Freitag, 3. Juli 2015

8 juli (8.22, 10:15, 14:22, 17:10)

den 8 juli 08:22
Re: Aus dem RL

Liebe Marlena
Vielleicht bist Du bereits am Packen? Möglicherweise stehen die Koffern schon im Korridor neben der Eingangstüre? Und im Parterre sind die Läden geschlossen? Der Schlüssel beim Nachbar? Na ja, vielleicht seid Ihr gar schon unterwegs in den hohen Norden. Ich habe kürzlich im Fernsehen wieder einige schwedische Landschaften gesehen. Sie sind überwältigend gross.
Wenn sich mit der Erderwärmung das Klima ändert, so wird es in Schweden wohl ungefähr werden, wie es heute bei uns ist. Und bei uns, so habe ich gehört, wird das Klima wie am Mittelmeer. Ich habe schon daran gedacht, im Garten Artichocken zu pflanzen, und vielleicht ein paar Olivenbäume? Aber ich werde mich zurückhalten, daraus einen Weinberg zu machen. Es ist weniger wegen des Weines, als vielmehr wegen der Arbeit. Ich weiss, wieviel Arbeit Rebstöcke machen. Mein Bruder hat früher mitten in den Rebbergen gewohnt. Und am meisten ist mir da jeweils aufgefallen, wie die Rebbauern schon im kalten Januar und Februar von morgens bis abends in den Reben arbeiten. Das ist kein Vergnügen, und wenn man eine gute Flasche öffnet, sollte man sehr wohl daran denken, wieviel Schweiss dafür vergossen worden ist. Natürlich gilt das mehr oder weniger für die Walliser Weine, die an steilen und beschwerlichen Hängen wachsen. Im Elsass braucht man öfters Maschinen für die Bearbeitung, und das geht dann natürlich viel leichter vor sich.
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.In den letzten Tagen habe ich einen biographischen Roman von Janosh gelesen. Er hat ausgezeichnete Kinderbücher gemacht und dafür auch grosse Preise gewonnen. Ich habe mal ein Kinderbuch rezensiert und für ungenügend befunden, weil ein Zirkusdirektor und sein Gehilfe sich bloss besoffen haben, als Leo ausgebrochen war. Dass dieser Leo kein wirklicher Löwe, sondern bloss ein Floh war, das hat mich nicht von meinem harten Urteil abgehalten. Ich fand es schwach, den Kindern den Suff als Problemlösung vorzuschlagen. Und jetzt, in der Biographie, sehe und höre ich, wie sehr wohl auch Janosh dem Alkohol zugetan ist. Er lebt offenbar heute auf Gomera, allein in einem Haus ohne Wasser und Elektrizität. Und er beklagt sich etwas, dass die Frauen ihn im Leben immer abgelehnt hatten. So etwas hätte ich aus seinen Geschichten niemals angenommen. Seine Geschichten strotzten von Leben und Fantasie, waren gut erfunden und gut erzählt. Ich muss sie wieder mal hervorsuchen und sehen, wie sie jetzt wirken, nachdem ich über das schwierige Leben des Autors gehört habe. Er war in Polen unter ärmsten Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater zuerst Mineur in der Grube, später Textilhändler und zu gewissem Reichtum gelangt. Er hat exzessiv gesoffen und dann jeweils seine Frau geschlagen. Und sie hat, sozusagen als Handpfand, den kleinen Janosh vor sich hergehalten, damit, wenn er zuschlage, er seinen Sohn schlage. Und der wollte seine Frau und nicht seinen Sohn schlagen. Seinen Janosh schlug er zu anderen Zeiten und aus anderen Gründen. Kurz und gut, es scheint eine schreckliche Jugend gewesen zu sein. In Polen war damals die deutsche Sprache noch präsent, und so kam Janosh nach Deutschland, machte eine Ausbildung an einer Kunstschule, und wohnte schliesslich am Ammersee in einem selbstgebauten Atelier. Er hätte 30 Jahre gebraucht um einzusehen, dass er nicht Maler werden könne, weil er nicht malen kann. Er ist aber ein guter Zeichner, und seine Illustrationen der Kinderbücher haben mir immer gut gefallen.
Ich war wirklich etwas erschüttert, zu bemerken, wie sehr ein Werk im Vordergrund so lebendig und voller Vitalität und Ideen sein kann, während der Autor im Hintergrund aber doch ziemlich schwächlich und unglücklich dahin vegetiert. Das zu sehen war überraschend für mich.Was mir bloss aufgefallen war, dass das kleine Foto, welches man oft in den Büchern findet, etwas undeutlich war und den Autoren mehr versteckte als wirklich zeigte. Er wirkte dort irgendwie jämmerlich, und ich hatte mich immer gefragt, weshalb man nicht ein besseres Foto genommen habe. Diese Tatsache scheint mir jetzt einigermassen aufgeklärt. Er ist ein Typ, der nicht in Erscheinung treten will. Und das erklärt wohl auch, warum er bei Frauen immer wieder sosehr abgeblitzt war. Mit einem Wort, ein armer Kerl.
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So bleibt mir die Hoffnung, dass Ihr noch nicht wirklich abgereist seid.
Ich wünsche Dir einen schönen, sonnigen Tag, wie er auch bei uns über der Landschaft schwebt.
Mit lieben Grüssen
...


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Ämne: Frische..
Datum: den 8 juli 10:15

Lieber ...,
Ich wollte dir gestern abend schreiben aber ich war zum Umfallen müde. Sag, wie ist das möglich, wenn man so frei ist und tun kann was man wünscht? Natürlich sind wir noch nicht abgereist. Wie könnte ich fahren ohne vorher von dir gehörig Abschied zu nehmen.. ? ;-)
Heute bin ich früh aufgestanden. Früh jetzt im Sommer bedeutet vor sieben Uhr. Die anderen haben noch fest geschlafen während ich mein Auto zu der nahen Tankstelle gebracht habe um meinen Auspuff reparieren zu lassen. Gerade hat man angerufen, dass es nun fertig ist. Nicht schlecht so nahe zur Hilfe zu haben.
Bei dem kleinen Spaziergang nach Hause habe ich die obere Strasse genommen, ”gamla vägen” (der alte Weg). Es war sicher einmal die einzige Landstrasse die den Ort mit der Umgebung verband. Jetzt gibt es da noch einige alte Häuser und schöne neue Villen. Und die kleine Kanadierin und ihr Mann haben eines dieser alten Häuser gekauft und werden am 1. August dort einziehen. Es sieht ein bisschen nach Pfefferkuchenhaus aus mit einem Garten wie ein Dschungel. Ich glaube dort werden sie sich wohl fühlen mit ihren drei Katzen. Oder eigentlich: die Katzen werden sich wohlfühlen mit ihnen, denn man hat den Eindruck dass sie die ”Herren” der Familie sind. Bisher haben sie in einer modernen schönen Wohnung gewohnt aber leider hat man im Nachbarhaus alle möglichen Asylsuchenden einquartiert, davon viele junge Leute zwischen 20 -25 die allein dort wohnen und nicht die Nachtruhe ihrer Umgebung respektieren.. nicht zu sprechen vom Tag. Es war den beiden unmöglich tagsüber zu Hause studieren zu können ohne Ohrenschutz. Und jetzt freuen sie sich auf das kleine Häuschen in diesem sehr ruhigen Villenviertel. Ich hatte ihr versprochen Mitte August auf ihre Katzen aufzupassen (wir sind mehrere die diese Arbeit teilen) und es passt mir ganz ausgezeichnet, dass sie dann nur einen Schritt von mir wohnen werden.
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Interessant was du von dem Schriftsteller schreibst. Ja, man kann sicher nicht immer ein Werk mit seinem Autor identifizieren. Man weiss überhaupt selten was sich im Leben anderer Menschen abspielt.
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Es ist bewölkt aber doch eine frische angenehme Luft die den Rosen, die jetzt so schön blühen, besonders gut bekommt. Ich werde mich nun auf den Weg machen und mein Auto holen.
Schreibe dir vielleicht später noch ein paar Zeilen. Jedenfalls ist es mein Wunsch, das tun zu können.
So grüsse ich dich lieb und danke dir nochmals für dein schönes Frühstücksmail.
Ich wünsche dir einen herrlichen sonnigen Tag,
Marlena

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Ämne: Hilfe!
Datum: den 8 juli 14:22

Lieber Mausfreund,
Was machst du mit deiner freien Zeit? Hoffentlich was anderes als ich.

Ich sitze oben in Annas Zimmer und habe gerade die Papierberge in Angriff genommen. Mein mathematisches Können sagt mir, dass ich, wenn ich in demselben Tempo weitermache, eventuell bis zum Schulstart damit fertigwerde. Es ist, im Gegenteil zu der Arbeit mit den Büchern neulich, eine langweilige Arbeit. Grammatische Übungen, Zeitungstexte und eine Menge extra Material zu jedem Stück im Lehrbuch.. Oh Gott! Vielleicht sollte ich alles unangesehen in einen grossen Müllsack stecken und damit auch meine armen Schüler im kommenden Jahr davon befreien. Aber ich bin nun mal ein "Eichhörnchen", wie man bei uns sagt, dass sich gern Dinge aufhebt. Es könnte ja sein, dass...l

Und jetzt fühle ich, dass ich eigentlich ein wenig Stimulantia brauchen würde um weitermachen zu können. Ein Mail von dir würde es tun. Oder ein doppelter Whisky.. ;-)

Anna und K sind in den Wald hinaus gezogen. Es ist das erste mal seit ewig, dass sie zusammen einen Waldlauf machen. Und so nehme ich die Gelegenheit wahr, wenigstens ein Mail zu schreiben, wenn ich schon keines finde.

Der Himmel hat sich etwas aufgehellt. Weisst du, ich finde es immer noch wie ein Wunder, dass wir so zentral so ländlich wohnen können, dass man so in die weite Natur hinaussehen kann ohne einen Menschen gegenüber zu haben.

Mein Auto ist wieder OK und so fühle ich mich wieder frei - zu fahren wohin ich will und wann ich will. Fehlt eben nur der Willen. ;-)

Ich werde mir nun auch eine kleine Pause im Garten gönnen bevor ich ins Papierchaos zurückkehre. Ach, könntest du meinen Hilferuf hören. Aber du bist vielleicht irgendwo unterwegs und machst die Gegend unsicher. Ja, sowas traue ich dir zu.

Übrigens merke ich dass Pessoa sehr oft seine "Kapitel" mit einer kleinen Betrachtung über das Wetter beginnt. Ich glaube, wenn man nicht seine Gedanken auf etwas besonderes richten muss dann ist man mehr aufmerksam auf den Himmel.

Ich gäbe was drum, wenn ich dich nun sehen könnte bei deinem Vorhaben.
So grüsse ich dich nochmals lieb.
SK
Marlena

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den 8 juli  17:10
Re: Hilfe!

Liebe Marlena
Ach was, seit wann trinken Eichhörchen Whisky? Noch gar doppelte?
Ich war in Basel heute Nachmittag und bin eben zurückgekehrt. Und jetzt werde ich heimfahren, um schleunigst mein Nachmittagsschläfchen zu nehmen.
Ich hatte heute Glück. Ein Kollege hat für mich gearbeitet und mir eine Instruktorin gesucht für eine Fortbildung, die wir im Herbst machen werden. Ich bin ihm dankbar, denn ich hätte wohl lange herumsuchen müssen. Und dazu kommt es so dem Staat viel billiger, weil es sich um eine seiner Mitarbeiterinnen handelt.
So will ich den heutigen Tag geniessen, als ob ich hier soviel wie in einer ganzen Woche gearbeitet hätte. Ich meine, ein anderer hätte das. Ich muss mich ein bisschen anstrengen, meine Effizienz zu schätzen und zu loben. Sonst tut das ja niemand, weil es kein Mensch wirklich bemerkt. Merkst du schon, wie es stinkt. Tut nichts, auch Gestank riecht manchmal recht interessant.
Ich nehme auch einen Whisky, nebenbei. Ich habe immer eine kleine Notreserve in meinem Schrank. Nun ja, es ist ziemlich unklar, was als Not zu bezeichnen wäre. Not ist eben, zu was man notfalls greift. Eben Whisky.
Ich danke Dir für Deine luftigleichten Mails und ich würde Dich umarmen, wenn ich könnte.
Mit einem lieben Gruss
...

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