Donnerstag, 17. April 2014

Donnerstag Abend


Ämne: Re: Gründonnerstag
Datum: den 17 april  23:17

Lieber ...,

(...)

Wieder ist ein Tag vergangen. Sie gehen immer schneller. :-) Morgen wollen wir unseren Ausflug an den Vogelsee machen. Aber es soll etwas kälter werden, vielleicht auch bewölkt, bevor dann ab Samstag die richtige Wärme kommt. Bis zu 20 Grad hat man uns versprochen.
*
Ich lese weiter in dem Buch. Es ist sehr interessant und die Herren diskutieren viel über filosofische Gedanken und Literatur. Kirkegaard, Nietzsche u.a. und natürlich auch viele schwedische Schriftsteller, von denen mehrere zu ihrem engen Freundenkreis gehören. Tingsten, Ekelöf, Aurell.. Aber diese Namen sagen dir nichts. Manchmal unterhalten sie sich über Leute, die ich noch gekannt habe. D.h. nicht persönlich, aber doch so nahe dass ich einen Eindruck von ihrem Wesen bekommen habe. Und es ist lustig zu sehen, wie ihre Worte mit meinen Eindrücken stimmen.
Was mich ein wenig stört ist, dass Knut J. seinen Freund Ingemar Hedenius so sehr bewundert und zu ihm aufschaut, dass er mir oft servil vorkommt. Habe den Eindruck, dass er eigentlich nicht frei seine Meinung sagt, wenn er ahnt dass der andere anders denken könnte. Und wenn er was sagt, dann entschuldigt er sich nachher fast. und macht sich etwas lustig über seine eigenen Gedanken. Aber sie sind noch nicht allzu lange Freunde und vielleicht braucht er noch ein wenig Zeit um zu wagen ganz sich selbst sein. Wie ich verstehe, so trinken die Herren auch ziemlich viel, wenn sie ihre Familientreffen haben und dann läuft ihre Zunge vielleicht doch etwas mehr Hemmungslos.
Ingemar Hedenius wohnte in Uppsala. So erfährt man auch viel über das kulturelle Leben und über die Intrigen an der Universität, besonders zwischen der Philosophischen und der theologischen Fakultät. Knut wohnte in Lidingö, ein schöner Teil von Stockholm, wo überwiegend reiche und vornehme Leute wohnen. Auch dieses Milieu kenne ich ein wenig, da ich in meiner Schulzeit manchmal bei einer Freundin dort zu Besuch war.
Wie du siehst, macht es mir Spass, diesen Briefwechsel zu lesen und ich bin schon neugierig auf die späteren Briefe, die dann auch zu ”meiner” Uppsalazeit geschrieben sind.
*

Ich muss dies nun leider gleich absenden. Grüsse dich lieb und wünsche dir einen
schönen Karfreitag.
Marlena

Re: Gründonnerstag


den 17 april
Re: Gründonnerstag

Liebe Marlena

Noch immer sitze ich im Büro. Ich bin nochmals zurückgekehrt, um die Sache mit der Neuanstellung zu regeln. ---

Und dann wollte ich über diese Tage einen kleinen Artikel schreiben über die Entzifferung des menschlichen Genoms. Politiker und Wissenschafter haben das kürzlich lauthals gefeiert als Meilenstein der Geschichte und Versprechen für eine gesündere Menschheit in Zukunft. Das klang alles etwas blauäugig, wie wir sagen. Wenn man denkt, wie viele Probleme daraus entstehen. Ich muss diese neuen Fakten für mich ein bisschen verarbeiten, und am besten geht das, wenn ich darüber schreibe. Und natürlich muss ich Vorsicht geben, dass ich nicht zu pessimistisch bleibe. Für junge Leute ist die Meldung sicher ein Versprechen auf eine bessere Zukunft, auch wenn wir alle wissen, dass die Vergangenheiten stets besser waren, auch die vergangenen Zukünfte. Man liest grosse Dinge über diese Genom-Geschichte.

Ein Journalist zitiert jenen Gedankengang Freuds, wonach die Menschheit in der Vergangenheit drei schwere Kränkungen hat erleben müssen: 1. Das kopernikanische Weltbild, d.h. die Einsicht, dass unsere Erde nicht das Zentrum unserer Welt sei. 2. Die Einsicht Darwins, dass wir Menschen mit aller Kreatur verbrüdert und verschwistert sind, dass, mit anderen Worten, zwischen den Affen und den Menschen nur ein gradueller Unterschied bestehe, na ja, phänotypisch ein ziemlich grosser gradueller, aber genotypisch ein Unterschied von 1 oder 2%. 3. Schliesslich die Einsicht Freuds, dass nicht das Ich, sondern das Unbewusste ES Herr in unserem Haus sei.

Nun läuft aber die Entzifferung des menschlichen Genoms auf die Beleidigung Darwins hinaus. Mit den genetischen DNS Untersuchungen lässt sich empirisch die Verwandtschaft des Menschen mit allen Tierarten feststellen. Sogar der Vatikan hat zugegeben, dass an der These einiges dran sein könnte. Wir haben hier in Zoo Basels einen bekannten Verhaltensforscher, der sich auf Schimpansen spezialisiert hat. Er behauptet, dass das genetische Material zwischen Mensch und Schimpanse sich nur in 1% Unterscheide. Die 99% des genetischen Materials ist gemeinsam. Sie sind - mit anderen Worten - unsere kleinen Brüder.

Die Entzifferung des Genoms wird von einem Wissenschafter als vergleichbar mit der Erfindung des Rades oder mit der Mondlandung gefeiert. Nun ja, nun ist allerdings das Rad und die Mondlandung nicht leicht zusammen zu bringen.

Du siehst, ich bin in dieser Genom Geschichte tief verwickelt. Aber es ist natürlich zur Zeit ein grosses Thema, und die Klon-Versuche, sogar jene von Menschen, hat grosse Diskussionen provoziert. Es werden da noch wilde Zeiten auf uns zukommen. Der deutsche Philosoph Slooterdyk hat vom 'Menschenpark' gesprochen, ein grässlicher Begriff, der viel Unruhe gestiftet hat.

Ich wünsche Dir trotzdem schöne Ostern.

Mit lieben Grüssen
...

Gründonnerstag


Ämne: Gründonnerstag
Datum: den 17 april 


Lieber ...,

Alle deine Mails sind in meinem Gechmack, das weisst du doch. Das vorige war ja auch kein Mail, sondern nur ein kleiner Gruss.
 
Ich geniesse die Sonne auf der Terrasse heute. Es ist etwas windig - Nordwind der eigentlich ziemlich frisch ist - aber trotzdem spüre ich die wärmenden Strahlen auf der Haut. Und wenn ich die Augen schliesse, kann ich mir vorstellen, dass statt Acker und Felder ein grosser See vor mir liegt. :-)
Ich sehe, du wirst keine Probleme haben auch im hohen Alter das Leben zu geniessen. Ich hoffe du wirst mir helfen dasselbe zu tun.

Gestern hörte ich ein Radioprogramm über DR.Phil Man hat verschiedene schwedische Psychologen, vor allem Jugend- und Kinderpsychologen, gefragt was sie von ihm halten. Ich hatte erwartet, dass sie ihn ein wenig als Charlatan bezeichnen würden und sich kritisch über ihn äussern würden. Aber keineswegs. Zwar fanden sie seine Art etwas auktoritär aber sie bewunderten ihn sehr. Eine Psychologin sagte, dass sie immer seine Programme sieht und wenn sie es nicht kann dann nimmt sie sie auf Video auf. Ja, ich glaube wirklich, sie versuchen es ihm nachzumachen. Ich war wie gesagt ziemlich überrascht über die Reaktion dieser Psychologen.
*
Überall in den Zeitungen liest man über den Film "Hours" und was damit zusammenhängt. Ich werde dir noch mehr davon schreiben, wenn ich mehr Zeit habe.
Jetzt grüsse ich dich lieb und wünsche dir einen schönen Gründonnerstag.

Marlena

Mittwoch, 16. April 2014

kleine Gewitter - Reisen - verlorene Solidarität


Ämne: mimo
Datum:  08:56

Liebe Marlena
Ich bin bei der Arbeit, wie Du angedeutet hast, bei meiner Pflicht. Ich
schreibe frühmorgens mein Mail, weil ja später nicht mehr sicher ist, ob ich
überhaupt noch Zeit habe. Heute bin ich den ganzen Tag ausserhalb L...
Ist das Mail, das ich schreibe Pflicht? Ich glaube, die Frage hängt zusammen
mit der Frage der romantischen Liebe. Wie soll ich das beantworten?
Für mich ist das Mail im Moment Vorspiel zum Tag. Es ist schön, wenn man den
Tag mit einem kleinen Vergnügen anfangen kann. Wenn ich so um 07h ins Büro
komme, leere ich erst mein Mailbox, dann gehe ich kurz die Zeitung durch,
überblicke die Aktienkurse vom Vortag und gehe dann in mein Privatmail, um
Dich da aus der Gefangenschaft herauszuholen.
Und wenn ich Dein Mail gelesen habe, mächte ich am liebsten gleich
antworten. Das wäre am einfachsten und am spontansten. Wenn ich Dein Mail
liegenlasse, kann ich nicht mehr so direkt darauf reagieren. Du verstehst,
was ich meine.

Früher hatte ich die Mails am Abend geschrieben. Das waren dann wohl eher
Tagesrückblicke, Tagesreste, wie die Psychoanalyse zu sagen pflegt, und
ähnliche kleine Überreste. Weil ich im Moment versuche, abends etwas früher
heimzukommen, habe ich meinen Tag umgestellt. Zur Zeit hast Du also die
Morgenpost, nicht den Abendkurier. Alles klar?

Romantische oder nicht-romantische Liebe? Ich glaube, es ist die Art,
welchen Stellenwert man den Gefühlen gibt. Wenn man sagt, alles sei von
Gefühlen getragen, Gefühlen wären sozusagen der Grundinstinkt des Menschen,
dann haben wir Gefühle als Wahrnehmungsinstrument, als Konstruktionsprinzip
der Welt. Und wenn man dagegen behauptet, Gefühle seien zwar ubiquitär, aber
sie seien auch wechselhaft und unzuverlässig, so hält man mehr nach dem
Verstand, den man für konstanter und für objektivistischer hält. Gefühle
sind dann nur mehr kleine Gewitter, die dazwischen treten, die zeitweise
unsere Sicht etwas trüben, die natürlich auch ein wenig Farbe ins Leben
bringen, die aber doch bestimmt nicht die Hauptsache sind im Leben.
Ich glaube, dass es katastrophal wäre, wenn die Gefühle die Welt regieren
würden. Das wäre horrend, das reine Unglück und Chaos. Ich glaube, dass es
gut ist, wenn man versucht, die Vernunft aufrecht zu halten, auch wenn man
heute sieht, dass es nicht die Vernunft gibt, sondern offensichtlich
verschiedene Spielarten, die ja vielleicht letztlich von Gefühlen und
subjektiven Motivationen gefärbt sein mögen. Aber die Gefühle sind
gewissermassen das individuelle Prinzip, die Vernunft das kollektive. Kann
man das sagen? Es würde dem widersprechen, was ich im letzten Mail behauptet
habe, nämlich dass die Gefühle in der Demokratie das gesellschaftliche
Zement sei, der Zusammenhalt.

Kurz und gut, ich weiss es nicht so genau. Ich wünschte mir seit langer
Zeit, mal eine Vorlesung über die Romantik zu hören. Ich habe das Gefühl,
dass sie für unser Weltverständnis in unserer heutigen modernen Zeit eine
besonders wichtige Zeitphase gewesen war. Und vielleicht ist es so, dass
alles, was vor der Romantik war, deutlich weiter entfernt und viel älter
erscheint, wenn wir (geschichtlich) zurückblicken. Im Grunde muss man sagen,
das Romantische sei das Moderne.
*
Es ist wirklich beneidenswert, wie oft K reisen kann. Ich habe oft den
Wunsch, zu reisen. Aber ich glaube, ich reise gerne in Gedanken. Die
Unanehmlichkeiten des wirklichen Reisens: die schweren Koffer, die Hetzerei
wegen der Termine, die Umstände mit den Tickets, die Engnisse im Flugzeug,
die Witterungsverhältnisse (zu deutsch: das schlechte Wetter), die fehlende
Orientierung, die unbequemen Hotelbetten, die Diebe überall, die müden
Beine, die verlorenen Stunden durch Umherirren in einer fremden Stadt, die
langweiligen Wartezeiten etc. etc., das alles zusammengenommen ist doch
einigermassen beschwerlich. Und wie schön ist dagegen die Gedankenreise. Sie
ist luftig leicht und man kann wirklich alles erleben, was man gerne erleben
möchte. Und wenn man, nach wirklich grosser Reise wieder zurückkehrt, ist
man ausgeruht und voller Erlebnisse. Ich glaube, ich bin auch etwas bequem
geworden. Und natürlich ist es immer auch ein Aufwand, wenn man mit mehreren
Personen reist, die Kompromisse zu finden. Wer will was sehen? Sollen wir
jetzt essen oder noch nicht essen? Ist dieses Hotel gut genug oder genügt es
nicht? Es ist immer ein hin und her und auf unserem bürgerlichen Niveau
ziemlich kompliziert geworden. Als Clochard zu reisen wäre bedeutend
einfacher. Ich glaube, das würde ich gerne tun. Trampen haben wir das früher
genannt.
*
Na ja, die Solidarität geht überall verloren, nicht nur bei den Lehrkräften.
Ich erzähle Dir ein Beispiel: früher, vor etwa 15 Jahren, als ich wie heute
manchmal mit dem Zug zur Arbeit fuhr, war es üblich, dass die Menschen sich
am Morgen auf dem kleinen Bahnhof gegrüsst haben. In dem kleinen Ort haben
sich alle mehr oder weniger gekannt. Auf dem Bahnhof stand man in Gruppen
zusammen und man hat diskutiert, über irgend etwas, das Wetter vielleicht,
die Politik, Fussball oder was immer. Heute gibt es frühmorgens auf den
Bahnhöfen diesen Gratisanzeiger genannt 20 Minuten. Schon der Titel der
Zeitung ist doof. Und all die Menschen holen sich am Morgen eine solche
Zeitung und lesen darin, was sie von den Fernsehnachrichten des Vorabends
ohnehin schon wissen. Jeder steigt für sich ein und liest. Es gibt kein
Gespräch mehr. Die Leute wissen gar nicht mehr, wie und über was man
miteinander im öffentlichen Raum spricht.
Es sieht alles ein bisschen triste aus.
*
Aber wir wollen nicht klagen. Und ich habe meine Préludes damit beendet.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
...

Wien, Wien, nur du ...




Ämne: Wien, Wien, nur du ...
Datum: den 29 januari 2003 12:05

Lieber ...,
Ich mache eine kleine Pause um dir zu schreiben. Ja, dein voriges Mail war etwas Besonderes. Du hast etwas intensiv wiedererlebt. Man kann sich eigentlich nicht beschliessen so ein Mail zu schreiben. Die Gedanken und Worte kommen ganz von selbst tief aus dem Inneren. Es ist fast als hättest du bei mir "auf der Couch" gelegen. Und wenn du es dir nachher anschaust, was du geschrieben hast, bist du selbst erstaunt.
Du hast mir einmal ähnlich geschrieben über deine junge Liebe zu dem kleinen Mädchen Vreni (so ungefähr war ihr Name). Ach, eigentlich gibt es viele solche Passagen in deinen Mails, die so schön sind, dass es fast schmerzt sie zu lesen.
*
Ja, der Film gestern war interessant. Und speziell eine Szene war sehr dramatisch und ergreifend. Der Fotograf, ein nicht mehr allzu junger Mann, sass still im Gras und betrachtete die Gorillas, als plötzlich ein Weibchen, natürlich riesig im Verhältnis zu seiner Grösse, auf ihn zuging und ihn in seine Arme nahm. Und so sass sie lange da und hielt ihn umschlungen wie man nur jemanden umarmt den man wirklich lieb hat. Zum Glück konnten andere das ganze verfilmen und er konnte sich diese Szene nachher nochmals in Ruhe ansehen. Er verhielt sich ganz still und wagte nicht, wie er eigentlich hätte wollen, die Gorilladame zu umarmen. Und die ganze Zeit war er etwas ängstlich dass der Graurücken, der Leiter der Gorillas, mit Eifersucht reagieren könnte. Er meinte auch, dieser Augenblick wäre der stärkste seines Lebens gewesen.
Ja, es ist schön, wenn man einen gefühlsmässigen Kontakt mit einem Tier hat. Ich glaube besonders mit Hunden passiert das leicht und ich verstehe Menschen die einem Hund fast wie einem guten Freund nachtrauern.
*
Hier scheint heute die Sonne und in den Bäumen hängen kleine Tropfen wie Kristalle. Die Erde ist von einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Es ist ganz einfach schön.
Du hast recht. Es ist etwas einsam hier im Haus. Meistens bin ich so sehr beschäftigt dass ich es nicht allzusehr merke. Aber wenn Anna nach Hause kommt erfüllt sich das Haus mit einer Wärme und einem Wohlbehagen, das ich vermisse wenn ich allein bin. Aber ganz allein bin ich ja nicht hier. Du bist auch jeden Tag gegenwärtig. Und oft ist es schön mit dir hier allein sein zu können. :-)

Nahrungseinnahme. Das ist gut ausgedrückt. Und manchmal, wenn ich mich nicht einmal hinsetze beim Frühstück z.B., denke ich an einen Satz in einem englischen Buch, das ich vor langer Zeit gelesen habe. "She ate standing so as not to make a ceremony out of it". Das Buch hat mir damals so gut gefallen, dass ich es zum Schluss fast auswendig konnte. Und meine Bekannten waren entweder hoch begeistert davon oder fanden es sehr schlecht. Ich frage mich zu welcher Gruppe du gehört hättest. Das Büchlein heisst: "The Girl with the green Eyes" von Edna O'Brian. Es ist das mittlere Buch einer Trilogie über das Leben zweier Mädchen aus Irland.
*
Ach, endlich verstehe ich deine Liebe für Wien. Ja, es ist so, wenn man heiratet wählt man ein Leben. Schade, dass man oft mehr mit den Hormonen als mit dem Verstand wählt. ;-) Seitdem ich Kontakt mit Wien habe sehe ich was für ein schönes Leben man dort leben kann. Rs Frau hat auch beruflich sehr interessante Aufgaben. Irgendwie dirigiert sie das Musikleben in Wien. Konzerte, Ausbildung, Aufführungen.. Neuerdings will man ein neues chinesisches Musikseminar an der Musikuniversität aufbauen, es gibt eine ernste Anfrage. Solche und ähnliche Dinge hat sie zu organisieren. "Wien, Wien, nur du allein..."
*
Darf ich fragen wieviele Frauen du in deinem Leben geliebt hast? Oder ist das gegen die § oder zu persönlich? Ich meine Sartre und Simone haben sich darüber unterhalten. Warum sollten wir es nicht können? ;-)
*
Bist du schockiert, ..?  Ich muss schmunzeln wenn ich an deine Miene denke.

So, nun rasch wieder ins BL (Berufsleben). Ja, es unterscheidet sich stark von meinem PL.

Mit lieben Grüssen
Marlena



Ämne: PS
Datum: den 29 januari 2003 12:47

Ich bin nicht ganz sicher, dass ich eine Antwort
auf meine persönliche Frage haben möchte.. :-)

Gruss
M

Dienstag, 15. April 2014

"Sinnliche Prosa"



Corot  Forum Romanum


Liebe Marlena
 ...
Ich habe gestern in Basel ein Büchlein einer russischen Schriftstellerin
gefunden. Wenn ich ehrlich bin, so muss ich zugeben, dass ich zugegriffen
habe, weil mir der Einband besonders gut gefallen hat. Es ist eine
Romansicht von Corot. Romantisch also, die Ansicht über das Forum
Romanum hinweg zu den barocken Kuppeln und warmroten Fassaden
im Abendlicht.
Die Schriftstellerin heisst Viktorija Tokarjewa und ist offenbar schon
über 60 Jahre alt. Auf dem Umschlag hinten ist ein Foto zu sehen, etwas
unscharf, aber doch nicht ohne Ausdruck. Sie hat grosse, schöne Augen
und ein freundliches Lächeln. Wirkt sehr feminin, aber Du solltest jetzt
nicht annehmen, ich hätte das Buch wegen dieses Teils des Umschlages
genommen. Es war wirklich mehr wegen Corot und der Assoziation
"Rom".
Und in der FAZ wird offenbar über sie geschrieben"Die sinnliche Prosa
der Tokarjewa hat viel von den physiologischen Skizzen der russischen
Literatur des 19. Jahrhunderts. Die Verbindung zu Cechov wird sichtbar:
in Ironie und Skepsis ebenso wie im Denkhorizont. Gute Aussichten für
eine russische - und wieder europäische - Literatur nach dem sozialistischen
Realismus". Ich kann Dir noch nicht genau erklären, wie sie die vier
Geschichten inszeniert. Doch man fühlt sich unversehens mitten drin. Und
sie findet wunderschöne und erfrischend originelle Vergleiche:
"gegen Mittag legte sich Dämmerung auf die Erde wie frühes Alter",
"Tamara war wie ein doppelter Heizkörper: breit, heiss und stickig wie eine
überfüllte Strassenbahn im Sommer", "Tamara sprach über Menschen wie
über Cocktails", "das ganze Leben eine nicht enden wollende Dienstreise",
"das zum Klumpen geronnene Entsetzen".
Ach, alle drei Zeilen findet man solch kleine Bilder, und meist sind sie neu
und gut, plastisch und entlarven sozusagen das Leben. Ich will Dir jetzt
nicht die erste Geschichte nacherzählen. Aber ich war doch erstaunt, wie
sehr sie mich fesseln konnte.
Du siehst, meine Lektüren sind nicht sehr geplant. Sie sind abhängig von
schönen Einbänden und Sonderangeboten im meinem Buchladen. Aber
das hat immerhin den Vorteil, dass ich gelegentlich auf schöne
Ueberraschungen treffe. Ich habe so schon etliche Schriftsteller
kennengelernt, die ich als gross bezeichnen muss. Aber niemand in
meiner Umgebung kennt sie. Sie sind sozusagen meine Geheimtipps.
Geheimtipps, die ich aber niemandem weitergeben kann. Meine
Umgebung zuhause oder im Büro liest nicht so viel. Und wenn, dann
wollen sie wohl ihre Trouvaillen selber machen.
....
(weiter morgen)

Engel



Lieber ...,

Die letzte Strophe eines Rilkegedichtes an einen Engel lautet:

       Dass ich lärme, wird an dir nicht lauter,

       wenn du mich nicht fühltest, weil ich bin.

       Leuchte, leuchte! Mach mich angeschauter

       bei den Sternen. Denn ich schwinde hin.

Und dabei denke ich, dass DU nicht hinschwinden kannst, denn du bist
täglich und stündlich angeschaut.

MlGuK
Malou