Montag, 4. Januar 2016
am Vierten
Ämne: RE: zum Vierten ...
Datum: den 4 januari 2004 18:06
Liebe Malou
Kann ich mir gut vorstellen, dass Schokolade mit Pfeffer gut zusammen gehen. So wie sich das Sanfte mit dem Heftigen nicht schlecht kombinieren lässt. Ach, ich denke, ich habe wirklich was verpasst. Aber vor allem hatte ich Lust auf eine echte Fischsuppe. Wenn wir in den Ferien in der Nähe des Meeres sind, bestelle ich mir stets solche Fischgerichte, von denen ich meine, dass sie in der Gegend oft und gerne gegessen werden. So wie ich dazu Landwein bestelle. Und eine gute Fischsuppe ist wirklich etwas besonderes.
Ich habe den Titel des Films mit Nicholson auch gesucht. Es hiess so etwa „as … as possible“, ich glaube im Deutschen etwa ‚so gut wie möglich’ oder ähnlich, mindestens diese Struktur war im Titel. Und vielleicht war das Wort ‚Liebe’ auch dring? Aber ich habe kein schriftliches Programm gefunden, um das Nachzulesen. S hatte den Film früher schon mal gesehen. Nicholson und Helen Hunt (?) haben ausgezeichnet gespielt. Der Homo daneben war ein bisschen weniger auffallend.
‚Vaya con Dios’ habe ich mal - nach Deinen häufigen begeisterten Bemerkungen und Deiner Empfehlung - gekauft. Nicht geklaut, wohlbemerkt. Die Geklaute ist irgend eine andere, ich weiss nicht mehr welche. Meine Töchter waren erstaunt, sie haben die Band längst gekannt. Mich hat sie dann doch nicht so eingenommen. Ich weiss nicht weshalb.
Na klar wäre ich für ein Date in der Italobar zu haben. Ich würde mir vielleicht sogar den Schlips anziehen. Aber ich bin schon lange nicht mehr im ST. Ich hatte ein paar Mal versucht, mich zu erinnern, wie das dort war. Na ja, es war manchmal lustig, aber sehr zeitaufwendig. Und ich glaube, es macht leicht abhängig, ähnlich wie Fernsehen.
Jemand hatte mir erklärt, weshalb so ein Talksystem gut für Leute ist, die im fortgeschrittenen Alter einen Partner suchen. Das hat mir eingeleuchtet. Mit einem gewissen Alter hat man so viele Präferenzen und Vorlieben, und damit natürlich auch Abneigungen und Bedingungen, so dass eine Partnersuche sehr schwer wird. Im Internet lernt man die Leute sozusagen von innen nach aussen kennen, dh. von den Gedanken, vom Gespräch her. Das Aussehen kommt zum Schluss. Solche Leute in fortgeschrittenem Alter brauchen eine grosse Population, um die Chance zu haben, jemanden zu finden. Sie sind ja auch nicht mehr so flexibel, sich jemandem anzupassen, der schlecht passt. Deshalb brauchen sie sozusagen ein grosses Bassin, um zu fischen. Und da Netz bietet das.
Ich habe mir schon oft gedacht, dass eine Art Partnervermittlung für mich ein guter Job wäre. Früher habe ich diese Suche über die Medien eher verachtet. Heute glaube ich, dass es dem modernen Leben entspricht, sich damit zu behelfen. Es entspricht der Mobilität moderner Menschen. Das heisst ja auch nicht, dass gleich jeder seine Frau in Teheran suchen muss.
Ich war heute nicht mit zu Onkelchen. Habe mich ziemlich schlecht gefühlt morgens, etwas Kopfweh und ein Gefühl von Fieber. So bin ich nochmals ins Bett gekrochen, nachdem ich eine Tablette geschluckt hatte. Und jetzt geht es besser. Jetzt bereite ich die Sitzung vor und beneide Dich, dass Du noch zwei Tage frei hast. Es ist UNGERECHT, und ich weiss nicht, was der liebe Gott sich dazu denkt!
GuK
...
Nochmals am dritten ...
Ämne: Nochmals am dritten..
Datum: den 4 januari 2004 01:55
Liebster Maufreund,
Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass du noch einmal geschrieben hast, obwohl mein Verstand das als ganz ausgeschlossen sah. Und wirklich, da lag noch ein kleines Mail von dir. Aber wie kommt das, chéri? Bist du in Exil? Spät am Samstagabend im Büro.. wenn ich S wäre würde ich mich schon etwas ängstigen.
Natürlich lade ich dich ein zu der Fischsuppe. Und nachher gab es Eis mit einer herrlichen Schokoladesauce, die mir Anna unbedingt zeigen wollte. Schlagsahne, Blockschokolade und.. du wirst es kaum glauben, Chilipfeffer. Zuerst waren wir nicht sicher ob wir statt Chilipfeffer eine lange schmale Paprikaschote gekauft hatten und um das zu erkundigen habe ich ein winzig kleines Stück in den Mund gesteckt. Uuhh... im ersten Moment habe ich mir die Feuerwehr herbeigewünscht. Aber die Sauce hat himmlisch geschmeckt zu dem Eis.
Die ganze Prozedur kam mir ein bisschen vor wie in dem Film ”Chokolat”. Kennst du den?
Ich habe grosse Lust bekommen den Film mit Nicholson, über den du so positiv schreibst, zu sehen. Vielleicht kann ich ihn auf Video finden. Kennst du den Titel auf englisch?
K spielt gerade eine meiner Lieblings-CDs unten. Ich weiss nicht ob du dir damals diese CD gekauft (oder gestohlen) hast.. ”Vaya con Dios” heisst sie und es tut fast ein bisschen weh sie anzuhören.
Heute Abend gab es übrigens ein Konzert im Fernsehen dirigiert von Riccardo Muti. Er musss sehr ”in” sein jetzt. Und vielleicht ist er wirklich etwas Besonderes. Nach deiner Beschreibung bin ich eigentlich ganz sicher, dass er das ist.
Ach wie schön! Möchtest du wirklich wieder einmal in die Italobar gehen? Es ist so lange her... Ich muss nur etwas Mut sammeln. :-)
Morgen ist schon wieder Sonntag. Fährst du wieder zu Onkelchen? Hast du dein Interview mit ihm schon fertig gemacht?
Ich sage dir nun gute Nacht und wünsche dir einen schönen Tag morgen.
G+K,
Malou
"süss und knackig"
Ämne: 3. Januar -04
Datum: den 3 januari 2004 17:58
Lieber ...,
Es ist bereits der dritte Tag des neuen Jahres. Heute habe ich Kopfschmerzen und auch Schmerzen in den Gliedern. Vielleicht habe ich eine leichtere Variante von der Grippe, die hier geht. Mein Kollege Å. hat was ähnliches gehabt. Wochenlang. Und wenn er glaubte auf dem Besserungsweg zu sein, war plötzlich alles wieder da. Es ist gut, das ich frei habe, so kann ich mich in Ruhe pflegen. Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, diesen Tag ganz einfach zu verschlafen.
Und du arbeitest schon wieder fleissig? Das tut fast niemand hier in Schweden. Alle nehmen sich frei an diesen ”Zwischentagen”, wie man sie nennt. K und ich beginnen wieder am Mittwoch und Anna wird wohl noch über das nächste Wochenende hier bleiben. Für die kommende Prüfung kann sie sich auch hier zu Hause vorbereiten.
Sie hat gerade eine kleine Pause gemacht und wir haben uns den ersten Teil der englischen Serie angeschaut, wo sich eine grosse Verwandtschaft versammelt. Ich liebe es diese exklusiven Milieus zu sehen und was sich hinter der eleganten Fassade verbirgt.
Sorry wegen dem Bild. Ohne Text, sagst du. Aber ich glaube es waren gerade die Worte ”süss und knackig” die mich irgendwie auf die falsche Spur gebracht haben. Das Wort ”knackig” habe ich zum ersten mal im Swisstalk gesehen, wo jemand seinen knackigen Hintern lobte und anbot. Übrigens, vielleicht sollte ich wieder mal nachsehen, ob sie nun mein Pseudo entfernt haben. Es ist eine komische Stelle geworden. Eine Art ”online-bordell”. Glaubst du unsere ”Italobar” hat sich auch so verändert? Würdest du gern mal dorthin gehen? (eine Frage!)
*
Ach? Du hast kein Sofa in deinem Büro? Und ich habe doch dauernd eins dort gesehen. Zwar kein grosses, aber immerhin ein Ding auf dem eine kleine Familie Platz hat.
Nein, Nicholson ist doch nicht ein Mann in meinem Geschmack. Na ja, vielleicht hatte er etwas, was mich anzog als ich so um die 30 war. Man lobt ihn als einen guten Schauspieler, aber ich finde er spielt immer wieder dieselbe Rolle. Diesen unerträglichen ”he-man”. In dem Film ”das Kuckucknest” hat er mir sehr gefallen. Du weisst, dort wo er in der Irrenanstalt revoltiert. Aber ich habe meinen Geschmack, was Männer betrifft verändert.
Nicholsontypen sind zwar unterhaltend zu studieren aber einen näheren Kontakt möchte ich nicht mit ihnen haben.
Es ist immer noch sehr kalt und die Landschaft liegt in tiefen Schnee eingebettet. Durch das Fenster ist es sehr schön aber man steckt nicht gern die Nase vor die Tür. Ein bisschen ängstlich bin ich, dass mein Auto nicht in Gang gehen wird, denn ich habe jetzt immerzu K’s Wagen genommen. Aber vielleicht wird es etwas wärmer bis Mittwoch.
Ich werde mich in der Küche nützlich machen. Krevetten schälen. Heute gibt es eine gute Fischsuppe mit verschiedenen Meeresfrüchten. Das mag ich sehr. Und dazu vielleicht einen Weisswein.
Ich wünsche auch dir einen schönen Abend,
mit lieben Grüssen und einem ganz besonderen Kuss,
Malou
3. Jan. Die falsche Karte?
Ämne: Die falsche Karte ? Sowas ...
Datum: den 3 januari 2004 14:23
Liebe Malou
Vielleicht war es die falsche Karte? Wo siehst Du einen müden Ehemann? Ist denn irgendwo ein Ehemann ? Vielleicht sogar ein Mann ? Eigentlich wollte ich eine Karte OHNE WORTE machen. Funktionierte dann nicht ganz, wie Du siehst. Na ja, war ja auch nur ein Versuch, Dich aufzuheitern! Mit Hansi war eigentlich die treue Amsel gemeint, die Du fotografiert hast. Ich bin erstaunt, wie ungenau ich manchmal denke. Aber darin liegt eben vielleicht meine Genialität, sozusagen !!
Heute muss ich mich langsam wieder in den alten Arbeits-Betrieb zwingen. Montags steht eine Sitzung an, sogar zwei, und um 16Uhr haben wir einen Neujahrsapero auf der Direktion. In den letzten Jahren bin ich dort kaum mehr hingegangen. Aber jetzt, mit dem neuen Chef, kann ich ihn doch nicht gleich zu Beginn so hängen lassen! Ich werde mich also hinbemühen und noch mit einigen Leuten das „Du“ machen. Du weißt, dass wir in der Schweiz als Erwachsene untereinander siezen. Und erst nach zwei oder drei Ewigkeiten entschliesst man sich dann, vielleicht nach einer Überdosis Weisswein, doch langsam zum ‚Du’ zu wechseln. Wir sind bei Weitem noch nicht so fortgeschritten wie die Skandinavier. Und eigentlich hatte ich vor einigen Jahren, als Du mir über die Gewohnheiten in Deinem Land erzählt hattest, die Idee, man könnte in der Schweiz einen Anlauf nehmen, um das allgemeine ‚Du’ einzuführen. Aber vielleicht sollte eine solche Initiative doch eher von den jungen Leuten kommen. Also warten wir weiterhin darauf.
Apropos Sofa! Im letzten Jahr habe ich mit dem Gedanken gespielt, hier in meinem Büro ein Sofa hinzustellen. Vielleicht wollte ich damit eine Gelegenheit haben, mich über die Mittagszeit ein bisschen auszustrecken? Aber auf der bewussten Ebene wollte ich doch eher eine gemütliche Sitzgelegenheit für die Leute, die kommen. Ein Sofa ist so ideal, weil man sich auf 100 verschiedene Arten drauf setzen kann. Bei einem Stuhl gibt es vielleicht 5 oder 10 Arten. Ein Stuhl ist psychologisch weit weniger ergiebig. Ein Sofa ist praktisch ein Rorschach-Test. Kennst Du ihn. Er wurde von einem Schweizer entwickelt und es geht darum, dass der Klient die vorgegebenen sinnlose Tintenbilder interpretieren soll. Genau so lässt sich ein Sofa verschiedenartig interpretieren, dh. eben zum Sitzen verwenden. Ich habe in meiner Bibliothek zuhause im Moment zwei Sofas, weil A. dasjenige, welches sie mitgenommen hatte, wieder zurückgebracht hat. Eines ist mit Leder, das andere mit Leinen bezogen. Beide sind weiss. Und beide sind, auf je eigene Art, schön. Deshalb wollte ich sie nicht von fremden Leuten hier im Büro zerquetschen und zerklekkern lassen. Ich bin also ins Brockenhaus gegangen, und habe -- eine Walliser Zinnkanne heimgebracht. Solch eine Kanne wollte ich schon immer. Seit Ewigkeiten habe ich mir solch ein Ding gewünscht. Aber diese hier ist lustig. Wenn man oben mit den zwei Eicheln, die auf dem Deckel stehen, letzteren öffnet, erscheint auf der Unterseite eine Eingravierung. Sie sagt: ‚Unserem lieben Kollegen zum 40 jährigen Arbeitsjubiläum’. Ist doch fantastisch. Ich habe meine Arbeitstätigkeit damit geradezu verdoppelt. Und kürzlich habe ich in einem Secondhandshop in Basel dazu noch einen feinen Zinnbecher gefunden, der dazu passt. Darin haben jetzt meine Farbstifte ihren Platz gefunden. Er sieht ziemlich elegant aus zum Preis von einer Tasse Kaffee. Aber das Sofa habe ich dann doch nicht mitgenommen. Es war zwar Leder, aber so schwer und breit, dass es mein Büro erschlagen hätte. Ich meine, Du weißt doch, wie eng es hier geworden ist mit all den Büchern. Du bist fast die einzige, die das weiss. Es sind in den letzten 2 oder 3 Jahren zwei- oder dreihundert neue Bücher dazu gekommen. Ich spiele mit dem Gedanken, eine Kindergartenseminaristin anzustellen, die den Kindern im Wartezimmer Geschichten vorliest. Das wäre, zum Beispiel zur Weihnachtszeit, eine gute Idee. Die Eltern könnten in der Zwischenzeit hier im Städtchen ihre Einkäufe machen. Aber die Weihnachtszeit ist ja eben zu Ende gegangen!
Ich weiss schon, es sind alle Fragen fragbar. Aber weil Du in diesen Dingen sparsam bist, möchte ich nicht. Und vielleicht ist es auch besser, wenn man das Interesse in diese Hinsicht ein bisschen zurückbindet. Es ist ja auch fairer gegenüber unseren Partnern, nicht wahr.
Ich habe gestern einen Film gesehen mit Nikelson (oder schreibt man Nicolson, vielleicht Nikolson, Nickelson oder ähnlich?), und habe dabei oft an Dich gedacht. Es ist - weiss Gott - lange her, seit ich einen Film von Anfang bis Ende angeschaut habe. Nikolson spielte einen zwangsneurotischen Schriftsteller, der sich ein bisschen - eben soweit ein Zwangsneurotiker das überhaupt kann - ein bisschen in eine Serviererin verliebt. Und daneben lebt sein Nachbar, eine Tunte (homo) und Maler mit seinem Hündchen und seinem schwarzen Lover und Bodyguard. Es war in der Tat eine extravagante Geschichte, ein psychologisches Meisterstück. Die Schauspieler, darunter eben Dein geschätzter Nikelson, haben ausgezeichnet gespielt, wirklich ausgezeichnet. Und auch die Kombination von Homosexualität und Zwangsneurose fand ich gut gewählt, denn die beiden Typen ergänzen sich bestens: während der eine seine Gefühle zuinnerst versteckt und gefangen hält, trägt sie der andere offen zur Schau. Der eine ist in jeder Hinsicht und immer wieder verletzend, weil er in seiner egomanen Manier keinen Zugang zu einem Sensorium für das Zwischenmenschliche findet, während der andere wie ein Seiltänzer jederzeit Harmonie und Balance sucht. Man konnte den Eindruck haben, Freud hätte das Stück gleich selbst geschrieben. Und bei aller Komik war der Film doch rundum traurig, zuzusehen, wie diese die Personen an sich selbst und gegenseitig aneinander litten.
***
Und jetzt war gerade die junge Lehrerin nochmals hier. Ich hatte ganz vergessen, dass wir einen Termin haben. Sie kam, wie letztes Mal, eigentlich zu spät und lachte deswegen, als sie eintrat. Und weil sie noch etwas verschlafen aussah, habe ich ihr zuerst mal einen Kaffee gemacht. Das gehört auch zur Beratung. Man muss die Leute ein bisschen pflegen, damit sie wieder zu sich selbst kommen.
Und jetzt muss ich doch langsam an meine Arbeit. Beginnst Du auch montags wieder mit der Arbeit, oder habt ihr noch eine Woche frei?
Mit lieben Grüssen und Küssen
...
Sonntag, 3. Januar 2016
Re: 2. Jan
Subject: RE: ...
Date: Fri, 02 Jan 2004 19:01:16 +0100
Liebe Malou
Ich war heute in Basel. Wollte nur für einen Moment aus dem Büro kommen. Aber in der Stadt war es ziemlich düster. Alle rennen schon wieder herum, weil sie jetzt den Ausverkauf riechen. Ich war bloss - na ja, wo denn ? - im Buchladen. Wahrscheinlich denken sie dort, ich hätte eine geheime Geliebte unter den Verkäuferinnen. Als ich jung war, hatte ich oft gedacht, eine Buchhändlerin wäre eine ideale Freundin für mich. Und dies nicht nur wegen der %%, die ich hätte erwarten dürfen. Mein damaliger Freund, ein Architekturstudent wie ich, hatte einen älteren Bruder. Dessen Freundin war Buchhändlerin, eine hübsche und freundliche Frau, eine Bernerin, wie ich aus dem Dialekt entnehmen konnte. Sie hatte in der Bahnhofstrasse gearbeitet. Das war für mich ein bisschen zu weit entfernt, wenn ich wirklich Bücher brauchte. Und im übrigen war sie auch schon älter. Aber jedes Mal, wenn ich in Zürich an diesem Laden vorbeigehe, steigt sie zurück in mein Gedächtnis, obwohl ich nicht mal mehr ihr Gesicht erinnern kann. Sie hatte schwarzes, eher kurzes Haar.
Wenn Du vom grünen Sofa erzählst, kommt Deine ganze Ehe mit ins Spiel. Da tauchen bei mir viele Fragen auf, die ich nicht fragen will. Ich stelle mir stattdessen lieber das grüne Sofa vor, ein Jugendstilsofa mit gestreiftem, seidenem Stoff bezogen, lindengrün würde ich sagen, mit beige, hübsch und leicht, aber doch nicht so unempfindlich, dass man darauf Liebe machen könnte. Ich meine, wegen der möglichen Flecken!
Ich habe gerade eine Neujahrskarte gemacht, in der Eile. Ich meine, sie gilt auch für Dich und Deinen Hansi.
Mit G und K
...
Ämne: RE: ??
Datum: den 3 januari 2004 00:56
Lieber ...,
Was soll ich zu deiner Karte sagen? Du kannst sehr gut illustrieren. ;-) Aber das Bild? Der Traum eines müden Ehemannes? An wen schickst du diese Karte? Ist sie für eine Zeitung gedacht?
Gibt es wirklich Fragen, die du nicht stellen kannst? Warum gibt es sie? Kennen wir uns nicht schon so lange, dass wir alle Fragen stellen können? Und wenn ich sie nicht beantworten kann oder will, dann kann ich es doch so wie du machen: sie ganz einfach übersehen.
Nein, mein lieber Mausgeliebter. Beim Betrachten des Sofas kommen mir nicht solche Gedanken wie du glaubst. Die Farbe ist wirklich, so wie du angenommen hast, in verschiedenen Nuancen von grün und so viel ich mich erinnern kann, hat es keine so aufregende oder romantische Geschichten erlebt, wie du glaubst. Viele tugendreiche junge Fräuleins haben sittsam darauf gesessen. Auch einige Männer. Vielleicht etwas weniger sittsam. Aber darauf gelegen hat nur K, damals in meiner früheren Wohnung, weil er von da aus gut fernsehen konnte. Aber nun steht es oben bei mir und nur manchmal, wenn ich abends sehr müde bin und noch nicht ins Bett will, lege ich mich darauf, ziehe eine Decke über mich und ... schlafe vielleicht ein. Aber ich liebe das Sofa. Alles daran ist schön. Und die Farbe ist wie balsam für eine gestresste Seele.
Anna und K sehen sich unten einen Krimi an und ich nehme mir etwas auf Video auf. Es ist eine englische Story und handelt von einem Mann, der plötzlich ganz unerwartet alle seine Verwandten übers Wochenende in ein flottes Hotel einlädt. Es sind hunderte von Leuten, von denen sich die meisten noch nie gesehen haben. Du kannst dir sicher vorstellen, was Engländer aus einer solchen Story alles machen können. Sie sind doch die Meister auf dem Gebiet.
Ich muss nun schliessen, wenn ich das Mail noch heute absenden will.
Sende dir einen lieben Gruss und Kuss,
Malou.
Was hatte dein Bild mit Hansi zu tun? Hast du das falsche geschickt???
Samstag, 2. Januar 2016
2. Januar
Ämne: 2. jan -04
Datum: den 2 januari 2004 18:32
Lieber ...,
Weisst du, dass wir nun unser fünftes Jahr zusammen beginnen? Und ich glaube fest, dass du dazu beitragen wirst es zu einem frohen, glücklichen und vielleicht sogar gesundem Jahr zu machen.
Wie schön du über den Dirigenten Mutti schreibst. Leider habe ich das Interview verpasst. Es muss wirklich etwas besonderes gewesen sein, wenn du so beeindruckt warst davon. Es ist auch gut für ein Land ein Evenement zu haben, was die ganze Welt für einen Augenblick die Blicke auf sie richten lässt. Du weisst, die Wiener träumen immer noch nostalgisch von alten kaiserlichen Zeiten und sie versuchen ihre Traditionen weiterzuführen. Das finde ich sehr schön. Und wir haben unsere Silvia, wie du sagst, und nicht zu vergessen unsere Victoria, die Kronprinzessin. Aber vor allem haben wir unser Nobelfest. Darauf bin ich besonders stolz.
*
Natürlich hast du Recht. Der grosse schwarze Vogel ist eine Amsel oder eine Schwarzdrossel, wie es in meinem Lexikon steht. Ich habe aus Versehen Kohlmeise geschrieben, weil der Vogel bei uns Koltrast heisst. Kohlmeisen sind doch die kleinen bunten Vöglein, von denen es eine Menge an unserem Futterkasten zu sehen gibt, und die sich immer in unserem Nistkasten niederlassen. Ach, wie lieb von dir, dass du dich anstrengst meinetwegen in dem schwarzen Ding eine Kohlmeise zu sehen. Ich liebe dich dafür.
Vor mir steht ein Bild von meinem letzten Lieblingskater Hansi. Wenn ich ihn anschaue spüre ich immer noch die Liebe, die mich mit diesem kleinen Kerlchen verband. Er war ein äusserst intelligentes Tier und er konnte apportieren wie ein Hund. Er sieht so lebendig aus auf dem Bild, dass ich ihn streicheln möchte. Vielleicht sollte ich mir doch wieder ein Tier besorgen.
Hier ist es kalt. Am Vormittag hatten wir -18 grad. Es soll ein bisschen wärmer werden aber zum Glück nicht so warm, dass der herrliche Schnee wegschmilzt.
Ich habe ein Mail von der kleinen Schweizerin bekommen, die nun wieder zu Hause in der Schweiz ist. Auch sie hat sich riesig gefreut über die Schneeflocken am Weihnachtsabend. Sie schreibt mir auf schwedisch und sie tut es gut, wenn man bedenkt, das sie nur ein Jahr hier gelebt hat.
Es ist herrlich so frei zu sein. Ich geniesse die Tage sehr. Anna hängt meistens über ihren Büchern aber bei den Mahlzeiten sind wir alle versammelt wie früher. Und wie immer essen wir bei Kerzenlicht und klassischer Musik. Es gehört irgendwie dazu und es macht jede Mahlzeit zu einem kleinen Fest.
Anna hatte übrigens am Silvesterabend ein ganz wunderbares Dessert gemacht. Eine herrliche Crème aus Himbeeren mit Vanilleeis und Mango. Es war wie ein Traum.
Hier neben mir steht mein schönes grünes Sofa. Ich habe es, als ich hierherzog gekauft. Es war der höchste Luxus damals und immer noch finde ich es sehr schön. Die übrigen Möbel, wie z.B. Bücherschränke, Schreibtisch und dergleichen habe ich eigentlich nur gekauft als zufällige Möbel, die hinhalten sollten bis K mit unserer früheren Eintrichtung hier einziehen würde. Damals, als ich wegzog, habe ich das Auto behalten und K hat dafür meine Wohnung und die Möbel übernommen. Es gab in den vergangenen Jahren, die Möglichkeit für ihn hier eine Anstellung zu finden, aber er hatte sehr gute Kollegen und Freunde dort und ich glaube wir haben einen richtigen Beschluss gefasst. Ich bin sogar sicher.
*
Es riecht gut von unten. K ist in der Küche beschäftigt. Ich hatte mir früher kaum vorstellen können, dass er einmal ein so vortrefflicher Koch werden sollte. Schade, dass sein Vater nicht mehr lebt. Sein Stolz wäre bis in den Himmel gewachsen. :-) . Als er vor vielen Jahren einmal eine Reise in das ”heilige Land” machte, ich glaube er war schon über 80 Jahre alt, fragten ihn ein paar ältere Damen in der Reisegesellschaft ob er möglicherweise mit K verwandt sein könne (der Name ist ungewöhnlich) und ich kann mir meinen lieben Schwiegervater vorstellen, wie er den Damen stolz erklärte, dass dieser berühmte K sein Sohn sei.
Siehst du, hier ist nichts neues passiert, von dem ich dir berichten könnte, aber es ist doch ein Mail geworden.
Vielleicht sollte ich das folgende nicht schreiben.. aber wenn du mich von oben bis unten küsst, dann kann ich es nicht sein lassen mir vorzustellen wie das wäre.. und meine S.. und M werden fast unerträglich gross.. Es ist ganz gegen unsere §§§ was du da tust.. weisst du das denn nicht? :-)
Ja, ich erinnere mich manchmal an die Episode mit deinem Auto.. und wenn ich über etwas losfluchen will, kann es vorkommen dass ich mich besinne und stattdessen deine Methode verwende. Jedenfalls wird es nicht schlimmer davon und der liebe Herrgott ist sicher dankbar ...
Ich muss wohl nun zu einem Ende kommen... am zweiten Tag des neuen Jahres..
So grüsse ich dich lieb und wünsche dir und deinen lieben alles Gute,
mit S+K,
Malou
Freitag, 1. Januar 2016
Re: Spät am 1. ...
Ämne: here again ...
Datum: den 2 januari 2004 11:54
Liebe Malou
Ach, solch ein schönes und langes Neujahrsmail! Ich bin sicher, das wird ein bestes 2004 werden. Besser kann es gar nicht beginnen.
Ich meinerseits muss mit einer Entschuldigung anfangen. Ich hatte gestern eigentlich ein Mail begonnen. Aber dann wurde ich schliesslich gegen Abend von S entführt, um meine Eltern zu besuchen. Und so ist es dann eben liegengeblieben. Tut mir leid.
Ich schicke Dir hier den Anfang dazu:
„“““
Auch ich wünsche Dir und Deinen Lieben ein gutes 2004. Wir sind schon 4 Schritte in diesem 21. Jahrhundert. Ist es nicht verrückt? Noch sind wir ganz gemütlich im 20. herumgehängt. Und wenn wir was davon erzählen, dann stammt das alles bloss aus dem „letzten Jahrhundert“. Ich habe immer noch die leere Millenium-Bier-Dose auf meinem Schrank stehen, die ich damals auf dem Ku, Kurfürstendamm in Berlin getrunken habe.
Wir haben keine wilden Dinge getrieben an diesem Silvester. Es war ein Abend wie sonst. Das ist eigentlich nicht sehr nach Ss Geschmack. Dafür nach meinem. Die Töchter waren unterwegs. Um 1 Uhr war ich im Bett.
Und heute habe ich am späteren Vormittag das Neujahrskonzert der Wiener Symphoniker gesehen. Das ist zu einer Tradition geworden. Doch noch mehr als das Konzert selbst hat mit der Vorspann und das Interview mit Riccardo Mutti, dem Dirigenten beeindruckt. Er ist ein sympathischer und intelligenter Kerl. Eigentlich weise, müsste man sagen. Stammt ursprünglich von Neapel, wie ich hörte. Mutti hat über die Musik und seine Arbeit gesprochen, und es war in der Tat hochinteressant. Ich glaube, Musik macht Menschen intelligent. Und macht sie auch ausgeglichen, macht Menschen echt menschlich. Das Gespräch hat mir so gut getan, wie man es von einer Predigt in der Kirche erwarten dürfte. Aber das Gespräch war ganz profan, obwohl Mutti auch über den Tod und die Art gesprochen hat, wie Italiener mit dem lieben Gott disputieren. Das war im Zusammenhang mit der Interpretation von Verdis Requiem, in welchem offenbar die italienische Volksseele herrscht. Und dazu hat er seinen grossen Respekt vor der Familie Strauss ausgedrückt, deren Musik die geniale Gratwanderung von Leichtigkeit und Tiefe zugleich glücke.
„“““
Und jetzt habe ich eben gerade Dein strahlendes Mail gelesen, geschrieben weit nach Mitternacht. Du bist wirklich lieb, Marlena, und ich danke Dir herzlich dafür. Ich würde Dich auch gerne rechts und links und oben und unten küssen, wenn ich denn könnte.
Wie Du jetzt weißt, habe ich mir auch das Wiener Konzert angehört. Ich habe den Fernseher schon um 09.00h eingestellt. Das war zu früh, und ich sass im Bademantel in der Stube herum, habe am Orangensaft geschlürft und ein bisschen Pastete gegessen. Dann haben sie eben dieses Interview mit Ricardo Mutti gezeigt, das mich sosehr berührt hat. Na ja, wahrscheinlich war auch die Tatsache, dass er ein schöner und vitaler Mann ist sehr beeindruckend. Doch was er gesagt hat, hat mir so gut gefallen, dass ich ganz begeistert war. Und das passiert nicht zu oft. Und so habe ich dann das Konzert, das Strauss Vater zum Thema hatte, sehr gut gefallen. Ich finde es grossartig, wie die Oesterreicher diesen Moment nutzen, um sich in der ganzen Welt berühmt und beliebt zu machen. Sie tun das sehr geschickt und sympathisch. Und ich finde, die Schweizer könnten nur davon lernen. Die Schweden brauchen das nicht, denn ihr habt ja nun Eure Silvia ;--)
Und dann habt Ihr jenen Film gesehen, den man überall an Silvester zeigt. Ja, ich habe ihn schon x-mal gesehen, aber dieses Jahr nicht. Ich mag ihn sehr. Wir nennen ihn „the same procedure as last year…“, aber vielleicht ist das nicht der echte Titel. Ich hatte auch mal einen Film über die Entstehung dieses kleinen Werkes gesehen. Es war ja ursprünglich ein Theaterstück und wurde von einem Engländer sozusagen im Einmannbetrieb in England aufgeführt. Ich glaube, er hatte sogar die Rechte dafür gekauft. Und nun hat man das kleine Kammerstücklein fürs Fernsehen entdeckt. Na ja, was heisst ‚nun’? Es sind schon einige Jahre her. Es ist für mich ein Paradestück: sparsam in den Personen, Einheit von Ort, Zeit und Handlung, Fantasie treibend, mit kleinen lustigen Gags und kleinen erotischen Anspielungen. Das ist perfekt gemacht. Ich wäre gern der Autor eines solchen Stückes. Und schliesslich wirkt es wie eine Fabel. Je mehr man das Stück hört und sieht, desto mehr gewinnt es.
Und in diesem Zusammenhang muss ich Dir sagen, wie sehr ich geschmunzelt habe ob Deinen Worten, meine Mails würden durch Alkohol etwas Besonderes gewinnen. Ach, Malou, ich könnte aus der Beziehung zum Wein eine ganze Philosophie entwickeln. Ich habe damals im Wallis wirklich einen soliden Grundkurs im Umgang mit diesen Getränken erhalten. Ich bin noch heute erstaunt, wie tolerant meine Eltern gewesen sind, die doch sicherlich einiges mitbekommen haben. Sie selbst haben immer sehr wenig getrunken. Aber wenn ich heute zurückdenke, finde ich, der Alkohol hat, neben den vielen negativen Seiten, etwas sehr Verbindendes im Wallis. Für ein paar Stunden, wenn man zusammen bei einer Flasche sitzt, wird die Welt weit und leicht und man fühlt sich mit allen und allem verbunden. Es ist ein bisschen wie das, was man von der heilenden Wirkung des Carnevals sagt. Für einen Moment ist die Welt auf den Kopf gestellt und erlaubt einen freien Blick und ein Moment der Wahrheit. Doch hier im Raume Basel hat der Alkohol nicht dieselbe Wirkung. Die Menschen hier sind sehr streng und verachten jemanden, der im Rausch über die Stränge schlägt. So habe mich eigentlich sehr vom Alkohol zurückgezogen. Aber ich bin nicht geheilt, das kann ich Dir sagen, Malou. Ich könnte immer noch an einem trüben Sonntagnachmittag gerne ein Glas Malvoisie trinken, um dann ganz heiter und weitsichtig und menschenfreundlich zu werden. In solchen Momenten geht dann das Schreiben ganz leicht. In einem solchen Moment ist alles lebendig und in Harmonie. Aber ich weiss schon, dass ich im Rufe stehe, bei meinem Schreiben ‚drogué’ zu sein. (Gibt es dieses Wort?). Es gefällt mir auch, das zu hören, und es erinnert mich an Rimbaud, von dem Du auch viel hälst.
Und mit deinen Rezepten gegen die Melancholie bist Du so lieb und fleissig, dass ich ganz gerührt bin. Ach, Du sprichst wie jemand, der sich darin auskennt. Und man könnte soviel dagegen tun: Arbeiten, Alkohol, Liebe, Schokolade, Licht, Sonne, Gericomplex !!!. Ach Malou, ich glaube, ich will meine Melancholien nicht ausrotten, ich will sie nur ein bisschen in die Kontrolle bekommen. Und ich weiss, wenn sie kommt, was ich tun könnte. Aber ich will nichts dagegen tun!! Das ist das Problem!! Sie ist wie eine Geliebte, der du nicht widerstehen kannst. Sie ist vielleicht so ähnlich wie der Alkohol. Sie ist schön, anregend, aber sie passt nicht in ein Leben mit Arbeit und Terminen. So sieht das Problem aus. Aber ich danke Dir für die guten Tipps. Ich werde mir hier eine kleine Hausapotheke aufstellen und sie mit all den Dingen füllen, die Du mir empfohlen hast: Arbeit gibt’s ohnehin rundum; eine Flasche guten Whisky, Liebe (à la distance) kein Mangel, Gericomplex klar. Vielleicht mit Sonne und Licht muss ich noch eine Lösung finden? Ich sitze ein bisschen zuviel hier in meinem Büro auf der Schattenseite. Darauf werde ich achten. Da haben mich auch schon andere aufmerksam gemacht.
Ja, die Knallerei gegen die bösen Geister an Silvester, das habe ich nie wirklich geschätzt. Und ich sehe in diesen Feuerwerken vor allem das Spiel von Männern, die wieder kleine Jungs sein möchten. Und dann gibt es natürlich auch kleine Jungs, die das gerne tun. Und dann wird es doch leicht gefährlich. Ich mag Knallereien nicht. Hab ich Dir mal erzählt, wie ich meine Zeiten im Militär überlebt habe? Ich hatte damals 4 Kanonen mit Männern und Fahrzeugen zu dirigieren. Aber ich war ein Dirigent, der während des Konzerts davonlief ;--)) Ich ertrug diese Knallerei nicht allzu lange und wurde ganz nervös und ungeduldig. Und so habe ich meine Unteroffiziere beauftragt, das ganze in die Hand zu nehmen, die Schiessübungen zu leiten, und ich habe mit meinem Chauffeur das Weite gesucht. Wir suchten uns in der Umgebung ein Restaurant oder wir gingen im Wald spazieren. Das war ganz gemütlich, wenn nicht im Hintergrund die Vorstellung gedroht hätte, irgend ein hoher General könnte plötzlich auftauchen und feststellen, dass ich nicht auf dem Schiessplatz sei und dass das doch alles sehr gefährlich werden könnte. Das hätte bestimmt unangenehme Konsequenzen gehabt. Aber ich bin ihnen nie in die Falle gegangen. Es ist wie überall: Hauptsache, nicht erwischt zu werden.
Aber diese Tradition gegen die Geister ist doch interessant. Ich wollte ohnehin gerne wieder mal eine kleine Kolumne für die Zeitung hier schreiben, und hatte mir gedacht, dass das ein Thema zu aktuellem Anlass wäre. Es gibt da verschiedene Gedanken, die ich miteinander verbinden könnte. Es gibt diese wunderhübsche Anekdote über Niels Bohr, den dänischen Physiker. Habe ich Dir bestimmt schon erzählt. Zur Frage, ob er an die Wirkung des Hufeisens über dem Eingang in sein Wochenendhaus glaube, sagte Bohr, nein, er glaube absolut nicht daran, aber es gebe Leute, die behaupten, so was wirke auch bei Menschen, die nicht daran glaubten. Sehr gut gedacht, nicht wahr? Besonders gut für ein Naturwissenschafter!
Dann habe ich die hübsche Erinnerung an unseren alten PW, diesen Audi, dessen Zündschlüssel zu klemmen pflegte, und dem ich dann jeweils gut zureden musste, damit er sich erweichen liess, wieder zu funktionieren. Man kann daran zeigen, dass wir- sofern wir das wollen - sogar in der Lage sind, das Herz eines Autos zu erweichen. Sodann gibt es im Mittelmeerraum und im Orient diese Vorstellungen über „den bösen Blick“. Sie verstehen - z.B. im Iran - darunter fast eine materielle Substanz, so etwas wie negative Strahlung, eine Art Gift. Und dagegen gibt es verschiedene Techniken und Strategien. Wir Westler lächeln natürlich über solche Dinge. Aber diese Vorstellungen scheinen doch seit alters sehr verbreitet, und wohl auch wirksam. Und schliesslich habe ich kürzlich einen hübschen Essay (so würde man das wohl nennen?) von Kafka gelesen mit dem Titel „das Schweigen der Sirenen“. Er sinniert über die Überlieferung, dass Odysseus sich mit Wachs in den Ohren an den Schiffsmast ketten liess, um der verführerischen Gefahr und dem Gesang der Sirenen zu entgehen. Kafka meinte, dass die weit stärkere Waffe der Sirenen ihr Schweigen gewesen sein könnte, dem nun wirklich nicht beizukommen gewesen wäre, weil doch jedermann auf die Gefährlichkeit ihres Gesanges hielt. Doch Odysseus hörte ihr Schweigen nicht und vertraute seiner getroffenen Massnahme. Er hat sich gerettet, indem er sozusagen an seinen Glauben glaubte und an der dazu gehörigen (aber eben erfundenen) Gefahr festhielt. Und das gerade war wirksam.
*
Deine Kohlmeise gefällt mir. Sie sieht zwar im Bild aus wie eine Amsel (so dunkel), aber das macht vielleicht das Licht. Die Vögel bei Euch oben müssen sich in der Tat wunderliche Dinge ausdenken, um überleben zu können. Und so schliessen sie sich den Menschen näher an als bei uns vielleicht. So hast Du praktisch eine Nachfolge für den verstorbenen Wellensittich?
Jetzt will ich Dir meine Zeilen senden, um der Gefahr zu entgehen, sie wieder hier liegen zu lassen.
Ich wünsche Dir mit Deiner Familie ein herrliches und frohes, gesundes und glückliches Jahr. Und ich hoffe, dass wir zusammen mit unserer Mailerei dazu einen kleinen Beitrag leisten können.
Mit G&K
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