Mittwoch, 9. Januar 2013

zwischendurch


subject:    zwischendurch


Liebe Malou

Ich sitze nur ein paar Sekunden hier vor dem PC. Und will die Gelegenheit nutzen, dir zu schwören, dass ich noch lebe. Einigermassen lebe. Vielleicht aus dem letzten Loch pfeife?

Nein, mein Doc ist zufrieden, will aber, dass ich noch bis Ende Woche zuhause bleibe. Und die Docs haben eben heute mehr zu sagen als die Pfarrherren. Deshalb werde ich mich einigermassen dran halten. Es ist ja durchaus auch schön, zuhause zu sitzen und ein bisschen herumzuhängen, vielleicht lesen oder zeichnen. Aber man wird eben mit der Zeit ein wenig träge. Schade! Die Zeit zerrinnt durch die Hand, und man erreicht nicht viel.
Immerhin.

Ich hoffe, es geht dir gut Malou.
Und du bist glückllich.
So sehr glücklich wie möglich.

Mit lieben Grüssen
...

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subject:     Re: zwischendurch


Ja, mein lieber Mausfreund. Ich bin so glücklich wie möglich. :-)
Das kann ich behaupten ohne zu lügen.

Ja, du siehst, das frei sein muss gelernt werden.

Liebe Gs und Ks
Malou

Samstag, 5. Januar 2013

Horoskop


6 January 2008 16:17

Lieber ...,
Auch ich habe ein Horoskop für das Jahr 2008 gesehen und natürlich auch das deine gelesen und gestaunt. Es ist doch wirklich für dich geschrieben. Meinst du nicht auch? :-)
Also schicke ich es dir mit Übersetzung.
Voilà!

Du kannst mit vielen spannende Begegnungen rechnen
Du sehnst dich nach neuer Inspiration und das ist gerade was du bekommst im Jahre 2008.
Es wird viele Milieuwechsel, kurze Reisen und spannende Begegnungen mit Menschen geben. Alte Vorurteile verschwinden und werden durch durchdachte Ansichten ersetzt.


Du wirst schreiben
mehr als gewöhnlich. Es können Einsender, Briefe oder Artikel sein – oder sogar ein Buch. Studien sind auch ein lohnendes Gebiet. Mache alle Kurse die du bekommen kannst. Versuche auch Vorträge in verschiedenen Themen zu hören.

Deine Kontakte mit Freunden, Geschwistern und Nachbarn funktionieren ausgezeichnet. Du wirst oft mit Generosität begegnet und dein Bekanntenkreis wächst. Es ist schmeichelhaft, wenn Menschen, die dich früher nicht einmal beachtet haben, nun plötzlich Umgang mit dir suchen.
Dagegen gefällt es dir nicht besonders in grossen Gruppen. Nimm nicht fordernde (schwierige?)  Engagements in Vereinen an. Es führt leicht zu zu viel Verantwortung.

In der Verwandtschaft gibt es

einige Unklarheiten. Du entdeckst, dass jemand unehrlich gewesen ist, und es gilt dies auf eine besonnene Weise zu handhaben. Setze nicht Himmel und Hölle in Bewegung, versuche stattdessen zu verstehen wie andere denken.

Deine Kontakte funktionieren am besten im Mai und Oktober.

*

Ich grüsse dich lieb und wünsche dir alles Gute für den Wochenanfang.
Ks in Qs
Malou

 

Freitag, 4. Januar 2013

neues Jahr (2)


Datum : Thu, 03 Jan  07:08:00 +0000
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Es ist lustig, ich habe oft ein Bild aus meinen Jugendzeiten, das mir aufkommt. Wir hatten in der Schule in Brig im alten Kollegiumsgebäude einen langen grossen Gang. Er war vielleicht mehr als 2m breit, mit einem Granitbogen. Und die tiefen Fensternischen bildeten je ein kleines Abteil, wo wir am Morgen früh, um nicht in der Kälte stehen zu müssen, am Fensterbrett lehnten und unsere Lateinvokabeln repetierten. Es ist eine Atmosphäre, wie man sie oft in den Wandelgängen der Klöster findet, einen architektonischen Typus, den ich überaus gerne mag.
In diesem Gang, an dessen Ende eine Tür in die Sakristei der Kirche führte, wie ich annahm (durch die ich in meinem Leben aber nie gegangen bin; was sollte ich auch in einer Sakristei der Kollegiumskirche?), und durch die die Internatsschüler am frühmorgens um 0600 - vor dem Morgenstudium - wohl jeweils in Zweierkolonne in die Frühmesse geführt worden waren, in diesem Gang gingen oft einzelne Lehrer, also Patres, in gemächlichem Schritt auf und ab, um das Brevier zu lesen. Es gab gleich vor dem Gebäude und parallel zu diesem Gang im Garten noch einen mit einem Rosenspalier gesäumten Weg, den sie in den Sommermonaten benutzten. Dieses kontemplative peripathetische Gehen kam mir anfangs als Junge komisch vor. Doch insgesamt hat es mich wohl tief beeindruckt als eine Geste der Zwiesprache mit sich selbst. Und wenn ich irgend ein Problem oder eine Frage zu wälzen habe, dann liebe ich es heute überaus, auf und ab zu gehen. Ich hasse kleine Räume und bin überzeugt, dass in kleinen Räumen keine grossen Ideen entstehen können. Ich gehe auf und ab auf dem Bahnhof, wenn ich auf den Zug warte. Ich gehe im Büro, diagonal, auf und ab. Ich tue dasselbe in unserer Stube. Ich mag es, wenn ich am Donnerstag beim Weekly mit Walter zusammen sitze, plötzlich aufzustehen, und für eine Weile auf und ab zu gehen. Ja ich habe manchmal, wenn ich lese und einen spannenden Gedanken finde, plötzlich das starke Verlangen, auf und ab zu gehen. Es muss einer meiner Tics sein, dieses Auf- und Abgehen. Eine kleine Manie.
Und früher, als es noch Sekretärinnen gab, denen man Briefe und Texte diktieren konnte, da gab es die sinnvolle Gelegenheit, auf und ab zu gehen. Das waren noch herrliche Zeiten, und damals waren Briefe noch hübsch und byzantinisch formuliert. Dieses habe ich mir zwar immer als eher komische Situation fantasiert: der Chef, der im Büro auf und ab geht und die Sekretärin, die in Eile seinen Gedankenfluss protokollieren soll. "Zum Diktat", das war damals für Sekretärinnen ein finster klingender Drohruf und Grund genug, um nervös nach Stenographieblock und Stift zu suchen. Ich glaube, die Generation meines Vaters war mit solchen Situationen durchaus noch vertraut. Und meine erste Sekretärin, ich wette darauf, hatte in ihren früheren Jahren noch Diktat beim Chef. Die Männer sassen noch nicht am PC, wie wir das tun. Sie hätten so etwas als absolut "weibisch" und als eines Mannes unwürdig empfunden. Denn die Arbeitsteilungen waren absolut klar und geradezu feudalistisch.
*
Heute ist das Tea Room gegenüber wieder offen. Der Zahnarzt von gegenüber sitzt in der Ecke am Fenster, trinkt seinen Kaffee, raucht seine erste Zigarette und blättert in der Zeitung. Kürzlich, als er mich am Fenster erwischt hat, habe ich ihm zugewunken. Ich war erstaunt, dass er realisiert hat, dass ich ihn meinte. Er war früher einmal für eine kurze Zeit als Präsident der Liestaler Schulbehörde tätig. Damals hatten wir gelegentlich zusammen zu tun. Und seine Frau, eine Juristin, war über einige Jahre im Regionalparlament als Abgeordnete und war auch Präsidentin der GPK, einer Kommission, die die Aufgabe hat, die Verwaltung zu kontrollieren. Doch heute arbeitet sie als Gerichtspräsidentin. Wahrscheinlich hat sie ihrem guten Ehemann verboten, morgens schon in der Küche eine Zigarette zu rauchen. Deshalb wohl weicht er ins Tea Room aus. Und einige Minuten vor 0800h eilt er dann hinüber in seine Praxis, wo seine hübschen Assistentinnen alles bestens und sorgfältig vorbereitet haben, und wo der Patient auf dem Marterstuhl schon mit offenem Mund wartet. Ach, Zahnarzt sollte man sein. Gerade jetzt, um 0750h, verlässt er das Tea Room und geht!
*
Ich glaube, heute ist doch ein regulärer Arbeitstag. Hier bei uns ist die erste Sekretärin eingetrudelt. Und soviel ich weiss, haben die Schulen heute ihren Betrieb wieder aufgenommen. Schön gesagt, nicht wahr "den Betrieb aufnehmen".
Ich hoffe, Du hast diese Woche noch frei und fängst erst am Montag an. Ich beneide Dich, wie Du dich frei und erlöst fühlen kannst. Das tue ich eigentlich kaum. Es geht weiter, wie es vorher war. Ich sehe da mit dem neuen Jahr keinen Unterschied.
*
So wünsche ich Dir noch einige ruhige und kalte Sonnentage.
Mit einem lieben Gruss...

Donnerstag, 3. Januar 2013

neues Jahr


Datum : Thu, 03 Jan  07:08:00 +0000

Liebe Marlena
Nun hat das neue Jahr endgültig begonnen. Und es ist schön zu hören, wie feierlich und vergnügt ihr diesen Übergang geschafft habt. Dass K von seinem Champagner verschüttet hat, liegt ganz im Sinne der Badewanne. Nichts Schöneres, als in einer Wanne voll feinen Champagners zu feiern. Das ist doch ziemlich beneidenswert.
Euer Menue stelle ich mir in den allerschönsten Farben und Düften und Geschmacksvarianten vor. Da habe ich keine Probleme, nur der aufsteigende Hunger macht mir Sorgen. Aber ich werde ihn überleben.
Wir unsererseits hatten einen sehr ruhigen Silvester. Ziemlich früh gingen wir an die zweite Hälfte unseres Fondue Chinoise. A. fuhr dann mit Freunden an eine Party in Davos. Das ist ungefähr 4 Stunden von uns entfernt, in den Bergen (Thomas Mann, Zauberberg!) bei einer Temperatur von ca. -20°. B. hatte schon vor längerem zugesagt, an einer grossen Party an der Bar zu servieren. Sie macht das ab und zu, um ihr Sackgeld aufzubessern. Und sie kann das mit ziemlich viel Charme, wie mir S. erzählt hat. Ich selbst wollte unbedingt früh zu Bett gehen, wie es mir der Arzt schon vor langer Zeit empfohlen hatte. Und so habe ich mit S ungefähr um Mitternacht nur kurz angestossen. Dann ist sie auch noch ca. eine Stunde an B's Party gefahren und hat etwas getanzt. Das mag sie sehr. Und ich habe mich ins Bett verzogen. Eigentlich habe ich es ziemlich genossen, in aller Ruhe unter die Decke zu kriechen im Wissen, dass die halbe Welt noch unterwegs und in lauter Stimmung feiert. So war ich am Neujahr relativ gut ausgeschlafen und frisch, während meine Damen schläfrig erst gegen Mittag wieder aufgetaucht sind.
*
Und jetzt bin ich heute morgen bereits um 0615h im Büro. Es wird auch heute noch einen ruhigen Tag geben, denn gestern waren doch noch viele Geschäfte geschlossen und so auch die Büros der Verwaltung. Ich hätte also ruhig zuhause bleiben können. Aber ich mag es besonders, an solch ruhigen Tagen hier zu sein und in aller Ruhe Artikel und Papiere zu lesen, für die ich sonst niemals Zeit hätte. Ich habe den Eindruck, die intellektuelle Arbeit verträgt nicht viel Zeitdruck. Man sieht es an unseren Zeitungen. Sie entstehen unter soviel Pressionen, was die Zeit und was das Angebot an Infos betrifft. Das hat mit Intellektualität wenig mehr zu tun. Es ist mehr ein Selbstverteidigungskampf. Und ein Markt dann ebenso.

Es ist lustig, ich habe oft ein Bild aus meinen Jugendzeiten, das mir aufkommt. Wir hatten in der Schule in Brig im alten Kollegiumsgebäude einen langen grossen Gang. ...

Blick durchs Fenster



heute

Re: Vorsätze ...


Datum : Wed, 02 Jan  11:23:42 +0000

Lieber ...,

Der erste Tag des neuen Jahres ist bereits vorüber und jetzt in der Nacht stürmt es fest und die schöne weisse Schneedecke wird immer dünner. Schade! Heute morgen um halbvier als wir unsere Gäste in die Nacht hinaus liessen schlug ein eisig kalter Wind herein. Über 20 Grad Kälte zeigte das Termometer.

Es war eine schöne Sylvesterfeier. Wie üblich gab es zuerst ein feines Dinner mit allem was dazu gehört.. ich würde es dir gern beschreiben aber mein Wortschatz auf diesem Gebiet ist kläglich und ich muss schon bei der Vorspeise aufgeben. Nicht einmal in meinem grossen Wörterbuch finde ich die Wörter "gravad lax" und "löjrom". So überlasse ich es deiner Fantasie.. jedenfalls war es schön fürs Auge und lecker für den Gaumen und unsere Gäste schienen die Anrichtung sehr zu geniessen. Aber dann später habe ich den wichtigen Augenblick wenn das alte Jahr in ein neues übergeht irgendwie verpasst. Vielleicht war es weil K (der schon etwas betrunken war) beim einschenken den Champagner überlaufen liess.. jedenfalls kann ich mich nicht erinnern an diesen sonst so stimmungsvollen Moment wenn man das alte verlässt und etwas neues beginnt.
Dafür habe ich es heute bemerkt. Ich hatte wirklich das Gefühl als hätte ich mich von etwas schwerem befreit und könnte nun neu anfangen. Zwar habe ich keine grosse Macht über die Geschehnisse.. Dinge werden auf mich zukommen ohne dass ich sie herbeigewünscht habe..
*
Soweit war ich gestern gekommen. Und heute habe ich deinen wunderbaren Neujahrsbrief erhalten. Er macht mich fast stumm .. und ich werde etwas Zeit brauchen bevor ich wieder wage meine Gedanken zu formulieren.. Schon gestern hatte ich dir geschrieben.. aber es hat mir nicht gefallen und so habe ich es wieder gelöscht.. Ich wünsche so könnte man es auch mit seinem Leben tun.. gewisse Dinge ganz einfach löschen. Ich weiss es geht nicht.. aber ich werde versuchen nicht so oft den Blick zu heben am Schalter. Ich werde mich nicht von den verärgerten Leuten am Ende der Schlange stressen lassen sondern lieb und freundlich die Leute bedienen die ich vor mir habe. Die letzten Wochen des vorigen Jahres waren schwer und umwälzend und ich brauche eigentlich keine neuen Versprechen abzulegen. Ich werde versuchen die unvermeidlichen Dinge zu akzeptieren aber versuchen das Leben nicht so ernst zu nehmen.. Das wichtige ist schliesslich unsere Einstellung zu dem was geschieht.

Ich bin ein wenig gestresst. Weiss dass ich dir dies nun absenden kann aber wenn ich warte wird es vielleicht erst viel später oder ich komme wieder in Versuchung auf delete zu drücken...

So schicke ich dir schnell dieses kleine Minimail damit du siehst dass ich in Gedanken bei dir bin.. wie immer :-)

Mit meinen allerbesten Wünschen für den heutigen Tag,
Marlena

Mittwoch, 2. Januar 2013

Vorsätze für das neue Jahr


Ämne : 2002 zum ersten!
Datum : Wed, 2 Jan  09:37:08 +0100

Liebe Marlena
Lass mich diesen Tag mit einem kleinen Mail an Dich anfangen. Es ist nach so
vielen freien Tagen nicht einfach, ins Büro zurückzukehren. Man hat einen
kleinen Geschmack gekriegt, was man mit dem Leben alles Schöne anfangen
könnte, wenn man zuhause in der warmen Stube den eigenen Launen nur zu
folgen braucht. Und jetzt kommt man hier in diese Papierwüste und alles
liegt und steht und lümmelt herum wie noch in den letzten Dezembertagen.
Man weiss gar nicht, wo beginnen. Und irgendwie scheint das gute Jahr
2002, dieses Badewannenjahr, schon a priori zu kurz und zu knapp
bemessen. Was wird es uns alles bringen, dieses Jahr. Heute ist es noch
jungfräulich und optimistisch. Aber das ist vielleicht blosse Naivität! Was
wird daraus? Und wie schaffen wir die vielen Anforderungen, die da
kommen? Man könnte sich beruhigen, sich gut zureden und sagen, dass
wir eines nach dem anderen nehmen sollten, wie es kommt. Sicherlich ist
das eine gute Strategie. Aber wo bleibt dann die Übersicht? Wer, wie der
Beamte am Schalter, sich nur mit dem vordersten Kunden beschäftigt, der
Übersieht die langen Schlangen und der Ärger, der sich hinten aufstaut. Also
sollte man sich auch mit dem Gesamten beschäftigen. Und wenn man das
Ganze sieht, dann kriegt man leicht den Bergkoller.
*
Hast Du Dir irgendwelche Ziele vorgenommen für das Badewannenjahr,
Marlena? Ich meine, hast Du gute Vorsätze, wie sie die meisten Menschen
am Silvester formulieren, um sie an Neujahr mehr oder weniger wieder
vergessen zu haben?
Von den "niederen" Sünden hast Du keine, soweit ich in diesen Dingen
informiert bin. Du rauchst nicht, du trinkst nicht, du brauchst nicht
Gewicht zu verlieren, Du bist nicht unordentlich, Du verzettelst Dich nicht
in irgendwelchen zweitklassigen Dingen. Hast Du denn wenigstens eine
interessante Todsünde, die es wert wäre, mit einem guten Vorsatz bekämpft
zu werden? Vielleicht fluchst Du gelegentlich, was ich mir zwar kaum
vorstellen kann. Ach, ich kann mir bei Dir keine respektable Sünde wirklich
vorstellen. Die katholische Weltanschauung hat sich bei Dir wirklich gut
eingenistet und Dir einen geradezu tadellosen Lebenswandel aufgegeben.
Was mich betrifft, so bin ich voller Sünden, der hohen wie der niederen.
Allerdings kenne ich mich im Sündenregister schlecht aus. Ich kann die
hohen schlecht von den niederen unterscheiden. Ich meine, sie sind mir
alle so ähnlich und oft auch so wenig distanzierungswürdig. Und doch
versuche ich, altmodisch wie ich bin, mir ein paar gute Vorsätze aufzugeben.
Schau mal, Marlena, ich versuche sogar, sie zu nummerieren, um das
spezifische Gewicht etwas zu erhöhen. Sie sollen doch sinken, und nicht
gleich mit dem Wasser davonschwimmen. Sie sollen sinken und fast wie
ein Anker einen gewissen Halt geben, mindestens wie eine Koje einen Ort
markieren.

1. Ich will in diesem Badewannenjahr meine spirituelle Haltung wachsen
lassen. Das hört sich geheimnisvoll, wenn nicht gar pathetisch an, nicht
wahr? Damit meine ich vielleicht etwa folgendes: ich möchte mich in diesem
merkwürdigen Jahr 2002 nicht von all diesen kleinen alltäglichen Dingen
treiben lassen. Ich will unterscheiden, was wichtig und was nebensächlich
ist. Ich möchte mich auf die grossen Spielzüge konzentrieren, auf die
Strategien eigentlich, und auch meinen Mitmenschen diese Haltung
mitteilen. Nicht gleich auf jede Kleinigkeit stürzen. Nicht zu sehr in Eile.
Überlegt und heiter an die grösseren Dinge herangehen. Wissen, dass es -
neben dem kurzfristigen Misslingen - längerfristig immer auch noch
durchaus Gewinn und Erfolg gibt. Wissen, dass den Dingen Zeit zusteht,
dass sie Zeit brauchen. Wissen, dass sich vieles selbst in Wohlgefallen auflöst.
Nichts ist mir so zuwider wie eine sture, unflexible und engstirnige
Haltung. Ich glaube nicht, dass ich viel davon an mir hätte. Und dennoch
möchte ich noch weiter davon weg kommen. Ich möchte grosszügig denken
und fühlen. Ich möchte gerade auch gegenüber jüngeren Menschen und
Mitarbeitern ein grosszügiges Wohlwollen in sie und ihre Geschäfte investieren.

Eigentlich möchte ich philosophisch leben. Ich möchte wie die alten
Milesier und Pythagoreer das Denken auf mein alltägliches Leben wenden
und mit meinem Stil zeigen, dass es einen umfassenderen Horizont gibt als
den bloss alltäglichen. Ich will zeigen, dass ich meine Absichten mit Macht
in mir selbst unterstützen kann, wie es die Sophisten vorgelebt haben. Ich
will wie Sokrates erfahren lassen, dass Kontakt und Dialog mit anderen
Menschen viele Dinge in ein Licht der Selbstverständlichkeit und der
Lösbarkeit taucht.
Natürlich will ich mit Aristoteles auch meine Klugheit ausbilden und in
freundschaftlichem Verhältnis zu den Dingen entscheiden. So irgendwie hat
sich doch auch Rilke geäussert? Ich will bessere Freundschaften entwickeln.
Das ist wohl eines der wichtigsten Elemente des schönen Lebens, wie Du es
immer wieder andeutest. Ich will, wie die Kyniker, an mir arbeiten, mich
in den Äusserlichkeiten des Lebens beschränken und damit eine
Selbstmächtigkeit erreichen, die mich von Abhängigkeiten löst. Aber ich
will bestimmt nicht ohne Lust leben. Nein, ich will mit Epikur meine Lüste
klug und gut wählen und mit einer gewissen Sparsamkeit geniessen. Die
Dosierung macht den Gewinn, vor allem der Verzicht, der Aufschub, die
Mässigung. Auch sogar Unlust kann spätere Lust erhöhen, deshalb darf
man sie nicht bloss anklagen. Ich will wie die Stoiker meine Seele nicht zu
sehr von jenen Gedanken und Ereignissen befallen lassen, die ich nicht in
eigener Hand habe. Die Wahl meiner Vorstellungen macht frei gegenüber
den widerlichen Stürmen des Lebens.
Ich will - vielleicht wie Michel de Montaigne - das Leben als
experimentellen Weg sehen, und mich von eigenen Erfahrungen und
Überlegungen führen lassen. Ich will mich diesem Experimentum in vivo
bewusst und immer wieder aussetzen, um mich selbst voll zu machen von
Leben. Aber ich will, bei alledem, auch skeptisch bleiben gegenüber dem
Wissen, gegenüber Begriffen und gegenüber der Gegenwart, wie es mir ja
Marlena immer wieder signalisiert. Es gibt keine Regeln, es gibt keine
Rezepte. Es gibt letztlich nur so etwas wie die Plausibilität. Das ist ein
lustiges Wort, kommt vom Lateinischen PLAUDO, PLAUSI, PLAUSUM
was "klatschend schlagen, stampfen", dann soviel wie "Beifall klatschen,
Beifall spenden" meint. Plausibilität ist - nach meinem Verständnis - eine
generelle Zustimmung, das Gute und das Schöne in einem. Plausiblität heisst
dann so viel wie Zustimmungswürdigkeit. Wir sagen auch Bejahung, also
eine allgemeine affirmative Haltung. Erst diese Affirmation macht ja doch
aus dem Leben das Leben.
*
Ach, Du siehst, meine guten Vorsätze sind etwas schwerfällig und kommen
daher wie eine lange Kolonne vor dem Schalter des Beamten. Aber sie sind
ja doch nur Aspekte des einen und alles. Vielleicht ist das erste und
grundsätzliche wirklich das Allgemeine. Das Grosse. Im Allgemeinen gehen
all die kleinen Dinge auf und finden sich wieder. Rilke ist immer so schön
und allgemein, dass er uns, wie mit einer grossen transparenten Schleppe,
mit sich und seiner Plausiblitität nimmt.
*
Mittlerweile ist es schon bald 0900h. Der Tea Room gegenüber ist
geschlossen. An der Kurve, der zweite Tea Room, ist auch ohne Licht.
Vielleicht habe ich mich im Datum vertan? Vielleicht ist heute noch ein
Feiertag, und niemand geht zur Arbeit? Es gibt auch wenig Menschen auf der
Strasse. Wahrscheinlich liegen die meisten noch im Bett und strecken sich in
der wohligen Wärme aus. Doch gegenüber, auf zwei Stöcken, brennen in den
Büros die Lichter. Und den Pfarrer Christ habe ich auch vorbei gehen sehen.
Er geht bestimmt nicht einen Schoppen trinken zu dieser Stunde, sondern in
sein Büro hier in der Nähe. Ich werde mir rasch ein kleines Frühstück holen
und schauen, ob die übrigen Geschäfte offen sind. Gegenüber am
Wasserturmplatz ist die grosse Drogerie durchaus offen und bietet wie eh
und je Alka Seltzer an für alle, die vom Silvester her noch etwas Kopfsausen
haben.
*
In der Tat, nicht alle Läden sind heute offen. Und viele Büros geschlossen.
Ich denke, auch die Verwaltung hat eigentlich noch einen freien Tag.
Kein Mensch geht an diesen Tagen irgendwelche Formulare holen oder
Beschwerden anbringen. Nein, ich glaube, ich kann mir hier einen wirklich
gemütlichen Vormittag machen. Und das schöne, kalte Wetter unterstützt
mich in meinem Vorhaben.

Ich wünsche Dir einen ebenso gemütlichen und lockeren Vormittag, um die
guten Vorsätze wirklich mittels Nägeln mit Köpfen im Alltag zu installieren.

Mit einem lieben und schönen ersten Gruss aus der Doppelwanne
...


(R)