena, wie du von deinen Jugenderinnerungen sprichst und von den Personen, die dich damals beeindruckt und geprägt haben. Es ist eine richtige Ahnengalerie, die du mir vorführen kannst. Und im Zentrum thront dein Grossvater mit seinen eindrucksvollen violetten Augen. Oder der Wiener Arzt, den du schon früher erwähnt hattest. Die Episode aus dem Zirkus hat mir besonders gut gefallen. Sie zeigt, wie schön es ist, wenn Erwachsene ihren Kindern die Welt zeigen und sie in die vielen schönen, geheimnisvollen und interessanten Bereiche des Lebens einführen können. Dein Onkel muss ein sehr jovialer Mensch gewesen sein mit einem guten Auge für alles Interessante und Aussergewöhnliche. Ich habe diese „Einführung in die Welt" auch immer genossen, als meine Töchter noch kleiner waren. Wir sind einmal in aller Eile und Hals über Kopf einem Heissluftballon nachgefahren, weil ich ihnen ein solches Ungetüm aus der Nähe zeigen wollte. Er landete schliesslich etliche Kilometer entfernt, aber wir konnten diese Landung aus nächster Nähe beobachten. Allerdings kann ich mich auch erinnern, wie ich mich für die Menschen geschämt habe, wenn meine Töchter etwa zufälligerweise in den Fernseh-Nachrichten irgend etwas Schlimmes gesehen hatten und dann wissen wollten, wie es sich damit verhalte. Ich habe mich wirklich geschämt für Kriegsszenen oder Verbrechen oder andere schlimme Sachen. Und es ist wohl genau diese Schamgrenze, die das Fernsehen aufbricht, von der der Mediensoziologe Postman mit seiner These vom „Ende der Kindheit" spricht. Kennst du seine Theorie? Sie ist ein bisschen amerikanisch, das heisst effekthascherisch und simpel. Postman meint: seit der Renaissance gibt es eine Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenen, besonders in der Zeit des Bürgertums seit der französischen Revolution. Die Grenze ist entstanden durch die „Gutenberg Galaxy" (wie Mac Luhan sagt), die Verbreitung der Literalität auf grosse Teile der Menschen in den modernen Gesellschaften. Kinder, solange und soweit sie nicht Lesen konnten, waren in diesen Zeiten geschützt vor den überwältigenden Informationen von Sex and Crime. Die Lesefähigkeit bildete sozusagen erst den Zugang zur Welt der Erwachsenen, war eine Art Zensurgrenze. Heute aber, durch das Bild und durch das Fernsehen vor allem, ist dieser Schutz für die Kindheit nicht mehr aufrecht zu erhalten. Kinder werden heute mit denselben Informationen überschüttet wie die Erwachsenen. Es wird ihnen alles zugemutet. Und in diesem Sinne spricht er, in Anlehnung an Ariès, vom „Ende der Kindheit". Die These Postmans hat schon etwas für sich, auch wenn er eine etwas allzu vereinfachte Variante darlegt. Man hat beispielsweise in Krankheitsstatistiken festgestellt, dass heutige Kinder nicht mehr so sehr an den alten, typischen Kinderkrankheiten erkranken, sondern an denselben Leiden, wie die Erwachsenen. Das sind vor allem psychoorganische Leiden und Allergien, im Zusammenhang mit nervöser Belastung. Man kann auch in Kriminalitätsstatistiken sehen, wie die Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen langsam verblasst. Die Vergehen von Kindern und Jugendlichen mit Schusswaffen der letzten Jahre in Amerika, aber auch in Europa, weisen in diese Richtung. Das Alter des Drogenkonsums sinkt. Und wenn man früher sagen konnte, die Kinder seien wie kleine Erwachsene gewesen, so muss man heute sagen, die Erwachsenen sind oft ziemlich wie kleine Kinder (Kleidung, Verhalten etc.) geworden. Die Generationen haben sich irgendwie angeglichen. Du hast es auch erwähnt bei den Jugendlichen, die à la americaine schon wie Ehepaare zusammenleben.

*

Doch wir haben von deinen schönen Erinnerungen gesprochen. Es macht dich wirklich schön, Marlena, wenn du von diesen Bildern sprichst! Es gibt dir eine Ausstrahlung wie jene von Chagalls Geiger, wie eine Sonnenblume van Goghs, und ich bin sicher, man wird es dir auch physisch ansehen, was ich nun ja aus diesen 2000km nicht feststellen kann (bin leider zu kurzsichtig!!), aber doch schwer vermute.

Ich finde es – nebenbei gesagt – auch eine Pflicht, unseren Kindern von diesen alten Zeiten und ihren Personen zu erzählen. Man soll es zwar nicht übertreiben, denn die Kids haben schnell genug. Aber ein bisschen hören sie doch hin, und wenn sie älter werden, werden sie sich wieder daran erinnern. Das ist auch der Grund, weshalb ich jedes Jahr unseren Familienbrief für alle unsere Bekannten und Verwandten in aller Welt schreibe. Ich erzähle, oder besser, wir erzählen, was in unserem Familienkreis im vergangenen Jahr passiert ist. Das gibt 5 – 10 Seiten jedes Jahr. Und das tun wir jetzt schon seit 10 Jahren. Eigentlich ist es schade, dass wir nicht schon bei Geburt der Kinder angefangen haben, denn es gibt bei kleinen Kindern soviele drollige Vorkomnisse und auch Gespräche, die man leider später wieder vergisst. Insgesamt sind es etliche Papierseiten, die zusammengekommen sind. Und wenn unsere Töchter einmal ausziehen werden, oder heiraten oder was weiss ich, dann werden wir ihnen diese Art Familienchronik mitgeben. Sie sollen sich erinnern! Man soll sich seiner Familie erinnern, das ist eine Wurzel des Selbstbewusstseins. Vielleicht sind es ja nicht ihre wirklichen Erinnerungen, aber es sind Erinnerungsstützen und aides mémoire. Doch im Moment ist der jährliche Brief einfach ein Kontakt mit unseren vielen Bekannten. Vor allem ältere Tanten und Onkel schätzen die Informationen und meine Zeichnungen dazu sehr. Die jüngeren Freunde melden sich gelegentlich oder schreiben eine Karte. Insbesondere wenn man sich nach langer Zeit wieder trifft, hat man das Gefühl, man sei immer irgendwie in Kontakt gestanden und man hat so auch Gesprächsthemen zur Verfügung. Das ist sehr gut, obwohl es jedes Jahr eine Anstrengung ist, diesen Brief zu schreiben und sich auf die Themen (manchmal sogar auf Formulierungen) zu einigen.

Ich muss an meine Arbeit, meine Liebe. Sonst bin ich es, der bloss 80% erreicht. Du erstaunst mich überigens. Ich habe nie und nimmer gedacht, dass Lehrkräfte auf der Gymnasialstufe soviel für ihre Lektionen vorbereiten. Vor allem natürlich in den mathematischen Fächern glaube ich nicht, dass sie das tun. Aber du scheinst ja mit deinen vielen Arbeiten und Preparationen wirklich eine ausergewöhnliche Ausnahme zu sein. Unter all diesen Studienrätinnen und Studienräten, den schwedischen ebenso wie den schweizerischen, scheinst du doch eine echte Musterschülerin zu sein. Ich hoffe, deine Schüler wissen das zu schätzen! Mindestens sie, denn ich tue es nicht sonderlich, angesichts der knappen Zeit, die dir übrig bleibt.

Ich mag dich trotzdem sehr
...

Montag, 23. April 2018

Wednesday probably - Besuch in Paris



Liebe Marlena

Vor ein paar Jahren waren wir die ganze Familie für ein paar Tage in Paris, per Eisenbahn von Basel bis in die Gare du Nord, Halbpension in einem Hotel Nähe der ehemaligen Hallen (le ventre de Paris nach Zola), also ziemlich zentral. Es war nicht weit zum Louvre, Gare d'Orsay, Sainte Chapelle und so fort. Doch meine grosse Entdeckung, muss ich dir schon wieder etwas beichten, war das Warenhaus Printemps. Irgendwie geriet ich mit meinen Töchtern in die Abteilung der Spiel- und Sportwaren. Und sie genossen es, alles anzuschauen und die Unterschiede zu einem schweizerischen Warenhaus herauszufinden. Und als wir schliesslich schon etwas müde und durstig waren, entdeckten wir, dass es im obersten Stockwerk ein Restaurant gab. Wir fuhren mit dem Lift hinauf. Das Haus war überigens ein altes Jugendstilhaus, und in der Mitte gab es einen zentralen Hof. Die Stockwerke türmten sich um diesen Hof wie Balkone in die Höhe mit schönen Jugendstilgeländern. Vom obersten Stockwerk konnten wir also hinunter in den Bauch dieses schönen alten Hauses sehen und mit einer „göttlichen" Perspektive die Menschen, also die Kunden dieses Warenhauses, weit unten beobachten. Aber das war noch nicht der „clou", meine Liebe, den ich dir erzählen wollte. Wir suchten nun dieses Restaurant auf und entdeckten dabei, dass es oben auf dem Dach noch eine Terasse gab. So stiegen wir ein Stockwerk höher und erreichten eine schöne, grosse und sonnige Terasse, von wo man einen wunderschönen Ausblick über Paris, die Seine und die Ile de la cité (wie schreibt man das??) hatte. Das war für mich eine echte trouvaille. Seither habe ich mir eingeprägt, dass man sich Paris von den Dächern der grossen Warenhäuser anschauen muss. Und meine belle-soeur (ein schönes Wort, schreibt man es so?) hat das auch bestätigt. Wir werden also, Marlena, darauf kannst du dich verlassen, oben auf Printemps ein kleines Wässerchen trinken und in die Strassengassen von Paris hinuntergucken, bis hinauf zum Arc de Triomphe, mit Sacré Coeur im Rücken, über das Pariser Rathaus hinweg bis hinüber zur Sorbonne und zur Kuppel des Panthéon. Das ganze Panorama ist von dort wunderbar zu sehen.

... 



"Unser Lischen hat nur geschmunzelt  ..."


Aber eigentlich wollte ich dir erzählen, wie ich bei diesem kleinen Aufenthalt mit Regula den Louvre besuchte. Meine Frau war mit der jüngeren Tochter irgendwie unterwegs und es ging schon gegen Abend. Ich redete auf Regula ein, dass es eine Todsünde sei, Paris zu besuchen ohne den Louvre gesehen zu haben, das sei sozusagen wie ein Big Mac ohne Ketchup oder so. Sie wollte von diesem Louvre gar nichts wissen, fürchtete, es würde öde und langweilig werden. Schliesslich hatte ich sie soweit, dass wir etwa um 1600h, beim heiligen Versprechen, nicht länger als eine Stunde, die Karten lösten und ich sie also in diesen Louvre schleppte. Wir eilten förmlich durch die langen Gänge, wir fuhren Slalom zwischen den amerikanischen Touristen, wir hätten am besten die Inline-Skates mitgenommen, so eilig gingen wir den Klassikern entlang. Bei einigen besonders berühmten, etwa bei der Mona Lisa – wie ich mich erinnere – musste man sozusagen erst die Fliegen vor dem Bild verscheuchen, damit man kurz einen Blick drauf werfen konnte. Die Fliegen entpuppten sich als die mit Fotoapparaten bewaffneten Scharen von Japanern. So habe ich mir mit Regula den Louvre angeschaut, in einer knappen Stunde, es war praktisch ein Jogging Parcours. Und heute erinnert sie sich bloss noch an diese kleine Mona Lisa, die hinter dickem Glas und einer Traube von Japanern kaum zu sehen gewesen war. Doch unser Lischen hat nur geschmunzelt, das kann ich dir versichern, angesichts unserer Eile, so wie sie immer schmunzelt, angesichts des Lebenstempos unserer Tage. Jemand (weiss nicht mehr wer) hat einmal geschrieben, er hätte den Eindruck, Mona Lisa schaue ihn an wie seine Frau, wenn er nach Mitternacht heimkomme und behaupte, er hätte noch im Büro gearbeitet. Das hat er – so finde ich – schön und treffend gesagt. Sie lächelt in der Tat irgendwie ungläubig!

Aber im Grunde genommen wollte ich nur auf deinen Vorschlag eintreten, für den Louvre einen Tag zu reservieren. Es können meinetwegen auch zwei Tage sein, obwohl man ja in diesen Museen totmüde wird (und dann den Arm auf die Schulter seiner Freundin legt, um sich etwas abzustützen, wie du hilfsbereiter Weise vorgeschlagen hast), und obwohl es in Paris noch andere Sehenswürdigkeiten zu berücksichtigen gäbe. Schliesslich möchte ich, dass du mir einmal rasch die Sorbonne zeigst. Die kenne ich noch gar nicht und die würde mich sehr interessieren, obwohl ich irgendwo unter meinen alten Fotos eine Abbildung eines schweren klassizistischen Hofes habe, den ich mal in der Sorbonne geknipst hatte. Und gleich daneben habe ich ein Foto aus einer wunderschönen Bibliothek in der Nähe des Panthéon, benannt nach der Stadtheiligen, wenn ich mich nicht irre.

Nun ja, wir sind wieder einmal in Paris gelandet. Das ist unser kleinster gemeinschaftlicher Nenner, wie man in der Mathematik und im Bruchrechnen sagen würde. Unsere Wege führen nicht nach Rom, sondern nach Paris, meine Mausfreundin. Und hat nicht jemand, im Kampf der Konfessionen, gesagt, Paris sei eine Messe wert?, oder eine Sünde?, das weiss ich nun nicht mehr so genau, ist aber im Grunde auch kein grosser Unterschied.

Damit bin ich ziemlich nahtlos und organisch bei Faust und meiner katholischen Schule gelandet. Es ist in der Tat möglich, dass die katholische Mentalität der Grund war, weshalb wir uns nie an die Lektüre des Faust vorgewagt hatten. Ich kann mich noch schwach erinnern, wie uns der Professor (an dieser Schule nannte man damals die Lehrkräfte noch Professor, heute – so glaube ich – nicht mehr) damals mit geteilt hatte, er würde uns den Faust erlassen. Wir waren alle erleichtert und wir hatten den Eindruck, es sei die reine Barmherzigkeit des Lehrers, und nicht der profane und laszive Inhalt des Faust. Na ja, „lasziv" ist ein bisschen dick aufgetragen!

Es ist wunderschön, Marlena, wie du von deinen Jugenderinnerungen sprichst und von ...