Donnerstag, 7. Mai 2015

unser Kontrakt


Liebe Marlena
Weißt du, was es ist? In der normalen Alltagsehe vermisst man die Komplimente. In einer virtuellen Mausfreundschaft gibt es jede Menge davon. Vielleicht ist dies eines der Geheimnisse?
Ich hoffe, dass unser Kontakt uns beide von innen erleuchtet, so dass wir, du in Stockholm und ich hier, für unsere Familien und unsere Leute der Umgebung eine geheinmisvolle Serenität (Heiterkeit, ich hab das deutsche Wort im Wörterbuch nachgeschaut) ausstrahlen können. Das ist doch ein guter Zielparagraph für unseren Kontrakt, nicht wahr? Mach dir keine Sorgen, wir schaffen das blendend!
Mit einem lieben Gruss und zwei Küssen
...

Re: Warum denn auch?

Lieber Mausfreund!
Ist das ein Kontrakt für unsere "Internetfreundschaft"? Diesen
Paragraphen kann ich voll akzeptieren :-) Es darf nie etwas
Negatives für unsere Nahstehenden bedeuten. Tut es ja auch nicht.
Im Gegenteil, es ist wie du sagst, wenn man Liebe erhält kann man
auch Liebe verschenken.

Den einen Kuss schicke ich dir hiermit zurück!
Brauche doch nur einen ;-)

Wünsch dir noch einen schönen Abend und vergiss nicht
deiner Tochter zu gratulieren! War es nicht heute?

Machs gut, mein Mausfreund

PS Der Brief mit der ûberschrift: Narcissmen enthält deine
Sturmwarnung. Natürlich habe ich sie missverstanden.
War doch nur platonisch gemeint. Oder vielleicht
platonisch getarnt?
Marlena




(den 28 mars 2000)



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Mittwoch, 6. Mai 2015

Beichte?


Oh, du mein lieber Mausfreund!
Was habe ich nur angestellt!? Deine wunderschönen Briefe, die ich über alles schätze .. und du glaubst dass sie mir nicht gefallen? Eigentlich fühle ich mich im Moment sehr eingeengt. Weiss nicht richtig wie ich mich aus dieser verstrickten Situation retten soll.

Soll ich es mit Spass versuchen?

Also, ich bin sehr monogam. Aber du hast es etwas falsch verstanden. Monogam für mich bedeutet: nur ein Ehemann, ein Geliebter und ein Mausfreund. Gern würde ich natürlich diese drei in einer Person sehen - und vielleicht wäre es sogar möglich in einer "Internet-Ehe" wie du sie nennst. Du wirst vielleicht protestieren und sagen dass es bei 2000 Km eine Unmöglichkeit ist. Nun, ich weiss nicht..

Ich kann natürlich die "Lady-rolle" wählen.
Die Rolle der Hohen Fraue oder wie es hiess. Mich von dir besingen lassen (beschreiben in diesem Fall) und immer in meinem Turm bleiben. (Schon wieder einer!!! ;-))
Kennst du übrigens das schöne mittelalterliche Gedicht:

Du bist min
Ich bin din
Des sollt du gewiss sin
Du bist beslozzen in minen Herzen
Verloren ist das Slüzzelin
Du musst immer drin sin

Ich weiss nicht mehr ob es so geschrieben wird. Es hat mir schon immer gefallen.


Oder soll ich ernst sein und dir verraten was du vielleicht (als guter Psychologe) schon lange weißt? Auch ich habe angefangen, dich zu lieben.
Hörst du die Sirenen?


Es gibt noch die vierte Möglichkeit: Die seriöse Studienrätin zu spielen die an eurem Schulsystem und vielleicht etwas an Rilke interessiert ist.

Aber weißt du, mein lieber Mausfreund. Eigentlich kannst du alle vier zusammensetzen und du bekommst vielleicht das wahrste Bild von mir.

Es gibt so viel was ich dir noch erzählen möchte. Z.B. von dem schwedischen Sommer oben im Norden wo es nie Nacht wird, von den Wolken am Rande meines Lebens und von allen alltäglichen Dingen die mir so in den Sinn kommen..

Ich habe heute etwas mehr Zeit denn eine meiner Klassen ist diese Woche in Belgien. Würde dir gern mehr schreiben (vielleicht heute Abend) aber schicke dir nun zuerst dieses kleine Mail was vielleicht mehr sagt als alle vorherigen..

Hast du deinen Nachmittagskaffe mit mir getrunken?
Schreib mir ein paar Zeilen bitte
Marlena


(den 27 mars 2000)

Montag, 4. Mai 2015

ein Männerclub


Liebe Marlena,
...
Dieses ist einer der interessantesten Aspekte in einem solchen
Männerclub: Zu sehen, wie Männer unter sich sind und alt und
älter werden. Das ist ein schlagendes Argument, zu dem Du mir
sicherlich Recht geben wirst. Ein solches Männerexperiment ist
interessant und rührend, bisweilen lehrreich, manchmal angenehm,
oft bemerkenswert, fast immer sehr kalorienreich. Man könnte
behaupten, es sei extrem altmodisch, einer mono-geschlechtlichen
Vereinigung anzugehören, ähnlich dem katholischen Klerus oder der
Fremdenlegion. Und vielleicht ist es das auch. Die amerikanischen
Clubs haben meist auch Damen in ihren Reihen. Und in den Statuten
unserer Vereinigung ist vor einigen Jahren sichergestellt worden,
dass wir Damen nicht ausschliessen. Das wäre eine Menschenrechts-
verletzung oder ähnlich, haben die Amerikaner gedroht. Wir haben
dann auch in unserem Club abgestimmt darüber, ob wir ihn für Damen
öffnen sollten.
Ich war damals eigentlich dafür, denn ich habe gedacht, dass die
Atmosphäre sich nur verbessern könnte, wenn noch einige tüchtige,
interessante und womöglich hübsche Damen unter uns sässen. Doch
meine älteren Kollegen haben blendend dagegen argumentiert. Sie
sagten, sie wären für die Aufnahme von Damen in den Club, doch
unseren eigenen Frauen sei das nicht zuzumuten. Sie würden
eifersüchtig werden, beleidigt, empört oder wie immer. So haben
wir beschlossen, in unseren Club die Sessel für Damen vakant zu
behalten und uns stattdessen für einen separaten Damenclub
einzusetzen. Es gibt ihn mittlerweile, und gelegentlich besuchen
wir uns gegenseitig. Und ich konnte feststellen, dass sie nicht alle
so tüchtig, so interessant und so hübsch sind.
*
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit einem lieben Gruss
...

Sonntag, 3. Mai 2015

Herbst ... (des Lebens)


Ämne: Late again..


Lieber ...,
Du beobachtest also deine alternden Clubfreunde, nimmst sie richtig unter die Lupe und spiegelst dich vielleicht auch in ihnen. Ich weiss nicht ob ich mich so gern von dir beobachten lassen würde. Ich denke manchmal du bist hart in deinem Urteil über die Menschen. Vielleicht haben sie sogar Angst vor dir und deinem forschenden Blick. Das würde ich sie gern fragen.
Aber es ist so. Ich tue es ja auch. Studiere die anderen und sehe wie sie älter werden, ich möchte sagen wie schnell sie altern. Aber vielleicht sind sie gerade in einem Alter wo sich Leute wirklich verändern. Der Herbst ihres Lebens beginnt. Bei meinen Kollegen glaube ich auch dass der grosse Stress dazu beiträgt dass sie manchmal grau und müde aussehen. Und wie schön jung sie aussehen können wenn sie lachen und sich ein bisschen entspannen.
Morgen Abend werde ich sie wohl so sehen. Da treffen sich wieder alle Surströmmingsenthusiasten bei Åke zu einem stinkenden Fest. Hast du schon einmal den Geruch erlebt? Vielleicht sollte ich dir eine Dose schicken? Aber der Zoll würde reagieren - denn die Büchsen können ziemlich explosiv aussehen. Die meisten Leute lassen morgen Abend das Auto stehen und kommen per Bus oder Zug. Warum wohl?
---
Nicholson hat angerufen. Er und ein anderer meiner früheren Kollegen wollen anscheinend "nicht ins Glas spucken" und haben gefragt ob ich sie eventuell nach dem Fest zum Bahnhof bringen könnte. Und da ich sowieso da vorbeifahre und M absetze, die gleich gegenüber vom Bahnhof wohnt, ist es kein Problem. Wir haben uns auch ein wenig über Literatur unterhalten. Die grossen Russen, Updike, de Botton.. Von dem letzteren hatte er noch nichts gelesen. Von Updike erzählte er es sei der absolute Favorit von D, dem Chefredakteur der Kulturseite. Ich hatte D fast vergessen. Er gehörte damals zu meinem Freundenkreis und war mit in dem Festkommitté von dem ich dir mal erzählt habe. Er ist ein sehr sympathischer Mensch und war rundum beliebt. Dass er denselben Geschmack hat wie du erhöht natürlich seinen Status noch mehr.

Die Einstellung der Frauen der Clubmitglieder kann ich schon verstehen. Dabei erinnere ich mich dass wir an dem ersten Gymnasium wo ich arbeitete ein monatliches Treffen hatten das unter dem Namen "Samuel" ging. In diesem Samuel trafen sich die weiblichen Kollegen und die Frauen der männlichen Kollegen. So hatten die späteren die Möglichkeit zu sehen welchen Gefahren ihre echten Hälften ausgesetzt waren. ;-)

Ach, das ist wirklich ein komisches Mail geworden. Und der Whisky? Von dem hätte ich jetzt gern einen Schluck getrunken.

Ich muss ins Bett denn morgen beginne ich sehr früh. Sei herzlich gegrüsst, mein lieber Mausfreund, und lass mich nicht hungern.
Marlena

Samstag, 2. Mai 2015

Ach nein ...


Lieber ...,
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Ach nein, du langweilst mich doch nicht. Im Gegenteil. Ich finde es interessant, was du mir von Petrarca erzählst. Ich bin dann auch zu unserem alten Lexikon gegangen und habe nachgesehen, was sie über P schreiben. Und wenn ich dieses alte Buch konsultiere dann glaube ich zu verstehen was du meinst. Denn obwohl das Buch so spät wie 1915 geschrieben ist, so überrascht es mich immer, wie anders man damals mit den Worten umging. Alles scheint so ganz konkret und ohne Verstellung geschrieben. Man nennt Dinge bei ihrem richtigen Namen. Heutzutage muss man den geheimen Code kennen um die wirkliche Bedeutung eines Textes verstehen zu können.
Ich lese u.a. ”Nach dem Vorbild von Cicero und Seneca hob er das Briefschreiben zu einer wirklichen Kunst; man schätzte sich glücklich Briefe von ihm zu erhalten ...” Ich glaube du bist ein moderner Petrarca. Weisst du übrigens, dass P. und sein Bruder beide geistliche waren. Aber das war zu einer Zeit, wo man als Geistlicher keineswegs auf weltlichen Genuss verzichten musste.
Nein, mein lieber Maufreund, ich habe nichts dagegen, dass du mich ins späte Mittelalter zurückführst und mit P bekannt machst. Ich verstehe deine Begeisterung.

(---)

Es gibt übrigens eine deutsche Übersetzung von Petrarcas Gedichten an Laura. Aber sie soll nicht besonders gelungen sein. Ich wäre bereit Italienisch zu lernen nur um sie im Orginal lesen zu können. So sage ich auch manchmal meinen Schülern: der äusserste Sinn des Sprachenlernens ist, dass man Poesi in der Originalsprache lesen kann. Andere Dinge kann man meistens gut in Übersetzungen lesen.


Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Wochenanfang.
Marlena

Etwas Schockierendes


Liebe Marlena
...
Ich habe kürzlich ein Bildband gekauft über Lucian Freud. Vielleicht
hast du von ihm gehört. Er ist ein Enkel des berühmten Sigmund Freud,
lebt in England, und hat sich einen Namen als Porträtmaler gemacht.
Und dabei macht er seinem Grossväterchen grosse Ehre. Er malt seine
Figuren so nackt, wie man sie kaum je gesehen hat. Das Fleisch springt
einem aus den Bildern derart entgegen, wie es bloss noch bei Sigmund
aus seiner Psychoanalyse geschehen ist. Die Gemälde haben etwas
Schockierendes an sich. Sie versetzen den Zuschauer in die Rolle des
vorwitzigen Voyeuristen, weil die Modelle derart offen daliegen.
Vielleicht ist es das erste Mal, dass auch Männer sich derart exponieren
und ihre Dinger zeigen, wie man das noch niemals auf Bildern gesehen
hat. Im ersten Moment wirkt es widerlich. Bei weiblichen Figuren sind
wir das mehr gewohnt, denn da führt die Malerei eine lange Tradition
fort. Aber das Männer derart die Beine spreizen, das ist unerhört,oder
besser unersehen (kein gängiges deutsches Wort). Ich glaube, zur Zeit
hat Freud eine grosse Ausstellung in der Tate in London. Und einen
Moment lang hatte ich mit dem Gedanken gespielt, nach London zu
fliegen, um das anzuschauen. Vielleicht findest Du im Internet ein
oder zwei Beispiele von diesem Maler.
Ist er nicht gerade 80 geworden?
*
Oktober 2002

Re:  Ja, es gibt viele Bilder von ihm im Internet,
z.B.  hier

Freitag, 1. Mai 2015

O wie herrlich die Maisonne lächelt




O wie herrlich die Maisonne lächelt

 doch heute nur ein sparsames Lächeln







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