Mittwoch, 25. September 2013
Freitagabendumviertelvorsieben (18:33)
den 5 september 18:33
Freitagabendumviertelvorsieben
Liebe Marlena
Ja, ich bin froh, dass Du glücklich bist. Und wenn Du im Schuss bist, dann bist Du unwiderstehlich. Ich glaube nicht, dass ich in einem solchen Moment mich zurückhalten könnte. Du könntest von mir alles haben. ALLES, wenn Du weißt, was ich meine.
Manchmal hattest Du auch sehr unglückliche Momente. Aber ich glaube, sie sind seltener geworden. Das geht mich vielleicht auch nicht soviel an. Aber ich hatte mir ab und zu Sorgen gemacht.
Na ja, jeder hat seine ups and downs.
Was hast Du denn verstanden in meinem Mail, dass Du so misstrauisch geworden bist. Ich hatte den Eindruck, Du nimmst ein bisschen Abschied? Und ich hatte keine Ahnung, weshalb. Ich habe auch Deine Figur, anhand dreier Freunde zu sehen, wie das Leben auch noch hätte verlaufen können, sehr schön. Ich habe mich bestimmt nicht darüber lustig gemacht. Habe ich mich so ungeschickt ausgedrückt?
Na ja, never mind, Missverständnisse gibt es überall. Erst wenn sie endlos wiederkommen, werden sie gefährlich.
Siehst Du, wir bauen einen neuen Stock. Und zum Beispiel auf meine Bemerkung, ich hätte eine CD von Barbara gekauft, hast Du im neuen Stock reagiert. Du hast versprochen, ein paar Neuigkeiten zu zeigen und mir ein paar Anregungen zu machen. Nicht wahr? So ungefähr stelle ich mir den neuen Stock vor. In diese Richtung irgendwie! Das wäre cool.
Ich habe jetzt gerade meine erste Woche überstanden. Und ich schreibe ü immer noch als ue. Weiter bin ich noch nicht. Aber es wird sich schon geben. Die hübsche kleine Fremdenführerin aus Isfahan hat mir heute Bilder ihrer Stadt geschickt. Sie sind ganz gut. Wenn es klappt, schicke ich Dir eins oder zwei. Ich brauche sie für meinen Vortrag im Club. Ich werde versuchen, einen Projektor zu verwenden. Das macht einen guten Eindruck für ein Dritt-Welt-Land ;--). Ich weiss noch gar nicht genau, was ich ihnen erzählen soll. Ich bin ja bei weitem kein Spezialist für Persien. Manchmal reut es mich, dass ich die Sprache nicht verstehe. Wenn ich das täte, könnte ich mich tiefer damit beschäftigen, und auch die Mentalität besser erfassen. Sie haben eine starke Tendenz zu Formalismen, habe ich den Eindruck. Es gibt viele Redensweisen, die man so sagt. Es sind Nettigkeiten, Schmeicheleien, die man irgendwie glauben kann oder auch nicht. Es sind sozusagen sprachliche Angebote. Es ist ja durchaus möglich, dass dir jemand in Persien ein Angebot macht. Er sagt, er gehe jetzt heim essen und du kannst auch mitkommen und mitessen. Das heisst aber nicht, dass er wirklich erwartet, dass du ein solches Angebot annimmst. Aber du könntest, im extremen Fall, das Angebot schon annehmen. Aber das wäre dann wirklich ein extremer Fall. Im allgemeinen ist es eher ein sprachliches Angebot. Und du kannst irgendwie darauf eingehen, halb eingehen oder es völlig in den Wind schlagen. Es ist eine Nettigkeit. Und die meisten Nettigkeiten gehen nicht über die Sprache hinaus.
Ich erinnere mich, wie ein Bruder Ss damals ein Hemd von der Reinigung gebracht hatte. Ich machte ihm ein Kompliment dafür, und er meinte, ich könne das Hemd haben, wenn ich es wollte. Als nüchterner Schweizer war ich damals weit davon entfernt, irgend einen Wunsch nach diesem Hemd zu haben. Und ich hatte schon den Eindruck, mit meinem Kompliment zu weit gegangen zu sein. B. gab aber nicht auf und hat mir das Hemd förmlich aufgeredet. Es war wirklich ein hübsches blaues Hemd mit feinen weissen Streifen und einem relativ hohen Kragen. Es war mir aber von Anfang ziemlich eng. Aber B. ist ein bisschen muskulöser als ich. Und vielleicht war es ihm noch enger als mir. Doch die Geste hat mich noch lange beeindruckt. Und ich habe immer wieder gesehen, wie Leute, denen ein Kompliment gemacht wurde, die Sache der betreffenden Person angeboten hatte.
Im Norden, am Kaspischen Meer, haben wir mal mit M. meinem Patenkind um ein Schachspiel aus Holz gefeilscht. M. war ziemlich knauserig und wollte wirklich nicht zu viel bezahlen. Zum Schluss meinte er Verkäufer, er solle das Spiel ohne Bezahlung mitnehmen. M. war natürlich sehr erstaunt weil er das Angebot, wie wenn es ein Schweizer gesagt hätte, ernst genommen hat. Für den Verkäufer war es bloss eine freundliche Geste. Er wäre wahrscheinlich sehr unglücklich gewesen, ohne Bezahlung. Und er hätte seine elegante Geste bestimmt sofort irgendwie gedreht und verändert. Sie sind so glänzend und beweglich wie Seidenstoffe, die Perser.
*
Ich bin bereit, im neuen Stock herumzutoben. Du auch?
Mit einem liebsten Gruss
Neues Haus (16:04)
Ämne: Neues Haus
Datum: den 5 september 16:04
Lieber ...,
Jadoch, wenn man ein neues Haus oder Stockwerk baut, dann sind alle Möglichkeiten offen.
Ich habe dich falsch verstanden voriges mal. Sorry! Sowas kann passieren. Und ich freue mich über das, was du in deinem Mail sagst.
Wir haben es gut zusammen. :-)
Ja, ich glaube ich bin ein glücklich veranlagter Mensch. Wenn man die kleinen Glücksbringer im Alltag wahrnimmt, dann gibt es immer wieder Anlass zu Freude.
Du gehörst auch zu den glücklichen Menschen. Das merke ich immer wieder.
Du hast recht. Man kann nicht jemanden glücklich machen gegen seinen Willen.. Aber mit seinem Willen geht das sehr gut.
Klingt ein bisschen lustig, aber so ist es doch.
Wie du merkst bin ich in grosser Eile. Ich hoffe bald mehr Zeit zu finden um dein schönes Mail zu beantworten.
Grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Nachmittag und Abend
See you soon,
Marlena
PS Eure Homepage sieht ziemlich langweilig aus. War früher besser.
Freitagwiedereinmal (09:14)
den 5 september 2003 09:14
Freitagwiedereinmal
Liebe Marlena
Puh, ich habe schlecht geschlafen. Ist das immer noch das Jet Lag. Wenn ja, muss ich sehen, dass ich es bis nach dem Wochenende hinter mich bringe. Ich bin zwar nach unserem weekly ziemlich brav um 23h ins Bett. Aber um 1h war ich schon wieder wach. Federer hatte einen Match in NY. Und ich hatte sogar für mich vorzeitig abgebrochen. Und dann um 1h war die Sache vorbei, und es war unklar, ob er gewonnen oder verloren hatte. Doch alle Anzeichen deuteten auf eine Niederlage. Schade. Und ich war dann noch eine gute Stunde wach. habe etwas Kafka gelesen und in anderen Buechern geschnuppert. Aber es war ohne irgend einen Profit.
*
Ja, manchmal gibt es doch ganz einfache Heilmittel, die wir fast ganz vergessen haben. Und körperliche Tätigkeit ist eines davon. Ich bin auch einer von denen, die das immer wieder vergessen. Ich bin eigentlich kein körperlich ungeschickter Mensch, ich war sogar einigermassen sportlich in meiner Jugend. Und doch scheint es, als ob ich für mich den Sport jedes mal wieder neu erfinden muesste. Es ist, als ob ich ihn jedes mal wieder total vergessen könnte. Dein Deal mit dem Nachbar war elegant. Das sind die Arrangements, die das Leben ertragreich und erträglich machen, nicht wahr? Jeder hat seinen Vorteil und es gibt kaum Nachteile. Was will man mehr? Und wenn Du dann noch ein schönes Elch-Filet bekommen wirst, wenn die Aepfel Frucht getragen haben werden, dann wird sich der Deal vollendsausbezahlt haben. Gratulation!
*
Ich wollte mit diesem kryptischen Satz, wenn ich mich selbst richtig verstehe, was ja nicht garantiert sein muss, ich wollte also sagen, dass von allen meinen Lieben S. vielleicht die dynamischste wahr und ist. Ich meine, keine hätte in so grossen Dimensionen gedacht, wie das S tut. Die anderen waren von schweizerischem Zuschnitt. Und die denken sorgfältig, genau, aber nicht in grossen Zügen. Das wollte ich damit sagen, und eigentlich die Tatsache, dass S. das grösste Abenteuer meines Lebens war und ist. Vielleicht weisst Du das nicht so genau, aber wir Schweizer leben ziemlich introviertiert in unserem kleinen Land. Und gegenüber der Welt und Europa sind wir doch mehr oder weniger misstrauisch. Dieses Lebensabenteuer war und ist nicht immer einfach. Es zehrt gelegentlich an den Nerven. Aber alles in allem rentiert es sich.
*
Na ja, ich weiss, dass es vielleicht komisch klingt, in Frage zu stellen, wenn einer den anderen glücklich machen will. Aber wenn man es genau nimmt, funktioniert das nicht. Es ist vielleicht eine feminine Art zu denken. Und viele Männer hören sowas auch gern. Ich nehme mich da nicht aus. Aber in RL funktioniert das wohl nicht. Und ich könnte Dir viele Partnerschaften zeigen, wo das nicht funktioniert hat. Natuerlich kann - eine zeitlang vielleicht - das Glück des einen auf den anderen abfärben. Aber letzthin färbt wohl eher das Unglück des einen auf den anderen ab. Wenn einer unglücklich ist, ist die Chance gross, dass beide unglücklich sind. Aber irgendwie glaube ich, dass das Glück immer eine persönliche und individuelle Sache sei. Die Umstände tun viel dazu. Aber es gibt auch Menschen, die leben in besten Umständen unglücklich. Und solche, die in schlimmsten Situationen glücklich sein können. Glück ist auch ein bisschen eine Begabung, meine ich. Bist Du zum Glück begabt, Marlena? Ich würde das von mir nicht direkt sagen. Ich bin nicht voll des Glücks, aber ich bin zufrieden. Und nach einigen Philosophen ist das schon das Glück. Man soll nicht zuviel erwarten, denn darin liegt ein Risiko des Unglücks.
Ach, in welch ein Thema sind wir hier geraten?
*
Unser neues Stochwerk, nun, für wen denn sonst sollte es gebaut werden? Natürlich ist es unser Stock. Aber ich habe mir das architektonisch nicht so genau vorgestellt. Ich habe mir bloss gedacht, dass wir in diesem Stock mit Panoramafenster umwerfend neue und offene Arten des Mailens finden werden. Mir kommt dabei das jeu de la vérité wieder mal in den Sinn. Das war im Wallis unser pubertäres Vergnügen. Wenn wir genug getrunken hatten - so war die Regel - sollte man den Kollegen und Freunden und Freundinnen alles auf den Kopf zu sagen, was man sonst im Leben nie sagen würde. Die volle Wahrheit, offen, ehrlich, frech, das war irgendwie die Vorstellung. Aber weil ja alle irgendwie vom Alkohol ein bisschen anästhetisiert waren, haben sie die volle Wahrheit wohl zu drei Vierteln nicht mitbekommen. Allein deshalb war das Spiel vielleiht ein Renner.
Ich stelle mir das neue Stockwerk so vor, dass wir irgendwie eine neue Dimension erobern, miteinander zu mailen. Vielleicht über Dinge reden, die bisher Tabu waren? Vielleicht neue Rollen finden? Ich weiss es nicht sogenau. Wenn ich es wüsste, wäre es nicht neu. Auf jeden Fall ist das Stockwerk gross und hell. Soviel weiss ich. Und wenn Du willst, auch geheizt ... ;--).
*
Das finde ich schön, dass Du von NY geträumt hast. Ich habe das noch nicht geschafft. Ich war in den letzten Tagen immer noch ganz dort im warmen Klima der Stadt mit dem gemächlichen Verkehr auf den Strassen. Und es ist genau so, wie Du sagst: das Leben erscheint ganz still hier, und fast ein bisschen bedeutungslos. Man kann gar nicht begreifen, wie die Leute das hier alles mitmachen können, ohne aufzumucken. Selbst ist man irgendwie euphorisch, wie von einer höheren Wahrheit beseelt. Allerdings bin ich auch schon wieder am Erwachen. Ich bemerke step by step, dass viele Menschen hier schon in den USA waren. Während ich mir bisher wie Kolumbus vorgekommen bin, muss ich feststellen, dass ich nahezu der letzte war, der dort hinüber gekommen ist!! Alle waren schon da und ergänzen meine Schilderungen mit übersichtlichen Feststellungen. Na ja, nicht alle, aber doch einige.
*
Ach nein, ich bin nicht bedrückt. Ich bin auch nicht traurig. Und mit Deiner rätselhaften Schlussformulierung "dass du auch in Zukunft ein wunderschönes Leben haben wirst ... mit oder ohne mich" weiss ich nicht so genau, was anfangen. Wie meinst Du denn das, meine Liebe?
Du hast Dich mal gewundert, als ich behauptete, ich sei ein harmoniebedürftiger Mensch. Ich behaupte das immer noch. Und die Harmonien mit Dir sind besonders schön. Lass uns also im neuen Stockwerk heute Harmonien suchen. Einverstanden?
Mit lieben Gruessen und Kuessen
Kleiner Morgengruss ( 5/9 - 08:06)
Ämne: Kleiner Morgengruss
Datum: den 5 september 08:06
Liebster Mausfreund,
Es ist ein wunderschöner Morgen und ich möchte dir schnell einen kleinen Gruss senden. Ich fange heute erst spät an aber ich muss noch eine "utvärdering" (Bewertung?) meiner Funktion als Verantwortliche in den Fächern Deutsch und Französisch an einen der politischen Chefs senden (es gibt da eine ganze Wohnung von Leuten mit solchen diffusen Chefsbefassungen). Früher, als diese Hierarki noch aus kompetenten Leuten bestand, brauchte man nie sowas zu tun. Aber heutzutage liebt man dieses "utvärdering" und man findet es überall. Ich glaube es ist vor allem dazu da, diese Leute mit ein paar Arbeitsaufgaben zu versehen.
---
Im Radio spricht man von.. du weisst es schon... die Euro-Wahl.
So ich werde den Tag erfassen.
Ich sende dir liebe Grüsse und eine schöne zärtliche U.
Marlena
Montag, 23. September 2013
Baust du schon?
Blick durchs Fenster . Elche am Waldrand
Ämne: Baust du schon?
Datum: den 4 september 20:22
Datum: den 4 september 20:22
Lieber ...,
Ja, genau so meine ich. Manchmal versucht man die Vergangenheit zu überblicken und denkt: "Wie wäre es geworden, wenn... " Man hat selbst gewählt und so muss man mit seiner Wahl leben. Will man das nicht, so muss man es ändern. Aber man sollte sich nicht beklagen, wenn man es nicht ändern will. Oder kann? Ich frage mich schon manchmal ob man überhaupt wählt und was einen hindert sein Leben zu ändern auch wenn man einsieht, dass es richtig wäre das zu tun. Aber Schwamm drüber!
*
Weisst du was man tun soll, wenn man müde und lustlos ist? An die frische Luft gehen. Ich war vorhin zum umfallen müde und wollte nur schlafen. Zum Glück bin ich dann in den Garten hinaus gegangen und hab das Gras gemäht. Auch das jüngere Paar (d.h. vor 20 Jahren waren sie jünger, jetzt sehe ich sie als gleichaltrig) die links neben uns wohnen hatte diesen Gedanken, und weil er eben einen motorisierten Mäher hat hab ich ihm aus Spass gesagt er darf ruhig weitermähen zu uns her. Und das hat er dann auch getan. Du weisst unterhalb des Gartens (hinter dem Haus) gibt es einen breiten Streifen, den der Bauer liegen lässt und nicht bearbeitet und dort wächst dann immer das Unkraut sehr hoch. Man kommt kaum mit einem Handmäher durch, wenn man nicht sehr oft mäht. Und als die Nachbarin ihren Mann für mich sklaven sah, hat sie gefragt ob sie dafür ein wenig von den Äpfeln die unter dem Baum lagen haben könnte. Sie wollten sie für die Elche haben. J. ist ein passionierter Jäger und die Elchjagd hat gerade begonnen. Dieses Jahr tragen fast keine Apfelbäume in unserer Gegend Obst, nur unser Baum hat das nicht mitgekriegt und ist wie immer überfüllt von schönen roten Äpfeln. Und ich war froh dieses Fallobst los zu werden, das ich wohl sonst, wie gewöhnlich, aufs Feld hinaus geworfen hätte.
*
Nein, habe ich versucht mich zu verteidigen? Ich glaube nicht. Es gibt einen Satz in deinem Mail, den ich nicht richtig verstehe. "Da ging mir meine damalige Liebe durch den Kopf, und ich hatte gedacht, dass es bei ihr wohl nicht zu der Situation dieser Reise gekommen wäre" schreibst du. Du musst nicht darüber sprechen aber wenn du willst dann tu es. Unsere neue Offenheit ist ja dazu da.
*
Du fragst so lustig, ob es meine Aufgabe wäre dich glücklich zu machen. Nicht was ich wüsste, aber man kann ja nie wissen was das Schicksal mit einem vorhat. Aber, du weisst, wenn man jemanden liebt, dann hat man eigentlich nur einen Wunsch, nämlich diese Person glücklich zu machen. Es ist nichts komisches dabei.
Darf ich wirklich mit dir in dieses neue Stockwerk einziehen? Ich kann es kaum glauben. Komm, dann gehen wir uns Möbel anschauen. Hier im VL sind wir ja nicht an ein Geschäft in der Nähe angewiesen. Drum schlage ich dir vor, wir gehen mal in das elegante oben links am Vazlavplatz in Prag. Dort sind Mats und ich hingegangen und man hat uns einen wunderbaren starken doppelten Espresso serviert, damit wir uns richtig wohl fühlen sollten. Ich glaube irgendein Stück würden wir dort finden, das dir gefällt. :-)
Die Wohnung ist doch gross, oder? Und das Licht kommt herein von allen Seiten, wie in einem Atelier? So denke ich du wirst einen Teil des Zimmers als Atelier einrichten und deine Stafflei dort aufstellen mit allen notwendigen Dingen. Erzähl mir mehr davon.
*
Ach, ..., ich weiss wie es ist von einer solchen Reise nach Hause zu kommen. Man hat so sehr in der Gegenwart gelebt und nun plötzlich ist man wieder in dem alten. Alles ist schon erlebt und man hat den Eindruck dass das Leben ganz still steht. Aber nach einer Zeit findet man sich wieder zurecht und dann kann man auch die schönen Erinnerungen aus seinem Gedächtnis hervorholen und alles nochmals geniessen. Hast du deine Mails an mich gespeichert? Wenn nicht kann ich sie dir als dein NY-Tagebuch zusammenstellen und hier senden. Ich habe kürzlich geträumt von New York und im Traum habe ich alles vor mir gesehen wie du es beschrieben hattest. Sogar die alte Dame.. Es war ganz realistisch.
*
Der Film gestern war ein Disaster. Ich habe es kaum 10 Minuten ausgehalten.. Die Medien sind immer noch voll von Diskussionen über den Euro. Die Ja-sager haben etwas mehr Terrain gewonnen liegen aber nocht weit hinter den Nein-sagern. Und das ganze Volk scheint wie verrückt zu sein. Sie tun als ob es um eine Revolution ging. Auch die ausländischen Beobachter sind ganz erstaunt über die hitzige und gehässige Stimmung. In zehn Tagen wissen wir bescheid und dann gilt es mit dem Beschluss zu leben, wie immer es wird.
*
Du machst einen etwas bedrückten Eindruck in deinem vorigen Mail. Sei nicht traurig, was immer es ist, das dich drückt. Ich bin sicher, dass du auch in Zukunft ein wunderschönes Leben haben wirst.. mit oder ohne mich.
Ich grüsse dich lieb,
Marlena
Sonntag, 22. September 2013
Panoramafenster
Datum: den 4 september 07:55
Ämne: Panoramafenster
Liebe Marlena
Ja, das habe ich schon so verstanden, Deine alten Freunde und die
schönen alten Erinnerungen, die zeigen, dass es im Leben auch anders
hätte verlaufen können. Wenn man das auf der Höhe der Dramatik
erfasst, wirkt es fast schwindelerregend. Es zeigt sich, dass daraus
total andere Leben hätten erwachsen können. Möglicherweise wirkt es
vor allem so, wenn man (vielleicht damals mehr als Frau denn als Mann)
das Gefühl hat, sich einem männlichen Schicksal anzuschliessen.
Aber alles in allem, und vor allem aus dem Rückblick, haben Leben doch
eine gewisse Folgerichtigkeit. Wie gesagt, das ergibt sich wohl meist
im Nachhinein. Zum Vornherein ist immer alles so ungewiss und so
absolut neu.
Ich habe den Eindruck, Du verteidigst Dich in diesem letzten Mail.
Habe ich denn irgendwo angegriffen? Überigens, das Bild mit den Kühen,
die ins Tal gehen, stammt wahrscheinlich von mir. Mindestens habe ich
Dir mal ein solches geschickt. Das freute mich, wenn es als
Bildschoner bei Dir gelandet wäre.
Klar, mein Leben wäre anders gelaufen, wenn ich meine erste grosse
Liebe geheiratet hätte. Meine erste grosse Liebe war in der 2. Klasse.
Und meine Geliebte ist heute tot, umgekommen bei einem Autounfall.
Aber sie war damals noch Schuelerin gewesen. Vielleicht müsste ich die
nächste 'erste Liebe' nehmen. Ich habe übrigens ganz kürzlich so
gedacht, ich glaube, es war im Zusammenhang mit den Vorbereitungen zur
Reise nach NY. Da ging mir meine damalige Liebe durch den Kopf, und
ich hatte gedacht, dass es bei ihr wohl nicht zu der Situation dieser
Reise gekommen wäre. Du siehst, dass Gedankenexperiment lief unter der
Prämisse 'ceteris paribus', das heisst, alles andere wäre bis dahin
gleich gewesen. Na ja, vielleicht ist das eine etwas eingeschränkte
Denkweise, nur für ein - wohl nicht ganz lebensentscheidendes -
Ereignis wie diese Reise eine solche gedankliche Konstruktion zu
machen.
Ronda ist für mich das Symbol der romantischen Liebe. Diesen Furz hat
mir Hemingway eingeblasen. Ich glaube nicht, dass man es im RL 14 Tage
lang mit einer Geliebten dort oben - sagen wir im Winter - aushalten
könnte. Ronda ist eine Sache für das VL. Du sagst, Du könntest mich in
weniger attraktiven Milieus glücklich machen. Wäre es denn Deine
Aufgabe, micht glücklich zu machen? Kann das ueberhaupt ein Mensch
zustande bringen, einen anderen glücklich zu machen? Glück ist nicht
das Ziel, Glück ist der Weg. Das vielleicht müsste man gegen Ronda und
für 'weniger attraktive Milieus' als Argumente sagen.
Unsere Tonlage ist plötzlich etwas kompliziert geworden. Und ich weiss
nicht, wie dem geschehen ist. Ich wollte das eigentlich nicht so,
nicht so direkt. Aber irgendwie habe ich selbst auch NY für mich wie
einen Neuanfang nehmen wollen. Ich habe gedacht, NY sei wie eine
Pilgerreise. Es geht dabei nicht um die Vergangenheit, sondern um die
kommenden Jahre in meinem Leben. Irgendwie, das merke ich, muss ich
eine kleine Wende kriegen, einen neuen Gang einlegen, ein neues
Stockwerk bauen. Klar meinte ich, ein g e m e i n s a m e s Stochwerk.
Man baut keine Häuser für sich allein, oder etwa doch? Und Deine
ersten Vorschläge finde ich genau richtig: luftig, sparsam möbliert,
Panoramafenster. Und natürlich im obersten Stock, das versteht sich
von selbst.
So lass uns ein neues Stockwerk bauen. Luftig, offen mit Sicht auf die
Welt und bloss sparsam möbliert. Was wir mit unseren §§§ machen, das
wird sich geben. Ich glaube, ich brauche vor allem ein neues
Stockwerk.
Mit lieben Gruessen und Kuessen
...
:-) Re: Anti-Aging
Ämne: :-)
Datum: den 3 september 20:54
Lieber ...,
Wildkatze oder Hauskätzchen - warum nicht eine Kuh, die gemächlich auf der Weide liegt und ihr Leben wiederkaut. Und da sie eben auch einiges gegessen hat, was ihr nicht gut bekommt, so fühlt sie sich ab und zu garnicht richtig wohl. Du siehst, wie man mit Worten eine aufgebaute Stimmung zerstören kann. Ich meine, man kann diese Wildkatze ziemlich ungefährlich machen, indem man sie ganz einfach umbenennt.
Na, ich denke du weisst, dass ich Kühe liebe. Sie sind für mich das Symbol für Ruhe und Antistress. Sie müssen nichts anderes als essen. Vielleicht ist es auch weil sie mich an die glücklichen Jahre in meiner Kindheit erinnern, damals als ich mich noch geborgen fühlte. Ich habe als Bildschoner u.a. ein Bild wo man in der Schweiz die Kühe ins Tal hinuntertreibt. Glaube sogar, dass du es mir geschickt hast. Und wenn es hochkommt freue ich mich immer über den Anblick.
*
Ich wollte wirklich nicht über irgendwelche "hochqualifizierte Angebote" erzählen. Ich wollte dir nur zeigen, wie verschieden mein Leben hätte sein können, wenn ich anders gewählt hätte. Auch dein Leben wäre anders gewesen, wenn du deine erste grosse Liebe geheiratet hättest.. oder?
*
Ein Mail von mir soll wie eine gute Mahlzeit sein, zu der ich dich einlade. Da hole ich doch nicht alte halb verfaulte Dinge hervor, oder anderes was nicht besonders gut schmeckt. Verstehst du wie ich meine? Ich will dich nicht mit irgendwelchen Sorgen belasten. Übrigens, die kommen und gehen in meinem Gedächtnis.. Wenn man traurig ist wegen etwas, sind sie plötzlich alle wieder da.. und wenn man glücklich ist bedeuten sie garnichts. Ich versuche auch manchmal sowohl die Zukunft wie die Vergangenheit wegzudenken. Aber das geht doch garnicht. Es bleibt fast nichts übrig. Will doch nicht, dass mein Leben aus einem Nichts besteht. Aber natürlich ist es so, dass man sich mit dieser Methode eventuell von weniger erfreulichen Dingen befreien kann. Denn das Nun ist meistens ganz OK.
Ha! Nun lachst du wohl..
*
Rondha ist sicher schön und ganz ausgezeichnet für eine solche Begebenheit.. aber glücklich machen könnte ich dich in weniger attraktiven Milieus. Du bist ja das wichtigste dabei.. aber unsere §§§ gelten doch immer noch. Wir sollten sie wieder mal ansehen und vielleicht "updaten" ;-)
Oder ist deine Mutation so sehr gelungen, dass du nun ganz andere Massstäbe und Auffassungen hast?
Sag mir, wie du darüber denks, falls du Lust hast.
*
Es kommt übrigens heute ein amerikanischer Film mit dem Titel "Flirting with disaster". Und weil er in New York spielt, werde ich ihn mir vielleicht ein wenig anschaun. Dann kann ich all die Dinge noch einmal sehen, von denen du mir so schön erzählt hast.
*
Ja, lass uns ein neues Stockwerk bauen. Du als Architekt musst ein paar Ideen aufbringen und Skizzen machen. Ich möchte etwas luftiges diesmal, sparsam möbliert mit einem Panoramafenster in die Welt hinaus. Oder wolltest du das Stockwerk nur für dich selbst? OK dann komme ich jedenfalls ab und zu vorbei. Ich freue mich schon darauf.. :-)
*
Ich bin hungrig geworden. Vergesse manchmal ordentlich zu essen. Werde mir was gutes heraussuchen für eine kleine Abendmahlzeit.
Ich danke dir nochmals für dein schönes Mail. Wünsche dir alles Gute für den kommenden Tag,
Mit lieben Grüssen und einer zärtlichen U+K,
Marlena
Abonnieren
Posts (Atom)