Mittwoch, 16. April 2014

Wien, Wien, nur du ...




Ämne: Wien, Wien, nur du ...
Datum: den 29 januari 2003 12:05

Lieber ...,
Ich mache eine kleine Pause um dir zu schreiben. Ja, dein voriges Mail war etwas Besonderes. Du hast etwas intensiv wiedererlebt. Man kann sich eigentlich nicht beschliessen so ein Mail zu schreiben. Die Gedanken und Worte kommen ganz von selbst tief aus dem Inneren. Es ist fast als hättest du bei mir "auf der Couch" gelegen. Und wenn du es dir nachher anschaust, was du geschrieben hast, bist du selbst erstaunt.
Du hast mir einmal ähnlich geschrieben über deine junge Liebe zu dem kleinen Mädchen Vreni (so ungefähr war ihr Name). Ach, eigentlich gibt es viele solche Passagen in deinen Mails, die so schön sind, dass es fast schmerzt sie zu lesen.
*
Ja, der Film gestern war interessant. Und speziell eine Szene war sehr dramatisch und ergreifend. Der Fotograf, ein nicht mehr allzu junger Mann, sass still im Gras und betrachtete die Gorillas, als plötzlich ein Weibchen, natürlich riesig im Verhältnis zu seiner Grösse, auf ihn zuging und ihn in seine Arme nahm. Und so sass sie lange da und hielt ihn umschlungen wie man nur jemanden umarmt den man wirklich lieb hat. Zum Glück konnten andere das ganze verfilmen und er konnte sich diese Szene nachher nochmals in Ruhe ansehen. Er verhielt sich ganz still und wagte nicht, wie er eigentlich hätte wollen, die Gorilladame zu umarmen. Und die ganze Zeit war er etwas ängstlich dass der Graurücken, der Leiter der Gorillas, mit Eifersucht reagieren könnte. Er meinte auch, dieser Augenblick wäre der stärkste seines Lebens gewesen.
Ja, es ist schön, wenn man einen gefühlsmässigen Kontakt mit einem Tier hat. Ich glaube besonders mit Hunden passiert das leicht und ich verstehe Menschen die einem Hund fast wie einem guten Freund nachtrauern.
*
Hier scheint heute die Sonne und in den Bäumen hängen kleine Tropfen wie Kristalle. Die Erde ist von einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Es ist ganz einfach schön.
Du hast recht. Es ist etwas einsam hier im Haus. Meistens bin ich so sehr beschäftigt dass ich es nicht allzusehr merke. Aber wenn Anna nach Hause kommt erfüllt sich das Haus mit einer Wärme und einem Wohlbehagen, das ich vermisse wenn ich allein bin. Aber ganz allein bin ich ja nicht hier. Du bist auch jeden Tag gegenwärtig. Und oft ist es schön mit dir hier allein sein zu können. :-)

Nahrungseinnahme. Das ist gut ausgedrückt. Und manchmal, wenn ich mich nicht einmal hinsetze beim Frühstück z.B., denke ich an einen Satz in einem englischen Buch, das ich vor langer Zeit gelesen habe. "She ate standing so as not to make a ceremony out of it". Das Buch hat mir damals so gut gefallen, dass ich es zum Schluss fast auswendig konnte. Und meine Bekannten waren entweder hoch begeistert davon oder fanden es sehr schlecht. Ich frage mich zu welcher Gruppe du gehört hättest. Das Büchlein heisst: "The Girl with the green Eyes" von Edna O'Brian. Es ist das mittlere Buch einer Trilogie über das Leben zweier Mädchen aus Irland.
*
Ach, endlich verstehe ich deine Liebe für Wien. Ja, es ist so, wenn man heiratet wählt man ein Leben. Schade, dass man oft mehr mit den Hormonen als mit dem Verstand wählt. ;-) Seitdem ich Kontakt mit Wien habe sehe ich was für ein schönes Leben man dort leben kann. Rs Frau hat auch beruflich sehr interessante Aufgaben. Irgendwie dirigiert sie das Musikleben in Wien. Konzerte, Ausbildung, Aufführungen.. Neuerdings will man ein neues chinesisches Musikseminar an der Musikuniversität aufbauen, es gibt eine ernste Anfrage. Solche und ähnliche Dinge hat sie zu organisieren. "Wien, Wien, nur du allein..."
*
Darf ich fragen wieviele Frauen du in deinem Leben geliebt hast? Oder ist das gegen die § oder zu persönlich? Ich meine Sartre und Simone haben sich darüber unterhalten. Warum sollten wir es nicht können? ;-)
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Bist du schockiert, ..?  Ich muss schmunzeln wenn ich an deine Miene denke.

So, nun rasch wieder ins BL (Berufsleben). Ja, es unterscheidet sich stark von meinem PL.

Mit lieben Grüssen
Marlena



Ämne: PS
Datum: den 29 januari 2003 12:47

Ich bin nicht ganz sicher, dass ich eine Antwort
auf meine persönliche Frage haben möchte.. :-)

Gruss
M

Dienstag, 15. April 2014

"Sinnliche Prosa"



Corot  Forum Romanum


Liebe Marlena
 ...
Ich habe gestern in Basel ein Büchlein einer russischen Schriftstellerin
gefunden. Wenn ich ehrlich bin, so muss ich zugeben, dass ich zugegriffen
habe, weil mir der Einband besonders gut gefallen hat. Es ist eine
Romansicht von Corot. Romantisch also, die Ansicht über das Forum
Romanum hinweg zu den barocken Kuppeln und warmroten Fassaden
im Abendlicht.
Die Schriftstellerin heisst Viktorija Tokarjewa und ist offenbar schon
über 60 Jahre alt. Auf dem Umschlag hinten ist ein Foto zu sehen, etwas
unscharf, aber doch nicht ohne Ausdruck. Sie hat grosse, schöne Augen
und ein freundliches Lächeln. Wirkt sehr feminin, aber Du solltest jetzt
nicht annehmen, ich hätte das Buch wegen dieses Teils des Umschlages
genommen. Es war wirklich mehr wegen Corot und der Assoziation
"Rom".
Und in der FAZ wird offenbar über sie geschrieben"Die sinnliche Prosa
der Tokarjewa hat viel von den physiologischen Skizzen der russischen
Literatur des 19. Jahrhunderts. Die Verbindung zu Cechov wird sichtbar:
in Ironie und Skepsis ebenso wie im Denkhorizont. Gute Aussichten für
eine russische - und wieder europäische - Literatur nach dem sozialistischen
Realismus". Ich kann Dir noch nicht genau erklären, wie sie die vier
Geschichten inszeniert. Doch man fühlt sich unversehens mitten drin. Und
sie findet wunderschöne und erfrischend originelle Vergleiche:
"gegen Mittag legte sich Dämmerung auf die Erde wie frühes Alter",
"Tamara war wie ein doppelter Heizkörper: breit, heiss und stickig wie eine
überfüllte Strassenbahn im Sommer", "Tamara sprach über Menschen wie
über Cocktails", "das ganze Leben eine nicht enden wollende Dienstreise",
"das zum Klumpen geronnene Entsetzen".
Ach, alle drei Zeilen findet man solch kleine Bilder, und meist sind sie neu
und gut, plastisch und entlarven sozusagen das Leben. Ich will Dir jetzt
nicht die erste Geschichte nacherzählen. Aber ich war doch erstaunt, wie
sehr sie mich fesseln konnte.
Du siehst, meine Lektüren sind nicht sehr geplant. Sie sind abhängig von
schönen Einbänden und Sonderangeboten im meinem Buchladen. Aber
das hat immerhin den Vorteil, dass ich gelegentlich auf schöne
Ueberraschungen treffe. Ich habe so schon etliche Schriftsteller
kennengelernt, die ich als gross bezeichnen muss. Aber niemand in
meiner Umgebung kennt sie. Sie sind sozusagen meine Geheimtipps.
Geheimtipps, die ich aber niemandem weitergeben kann. Meine
Umgebung zuhause oder im Büro liest nicht so viel. Und wenn, dann
wollen sie wohl ihre Trouvaillen selber machen.
....
(weiter morgen)

Engel



Lieber ...,

Die letzte Strophe eines Rilkegedichtes an einen Engel lautet:

       Dass ich lärme, wird an dir nicht lauter,

       wenn du mich nicht fühltest, weil ich bin.

       Leuchte, leuchte! Mach mich angeschauter

       bei den Sternen. Denn ich schwinde hin.

Und dabei denke ich, dass DU nicht hinschwinden kannst, denn du bist
täglich und stündlich angeschaut.

MlGuK
Malou

Sonntag, 13. April 2014

Isfahan ist die halbe Welt


Liebe Marlena

Ich wollte dir heute abend ein bisschen von Persien erzählen. Langsam muss ich mich ja doch geistig darauf vorbereiten.
Es ist so merkwürdig. Als wir vor ein paar Jahren via Amsterdam mit der Dutch Airline flogen, war alles bestens. Du steigst ein und es ist wie ein Flug von Zürich nach Istambul oder so. Natürlich hats ein bisschen viele Männer mit schwarzem Haar und dunkeln Schnäuzen. Klar, hat es vielleicht eine überdurchschnittlich hohen Prozentsatz an ausdrucksstarken Frauen mit grossen schönen Augen, eleganter Kleidung und dunkelm Teint. Aber sonst ist nichts anders. Die blonden Stewardesses der holländischen Fluggesellschaft heben sich stark davon ab. Aber je näher man im Flug Teheran kommt, desto häufiger verschwindet eine Dame nach der anderen im WC und kommt mit dunkler Kleidung und einem schwarzen Kopftuch wieder heraus. Es wird dunkler und dunkler im Flugzeug. Das ist sehr merkwürdig. Und du merkst sozusagen kilometerweise, wie du dich Teheran näherst. Der Flughafen dann middle-east-chaos, eine Hitze, ein Durcheinander, riesige Schlagen, die überhaupt nicht vorwärts kommen, von Kundenfreundlichkeit der Beamten keine Rede, ich meine, sie sind höflich, aber es ist nichts organisiert. Man hat den Eindruck, sie tun ihre Arbeit heute zum ersten Mal. Und womöglich wollen sie noch alles anschauen und kehren das unterste zuoberst. Sie fühlen sich auch nicht verpflichtet, das alles wieder einzuräumen. Das überlassen sie in nobler Zurückhaltung dir selbst. Man könnte kochen. Man hat den Eindruck, sie haben keine Ahnung von der Welt, absolut keine. Sie fühlen sich hier im Nabel und wohl auf dem Schoss Allahs.

Aber ich wollte dir über Isfahan erzählen. Es ist die schönste Stadt, die ich übrhaupt kenne. Sie übertrifft vielleicht sogar Rom, oder Paris. Nun ja, es ist keine Schwester von ihnen, höchstens eine Kusine zweiten Grades. Isfahan liegt auf halbem Wege von Teheran an den Persischen Golf in einem fruchtbaren Tal der Bakhtiari-Berge. Es ist also von Bergzügen eingefasst, und die Stadt liegt selbst am Hang. Und wenn man abends mit dem Auto hinauffährt, und herunterschaut, dann hat man eine schöne Aussicht auf den Fluss, auf die alten Brücken, und auf die alte Stadt auf der anderen Seite des Flusses. Isfahan liegt 1575 m. über Meer. Stell dir vor, das ist sehr hoch. Es hat mehr als 2 Mio Einwohner. Man lebt hier vor allem von Obst- und Getreideanbau, und vor allem von Kunsthandwerk. Die ganze Stadt ist voll von diesen Werkstätten, wo sie Metalle bearbeiten, Malen, Modellieren usw. Überall kann man stehen bleiben und zuschauen, wie sie vorgehen. In früher Zeit gab es rund um Isfahan auch Seiden- und Baumwollproduktion. Es gab viele Maulbeerbäume für die Seidenraupen. Und es gab riesige Taubenschläge, gross wie mittelalterliche Türme, um den Mist für die Bäume zu bekommen.
Seit alters gibt es in Isfahan ein Judenviertel Ums Jahr 1000 hatte Isfahan 12 bronzebeschlagene Tore in seinen Stadtmauern, so gross, dass selbst Elefanten durchmarschieren konnten.
Um 1051 übernahmen die Seldjuken die Stadt und machten sie zur Hauptstadt. Das ergab eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte. "Wohlhabend, schön und sauber" wurde Isfahan damals beschrieben. Und es gibt heute noch viele Gebäude aus dieser Zeit, viele Minarette, Moscheen und Grabbauten. Es gibt Karawansereien mit Leutturm. Wie am Meer, so hatte man auch hier in der Nacht ein Licht auf einem hohen Turm, damit die Karawanen den Weg in der Nacht finden würden.
1388 war der Mongolensturm. Man sagt sie hätten zerstört und soviele geköpft, dass sie die Köpfe so hoch wie Minarette aufschichten konnten.
Zu beginn des 16. Jhrhunderts kamen die Safawiden (1501 - 1722) Das war die Glanzzeit der Stadt, es war auch die Zeit des Grossen Shah Abbas. Er machte Isfahan zur Hauptstadt Persiens und er holte Handwerker und Künstler von überall her. Es gibt noch heute eine grosse christliche Gemeinde vonArmeniern, die er damals als gute Handwerker geholt hatte. Sie haben eine eigene christliche Kirche und feiern Weihnachten usw. Der Städtebau hatte ein hohes Niveau, es gab Medressen (Schulen) 200 Badehäuser, Karawansereien.
Aus einer solche Karawanserei wurde dann das heutige mondäne Schah Abbas Hotel. Ich glaube, sie haben es nach der Revolution umbenannt. Es ist ein wundervolles Hotel, mit einem riesigen Hof im Innern, begrünt mit Bäumen und Wasserspielen und abends alles beleuchtet, und rundum sind all die Zimmer des Hotells, sie gehen alle auf diesen Hof. Und am Ende, im Diwan, gibt es vielleicht einen Spieler, der Musik macht, und auf jeden Fall servierensie dort einen Tee aus dem Samovar. Es ist mild und friedlich und eine Atmosphäre wie 1001 Nacht. Damals jedenfalls waren die Frauen frei und und offen, manchmal mehr als hier.
Es gibt in Isfahan eine Reihe bekannter Bauwerke aus dem Mittelalter, die sehr schön sind. Es gibt das Pavillon Hasht Behescht (der 8 Paradiese), wenn ich mich richtig erinnere, war es ein Harem. Und als wir mit einem Führer durch die Räume des 8-eckigen luftigen Hauses gingen, wagte ich die Frage an den Führer: weshalb denn acht, die Woche hat doch nur 7 Tage. Er meine, ein Wohnteil sei eben Reserve gewesen, oder für die Lieblingsfrau. Es gibt den Chehel-Sotun, den grossen Palast der 40 Säulen. Er hat zwar nur 20, und sie sind etwa 3 Stockwerke hohe Holzsäulen, auf schön gemeisselten Löwen stehend, aber durch das Wasser vor dem Bauwerk ergeben sich mit der Spiegelung eben 40 Säulen. Und die Reflexion des Lichts über das Wasser in die unterseite der Decke des Hohen Raumes macht eine spezielle Astmosphäre. Die Wände sind voller kleiner Spiegel, damit auch von dort das Licht zurückgeworfen werde. Und es gibt dann natürlich den Maydan-e Imam, den grossen Platz, der zur königlichenAnlage gehört hatte. Er ist 150 m breit und 500m lang. Wenn du ihn im Internet findest, schau ihn an, Marlena, er ist wunderbar. Rundum gehen doppelstöckige Arkaden und schliessen ihn ein. In denArkaden gibt es Läden und vor allem Schatten. Im Norden ist dann direkt der Bazar. Ich liebe die orientalischen Bazars. Erstens ist es dort einigermassen kühl. Zweitens ist es dunkel, und das ist entspannend für die Augen. Drittens bilden die runden Öffnungen oben blendendhelle Lichtsäulen, die irgendwo hineinfallen und an denen du sehen kannst, wie spät es ungefähr sein muss. Sie bringen das Licht ins dunkel. Und oft haben die Händler noch ihre Lampen angezündet. Aber es ist alles in allem eine heimelige Welt. Wenn man bedenkt, dass es Leute gibt, die ihr ganzes Leben in diesen Räumen verbringen. Tag für Tag sind sie dort und kennen ihre Nachbarn und haben mit ihnen Krach, oder trinken Tee zusammen. Es wird hier auch kaum gestohlen. Ausser, wenn dich beim Feilschen übers Ohr hauen, dann kann es sein. Aber das gilt ja nicht als Diebstahl, das ist Geschäftskunst. Darin sind die Perser Weltmeister. Im Bazar könnte ich tagelang herumlungern und mir die Sachen anschauen. Man kann sich auch leicht verirren in diesen vielen Gängen. Aber in Isfahan ist er nichtallzu gross. Man findet schon wieder hinaus.

Und dann gibt es zur rechten Seite des Platzes die Hohe Pforte Ali-Qapu. Das ist ein 5-geschossiges Hus mit einer riesigen Terasse. Von dort hat man einen königlichenBlick über den Platz. Es ist sozusagen die Ehrentribüne. Das Gebäude stammt aus dem 15. Jh. Und es gibt darin Musikzimmer, die speziell gebaut sind, um die Akustik zu verbessern. In Form von Musikinstrumenten sind in die Wände Vertiefungen eingelassen. Das soll den Ton verändern. Von der Terasse sieht man auch gut, dass die Arkadenbauten reine Show-Architektur ist. Es ist eigentlich nur eine Wand, aber vom Platz aus sieht es so aus, als ob es ein Gebäude wäre. Echt persisch, auch dies, sie haben einen Sinn für Show und für Bluff.
Und am Ende des Platzes die Grosse Moschee. Sie ist nach Mekka gerichtet und daher vom Platz 45° abgewinkelt. Das macht architektonisch eine ausgezeichnete und belebende Wirkung. Auf der anderen Seite, vis a vis der Terasse, ist dann noch eine kleinere, eine private Moschee ohne Minarett. Man sagt, sie wäre für die Frauen des Königs gewesen, und unter dem Platz hätte ein unterirdischer Gang dort hinüber geführt, damit das königliche Harem nicht vor aller Augen in die Mosche hatte pilgern müssen.
Schön in Isfahan ist, dass es noch viele Bauten gibt, die im alten Stil geblieben sind. Der ganze Bazar ist auch ursprünglich. Es gibt Werkstätten, die sehen so altertümlich aus, das würden wir uns nie vorstellen. Und Isfahan ist klein. Es ist alles gut zu Fuss erreichbar. Und trotzdem führen sie dich überall hin mit dem Auto und mit der Air Condition.
Es gibt dann noch 3 wunderbare Mittelalterliche Brücken, die fast wie eine Art von Terassen ausgebaut sind. Abends ist dort voll von Leuten, denn direkt am Wasser ist es ein bisschen kühler. Und in den unteren Nischen der Brücke kann man Teetrinken oder Eis kaufen.
Ach, ich glaube, du musst das mit Bildern aus dem Internet anschauen, Marlena, ich kann es dir nicht so gut beschreiben. Es ist dort alles wirklich märchenhaft. Und wenn man privat wohnt, dann verwöhnen einen die Leute nach Noten. Sie schenken dir ihr letztes Hemd. Und wenn du müde und durstig von einer Besichtigung heimkommst, haben sie die Wassermelone bereit, die schön blutrote, ein bisschen gekühlt. Das ist der Himmel auf Erden. Das ist noch fast besser als ein langer Zungenkuss.
Soweit Isfahan. Ich werde es Marc und Kathrin, meinem Patenkind, dem Sohn meiner Schwester zeigen.
Und jetzt bin ich müde und muss rasch vorwärts machen. Ich küsse dich zum Abschied dieses Tages und wünsche dir eine schöne Nacht, die einte und schönste von den 1000, in denen Sheherzade um ihr Leben erzählt hat. Doch was hat sie uns gezeigt: Geschichten können heilen. Deshalb schon muss man erzählen.
Mit einer Umarmung und mit Liebe
Dein ...


Isfahan bilder

Trapetznummer ohne Netz


...
Nebenbei gesagt weiss ich, liebe Marlena, wie Männer kochen. Ich mach das heute eigentlich kaum mehr. Aber früher habe ich auch ab und zu gekocht, so, wie Männer eben kochen. In der einen das Weinglas, in der anderen den Kochlöffel, dass ist die klassische Pose. So was gehört sich. Ohne das wäre Kochen Galeerenarbeit und die Küche die wahre Hölle. Mit dem Wein aber schon ein bisschen anzufangen, das gibt der Küche jenen Glanz, die sie überhaupt erträglich, ja vielleicht gar wohnlich macht. Man muss aber auch wissen, dass das nicht freiwillig ist. Es herrschen hier ziemlich verbindliche Regeln und Gesetze: Es geht darum, dass man den Wein rechtzeitig zu öffnen hat. Es geht darum, dass man zu prüfen hat, ob denn der Zapfen nicht riecht. Es geht nicht zuletzt darum, dass man sich für ein Vorhaben solcher Grössenordnung – nämlich ein Essen auf den Tisch zu bringen – dass man sich für ein solches Wagnis etwas Mut antrinken muss. Denn wenn man daran denkt, was dabei alles schief gehen könnte! Also, meine Liebe, alle Männer der Welt kochen auf diese Art und Weise. Nicht alle kochen sie vielleicht eine Bouillabaisse, aber alle fuchteln sie mit Weinglas und Kochlöffel herum. Das ist – darwinistisch gesprochen - das Resultat stammesgeschichtlicher Evolution. Soweit die Summe soziobiologischer Erkenntnis! Und was auch erkannt ist: Männer kochen mit doppelt bis dreifachem Budget als ihre Frauen. Und sie waschen nicht ab post festum und überlassen die schmutzige Küche dem Personal. Wer auch immer dieses Personal sein mag. Gott möge sie segnen und behüten, diese Männer der Welt!!!

Ich selbst bin heute soweit, dass ich mir erlaube, mit dem Weinglas in der Luft herum zu fahren, ohne dabei gleich kochen zu müssen. Das mag jetzt etwas überheblich klingen, Marlena, ist es ja vielleicht auch. Aber es braucht doch viel Arbeit an sich selbst, zu trinken, ohne zu kochen. Das ist sozusagen eine Trapeznummer ohne Netz. ...

(R)

Samstag, 12. April 2014

das Büro





Subject: le bureau

Liebe Marlena

Ich glaube, ich kann ziemlich gut arbeiten, wenn du bei mir im Schaukelstuhl sitzt. Nun ja, ein bisschen fühle ich mich schon ausgestellt und im Geheimen beobachtet. Und natürlich möchte ich dann eine gute Figur abgeben. Hast du das gesehen?
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Du siehst, liebe Marlena, so geht es ungefähr bei mir zu und her. Diese Situation war jetzt ziemlich transparent und es war einigermassen klar, wo die Probleme liegen und welche Schritte zu ergreifen sind. Manchmal ist es unübersichtlich und unklar wie in einer Londoner Nebelnacht.

(---)
Und im zweiten Teil des Vormittags haben wir zusammen einen Kaffee getrunken am runden Tisch. Du hast den Rilke weggelegt und dich im Schaukelstuhl zurückgelehnt. Ich glaube, du kannst eine Ruhe und eine Besinnlichkeit in die Situation bringen, die sehr angenehm und sehr produktiv ist.

Und schliesslich hatte ich noch ein paar kleine Sachen zu erledigen: Post, Telefonat mit unserer Aussenstelle, die von mir eine Antwort erwartet hat, längeres Gespräch mit der Sekretärin dort - man muss sie etwas pflegen - und ein paar Scherze.

Die Sekretärin hier kam mit ein paar Fragen wegen des Budgets, das wir bis Ende Monat und dummerweise Ostern abzuliefern haben. Sie ist immer etwas nervös, wenn sie das Budget machen soll. Aber sie hat es noch jedes Jahr gut und sorgfältig gemacht. Das war mein Vormittag
 ...
Am Nachmittag werde ich an einem Bericht arbeiten, den ich nach Ostern abliefern will. Es geht darum aufzuzeigen, dass wir zuwenig Kapazitäten haben. Wir können die Arbeit fast nicht bewältigen. Die Leute müssen teilweise 2 bis 3 Monate warten, bis sie an die Reihe kommen. Und heute, im Zeitalter des New Public Managements ist dies einfach zu lange. Ich bin gespannt, wass mein Chef sagen wird. ...
*

So sitzen wir immer noch in meinem Büro und du fragst mich dieses und jenes. Vielleicht, wozu ich soviele kleine auch private Dinge herum habe: Fotos, eine Kaffeetasse mit der Aufschrift "Ein richtiger Mann trinkt Kaffee", die mir B einmal zum Geburtstag geschenkt hat, zwei Golfbälle, die ich mal gewonnen habe, ein Baseball Ball, Boule-Kugeln, wie man sie in Südfrankreich braucht, eine Muschel vom Atlantik-Strand in Andalusien (diese hübsche St. Jakobsmuschel, die früher die Pilger als ihr Zeichen getragen haben), eine Tasse, die A  modelliert hat, mit einem Pferdekopf, der urtümlich aus der Wand über dem Henkel herauswächst, etliche CDs stehen hier herum, obwohl ich sie zur Zeit nicht hören kann, weil ich meinen Radio dem Onkel in Lenzburg ausgelehnt habe, und oben auf dem Gestell drei Postkarten mit der Büste der Nofretete, diese ägyptische Figur, die wir über Neujahr in Berlin gesehen haben. Sie hat einen langen schlanken Hals und ein zierliches Gesicht und einen riesigen Kopfschmuck, so dass man kaum annimmt, dass der Hals dies alles tragen könne. Ach, und dann habe ich noch eine Kerze hier im Büro und zwei Gläser mit vielen farbigen Stiften und eine Pinwand. Dort oben hängt das berühmte Foto Einsteins, auf dem er die Zunge rausstreckt. Ist ja nachgerade nicht mehr sehr originell aber immer noch lustig. Und daneben hängt eine Porträtaufnahme von Hitchcock. Sein dicker runder Kopf ist irgendwie ästhetisch, obwohl ja sonst dicke Leute nicht sonderlich ästhetisch sind, oder es zumindest im allgemeinen etwas schwerer haben. Am gleichen Pinbrett hängt eine spanische Postkarte mit einem Stierkämpfer und ein Bild eines Altarbildes von Rubens. Auf dem Büchergestell habe ich eine Postkarte von Rodin stehen. Sie ist sehr gut aufgenommen und wirkt ziemlich geheimnisvoll. Ich mag seine Skulpturen. In Zürich steht eine Kopie seines Höllentores, eine grandiose Arbeit. Doch er war auch ein grosser Narzist. Ich glaube, er war auch ein Skoprion, habe ich mal irgendwo gelesen. Du siehst, meine Liebe, ich habe hier echt eine Villa Kunterbunt und soviele verschiedene Sachen, dass es nicht leicht ist, davon nicht abgelenkt zu werden. Wozu all diese Dinge? Ach, ich weiss auch nicht so genau. Sie haben sich eben mit den Jahren angesammelt. Es ist manchmal ein bisschen zufällig, was hier landet und was nicht. Und irgendwie möchte ich eine etwas persönlichere Atmosphäre schaffen, damit sich die Leute etwas besser fühlen. Die Fotos habe ich ja schon erwähnt. Auf sie sprechen die Leute oft an und ich merke, dass es ihnen wichtig ist zu wissen, dass ich auch Kinder habe und dass ich mit den meinen ausch Probleme habe. Manchmal wollen die Kinder ganz genau wissen, wer das auf dem Foto ist.

Und so sitzen wir hier und plaudern. Und man entdeckt seine eigenen vier Wände neu, wenn man sie einem lieben Gast zeigen kann. Man bekommt wirklich einen neuen Blick, wenn man einer geschätzten Person etwas zeigen oder schildern darf. Das ist es, was ich an unseren Mails besonders mag. Und ich hoffe, es geht dir genauso.

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"Neue Vorhänge sollten wir besorgen.

Wenn es - dir recht ist."

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Ich habe in meinem Zimmer keine Uhr. Nur eine kleine Sanduhr, um den Kindern den Lauf der Zeit zeigen zu können. Und natürlich die Uhr am PC. Sie geht etwa 10 Minuten vor, damit ich meine Sitzungen rechtzeitig erreiche. Und sonst habe ich nur meine Taschenuhr an der Kette. Sie ist ein bisschen umständlich, weil ich sie immer herumtragen, im Sack mitführen und wieder auspacken muss. Aber ich mag keine Uhr am Handgelenk. Deshalb habe ich hier meinen speziellen Chronometer. Ich lege sie immer hin, wenn ich für mich arbeite oder wenn ich mit den Leuten Gespräche habe. Alle sollen wissen, dass die Zeit wertvoll ist, die ihre Zeit und die meine Zeit und Zeit überhaupt.

Nur mit dir könnte ich sie verschwenden!

Ich wünsche dir einen schönen Ferientag, liebste Mausfreundin, und sieh mir bitte bitte die vielen Tipfehler nach.

In M.
...

Frühlingszeichen


im Garten