Montag, 19. September 2016
Englisch oder Französisch?
Ämne: Re: rather longsized mail ...
Liebe Marlena
Vielen lieben Dank für Dein barockes Mail. Sie sind in der Tat wunderschön geworden, Deine Mails in letzter Zeit. Ich geniesse sie wie ein Festschmaus, jedes von ihnen.
*
Ein bisschen unfair bist Du darin, dass Du Dich nicht zwischen mir und meinem Chef entscheiden willst. Du sagst, klar, alle müssen Frühenglisch haben. Aber auch Französisch. Was jetzt nun, beides?? Das ist wohl nicht gut möglich, mit den Grundschülern schon mit zwei Fremdsprachen anzufangen, schliesslich müssen sie auch noch Hochdeutsch lernen, was sie im Alltag ja auch nicht brauchen. Das wären sozusagen drei fremde Sprachen, wie einige behaupten.
Nein, ich glaube, es geht wirklich um die harte Entscheidung: Französisch oder Englisch ab 2. Klasse? Ich bin, wie gesagt, für Englisch. Und ich habe gute Argumente:
Erstens: Englisch bietet, wie Du sagst, Anschluss zur Welt, zur Welt des Kommerzes, des Computers.
Zweitens: Kinder haben mehr Motivation, Englisch zu lernen als Französisch.
Drittens: Englisch ist leichter als Französisch, vor allem in der Anfangsstufe.
Viertens: Schüler auf dem praktischen Bildungsweg erreichen in 7 Jahren eine Kompetenz in Englisch, die ihnen im Beruf nützlich sein kann. In Französisch kommen sie kaum soweit, dass sie praktisch sprechen könnten.
Fünftes: Mein Chef behauptet, Sprache sei mehr als ein Verständigungsinstrument weltweit, mehr als eine lingua franca. Klar, hat er recht, aber auch das moderne Englisch ist Teil einer Kultur, der postmodernen, internationalistischen, übernationalen Kultur. Es ist ja nicht ein Queens-Englisch, das hier zur Diskussion steht, sondern eine Art Strassenvariante in hunderten von Akzenten. Wie nennt man dieses neue Englisch, das man überall spricht, mit einem sehr reduzierten Wortschatz? Es hat doch irgendwie einen Namen, den ich schon gehört habe?
Sechstens: Der Kulturstreit in der Schweiz wird nicht so heiss werden, wie mein Chef prognostiziert, weil auch die Romands Englisch lernen, und dann können wir mit ihnen Englisch reden, wenn es denn sein muss. Das geschieht schon heute gelegentlich im Militär beispielsweise.
Siebtens: Der Kulturstreit könnte sogar gemildert werden dadurch, dass wir uns nicht mehr zwischen Italienisch oder Französisch entscheiden müssen. Es wäre doch denkbar, dass die Tessiner enttäuscht sind, wenn wir Französisch wählten, und dass die Romands enttäuscht sind, wenn wir Italienisch wählen. Mit Englisch sind wir von beiden gleich weit entfernt, oder gleich nah respektive.
Achtens: Und die Romands und Tessiner können sich auch auf die Weltsprache Englisch konzentrieren, und müssen nicht zuerst noch Deutsch lernen, einfach, weil man in der Schweiz ohne Deutsch keine Karriere machen kann. In Zukunft wird man auch in der Schweiz die Karriere in Englisch machen.
Neuntens: Wenn alle Englisch können, wird es wieder geschätzt und exklusiv werden, Französisch auch noch zu können. Dann wird der Wert von Französisch bestimmt wieder steigen, vielleicht nicht für alle, aber für diejenigen, die sich auf Marktlücken vorbereiten.
So:
Findest Du denn nicht, Marlena, mein Chef sei längst k.o.? Seine Argumente sind doch ideologischer Natur, ein wenig nostalgisch. Und unter uns gesagt, ich vermute, dass er selbst kein Englisch kann. Aber das weiss ich nicht. Er ist sonst sehr kompetent und intelligent. Auf jeden Fall muss man doch konstatieren, dass, wenn man ein wenig herumreist, zu aller erst auf das Englische fällt, und kaum je auf Französisch. Sogar mit meiner belle soeur aus Paris spreche ich Englisch, wobei es bei ihr ja sünd und schade ist. Ich könnte nämlich viel von ihr lernen.
Also, meine liebe Marlena, ich hoffe doch sehr, dass Du Deine Pflicht tust und das Match entscheidest Er oder ich, das müssen wir jetzt wissen ;--))
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Nein, wenn ich regressive Trance sage, meine ich nicht, dass ich es bereue. Ich fand bei der Lektüre bloss, es wäre sehr schlecht formuliert, nachlässig und undiszipliniert. Vielleicht so, wie man auf der Couch des Psychiaters spricht? Nein, es ist keine Reue, eher etwas unwohl Dir gegenüber, wo Du doch immer perfekte und korrekte Sätze schreibst.
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Ja, wenn Du Dich richtig erinnerst, habe ich den Begriff Internet-Ehe erfunden und Dich damit ziemlich erschreckt! Kannst Du Dich erinnern? Damals warst Du noch sehr "korrekt" und als ich erzählte, ich träumte, mit Dir in Paris zu sein, hast Du Dich etwas indigniert gewundert, was den meine Frau dazu denke und dass sie sowas bestimmt nicht möge. Du hast mich praktisch zurechtgewiesen. Remember?? Es war köstlich. Es war wohl noch vor Deiner feinen und vorsichtigen Liebeserklärung, die ich immer noch in schönster Erinnerung habe. Und Du warst es, die das Symbol des Turmes erkannt und thematisiert hast. Das fand ich auch sehr schön, nun ja, ist es immer noch.
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Jetzt muss ich abschliessen. Noch kurz zu Dir, meine Liebe. Ich habe nicht Angst, dass Du zuviel von mir erwartest. Deine Art von Konzentration ist sehr schön. Du wirkst auch nicht zerrissen in Deinen Briefen. Vielleicht über die Zeit hinweg hatte ich gelegentlich den Eindruck, dass die Kontinuität leidet. Ich meine, Du hattest manchmal sehr merkwürdige Phasen, und ich wusste nicht und weiss nicht, was wirklich los war. Und dann bist Du wieder sehr präsent und manchmal scheinst Du glücklich, fast überglücklich gelegentlich. Aber so sind wir doch alle, Marlena. Die ruhigen und ausgeglichenen Menschen, wenn man sie näher kennt, sie sind meist auch noch ein bisschen anders. Diese Eindrücke sind doch meist die Folge der Distanz die man zu ihnen hat. Ich bin da sehr illusionslos geworden. Ich bin sicher, Menschen sind sehr menschlich.
Ich küsse Dich meine Liebe
...
Sonntag, 18. September 2016
Hello ...
Lieber ...,
Es ist schön dass du mich so lieb zu Hause Willkommen heisst. Ich habe es überstanden. Nur das Maulhalten ist mir nicht 100 %ig gelungen. Aber natürlich habe ich versucht deinen Rat zu befolgen. Ich würde dir gern erzählen was mich so stört aber ich möchte es lieber vergessen
Ach, weisst du, ich bin eigentlich etwas zu müde heute um zu schreiben. Die Worte wollen nicht richtig kommen.
"Schau mal hier!" bildet keine Realität ab aber es vermittelt eine Realität, nämlich meinen Willen dir etwas zu zeigen. Der sanfte Stoss und der Zeigefinger sind nur da um meinen Satz zu unterstreichen und dich darauf aufmerksam zu machen. Nein, ich habe nie Wittgenstein gelesen. Aber ich verstehe dass er seine Argumente auf eine sehr intelligente Weise vorbringt, sonst würdest du, mein lieber Schatz, dich nicht davon verführen lassen. ;-))
Es gibt doch so viel Realitäten die nicht unbedingt durch das Rohr der Sprache müssen. Wenn ich z.B. die Schönheit in der Natur geniesse oder ein gutes Musikstück. Ich kann es ganz ohne Worte tun und es ist Realität für mich. Es existiert ohne dass ich es erst mit Worten schaffen muss.
Dagegen glaube ich Gefühle kann man mit Worten schaffen und am Leben halten. Vielleicht nicht "schaffen" aber vermitteln. Und es ist wichtig dass man sie vermittelt...
*
Die Verzögerung deines Briefes hat wohl nicht mit den grossen Mengen Luft zwischen uns zu tun, sondern eher mit dem schweizerischen Postwerk. Ein Brief aus Zimbabwe nimmt ungefähr dieselbe Zeit wie ein Brief aus Basel. ;-) Nein, er war natürlich nicht geöffnet. Und Post von dir wird auch nie in falsche Hände geraten. Aber wozu überhaupt "snail-mails" senden wenn man sich doch hier so schnell und gut (und kostenlos?) verständigen kann? Nur wenn du mal etwas gezeichnet hast das du mich sehen lassen willst kannst du es mir zum Ansehen schicken.Ich kann es nachher wieder zurücksenden, falls du willst.
Ich habe heute Nacht ein paar Stunden wach gelegen und dabei habe ich dauernd deine lustigen Illustrationen zu deinem Artikel vor mir gesehen. Das Mobil hat sich vor meinen Augen gedreht und die Eltern in dem "Laufställchen?" haben unruhig Ausschau gehalten nach ihren Abkommen. Und dann unser Turm..
und der dahinter, in dem man nie Sprachverbisterungen finden wird da ja alle nur Englisch sprechen.
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Liebling, ich hoffe dass du verstehst wenn ich manchmal ein wenig mit Worten spiele. Dieses "Internetehe" z.B. warum sollte man es nicht so bezeichnen können? Viele Männer im Swisstalk sprechen sicher viel mehr mit anderen Frauen als mit ihren eigenen. "Seelische Emigranten" wie du es einmal genannt hast. Manchmal habe ich Angst dass du glaubst ich will zu viel von dir.. Es ist wahr.. ich möchte dich nie aus meinem Leben verlieren und wie man das Verhältnis zwischen uns nennt ist eigentlich egal. Du bist zwar nicht mehr dieser ruhige, ausgeglichene Mann, den ich anfangs zu kennen glaubte, aber ich schenke dir trotzdem immer mehr Vertrauen. Ich weiss, ich suche viel in dir.
Sag, warum bezeichnest du deine wunderschöne Schilderung deiner Kindheit plötzlich "regressive Trance"? Es hat mich sehr gefreut dass du mir so geschrieben hast. Dann fühle ich dass du mir wirklich nahe bist .. und nun scheinst du es fast zu bereuen.. warum?
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Eine "zufriedene, in sich ruhende Frau" würde ich gern sein. Dazu brauchte ich wohl ein anderes Schicksal :-) Aber vielleicht machst du auch nur Spass und merkst wie "zerrissen und disharmonisch" ich eigentlich bin. Und vielleicht ist es doch ein veritables Kunststück von mir der Umwelt ein solches Bild vermitteln zu können. Ja, sie kennt mich nicht, die Welt. Nach vielen Jahren sagte mir eine Kollegin, die ich sehr schätzte, sie hätte sich lange vor mir gefürchtet weil sie nie herausfinden konnte wer ich eigentlich sei.
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Ach, chéri, wenn ich alle Dummköpfe in ein Schliessfach stecken müsste, dann wären die längst schon alle überfüllt. Wir lassen sie herumlaufen. Man kann ihnen ja meistens aus dem Weg gehen. Leider nur "meistens".
Draussen schmettert der Regen nur so gegen die Fensterscheiben. K hat an diesem Wochenende fleissig im Garten gearbeitet und Anna hat zufrieden festgestellt: "Jetzt tut Pappa etwas, was Väter tun sollen". Es war ein vielsagender Satz.
Ich verlasse dich nun für heute. Bitte, lass mich bald wieder von dir hören.
In Liebe
Marlena
Samstag, 17. September 2016
Text als Text
Liebe Marlena
Es hat mich wirklich sehr gefreut zu sehen, wie Du Dich gefreut hast über die Post. Sie hat ja echt ewig gedauert. Aber man sieht daran nur, wieviel Luft zwischen uns ist. Und Luft ist nicht nichts. Das ist ein riesiges Kissen. Und durch dieses endlose Kissen schicken wir unsere Mails. Sie müssen in der Tat vorne spitz sein, sonst kommen sie kaum vorwärts.
(---)
Ja, Deine barocke schriftstellerische Statur ist wunderbar. Sie hat wirklich etwas Glänzendes und man denkt an eine zufriedene, in sich ruhende Frau, die rundum Liebe und Sicherheit ausstrahlt. Du solltest wirklich mehr schreiben, nicht nur für mich, für uns alle!!
Bevor Du aber anfängst, müssten wir vielleicht nochmals eine kleine Diskussion über den Text als Text machen. Ich habe schon Hemmungen, darüber zu sprechen. Und ich werde mich absolut hüten, auch nur ein Wort darüber in der Italobar zu verlieren. Was meinst Du denn wird Franco dabei denken??? Er würde zerstreut die falschen Cocktails mischen, würde irritiert doppelte Mengen Alkohol beigeben und solch schlimme Dinge. Nein, die Italobar ist nicht der Ort dazu, meine Liebe.
Weißt Du meine Liebe, wenn ich sage ein Text sei ein Text, dann meine ich nicht, es seien nur Worte oder gar Wörter. Doch warum ich es immer wieder sage, hängt schon damit zusammen, dass auch mein naiver Glaube stark in dieselbe Richtung geht wie Deiner. Das ist nämlich die Vorstellung, Wörter bilden Dinge ab. Das ist die Sprachtheorie, die Augustinus in seinen Bekenntnissen anklingen lässt. Doch ich habe mal in meinem Studium eine Arbeit geschrieben über Wittgensteins Sprachphilosophie. Kennst Du Wittgenstein? War ein Oesterreicher, aus absolut reicher Familie. Hat sein Erbe verschenkt und ist zuletzt in Cambridge als Philosophieprofessor gelandet. Ein Vertreter der "normal language philosophy". Anfangs seiner Karriere hatte er eine völlig andere Theorie. Er hat also im Laufe seiner akademischen Karriere eine 180° Wendung gemacht. Er war - überigens homosexuell - ein blendender Geist. Und seine philosophischen Untersuchungen sind ein Schatzkästlein von Ueberlegungen und Erkenntnissen. Zentral ist das, was er "Sprachspiel" nennt. Wittgenstein würde jetzt also Marlena antworten auf ihre Behauptung, Sprache bilde Realität ab:
Wenn ich sage "Schau mal hier!" Bildet denn ein solcher Satz Realität ab?? Wenn er etwas in der Realität ersetzt, dann wäre es mein sanfter Stoss an Marlenas Schultern, die sie auffordert, zu schauen. Oder meinen Zeigfinger. Bildet der Satz wirklich meinen Zeigfinger ab?
Siehst Du, so ungefähr argumentiert Wittgenstein in seinen "Philosophischen Untersuchungen". Und es ist sehr spannend, ihm auf die Schliche zu kommen. Aber es ist nicht so leicht. Mindestens damals brauchte ich noch weitere Lektüre, um wirklich zu verstehen, was er meint.
Und die allgemeinste Schlussforlgerung daraus wäre vielleicht: Was Du meinst, Marlena, welche Funktion Sprache erfüllen kann, das ist vielleicht eine Spielform. Aber es gibt daneben noch etliche andere. Und man soll die arme Sprache nicht auf eine einzige Variante festnageln. Das wäre schade.
Wenn ich sage: "Du bist mein Schatz". Ist das eine Abbildung der Realität? Nein, das ist es nicht. Es ist eher eine Generierung von Realität. Es schafft Realität. Und wenn wir daran denken, dass alles, was wir in dieser Welt wahrnehmen, durch dieses Rohr der Sprache hindurch muss, die Welt, unsere Gefühle, unsere Absichten und Aussichten und Vorsichten und Übersichten, dann kann man schliesslich doch irgendwie sagen: Alles ist Text. Es gibt nichts ausserhalb des Textes. Unser Bewusstsein ist Sprache, soweit wir es mit anderen Menschen teilen. Und das haben, wenn ich richtig verstehe, die Franzosen rund um Lacan gesagt. Die waren ja ein wenig monoman. Und sie behaupten, die Welt hat die Struktur der Sprache, glaube ich.
Ach siehst Du, jetzt habe ich mich wieder hinreissen lassen über den Text als Text zu sprechen. Du hast mich erwischt. Und dabei wollte ich eigentlich nicht. Und ich glaube, für Dich als Sprachlehrerin ist es auch nicht absolut wichtig.
(---)
Du bist sehr kritisch mit den Homines Sapentes männlicher Variante! Aushalten, Haushalten und Maulhalten klingt wie ein Durchhalteparole für den Krieg. Ach, Marlena, Du mit Deinem Charme brauchst doch nicht solch düstere Devise. Du besiegst sie doch mit Deinem Charme! Oder etwa nicht? Wenn nicht, gib mir einen Funk, dann komme ich vorbei und wir sprerren ihn auch ins Schliessfach. Damit haben wir doch Erfahrung.
*
Ich hoffe, Du hast eine gute Zeit gehabt. Und ich schick Dir dieses Mail jetzt. Dann hast du was im Box, wenn Du in die gute Stube trittst.
Ich küsse Dich, ich homo sapiens sapiens.
...
Freitag, 16. September 2016
Worte nur Worte?
Ämne: Roman-is-tik
Lieber...,
Danke für deine schnelle Antwort. Aber chéri, du musst dir wirklich keine Sorgen machen wegen deinen Fantasien. Ich liebe es wenn du so direkt drauflosschreibst ohne Korrektur und ich lache herzlich über deine manchmal etwas lustigen Gedanken. Natürlich bin ich ein wenig so wie du schreibst.. aber eigentlich nur wenn ich verliebt bin. Dann werde ich ein bisschen barock, das muss ich zugeben. ;-)
Ein Text ist ein Text sagst du wieder. Und das klingt irgendwie als ob du sagen würdest: Worte sind nur Worte. Dahinter keine Realität. Ich meine, zuerst ist die Realität und die Worte sind nur dazu da diese an einen anderen Menschen zu vermitteln. Ich kann nicht Realität mit Worten erzeugen. Oder was meinst du, mein lieber Mausfreund? Ich kann Gefühle hervorrufen damit, das stimmt sicher aber.. OK ich lasse es.. wir müssten es vielleicht mal in der Italobar diskutieren.
*
Ich schreibe dir noch heute weil ich morgen Nachmittag wegfahre mit meiner Klasse und "dem" Kollegen und erst am Mittwoch Abend zurückkomme. Zuerst war mir der Gedanke sehr zuwider aber da ich nicht davonkommen kann habe ich mich entschlossen das ganze als eine Herausforderung zu sehen und eine Möglichkeit dieses komische Exemplar von Homo Sapiens etwas näher zu studieren. Meine grösste Aufgabe wird sein nicht zu sagen was ich denke.. nach dem Motto: "Aushalten, Haushalten, Maulhalten"
*
Anna und ich waren den ganzen Nachmittag bis spät am Abend in der Stadt. Wir sind in etlichen Geschäften gewesen um ein wenig neue Kleider und Schuhe für die kalte Jahreszeit zu besorgen. Wir mussten diesen Tag dazu ausnutzen weil wir ja sonst nie gleichzeitig frei sind. Ich mag nicht die Luft der Kaufhäuser und die Leute die ihre Tage dort verbringen müssen tun mir wirklich leid.
*
Ach, ich muss immer wieder an deine lustige Schilderung von eurer Schule denken und dabei sehe ich euch unbemerkt unter den Bänken aus dem Klassenzimmer kriechen. Vielleicht war es eine sehr liebe Lehrerin, die ein Auge zugedrückt hat, weil sie euch ein wenig Freiheit gönnen wollte. :-) Jedenfalls muss ich mich beherrschen damit ich nicht plötzlich anfange zu lachen wenn ich daran denke. Es ist wirklich zu drollig.
Nun werde ich mir eine Tasse Tee machen und dann für morgen ein wenig packen. Es sieht aus nach Regen aber die Aktivitäten werden ja meist "indoors" stattfinden. Also kein Problem.
Danke nochmals für den Brief mit dem Artikel. Ich werde ihn im Bett heute Abend noch ein wenig studieren. Deine Zeichnungen sind auch so treffend. Ich gratuliere dir dazu.
Nun muss ich langsam gehen. Habe noch nicht meine Stunden für morgen Vormittag vorbereitet.
Am liebsten möchte ich dich nun umarmen weil ich dich so lieb habe.
Ganz platonisch ;-)
Ti voglio tanto bene.
Marlena
Montag, 12. September 2016
Ach ach - (12 september 2001)
Datum: den 12 september 2001 11:20
Liebe MarlenaJa, Du hast recht. Ich bin gestern abend frühzeitig vom Büro weg.
Ich hatte Auto und Koffer hierhin mitgenommen, so dass ich dann
gleich von der Arbeit zum Flughafen fahren könnte. Das habe ich
auch so gemacht, mit viel Zeitreserve, damit ich ja nicht in Zeitnot
käme. Im Zug habe ich noch einen Amerikaner aus Philadelphia
getroffen. Er hat mich gefragt, ob ich gehört hätte, was in Amerika
passiert sei. Ich wusste allerdings nicht viel. meine Sekretärin hatte
erzählt, dass ein Anschlag auf das World-Trade-Center geschehen
sei, aber sie sei während der Information am Radio durch ein Telefon
unterbrochen worden. So fuhr ich nichtsahnend hinaus zum Flughafen.
ich war so früh, dass ich meinen De Crecenzo hervor nahm, um mich
in der Lektüre zu vertiefen. Bald kamen Crista und Robert, der Zahnarzt.
Sie war käsebleich. Sie hatten kein Gepäck, das fiel mir sofort auf. Die
ersten Worte waren, dass sie nicht mitkommen würden. Ich dachte, etwas
Schreckliches wäre in ihrer Familie geschehen, ein Todesfall oder so.
Erst allmählich begriff ich, weshalb sie nicht reisen wollten. Sie hatten
sich schon mit den übrigen Teilnehmern abgesprochen. Und einzig mich
hatten sie telefonisch nicht mehr erreicht. Alle kamen, alle kamen ohne
Koffer. Nur V blieb zuhause. Sie war immer eine der änstlichsten
gewesen, schon wenn es um Kleiderfragen im Iran ging. So blieb mir
nur die Entscheidung, ob ich allein reisen sollte oder nicht. Und ich ent-
schied mich, auch nicht zu reisen.
Wir wollten sehen, wie sich die politische Situation entwickeln würde.
Das ganze hörte sich an wie Krieg. Und wenn die Perser, die ja mit den
palästinensischen Terroristen offenbar verfilzt sind, daran beteiligt wären,
dann würden wir dort in des Teufels Küche geraten. Ich für mich allein
wäre sehr wohl gereist. Aber meine Kameraden sind alle älter, im Pensions-
alter und haben natürlich ein grosses Sicherheitsbedürfnis.
Noch vom Flughafen habe ich A in Teheran erreicht und ihr die Situation
erklärt. Sie konnte es nicht glauben. S war gerade unterwegs. Sie hat
Früchte eingekauft und in die Hotelzimmer gebracht, damit die Gäste einen
schönen Empfang hätten. Später habe ich dann auch sie erreicht. Sie hat nicht
viel gesagt. Aber ich weiss, was sie gedacht hat. Sie denkt, was soll denn
diese Geschichte mit Teheran zu tun haben. In Teheran ist es absolut still
und normaler Alltag. Allerdings hatte sie erst in den Abendnachrichten von
den Ereignissen gehört.
Ich hatte Schlüssel und Auto im Büro gelassen, konnte also abends nicht mehr
heim, denn B war auch unterwegs. So habe ich bei R+C übernachtet.
Sie haben sich viel Mühe gegeben und wir haben ein einfaches Nachtessen
gehabt mit langen Diskussionen. Natürlich war auch ihr Eisschrank leer. Aber
es war gut, Brot, Fleisch und Käse mit einem Schluck roten Weines.
Und jetzt bin ich wieder im Büro, habe das Reisebüro informiert und gehe
bald heim.
Wie sagte Kästner: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.
Es ist schade, S hat sich soviel Mühe gegeben und alles perfekt
organisiert. Die Freunde sagen, wenn die Situation sicher ist, könnten wir
am Sonntag vielleicht abfliegen. Aber man denkt hier, dass vielleicht
Afghanistan von diesem Terrorkrieg betroffen sein wird, vielleicht auch Teheran.
Man weiss eben nicht viel Genaues. Allerdings wird es sonntags wohl kaum
mehr freie Plätze haben im Swissairflug nach Teheran. Es ist wirklich
jammerschade für all die Arbeit.
Das ist das Neueste. Ich werde mir jetzt ein paar Sachen zum Essen einkaufen.
Die letzten Kartoffeln und Zwiebeln hatte ich montags meinen Nachbarn gegeben.
Whatever will be will be.
Mit einem schönen Gruss
...
Sonntag, 11. September 2016
herbstlich
Liebe Marlena
Hier ein kurzer Zwischengruss. Gerade bin ich von Basel zurückgekommen. Ich hatte eine Sitzung mit meinen Leuten. Wir haben herrliches Herbstwetter, und man möchte am liebsten vor sich hin wandern und die Gedanken hinter sich am Boden nachziehen. Wie eine wunderbare farbenfrohe königliche Schleppe, die im Herbstlaub raschelt.
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Samstag, 10. September 2016
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