Mittwoch, 5. August 2015

.. über Rilke und die Duineser Elegien


Kirche von Raron von oben

Liebe Marlena
...
Lass mich dir etwas über Rilke und die Duineser Elegien sagen. Es wäre zwar schöner, das gerade ans Gespräch über das Gedicht "Nachbar Gott" anzuhängen. Ich stelle mir dazu einen Winterabend vor, vielleicht im Wallis, in einem alten Raum mit einem Holzofen. An den kleinen Fenstern glitzern die Eisblumen, weil es draussen kalt ist und der Schnee liegt. Aber hier ist es warm, und wir haben einen goldgelben Schluck Malvoisier, dazu ein paar Nüsse und Käse vielleicht. Ach, ich könnte dir auch einen Marc anbieten, aber das ist vielleicht nicht so dein Geschmack, diese starken Wasser.

Also, meine Liebe, wir waren bei Rilke. Im Dezember 1909 lernte Rilke in Paris die Fürstin Marie von Thurn und Taxis, eine geborene Prinzessin Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst (wow!) kennen. Sie hatte ihn zum Tee eingeladen. Und im Frühjahr 1910 weilte Rilke als Gast der Fürstin auf dem Adria-Schloss in Duino bei Triest. Rilke hatte in Marie von Thurn und Taxis nach der Fertigstellung seines Romans die Aufzeichnungen des Malte laudids Brigge eine hilfreiche Freundin gefunden, die seiner Unruhe, Heimatlosigkeit und Einsamkeit zeitweise ein Asyl bieten konnte. 1911 erhielt er nach einem bewegten und verzettelten Jahr erneut eine Einladung nach Duino. Er antwortete im September 1911: "Welcher Segen, dass Sie mich in Duino verbergen wollen: als ein Flüchtling, wie unter fremdem Namen, will ich mich dort aufhalten, nur Sie sollen wissen, dass ichs bin".

Im Oktober verliess Rilke Paris. Das Auto der Fürstin brachte ihn über die Provence und Norditalien nach Duino. Er war vom 22. Oktober bis zum 9. Mai 1912 ihr Gast. Nach der Abreise der Fürstin blieb er mit wenigen Dienstboten im Schloss, das auf einem steilen Karstfelsen über der Adria steht. Er zog sich einsam zurück und spielte unentschlossen mit dem Gedanken, sich einer Psychoanalyse zu unterziehen. In diesen Tagen des Januars 1912 ergriff ihn ein Zustand, den er später gern als Offenbarung darstellte. Dieses Ergriffenwerden und Inspiriertsein ist nicht nach dem Eros des willentlich und nüchtern betriebenen Arbeitsprozesses verstanden, sondern nach alter platonischer Vorstellung einer göttlichen Sendung des Dichters. Rilke soll auf dem Schloss, wo angeblich schon Dante verweilt hatte, aus dem Brausen des Sturmes die offenbarende Stimme gehört haben:
"Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?"...

Die Fürstin schildert, dass er das Notizbuch, das er stets mit sich führte, hervornahm und die Worte niederschrieb. Und am Abend soll er die ganze erste Elegie niedergeschrieben haben, erinnert sich die Gastgeberin, und ein Brief Rilkes vom 21 Januar 1912 bestätigt es: "Da kommt endlich, liebe Fürstin, um Ihnen immer zu bleiben, das kleine grüne Buch zu Ihnen zurück, höchst eigenmächtig vollgeschrieben mit der ersten duineser Arbeit - für die es genau gemacht war".

Das war der Durchbruch zu einem neuen Werk. Und es führte dazu, dass er dem Arzt seiner Frau, Freiherr Emil von Gebsattel mitteilte, dass er von einer psychoanalytischen Behandlung wieder Abstand nehme. Er wird seine Arbeit als Selbstbehandlung verstehen.
Die schreibende Selbstanalyse schreitet recht erfolgreich voran. Jetzt ist es nicht mehr bloss Eingebung oder Offenbarung, sondern planmässig vorangetriebene Schreibarbeit. Doch der hohe und verpflichtende Stil der gewählten Gattung Elegie als grosser Klagegesang hat inhaltlich noch kein Ziel. Die Preisung und Rühmung der Welt ist noch kein absolutes Thema.

Mit der ersten Elegie hat Rilke die grosse Metapher des "Engels" gesetzt. In dessen Zeichen und Schatten werden die Grundbedingungen des menschlichen Daseins ausgebreitet. Mit der zweiten Elegie tritt der Engel ganz ins Blickfeld. Er grenzt sich gegen die menschlichen Möglichkeiten am Beispiel der Liebe oder unter Erfahrung der Vergänglichkeit und des Todes von dessen Existenz aus. Der Engel bleibt lange das zentrale Medium der Elegien und der Masstab, mit dem Mensch und Welt vermessen wird.
Für seine Aufgabe hat Rilke mit grosser Freiheit an den Traditionen der deutschen Literatur angeknüpft, die von Klopstock und Hölderlin begründet wurden. Die Elegie als eine Form der hohen Lyrik ist bei ihm losgelöst von alten Formkriterien. Er sucht einen wehmutvoll klagenden Grundton in weiten, gelegentlich abgebrochenen Satzbögen, einen Kult der Langzeilen, von denen jede als ein subtiler Balanceakt gelten darf. Die eigenwilligen Schwingungen, die freie Rhythmik und die kühn verschränkten sprachlichen Neubildungen, Bilder und Metaphern schafft Rilke nicht zuletzt durch ein formales Mittel, das er meisterhaft einzusetzen weiss: das Enjambement. Gegen alle Tradition verwendet er den sogenannten Zeilensprung - sonst eher die Ausnahme - das Hinüberführen des Sinn- und Satzzusammenhangs auf exzessive, ja fast provokante Weise. Satz- und Versende fallen selten zusammen, und der Zeilensprung findet sich selbst am Ende einer Strophe, wobei die strophische Gliederung und der Strophenabschluss ihrerseits ausserhalb der Konventionen erfolgen. Rilkes Klagegesang wird so zum Medium der Reflexion.

Im Spätherbst 1913 kam Rilkes Arbeitsphase am Zyklus zu einem Stillstand. Und erst 1921, als er in Schloss Muzot einzog, konnte er die Elegien endlich fortsetzen und vollenden. 1922 im Januar schrieb er an Marie von Thurn und Taxis: "Meine theuere Fürstin, so steht, mit Ihrem gütigen Neujahrs-Gruss, wieder einmal Duino vor mir, während ich hier beschäftigt bin, den dortigen Erinnerungen so nah als möglich zu kommen, in meiner Einsamkeit, an sie anzuschliessen, sie fortzusetzen - , das Verlorene mindestens in mir wieder aufzubauen!".

Während er also daran ging, die Elegien fortzusetzen, werden ihm unverhofft - so seine Formulierung - durch göttliche Inspiration, die Sonette an Orpheus geschenkt. Bis im Februar 1922 hat er die gesamte Elegiendichtung beendet. Und im Glück der Vollendung sieht er auch für sich selbst, wie im Werk, die Balance zwischen Klage und Jubel gefunden - gelungene Selbsttherapie. So sind die Duineser Elegien ein Balanceakt hohen Stils am Beginn der Moderne. Sie erscheinen 1923 in einer Vorzugs- und einer allgemeinen Ausgabe. 1925 verfasst Rilke in Muzot sein Testament. Am 4. Dezember, zu seinem 50. Geburtstag, ist er allein in Muzot. Am 29. Dezember 1926 stirbt er an Leukämie. Der Arzt der Klinik Val-Mont Dr. Haemmerli: "A 3 heures 30, il levait légèrement la tête les yeux grands ouverts et retombait mort dans mes bras. Il y avait Mme Wunderly et la garde..." Im Sarg wird Rilke aus der Klinik getragen und mit einem Schlitten in eine Kapelle gebracht,wo man ihn aufbahrt, bis er nach Raron überführt wird. Eine totenmaske wird nicht abgenommen, er wird auch nicht gezeichnet oder photographiert. Am 2. Januar: In eisiger Kälte wird Rilke auf dem Bergfriedhof von Raron beigesetzt, wie er es bestimmt hatte. In der Kirche, an deren Aussenmauer das Grab liegt, wird eine stille Messe gelesen. Alma Moodie spielt Bach. Es spricht für den Schweizerischen Schriftstellerverein und die Schweizerische Schillerstiftung Eduard Korrodi: "Ein paar Menschen nur stehen wir am Grab des doch von ungezählten Menschen geliebten Dichters.." Für die Freunde aus der französischen Schweiz ruft René Morax über das offene Grab: "Adieu, grand poète!". Später lässt die Fürstin Taxis durch Freunde einen Lorbeerkranz am Grabe niederlegen: "Au poète incomparable, au cher et fidèle ami".

Lieb wie du bist, hast du mir ein Foto der Kirche von Raron geschickt. Ich glaube, wir hatten genau dieses alte Bild in unserem Literaturbuch im Gymnasium. Es ist schon sehr alt, wie man am Vordergrund sehen kann. Man sieht an die Wand der Kirche, die zum Tal liegt. Das Rilke Grab ist ungefähr zwischen diesen beiden Kirchenfenstern, die man sieht. Es ist ganz einfach, eine Steintafel und ich glaube, ein Rosenstrauch. Ich habe ein schönes Foto vom Grab. Das will ich dir mal schicken, zusammen mit meiner Aufnahme von Muzot.
Vor dieser Mauer ist ein kleiner Hof. Und von dort sieht man hinunter ins Tal. Ich glaube, diesen Ausblick hat Rilke veranlasst, sein Grab dort oben zu wünschen. Der Ausblich ist nämlich wunderbar, zum Beispiel in die Abendsonne hinein, also gegen das Licht. Heute ist zwar das Tal ziemlich überbaut mit Häuser und Strassen. Aber ein bisschen kann man noch ahnen, wie es gewesen sein könnte. Es ist wirklich ein schöner Punkt, und es gibt oft ziemlich Wind dort oben. Liebe Marlena, du wirst deine Haare etwas binden müssen! Ach es ist schön im Wallis. Das Klima warm, die Menschen, diese Provenzalen so lieb und loyal und lebenslustig, und alles ist so nah beisammen in diesem Tal. In der Nacht siehst du rundum Lichter der Dörfer an den Berghängen. Du fühlst dich eingebettet wie in einem grossen Zimmer.
*
Vielleicht wartest du auf mein Mail. Vielleicht auch noch nicht. Ich bin froh, dass wir diesen Rilke haben. Er ist ein Kapitel der maladi. Und es ist mir eine schöne Gelegenheit, dieses und jenes wieder einmal nachzulesen.
Ich wünsche dir eine schöne Zeit mit deinen Lieben.
G&K

Donnerstag, 9. Juli 2015

Dienstag, 7. Juli 2015

Fliegen-Mail




...

Und vielleicht noch mehr als Wolfowitz ärgert mich hier in meinem
Büro die Fliege, die herumfliegt, ohne mich vorher gefragt zu haben.
Ich hasse das. Vielleicht deuten Fliegen den kommenden Frühling an.
Tut nichts, ich hasse sie. Vielleicht gehören sie zur Natur und zu ihrer
erstaunlichen Überlebenskunst. Tut nichts, ich hasse sie. Früher war
ich niemal so empfindlich. Visp war bekannt für die Fliegen.
Eigentlich war unter Wallisern Fliege der Nickname für einen Visper.
Und es gab einen kleinen Witz, den wir als Kinder gerne und lachend
erzählt hatten. Es gab damals in Visp an der Bahnhofstrasse die
Bäckerei Abegg. Jedermann holte dort sein Brot. Und natürlich
kauften wir Kinder beim Abegg unsere Süssigkeiten. Abegg hatte
diese wunderbaren, riesigen Moorenköpfe, wie wir sie nannten,
supersüss und superklebrig. Sie kosteten damals eine Kleinigkeit
von 20 Rappen, was natürlich für unser Budget keine Bagatelle
war. Aber sie schmeckten wirklich wunderbar, diese schneeweisse
Eiweiss-Zucker-Masse, und rundum der knackige Schokoladenmantel.
Ich habe den Gechmack noch heute auf der Zunge. Aus diesen
Gründen war Abegg für uns Kinder ein bemerkenswerter Ort.

Doch der kleine Witz: Da soll eines Tages ein bessere Frau in die
Bäckerei Abegg gekommen sein, eine Doktorsfrau von einem dieser
Chemikern der Lonza. Sie schaute sich kritisch um und fragte dann
die rundliche Frau Abegg, wieviel denn dieser Heidelbeerkuchen
koste. Frau Abegg wedelte und bliess die vielen Fliegen vom Kuchen
weg und stellte fest, dass dies ein ganz normaler und kostengünstiger
Apfelkuchen sei.

Sonntag, 5. Juli 2015

das Wichtigste


date 8 April 2006 12:28
subject Re: Du siehst..


Liebe Malou
Du sagst ".. nichts Neues im Moment". Gehst du denn davon aus, dass ich das Neuste hören müsste oder möchte? Davon gehe ich nun ganz und gar nicht aus. Ich bin eher interessiert am Ältesten, an dem, was zuunterst liegt, am Fundament im Boden sozusagen. Das Neueste ist meist das Ephemerste (gibt es ein solches Wort? Wenn nicht, dann sollte man es erfinden. Ich weiss, dass es Ephemeriden gibt. Ist das nicht ein wundervoller Name. Die Eintagsfliege ist eine Art davon. Eine merkwürdige Gruppe von Lebenwesen, diese Ephemeriden! Erinnern akustisch an die Hesperiden in den griechischen Sagen).

Ist das nicht merkwürdig: Das, worauf man während des Tages fixiert ist, das Operative sozusagen, ist das Unwichtigste und das, was am schnellsten im Vergessen verschwindet. Was ist denn dann das Wichtigste? Irgendwie das Strategische, der Lebenssinn, sozusagen das Geschäftsziel des Lebens. Und was ist das?

Freitag, 3. Juli 2015

8 juli (8.22, 10:15, 14:22, 17:10)

den 8 juli 08:22
Re: Aus dem RL

Liebe Marlena
Vielleicht bist Du bereits am Packen? Möglicherweise stehen die Koffern schon im Korridor neben der Eingangstüre? Und im Parterre sind die Läden geschlossen? Der Schlüssel beim Nachbar? Na ja, vielleicht seid Ihr gar schon unterwegs in den hohen Norden. Ich habe kürzlich im Fernsehen wieder einige schwedische Landschaften gesehen. Sie sind überwältigend gross.
Wenn sich mit der Erderwärmung das Klima ändert, so wird es in Schweden wohl ungefähr werden, wie es heute bei uns ist. Und bei uns, so habe ich gehört, wird das Klima wie am Mittelmeer. Ich habe schon daran gedacht, im Garten Artichocken zu pflanzen, und vielleicht ein paar Olivenbäume? Aber ich werde mich zurückhalten, daraus einen Weinberg zu machen. Es ist weniger wegen des Weines, als vielmehr wegen der Arbeit. Ich weiss, wieviel Arbeit Rebstöcke machen. Mein Bruder hat früher mitten in den Rebbergen gewohnt. Und am meisten ist mir da jeweils aufgefallen, wie die Rebbauern schon im kalten Januar und Februar von morgens bis abends in den Reben arbeiten. Das ist kein Vergnügen, und wenn man eine gute Flasche öffnet, sollte man sehr wohl daran denken, wieviel Schweiss dafür vergossen worden ist. Natürlich gilt das mehr oder weniger für die Walliser Weine, die an steilen und beschwerlichen Hängen wachsen. Im Elsass braucht man öfters Maschinen für die Bearbeitung, und das geht dann natürlich viel leichter vor sich.
*
.In den letzten Tagen habe ich einen biographischen Roman von Janosh gelesen. Er hat ausgezeichnete Kinderbücher gemacht und dafür auch grosse Preise gewonnen. Ich habe mal ein Kinderbuch rezensiert und für ungenügend befunden, weil ein Zirkusdirektor und sein Gehilfe sich bloss besoffen haben, als Leo ausgebrochen war. Dass dieser Leo kein wirklicher Löwe, sondern bloss ein Floh war, das hat mich nicht von meinem harten Urteil abgehalten. Ich fand es schwach, den Kindern den Suff als Problemlösung vorzuschlagen. Und jetzt, in der Biographie, sehe und höre ich, wie sehr wohl auch Janosh dem Alkohol zugetan ist. Er lebt offenbar heute auf Gomera, allein in einem Haus ohne Wasser und Elektrizität. Und er beklagt sich etwas, dass die Frauen ihn im Leben immer abgelehnt hatten. So etwas hätte ich aus seinen Geschichten niemals angenommen. Seine Geschichten strotzten von Leben und Fantasie, waren gut erfunden und gut erzählt. Ich muss sie wieder mal hervorsuchen und sehen, wie sie jetzt wirken, nachdem ich über das schwierige Leben des Autors gehört habe. Er war in Polen unter ärmsten Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater zuerst Mineur in der Grube, später Textilhändler und zu gewissem Reichtum gelangt. Er hat exzessiv gesoffen und dann jeweils seine Frau geschlagen. Und sie hat, sozusagen als Handpfand, den kleinen Janosh vor sich hergehalten, damit, wenn er zuschlage, er seinen Sohn schlage. Und der wollte seine Frau und nicht seinen Sohn schlagen. Seinen Janosh schlug er zu anderen Zeiten und aus anderen Gründen. Kurz und gut, es scheint eine schreckliche Jugend gewesen zu sein. In Polen war damals die deutsche Sprache noch präsent, und so kam Janosh nach Deutschland, machte eine Ausbildung an einer Kunstschule, und wohnte schliesslich am Ammersee in einem selbstgebauten Atelier. Er hätte 30 Jahre gebraucht um einzusehen, dass er nicht Maler werden könne, weil er nicht malen kann. Er ist aber ein guter Zeichner, und seine Illustrationen der Kinderbücher haben mir immer gut gefallen.
Ich war wirklich etwas erschüttert, zu bemerken, wie sehr ein Werk im Vordergrund so lebendig und voller Vitalität und Ideen sein kann, während der Autor im Hintergrund aber doch ziemlich schwächlich und unglücklich dahin vegetiert. Das zu sehen war überraschend für mich.Was mir bloss aufgefallen war, dass das kleine Foto, welches man oft in den Büchern findet, etwas undeutlich war und den Autoren mehr versteckte als wirklich zeigte. Er wirkte dort irgendwie jämmerlich, und ich hatte mich immer gefragt, weshalb man nicht ein besseres Foto genommen habe. Diese Tatsache scheint mir jetzt einigermassen aufgeklärt. Er ist ein Typ, der nicht in Erscheinung treten will. Und das erklärt wohl auch, warum er bei Frauen immer wieder sosehr abgeblitzt war. Mit einem Wort, ein armer Kerl.
*
So bleibt mir die Hoffnung, dass Ihr noch nicht wirklich abgereist seid.
Ich wünsche Dir einen schönen, sonnigen Tag, wie er auch bei uns über der Landschaft schwebt.
Mit lieben Grüssen
...


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Ämne: Frische..
Datum: den 8 juli 10:15

Lieber ...,
Ich wollte dir gestern abend schreiben aber ich war zum Umfallen müde. Sag, wie ist das möglich, wenn man so frei ist und tun kann was man wünscht? Natürlich sind wir noch nicht abgereist. Wie könnte ich fahren ohne vorher von dir gehörig Abschied zu nehmen.. ? ;-)
Heute bin ich früh aufgestanden. Früh jetzt im Sommer bedeutet vor sieben Uhr. Die anderen haben noch fest geschlafen während ich mein Auto zu der nahen Tankstelle gebracht habe um meinen Auspuff reparieren zu lassen. Gerade hat man angerufen, dass es nun fertig ist. Nicht schlecht so nahe zur Hilfe zu haben.
Bei dem kleinen Spaziergang nach Hause habe ich die obere Strasse genommen, ”gamla vägen” (der alte Weg). Es war sicher einmal die einzige Landstrasse die den Ort mit der Umgebung verband. Jetzt gibt es da noch einige alte Häuser und schöne neue Villen. Und die kleine Kanadierin und ihr Mann haben eines dieser alten Häuser gekauft und werden am 1. August dort einziehen. Es sieht ein bisschen nach Pfefferkuchenhaus aus mit einem Garten wie ein Dschungel. Ich glaube dort werden sie sich wohl fühlen mit ihren drei Katzen. Oder eigentlich: die Katzen werden sich wohlfühlen mit ihnen, denn man hat den Eindruck dass sie die ”Herren” der Familie sind. Bisher haben sie in einer modernen schönen Wohnung gewohnt aber leider hat man im Nachbarhaus alle möglichen Asylsuchenden einquartiert, davon viele junge Leute zwischen 20 -25 die allein dort wohnen und nicht die Nachtruhe ihrer Umgebung respektieren.. nicht zu sprechen vom Tag. Es war den beiden unmöglich tagsüber zu Hause studieren zu können ohne Ohrenschutz. Und jetzt freuen sie sich auf das kleine Häuschen in diesem sehr ruhigen Villenviertel. Ich hatte ihr versprochen Mitte August auf ihre Katzen aufzupassen (wir sind mehrere die diese Arbeit teilen) und es passt mir ganz ausgezeichnet, dass sie dann nur einen Schritt von mir wohnen werden.
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Interessant was du von dem Schriftsteller schreibst. Ja, man kann sicher nicht immer ein Werk mit seinem Autor identifizieren. Man weiss überhaupt selten was sich im Leben anderer Menschen abspielt.
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Es ist bewölkt aber doch eine frische angenehme Luft die den Rosen, die jetzt so schön blühen, besonders gut bekommt. Ich werde mich nun auf den Weg machen und mein Auto holen.
Schreibe dir vielleicht später noch ein paar Zeilen. Jedenfalls ist es mein Wunsch, das tun zu können.
So grüsse ich dich lieb und danke dir nochmals für dein schönes Frühstücksmail.
Ich wünsche dir einen herrlichen sonnigen Tag,
Marlena

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Ämne: Hilfe!
Datum: den 8 juli 14:22

Lieber Mausfreund,
Was machst du mit deiner freien Zeit? Hoffentlich was anderes als ich.

Ich sitze oben in Annas Zimmer und habe gerade die Papierberge in Angriff genommen. Mein mathematisches Können sagt mir, dass ich, wenn ich in demselben Tempo weitermache, eventuell bis zum Schulstart damit fertigwerde. Es ist, im Gegenteil zu der Arbeit mit den Büchern neulich, eine langweilige Arbeit. Grammatische Übungen, Zeitungstexte und eine Menge extra Material zu jedem Stück im Lehrbuch.. Oh Gott! Vielleicht sollte ich alles unangesehen in einen grossen Müllsack stecken und damit auch meine armen Schüler im kommenden Jahr davon befreien. Aber ich bin nun mal ein "Eichhörnchen", wie man bei uns sagt, dass sich gern Dinge aufhebt. Es könnte ja sein, dass...l

Und jetzt fühle ich, dass ich eigentlich ein wenig Stimulantia brauchen würde um weitermachen zu können. Ein Mail von dir würde es tun. Oder ein doppelter Whisky.. ;-)

Anna und K sind in den Wald hinaus gezogen. Es ist das erste mal seit ewig, dass sie zusammen einen Waldlauf machen. Und so nehme ich die Gelegenheit wahr, wenigstens ein Mail zu schreiben, wenn ich schon keines finde.

Der Himmel hat sich etwas aufgehellt. Weisst du, ich finde es immer noch wie ein Wunder, dass wir so zentral so ländlich wohnen können, dass man so in die weite Natur hinaussehen kann ohne einen Menschen gegenüber zu haben.

Mein Auto ist wieder OK und so fühle ich mich wieder frei - zu fahren wohin ich will und wann ich will. Fehlt eben nur der Willen. ;-)

Ich werde mir nun auch eine kleine Pause im Garten gönnen bevor ich ins Papierchaos zurückkehre. Ach, könntest du meinen Hilferuf hören. Aber du bist vielleicht irgendwo unterwegs und machst die Gegend unsicher. Ja, sowas traue ich dir zu.

Übrigens merke ich dass Pessoa sehr oft seine "Kapitel" mit einer kleinen Betrachtung über das Wetter beginnt. Ich glaube, wenn man nicht seine Gedanken auf etwas besonderes richten muss dann ist man mehr aufmerksam auf den Himmel.

Ich gäbe was drum, wenn ich dich nun sehen könnte bei deinem Vorhaben.
So grüsse ich dich nochmals lieb.
SK
Marlena

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den 8 juli  17:10
Re: Hilfe!

Liebe Marlena
Ach was, seit wann trinken Eichhörchen Whisky? Noch gar doppelte?
Ich war in Basel heute Nachmittag und bin eben zurückgekehrt. Und jetzt werde ich heimfahren, um schleunigst mein Nachmittagsschläfchen zu nehmen.
Ich hatte heute Glück. Ein Kollege hat für mich gearbeitet und mir eine Instruktorin gesucht für eine Fortbildung, die wir im Herbst machen werden. Ich bin ihm dankbar, denn ich hätte wohl lange herumsuchen müssen. Und dazu kommt es so dem Staat viel billiger, weil es sich um eine seiner Mitarbeiterinnen handelt.
So will ich den heutigen Tag geniessen, als ob ich hier soviel wie in einer ganzen Woche gearbeitet hätte. Ich meine, ein anderer hätte das. Ich muss mich ein bisschen anstrengen, meine Effizienz zu schätzen und zu loben. Sonst tut das ja niemand, weil es kein Mensch wirklich bemerkt. Merkst du schon, wie es stinkt. Tut nichts, auch Gestank riecht manchmal recht interessant.
Ich nehme auch einen Whisky, nebenbei. Ich habe immer eine kleine Notreserve in meinem Schrank. Nun ja, es ist ziemlich unklar, was als Not zu bezeichnen wäre. Not ist eben, zu was man notfalls greift. Eben Whisky.
Ich danke Dir für Deine luftigleichten Mails und ich würde Dich umarmen, wenn ich könnte.
Mit einem lieben Gruss
...

Mittwoch, 1. Juli 2015

neue Verbindung Dänemark - Schweden







Date: Sat, 01 Jul 2000 08:38:38 GMT

Liebe Marlena,
Heute oder morgen wird die Verbindung zwischen Dänemark und
Schweden eingeweiht, nicht wahr, oder dem Verkehr übergeben?
Wie heisst es, Öresund oder so. Dann brauchen die Elche nicht mehr
nasse Füsse zu bekommen, wenn sie nach Dänemark auswandern
wollen. Dann können sie in Kolonnen über diese Brücke wandern
und in der Mitte noch ein schönes Picknick machen ;--)
Wenn ich dich jetzt in Stockholm besuche, könnte ich dies trockenen
Fusses. Nun ja, das wäre ja schon bisher möglich gewesen, aber mit
einem grossen Umweg, nicht wahr? Aber jetzt könnte ich wirklich
gleich meine Pantoffeln anbehalten. Das ist doch ein gutes Gefühl.
Ich werde es mir überlegen.

*

 (den 24 maj 2000 01:05)

Lieber Mausfreund,

Zum Elch. Am Wochenende ist, wie du schon weisst, der dänische Elchstamm ausgestorben.;-) D.h. die Dänen haben gar keinen gehabt, aber dann ist eben ein schwedischer Elch rübergeschwommen und nun ist dieser arme Elch von einem Zug überfahren worden.
Wir vergleichen eigentlich nie Menschen mit einem Elch. Er ist der König des Waldes und bei den Elchkälbern lacht man über die langen Beine. Sie sehen so unbeholfen aus damit als würden sie jeden Augenblick umfallen. Die Beine stehen oft in alle Himmelsrichtungen. Tun sie das bei dir auch? Übrigens kann ich nicht verstehen warum die Ausländer immer so verrückt sind nach diesen Tieren.


(den 24 maj 2000 01:05)

Ankunft im hohen Norden




Wenn wir am zweiten Tag der Reise so gegen 14.00 Uhr ankommen, haben wir sofort unsere bestimmten Aufgaben die schnell erledigt werden müssen. Wenn das Gras sehr hoch ist (es kann einen halben Meter sein im schlimmsten Fall) nimmt K die Sense. Erst verstauen wir natürlich all unser Gepäck im Haus. Dann trage ich alle Matratzen hinaus in die Sonne da sie vom Winter etwas feucht sind und schliesslich klettert K aufs Dach um den Deckel vom Schornstein abzunehmen damit wir im Ofen Feuer machen können. Wasser wird im Brunnen geholt. Die alte Wanduhr wird aufgezogen. Sie tickt so gemütlich. Die Vögel werden auf ihren Platz gestellt. Es scheint ihnen sehr gut zu gefallen in der grossen hellen Bauernküche wo von allen Seiten das Licht hereinstrahlt. Und dann zuletzt, pflücke ich auf der Wiese den Blumenstrauss, der in einem kleinen Korb neben der Tür verkünden soll dass wir nun zu Hause sind und alle herzlich willkommen heissen. Und man kommt. Von nah und fern. Die meisten jungen Leute sind doch in den Süden ausgewandert. Aber im Sommer kommen sie ”nach Hause” und dann tauchen sie auf, Ks Freunde aus seiner Kindheit u.a. (einige haben auch in Uppsala studiert) und man erzählt sich bei einer Tasse Kaffee was man in dem vergangenen Jahr erlebt hat oder spricht von Erinnerungen aus der Kindheit. Jedes Jahr werden wir auch von Kusinen und Nachbarn eingeladen und mein Verehrer ;-)) steht immer bereit wenn ich die Post hole um ein paar Worte zu wechseln. Manchmal kommt auch jemand aus dem Süden zu Besuch und bleibt dann meistens so eine Woche. Es ist ein stilles erholsames Leben und es ist komisch, obwohl man fast nichts zu tun hat, fliegen die Tage nur so dahin. Übrigens haben wir früher auch immer Tennis gespielt in Kalix aber im letzten Jahr sind wir etwas faul gewesen. Vielleicht auch das Alter ;-))
Ich darf nicht vergessen zu sagen dass wir auch viel am Fluss unten sind. Anna schwimmt jeden Tag in dem meistens eiskalten Wasser und K geht abends runter um ein paar ”Harre” (wie sie nun wieder auf Deutsch heissen können?) zu fischen. Es ist ein kleiner Lachsfisch der sogar den Lachs übertrifft im Geschmack. Nur soll man ihn so frisch wie möglich essen und manchmal können wir es nicht lassen und braten sofort ein paar, leicht paniert in Butter, wenn K damit vom Fluss kommt. Ich habe früher auch viel gefischt und vielleicht werde ich es diesen Sommer wieder mal versuchen. Ich möchte gern das Anna einmal fühlt wie spannend es ist.
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