Sonntag, 18. September 2016

Hello ...



Lieber ...,

Es ist schön dass du mich so lieb zu Hause Willkommen heisst. Ich habe es überstanden. Nur das Maulhalten ist mir nicht 100 %ig gelungen. Aber natürlich habe ich versucht deinen Rat zu befolgen. Ich würde dir gern erzählen was mich so stört aber ich möchte es lieber vergessen

Ach, weisst du, ich bin eigentlich etwas zu müde heute um zu schreiben. Die Worte wollen nicht richtig kommen.

"Schau mal hier!" bildet keine Realität ab aber es vermittelt eine Realität, nämlich meinen Willen dir etwas zu zeigen. Der sanfte Stoss und der Zeigefinger sind nur da um meinen Satz zu unterstreichen und dich darauf aufmerksam zu machen. Nein, ich habe nie Wittgenstein gelesen. Aber ich verstehe dass er seine Argumente auf eine sehr intelligente Weise vorbringt, sonst würdest du, mein lieber Schatz, dich nicht davon verführen lassen. ;-))
Es gibt doch so viel Realitäten die nicht unbedingt durch das Rohr der Sprache müssen. Wenn ich z.B. die Schönheit in der Natur geniesse oder ein gutes Musikstück. Ich kann es ganz ohne Worte tun und es ist Realität für mich. Es existiert ohne dass ich es erst mit Worten schaffen muss.
Dagegen glaube ich Gefühle kann man mit Worten schaffen und am Leben halten. Vielleicht nicht "schaffen" aber vermitteln. Und es ist wichtig dass man sie vermittelt...
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Die Verzögerung deines Briefes hat wohl nicht mit den grossen Mengen Luft zwischen uns zu tun, sondern eher mit dem schweizerischen Postwerk. Ein Brief aus Zimbabwe nimmt ungefähr dieselbe Zeit wie ein Brief aus Basel. ;-) Nein, er war natürlich nicht geöffnet. Und Post von dir wird auch nie in falsche Hände geraten. Aber wozu überhaupt "snail-mails" senden wenn man sich doch hier so schnell und gut (und kostenlos?) verständigen kann? Nur wenn du mal etwas gezeichnet hast das du mich sehen lassen willst kannst du es mir zum Ansehen schicken.Ich kann es nachher wieder zurücksenden, falls du willst.

Ich habe heute Nacht ein paar Stunden wach gelegen und dabei habe ich dauernd deine lustigen Illustrationen zu deinem Artikel vor mir gesehen. Das Mobil hat sich vor meinen Augen gedreht und die Eltern in dem "Laufställchen?" haben unruhig Ausschau gehalten nach ihren Abkommen. Und dann unser Turm..



und der dahinter, in dem man nie Sprachverbisterungen finden wird da ja alle nur Englisch sprechen.

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Liebling, ich hoffe dass du verstehst wenn ich manchmal ein wenig mit Worten spiele. Dieses "Internetehe" z.B. warum sollte man es nicht so bezeichnen können? Viele Männer im Swisstalk sprechen sicher viel mehr mit anderen Frauen als mit ihren eigenen. "Seelische Emigranten" wie du es einmal genannt hast. Manchmal habe ich Angst dass du glaubst ich will zu viel von dir.. Es ist wahr.. ich möchte dich nie aus meinem Leben verlieren und wie man das Verhältnis zwischen uns nennt ist eigentlich egal. Du bist zwar nicht mehr dieser ruhige, ausgeglichene Mann, den ich anfangs zu kennen glaubte, aber ich schenke dir trotzdem immer mehr Vertrauen. Ich weiss, ich suche viel in dir.
Sag, warum bezeichnest du deine wunderschöne Schilderung deiner Kindheit plötzlich "regressive Trance"? Es hat mich sehr gefreut dass du mir so geschrieben hast. Dann fühle ich dass du mir wirklich nahe bist .. und nun scheinst du es fast zu bereuen.. warum?
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Eine "zufriedene, in sich ruhende Frau" würde ich gern sein. Dazu brauchte ich wohl ein anderes Schicksal :-) Aber vielleicht machst du auch nur Spass und merkst wie "zerrissen und disharmonisch" ich eigentlich bin. Und vielleicht ist es doch ein veritables Kunststück von mir der Umwelt ein solches Bild vermitteln zu können. Ja, sie kennt mich nicht, die Welt. Nach vielen Jahren sagte mir eine Kollegin, die ich sehr schätzte, sie hätte sich lange vor mir gefürchtet weil sie nie herausfinden konnte wer ich eigentlich sei.
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Ach, chéri, wenn ich alle Dummköpfe in ein Schliessfach stecken müsste, dann wären die längst schon alle überfüllt. Wir lassen sie herumlaufen. Man kann ihnen ja meistens aus dem Weg gehen. Leider nur "meistens".

Draussen schmettert der Regen nur so gegen die Fensterscheiben. K hat an diesem Wochenende fleissig im Garten gearbeitet und Anna hat zufrieden festgestellt: "Jetzt tut Pappa etwas, was Väter tun sollen". Es war ein vielsagender Satz.

Ich verlasse dich nun für heute. Bitte, lass mich bald wieder von dir hören.
In Liebe
Marlena

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